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Autor: Otto Ruppius
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Titel: Unsichere Fundamente
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aus: Die Gartenlaube, Heft 6–12, S. 81–84;97–100;113–116; 129–132;145–148;161–164;177–180
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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No. 6.   1864.
Die Gartenlaube.


Illustrirtes Familienblatt.Herausgeber Ernst Keil.


Wöchentlich 1½ bis 2 Bogen. 0Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.





Unsichere Fundamente.
Erzählung von Otto Ruppius.


1.

Der wartende Postillon gab das zweite Signal für die noch zögernden Passagiere, und in der Thür des Posthauses erschien ein junger Mann in eleganter Reisekleidung, einen breiten Panamastrohhut über dem sonnengebräunten Gesichte, welches durch den leichten, tiefschwarzen Schnurrbart ein noch südlicheres Gepräge erhielt. „Mein Gepäck richtig untergebracht, Conducteur?“ fragte er, und in seinem Tone, wie in der Weise, den Kopf zu heben, lag, verbunden mit seiner ganzen übrigen Erscheinung, etwas, das an eine Lebensstellung mahnte, die sonst kaum eine Fahrt mit der ordinären Post erlaubt.

„Alles in Ordnung!“ war die bereite Antwort, unter welcher der Reisende langsam in den innern Raum des Wagens stieg, während sich hinter ihm die Thür schloß. Auf dem Rücksitze hatten schon zwei andere Passagiere Platz genommen, in der einen Ecke ein ältlicher, dickbeleibter Mann, der sich bereits zum Schlafen anzuschicken schien; in der andern eine dicht verschleierte weibliche Gestalt. Einen einzigen kurz musternden Blick warf der Eingestiegene über seine Reisegesellschaft, dann nahm er, wie der Nothwendigkeit folgend, den leeren Vordersitz ein – im Coupé wurde die Stimme des Conducteurs hörbar, und fort rollte der Wagen über ein Pflaster so rauh, daß vor den einzelnen Stößen sich die Hand des weiblichen Passagiers aus der leichten Umhüllung streckte, um an der Wagenthür einen Halt zu gewinnen, und wie unwillkürlich ward der Blick des jungen Mannes von diesem sich ihm neu bietenden Punkte festgehalten. Es war eine Hand, die unter dem Glacéhandschuh fast Kinderformen verrieth, und die feinen Finger schienen kaum der ihnen gestellten Aufgabe gewachsen zu sein. Aber der Wagen hatte bald die Stadt verlassen und bog in einen weichen Feldweg ein, die kleine Hand verschwand wieder, und nach einem Blicke in die bereits halb dämmernde öde Landschaft hinaus lehnte sich der junge Reisende zurück, drückte an Stelle des Strohhutes eine weiche seidene Mütze auf das dunkle lockige Haar und begann, in augenscheinlich gewecktem Interesse, mit halbgeschlossenen Augen weitere Beobachtungen an seinem Gegenüber anzustellen. Was er vor der halb zurückgefallenen Mantille entdecken konnte, war ein Oberkörper von feinen, jugendlichen Formen; ein modernes Hütchen deckte den Kopf, die Falten des Schleiers wehrten indessen jeden Blick in das Gesicht; der ganze Anzug war von einer fast gesuchten Einfachheit, in welcher dennoch das unbezeichenbare Etwas von Geschmack und Eleganz lag. Sie saß, seit der Wagen auf ebenen Weg gelangt, völlig regungslos in sich zurückgezogen, als wolle sie damit selbst jedem anzuknüpfenden Gespräche ausweichen.

Wohl über eine Stunde mochte der Wagen bei vollem Schweigen seiner Insassen den Weg verfolgt haben, und die Dunkelheit war während der Zeit mit Macht hereingebrochen, als die Frauengestalt die erste Bewegung machte, um ihren Hut abzunehmen und sich dann bequem in ihre Ecke zurückzulegen. Nur einen Moment hatte beim Vorbiegen der letzte Dämmerschein ihr Gesicht gestreift, aber es mochte genug gewesen sein, um den Beobachter zu versichern, daß er einem feinen, von üppigem Haar umrahmten Mädchengesichte gegenüber sitze; denn er richtete sich aus seiner nachlässigen Stellung auf, blickte einen Moment in’s Freie hinaus und, sagte dann, augenscheinlich nur, um das bisherige Schweigen zu brechen: „Eine wunderliche Straße nach einer Residenz; giebt es denn hier zu Lande keine Chausseen?“

Das Mädchen blieb schweigend, aus der andern Ecke aber klang die dicke Stimme des dritten Passagiers: „Sie werden weiter oben auf die Chaussee treffen, ich denke aber, es wird etwas Zeit brauchen, denn es hat hier hinauf die ganze letzte Nacht stark geregnet – das macht diese Art Communalwege immer schlecht genug!“

Der junge Reisende schien wenig geneigt, die Unterhaltung mit seinem andern Gegenüber fortzuspinnen, und das frühere Schweigen trat ein, bis nach einer halben Stunde bei völliger Dunkelheit der Wagen einem erleuchteten Wirthshause gegenüber hielt und der dickleibige Passagier mit einem „Wünsche allerseits gute Fahrt!“ den Raum verließ. In dem hereinfallenden Lichte aber ließ sich beim neuen Vorwärtsrollen bemerken, wie das Mädchen eng seine Kleider zusammennahm und sich dicht in die von ihm eingenommene Ecke schmiegte.

„Lassen Sie sich Ihre volle Bequemlichkeit, Fräulein,“ sagte der junge Mann, wie ihre Bewegung beantwortend, „ich behalte meinen jetzigen Platz; wollen Sie mir aber eine christliche Liebe erzeigen, so lassen Sie uns irgend etwas Gleichgültiges plaudern; ich gestehe Ihnen, daß ich diese kürzere Tour mit der gewöhnlichen Post nur aus einer Art Grille, um die bisherigen langen, eintönigen Extrapostfahrten zu vermeiden, genommen habe, und ich würde doch arg gestraft sein, wenn man bei diesem langsamen Vorwärtskommen sich stundenlang schweigend gegenübersitzen sollte. Sie sind in der Residenz bekannt, Fräulein?“

„Ich bin selbst dort zu Haus!“ klang es, noch wie in halber Scheu, im leichten, süßen Mezzosopran.

„O, so bin ich so glücklich, die ganze Tour mit Ihnen zu machen,“ erwiderte er, hörbar angeregt, „und Sie könnten mir vielleicht etwas über die dasigen Verhältnisse erzählen? Ich habe [82] mich wohl für längere Zeit dort, aufzuhalten, bin aber so fremd im lieben Deutschland, welches doch eigentlich meine Heimath ist, daß selbst kleine Notizen mir einen Anhalt geben würden. Sie zählen vielleicht einzelne Bekanntschaften in den Familien der kaufmännischen Welt, Fräulein?“

„Ich glaube kaum, daß ich Ihren Wünschen genügen könnte, in welche Kreise sich auch meine Bekanntschaften erstrecken möchten!“ war die in einem Tone der Zurückhaltung erfolgende Antwort.

„Aber, Fräulein, wollten wir denn nicht plaudern, und ist dabei der nächste Stoff nicht der beste?“

„Ich entsinne mich nicht, daß ich irgend ein Versprechen abgegeben hätte!“ erwiderte sie wie verletzt durch die leichte, freie Weise des Reisegefährten.

Er schwieg, und erst nach einer Weile begann er in völlig verändertem, respectvollem Tone wieder: „Habe ich einen Verstoß begangen, so bitte ich, mir zu verzeihen, Fräulein; ich war so glücklich, angenehme Reisegesellschaft gefunden zu haben, daß ich vielleicht die deutsche Umgangsform verletzte.“ – Vergebens aber wartete er auf eine Gegenäußerung; sie schien ihre früher beobachtete Haltung behaupten zu wollen, und gleichfalls schweigend lehnte er sich wieder zurück.

Draußen hatte es nach einiger Zeit leicht zu sprühen begonnen; endlich schlugen schwerere Regentropfen, vom Winde getrieben, durch die offenen Fenster der Wagenthür in den innern Raum. Kaum aber hatte das Mädchen eine unruhige Bewegung gemacht, als ihr Begleiter auch schon rasch aus seiner geschützten Ecke sich erhob und das Fenster an ihrer Seite schloß. Nur ein kaum vernehmbarer Dank wurde ihm, und wortlos ging die Reise weiter. Immer schwieriger aber schien dem langsamen Fortbewegen des Wagens nach die Straße zu werden. Die aufmunternden Rufe des Postillons und einzelne Bemerkungen des Conducteurs wurden hörbar. Eine Zeitlang wiegte sich der Wagen wie ein Schiff auf bewegter See; plötzlich aber bog er sich so jäh zur Seite, daß das Mädchen mit einem halblauten Schreckensrufe von seinem Sitze auffuhr; im nächsten Augenblicke indessen stand das Gefährt still, und ein lauter Fluch des Conducteurs deutete ein besonderes Ereigniß an. Ein scharfes Anfeuern der Pferde, begleitet von dem Knallen der Peitsche, ließ sich jetzt vernehmen, aber der Wagen stand wie an den Boden geschmiedet in seiner schiefen Stellung, und der junge Mann steckte endlich, trotz des Regens, den Kopf zum Fenster hinaus. „Was ist es, Conducteur?“

„Der Teufel mag diesen Weg holen!“ klang es zurück; „wir sind in ein Loch neben der Straße gerathen, aber hier soll einmal Jemand trotz der Laterne die Straße erkennen. Die Herrschaften werden wohl aussteigen müssen. Es ist nur funfzig Schritte bis zur Schenkwirthschaft, dort wo das Licht scheint, wo ich auch Hülfe zu bekommen hoffe; aber es ist kein Fuhrwerk dort, sonst würde ich es herbeiholen!“

Das Auge des Reisenden hatte sich bei dem Worte „aussteigen“ auf den von der Wagenlaterne beschienenen Boden gerichtet, der aber nirgends etwas Anderes als eine gleichförmige Fläche von Schlamm zeigte. „Wie tief ist denn der See hier, ehe man festen Grund gewinnt?“ fragte er nach einer kurzen Pause mit durchklingendem Humor.

„O, es ist nicht so schlimm, wie es aussieht, und das Wenig Schmutz an den Füßen ist bald wieder beseitigt; nur für schwere Wagen hat der Satansboden bei Regenwetter seinen Haken!“ tönte die Rückantwort, und der junge Mann wandte sich nach seiner Reisegefährtin.

„Wir sitzen fest, Fräulein, und sollen durch ein Meer von Schlamm nach dem Wirthshaus dort drüben gehen, damit der Wagen wieder flott gemacht werden kann. Wollen Sie sich indessen einem Manne von Ehre anvertrauen, so bringe ich Sie trocknen Fußes hinüber!“

„Ich danke Ihnen, ich fürchte etwas Schmutz nicht!“ sagte sie, fast wie erschrocken sich erhebend; im gleichen Augenblick öffnete der Conducteur die Thür an dem hochstehenden Theile des Wagens, und als wolle sie jeder neuen Diensterbietung ausweichen, machte sie sich hastig zum Aussteigen fertig. Sobald sie aber die trostlose Aussicht auf die verschwundene Straße gewann und der Regen in ihr Gesicht schlug, wich sie einen halben Schritt zurück.

Ihr Reisegefährte trat indessen rasch an ihr vorüber und stieg vorsichtig in’s Freie hinaus. „Ist nicht etwa wieder ein Loch bis zu dem Hause dort?“ wandte er sich an den Conducteur, der bis über die Knöchel in dem aufgeweichten Boden stand und eben eine kleine Laterne anzündete.

„Ohne Sorge, meine Herrschaften, ich gehe voran; folgen Sie mir nur Schritt für Schritt, sobald Sie bereit sind!“

„Nun, Fräulein, Sie können hier nicht durch, und ich hoffe, Sie zieren sich nicht unnöthig,“ wandte sich der Reisende in einem Tone, der kaum einen Widerspruch zuzulassen schien, nach dem Mädchen zurück; „bitte, nehmen Sie meinen Ueberwurf um sich, Ihre Kleidung verträgt den Regen nicht, und vertrauen Sie sich dann ruhig meinen Armen – der Conducteur wartet!“

Sie antwortete nicht, aber trat wie in einem energischen Entschlusse auf den Wagentritt heraus, hier dennoch ihren Schritt wieder zögernd anhaltend. Er indessen hatte ohne ferneres Wort sich seines weiten Ueberrocks entledigt, legte diesen rasch um ihre Schultern und nahm sie dann, leicht wie ein Kind, in seine Arme. Ein Beben schien bei seiner Berührung durch ihren ganzen Körper zu gehen, und einen Moment war es, als wolle sie sich der aufgedrungenen Maßregel entziehen, er schien aber kaum ihre Bewegung zu fühlen. „ Vorwärts, Conducteur, damit wir in’s Trockene kommen!“ rief er, „und Sie, Fräulein, legen Sie Ihre Arme um meinen Hals, damit ich sichere Haltung in diesem schlüpfrigen Boden gewinne – wir stehen einmal jetzt unter dem Gesetz der Nothwendigkeit!“ und wie überwunden von ihrer Lage und seiner Bestimmtheit brachte sie ihre Hände über seine Schultern, sich damit einen festen Halt an ihm gebend.

Schritt für Schritt den Boden prüfend, dem sorgsam voranleuchtenden Conducteur nach, ward der Weg bis zu dem unweit stehenden Hause zurückgelegt, und auf der Schwelle der offenen Thür setzte der Reisende seine Last vorsichtig und discret nieder; der Conducteur hatte bereits die Thür des Zimmers geöffnet, und der Lichtschein fiel in das völlig bleiche Mädchengesicht, das außer seiner Formenfeinheit kaum etwas Anziehendes gehabt hätte, wäre ihm nicht durch ein Paar große langbewimperte Augen ein eigenthümlicher Reiz verliehen worden. Der junge Mann hatte ihr rasch seinen Ueberwurf abgenommen und deutete schweigend nach dem offenen Zimmer; da schoß indessen ein lebendiges Roth in ihre Wangen, der Ausdruck eines leichten, inneren Kampfes malte sich einen Moment in ihren Zügen, die in ihrer jetzigen Belebung einen ganz neuen Charakter von Reiz und Lieblichkeit gewannen, dann streckte sie ihm die Hand entgegen und sagte mit einem leisen Beben ihrer Stimme: „Ich bin Ihnen zu vollem Danke verpflichtet, mein Herr!“

Er berührte nur leicht ihre Finger. „Ich habe nichts gethan, als was sich von selbst verstand, Fräulein!“ erwiderte er; in seinem Tone aber lag eine Gehaltenheit, als wolle er in der bisher erlittenen Zurückweisung jetzt selbst verharren, und als er sie nach der von Gästen leeren Stube geleitet, wo sie nach kurzem Umblick einen der hölzernen Stühle am Fenster einnahm, wandte er sich nach dem Conducteur, welcher mit dem Wirthe und einem zweiten Manne bereits im lebhaften Gespräche stand. „Erhalten wir Hülfe?“ fragte er. „Wenn ein paar Thaler, auf die Hebebäume gelegt, schneller aus dem Loche helfen, so sollen sie da sein!“

„Ich denke’s schon!“’ lachte der Wirth, „es soll nicht gar zu lange dauern, ich kenne die Stelle. Damit sind Sie indessen über das Schlimmste weg und nach einer guten halben Stunde haben Sie die Chaussee.“

Und als die Drei eilig davongingen, folgte ihnen der Reisende, als sei er völlig allein, langsam bis zur Hausthür, von wo er in dem scharf sich abzeichnenden Lichtkreise der Wagenlaterne die Arbeiten zur Hebung des Wagens beobachtete, und erst, als dieser nach einer mühseligen Anstrengung der angepeitschten Pferde sich wieder in Bewegung gesetzt hatte, wandte er sich nach dem Mädchen im Zimmer zurück. „Wir werden in der nächsten Minute einsteigen können, wenn Sie sich bereit machen wollen!“ sagte er kühl, und sie wandte rasch den Kopf, die tiefdunkeln blauen Augen wie in scheuem Forschen über sein verändertes Wesen in sein Gesicht richtend. Er aber schien es kaum zu bemerken und nur dem Geräusche des herankommenden Gefährts zu horchen. „Da ist der Wagen, und wenn der Wirth Recht hat, so haben wir nichts weiter zu fürchten,“ fuhr er nach einer Pause fort, „ich bitte um Entschuldigung, wenn ich ohne Weiteres vorangehe; die Straße hat indessen zu viele Andenken an mir hinterlassen, als daß ich beim Nachfolgen damit Ihre Kleider in Gefahr bringen möchte.“ Und als jetzt vor dem Hause Peitschenknall laut wurde, [83] schritt er aus dem Zimmer, es dem eintretenden Conducteur überlassend, der Dame nach ihm in den Wagen zu helfen.

Von Neuem rollten die Passagiere, in den entfernten Ecken von einander sitzend, vorwärts, und von Neuem herrschte eine Zeit lang das frühere Schweigen. Da klang es endlich, als der Weg fühlbar besser wurde, von der Seite des Mädchens: „Ich will nicht fürchten, Sie in irgend einer Weise beleidigt zu haben.“

„Bitte unterthänigst!“ gab der junge Mann kalt zurück, „wenn ein Verstoß begangen worden ist, kann es nur von mir aus geschehen sein; ich vergesse immer noch zu oft, daß ich in Deutschland bin!“

Kein weiteres Wort erfolgte. Bald rasselten die Räder auf der harten Chaussee, und nach kaum einer Stunde wurde das Pflaster der beginnenden Residenz sichtbar. Die Pferde bogen endlich in das Gitterthor des Posthofes ein, und als der Conducteur den Kutschenschlag öffnete, erschien eine kleine, kahlköpfige Gestalt davor. „Fräulein Anna hier?“

„Ah, Willmann!“ rief das Mädchen lebendig, „ist sonst noch Jemand mit Ihnen?“

„Der Herr Papa waren zu sehr beschäftigt, aber der Wagen hält am Ausgange!“ war die Antwort, und die Angeredete beeilte sich, mit einem kurzen „Nochmals meinen Dank!“ sich gegen ihren Begleiter verneigend, den Raum zu verlassen.

Der junge Mann war ihr nachgestiegen, sah die graziöse Gestalt seiner Reisegefährtin von dem sie Erwartenden, der augenscheinlich eine Art Hausdiener vorstellte, sorgsam nach einer vor dem Gitter haltenden Equipage geleitet, dann diesen zurückkehren und einige kleine Gepäckstücke in Empfang nehmen. „So, so!“ murmelte er, als die Equipage mit dem Diener auf dem Bocke neben dem Kutscher davonrollte, „das war ein Irrthum, wenn ich auch kaum wußte, für was ich sie eigentlich nehmen sollte. Jedenfalls ein Paar prachtvolle, echt deutsche Augen! – Kannten Sie die Dame, welche mit uns ankam?“ fragte er den mit dem Ausräumen des Gepäckes beschäftigten Conducteur.

„Bedauere,“ sagte dieser, die Achseln zuckend.



2.

„Ich möchte Herrn Hellmuth um ein paar Minuten Gehör bitten!“

Der alte stattliche Mann, welcher auf einem hochbeinigen, bequemen Lehnstuhl vor einem eleganten Schreibpulte saß und in eine Berechnung vertieft gewesen zu sein schien, hob den grünseidenen Schirm von der Lampe vor sich und blickte dann in das hellbeschienene Gesicht des Sprechers. Es mußte etwas in dem Tone der wenigen Worte gelegen haben, welches dem Angeredeten, dem ganzen Ausdrucke seines Gesichtes nach, aufgefallen war. „Was ist es, Herr Meier?“ fragte er nach einem kurzen Blick in das hagere, von graugemischtem Haare beschattete Gesicht des vor ihm Stehenden; „wenn nichts von besonderer geschäftlicher Wichtigkeit, so bitte ich Sie, mich jetzt nicht zu unterbrechen und mir das Nöthige morgen früh zu sagen.“

Ein eigenthümliches, unangenehmes Lächeln trat um den breiten eingetrockneten Mund des Andern. „Es wäre doch gut, wenn Herr Hellmuth mich noch heute anhörten,“ erwiderte er, die hinter dem Ohre steckende Feder fester schiebend, „morgen früh – wer kann sich immer auf das Morgen verlassen!“

Der Principal hob aufmerksam den Kopf und ließ, die Augenbrauen leicht zusammenziehend, zwei Secunden lang den scharfen Blick in den grauen Augen vor ihm ruhen, die sichtlich bemüht waren, den seinen Stand zu halten. „Was ist es?“ wiederholte er dann; „die Manier ist etwas sonderbar, Herr Meier, die Sie seit Kurzem mir gegenüber angenommen haben!“

„Ich bin immer aufrichtig und gebe mich so, wie es mir um’s Herz ist,“ war die trockene, nur von einer leichten Neigung des Kopfes begleitete Erwiderung. „Sie wissen, Herr Hellmuth, daß ich der Aelteste im Geschäft bin – nicht nur dem Alter nach, denn ich war der Erste, der hier überhaupt servirte, und es sind jetzt über zwanzig Jahre her, daß ich an demselben Pulte stehe!“

„Und wenn ich das weiß, was folgt daraus?“ fragte der Angeredete mit noch aufmerksamer werdendem Gesichte. „Sind Sie mit Ihrem Gehalte unzufrieden?“

„Das zu sagen hätte wohl Zeit bis morgen früh gehabt!“ gab der alte Commis mit seinem früheren, halb sardonischen Lächeln zurück. „Es ist mehr als dies. Trotz meiner langjährigen treuen Dienstzeit haben Sie den jungen Herrn Gruber, der kaum länger als fünf Jahr hier arbeitet, zu Ihrem Disponenten und Vertreter gemacht; mich berührt dies durchaus nicht um der Eitelkeit willen, denn ich besitze, Gott sei Dank, das Wenigste davon – indessen steht der junge Herr in einer Beziehung zu der Fräulein Tochter Anna, woraus sich erkennen läßt, daß auch die Zeit nicht mehr fern ist, in welcher er als stiller Theilhaber in die Firma Hellmuth u. Co. eintritt – und hier, Herr Principal, wird mein eigenes Interesse berührt. Wenn Jemand das Recht zu einer Teilhaberschaft hat, so ist es der alte Meier, der seine Kräfte in dem Geschäfte aufgerieben hat und ein sorgenloses Alter verlangt – ja seine Sicherstellung in dieser Beziehung noch heute Abend verlangt, Herr Hellmuth!“

Die Augen des Geschäftsherrn, mit jedem der letzten Worte größer geworden, hafteten, wie um ein kaum lösbares Räthsel zu ergründen, in dem Gesichte des Sprechenden, das jetzt mit völlig steifen Zügen, den trockenen Mund eng geschlossen, mit einer Art ruhigen Trotzes den Blick des Principals aushielt.

