Unter den Tropen

Textdaten
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Autor: August Wilhelm Kinder de Cramarecq
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Titel: Unter den Tropen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 206–208
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
siehe auch Unter den Tropen (2)
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[206]
Unter den Tropen.[1]
I.

Eine wie schreckliche Geißel für die Bewohner des nordafrikanischen Littorals und Ostindiens die Nachbarschaft des Löwen öder Königstigers auch sei, das Krokodil reiht sich ihnen jedenfalls als ebenbürtiges Glied eines Trio an, welches sich durch Größe und Wildheit auszeichnet.

Es giebt einzelne Fälle, sei es auch unter hunderten kaum einer, wo es ausnahmsweise dem Menschen gelingt, im Kampfe mit dem Löwen oder Königstiger sein Leben zu retten. Das Krokodil läßt seine Beute niemals los. Was es erhascht mit seinen furchtbaren Fangzähnen, hält es fest und schleppt es in die Tiefe; das von ihm Ergriffene ist unrettbar verloren, sei es Mensch oder Thier.

Die Krokodile kommen im indischen Archipel sehr häufig vor. Man findet sie in allen größeren Flüssen, vorzüglich nahe der Mündung. Nur vereinzelt treten sie auf in einigen kleineren Binnenseen. Wahrscheinlich wurden sie dorthin aus muthwilligem [207] Leichtsinn versetzt als Ei oder ausgebrütet im ersten Stadium der Entwickelung. Irgend eine fromme Legende liefert dann den Schlüssel zu jener räthselhaften Erscheinung.

In einigen Landstrichen, z. B. in der Provinz Palembang, an der Ostküste Sumatras, werden sie zu einer wahren Landplage, was die niederländische Regierung schon längst veranlaßt hat, dort Prämien auszuschreiben für jedes getödtete Krokodil, wie das auf Java mit dem Königstiger stattfindet. Selbst auf das Einsammeln der Eier und Abfangen der jungen Brut ist eine Belohnung gestellt. Die Eier haben die Größe eines Gänseeies und eine weiche, undurchsichtige Schale; man findet sie in einer Anzahl von sechs bis zehn Stück an trockenen Uferstellen im Sande verscharrt, wo dann die reichlich Wärme spendenden Sonnenstrahlen das Geschäft des Ausbrütens übernehmen. Die junge Brut, ungefähr sechs Zoll lang, begiebt sich beim Eintritt in die Welt sofort zu Wasser. Vollkommen ausgewachsen erreicht das indische Krokodil die erstaunliche Länge von sechszehn bis zwanzig Fuß rheinisch.

Ebenso wie der Königstiger wohl nur im Falle der äußersten Noth, wenn der hungrige Magen kein anderes Gebot kennt, den Anfall auf Menschen wagt, ebenso respectirt auch das Krokodil den Herrn der Schöpfung, so lange die Speisekammer noch anderen Vorrath darbietet. Diese Speisekammer ist ein Versteck im tiefen Schlamme auf dem Boden des Flusses. Alle Beute wird dorthin geschleppt. Sie besteht größtentheils aus den Cadavern getödteter oder ertrunkener Thiere, vorzüglich von Hunden, welche der Strom mit sich führt. In gewisser Hinsicht verrichten also die Krokodile den Dienst der Gesundheitspolizei. Jeder heftige Regen im Gebirge führt in den stark angeschwollenen Strömen einen neuen Cadavervorrath der Flußmündung entgegen. In den größeren Ortschaften an der Küste, wie z. B. Batavia, kommen sie dann oft zu Dutzenden angetrieben, ein ziemlich widerlicher Anblick, wo, wie durchgängig an den Flußmündungen, die Stromschnelligkeit auf Null reducirt ist.

