Kraft und Anmuth in der Mädchenschule

Textdaten
<<< >>>
Autor: D.
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Kraft und Anmuth in der Mädchenschule
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 204–206
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[204]
Kraft und Anmuth in der Mädchenschule.

Unter den Völkern christlicher Cultur sind es vor allen andern die Völker germanischen Ursprungs, welche dem Weibe in Haus und Familie eine freie und würdige Stellung eingeräumt haben. Diese Würdigung und Hochachtung der Familienmutter hat in der deutschen Erziehung die edelsten Früchte gereift, und in der That hat noch heute in aller Welt das Prädicat einer „echten deutschen Frau“ hohen und geweihten Klang. Dieselben Völker sind es auch, welche fort und fort mit großer Opferwilligkeit für eine allgemeine Volksbildung in die Schranken getreten sind.

Volksbildung ist Volksbefreiung und Volksbeglückung, so heißt die Parole unserer Tage, und ein intelligentes Volk ist auch ein starkes Volk. Regierungen und Gemeinden haben die tiefe Wahrheit dieser Aussprüche erkannt und deshalb für eine tüchtige Bildung der Jugend beiderlei Geschlechtes durch obligatorischen Unterricht gesorgt. Die Schule soll aber nicht mehr nur in einseitiger Weise den Geist herausreißen und darüber den Körper vernachlässigen, sondern Geistes- und Körperbildung sollen Hand in Hand gehen. Beiderlei Kräfte, geistige und körperliche, sind in harmonischem Einklange zu entwickeln und zu fördern. Der Geist des heranwachsenden Jünglings, bereichert mit nützlichen und schönen Kenntnissen, soll auch über einen frischen und gewandten Körper nach Willkür verfügen können. Dadurch werden dem Staate Bürger erzogen, die in den Zeiten des Friedens als ganze Männer ihre Stellung im beruflichen Leben ausfüllen und die in den Zeiten der Noth mit Freuden herbeieilen, um dem Vaterlande ein unverzagtes Herz und einen rüstigen Arm zur Verfügung zu stellen.

Die Wohlthat harmonischer Erziehung nach Leib und Geist ist aber nicht nur ein Privilegium des männlichen Geschlechtes, im Gegentheil, sie muß auch der weiblichen Jugend und zwar in noch höherem Maße zu Theil werden. Oder sollten unsere Mädchen, besonders die Bewohnerinnen von Städten, nicht auch unter dem Einflusse einseitiger Geistesbildung zu leiden haben? Gewiß! Wer kennt nicht die gesteigerten Anforderungen, welche, hervorgerufen durch den höheren Culturzustand der gesammten Nation, heutzutage an die Ausbildung der Mädchen gemacht werden? Bald sind es Sprachen, bald schöne Künste, welche neben den gesetzlichen Schulfächern die geistigen Kräfte der Mädchen in nicht geringer Weise in Anspruch nehmen. Zu all’ dem kommt noch die irrige Ansicht, als ob ein frisches, frohes Herumtummeln und Spielen der weiblichen Jugend den Begriffen von Sittsamkeit und Anstand diametral entgegengesetzt wäre. – –

Was muß also für die physische Ausbildung unserer Mädchen geschehen? Sollen sie denn auch turnen? Freilich! Turnen thut ihnen wahrlich noch mehr noth, als dem männlichen Geschlechte. Manche unserer verehrten Leserinnen werden zwar bedenklich den Kopf schütteln, weil sie beim Anhören des Wortes „Turnen“ in ihrer Vorstellung keine anderen Bilder finden, als Purzelbäume, Sprünge an Bock und Pferd, Schwünge an Reck und Barren und

[205]
Die Gartenlaube (1870) b 205.jpg

Castagnetten-Reigen der Mädchen-Turnanstalt in Düsseldorf.
Nach der Natur aufgenommen von W. Simmler.