„Sagen Sie mir doch, Herr Meier,“ begann dieser nach einer Weile langsam, wie unsicher über die zu wählenden Worte, „Sie haben doch nun so manches Jahr sich als klarer, nüchterner Kopf gezeigt, und so werden Sie auch wohl jetzt überlegt haben, welchen Schritt Sie mit diesem eigenthümlichen Auftreten mir gegenüber gethan haben, – werden wissen, daß allein nur unser langjähriges Zusammenarbeiten mich zu Nachsicht gegen eine Sprache und Weise bewegen kann, die vielleicht einzig in einem Verhältnisse, wie das unsere, dasteht. Welches Recht haben Sie denn für eine Forderung, wie die gestellte?“

„Welches Recht?“ wiederholte Meier, ohne sein steifes Gesicht, in welchem er seine Festigkeit zu finden schien, aufzugeben; „ich könnte Ihnen das mit sehr kurzen Worten sagen – ich will Ihnen aber etwas Anderes erzählen, das Ihnen zeigen dürfte, wie wenig es gut gethan ist, mit allen Freunden und Mitarbeitern in so hohem Tone zu sprechen. – Es logirt seit vorgestern im Hôtel français ein junger Fremder, der sich Maçon, auf deutsch Maurer, nennt, von den französischen Inseln kommt und ein wirklicher Deutscher ist, so braun er auch von der Sonne aussieht, der sich bereits angelegentlich nach der Firma Hellmuth und Compagnie erkundigt hat und seinem Vater Zug für Zug ähnlich ist. – Sie entsinnen sich doch des Herrn Maurer, Herr Hellmuth?“ setzte er mit einem noch unangenehmeren Lächeln, als bisher, hinzu; „mir wenigstens steht er noch wie gestern vor Augen.“

Eine leichte Blässe hatte sich plötzlich über das Gesicht des Geschäftsherrn gebreitet, einen Moment lang blickten seine Augen starr in das Gesicht des Sprechenden; eben so schnell aber schien er auch seine frühere Ruhe zurückerlangt zu haben. „Und was hat dieser Herr Maçon oder Maurer mit Ihrer Forderung zu thun?“ fragte er.

Das Auge des Andern schien bis in die Seele des vor ihm Sitzenden dringen zu wollen. „Nichts, Herr Hellmuth, als daß ich selbst nur alle Eintragungen in die Bücher besorgt habe, ehe das Geschäft unter der jetzigen Firma mit neuen Büchern begann, daß alle Zahlen noch sehr deutlich vor meiner Erinnerung stehen, und daß ich wohl noch der einzige lebende Zeuge aus jener Zeit bin, den man nicht mit der Frage: welches Recht haben Sie für Ihre Forderung? abspeist, sondern den man selbst, aus einfacher Klugheits-Rücksicht, zum interessirten Theile macht.“

„Und wenn ich das, nicht aus Klugheits-Rücksichten, sondern aus Rechtlichkeit nicht thue, Herr Meier?“

„Sie haben allerdings Ihren freien Willen,“ erwiderte der Andere mit einem Kopfneigen, als wolle er den Ausdruck seines Gesichts verbergen; „nur werden Sie begreifen, Herr Hellmuth, daß ich, unter den bewandten Umständen, noch heute das Geschäft verlassen müßte. Ich bin, wie Sie ganz richtig voraussetzten, völlig auf die Folgen meines Schrittes vorbereitet – und so schmerzlich diese auch sein mögen, so werden Sie doch selbst die Nothwendigkeit erkennen, daß ein Mann in meinem Alter sieht, wo er einmal bleibt!“

„Ich begreife Sie vollkommen, Herr Meier!“ nickte Hellmuth, während sich ein leichtes nervöses Zucken in seinen Mundwinkeln geltend machte. Dann erhob er sich langsam und öffnete die mit grünseidenen Gardinen verhangene Glasthür. „Herr Gruber!“

[84] Nach wenigen Secunden trat ein hoher, junger Mann ein und blieb, einen raschen, ordnenden Strich durch das reiche blonde Haar thuend, der Anrede wartend, an der Thür stehen.

„Herr Meier wünscht seine Stellung zu verändern,“ sagte der Kaufherr in kühler Ruhe; „er wird heute Abend noch das Geschäft verlassen, und so wollen Sie vorläufig seine Bücher übernehmen, auch das bis heute fällige Salair auszahlen.“

Das Gesicht des jungen Mannes hob sich in sichtlicher Ueberraschung und drehte sich zweimal von dem Prinzipal nach dem Entlassenen und wieder zurück. „Herr Meier?“ fragte er dann, als wolle er sich erst Sicherheit über das Gehörte verschaffen.

„Ja, Herr Meier!“ erwiderte Hellmuth einfach, seinen früheren Platz wieder einnehmend. „Senden Sie mir Willmann, und wenn Sie mit der Uebernahme fertig sind, erwarte ich Sie selbst wieder hier.“

Meier hatte während der kurzen Verhandlung keine Miene verzogen. Jetzt verbeugte er sich steif. „Sie haben es selbst gewollt, Herr Hellmuth, mag es Ihnen nicht zum Unsegen ausschlagen!“ sagte er und wandte mit hochgehobenem Kopfe, von dem jungen Manne gefolgt, sich nach dem Ausgange.

Als sich die Thür schloß, trat Hellmuth von seinem Sitze herunter und machte einen raschen Gang durch das elegant ausgestattete Arbeits-Cabinet. Eine schwere, düstere Wolke zog über seine Stirn, aber er schien an sich selbst zu arbeiten, um klaren Geist zu gewinnen, und als die kleine Gestalt des alten kahlköpfigen Comptoirdieners eintrat, konnte er sich wieder mit der freien Würde, die seine Erscheinung vorher gekennzeichnet, nach diesem wenden. „Ich möchte eine Auskunft von Ihnen haben, Willmann,“ sagte er, stehen bleibend, „und Sie werden mir diese ohne jedes Bedenken, nach Ihrem besten Gewissen geben. Haben Sie irgend ein näheres Verhältniß zwischen Herrn Gruber und einer meiner Töchter bemerkt? Ich frage Sie, weil Sie fast mehr zur Familie als zum Comptoir gehören und die Mädchen Vertrauen zu Ihnen haben. Antworten Sie ohne Scheu, ich verlange nur eine Information!“

Die Augen des Kleinen hatten plötzlich wunderlich zu blinzeln begonnen, und der Mund zog sich wie krampfhaft in die verschiedensten Richtungen; dem Geschäftsherrn aber schienen dies seiner Miene nach bekannte Erscheinungen zu sein, die überdies auch nur einige Secunden währten; dann erwiderte der Befragte in respektvollem Tone: „Ich weiß nur, daß die lieben Fräulein sehr freundlich gegen Herrn Gruber sind, den man ja auch kaum anders behandeln kann; etwas Weiteres ist mir noch nicht vor die Augen gekommen.“

„Aber Sie haben Ihre Grimassen geschnitten, Willmann,“ sagte Hellmuth mit schärferem Blicke, „an die Sie nicht denken, wenn Sie nicht etwas aufregt. Ich will meine Frage bestimmter fassen. Haben Sie nicht Ursache, zu glauben, daß Herr Gruber sein Auge auf Anna geworfen hat und von dieser nicht gerade zurückgewiesen wird?“

„Ich kann versichern, Herr Hellmuth,“ entgegnete der Kleine jetzt eifrig, ohne daß ein Muskel in seinem Gesichte zuckte, „daß mir nicht das Geringste davon bekannt ist, daß Herr Gruber im Gegentheil oft ärgerlich wird, wenn ihm Fräulein Anna zu Zeiten die Wahrheit sagt.“

Hellmuth nickte, während von Neuem eine Wolke über seine Stirn ging. „Ich darf Ihnen nicht erst sagen, daß Sie über meine Fragen schweigen,“ sagte er nach einer Pause des Sinnens; „aber hier ist noch etwas anderes Geschäftliches. Seit zwei Tagen logirt im Hôtel Français ein Fremder, der sich Maçon nennt und über dessen Persönlichkeit wie hauptsächlich über seine Absichten in hiesiger Stadt ich etwas zu erfahren wünschte. Er soll auffällig sonngebräunt sein. Jedenfalls muß er, da er fremd hier ist, sich nach Dingen erkundigt haben, die auf den Zweck seiner Anwesenheit schließen lassen. Sie sind gewandt, Willmann, und so sehen Sie noch heute Abend, was Sie erfahren können.“

Das Oeffnen der Thür unterbrach ihn. „Durch einen Lohnbedienten, welcher auf Antwort wartet!“ sagte der eintretende junge Commis, einen Brief auf das Schreibepult legend und sich dann wieder entfernend, und Hellmuth löste rasch das Couvert, den ersten Blick auf die Unterschrift des entfalteten Schreibens werfend. Ein rascher, wenn auch nur leichter Farbenwechsel machte sich in seinem Gesichte bemerkbar; dann überflog er hastig die Zeilen und wandte sich darauf, hörbar seine Stimme zu ihrer gewöhnlichen Haltung zwingend, an den wartenden Comptoirdiener. „Es ist nicht nöthig, Willmann, daß Sie meinen letzten Auftrag ausführen, die Sache erledigt sich hiermit von selbst!“ Als aber der Diener sich entfernt, begann er nochmals den erhaltenen Brief Wort für Wort, als wolle er in jedem derselben einen geheimen Sinn auffinden, langsam zu durchlesen, und doch lautete derselbe einfach: „In der Beilage, verehrter Herr, erlaube ich mir einige Zeilen des Ihnen geschäftlich befreundeten französischen Consuls in Hamburg zu meiner Einführung zu überreichen und um Ihre freundliche Bestimmung zu bitten, zu welcher Zeit ich Ihnen meine Aufwartung machen darf.  Adolphe Maçon.“

Mit gleicher Sorgfalt durchlas er das beigelegte geschlossene Blatt, welches nichts als einen Empfehlungsbrief in gewöhnlicher Form enthielt, ergriff dann die Feder und schrieb flüchtig:

„Ich würde sehr glücklich sein, wenn Mons. A. Maçon morgen um vier Uhr sein Diner im Kreise meiner Familie einnehmen wollte,“

siegelte das Billet rasch und gab es dann zur Weiterbeförderung in das anstoßende Comptoir hinaus. „Das wird so auf jeden Fall offenes klares Spiel!“ murmelte er, als er seinen Platz wieder eingenommen hatte und die Stirn in beide Hände stützte; „mag dann auch kommen, was da wolle; Meier wird gewußt haben, was er that, aber so ohne Weiteres richtet man selbst im schlimmsten Falle nicht die Früchte eines zwanzigjährigen Fleißes zu Grunde!“

Eine geraume Weile saß er in tiefem Nachdenken, bis der junge Mann, welchem die Ablohnung Meier’s übertragen worden, die Thür des Cabinets wieder öffnete. „Legen Sie mir den letzten Special-Abschluß des Geschäfts auf mein Pult, Herr Gruber,“ sagte er, sich erhebend, „ich habe später noch zu arbeiten!“ und wie mit einem bestimmten Gedanken fertig, verließ er das Zimmer.

[97] Als Hellmuth in das hell erleuchtete, von zahlreichen Pulten besetzte Comptoir hinaustrat, in welchem die dort arbeitenden jungen Leute sich eben fertig machten, ihr Tagewerk zu beschließen, blieb er wie unwillkürlich stehen und überschaute den Raum, worin alle Fäden des ausgebreiteten Geschäfts zusammenliefen – sein Blick fiel auf das einzige verlassene Pult, und langsam strich er, als wolle er einen plötzlich entstehenden Zug von Sorge verbergen, mit der Hand über die Stirn; in der nächsten halben Minute aber schon hob er mit völlig klarem Gesichte den Kopf wieder und wandte sich dem Platze seines ersten Buchhalters zu. „Herr Gruber, es würde mich freuen, Sie morgen bei mir zu Tische zu sehen!“ sagte er, und mit einem hellaufschießenden Roth in seinen Wangen verbeugte sich der junge Mann. Der Principal nickte wohlwollend und trat dann nach der hohen erleuchteten Hausflur hinaus, in welcher die breite gebohnte Treppe nach den oberen Stockwerken führte. Langsam, wie in Gedanken versinkend, erstieg er jene, und erst als nach Aufschließen der Corridorthüre ihm das helle Lachen einer Mädchenstimme entgegenklang, schien er mit Macht das, was seine Seele beschäftigt, von sich zu weisen.

In dem großen, mit dem vollen modernen Luxus ausgestatteten Zimmer, welches er öffnete, saßen zwei junge Damen; die eine an dem glänzenden Stutzflügel, noch immer lachend, die andere in einen Fauteuil zurückgelehnt, eine zusammengerollte Stickerei im Schooße; die erstere im weißen Casimir-Negligé, im frischesten Blühen und Strahlen der Jugend, die andere im dunkeln einfachen Hauskleide, die bleichen feinen Züge nur durch ein Paar große dunkelblaue Augen belebt. „O Papa, Du kennst die Anna noch nicht,“ rief die Erstere dem eintretenden Hellmuth entgegen; „sie hat sich vorgenommen, mich nicht spielen zu lassen, oder zu klimpern, wie sie es in ihrer Artigkeit nennt, und sie darf auch nur eine ihrer trockenen Bemerkungen machen, so ist meine Aufmerksamkeit verloren!“

„Glaub’ der Eugenie doch nicht, Vater,“ sagte die Zweite ruhig, während es dennoch wie leichter Humor in ihren Mundwinkeln zuckte, „es kann ja Niemand verlieren, was er noch gar nicht gehabt hat!“

Der Eingetretene nickte lächelnd, indem er, langsam mit der Hand durch das dichte graue Haar fahrend, mit einem eigenthümlich aufmerksamen Blick die beiden Mädchen musterte, der dann an Eugenie’s glänzender Erscheinung haften blieb. „Ich kam nur, Kinder, um Euch mitzutheilen, daß wir morgen zum Mittag einen Gast haben,“ sagte er, „einen jungen Mann von weither, den ich Eurer Aufmerksamkeit empfehle; es liegt mir etwas daran, daß er sich bei uns wohl fühlt. Theilt der Wirthschafterin das Nöthige mit. Und Du, Anna, machst dann auch wohl ausnahmsweise und mir zu Liebe einmal etwas mehr Toilette als gewöhnlich?“

Die Angeredete erhob sich leicht, und ein Lächeln, das ihren Zügen ein ganz neues Leben gab, glitt über ihr Gesicht. „Dir zu Liebe würde ich Alles thun, Väterchen,“ erwiderte sie; „aber denke doch nur, wie ungeschickt ich mich im Putz ausnehme. Eugenie ist in der Pension zur großen Dame erzogen worden, ich aber bin bei der Großmutter ein bescheidenes Gänseblümchen geblieben – ist es ein so großer Herr, so laden wir die Tante Geheimeräthin ein, und ich bleibe vom Tische weg –“

„Glaube ihr nicht, Papa!“ unterbrach sie Eugenie, vom Flügel aufspringend, „sie ist reizend, wenn sie nur Toilette machen will; aber sie hat die Marotte, sich für zu unbedeutend zu halten!“

Ueber Hellmuth’s Stirn war ein Gedanke gegangen, welcher dem augenblicklichen Gespräche ganz fremd zu sein schien, und wie noch unter dem Einflusse desselben wandte er sich nach dem Mädchen im Fauteuil. „Thue denn, wie Du willst, Anna, aber wir wollen nur unter uns sein!“ sagte er, auf die Angeredete zutretend und sie auf die Stirn küssend, „Du, denke ich, würdest in jeder Lage glücklich werden können! – Für Dich, Eugenie, bedarf es ja wohl keiner Ermahnung,“ setzte er von Neuem lächelnd hinzu, einen Blick vollen Wohlgefallens über die Gestalt der Genannten laufen lassend; „ich will nur noch bemerken, daß ich Euern Freund Gruber mit eingeladen habe, um etwas Leben in unser Zusammensein zu bringen.“

„Unsern Freund Gruber?“ sagte Eugenie, mit gekräuselter Lippe die Augen senkend, „was habe ich denn mit dem jungen Herrn zu schaffen?“

„Gut, so wird sich Anna seiner annehmen,“ erwiderte der Hausherr mit einem eigenthümlichen halben Blicke nach der Andern.

„Wenn er es sich gefallen läßt, herzlich gern,“ erwiderte diese trocken; „er geht mir aber immer gern drei Schritte weit aus dem Wege, da ich nicht sehr für blondes Haar, und was damit zusammenhängt, schwärme.“

Hellmuth nickte mit einem leichten „Hm“ der Befriedigung, aber es war, als hätten sich seine Gedanken bereits wieder von dem Gespräche entfernt. Langsam wandte er sich nach dem Ausgange. „Ich habe noch zu arbeiten, Kinder,“ sagte er, „und so denkt an das Nöthige.“

„Denkt an das Nöthige,“ wiederholte Eugenie, als sich die Thür hinter dem Davongehenden geschlossen; „hast Du den Vater schon so in Sorge um einen einzelnen Gast gesehen? was hat er bei uns zu thun?“

[98] „Ei, wir haben zwei Gäste, Du ignorirst den Herrn Gruber, als ob er Dich hören könnte!“ unterbrach sie die Schwester, während ein leichter Schalk in ihren Mundwinkeln zuckte.

„Laß das jetzt!“ war die rasche Antwort, während dennoch ein helles Roth in die Wangen der Sprecherin trat; „ich muß wissen, wer der Mensch ist, um dessenwillen der Vater schon am Abend vorher seine Anordnungen für das Mittagsessen trifft und uns eine gewählte Toilette anempfiehlt; wenn Jemand davon Kenntniß hat, so ist es Willmann –!“ Sie ging rasch nach der Thür, dort die Glocke ziehend, und nach kurzer Weile erschien eine Dienerin, wohl so alt, als beide Mädchen zusammengenommen, welcher Eugenie sich mit einer Miene voller Vertraulichkeit zuwandte. „Sehen Sie doch zu, Margarethe, ob Sie dem Willmann nicht ein heimliches Wort sagen können, wir möchten ihn sprechen, aber bald.“ Die Dienerin nickte, als sei ihr ein derartiger Auftrag kaum ungewöhnlich, und verschwand.

„Aber warum interessirt Dich nur der Fremde so sehr? Hast Du nicht gehört, daß Gruber ebenfalls eingeladen ist?“

Eugenie machte eine Bewegung der Belästigung. „Ich glaube, weil Du seine Vertraute in Bezug auf mich gewesen bist, wirst Du in seiner Seele schon eifersüchtig auf den Fremden. Ich habe den jungen Mann recht gern – nun gut, was aber weiter?“

„Daß er mir trotz seiner blonden Haare und der Weichheit in seinem Wesen, die nicht mein Geschmack sind, doch als eine viel zu achtbare Persönlichkeit erscheint, als daß man mit ihm spielen sollte,“ erwiderte Anna mit einer eigenthümlichen Bestimmtheit. „Und meinst Du es aufrichtig mit ihm, so habt Ihr Beide noch einen viel zu harten Kampf um des Vaters Zustimmung vor Euch, als daß der geringste leichtsinnig gesäete Zweifel zwischen Euch selbst sich rechtfertigen ließe.“

Eugenie verzog die frischen Lippen. „Wir sind noch nicht so weit miteinander, als daß nur eine bestimmte Aussprache zwischen uns erfolgt wäre; ich sehe also auch nicht ein, welchen Zwang ich mir, einer einfachen Neugierde halber, auferlegen sollte. Papa rechnet auf unsere Freundlichkeit gegen den fremden Gast – will Jemand mir ein Verbrechen daraus machen, nun gut, ich bin gegen Niemand eine bindende Verpflichtung eingegangen!“

Anna hielt die großen Augen noch eine Weile ernst auf die Sprecherin gerichtet, als diese bereits ihren früheren Platz am Flügel eingenommen hatte und zerstreut einzelne Accorde anschlug; dann senkte sie das Gesicht nach der Stickerei in ihrem Schooße, diese wie mechanisch entrollend.