In Folge einer bei so einfachen Naturkindern wie die indischen Archipelbewohner leicht erklärlichen Begriffsverwirrung zwischen Ursache und Folge, begegnet man unter ihnen einem weit und breit verbreiteten Aberglauben, welcher sie in den Krokodilen Stammesgenossen, ja Blutsverwandte erblicken läßt. Hunderte, Männer, Frauen und Kinder, nehmen täglich wenigstens zwei Mal ihr erfrischendes Flußbad, unbekümmert ob in der Nähe ein Krokodil gesehen wird oder nicht. Dasselbe zählt ja im Dorfe, im Stadtviertel einen Vater, Großvater, oder zum wenigsten Geschwister, und wird ihnen gewiß kein Leid zufügen. Nur ein Fremder hüte sich, dort ein Bad zu nehmen. Gastfreundschaft respectirt der grimmige Bruder nicht. Dagegen versäume man auch nicht, todte Hunde, thierische Abfälle aller Art in den Fluß zu werfen, dem Sudara (Bruder) zur Speise! Erstens ist das bequem und zweitens wird das freundnachbarliche Verhältniß mit Bruder Krokodil dann am wenigsten der Gefahr einer Störung ausgesetzt sein. Aber wehe dem Ungethüm, wenn es in übler Laune sich einfallen läßt, einen lebenden Dorfbruder oder Schwester für einen todten Hund anzusehen! Da wird ihm sogleich der Krieg erklärt und nicht geruht, bis das tödtende Blei den Weg zur Augenhöhle gefunden oder bis es im Schlafe überfallen und seine Bewegungskraft lahm gelegt ist durch das An- oder Durchhauen eines der vielen Schwanzwirbel.

Eines Morgens, es war im Jahre 1866, wurde unsere Aufmerksamkeit rege gemacht durch ein ganz ungewöhnliches Toben und Leben auf der sonst so stillen Straße, welche, beschattet von einer Allee uralter Tamarindenbäume, vom Residenzhause zu Tangkil nach der Stadt Cheribon, Hauptort der allen Kaffeetrinkern wohlbekannten Provinz gleichen Namens, führt. Ein großer Haufe Volks, Alt und Jung, Alle wild durcheinander schreiend, hatte am Eingange des Parks vor der Residenz Posto gefaßt. Einige Polizeisoldaten, deren ich, wie jeder Resident, eine gewisse Anzahl Tag und Nacht zu meiner Verfügung hatte, eilten sofort hinaus und kehrten alsbald mit der Kunde zurück, man habe ein großes Krokodil lebend eingefangen. Dieses, ein Thier von außergewöhnlicher Länge und Umfang, lag auf dem Untergestelle zweier aneinander gebundener zweirädriger Frachtkarren. Eine tiefe, handbreite klaffende Wunde hatte die ungeheure Kraft, welche das Thier mittels des Schwanzes auszuüben fähig ist, gelähmt.

Wir traten Alle näher heran. Sogleich verstummte der Lärm und der ganze Haufe setzte sich in ehrerbietiger Haltung mit untergeschlagenen Beinen auf die Erde, während ein ältlicher Mann das Wort ergriff und mir Folgendes mittheilte:

Der Gefangene wäre sein, des Sprechers, Großvater. Viele Jahre hätte Großvater mit ihnen Allen im besten Einverständniß gelebt. Gestern jedoch beim Baden wäre er plötzlich unter die Frauen geschossen und noch ehe diese sich dessen versehen, hätte er ein vierjähriges Mädchen, seine Enkelin, erfaßt und mitgeschleppt. Daraufhin habe man ihn zum Tode verurtheilt. Es wäre gelungen seiner lebend habhaft zu werden. Jetzt wären sie gekommen und bäten mich um die Erlaubniß, den Missethäter, ehe sie ihn tödteten, in der Stadt umherführen zu dürfen, „um ihm das Schamgefühl über das Schändliche seiner That recht fühlbar zu machen“.

Diese lange Rede schien dem Thiere nicht recht zu gefallen. Vielleicht war es auch, wie die Sieger meinten, aus Scham, genug, mit einem gewaltigen Ruck hatte das Krokodil schon einige der Bambusstricke, womit es auf den Karren festgebunden lag, gesprengt und erschrocken eilten die Damen dem Gartenthor zu; jedoch ein erneuter Hieb mit dem Klewang machte es Großvater alsbald begreiflich, daß ein Entwischen doch seine Schwierigkeiten habe.