[206] dergleichen mehr. Ihnen zur Beruhigung theilen wir gleich von vornherein mit, daß das Turnen, wie es jetzt an vielen Orten von kleinen und großen Mädchen getrieben wird, von solchen Dingen himmelweit verschieden ist.

Adolf Spieß (geboren 1810, gestorben 1858), der geistreiche Schöpfer des neuen Schulturnens, war es, der zuerst mit allem Nachdruck darauf hinwies, daß das Turnen an Knaben- und Mädchenschulen obligatorisch und gleichgestellt den übrigen Unterrichtsfächern einzuführen sei. In einer Turnlehre, welche vier Bände umfaßt, bearbeitete er den Turnstoff systematisch; in seinen beiden Turnbüchern behandelte er das Schulturnen für beide Geschlechter methodisch und didaktisch. Mit feinem pädagogischem Tacte bezeichnete er in denselben die für die weibliche Jugend nicht tauglichen Uebungen. Dagegen schuf er in seinen Ordnungsübungen, Gang- und Hüpfarten und den aus denselben zusammengestellten Reigen eine reiche Fülle wohldurchdachter Uebungen, wie sie sich in vorzüglicher Weise für das weibliche Geschlecht eignen. In Burgdorf, Basel und Darmstadt wirkte er an Knaben- und Mädchenschulen mit ausgezeichnetem Erfolge. Im Großherzogthum Hessen übernahm er als Oberstudienassessor die Leitung des Schulturnens und gründete in dessen Hauptstadt eine Musteranstalt für dasselbe. Aus verschiedenen Ländern wurden Lehrer und Schulvorstände abgeordnet, in Darmstadt seinem Unterrichte beizuwohnen, und alle stimmten in ihrem Urtheile überein und hoben mit großem Lobe hervor, daß Spießens Art und Weise des Schulturnbetriebes eine den Ansprüchen ernster Pädagogik vollständig entsprechende sei.

Mit besonderer Aufmerksamkeit wurde auch seine Behandlungsweise des Mädchenturnunterrichtes verfolgt; denn sein schöpferischer Geist zeigte sich gerade auf diesem Gebiete außerordentlich fruchtbar. Musik und Gesang wurden mit den reigenartigen Uebungen auf sinnige Weise verbunden, so daß Uebende und Zuschauer stets einen wahren Hochgenuß dabei hatten. Leider wurde. A. Spieß zu frühe aus seinem so segensreichen Wirkungskreise abgerufen. Aber dem Mädchenturnen war nun die Bahn geöffnet: der entsprechende Stoff und die richtige Art und Weise des Betriebs waren gegeben: Aerzte und Pädagogen von Bedeutung sprachen es mit Freuden aus, daß dem weiblichen Geschlechte der Segen der Leibesübungen nicht länger mehr dürfe vorenthalten werden. Vom sanitarischen Standpunkte aus wurde die körperliche Ausbildung der Mädchen geradezu als unumgängliche Nothwendigkeit gefordert. Denn nachdem es sich erwiesen hatte, daß eine dem Wesen der Weiblichkeit entsprechende Turnweise existire, die auf gute Haltung, körperliche Entwickelung und Förderung des ästhetischen Gefühles von segensreichem Einflusse sei, durfte mit Einführung derselben nicht mehr gezaudert werden. In der That wurden auch in vielen Städten Turnsäle für Mädchen errichtet und in denselben nach Spieß’schen Grundsätzen unterrichtet. Die Erkenntniß, daß der Leibesunterricht für die weibliche Jugend wenigstens ebenso nothwendig, wenn nicht nothwendiger sei, als für die männliche, nahm, besonders auch in den maßgebenden Kreisen, fort und fort zu. Natürlicherweise, man konnte sich ja nicht verhehlen, daß eigentlich der physische Stand der zukünftigen Generation noch viel mehr von dem weiblichen Geschlecht abhänge, als vom männlichen. Ein Gefühl der Schuld beschlich die Brust; man erkannte, daß man lange, lange Zeit eine Unterlassungssünde begangen hatte. Mit Beschämung mußte man sich eingestehen, daß ja gerade die Mädchen für ihre zukünftige Bestimmung als Gattin und Mutter einer Fülle von Kraft und Gesundheit bedürfen. Denn wer hätte nicht schon die aufopfernde Hingabe einer deutschen Familienmutter bewundert!? Eine Aufopferung, die am Krankenbette von Gatte und Kind keine Grenzen kennt. Wer will die Summe von Kraft bemessen, welche eine treue Mutter in unzähligen Nachtwachen und in unausgesetzter Krankenpflege für die Ihrigen in stiller Duldung dahingiebt? –