Kein Wort fiel weiter zwischen Beiden, bis sich geräuschlos die Thür aufthat und Willmann’s kahles Haupt mit einem: „Darf ich eintreten?“ halb in der Oeffnung zeigte.

Anna schien kaum Notiz von ihm zu nehmen, aber Eugenie erhob sich rasch, den Kopf wie in leichtem Trotze zurückwerfend. „Nur herein, Willmann!“ rief sie, und als die kleine Gestalt das Zimmer betrat, zog sie rasch einen Stuhl herbei und deutete mit einem bestimmten: „Hier, setzen Sie sich!“ darauf. Der Comptoirdiener, wie längst an eine ähnliche Verfahrungsweise gewöhnt, zögerte auch keinen Augenblick, dem Befehle nachzukommen, und sie ließ sich unweit von ihm auf einem Divan nieder.

„Papa hat uns für morgen einen Gast von weither angekündigt,“ begann sie, „und Sie sollen uns sagen, Willmann, was Sie von diesem wissen, oder was sonst damit zusammenhängt, damit wir uns danach einrichten können. – Sie werden doch jedenfalls schon etwas von der Angelegenheit kennen?“

Der Comptoirdiener begann plötzlich wunderlich zu blinzeln und seinen Mund krampfhaft nach allen Seiten zu ziehen. „Ich – ich muß Ihnen sagen, Fräulein Eugenie, daß ich von einem Gaste nicht das Geringste weiß,“ sagte er endlich, „wenn er aber von weither kommt und die Ankündigung erst jetzt erfolgt ist, so wird es wohl derselbe sein, von welchem Herr Hellmuth vor einer Stunde erst einen Brief erhalten hat – und es muß jedenfalls eine sonderbare Bewandtniß mit ihm haben. Herr Meier ist heute Abend ohne Weiteres aus dem Comptoir entlassen worden, und das hängt mit dem Fremden zusammen, ich habe meine bestimmten Gründe dafür – um Gotteswillen aber lassen Sie nichts darüber laut werden,“ setzte er mit einem neuen Zucken seines Gesichts hinzu, „Sie wissen, wie der Herr Papa ist.“

„Ohne Sorge, Willmann, was geht mich denn der Herr Meier an? Das ist Papa’s Sache!“ unterbrach ihn Eugenie mit einer leichten Bewegung von Ungeduld, „ich will von dem Fremden selbst etwas hören. Wissen Sie von ihm etwas?“

„Er ist vorgestern angekommen und soll stark von der Sonne gebräunt sein, ich habe das aus Herrn Hellmuth’s eigenem Munde, das ist aber auch Alles, was ich weiß!“ war die Antwort.

Eugenie erhob sich mit einem kurzen Achselzucken. „Deshalb hätten wir Sie freilich nicht zu plagen brauchen,“ sagte sie, sich abwendend, aber Anna hatte bei den letzten Worten des Kleinen mit einer leichten Spannung in ihrem Gesichte ihren Sitz verlassen.

„Es war ja wohl vorgestern Abend, als Sie mich vom Posthofe abholten?“ begann sie; im gleichen Augenblicke aber trat auch ein leichtes Roth in ihr Gesicht, und wie sich einer Uebereilung bewußt werdend, fuhr sie fort: „Herr Meier war doch damals noch in Vaters vollem Vertrauen, was kann denn ein Fremder von weither mit unseren Verhältnissen zu thun haben?“

„Ich habe nur meine Gedanken darüber, wie sie mir aus einzelnen Worten des Herrn Meier gekommen sind, möchte aber um Gotteswillen nicht, daß etwas weiter davon laut würde,“ erwiderte Willmann, mit einem neuen krampfhaften Augenzwinkern von seinem Stuhle sich erhebend, „mir ist es aber, als käme mit dem Fremden wahrlich kein guter Engel in’s Haus!“

„Sie fangen an interessant zu werden mit Ihren Räthseln,“ wandte sich Eugenie nach ihm zurück, „was meinen Sie aber, wenn wir uns daran machten, den bösen Engel zu bekehren?“

Der Comptoirdiener sah die Sprecherin mit großen Augen an und nickte dann zwei Mal ernsthaft, wie von einer plötzlichen Idee berührt. „Es würde mir leid thun um Jemand, Fräulein Eugenie, der freilich kein Engel, aber ein recht guter Mensch ist,“ sagte er dann langsam, „aber es wird ja Alles kommen, wie es Gottes Wille ist. – Im Uebrigen, wenn mich die Fräulein nicht mehr brauchen – es wartet noch Arbeit auf mich –“ schloß er und wandte sich mit einer Verbeugung dem Ausgange zu.

„Er wird auch alt, der Willmann – früher war er anders!“ sagte Eugenie, als die Thür sich hinter dem Kleinen geschlossen, mit einem leichten Runzeln ihrer weißen Stirn und warf sich auf ihren früheren Platz am Flügel, regellos in die Tasten hineingreifend. Anna hatte schon während der letzten Worte ihren Sitz wieder eingenommen und schien, dem leise wechselnden Ausdruck ihres Gesichtes nach, eine ganze Reihe von Gedanken zu verfolgen.



3.

In dem Comptoir brannte nur noch eine einsame Lampe über Gruber’s Pulte, als der alte Diener dort eintrat, und auf diesen schien der junge Mann auch nur gewartet zu haben. „Etwas für mich, Willmann?“ fragle er halblaut, Jenem entgegengehend.

Der Ankömmling aber warf erst einen halbscheuen Blick nach der erleuchteten Glasthür zu Hellmuth’s Cabinet, ehe er mit vorsichtig gedämpfter Stimme erwiderte: „Ich hätte schon etwas, aber nur von mir selbst. Ich habe immer gesagt, daß die Neugierde die eigentliche Schlange im Paradiese gewesen ist, der heute noch kein Frauenzimmer widerstehen kann, und sollte Jede darum noch einmal ihr Paradies verlieren, und gerade so steht es oben bei den Fräulein. Herr Hellmuth hat den Ausländer für morgen zu Tische geladen – was mit dem los ist, wissen wir alle Beide nicht, etwas Gutes aber sicherlich nicht, sonst hätte der Herr Meier nicht so unverblümte Worte gegen mich gebraucht und sich so ohne Weiteres wegschicken lassen, und der Herr Papa hätte auch nicht heute Abend schon oben den Besuch zu morgen angekündigt; das aber, weil es ungewöhnlich ist, paßt so recht für die jungen Frauenzimmer. Sie wollten von mir nichts weiter als das Nähere über den Fremden wissen, und als ich geradezu sagte, es würde wohl kein guter Engel mit ihm in’s Haus kommen, meinte Fräulein Eugenie, sie würde versuchen, ihn zu bekehren –“

„Und was meinte Anna?“ unterbrach ihn der Hörer in sichtlich aufsteigender Sorge.

„Sie ist immer ruhiger, wenn sie auch die Jüngere ist; trotzdem konnte ich auch ihr anmerken, daß sie nicht gleichgültig über den ausländischen Besuch war; und nun möchte ich Ihnen Eins rathen. Sie gehen ja auch einmal ab und zu nach dem Hôtel Français, wo der Fremde logirt; sehen Sie sich doch einmal heute Abend noch das Geschöpf an, wenn Sie es vor die Augen bekommen [99] können. – Es ist nicht allein Ihretwegen, so viel sich auch Fräulein Eugenie nach dem Gespräche mit dem Vater für den Menschen zu interessiren scheint,“ fuhr er fort; „es ist noch etwas Anderes, man bekommt ein Vorgefühl über bestimmte Dinge, wenn man so lange in einem Geschäfte ist, wie ich hier, und mir ist es gerade, als wäre eine schwarze Gewitterwolke über unser Aller Köpfen aufgestiegen.“

„Sie sind wunderlich,“ erwiderte der junge Mann, leicht den Kopf schüttelnd, während seine zusammengezogenen Augen indessen einen ganz anderen Gedankengang verriethen; „wenn Jemand den Stand des Geschäfts kennt, das sich vor keinem In- oder Ausländer zu fürchten braucht, so bin ich es doch. Aber Sie haben in anderer Beziehung Recht; es ist für mich vielleicht gut, wenn ich morgen diesem Fremden nicht zum ersten Male und völlig unbekannt entgegentrete – ich werde ihn zu treffen suchen. Wenn Jemand, nach Ihren eigenen Andeutungen, etwas zu fürchten hat, Willmann, so bin ich es nur allein, auch nach der ganzen Weise, wie Herr Hellmuth verfahren – Unbekannte ladet man nicht gleich zu Tische, reißt sich auch nicht aus der Arbeit, um ihr Eintreffen sofort den Töchtern anzukündigen –“

„Aber ich kann Ihnen sagen, daß der Principal noch vor einer Stunde nichts über die Absichten des Menschen in unserer Stadt wußte,“ unterbrach ihn der Kleine mit gedämpfter Stimme eifrig, „kann Ihnen bestimmt sagen, daß es eine besondere Bewandtniß mit ihm haben muß –!“

„Ja wohl! vielleicht überrascht uns die Verlobung einer Tochter des Hauses mit ihm, als dem Sohne irgend eines alten Geschäftsfreundes. Nachdem der junge Mann die ersten Tage im Stillen verwandt, um gründliche Erkundigungen über uns im Orte einzuziehen, hat er sich als der Erwartete gemeldet, wird morgen in der Familie vorgestellt, tritt möglicherweise selbst mit in das Geschäft – und wenn, wie vorauszusehen, Eugenie die Erwählte wäre, die schon gegen Sie ihr lebendiges Interesse für ihn kund gegeben, könnte Gruber höchstens seine Entlassung nehmen – dürfte sich auch kaum mit irgend einem Rechte beklagen, denn es sind ja bis jetzt immer nur halb unbestimmte Hoffnungen gewesen, die ihm von der jungen Dame geworden. – Die Idee mag Ihnen etwas plötzlich erscheinen,“ fuhr der Sprecher fort, langsam die Flamme seiner Lampe niederschraubend, „aber Alles, seit Sie mir zuerst von dem Fremden gesagt, mahnt mich daran, selbst Meier’s unerwarteter Abgang, der schon meine bevorzugte Stellung nur ungern ertrug! – Ich sage Ihnen morgen Weiteres, Sie sind ja immer mein alter Freund gewesen!“ schloß er, dem Kleinen die Hand reichend, und verließ dann das Comptoir.

Eine Viertelstunde darauf trat er auch aus dem Hause, in dessen Seitengebäude er neben dem Zimmer des Comptoirdieners seine Wohnung hatte, blickte eine kurze Weile nach den Fenstern empor, deren helles Licht ihm den Aufenthalt der Töchter, des Hauses anzeigte, und nahm dann den ziemlich langen Weg nach dem Hôtel Français auf. Es war ihm kaum anders, als sei er am Ende eines langen, süßen Traumes angelangt und soeben erst zur nüchternen Wirklichkeit erwacht. Die Zeit trat vor sein inneres Auge, in welcher er als ganz junger Mensch durch die Vermittelung eines Verwandten seine erste Commisstelle in Hellmuth’s Geschäfte erhalten; damals hatte die Frau des Principals noch gelebt, die, von dem Aeußern des kaum erwachsenen Gehülfen angesprochen, ihm eine Wohnung im Hause bewilligt und für ihn, den sie seiner langen, blonden Haare wegen nur „unsern Johannes“ genannt, wie eine halbe Mutter gesorgt hatte. Damals war Eugenie vierzehn und Anna dreizehn Jahre gewesen, und während die Erstere als halbes Fräulein ihn entzückt, war das „wunderliche Kind“ Anna in ihrer ernsten Weise seine Freundin geworden, die ihn selbst über Manches, das sie aus ihrem wohlbenutzten Unterricht besser zu wissen gemeint, zu belehren unternommen, aber sich auch niemals verletzt gefühlt hatte, wenn seine Aufmerksamkeit sich den lustigen Tollheiten Eugenie’s zugewandt. Fast mehr um des wohlthuenden häuslichen Familienlebens willen, als aus unabhängigem innerem Antriebe, hatte er fortdauernd alle seine Kräfte angespannt, um sich eine volle Zufriedenheit des Principals zu erwerben, hatte jedoch dadurch bereits nach dem ersten Jahre sich eine Gewohnheit der Gewissenhaftigkeit angeeignet, welche damals schon die Aufmerksamkeit Hellmuth’s auf ihn gezogen. Dann war die Mutter nach einer plötzlichen Erkrankung gestorben, Eugenie war in eine Erziehungsanstalt, Anna aber zu der Mutter der Todten in eine Provinzialstadt gekommen, und für den jungen Mann war es gewesen, als sei ihm selbst Alles, was er lieb gehabt, gestorben.

In dieser Zeit hatte er sich zum ersten Male dem Comptoirdiener angeschlossen, welcher fast seit der Geburt der Mädchen im Geschäfte war, um nur von den letzteren reden zu können; dem völlig in seinem Leide verschlossenen Hellmuth gegenüber aber war es ihm eine Herzenspflicht geworden, das Möglichste zu dessen Befriedigung aufzubieten – und der Principal schien dies zu empfinden. Wenn er stumm aus seinem Cabinet durch das Comptoir ging und Willmann ihm ernst folgte, um nach jedem seiner Privatbedürfnisse zu sehen, hatte er doch ein Nicken für Gruber, welcher die hellblauen Augen in voller Theilnahme zu ihm aufgeschlagen; später hatten sich hieran einzelne freundliche Worte geschlossen, und zuletzt war ihm sogar von Hellmuth lächelnd mitgetheilt worden, daß Anna in einem ihrer Briefe angefragt, ob Gruber immer noch der „blonde, sanfte Johannes“ sei. Dem jungen Manne hatte dabei eine Frage nach Eugenien auf den Lippen geschwebt, aber sie war nicht zu Tage getreten, und beim Einschlafen an demselben Abende hatte er sich darüber gefreut. Die still Geliebte mußte bis dahin weit in ihrer körperlichen Ausbildung vorgeschritten sein, er konnte sich fast ein Bild von ihr malen, wie sie einmal nach Hause zurückkehren würde, und in welcher Beziehung durfte dann er, der arme Commis, zu ihr stehen? Und dies war ferner auch seine Anschauungsweise geblieben, trotz des wachsenden Vertrauens des Geschäftsherrn, das sich bald in den ihm zugetheilten Arbeiten und in dem mit jedem Neujahr erhöhten Gehalte gezeigt, bis eines Tages, fast vier Jahre nach dem Tode der Frau, ihn Hellmuth zu sich in sein Cabinet gerufen.

„Wir haben mancherlei drängende Geschäfte,“ hatte der Letztere gesagt, „aber ich möchte gern meine Töchter wieder um mich haben, bedarf auch einer kurzen Erholung und weiß nicht, ob die nächste Zeit uns nicht noch Drängenderes bringt. Ich habe deshalb gedacht, mit den Mädchen eine kurze Reise zu unternehmen und sie dann wieder in’s elterliche Haus zu führen. Sie, Herr Gruber, sind in allem Laufenden au fait; es fragt sich indessen nur noch, ob Sie sich getrauen, mich während einiger Wochen zu vertreten; für wichtigere Fälle würde ich Sie immer in Kenntniß erhalten, wohin an mich zu schreiben!“

In des jungen Mannes Gesicht war, ob des ihm gezeigten Vertrauens, ein helles Roth getreten, zugleich aber auch etwas in ihm aufgestiegen, was ihm bis jetzt immer nur leise zum Bewußtsein gekommen – das Gefühl seiner eigenen Fähigkeit, welchem sich in diesem Augenblicke fast der Wunsch angeschlossen, seine Energie und Hingebung für das Geschäft in einer schwierigeren Lage, als sich voraussehen ließ, erproben zu können. Er hatte in einfacher Weise, aber hörbar bewegt geantwortet: „Ich getraue mir Alles, wofür Sie mich selbst für fähig halten, Herr Hellmuth!“ und der Kaufherr war nach einem Nicken voll schweigender Befriedigung daran gegangen, ihm seine besonderen Anweisungen zu geben, sowie das Comptoirpersonal von der getroffenen Anordnung zu unterrichten. Ob ihm bei diesem Letzteren das erbleichende Gesicht Meier’s, des Aeltesten im Geschäft, aufgefallen, hätte sich kaum bestimmen lassen; Gruber aber hatte aus zwei Blicken des Letztern die Ueberzeugung gewonnen, daß aus seiner Bevorzugung ihm ein unversöhnlicher Feind erwachsen sei, und instinctmäßig war er nach Hellmuth’s Abreise jeder näheren Berührung mit dem alten Buchhalter ausgewichen. Erst als die Depesche eines auswärtigen befreundeten Hauses über das unvermeidliche Fallissement eines mit der Firma in Verbindung stehenden Geschäfts einlief, eine Nachricht, die ebenso das schleunigste Handeln, als die tiefste Verschwiegenheit erforderte, hatte er unter dem Vorgeben, daß der Principal eine Rücksprache mit ihm verlange, die ihm gewordene Verantwortlichkeit an Meier übertragen und war in derselben Nacht abgereist. Als er aber nach verschiedenen Tagen der Strapaze und der Arbeit, indessen mit einem Gesichte voll glücklicher Zufriedenheit zurückkehrte, sah er das Arbeitscabinet des Principals erleuchtet.

Meier empfing ihn mit den ausgeprägt hämischen Worten: „Sie haben jedenfalls Herrn Hellmuth verfehlt – er erwartet Sie jetzt wenigstens schon seit heute Morgen!“ und ein vollkommen undurchdringliches Gesicht blickte ihm entgegen, als er vor den Geschäftsherrn trat. In zwei Minuten war selbstverständlich Alles erklärt; eine halbe Stunde mochte es hierauf noch zu genauem Bericht bedurft [100] haben, und dann faßte Hellmuth den jungen Mann unter den Arm: „So! es ist mir weniger um das Geld, so weh auch der Verlust dem Geschäftsmann gethan haben würde, als daß ich mich nicht einmal in Ihrer Besonnenheit getäuscht habe – und nun kommen Sie mit mir, die Mädchen wollen sehen, was aus ihrem Johannes geworden ist.“

Und so hatte ihn der Principal die Treppe nach dem ersten Stocke hinauf geführt, und als sich dort die Thür des großen Zimmers geöffnet, war sein erster Blick auf Anna gefallen, die sich wohl zur vollen Jungfrau entwickelt, aber doch kaum eine Veränderung in den feinen, bleichen Zügen und den großen, sinnenden Augen gezeigt, und wie unter einer plötzlichen Ermuthigung hatte er seine Augen nach der weiter zurückstehenden Gestalt gehoben.

„Da ist der Johannes, und ich kann Euch nur sagen, daß er es verdient, wenn Ihr ihm recht warm die Hand drückt!“ hatte Hellmuth gesagt, allein die Worte waren Gruber vor dem Anblick der im vollen Glanze des Liebreizes und der Eleganz ihm entgegenstrahlenden Eugenie kaum zum Gehör gekommen; selbst in seinen wachen Träumen von ihr hatte er sich nicht bis zu diesem Bilde jugendlicher Schönheit verstiegen. Ihr Auge aber hatte in sichtlicher Befriedigung die gereifte Gestalt des jungen Mannes, wie er noch in seinen Reisekleidern vor ihr stand, überlaufen, und dann war sie mit leicht ausgestreckter Hand ihm einen Schritt entgegengetreten.

„Ich freue mich recht, Herr Gruber, Sie wiederzusehen,“ hatte sie gesagt, dann aber, als sie seinen schweigsamen Händedruck gefühlt und in sein zitterndes Auge gesehen, sich, wie in einer leichten Verlegenheit und ihm ihre Hand entziehend, nach der Schwester gewandt. „Er hat sich recht verändert, meinst Du nicht, Anna?“

„Wenigstens etwas zu seinem Vortheile, denke ich – der Johannes aber ist er trotz des modernen Haarschnitts geblieben!“ war als Antwort erfolgt, und wie von dem klaren Ton der Worte aus seiner Befangenheit gerissen, hatte sich Gruber nach der Sprecherin gewandt, dieser in voller Herzlichkeit die Hand entgegenstreckend.