Gern ertheilte ich die erbetene Erlaubniß. Unter Anführung einiger Polizeisoldaten setzte der Zug sich nun jubelnd wieder in Bewegung.

In der guten Stadt Cheribon ging es an jenem Tage lustig her. Die ganze liebe Jugend war selbstverständlich auf den Beinen, und das will etwas sagen in einem Lande, wo es für sie noch keine Schulen giebt. Ueber so viel Schande und Schimpf grämte und schämte der unnatürliche Großvater sich fast zu Tode. Das bemerkte man deutlich an der Abnahme seiner Kräfte. Endlich, in der vierten Nachmittagsstunde wurde das Todesurtheil, unter einem ungeheuren Volkszulauf, an ihm vollzogen. Dem Thiere wurde vorsichtig der stark geschwollene Bauch aufgeschlitzt, und wirklich, die arme verunglückte Kleine wurde als Leiche, beinah unversehrt, ihrem unnatürlichen Grabe im Magen des Ungeheuers entrissen. Noch hielt das eine Händchen krampfhaft zwischen den kleinen Fingern eine Schnur aufgereihter Genitrikerne, womit sie im Augenblick des Todes, im Flusse neben ihrer Mutter stehend, gespielt hatte.

Sehr zahlreich findet man die Krokodile in der Tjitandovi. Am Ufer dieses Flusses hat die niederländische Regierung ein Central-Kaffeedepôt errichtet für die Kaffee-Ernten aus den südlichen Districten der Provinz Preanger. Vor fünfzehn Jahren war jener Punkt noch eine Wildniß, wo mehr Tiger, Rhinocerosse und wilde Stiere hausten als Menschen. Jetzt empfängt das Centraldepôt in Bandjar jährlich im Durchschnitt gegen sechszigtausend Centner Kaffee, welcher von hier aus zu Wasser weiter befördert wird nach dem hundertzwanzig englische Meilen entfernten Seehafen Tjilatjap. Die Entfernung nach Sumadang beträgt achtzig Meilen, konnte aber glücklicher Weise ganz zu Wagen zurückgelegt werden. Dienstliche Angelegenheiten riefen mich oft nach Bandjar und von dort weiter den Fluß hinab nach Kali Poertjang, an der Mündung der Tjitandovi, der äußersten Grenze meines Jurisdictionsgebietes, hundertvierzig englische oder circa dreiunddreißig deutsche Meilen von Sumadang entfernt. In Kali-Poertjang befanden sich einige Salzmagazine der Regierung.

Die Fahrt auf dem Flusse abwärts nahm zwei volle Tage in Anspruch und wurde in Canoes, aus ausgehöhlten Baumstämmen verfertigt, zurückgelegt. Das Nachtquartier wurde in Sapu-angin genommen, einem aus einigen wenigen armseligen Indianerhütten bestehenden Dorfe, dem einzigen auf der ganzen Fahrt. Ununterbrochener Urwald zieht sich an beiden Ufern hin, meist niedriges sumpfiges Land. Wahre Todesstille herrscht im Walde. Rings umher düsteres unheimliches Schweigen, noch unheimlicher, wenn die gedämpften Schläge unserer Ruderer plötzlich gänzlich verstummen und die Canoeflotille lautlos, vom Strome geführt, dahingleitet. Dies Einziehen der Ruder ist ein sicheres Zeichen von der Nähe einer jener verrufenen Stellen, wo, wie die Sage geht, böse Geister ihr böses Spiel treiben. Manche kostbare Kaffeeladung ist da schon zu Grunde gegangen!