Und solcher Aufopferung und Treue gegenüber hätte das deutsche Volk vergessen sollen, was es seiner weiblichen Jugend schuldet? Nie und nimmermehr! Wir dürfen es auch mit Freuden bekennen: Wackere Männer haben das verdienstliche Werk Spießens weiter geführt und für die leibliche Erziehung der Mädchen mit Wort und That in guten Treuen gearbeitet. In Darmstadt, Leipzig, Basel, Frankfurt, Berlin, Dresden, Düsseldorf und noch an vielen anderen Orten turnen Hunderte und aber Hunderte von Mädchen. Lehrer der verschiedensten Länder besuchen diese Musterturnstätten öfter, um sich für den Turnlehrerberuf durch eigene Anschauung des Betriebes recht tüchtig zu machen. Alljährlich finden an den genannten Orten auch Turnprüfungen statt, bei welchen den Eltern die Gelegenheit geboten ist, die Resultate der turnerischen Uebungen in kurzen Umrissen zu überschauen. Eine solche Prüfung stellt das nebenan gegebene Bild dar. Da sehen wir die Mädchen in wohlgeordneten Reihen die Grenzen des Saales entlang ziehen, bald zu Paaren oder zu größeren Reihen sich ordnen, bald in kunstvoll verschlungenen Linien mit anmuthigen Gang- und Hüpfarten und mit zugeordneten Armthätigkeiten sich bewegen, Alles leicht und graciös, als ob sich das so ganz von selbst verstünde; wir ahnen kaum, welch’ systematischer Unterricht, welche Geduld und Mühe des Lehrers erforderlich war, um wie auf ein Zauberwort alle diese Bewegungsformen hervorzurufen. Liebliche Musik oder ein frischer Gesang der Jugend begleitet den fröhlichen Reigen. Stellungen, Märsche in wechselvollen Tempos, Reihenbildungen, Hang- und Schwebeübungen lösen einander ab und jede neue läßt nicht nur die Sicherheit, sondern, was mehr gilt, den errungenen Vortheil erkennen, der deutlich in Kraft und mädchenhafter Anmuth hervortritt. Am überraschendsten zeigt sich dies bei der Darstellung des Reigens, zu dem die Mädchen selbst mit ihren Castagnetten den Tact schlagen.

„Wahrhaftig,“ rief uns bei Anschauung einer solchen Prüfung ein Schulmann zu, „das ist die Poesie des Schullebens!“

Wie lieblich gestalten sich da ferner die Hüpfübungen im großen und kleinen Schwungseile! Kaum sehen wir die Fußspitzen in künstlicher Hüpfweise den Boden berühren, so schwingt das Seil schon wieder ein-, zweimal durch, und wir merken der jugendlichen Tänzerin kaum eine Anstrengung an. Eine andere Abtheilung der Mädchen übt eine Gruppe von Stabübungen durch, welche bald durch schmucke Verbindungen, bald durch gewandte Führung des Stabes unser Entzücken erweckt. Doch wir wollen nicht weiter beschreiben; wir wünschen schließlich nur, es möchte recht vielen unserer verehrten Leser und Leserinnen vergönnt sein, solche mustergültige Turnprüfungen mit anzuschauen. Denn das sind Stunden, in welchen man sich so gerne zurückträumt in die selige, goldene Zeit der Jugend.

D.