„Und Sie, Fräulein Anna, sind ja auch trotz aller äußeren Veränderung noch die Alte!“

„Ich hoffe es und bin auch ganz zufrieden damit!“ war die lachende Erwiderung des Mädchens gewesen, mit der sie ihm leicht und umstandslos die Hand geschüttelt; „jedenfalls denke ich, werden wir so gut mit einander durchkommen, wie es früher geschehen!“

„So, Kinder, und damit wollen wir Herrn Gruber nicht weiter aufhalten, er ist kaum von einer anstrengenden Geschäftsreise aus dem Wagen gestiegen!“ hatte Hellmuth die Begrüßung geschlossen. „Mit Ihnen aber, liebster Freund, spreche ich morgen früh ein Weiteres; ich werde mehr als bisher eines umsichtigen Vertreters, wie Sie sich mir erwiesen, bedürfen, da mir die Mädchen manche Zeit rauben werden und ich auch etwas für meine Gesundheit thun will – bis morgen früh also!“

Und damit war der junge Mann gegangen, um nach einem kurzen Abendbrod sein Zimmer zu suchen, die soeben erhaltenen Eindrücke mit sich selbst zu verarbeiten und von Eugenie zu träumen. An die Zukunft dachte er in den nächsten Stunden nicht, er gab sich voll und rücksichtslos dem Rausche hin, welcher ihn bei dieser ersten Begrüßung überkommen. Am andern Morgen wurde die Ertheilung der Procura an Gruber, sowie dessen volle Vertretung des Principals, wenn dieser nicht anwesend sei, dem Geschäftspersonal mitgetheilt – Meier hatte sich mit einer völlig theilnahmlosen Miene dabei verhalten – wenn aber auch der junge Mann damit zu einer Stellung gelangt war, an welche er früher kaum zu denken gewagt, so schienen doch seine Beziehungen zu Hellmuth’s Familie sich anders gestalten zu wollen, als es dem neuen Procuristen in dem Gefühle seines jungen Glückes vorgeschwebt. Wenn er auch im Hause wohnte, boten sich die Gelegenheiten einer Begegnung mit den Mädchen doch nur selten; die während der Wochenabende vielfach vorfahrende Equipage, die jedesmal auch den Principal vom Comptoir rief, deutete die mannigfachen gesellschaftlichen Verbindungen an, welche der Letztere um der Töchter willen angeknüpft, und mit einem Weh im Herzen, das er sich kaum selbst eingestehen mochte, sah Gruber oft das strahlende Gesicht, mit welchem Eugenie sich von Willmann in den Wagen helfen ließ. Sonntags Mittags war er zwar regelmäßiger Gast an Hellmuth’s Familientische; dann aber hatte der Principal so viel zu erzählen und vertraulich zu fragen, daß er kaum daran denken konnte, den Mädchen eine besondere Aufmerksamkeit zu widmen, und hatte sich der Vater auch endlich zu seinem Mittagsschlafe zurückgezogen, so war ihm doch niemals der Muth gekommen, sich in dem darauf folgenden Gespräche anders als in den gewöhnlichen Formen zu bewegen.

„Wissen Sie wohl, Herr Gruber, daß Sie noch mehr als Johannes sind, der doch wenigstens seine Herzensmeinung furchtlos aussprach?“ hatte Anna eines Sonntags Nachmittags, als Eugenie durch einen Zufall aus dem Zimmer gerufen worden, plötzlich begonnen, und dem jungen Mann war vor dem wunderlichen Blick ihres Auges das Blut in die Wangen geschossen.

„Ich verstehe Sie nicht ganz, Fräulein –“

„Nun ja, die Worte, die Sie gern zu meiner Schwester sprechen möchten, zittern Ihnen oft sichtlich auf den Lippen, daß ich bisweilen aus reiner Barmherzigkeit davongegangen bin, was Ihnen aber noch mehr den Muth genommen zu haben scheint. Ich will Ihnen sagen, daß Eugenie Sie recht lieb hat, und den Beweis dafür mögen Sie daraus nehmen, daß, wenn ich mich mit Ihnen hier recht gründlich gelangweilt habe, Sie von ihr noch ganz interessant gefunden werden –“

„Aber Fräulein, wie darf ich denn – was Sie hier so ruhig aussprechen –!“ hatte Gruber in einer ihn plötzlich überkommenden Verwirrung gesagt.

„Ja, es ist jedenfalls etwas Entsetzliches!“ war die achselzuckende Erwiderung gewesen, mit welcher sich das Mädchen erhoben hatte und, den Gast allein zurücklassend, der Schwester gefolgt war.

[113] Von diesem Tage an aber hatte sich das Verhältniß zwischen dem jungen Manne und den Töchtern des Hauses merkbar verändert. Nach einer schweren Nacht war Gruber zu dem Schlusse gelangt, daß Hellmuth, der ihm jetzt sein ganzes Geschäft anvertraut, doch kaum einen recht stichhaltigen Grund haben könne, ihm nicht auch eine seiner Töchter für das Leben anzuvertrauen – wußte er doch aus einer frühern Aeußerung von Meier, der als untrüglicher Geschäfts-Historiker galt, daß der Principal selbst klein genug angefangen hatte, bis er durch einen unerwarteten, wunderlichen Glücksfall Mittel zur Ausdehnung des Geschäfts erhalten, und wenn Hellmuth nur wollte, brauchte ja nicht einmal eine geschäftliche Aenderung durch eine Verbindung zwischen Gruber und Eugenie einzutreten.

Da kam ihm am andern Morgen ein Gedanke. Gegen Anna, die mit dem ganzen unveränderten Wesen ihrer Kinderzeit ihm gegenüberstand, die erst den jetzigen Brand in seine Seele geworfen, durfte er sich aussprechen, das fühlte er, und ohne weitere Bedenken war er rasch nach der Hausflur gegangen, um dem heimkehrenden Mädchen, ehe es noch die Glocke zog, die Thür nach dem Eingange zu der Familienwohnung zu öffnen. Er hatte dabei nicht wahrgenommen, daß Meier ihm nachgeschlichen, und erst, als er das mit der Eintretenden hastig begonnene leise Gespräch beendet, als diese mit einem Lächeln voller Theilnahme ihm die kleine behandschuhte Hand entgegengestreckt und halblaut gesagt hatte: „Bringen Sie nur erst die Hauptsache in Ordnung; das Uebrige, wenn es auch noch etwas Kampf kosten sollte, wird sich dann schon machen – ich selbst will gern dabei mein Mögliches thun!“ erst da war sein Auge auf einen in der Comptoirthüre verschwindenden Flügel von Meier’s mausegrauem Arbeitsrock gefallen, und damit hatte er auch gewußt, was geschehen. Doch mit der Beruhigung, daß der Schleicher nicht mehr gehört, als Anna’s letzte Aeußerung, hatte sich Gruber mit erleichtertem Herzen an seine verlassene Arbeit gemacht.

Am darauffolgenden Sonntage aber, als er in Eugenie’s Augen geblickt, wußte er auch, daß Anna bereits das Nöthige zu der Schwester gesprochen. Eine noch größere Hoffnung jedoch war ihm geworden, als er sich nicht nur mehrfach zu kleineren zwanglosen Gesellschaften herangezogen gesehen, sondern diese ihm auch Einladungen in befreundete Familien des Hauses gebracht hatten. So war er allmählich seiner bisherigen Scheu und Befangenheit ledig geworden und hatte es im Gefühle eines leisen, inneren Glückes oft sogar vermocht, einen kurzen Mittelpunkt der gesaminten Unterhaltung abzugeben, sodaß Hellmuth einmal lächelnd geäußert: „Unser Gruber thaut auf, wie ich es seinem geschäftlichen Wesen bisher kaum zugetraut!“ Trotzdem aber war sein Verhältniß zu Eugenie nur dem eines schweigenden Verständnisses ähnlich geblieben. Noch nie hatte er eine wunderliche Feigheit überwinden können, wie wenig er diese auch in andern Beziehungen zu seinen Fehlern zählte, sobald er an ein offenes Aussprechen seiner Empfindungen dem Mädchen gegenüber gedacht – es war ihm dabei gewesen, als müsse sein erstes Wort das ganze stille Glück, in welchem er jetzt lebte, zerstören.

Und so war es geblieben, bis Meier eines Tages eine halbdunkle Bemerkung über einen angelangten jungen Fremden gemacht, der wohl bald sich im Hause zeigen werde, dabei indessen mit seltsamen Seitenblicken auf den jungen Prokuristen einzelne halblaute Redensarten, wie: „Frühe Herrlichkeit vergeht am schnellsten!“ und „Hintenherum geht oft in die Irre!“ hatte fallen lassen. Gruber hatte wohl gefühlt, daß die ganze Aeußerung in Beziehung auf ihn stehe, ohne sich jedoch diese Beziehung erklären zu können, und erst als am nächsten Tage Meier’s plötzliche Entlassung, die augenscheinlich durch diesen selbst herbeigeführt war, erfolgte, als Willmann sich über den angekommenen Fremden, den der Principal erst nicht gekannt und dann plötzlich zum Mittagsessen eingeladen hatte, gegen ihn aussprach, waren die wunderlichsten Befürchtungen in ihm aufgestiegen.

Alle diese Bilder zogen abgerissen und zerstreut auf dem jetzt unternommenen Wege vor seinem Geiste vorüber, und als ihm endlich die Strahlen der beiden Laternen am Eingange des gesuchten Hotels blendend in die Augen fielen, hob er überrascht den Kopf, verwundert über die vermeintliche Kürze der Zeit, welche er zu seinem Gange gebraucht hatte.

Er war nicht unbekannt in dem allgemeinen Gastzimmer des Hauses; trotzdem zögerte er einen Augenblick, ehe er es betrat – es war ihm fast, als stehe er vor einer der wichtigsten Entscheidungen seines Lebens; dann aber, einen kräftigen Entschluß fassend, öffnete er rasch die Thür.

Er hatte kaum sich an einem Seitentische des weiten, hell erleuchteten Raums niedergelassen und seinen Schoppen Wein bestellt, als auch sein durch die Gruppen der Gäste schweifendes Auge auf den entlassenen Buchhalter Meier fiel, im nächsten Momente aber von diesem hinweggleitend sich fest auf die Gestalt von dessen Nachbar heftete. Es war ein eleganter junger Mann, mit lockigem, glänzend schwarzem Haare, das gebräunte, edel geschnittene Gesicht durch einen leichten dunkeln Schnurrbart gehoben, [114] den Körper mit einer Art vornehmer Nonchalance zurückgelehnt; während Meier, an der anderen Seite des zwischen Beiden befindlichen kleinen Tisches sitzend, sich oftmals eifrig zu dem Ohre seines Gesellschafters bog und in einer lebhaften Auseinandersetzung begriffen zu sein schien. Trotz Meier’s Rede aber war keine Aenderung in der Haltung oder in dem ruhigen Gesichtsausdrucke des jungen Mannes zu entdecken; langsam blies er den Rauch seiner Cigarre von sich und griff nach dem an seiner Seite stehenden Weinglase, bedächtig einen kleinen Schluck des Inhaltes hinabschlürfend, und nur ein zeitweises leichtes Kopfneigen bewies seine Theilnahme an den in sein Ohr fallenden Worten.

Gruber wußte, daß er Den, welchen er suchte, vor sich hatte, und war sich mit dem ersten Blicke auf ihn instinctmäßig klar geworden, daß sich in disser Erscheinung Reichthum, Stellung und Aeußeres, kurz Alles vereinige, was einem jungen Manne Bedeutung verleihen konnte. Damit aber hatte sich auch plötzlich etwas wie das Bewußtsein des eigenen Werthes in ihm geregt, der kein ihm unthätig zugeflogener, sondern ein aus eigener Kraft erworbener war; indessen gingen alle seine weiteren Gedanken in der Verwunderung über Meier’s Anwesenheit unter, die alle seine bisherigen Voraussetzungen über den Abgang desselben aus dem Geschäfte umstießen. Er meinte einen Ausdruck von ausgeprägt hämischer Genugthuung um die sich bewegenden Lippen des Buchhalters spielen zu sehen, und damit trat auch Willmann’s Aeußerung, daß mit dem Fremden wohl kein guter Engel in’s Haus kommen werde, wieder in sein Gedächtniß. Einer unwiderstehlichen Regung, diese geheimen Mittheilungen zu unterbrechen, folgend, erhob er sich plötzlich und schritt auf das Paar los, ohne daß Einer desselben seine Annäherung zu beachten schien, bis er in unmittelbarer Nähe stand.

„Herr Meier, dies ist jedenfalls Herr Maçon; wollen Sie nicht die Güte haben, mich ihm vorzustellen?“ sagte er. Der Angeredete schrak von der plötzlichen Anrede zusammen und starrte den Sprecher mit ungewissem Blicke an.

„Darf ich nicht bitten, Herr Meier, mich dem Herrn Maçon vorzustellen?“ wiederholte Gruber. „Ich weiß, daß er morgen der Gast unseres Hauses sein wird, und ich möchte die Gelegenheit nicht ungenutzt lassen, schon vorher eine so interessante Bekanntschaft zu machen.“

Der Fremde schien seiner Miene nach kaum ein Wort des Gesprochenen vernommen zu haben. Als aber Meier jetzt mit einem halben Blicke nach seinem Gesellschafter und einem leichten höhnischen Zucken in seinen Mundwinkeln erwiderte: „Ich weiß kaum, ob es dem Herrn angenehm sein wird, sich in unserm augenblicklichen Gespräche unterbrochen zu sehen!“ sprang der Fremde rasch auf und fragte den vor ihm Stehenden musternd: „Mit wem habe ich die Ehre –?“

„Ich heiße Gruber und bin Prokurist des Hauses Hellmuth und Compagnie,“ erwiderte dieser mit einer leichten höflichen Kopfneigung, „indessen folgte ich nur einem augenblicklichen Wunsche und glaubte nicht zu stören –“

„Bitte, Herr Gruber, Sie sind mir höchst willkommen!“ erwiderte der Andere eifrig, als der junge Kaufmann eine Bewegung zum Zurücktreten machte. „Unser Gespräch war ein durchaus nur gelegentliches, und ich hoffe, Sie setzen sich zu uns! – Kellner, noch ein Glas!“ rief er, als der junge Geschäftsmann nach dem von Jenem rasch herbeigezogenen Stuhle griff. „Darf ich mir denn wohl aber die Frage erlauben, was Sie über meine Persönlichkeit so sicher gemacht hat, da wir doch schwerlich schon einander begegnet sind?“ setzte er sich niederlassend hinzu, während unter dem Lächeln sein Auge sich schärfte und Gruber’s Züge durchdringen zu wollen schien.

„Herr Hellmuth ist jedenfalls von Ihrer Persönlichkeit unterrichtet,“ erwiderte der Letztere, mit seinen großen, offenen Augen ruhig den Blick des Andern aushaltend, „wenigstens konnte ich nach den von ihm hingeworfenen wenigen Worten keinen Augenblick über Ihren Namen in Zweifel sein, als ich Sie hier im Gespräche mit Herrn Meier sitzen sah.“

„Ah, Herr Hellmuth hatte bereits Nachricht über mich erhalten!“ versetzte der Fremde, die Augenbrauen leicht in die Höhe ziehend.

„Darf ich mir noch ein letztes nöthiges Wort erlauben, Herr Maçon?“ unterbrach ihn Meier mit einer Art von Hast, „ich werde dann die Herren allein lassen müssen!“ Der Angeredete aber schien jetzt seine ganze Aufmerksamkeit dem von dem Kellner gebrachten Weinglase und dessen Füllen zuzuwenden. „Bitte, Herr Meier, was wir zu reden haben, eilt ja nicht so,“ sagte er gleichmüthig; „ich freue mich augenblicklich, daß mir der Zufall eine so angenehme Bekanntschaft aus dem Hellmuth’schen Hause zugeführt hat! – Lassen Sie uns auf eine gedeihliche Fortsetzung derselben anstoßen, Herr Gruber!“

Das leichte, sichere Wesen des Fremden sprach Gruber Wunderbar an, und wäre nicht die drückende Unklarheit über die Zwecke, welche den. Fremden hierher geführt, in ihm gewesen, so hätte er ihm mit voller Herzlichkeit entgegenkommen können. „Auf eine gedeihliche weitere Bekanntschaft!“ wiederholte er, mit dem gebotenen Glase zusammenklingend.

Meier hatte währenddem wie unsicher über sein eigenes Verhalten dagestanden. „So will ich auch nicht weiter stören, da mich andere Geschäfte rufen,“ sagte er jetzt mit steifem Gesichte. „Sollten Sie mich weiter zu sprechen wünschen, Herr Maçon, so wissen Sie, wo ich zu finden bin!“

Der Fremde verneigte sich nur mit einem leichten: „Bis auf Weiteres denn, Herr Meier! Ich gestehe Ihnen, Herr Gruber,“ fuhr er fort, nachdem der Alte aus dem Zimmer war, „daß Sie mir bereits eine einigermaßen bekannte Persönlichkeit sind – woher, thut vorläufig nichts zur Sache – aber der ganze Eindruck, den Sie auf mich machen, entspricht dem Bilde, das ich mir von Ihnen geschaffen. Sie haben das Gedeihliche unserer Bekanntschaft betont; nun gut, so sagen Sie mir einmal frei und offen, ob Sie wirklich nur der Zufall hierher geführt, oder ob Sie, wenigstens halb und halb, einem Auftrage des Herrn Hellmuth gefolgt sind.“

Unter dem sonderbar forschenden Blick des Sprechers war ein leichtes Roth in Gruber’s Gesicht getreten. „Die Frage ist für eine klare Antwort wenigsten direct genug, Herr Maçon,“ erwiderte er mit einem leichten Lachen; „indessen will ich Ihnen gern gestehen, daß mich das Interesse für Ihre Persönlichkeit, die, wie es scheint, in einer bestimmten Beziehung zu dem Hellmuth’schen Familienkreise steht, hergeführt hat – was aber Herr Hellmuth, der sich doch bereits mit Ihnen in Verbindung gesetzt hat, mit diesem vielleicht unzeitigen Schritte meinerseits zu thun haben soll, verstehe ich nicht!“

„Und so hatten Sie auch keine Ahnung, den Mann, der so eben von uns gegangen, hier zu finden?“ fragte Maçon mit einem kurzen Zucken der Ungläubigkeit um seinen Mund.

„Im Gegentheil,“ versetzte der Procurist ernster werdend. „Herr Meier ist vor kaum zwei Stunden in einer Weise, die ich mich nicht zu beurtheilen unterstehe, aus dem Geschäfte geschieden, und ihn hätte ich am wenigsten bei einem neuen Freunde des Principals zu treffen erwartet!“

„Und was veranlaßt Sie, eine Beziehung zwischen mir und dem Hause Ihres Principals anzunehmen, wie Sie diese andeuten?“ fragte der Andere, während seine Züge ebenfalls ernst wurden.

„Die Freundlichkeit, mit welcher Herr Hellmuth Ihren Empfang im engen Familienkreise vorbereitet hat,“ versetzte Gruber einfach. „Darf ich nun aber ebenfalls ohne Umschweif fragen, wie meine geringfügige Person bei Ihnen bereits hat erwähnt werden können?“

Der Andere griff nach der Flasche und schenkte rasch beide Gläser voll. „Wenn ich wahr sein soll, so dürfte Ihre Frage nicht so einfach zu beantworten sein, als die meine,“ erwiderte er „lassen wir das also bis zu gelegenerer Zeit, Herr Gruber, wo sich vielleicht noch manche andere Frage und Antwort zwischen uns daranschließen kann – glauben Sie mir nur, daß es mich glücklich macht, Sie schon heute Abend kennen gelernt zu haben, und lassen Sie uns auf jede Art von Zukunft, wenn sie nur freundlich zwischen uns bleibt, anstoßen!“ Er ließ sein Glas mit dem des Prokuristen zusammenklingen, ehe der Letztere nur die Hand gehoben hatte, und leerte es in kleinen, langsamen Schlucken, als prüfe er sorgsam die Güte des Weins. Gruber war fast nur mechanisch dem gegebenen Beispiele gefolgt. Er sah seine einfache Frage in einer Weise und mit so dunklen Aeußerungen zurückgewiesen, die ihm plötzlich alles Geheimnißvolle, womit Willmann die Person dieses Fremden umgeben, wieder drückend auf das eigene Herz legten und trotz des gewinnenden und ansprechenden Wesens seines Gesellschafters ihn mit einer Unruhe erfüllten, für welche er doch kaum einen einigermaßen haltbaren Grund hätte finden können. Eins nur schien ihm aus [115] den Bemerkungen desselben klar zu sein, daß Hellmuth nicht im Entferntesten auf ein Erscheinen dieses Maçon vorbereitet gewesen und daß seine eigenen früheren Befürchtungen, die ihn den Fremden hatten aufsuchen lassen, grundlos gewesen waren, wenn auch bestimmte Beziehungen zwischen diesem und dem Principale bestehen mußten. Wenn er aber an Meier’s plötzlichen Geschäftsaustritt und dessen kaum erst beobachtete angelegentliche Ohrbläsereien und hämische Mienen dachte, so wollte ihm die Beruhigung über die eigene Sorge kaum von rechter Bedeutung erscheinen; er fühlte jetzt mehr als je, wie tief er mit dem Interesse des Geschäfts und der Familie Hellmuth’s verwachsen war und daß jeder Störer derselben unter allen Umständen auch sein Feind werden mußte.