Wieder halten die Ruderer ein. Ihr scharfes Gesichtsorgan hat einige Krokodile erspäht, welche, keine Gefahr ahnend, am Ufer ihr Mittagsschläfchen halten. Ihr langer, brauner Körper ist kaum zu unterscheiden von den umgefallenen Stämmen der dem Zahne der Zeit erlegenen Waldriesen. Langsam gleitet das Canoe [208] dahin. Der Hahn der Büchse ist gespannt. Da – eine leise Drehung des Körpers verräth es – wir sind bemerkt! In demselben Augenblick knallt der Schuß. Harmlos prallt die Spitzkugel ab vom harten Panzer des Kopfes. Mit einem gewaltigen Satze stürzen die Thiere hinein in die schützende Fluth und sind unsern Blicken entschwunden.

An einem Tage wiederholte sich dasselbe Schauspiel wohl drei- bis viermal. Obwohl keine eigentliche Jagd, war es die einzige Abwechselung auf der monotonen langweiligen Flußfahrt. Nur ganz ausnahmsweise glückt es, sich dem Krokodile unbemerkt so weit zu nähern, um mit der Kugel sicher die kleine Augenöffnung zu treffen. Die Eingeborenen bedienen sich beim Fange einer Leine mit Haken, woran ein Köder befestigt ist.

In der Provinz Pasuruan, im Osten Javas, liegt lieblich am Fuße des Gebirges ein kleiner See, der See von Grati genannt. Mit dem Meere oder einem Flusse steht der See in keiner ersichtlichen Verbindung. Demungeachtet ist er der Aufenthalt einer zahlreichen Krokodilencolonie. Wie die Legende lautet, hat der See sein Entstehen einem Strafacte der Götter zu danken. Hier stand vor Zeiten ein blühendes Dorf. Reichthum und Völlerei führten zur Sünde und erregten den Zorn der Götter. Das Dorf versank in die Tiefe. Die grüne Fluth verschlang Haus und Hof, nebst allem was lebte. Es entstand der See. Die sündhaften Bewohner wurden zu Krokodilen.

Das nahe Dorf Grati hatte unter den Versunkenen viele Verwandte gehabt, was eine gewisse Anhänglichkeit der die Fluth bewohnenden Amphibien zu den Menschen in Grati erklärt. Speciell umschließt ein inniges Freundschaftsband die beiden ältesten Repräsentanten des Vorgeschlechts. Sobald der Ruf ertönt des Alten aus Grati, kommt Krokodil-Patriarch angeschwommen. Fremde, welche Pasuruan besuchen, versäumen nicht die kleine Excursion zum See zu machen. Der Alte ist sofort bei der Hand, mit einem kleinen Floß zusammengebundener Baumstämme. Auf dem Floß befindet sich ein Hühnchen oder eine Ente mit gebundenen Füßen. Der Alte besteigt ein ganz leichtes Canoe und rudert mit dem Floß hinein in den See. Auf seinen Ruf: Kjahi! Kjahi! (Großväterchen) kommt Großvater alsbald aus der Tiefe emporgetaucht, nähert sich dem Flosse und schnappt dankbar die dargebotene Gabe herunter. Es passirt jedoch manchmal, daß trotz alles Bitten und Rufens seines alten Freundes der Gerufene nicht erscheint. Dann heißt es: Kjahi schläft, oder: Kjahi ist unpäßlich, oder wohl gar: der fremde Besuch ist ihm nicht genehm; was jedoch den Alten durchaus nicht abhält, die Bitte an den fremden Besucher zu richten um ein kleines Almosen, im Interesse der gemeinschaftlichen zwei- wie vierbeinigen Menage.

Man sieht, schöne Seelen finden sich – im Grindelwaldthal, wie am Gratisee.



  1. Wir beginnen mit obiger Skizze eine Reihe von Mittheilungen, die uns von einem Freunde der Gartenlaube, einem Herrn K. de C. in Holland, der dreißig Jahre in Java lebte, verehrt wurden. Der Verfasser war Gouverneur verschiedener Provinzen und hatte als solcher Gelegenheit einen Blick in die inneren Zustände des Landes zu werfen, die fremden Reisenden zum größten Theil ein verschlossenes Buch bleiben. Die heutige kleine Skizze möge man nur als einen Vorläufer ansehen.
    D. Red.