Maçon hatte langsam sein Glas niedergesetzt und blickte, in Gedanken versunken, eine kurze Weile in das Zimmer hinein. Dann wandte er sich mit seiner früheren gewinnenden Freundlichkeit nach dem jungen Kaufmann: „Sie sind schon verschiedene Jahre in Herrn Hellmuth’s Geschäft, wie ich hörte?“

„Ich möchte fast sagen, daß ich darin aufgewachsen bin und Herrn Hellmuth’s Familie als meine eigene Heimath betrachte!“ erwiderte Gruber fest; es war ihm im Augenblicke wie eine Nothwendigkeit, wie ein Herzensbedürfniß, sein inniges Zusammenhängen mit dem Hause, welchem Jener mit so verdeckt gehaltenen Zwecken nahezutreten schien, voll auszusprechen. „Dies erinnert mich aber auch, daß die Zeit, welche mir heute zu einem Ausgange vergönnt war, wohl abgelaufen ist!“ setzte er, sich langsam von seinem Platze erhebend, hinzu.

„Ich will nicht fürchten, Herr Gruber, daß meine vorige Antwort Sie verletzt hat?“ versetzte der Fremde lebhaft. „Ich sagte Ihnen doch, daß wir noch mit einander zu sprechen haben würden, und so einfach Ihre Frage auch erscheinen mochte, so dürften Ihnen doch schon die nächsten Tage zeigen, wie wenig heute, bei unserm ersten Zusammentreffen, eine directe Beantwortung derselben an der Zeit war!“

„Ich bin, aufrichtig gestanden, unfähig, Herr Maçon, mir ein rechtes Verständniß der Andeutungen zu bilden, die Sie mir jetzt wie früher zu geben schienen,“ erwiderte Gruber mit einer leichten Kopfneigung, „indessen seien Sie versichert, daß keines Ihrer Worte etwas mit meinem jetzigen Aufbruche zu thun hat und daß es mich sehr freut, Sie kennen gelernt zu haben.“

Der Andere streckte dem Sprecher die Hand entgegen. „Sie haben auf eine gedeihliche Bekanntschaft mit mir angestoßen,“ sagte er, „also lassen Sie uns auch heute so voneinander gehen, wenn Sie sich nicht länger halten lassen wollen!“

Es lag wieder ein so herzlicher Ton in den Worten, daß der junge Kaufmann fast unwillkürlich die gebotene Hand kräftiger drückte, als die Höflichkeit es verlangt haben würde. „Bis auf morgen also!“ setzte der Fremde hinzu, und Gruber verließ das Hotel, unter den widersprechendsten Empfindungen und den fruchtlosesten Grübeleien den Heimweg einschlagend.

Als er das Geschäftshaus wieder erreicht hatte, sah er hinter den vergitterten Fenstern von Hellmuth’s Arbeitscabinet noch volles Licht, und es fiel ihm auf das Herz, daß dieser vielleicht seiner bedurft haben könne, so wenig er sich auch einen Begriff über die späte Arbeit des Principals zu machen vermochte. Leise nahm er, in’s Haus getreten, seinen Weg nach dem Comptoir, wo er in dem düstern Scheine seiner halb eingeschraubten Lampe den Comptoirdiener, den Kopf in beide Hände gestützt, noch wartend fand.

„Hat Herr Hellmuth nach mir verlangt?“ fragte er den Aufblickenden.

Dieser schüttelte still den Kopf, sagte dann aber halblaut, nach dem Cabinet deutend: „Ich wollte, Sie frügen einmal an; seit Sie weg sind, habe ich noch nicht von einer einzigen Bewegung drinnen gehört!“

Langsam, aber mit hörbaren Schritten ging der junge Mann nach der Thür des Gemachs und öffnete diese, ohne das gewöhnliche Geräusch des Schlosses zu vermeiden. Sein Blick fiel beim Eintritte auf den Principal, der regungslos an seinem Pulte saß und, wie in völliger Abwesenheit des Geistes, auf ein mit Zahlen beschriebenes Papier vor sich hinstarrte. Mochte der Schein des grünen Lampenschirms den Eingetretenen täuschen – dieser aber meinte den Dasitzenden noch nie so blaß und in der Unbeweglichkeit der Züge, welche jede Furche des Gesichts scharf erkennen ließ, noch nie so alt gesehen zu haben.

Zwei Secunden lang stand Gruber schweigend; als er aber bemerkte, daß Hellmuth’s Sinne der Außenwelt ganz verschlossen zu sein schienen, sagte er laut: „Ich bitte um Entschuldigung; ich sah hier noch Licht und wollte nur fragen, ob Sie noch irgend einen Auftrag für mich haben, Herr Hellmuth.“

Der Kaufherr hob langsam den Kopf und blickte den jungen Mann, noch wie völlig der Gegenwart entrückt, an; dann aber strich er langsam mit der Hand über das Gesicht, und seine Brust hob sich unter einem tiefen Athemzuge. „Sie sind es, Herr Gruber,“ erwiderte er, und es war, als müsse er erst den Ton seiner Stimme wieder erwecken, „ich danke Ihnen für Ihre Freundlichkeit, bedarf Ihrer aber heute Abend nicht mehr - - in den nächsten Tagen vielleicht, wir werden ja sehen! Wenn Sie Willmann noch wach finden sollten,“ setzte er mit plötzlich gehobenem Kopfe ruhig hinzu, „so senden Sie ihn mir doch!“ “

„Er hat das Comptoir noch nicht verlassen, Herr Hellmuth, und wartet dort!“

Der Kaufherr nickte zweimal in sichtlicher Befriedigung und reichte darauf dem jungen Manne die Hand. „Ich denke, wir werden in den nächsten Tagen mancherlei nicht gerade angenehme Arbeit haben, und ich rechne dabei vor Allem auf Sie, Herr Gruber!“ sagte er.

Der Genannte faßte in einem ihn plötzlich überwallenden warmen Gefühle mit beiden Händen die gebotene Rechte. „Bin ich denn nicht stets und in jeder Beziehung zu Ihrer Disposition gewesen, Herr Hellmuth?“

„Ich weiß es und weiß auch, daß Sie neben dem Geschäfte an uns als Familie hängen,“ war die von einem warmen Handdruck begleitete Antwort, „und nun gute Nacht!“

Gruber lag noch lange wach in seinem Bette, umsonst über das seltsam veränderte Wesen des Principals und die Zwecke des Fremden grübelnd, welche in augenscheinlicher Beziehung zu einander standen, ehe er einschlief.



4.

Es war noch nicht drei Uhr am folgenden Nachmittag, als Hellmuth bereits sein Cabinet verließ und an Gruber vorübergehend mit einem zerstreuten: „Es liegt ja wohl heute nichts Besonderes mehr vor!“ die gewöhnliche Andeutung gab, daß er für den Tag nicht wieder zu erwarten sei. Als er indessen nahe dem Ansgange auf den Comptoirdiener traf, welcher mit dem Ordnen eines Stoßes von Papieren beschäftigt war, hielt er seinen Schritt an. „Ich habe mich den ganzen Morgen vergeblich nach Ihnen umgesehen, Willmann.“

Der Angeredete begann ein Blinzeln und Mundverziehen, das er nur mit Macht in den gewöhnlichen Schranken zu halten schien.

„Bin nur für das Geschäft auf den Beinen gewesen,“ erwiderte er endlich, „und kaum erst zurückgekommen – wußte nicht, daß Herr Hellmuth mich brauchten.“

Der Kaufherr nickte mit den Worten: „Ich werde später mit Ihnen reden!“ und verließ das Comptoir; Willmann aber wandte sich mit einer neuen krampfhaften Gesichtsverzerrung nach dem Prokuristen.

„Er ist auch zu unruhig zum Arbeiten,“ sagte er halblaut. „Es ist noch eine ganze Stunde Zeit, ehe der Mensch kommen wird – oben aber hat Fräulein Eugenie die alte Margarethe schon seit zwei Stunden mit ihrer Frisur und ihrem Anzuge geplagt, als ob ein Prinz erwartet würde –“

„Sind das die geschäftlichen Sachen, um deren willen Sie nicht hier gewesen sind?“ fragte Gruber, sichtlich unangenehm berührt.

„Gehört auch mit dazu,“ nickte der Kleine ruhig, „werden mich vielleicht erst noch verstehen lernen. Ich bin heute dem Herrn Meier auf der Fährte gewesen und weiß, daß er den ganzen Morgen mit dem Deutsch-Franzosen zusammengesteckt und gerechnet hat – ich kenne aber den Herrn Meier länger und besser als Einer von Ihnen hier und auch seine Ratten-Nase, die den gebratenen Speck eine halbe Meile weit riecht – er hat nicht umsonst hier seinen warmen Platz verlassen. Möglicherweise jedoch kann ihm der Speck zu hoch gehängt werden, und wenn ich auch über die ganze Sache, wie sie jetzt vorgeht, nur meine eigenen halben Gedanken habe, so möchte ich Ihnen doch sagen: machen Sie heute, wenn Sie oben sind, die Augen weit auf!“

Gruber ging rasch einige Schritte nach dem Hintergrunde [116] des Zimmers. „Haben Sie über den Fremden etwas Bestimmtes in Erfahrung gebracht,“ sagte er halblaut zu dem ihm Folgenden, „so sprechen Sie es klar aus, ich verstehe Ihre Andeutungen nicht!“

Der Kleine schüttelte indessen rasch den Kopf. „Alles noch zu unreif; aber ich bin auf dem Posten, und Herr Hellmuth soll vielleicht noch merken, daß Willmann nicht so ganz umsonst im Geschäfte ist. Warten Sie nur ein paar Tage ab und halten Sie die Augen auf!“ Damit ließ er unter einem stillen Kopfnicken den jungen Mann stehen und wandte sich seinem Tische wieder zu. – Hellmuth hatte eine kurze Toilette für den Empfang des erwarteten Gastes beendet und schritt schon eine Weile langsam und gedankenvoll in dem leeren Besuchszimmer auf und ab, als Eugenie, strahlend wie der junge Morgen, eintrat und mit der lachenden Frage: „Bin ich Dir so recht, Papa?“ die reichen Falten ihres hellseidenen Kleides ausbreitend, sich vor ihn stellte.

Einen raschen, fast kritischen Blick ließ der Vater über die Erscheinung der Tochter laufen, dann klärte sich sein Gesicht zu einem ernsten, wohlgefälligen Lächeln auf. Es war eine glänzende Einfachheit, die alle Gediegenheit des Reichthums in sich schloß, über das Mädchen verbreitet und brachte den Eindruck der frischen Jugend desselben zur vollsten Wirkung; Hellmuth nickte und sagte: „Recht geschmackvoll, Eugenie!“

„Nun aber sagst Du mir auch zum Lohne, Papa, wer der Gast ist, der Dich so in Anspruch nimmt,“ rief sie, auf ihn zutretend; „es ist etwas Unangenehmes, für einen Menschen, von dem man noch gar nichts weiß, sich zu putzen und sich selbst in Spannung zu erhalten!“

Hellmuth setzte sich und sah mit einem Lächeln voll Laune zu dem Mädchen auf. „Wenn es nun ein junger Mann wäre, den ich mir gern zum Schwiegersohn wünschte,“ sagte er langsam, „was meinst Du?“

„Bah, da wäre das Interesse schon vom Anfange an fort,“ erwiderte sie mit gekräuselter Lippe, „aber an so etwas denkst Du ja gar nicht, Papa!“

Ein eigenthümlicher Ausdruck stahl sich in sein Gesicht. „Du magst nach Deiner Anschauungsweise schon Recht haben,“ sagte er, „allein das einfache Wünschen steht mir hoffentlich frei, und überdies darfst Du nicht annehmen, daß ein reicher, eleganter junger Mann aus einem andern Welttheil voll der schönsten Mädchen, die ihn nicht gefesselt, nur hierher kommt, um nach Dir zu sehen. Es sind ältere Beziehungen, die mich an ihn knüpfen, und bei ihm würde mein Wunsch gerade so viel erreichen, als bei Dir; ich beabsichtigte nur, ihn einen angenehmen Eindruck aus unserm Hause mit fortnehmen zu lassen.“

„Und weshalb ist er hier, Papa?“

„Geschäftssachen von Wichtigkeit, die Dich aber natürlich nicht interessiren, Kind. Er ist hier bereits in mehreren unserer ersten kaufmännischen Familien eingeführt, und jede derselben wünscht vielleicht dasselbe, was ich vorhin aussprach. – Aber wo ist Anna?“

„O, sie sieht nach dem Arrangement des Tisches, damit Du dort nichts auszusetzen habest!“ war die flüchtige Erwiderung. „Also, Papa, wenn ihn nirgends etwas hat fesseln können, so ist er eine Art Damenfeind, oder er hält sich selbst so hoch, daß ihm nichts zur Wahl gut genug dünkt,“ fuhr sie mit leicht aufgeworfener Lippe fort, „und deshalb sollten wir Toilette machen?“

„Das sind Deine Ideen, Kind, ich weiß nichts davon!“ erwiderte Hellmuth, „warte, bis Du an ihm selbst Deine Studien machen kannst, so wirst Du am schnellsten über ihn klar werden!“

„O, Papa, was kümmere ich mich denn weiter um ihn, als daß er Dein Gast ist?“

„Richtig, meine Tochter, indessen hast Du von mir doch nähere Auskunft über ihn verlangt!“

Sie zog den frischen Mund wieder wie in leichtem Unmuthe zusammen. „Ich werde doch einmal sehen, wie weit Anna gekommen ist!“ sagte sie und verließ leichten Trittes das Zimmer. Hellmuth sah ihr sinnend nach, rieb sich dann leicht die Stirn und begann seinen Gang über den parquetirten Fußboden wieder aufzunehmen.

Fünf Minuten darauf trat Gruber in völlig salonmäßigem Anzüge ein. „Wenn ich noch etwas zu früh komme, Herr Hellmuth,“ sagte er mit einem raschen Blicke durch das leere Zimmer, „so wollen Sie das mit der kaufmännischen Pünktlichkeit entschuldigen.“

„Bitte, Herr Gruber, es ist mir ganz lieb, Sie zeitig hier zu sehen, nehmen Sie Platz!“ antwortete der Principal, seinen Schritt anhaltend. „Sie wissen, daß wir einen fremden Gast haben werden?“ fuhr er leicht fort, sich auf das reiche Sopha niederlassend.

„Ich habe ein Wort darüber gehört und bin sogar gestern Abend eine halbe Stunde in Gesellschaft des Fremden gewesen, welchen Sie erwarten!“ versetzte der junge Mann.

Hellmuth sah rasch auf. „Sie kennen ihn bereits?“ fragte er.

„Nur obenhin und äußerlich,“ erwiderte Gruber eifrig, „ich war gestern Abend im Hôtel français und traf dort Meier, mit einem jungen Manne zusammensitzend, welcher mir als Ihr heutiger Gast vorgestellt ward –“

„Ah, Meier war mit ihm zusammen,“ neigte Hellmuth den Kopf, als finde er die Erklärung völlig genügend; auf seiner Stirn aber bildete sich eine Wolke. Noch einmal nickte er langsam vor sich hin, und als jetzt Eugenie wieder eintrat, hob er mit wieder völlig klaren, wenn auch ernsten Zügen das Gesicht. „Und wie haben Sie seine Persönlichkeit, ich meine seine ganze Weise sich zu geben, gefunden?“ fragte er.

„So viel ich von dem ersten Eindrucke sagen darf,“ erwiderte Gruber, welcher beim Eintritt des Mädchens aufgesprungen war und mit einem leichten Erröthen ihre ganze Erscheinung überflogen hatte, „ist mir selten etwas Gewinnenderes und Ansprechenderes vorgekommen; wie weit dies in seinem eigentlichen Wesen begründet ist, weiß ich allerdings nicht, denn mit so wirklicher Liebenswürdigkeit er mir auch als einem Hausgenossen der Familie Hellmuth entgegentrat, so schien er doch den Herrn Meier ziemlich von oben herunter zu behandeln!“

„Könnte auch sonst kaum der wirkliche Sohn seines Vaters sein!“ brummte der Geschäftsherr, der aufmerksam jedem Worte gefolgt war und sich jetzt erhob. „Es ist mir lieb, Herr Gruber, daß Sie mir die Mittheilung gemacht haben!“ Dann nahm er seinen frühern Gang wieder auf, und der junge Mann wandte sich nach dem Mädchen, welches in der Fenstervertiefung ihren Sitz genommen und mit sichtlichem Interesse den letzten Worten gefolgt war.

[129] „Sie sprachen von unserem Gaste,“ empfing Eugenie den Herantretenden halblaut; „wissen Sie wohl, daß ich mich für diesen Unbekannten schon lebendig interessire?“

„Ich habe schon durch Ihr Aeußeres, Fräulein, eine Ahnung davon erhalten!“ erwiderte Gruber, während ein dunkler Schatten über sein Gesicht ging; „ich kann mir auch denken, daß für Manche das Fremde einen Reiz hat, der das Alltägliche, so treu es auch gewesen sein mag, ganz vergessen läßt.“

„Nun warum nicht?“ lachte sie gedämpft, „die Menschen haben voriges Jahr alle nur nach den Kometen gesehen und die guten alten Sterne darüber vergessen –“

„Und wenn nun so etwas Vergessenes nicht einmal ein Stern ist!“ unterbrach er sie.

Einen kurzen Moment färbten sich ihre Wangen höher. „Ach, werden Sie nicht langweilig, Herr Gruber,“ sagte sie rasch, „Sie waren eben noch so interessant, als Sie mit Papa sprachen!“

Er blickte zwei Secunden lang in ihr ausweichendes Auge. „Es ist nun eben langweilig, das Alltägliche, Fräulein,“ entgegnete er, sich aus seiner geneigten Stellung aufrichtend, „ich werde Sie also von dem Kometen unterhalten. Wünschen Sie eine genaue Beschreibung seines Fracks und der Weise, wie er seine Cravatte knüpft?“

„Nun werden Sie unausstehlich!“ versetzte sie, sich hastig erhebend und nach dem zweiten Fenster tretend. Grubers sichtliche Zweifel über sein nächstes Verhalten aber wurden durch das rasche Oeffnen der Thür unterbrochen. „Herr Maçon!“ meldete Willmann’s Stimme. Hellmuth hielt seinen Schritt an und hob rasch den Kopf, während Eugenie, als wolle sie jetzt ihr vorher angedeutetes Interesse deutlich bethätigen, ihr Gesicht hastig der Thür zudrehte, in welcher in diesem Augenblicke die nur mittelgroße, feingegliederte Gestalt des Erwarteten erschien.

Rasch eintretend, schritt er auf den dastehenden Hausherrn zu, sich mit einem halb fragenden: „Herr Hellmuth?“ leicht verbeugend. Der Genannte hatte beim ersten Erscheinen des Gastes einen großen, forschenden Blick in dessen Züge geworfen und war einen Schein bleicher geworden, streckte ihm dann aber plötzlich, mit einer fast herzlichen Bewegung, die Hand entgegen. „Herr Maçon, seien Sie willkommen,“ sagte er; „ich hätte nur gewünscht, daß Sie sofort bei Ihrer Ankunft mein Haus aufgesucht hätten!“

„Herr Hellmuth, ich weiß kaum, wie ich zu so viel Freundlichkeit komme.“

„Lassen wir die höflichen Phrasen, Herr Maçon, und versuchen Sie, es sich in unserm kleinen Familienkreise behaglich zu machen! Hier ist vorläufig meine Tochter Eugenie, und hier Herr Gruber, mein geschäftlicher Vertrauensmann, aber fast auch ein Stück der Familie.“

Der Gast war auf das sich erhebende Mädchen zugeschritten, heftete aber, wie überrascht von ihrer Schönheit, erst einen langen Blick in ihre Züge, ehe er sich verbeugte. „Fräulein Hellmuth, ich würde sehr glücklich sein, wenn ich bei Ihnen auf einen eben so freundlichen Empfang als bei Ihrem Herrn Vater rechnen dürfte!“ sagte er, und vor seinem glänzenden Auge, wie vor seinem eigenthümlich freien Herantreten schien sie fast ihre gewöhnliche Sicherheit zu verlieren. „Papa weiß,“ erwiderte sie nur halblaut, während ein tieferes Roth in ihre Wangen trat, „daß, wer ihm willkommen, es auch uns ist!“

Gruber hatte mit einem peinlichen Gefühle den Eindruck wahrgenommen, welchen schon bei diesem ersten Blicke Beide auf einander zu machen schienen, und vermochte nur mit aller Selbstüberwindung den Gast, der ihm mit den herzlichen Worten: „Wir sind ja bereits Bekannte und bedürfen also keiner weiteren Redensarten!“ die Hand reichte, freundlich zu begrüßen. Ein Blick nach dem Mädchen, welches ihren Platz wieder eingenommen, aber wie absichtlich das Gesicht von ihm abgewandt hielt, erhöhte seinen innern Druck noch, und erst als der Principal den Fremden nach einem Fauteuil geführt hatte und ein Gespräch einleitete, wurde seine ganze Aufmerksamkeit nach dieser Richtung hingelenkt.

„Mir ist es, Herr Maçon, als sollten auch wir bereits Bekannte sein,“ hatte Hellmuth, sich auf dem eingenommenen Sitze zurücklehnend und die Augen auf den Angeredeten richtend, begonnen; „der erste Blick in Ihr Gesicht, welches fast Zug für Zug das Ihres Vaters in seinen jüngeren Jahren ist, hatte mich sofort darüber belehrt, wenn auch mein bisheriger Buchhalter Meier meinem Gedächtnisse nicht mit andern Notizen zu Hülfe gekommen wäre. – Meinen Sie nicht auch?“ fuhr er mit einem seltsamen Lächeln fort. „Ich hätte es für ein wirkliches Zeichen freundlicher Gesinnung genommen, wenn Se den einzigen Bekannten, den Sie ja wohl noch in der Stadt besaßen, nicht drei Tage auf Ihren Besuch hätten warten lassen!“

Der junge Mann hatte diese Anrede nicht erwartet, dies spiegelte sich in seinen Zügen. „Verlassen Sie sich darauf, Herr Hellmuth,“ erwiderte er mit eigenthümlichem Ernste, „daß ich unter so freundlichen Gesinnungen für Ihr Haus hierher gekommen bin, wie sie nur bestehen konnten!“

[130] „O bitte, Herr Maçon, ich sprach nicht von meinem Hause, sondern von mir als Menschen und Freund Ihres Vaters,“ gab der Geschäftsherr mit einem so ruhigen Lächeln zurück, daß wohl nur Gruber’s aufmerksamer Blick die leichte zuckende Bewegung zwischen den Augen des Sprechenden wahrnahm; „ich hatte Sie in meiner Familie bereits als einen Gast angekündigt, an welchen mich ältere Beziehungen knüpfen, und so wollte ich mich auch jetzt nur über einen mir noch unklaren Umstand unterrichten, damit sodann nichts Fremdes mehr zwischen uns liegt. War nicht der eigentliche Name Ihrer Familie ein deutscher, Herr Maçon?“

„Ich bitte um Entschuldigung,“ war die rasche Erwiderung, „unsere gesammte Familie ist französischen Blutes, und nur mein Vater hatte sich aus bestimmten Gründen, die Ihnen kaum unbekannt sein werden, einen Paß auf den deutschen Namen „Maurer“ zu verschaffen gewußt, als er hier seinen Wohnsitz nahm und Ihre Bekanntschaft machte!“

Hellmuth nickte, als seien erst jetzt wieder bestimmte Erinnerungen in seinem Gedächtnisse geweckt worden. „Und wo lebt jetzt Ihr Vater? wie geht es ihm?“ fragte er, mit dem Ausdrucke reger Theilnahme. „Es ist seltsam, daß man von einem so nahe Verbundenen in länger als zwanzig Jahren nicht eine einzige Nachricht hat erhalten können!“

Das Auge des Gastes sah einen Moment forschend in die Züge des Hausherrn, als vermöge er diese unwandelbare Ruhe derselben nicht zu verstehen. „Es ist ziemlich einfach, weshalb mein Vater nichts wieder von sich hören lassen konnte,“ entgegnete er nach einer kurzen Pause, „indessen –“ setzte er mit einem raschen Blicke nach dem Mädchen, welches in sichtlichem Interesse dem Gespräche folgte, hinzu, „finden wir wohl eine gelegenere Zeit für Mittheilungen dieser Art. Jetzt ist mein Vater todt. Ich bin jedoch von allen seinen Beziehungen zu Ihrem Hause vollständig unterrichtet!“

„Todt also! darauf mußte ich nach dieser langen Zeit allerdings vorbereitet sein,“ nickte Hellmuth, „von dem Letzteren aber war ich überzeugt, schon als ich Ihre Ankunft erfuhr, und wie gesagt – doch wir werden uns ja öfter sehen,“ unterbrach er sich, als sich in diesem Augenblicke die Flügelthüren zu dem anstoßenden Zimmer öffneten, und streckte dem Gaste lebhaft die Hand entgegen, „vorläufig bitte ich Sie nur, meine Familie und mein Haus völlig als die Ihren zu betrachten – und so wollen Sie jetzt mit unserem Mahle vorlieb nehmen!“

Der junge Mann hatte, dem Hausherrn nach, mit einem sich rasch aufklärenden Gesichte seinen Sitz verlassen, als sei die Last eines unzeitigen Gespräches von ihm genommen worden; kaum aber deutete Jener nach dem offenen Speisezimmer, als er mit den Worten „S:e erlauben mir doch, Herr Hellmuth?“ der sich erhebenden Eugenie zuschritt und dieser fast mit der Sicherheit eines längst Bekannten den Arm bot. „Ihr Herr Vater befiehlt, daß ich mich zur Familie rechnen soll, und Sie haben ja seinen Wünschen schon im Voraus zugestimmt!“ sagte er, seine zwanglose Weise entschuldigend und das Mädchen davonführend, und Gruber hätte ihn um der Sicherheit und Leichtigkeit seines Auftretens willen hassen können. Er fühlte, daß Jener spielend zu erobern vermöge, was seinem eigenen Wesen trotz der günstigsten Verhältnisse noch unerreichbar geblieben.

Am obern Ende des ovalen reich besetzten Tisches im Speisezimmer stand Anna, die aufwartende Dienerin hinter sich, in Erwartung der Eintretenden, und ihre feinen Züge voll durchsichtiger Blässe schienen beim Erblicken des Gastes noch bleicher zu werden.

„Erlauben Sie mir, Sie auch meiner zweiten Tochter Anna zuzuführen!“ sagte Hellmuth, Maçon’s Arm leicht berührend, und über das Gesicht des Aufsehenden flammte es beim Erblicken der Dastehenden wie ein Heller Blitz. Mit einer raschen höflichen Verbeugung löste er sich von seiner Begleiterin und folgte dem Hausherrn.

„Herr Maçon, Anna, dessen Anwesenheit wir erwarteten!“

sagte der Vater leicht, sich nach dem zögernd eintretenden Gruber wendend; der Gast aber sah flüchtig lächelnd, wie in einer Regung von Humor, in die großen, dunkelblauen Augen vor sich und fragte dann mit einer unwillkürlich gedämpften Stimme: „Muß ich mich erst noch specieller vorstellen, Fräulein Hellmuth?“

„Ich wüßte nicht, Herr Maçon, daß der Vater etwas darin übersehen hätte!“ erwiderte sie im Tone der Zurückweisung. Einen Augenblick schwieg er halb betroffen, dann verbeugte er sich respectvoll und sagte: „Sie haben ganz über mich zu befehlen, Fräulein!“

„Nehmen Sie nur gleich hier Ihren Platz!“ rief Hellmuth, als der junge Mann zurücktreten wollte, und wies diesem den Stuhl zwischen Eugenie’s Sitze und dem, welchen Anna einzunehmen im Begriff stand, an. Am untern Ende des Tisches ließ sich Gruber soeben nieder, während Hellmuth seinen Platz dem Gaste gegenüber wählte und dainit die Runde schloß.

„Ich gestehe, daß ein deutscher Familienkreis etwas wunderbar Ansprechendes hat für einen unstäten Menschen, wie ich es in der letzten Zeit gewesen bin,“ begann Maçon, sich niederlassend, „wie ein Hafen zum Ausruhen, dessen Bedürfniß man erst beim Erblicken recht lebhaft fühlt.“

„Gut, so laufen Sie irgendwo ein, oder schaffen Sie sich selbst Ihren ruhigen Platz,“ versetzte Hellmuth mit einem eigenthümlichen Lächeln, „wer wehrt’s Ihnen denn?“

„Sie reden wohl so,“ lachte der Gast, „zum Einlaufen aber fragt sich’s, ob nicht jede leere Stelle schon versagt ist – meinen Sie nicht auch so, Fräulein?“ wandte er sich in einem Tone, in dem es fast wie eine bestimmte Beziehung klang, an Eugenie, „und bedarf es zum Selbstschaffen nicht auch noch anderer williger Elemente?“

Gruber hatte bei dem ersten Worte des Sprechenden den Kopf beobachtend nach Eugeuie’s Gesichte gehoben, hatte ihren Augen begegnet, die auf ihn geruht zu haben schienen, sich aber jetzt rasch nach dem Gaste richteten, als solle damit jeder Deutung ihres Blicks vorgebeugt werden; der junge Kaufmann sah, wie das Mädchen unter der plötzlichen Frage Maçon’s erröthete und sichtlich einer leichten Verwirrung sich erwehren mußte, und mit einem herben Zuge um seinen Mund, der von einem gewonnenen Entschlusse zu reden schien, blickte er auf seinen Teller nieder.

„Ich denke, Sie stellen sich die Schwierigkeiten größer vor, als sie existiren,“ sagte Hellmuth, seine Serviette ausbreitend, „Sie kommen freilich von Ihrer Insel, wo schwarzes Volk und Gewürze die einzigen Hauptsachen sind, und deutsches Leben ist Ihnen fremd geworden!“

„Es mag so sein, aber lassen Sie nur meiner Insel, trotz des schwarzen Volkes, ihre Ehre,“ war die Erwiderung, „wir liefern zu den nüchternen Erzeugnissen kälterer Länder die pikante Würze, und das Pikante ist doch die eigentliche Seele im Leben. Geben Sie mir nicht Recht, Fräulein?“ wandte er sich plötzlich an Anna, welche soeben die Vertheilung der Suppe beendet hatte.

„Ich liebe diese fremden Gewürze, die sich schon in der kleinsten Quantität so zudringlich machen und oft den reinen Geschmack ganz verdrängen, nicht sonderlich,“ antwortete die Angeredete trocken, „mein Geschmack ist ein ehrliches Salz, in den Speisen, wie im Leben!“

„Haben Sie aber in diesem Augenblicke nicht gesalzen und gewürzt, Fräulein?“ fragte Maçon mit durchklingendem Humor.

„Ich denke, der Geschmack unseres deutschen Salzes ist Ihnen nur fremd!“ versetzte sie ruhig.

„Das wird es sein!“ neigte der Fremde lächelnd den Kopf, sich seinem Teller zuwendend.

Zwischen Hellmuth’s Augen stand sichtlich eine Frage in Bezug auf diesen kurzen eigenthümlichen Wortaustausch, der kaum einer ersten Begegnung entsprach, ohne daß er ihr doch eine Fassung geben zu können schien. Er griff endlich nach einer der Weinflaschen und begann die Gläser zu füllen. „Ueber Geschmackssachen läßt sich nicht streiten, Herr Maçon,“ sagte er, „und unsere Anna hat darin immer ihre besondere Richtung verfolgt; lassen Sie uns darauf anstoßen, daß Sie sich trotz alles verschiedenen Geschmacks bald wieder völlig bei uns acclimatisiren!“

Der Gast hatte sein Glas bereitwillig mit dem des Hausherrn zusammenklingen lassen und sich dann nach seiner Nachbarin Eugenie gebogen. „Und Sie stimmen ebenfalls dem Toaste zu, Fräulein?“ fragte er.

In diesem Momente erhob sich Gruber rasch. „Ich glaube, Willmann verlangt nach mir, ich werde schnell sehen, was etwa nöthig ist!“ sagte er und verließ mit einer kurzen Verbeugung das Zimmer.

Hellmuth horchte auf, warf dann aber ein „Keinesfalls etwas von Bedeutung!“ hin. Indessen schien mit dem letzten Trinkspruche fast Alles gesagt worden zu sein, was einen gemeinsamen Gesprächsgegenstand hätte abgeben können; Hellmuth war zwar augenscheinlich bemüht, durch einzelne Bemerkungen und Fragen eine eingehende Aeußerung des Gastes herauszufordern, und dieser ließ auch nicht auf sich warten, in lebendiger Weise seine neuen Eindrücke in Deutschland [131] oder Schilderungen aus seiner Insel-Heimath zu geben; es war aber Alles fühlbar eine nur durch gegenseitige Höflichkeit gemachte Unterhaltung, zwischen welcher ein Etwas stand, das keine offene Annäherung dulden wollte. Die Mädchen schwiegen, wenn nicht Eugenie, welcher sich der Gast mit Vorliebe zuzuwenden schien, von diesem zu einer kurzen Antwort in’s Gespräch gezogen ward, und oft traten Pausen ein, in welchen nur das Klappern der Teller in den Händen der Dienerin und das Walten Anna’s, welche die Stelle der Hausfrau versah, hörbar wurde. Dazu schien Hellmuth, je länger Gruber’s Abwesenheit dauerte, jemehr einer stillen Unruhe zu verfallen, und als endlich das Dessert, kaum von einem der Anwesenden berührt, herumgereicht war, sagte der Hausherr sich erhebend: „Ich denke, wir trinken den Kaffee im Vorderzimmer, und Du, Eugenie, giebst unserm Gaste ein Stückchen deutscher Musik, während ich einen Blick in’s Geschäft hinunter thue! Werden Sie mich einen Augenblick entschuldigen, Herr Maçon?“

„Fräulein Eugenie wird mich ganz glücklich machen, ich bin ein leidenschaftlicher Musikfreund!“ erwiderte Maçon sich den Damen nach erhebend, und Hellmuth faßte mit einem Nicken der Befriedigung die Hand seiner Tochter. „So komm, Kind, ich werde Dir den Flügel öffnen, und nun zeige was Du kannst!“

Maçon war den beiden Vorangehenden einen Schritt nachgetreten, wandte sich aber, als die Dienerin in diesem Augenblicke das Zimmer verließ, plötzlich nach der zurückgebliebenen Anna.

„Fräulein,“ sagte er halblaut, und sein Auge ruhte groß und fest in dem ihren, „Sie frugen mich einmal, ob Sie mich beleidigt hätten; ich mißverstand Ihr damaliges Wesen, da ich keinen Begriff von Ihrer Stellung in der Welt hatte – jetzt möchte ich Sie fragen: habe ich Sie mit etwas beleidigt, oder haben Sie wirklich nur den einen deutsch-bürgerlichen Maßstab zur Beurtheilung aller Menschen?“

Sie wechselte flüchtig die Farbe, ohne das Auge zu senken.

„Meine Schwester erwartet Sie, Herr Maçon!“ sprach sie dann in dem ihr eigenen tiefen Klange der Stimme.

„Sie haben Recht – aber ich werde mir zu gelegener Zeit Ihre Antwort erbitten, Fräulein, sollte ich auch noch einmal als zudringliches Gewürz gekennzeichnet werden!“ Ein leichter Humor zuckte wieder um seinen Mund, darauf wandte er sich mit der lauten Frage: „Gehen Sie mir voran, Fräulein?“ nach der Thür. –

Hellmuth hatte, kaum daß er Eugenie nach dem Besuchszimmer geleitet, von hier aus seinen Weg nach dem Comptoir genommen, wo Gruber, scharf vor sich niederblickrnd, an seinem Pulte lehnte und einzelnen leisen Aeußerungen des neben ihm stehenden Comptoirdieners zu horchen schien. Beide waren von dem Gegenstande ihres Gesprächs sichtlich so eingenommen, daß sie Hellmuth’s Eintritt nicht wahrnahmen, und der Letztere warf erst einen raschen Blick über die ruhig und ganz in gewohnter Weise arbeitenden Commis, ehe er an das Paar herantrat.

„Etwas Besonderes, Herr Gruber?“ fragte er, „ich sähe es gern, wenn Sie bei uns blieben, da Sie unsern Gast bereits kennen!“

„Es ist allerdings etwas Besonderes, das mich hier gehalten, Herr Hellmuth,“ erwiderte der Procurist zögernd und leise, „und wenn ich nicht gefürchtet hätte, noch mehr zu stören, hätte ich Sie selbst rufen lassen. Es wäre aber wohl gnt, die Angelegenheit nicht hier zu verhandeln.“

„Kommen Sie in mein Zimmer,“ sagte der Kaufherr und schritt langsam dem jungen Manne voran. „Was ist es?“ fragte er, als die Thür sich hinter Beiden geschlossen; aber nur die sich schärfer markirende Furche zwischen seinen Augen ließ eine Spannung in seinem Innern errathen.

„Es sind hier in der letzten halben Stunde die Abschlüsse von drei unserer befreundeten Bankgeschäfte eingelaufen, obgleich der gegenseitige Abschluß sonst immer monatlich erfolgte, und zugleich das Ersuchen um umgehende Saldirung,“ begann Gruber, einige Papiere auf das Pult des Principals legend. „Wäre dies in einem einzigen Falle geschehen, so hätte es sich vielleicht erklären lassen; so aber ist das Ereigniß so auffällig, daß ich kaum gewußt hätte, was daraus zu machen, wenn nicht Willmann bestimmt gemeint hätte, daß –“ er stockte, als finde er nicht die rechte Ausdrucksweise für den Nachsatz.

„Nun was? sprechen Sie gerade heraus!“ rief Hellmuth, welcher mit einem Blicke die Papiere überflogen, während sein Gesicht eine Art von Unbeweglichkeit annahm.

„Daß Meier die Ursache dieses auffälligen Verfahrens sei und irgend eine Macht in der Hand haben müsse, um ein solches Zeichen des Mißtrauens hervorzurufen. Willmann behauptet, Meier heute Morgen auffällig geschäftig in sämmtlichen drei Banklocalen gesehen zu haben.“

„Meier!“ neigte Hellmuth langsam den Kopf, und eine augenblickliche Pause entstand. „Haben Sie saldirt?“ fragte er dann, noch immer in Gedanken versunken.

„Die Beträge sind zu bedeutend, Herr Hellmuth, als daß es sich bei der späten Stunde so ohne Weiteres hätte thun lassen!“

„Gut, so ordnen Sie die Angelegenheit im Laufe des morgenden Vormittags. Im Uebrigen aber,“ fuhr Hellmuth fort, „können sich möglicherweise ähnliche Ereignisse wiederholen, für welche Sie, der Sie ein Stück unserer Familie sind, ein Verständniß haben müssen, und so will ich Ihnen jetzt nur zwei Worte zur Aufklärung sagen, bis sich eine gelegenere Zeit zu Weiterem findet – wir dürfen den Mann, der heute unser Gast ist, nicht zu lange allein lassen. – Dieser junge, so liebenswürdige Mensch,“ fuhr er mit einem Zucken seiner Augenbrauen fort, „ist nur in unserer Stadt, um meinem Geschäfte das Fundament, auf welchem es seit zwanzig Jahren ruht, zu nehmen. Hierbei werde ich allerdings auch noch ein Wort mit reden müssen, und er soll das Werk schwerer finden, als er vermuthet; indessen hätte sich ein beiderseitig befriedigendes Arrangement wohl leicht gestalten lassen, wenn nicht diesem Meier, welcher die Verhältnisse in ihren Details kennt und im Augenblicke nur seinen selbstsüchtigen Plänen nachgeht, jedes Mittel recht wäre, mir entgegenzuarbeiten und meine Stellung so unsicher als möglich zu machen!“

„Aber, Herr Hellmuth,“ versetzte Gruber ängstlich, „ich verstehe nicht ein Wort von den Verhältnissen, die Sie mir andeuten!“

„Sie sollen mit kurzen Worten klar sehen,“ antwortete der Kaufherr finster, „ich bedarf eines Freundes mir zur Seite. Als solchen betrachte ich Sie, und als solcher werden Sie meine Mittheilung würdigen. Es sind länger als zwanzig Jahre her, als ich mich etablirte, ich fing klein und mit geringen Mitteln an, aber hatte durch eine lange Zeit, in welcher ich hier als Gehülfe gearbeitet, mir das Vertrauen der ersten Geschäfte erworben, und ich dachte auch nur an langsames, durch Pflichttreue unterstütztes Emporkommen. Da kommt eines Tages ein Mann zu mir – durch einen meiner frühern Principale an mich gewiesen – und bietet mir ein bedeutendes Capital zur Verwerthung im Geschäfte an, wenn ich ihn an dem Gewinne Theil nehmen lassen wolle; ich entschließe mich, da ich meine Selbstständigkeit gern bewahren mochte, aber erst dazu, als der Mann beim abendlichen Zusammensein mir seine Verhältnisse völlig eröffnet: daß er in Frankreich bedeutend politisch gravirt sei – die nähern Umstände thun hier nichts zur Sache – nur noch zu rechter Zeit sein Vermögen gerettet, allein dabei nur mit Noth sich der Verhaftung und einem sichern Tode entzogen habe; daß er unter allen Umständen, was auch über ihn selbst noch kommen möge, sein Vermögen zu Gunsten seines mitgebrachten kleinen Sohnes in treuen Händen wissen möchte, und daß er unsere stille Residenz als den geeignetsten Ort für seinen Aufenthalt, sein Eintreten in ein Geschäft aber der Behörde gegenüber als den besten Grund für sein andauerndes Verweilen betrachte. Damals stand noch ganz Deutschland wider den neuen französischen Kriegsgott, und ich hatte in dieser Beziehung keinen Grund, gegen das gemachte Anerbieten ein Bedenken zu hegen – die eingeschossenen Mittel mußten überdies das Geschäft auf eine Stufe heben, die es nach langen Jahren vielleicht erst erreicht haben würde – die vertrauende Weise des Mannes, der sich keinem der großen Geschäftsmänner hatte offen geben mögen und mir durch das, was er über mich gehört, Vertrauen zu mir gewonnen hatte, kam dazu, und ich ging auf seinen Vorschlag ein. Sein Geld ward vorläufig unter meinem Namen in einzelnen hiesigen Bankhäusern untergebracht, und er erhielt nur eine einfache Quittung von mir darüber; ehe wir aber dazu gelangten, unsern eigentlichen Geschäfts-Contract abzuschließen, trat auch eine wohl schon längst vorbereitete politische Wandlung unserer Regierung zu Tage, die sich später in einem offenen Bündniß mit Frankreich zeigte, und Maurer, wie sich der Mann damals nannte, kam eines Abends in einer Hast und Bestürzung nach Hause, wie ich sie seinem ruhigen, bestimmten Charakter kaum zugetraut. Er behauptete, einem französischen Polizeiagenten begegnet und von diesem erkannt worden zu sein, er wollte nicht eine Nacht mehr in [132] der Stadt bleiben; ich mußte ihn mit allem Gelde, das ich im Hause hatte, versehen, und dann nahm er, seinen kleinen Sohn mit sich führend, von mir mit dem Versprechen Abschied, Nachricht von sich zu geben, sobald er die Grenzen unseres Staates hinter sich habe. Heute aber, nach länger als zwanzig Jahren, habe ich durch seinen inzwischen zum Manne erblühten Sohn die erste Nachricht von ihm erhalten.

Anfänglich arbeitete ich in möglichster Vorsicht und Verschwiegenheit mit dem mir anvertrauten Gelde,“ fuhr der Sprecher nach einem tiefern Athemzuge fort, „als sich mir aber einzelne glückliche Chancen eröffneten, änderte ich die Firma „Hellmuth“ in „Hellmuth und Co.“ um, was zugleich die vergrößerte Geldmacht, mit welcher ich auftrat, rechtfertigte. Ich hatte in meinen Spekulationen Glück, und eiserner, unverdrossener Fleiß, immer wacher Blick und richtige Combination machten mein Geschäft zu dem, was es jetzt ist. – Nun aber steht die Sache einfach so: erkenne ich den Vater dieses jungen Herrn Maçon als den wirklichen Compagnon des Geschäfts an, so handelt es sich nicht um Herauszahlung des von diesem eingeschossenen Capitals mit Zinsen, sondern er hat ein Eigenthumsrecht am Geschäfte in demselben Verhältnisse, wie sein Capital zu dem meinen stand – und dann würde mein Antheil kaum ein Zehntel betragen.

Abgesehen nun davon, daß ein bestimmter Vertrag niemals zwischen uns abgeschlossen wurde, so bin ich auch mit meinem Gewissen völlig darüber fertig, daß mein Kopf und meine Arbeit es gewesen sind, welche unser Geschäft in die Höhe gebracht, daß ich nicht alle meine Geisteskräfte angespannt und meine Nachtruhe geopfert habe, um einen Fremden reich zu machen, und ich würde wohl auch mit dem jungen Menschen mich schnell genug über seine Ansprüche einigen, wenn nicht dieser Meier wäre, der an seiner Seite steht und aus meinem möglichen Ruin für sich selbst ein Glück zusammenlesen möchte. Welchen Gebrauch er noch von der Kenntniß der Verhältnisse zur Untergrabung meines Credits machen wird, weiß ich nicht – ich habe Ihnen jetzt die Lage der Dinge mitgetheilt, damit Sie Allem, was auch von irgend einer Seite kommen möge, mit voller Ruhe und Sicherheit entgegentreten. Im Uebrigen bestimmt mich der eben erlebte Vorfall, noch heute ein entscheidendes Wort mit dem jungen Manne zu sprechen, das uns wenigstens Sicherheit über das zu Erwartende geben soll. Und nun wird es hohe Zeit, mich wieder oben zu zeigen!“

„Noch ein einziges Wort,“ unterbrach Gruber, welcher mit großen, aufmerksamen Augen der Erzählung gefolgt war, Hellmuth’s Bewegung nach der Thür, „wollen Sie mir nicht erlauben, Willmann von dem Hauptsächlichen zu unterrichten? Er hängt mit seltener Treue an Ihrer Familie und besitzt daneben einen Instinct, welcher ihn Vieles, was mir erst durch Ihre Mittheilung klar geworden, bereits hat errathen lassen – außerdem aber könnten immer Fälle eintreten, in welchen ein vertrauter Diener, der klar durch die Sachlage sieht, viel werth ist!“

Hellmuth nickte gedankenvoll. „Sie mögen Recht haben,“ sagte er nach einer kurzen Pause, „und bei Willmann ist keine Gefahr, handeln Sie danach – oben aber werde ich Sie entschuldigen!“ schloß er, mit einem kurzen Striche über seine Stirn das Gemach verlassend.

Als er den obern Corridor betrat, tönten ihm die vollen Klänge des Flügels entgegen, und beim Oeffnen des Besuchszimmers sah er, daß er hier noch kaum vermißt worden sein konnte. Anna mit leise gerötheten Wangen hatte das Instrument eingenommen, die ausgiebige Kraft desselben zu voller Geltung bringend, während Maçon, völlig in die Töne verloren, den Kopf in die Hand gestützt dasaß und jeder Wendung des Spiels zu folgen schien – Eugenie aber, wie ihren eigenen Gedanken nachhängend, in einem Fauteuil lehnte. Bei dem Geräusche, welches das Schließen der Thür verursachte, brach indessen die Spielende mit einem raschen Blicke auf den Eintretenden ab und erhob sich. „Ich wollte Ihnen nur das zeigen, was sich ohne viele Worte kaum ausdrücken läßt,“ sagte sie, sich leicht gegen den Gast verneigend, „das, was ich deutsche Musik nenne, so sehr auch ein Meister dazu gehört, um ihr zu ihrem vollen Rechte zu verhelfen!“

„Du hast mich auf das Glatteis geführt, Papa!“ rief Eugenie mit einem Anfluge von übler Laune, „Herr Maçon ist ein Musikverständiger und selbst ein halber Künstler, gegen den allenfalls nur Anna durch ihre gründlichen Studien bei der Großmutter unsere Ehre retten konnte!“

„Verzeihung, Fräulein!“ erwiderte Maçon sich rasch aufrichtend, „Sie haben meine harmlose Aeußerung, die nur meine Auffassung des Musikstückes Ihnen bezeichnen und durch ein paar gespielte Takte andeuten sollte, zu scharf genommen – Sie sehen, wie ich selbst jetzt dafür bestraft worden bin – und doch,“ wandte er sich nach Anna um, welche still bei Seite getreten war, „kann ich Ihnen nur von ganzem Herzen für diese Strafe danken!“

„Bitte, Herr Maçon,“ erwiderte die Letztere, noch sichtlich vom Spiel angeregt, „es war nur ein Recht, das unsere heimathliche Musik verlangte!“ Damit schritt sie, wie von einer plötzlichen Scheu überkommen, dem Fenster zu.

„Ich muß um Entschuldigung wegen meines längern Ausbleibens bitten,“ begann jetzt Hellmuth, „und ich möchte fast Ihre Freundlichkeit, Herr Maçon, noch in weiterem Grade beanspruchen. Es sind soeben einige geschäftliche Anfragen an mich ergangen, die jedenfalls in Bezug auf Sie stehen, und wenn Ihnen eine kurze Vorlage des Betreffenden im Augenblick nicht unangenehm wäre –“

„In Bezug auf mich?“ fragte der Angeredete, einigermaßen befremdet, „ich stehe jedoch ganz zu Befehl, wenn die Damen mich für die Zeit unseres Gespräches entschuldigen wollen –!“

„Hoffentlich wird uns die Angelegenheit nicht gar zu lange aufhalten!“ versetzte Hellmuth, indem er dem Gaste voran schritt. Mit den entschuldigenden Worten: „Bis auf Weiteres denn, meine Damen!“ folgte Maçon der gewordenen Aufforderung.

[145] Schweigend stiegen Beide nebeneinander die Treppe hinab und betraten das Comptoir, wo Hellmuth den Gast nach seinem Cabinet geleitete, ohne den aufmerksamen Blick sichtlich zu beachten, welchen der Letztere über die Zahl der emsig arbeitenden Gehülfen gleiten ließ.

„Wollen Sie hier für einige Minuten Platz nehmen?“ sagte der Kaufherr, nachdem er die Thür des Cabinets sorgfältig geschlossen, und deutete nach einem Lehnstuhl an der von dem Eingange weitest entfernten Wand, während er einen andern Sessel für sich selbst herbeizog.

„Ich möchte,“ fuhr er fort, nachdem sich Beide niedergelassen hatten, „eine offene Frage, Mann gegen Mann, an Sie richten. Daß dieses jetzt geschieht, wo Zeit und Ort dafür am wenigsten passend erscheinen, wird ein eigenthümlicher Vorfall rechtfertigen, den ich Ihnen sodann mittheilen werde.“

„Reden Sie, Herr Hellmuth,“ versetzte Maçon, und nur der sich leicht schärfende Blick sprach von seinem erhöhten Interesse für das Kommende.

„Sie sind, wie Sie sagen, mit den frühern Beziehungen Ihres verstorbenen Vaters zu mir genau vertraut,“ fuhr der Erstere fort, „und ich greife also wohl nicht fehl, wenn ich voraussetze, daß Sie als Erbe von dessen Ansprüchen hier erscheinen. Welcher Grund aber, Herr Maçon, hat Sie denn bewogen, nicht offen zu einem ehrlichen Manne zu kommen und zu sagen: Liefere mir aus, was mein gehört!? Eine einzige Frage in der Stadt hätte Sie ja über meine Zahlungsfähigkeit unterrichtet. Warum denn erst unter der Hand sich mit einem Menschen aus meinem Geschäfte verbünden, welcher, durch Eigennutz und Selbstsucht verblendet, Ihre Ansprüche in der wunderlichsten Weise betrachtet und bereits durch Sie auf meinen Ruin speculiren möchte?“

Ein eigenthümlich ernster, durchdringender Ausdruck malte sich im Gesichte des jungen Mannes. „Ihren letzten Vorwurf hinsichtlich dieses sogenannten Bündnisses will ich vorläufig einmal bei Seite lassen, Herr Hellmuth, und mich nur an Ihre erste Frage, Mann gegen Mann, halten. Ich kam nicht als Fordernder zu Ihnen, weil ich mir über die Weise dieser Forderung selbst noch nicht klar war, weil ich nicht als schonungsloser Störer eines langjährigen Geschäfts- und häuslichen Glücks in Ihr Haus treten mochte, weil ich gedachte, erst persönlich kennen zu lernen, mit wem ich es zu thun hatte, um danach mich für den einen oder den andern Weg in meinem Verfahren bestimmen zu lassen –“

Hellmuth’s Kopf hatte sich während dieser Worte langsam zurück gebogen, während seine Züge eine Art von Undurchdringlichkeit annahmen. „Ich verstehe Sie nicht, verehrter Herr,“ unterbrach er den Sprecher, „Glück stören – Verfahren –! es scheint, die Ideen meines gewissenlosen bisherigen Buchhalters haben bereits bei Ihnen Wurzel geschlagen!“

„Bitte, Herr Hellmuth, lassen Sie diesen Mann, den ich nur eben neben mir geduldet habe, bei Seite,“ erwiderte Maçon, „ich war über alle Einzelheiten auch ohne ihn klar und fühlte mich sicher das durchzuführen, wozu ich mich entschließen würde. Aufrichtig leid thut es mir nur, daß Sie mich jetzt bereits gezwungen, meine Stellung Ihnen gegenüber einzunehmen, da sich doch, hätten Sie die Geltendmachung meiner Ansprüche abgewartet, Manches vielleicht bedeutend milder hätte gestalten können.“

„Ich will Ihnen zweierlei sagen, Herr Maçon!“ unterbrach ihn Hellmuth lebhaft. „Ich bin erstens nicht der Mann, der einem Andern freundlich zulächeln kann, wenn er in ihm einen Feind erkannt hat. Ich bin Ihnen herzlich entgegengetreten, so lange ich in Ihnen nur den Sohn Ihres Vaters sah, der gekommen war, das mir anvertraute Gut zurückzufordern; mit dem Bekenntniß eines versteckten, andere Zwecke verfolgenden Spiels gegen mich aber, wie dies mir soeben geworden, treten natürlich andere Empfindungen auf, die ich nicht gelernt habe unter einem glatten abwartenden Schweigen zu verdecken. Dann aber, Herr Maçon, bin ich nicht gewohnt, irgend eine anscheinende Gefahr über meinem Geschäfte aufziehen zu sehen, ohne sofort ihrer Natur und Tragweite auf den Grund zu gehen. Soeben habe ich von drei mir befreundeten Bankhäusern die unzweideutigsten Zeichen eines plötzlich erwachten Mißtrauens gegen mich erhalten, das sich nur auf Ihre Ansprüche an mein Geschäft, wie sie in Meier’s Kopf gewachsen sind, zurückführen läßt, und Sie werden mir zugeben, daß somit wohl die Zeit zum sofortigen unverdeckten Sprechen gekommen ist!“

Maçon, welcher bisher der Rede mit unbeweglichem Gesichte gehorcht, öffnete bei den letzten Worten groß die Augen. „Ich denke den Verdacht zu verstehen, welchen Sie mit dieser letzten Angabe andeuten,“ sagte er nach einer kurzen Pause langsam, „ich kann Ihnen jedoch mein Wort geben, daß ich mich nicht der kleinsten Aeußerung, welche Ihren Credit hätte benachtheiligen können, schuldig weiß!“

„Sie haben so viel von Ihrem Vater, daß ich Ihnen auch völlig dessen Wahrheitsliebe zutraue,“ versetzte Hellmuth mit einer gewissen Unruhe; „wenn aber auch Ihr jetziger Bundesgenosse [146] den Coup gegen mich ausgeführt hat, wie ich sichern Grund habe zu vermuthen, so hat er doch jedenfalls gemeint in Ihrem Sinne zu handeln. Lassen Sie uns klar und offen unsere Stellung nehmen, Herr Maçon; vielleicht aber geben Ihnen einige Worte meinerseits eine richtigere Anschauung der Dinge, als Sie diese bis jetzt zu haben scheinen. – Ihr Vater hat mir sein Geld anvertraut, als er als Flüchtling in unsere Stadt kam,“ fuhr er ohne Unterbrechung fort; „er beabsichtigte damals mit in mein Geschäft einzutreten und sein Capital darin zu verwerthen. Unser gegenseitiges Uebereinkommen aber blieb ohne Abschluß, da er von Neuem die Flucht ergreifen mußte. Ich habe sein Geld über zwanzig Jahre redlich verwaltet, und es liegt heute, durch die Zinsen vermehrt, zur Verfügung seines Erben. In dieser langen Zeit habe ich keine einzige Willensäußerung Ihres Vaters erhalten, welche das zwischen uns besprochene Uebereinkommen zur That hatte werden lassen. Mit welcher Forderung können Sie also gegen mich auftreten, die Ihre Aeußerung von „Glücksstörung“ und „Verfahren“ rechtfertigte?“

„Ich kann Ihnen nur nochmals sagen,“ entgegnete Maçon ruhig, „daß ich von Herzen bedauere, mich von Ihnen schon heute in meine jetzige Lage gedrängt zu sehen. Ich bin anderer Ansicht von meines Vaters früheren Verhältnissen zu Ihnen und darf es wohl aussprechen, daß ich zur Eincassirung eines Betrags, wie ihn mein Vater in Ihr Geschäft eingeschossen und dessen ich bei meiner Vermögenslage eben nicht nothwendig bedarf, nicht persönlich hierher gekommen sein würde. Zur einfachen Rechtfertigung des Todten und seines Schweigens aber will ich Ihnen mittheilen, daß, als er mich nach seiner raschen Abreise von hier bei einem Onkel an der französischen Grenze untergebracht, er bei dem Versuche, sich in einem holländischen Hafen nach England einzuschiffen, zum Matrosen gepreßt und zur Reise nach dem Cap gezwungen wurde. Damals war die Insel Bourbon unter englischer Herrschaft, und dort gelang es ihm später, beim Anlanden zu entkommen und sich unter den Schutz der Behörden zu stellen. Er fand Theilnahme an seinem Schicksale und Unterstützung, hatte Glück in den von ihm begonnenen Unternehmungen und gab die Rückkehr nach Europa völlig auf; mich indessen ließ er erst, als meine Erziehung vollendet war, zu sich kommen. Trotz der kurzen gegenseitigen Bekanntschaft hatte er Sie in treuer Erinnerung bewahrt, das zeigten mir seine späteren Erzählungen; aber halb Europa stand während der ersten Jahre seiner Abwesenheit in vollem Kriegsbrande, der nirgends eine sichere Verbindung mit Deutschland zugelassen hätte; später waren seine europäischen Privatbeziehungen vor seinen dortigen glücklichern Arbeiten völlig zurückgetreten, und erst als er mich wenig geneigt fand, die Insel zum lebenslänglichen Aufenthalte zu wählen, forderte er mich auf, Nachricht über das Schicksal Ihres Geschäfts einzuziehen, das mir später einmal, wie er meinte, einen festen Halt für eine Rückkehr nach Europa geben könne, falls es überhaupt die Kriegsstürme überstanden. Er ging von der Ansicht aus, daß in solchen Zeiten der speculative Kaufmann entweder reich werde oder falle – und er hatte von Ihrer Befähigung eben so hohe Begriffe, wie er Sie als Menschen im Herzen bewahrte. Mir erschien indessen damals die ganze Angelegenheit so imaginär, daß ich nicht einmal daran dachte, der Aufforderung zu genügen, und erst nach seinem Tode wurde mir in seinen Papieren die volle Bestätigung jener Angaben. – In welcher Weise ich nun die ganz bestimmten und sofort nachweisbaren Ansprüche meines Vaters hier zur Geltung bringen wollte, halte ich mir, wie schon gesagt, noch völlig vorbehalten; mit dem Augenblicke indessen, Herr Hellmuth, in welchem Sie diese auf so entschiedene Weise von sich weisen, in welchem Sie die Voraussetzungen, unter denen das Capital in Ihre Hände kam, verneinen, werde ich natürlich zu einer Stellung gezwungen, die jedes weitere Wort zwischen uns ausschließt!“ Er erhob sich gehalten. „Sie haben wohl unter den obwaltenden Umständen die Güte, meine Entschuldigung den jungen Damen zu überbringen.“

Hellmuth verließ steif seinen Sitz. „Ich gehe meinen geraden Weg, Herr Maçon, wie ihn mir mein Gewissen vorschreibt, und sehe deshalb auch allem mir in den Weg Tretenden ruhig entgegen!“ sagte er. „Nicht das Capital Ihres Vaters hat mein Geschäft gemacht, sondern der ruhelose Fleiß Dessen, der es bis jetzt geführt. Hätte ich Unglück gehabt und würde heute nicht mehr besitzen als eben dieses Capital Ihres Vaters, so würde ich es bis zum letzten Pfennig herauszahlen und mein und meiner Familie Leben fristen so gut es ginge – auf der andern Seite aber werde ich auch keinen Angriff auf das Gut dulden, das über jenes Capital hinausgeht, das Gut, welches ich erworben und Niemand weiter. Das ist mein Standpunkt. Uebrigens glaube ich sicher zu sein, daß wir als ehrliche Feinde scheiden, und so sehe ich nicht ein, warum Sie so auffällig den Mädchen Ihren Abschiedsgruß entziehen wollen; meine Töchter werden schon auf eine geschäftliche Störung ihrer Unterhaltung vorbereitet sein. Erlauben Sie, daß ich Sie hinauf geleite!“

Maçon hatte nur eine stumme Verbeugung zur Antwort und schritt dem Hausherrn durch die von diesem geöffnete Thür voran.

Als Hellmuth seinem Gaste durch das Comptoir folgte, sah er Gruber eine Bewegung wie zum Herantreten an ihn machen. Er beantwortete diese nur mit einem stummen Nicken; als er aber Maçon bis zur Treppe geleitet, sagte er: „Wollen Sie die Güte haben voranzugehen? Es wartet soeben ein eiliger Brief auf meine Unterschrift, und ich folge Ihnen in zwei Secunden!“

Mit einer leichten Verbeugung trennten sich Beide, und der Hausherr begab sich nach dem Comptoir zurück, hier rasch mit einem Winke gegen den Procuristen nach seinem Cabinet schreitend.

„Sie haben etwas Besonderes?“ fragte er den ihm Nachtretenden, „sprechen Sie es kurz aus, ich kann den Mann nicht warten lassen.“

„Aus unsern zurückgestellten Geschäftsbüchern ist das Hauptbuch der Firma August Hellmuth, das letzte, ehe das Geschäft unter der Firma A. Hellmuth und Co. begann, verschwunden!“ war die rasche Antwort; „zugleich aber bringt Willmann, der von der Post kommt, die Nachricht, daß sich Meier dort ein Passagierbillet gelöst hat, so viel es scheint nach dem Flusse hinüber, nach einem der Anlegepunkte der Dampfboote.“

Des Geschäftsherrn eilige Miene war plötzlich in einen Ausdruck von Starrheit übergegangen; seine Augen blickten den Sprecher groß und unbeweglich an, und doch lag etwas darin, als gehe im Augenblicke eine erschreckende Klarheit in seiner Seele auf. „Wann und wie haben Sie den Verlust entdeckt?“ fragte er mit einer Stimme, die den gewohnten sonoren Klang ganz verloren zu haben schien.

„Ich hatte zufolge Ihrer Genehmigung Willmann das Nöthige mitgetheilt,“ erwiderte Gruber, „und er kam auf den Gedanken, ob sich nicht Meier’s Sicherheit auf irgend welche Papiere aus jener Zeit stütze, die vielleicht zu Ihrem Schaden sich deuten ließen und die er sich heimlich angeeignet hätte. So lange ich aber hier bin, hat Meier nur die Bücher unter sich gehabt, und ich ging sofort an eine Revision der alten zurückgestellten Bände; da entdeckte ich schnell genug den Verlust, und dieser erschien mir, zusammen mit Meier’s Abreise, zu wichtig, als daß ich einen Augenblick hätte zögern mögen, Sie davon zu unterrichten!“

„Das ist es, das ist es!“ neigte Hellmuth, starr vor sich hinblickend, den Kopf. „Ich will Ihnen sagen,“ fuhr er dann rasch aufsehend fort, „was die Sache zu bedeuten hat, damit Sie bei dem jetzt unverzüglich nothwendig werdenden Handeln mit freier Seele mein Interesse vertreten können. In jenem Hauptbuche war dem Vater des hier anwesenden jungen Mannes nach Ablieferung seines Capitals das gewöhnliche Conto gegeben, dazu aber voreilig und in sicherer Erwartung des abzuschließenden Contracts der Vermerk gesetzt: „In’s Geschäft getreten an dem und dem Tage“ und der nöthige Posten des Capital-Conto’s hinzugefügt worden. Es ist uns wohl möglich, daß ich in unsern damaligen Unterhandlungen dem Verstorbenen einige Zeilen geschrieben habe, welche meine Bereitwilligkeit für seine Aufnahme in mein Geschäft ausdrückten; Beides zusammen aber würde in der Hand eines geschickten Advocaten zum Beweise des wirklich erfolgten Eintritts werden und mich der Gnade dieses jungen Menschen überliefern müssen. Indessen wollen wir vorläufig erst sehen, ob die Gegenpartei durch einen Diebstahl einen Vortheil über mich erringen soll. Sagen Sie Willmann, daß er mir rasch und unvermerkt meinen Hut und Ueberwurf herab holt; Sie aber packen für alle Fälle die nöthigsten Reisebedürfnisse zusammen, versehen sich reichlich mit Geld und folgen mir dann unverzüglich nach der Wohnung des Polizeidirectors, den ich jetzt da am sichersten treffe. Dort sollen Sie Weiteres hören!“ Er machte, von innerer Unruhe getrieben, einen raschen Gang durch das Zimmer, und Gruber verließ hastig das Cabinet. –

Die ältliche Dienerin hatte Maçon den Corridor geöffnet, und dieser fragte leicht: „Die jungen Damen noch hier?“

[147] „Nur Fräulein Anna,“ war die Antwort, „ich werde aber Fräulein Eugenie benachrichtigen.“

„Lassen Sie nur, lassen Sie nur!“ erwiderte der junge Mann hastig, „ich wollte mich nur kurz verabschieden!“ Er schritt nach der Thür des Besuchzimmers, blieb indessen, wie in Zweifel mit sich selbst, hier einen Moment stehen, ehe er öffnete; dann trat er leicht, aber mit hochgehobenem Kopfe ein.

Das Zimmer war vom rothen Glanze des Abends überfluthet, und das bleiche Gesicht des Mädchens, welches, das Kinn im stillen Sinnen in die kleine Hand gestützt, am Fenster fast, erschien wie umsponnen von den rosigen Lichtern. Das leise Geräusch der sich öffnenden Thür schien nicht zu ihrem Bewußtsein gedrungen zu sein.

„Fräulein, darf ich stören?“ fragte Maçon, der einige Secunden lang schweigend in ihrem Anschauen dagestanden hatte. Sie fuhr, beinahe erschreckt von dem Klange seiner Stimme, auf. „Ich kam nur, um mich zu verabschieden,“ sprach er, rasch auf sie zutretend, „aber ich betrachte die Minute, die mir jetzt vergönnt ist, Sie allein zu sehen, als eine Schicksalsfügung.“

Sie stand vor ihm, ernst die großen, tiefen Augen in sein Gesicht geheftet, als wolle sie dadurch eine Schranke gegen jede leichtfertige Annäherung seinerseits ziehen. Bald aber schien die eigenthümliche Bewegung, welche sich in seinen Zügen ausdrückte, sie unsicher zu machen.

„Ich habe eine kurze, bestimmte Frage an Sie zu richten, Fräulein,“ begann er von Neuem, „und ich bitte Sie, dabei zu bedenken, daß es im Leben bisweilen Momente giebt, in denen an einem Worte ein ganzes Schicksal und wohl noch mehr als das eines einzigen Menschen hängt; ich bitte Sie, mir mit einem einfachen Ja oder Nein zu antworten und jede der gewöhnlichen kleinlichen Rücksichten und Zögerungen bei Seite zu lassen – ich habe eine Ueberzeugung in mir, daß Sie es vermögen, sobald Sie nur die Schwere des Augenblicks erkannt, und gebe Ihnen die Versicherung eines Mannes, der wissentlich noch nie gelogen, daß die jetzige Minute, die nie wiederkehren wird, über mehr entscheidet, als Sie absehen können –“

„Was wollen Sie, Herr Maçon?“ unterbrach sie ihn, während ihre Augen groß und starr in den seinen haften blieben.

„Ich möchte Sie fragen, Fräulein Anna, ernst und einfach fragen,“ sagte er mit blitzendem Blicke, „ob Sie einen Lebensgefährten, wie ich es bin, ertragen könnten?“

„Herr Maçon!“ rief sie zurückweichend, während eine plötzliche Leichenblässe in ihre feinen Züge trat.

„Anna,“ erwiderte er mit mühsam gedämpfter Stimme, in plötzlicher Erregung, „um Alles willen, was Ihnen das Liebste ist, werfen Sie jetzt zurück, was Ihre Seele schwach machen könnte; jede Secunde kann eine Störung bringen, und dann muß ich gehen auf Nimmerwiederkehr! Ich habe es empfunden, ich weiß es, daß unser beiderseitiges inneres Wesen zwei Hälften sind, die zu einander gehören – antworten Sie mir frei und stark –!“

Er hatte ihre Hand gefaßt, die zuckend sich umsonst der seinen entziehen wollte. „Lassen Sie mich – gehen Sie!“ drängte sie, fast mechanisch, wie gänzlich fassungslos vor dem Unerwarteten sich abwendend, und eine plötzliche Schwäche schien sie zu überkommen.

Zweifelnd blickte er in ihr bleiches Gesicht; plötzlich aber glänzte es in seinen Zügen auf. „Stoße mich zurück, Mädchen, wenn Du Nein sagen kannst!“ rief er mit tiefer, leidenschaftlich bewegter Stimme, während sein Arm sie fest umfaßte.

„Mein Gott, mein Gott!“ preßte sie mit einem vergeblichen Versuche, sich ihm zu entziehen, hervor; im nächsten Augenblicke aber hatten seine Lippen sich fest auf die ihren gelegt und sie schien in seinem Arme zusammenbrechen zu wollen.

„Baue auf mich, treu, unerschütterlich, meine Anna, was auch in den nächsten Tagen geschehen möge!“ flüsterte er ihr zu und ließ die halb Bewußtlose in den von ihr verlassenen Fauteuil nieder; dann faßte er ihre kleinen, widerstandslosen Hände zusammen, führte sie an seinen Mund und wandte sich leichten raschen Schritts nach der Thür. Einen Blick noch warf er von hier zurück – das Mädchen lehnte wie geknickt, mit geschlossenen Augen, in dem Stuhle, und nur zögernd öffnete er den Ausgang. „Es mußte ja so sein,“ murmelte er, „und hätte ich falsch geahnt, wäre ja Deine Kraft nicht erlegen! Gott bewahre mir Deinen Glauben, bis ich wiederkehre!“

Er griff im Corridor hastig nach Hut und Paletot, als fürchte er noch eine Begegnung, und eilte die Treppe hinab.



6.

Gruber hatte sich im Reiseanzuge nach der Wohnung des Polizei-Directors begeben, in deren Vorzimmer ihm, kaum daß er gemeldet worden, Hellmuth in Begleitung eines Polizeibeamten aus den inneren Räumen entgegenkam. Der Erstere winkte dem jungen Manne nach einer der Fenster-Vertiefungen. „Meier hat wirklich bereits vor länger als einer Stunde die Stadt verlassen,“ sagte er hastig und mit leiser Stimme; „ich habe bereits Extrapost für Sie und den Beamten bestellen lassen, und es ist jetzt Ihre Aufgabe, den Wagen der ordinären Post so bald als nur irgend möglich einzuholen. Schonen Sie kein Geld gegen den Postillon – ich traue diesem Meier zu, daß er seine jetzige Tour mir zum Schein eingeschlagen hat und auf der nächsten Station seine eigentliche Richtung erst nimmt, und erreicht er unaufgehalten den Fluß, so ist bei der Menge auf- und abwärtsgehender Dampfboote von einem weitern Verfolgen seiner Spur gar keine Rede mehr. Sie wissen, was von Ihrer jetzigen Reise abhängt! Der Beamte ist angewiesen, sich nach Ihren Anordnungen zu richten, und hier muß ich mich nun völlig auf Ihre Klugheit verlassen. Ich weiß nicht, welches Gift dieser Mensch, der seit zwanzig Jahren mein unbeschränktes Vertrauen besessen, noch gegen mich in Bereitschaft haben kann; zeigen Sie ihm also, daß sein Arrest in Ihrer Hand liegt, benutzen Sie Ihre Macht aber hauptsächlich zur Wiedererlangung des entwendeten Contobuches. Ich vermuthe sehr stark, daß seine Entfernung mit dem in seinen Händen befindlichen Beweise auch ein Schachzug gegen diesen Maçon ist, um diesen zur Annahme der ihm wahrscheinlich gestellten Bedingungen zu zwingen, daß er also jedenfalls im Besitz des Geschäftsbuches ist. Nöthigenfalls lassen Sie sein Gepäck durchsuchen, der Beistand jeder Polizeibehörde ist Ihnen gesichert! – Und nun vorwärts ohne Säumen –“ wandte er sich nach dem Zimmer zurück. „Sie haben die nöthigen Reisebequemlichkeiten bei sich?“

„Willmann ist damit nach dem Posthofe voraus!“ war die Antwort, und von dem herantretenden Beamten begleitet, verließ der junge Mann eilig das Zimmer. - -

Hellmuth hatte gleichzeitig den Heimweg eingeschlagen. In seinem Arbeitszimmer setzte er sich hin und schrieb:

 „Herrn Adolphe Maçon.

Ich habe seit einer Stunde die Sicherheit verstehen lernen, mit welcher Sie heute auf Ihren vermeintlichen Ansprüchen beharrten, bedaure aber, durch dieses Verständniß zugleich die gute Meinung, mit welcher ich heute als Gegner von Ihnen schied, völlig vernichtet zu sehen. Sie könnten mir allerdings wieder wie heute entgegnen, daß Sie sich in Ihren Handlungen keiner Unehrenhaftigkeit gegen mich bewußt seien; in den Augen jedes deutschen Ehrenmannes aber, lieber Herr, ist Derjenige, welcher sich die Früchte eines Diebstahls zu Nutze macht, durchaus nicht besser, als der Dieb selbst. Oder wäre es Ihnen bei dem ersten Blicke auf das mir von meinem spitzbübischen Buchhalter entwendete Contobuch – ich glaube, daß Sie keiner nähern Bezeichnung bedürfen – nicht sofort klar geworden, daß es nur durch einen Act der Unehrlichkeit von dem ihm zugewiesenen Platze entfernt worden sei? Genug darüber; ich will mir aber nur erlauben, Ihnen zu bemerken, daß ich von dieser Stunde an die Vertheidigung meines Eigenthums nicht mehr wie gegen einen irrigen, doch von ehrlicher Ueberzeugung hervorgerufenen Anspruch, sondern wie gegen Diebe und Einbrecher führen werde. Ihrem Freunde und Gehülfen Meier ist bereits die Polizei auf den Fersen, und bei seinem Ergreifen wird sich ja herausstellen, durch welche Motive er zu dem begangenen Diebstahl verleitet worden ist. Versuchen Sie in Gottes Namen, wie weit Sie mit derartig erlangten Beweismitteln gegen mich kommen – um Ihres großherzigen Vaters willen aber bin ich völlig unglücklich, mich zu diesen Zeilen veranlaßt zu sehen.
Hellmuth.“

Er schloß das Schreiben, adressirte es und gab es mit dem kurzen Auftrage: „Nach dem Hotel français, sobald Willmann zurückkommt!“ in das Comptoir. - -

Auf der ebenen Chaussee sauste die leichte halboffene Droschke dahin, welcher Gruber mit seinem Begleiter dem gewöhnlichen Postwagen nachführte. Der Beamte lehnte ruhig in seiner Ecke, eine ihm von dem jungen Kaufmann dargebotene Cigarre mit sichtlichem Genuß rauchend, während der Letztere trotz der kurzen Zeit, die seit dem Verlassen der Stadt verstrichen, sich zeitweise unruhig aufrichtete, [148] um in die Ferne zu spähen. Die Dämmerung fing bereits an, sich über die Gegend zu senken.

„Wann meinen Sie, Schwager, daß der Postwagen die erste Station erreichen wird?“ fragte der junge Mann, sich auf dem unbedeckten Vordersitze bis zur Höhe des Postillons aufreckend.

„Er ist vor fünf Uhr abgefahren, hat aber fünf Wegstunden zu machen und wird so gegen acht Uhr dort eintreffen,“ war die Antwort. „Die ordinäre Post nimmt sich die gehörige Zeit!“

Gruber sah nach seiner Uhr, es war bereits halb sieben. „Ein Gulden, Schwager, für jede Minute, die wir vor dem Postwagen auf der Station eintreffen!“ sagte er.

Der Postillon nickte. „Ich will mein Mögliches thun, und die Pferde sind frisch,“ erwiderte er, „aber es hält schon hart, nicht später zu kommen. Hätten wir nicht die vielen Anhöhen –!“ Die schwirrende Peitsche brach seine Rede ab, und in vermehrter Schnelligkeit rollte der Wagen vorwärts. Gruber nahm seinen Platz wieder ein und zündete, sich zur Ruhe zwingend, sich selbst eine Cigarre an.

Das Tageslicht war bald gänzlich verschwunden, und nur an dem langsameren Vorwärtsbewegen des Wagens waren die Anhöhen, welche einer gleichmäßig raschen Verfolgung Hindernisse in den Weg legten, zu erkennen. Fast mit jeder Viertelstunde zog der junge Mann seine Uhr, um im Leuchten seiner Cigarre einen Blick auf das Zifferblatt zu werden; so langsam aber auch die Zeit verstrich, so schien sie ihm doch, je später es ward, mit fast beängstigender Hast zu eilen; es war bereits halb acht geworden, und noch ließ sich in der weitesten Entfernung kein Lichtschein wahrnehmen, welcher die Laterne des vorausfahrenden Wagens angedeutet hatte.

„Halb acht vorüber, Schwager!“ wandte er, sich wieder aufrichtend, an den Postillon.

„So ungefähr wird’s sein,“ erwiderte der Angeredete, mit Macht auf die Pferde peitschend; „der Conducteur muß heute ganz besondere Eile gehabt oder mein Camerad eins über den Durst getrunken haben, sonst müßten wir sie schon beinahe haben. Es ist aber noch nichts verloren, wir haben bis jetzt das Mögliche vor uns gebracht und werden’s auch noch thun!“

Die Pferde sausten jetzt im Galopp dahin; Gruber aber nahm seinen Platz nicht wieder ein. Scharf spähte er fortdauernd in die Dunkelheit hinaus.

Wieder vergingen zehn Minuten, und die Pferde schienen unter dem angestrengten Laufe matt zu werden; immer häufiger hatte der Postillon die Peitsche zu brauchen.

„Dort ist ein Lichtschein!“ rief plötzlich der junge Kaufmann.

„Hab’s schon gesehen,“ war die ruhige Antwort, „ist aber nur der Schein aus dem Wirthshaus auf der Höhe; es müßte indessen nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn wir nicht etwas Anderes sehen sollten, sobald wir nur dort oben sind!“

Von Neuem fiel die Peitsche energisch auf die Pferde; in wenigen Minuten war das Wirthshaus erreicht, und mit dem Ausrufe: „Dort, ha, ha, jetzt verdiene ich noch meine Gulden!“ streckte der Postillon die Hand aus.

Ein matter, kaum bemerkbarer Lichtschein bewegte sich im Grunde vorwärts, Gruber richtete sich hoch auf. „Sind Sie sicher, Schwager?“ fragte er in hörbarer Erregung.

„Werde doch ein Geschirr kennen, das ich selbst oft genug fahre!“ klang es zurück; „es war aber die höchste Zeit; vom Wirthshaus hier ist es nur noch eine halbe Wegstunde zur Station!“

Und die sich senkende Straße hinab flog der Wagen; mit jeder halben Minute wurde der wahrgenommene Lichtschein deutlicher, bis sich endlich auch die dunkeln Umrisse der schwerfälligen Postkutsche erkennen ließen. Aber erst hart am Eingange des vorliegenden Städtchens passirten die Verfolger den Wagen; Gruber hatte sich dabei tief in seine Ecke gedrückt und sein Gesicht durch den Kragen seines Ueberwurfs verdeckt, daß in dem auf ihn fallenden Lichtschein kein zufälliger Blick seine Persönlichkeit verrathen könne.

Nach wenigen Minuten schon standen die dampfenden Pferde vor dem Posthause, während das Rasseln der nachfolgenden Postkutsche die holprige Straße herauf hörbar ward. Rasch war Gruber aus dem Wagen und harrte, mit kaum zu besiegender Aufregung, der langsam heranrollenden Post. Endlich hält diese in seiner Nähe.

„Es wird nur umgespannt,“ rief der Conducteur, die Wagenthür öffnend, zugleich aber wandte er sich auch eilig nach dem Gepäckranm, und Gruber sah dort den ihm wohlbekannten Koffer Meier’s erscheinen. Auch der Letztere selbst ließ sich jetzt, langsam aus dem Innern des Wagens steigend, erblicken und schritt der Durchfahrt des Hauses zu. „O, Sie können mir ja wohl sagen,“ trat er einem, zum Ausspannen der Pferde herbeieilenden Stallknechte in den Weg, „wo ich hier eine Privat-Fuhrgelegenheit in’s Land anftreiben kann!“ Ehe der Andere indessen noch geantwortet, stand Gruber mit den Worten: „Guten Abend, Herr Meier; ich denke, Sie verschieben Ihre Weiterfahrt bis nach einem kurzen Gespräche mit mir!“ vor ihm und winkte sodann seinen Begleiter heran. „Erlauben Sie mir, Herr Meier, daß ich Ihnen hier einen der Herren Polizei-Commissare unserer Stadt vorstelle!“

Der Angeredete hatte rasch den Kopf gehoben; bei seinem Blicke auf die Polizeiuniform indeß verfärbte sich sein Gesicht – doch nur einen Moment. Dann lächelte er gezwungen. „Das ist eine Ueberraschung, Sie hier zu treffen, Herr Gruber,“ sagte er; „wenn Sie mich nicht zu lange aufhalten wollen, stehe ich Ihnen ganz zu Diensten; ich habe ein dringendes Geschäft im Lande, das noch heute meine Gegenwart fordert!“

„Sie sind wohl so freundlich und nehmen den Koffer des Herrn Meier unter Ihre Obhut?“ wandte sich der junge Mann an den Polizeibeamten, indem er auf den Eingang zu dem erleuchteten Passagier-Zimmer deutete. „Ich denke, wir werden dort allein sein, wenn es Ihnen gefällig wäre, Herr Meier?“

„Aber nur nicht zu lange!“ wiederholte der Genannte, und ging, anscheinend völlig unbefangen, der offenen Thür zu.

[161] „Wir haben, Herr Meier,“ begann der junge Kaufmann, nachdem er den Eingang des Zimmers hinter sich geschlossen und ein Blick durch den Raum ihm das völlige Alleinsein mit seinem augenblicklichen Gesellschafter verbürgt hatte, „die vollen Beweise in der Hand, daß Sie sich in Besitz des Hauptbuches der alten Firma August Hellmuth gesetzt haben. Welchen andern Namen das Gesetz einer solchen unrechtmäßigen Besitzergreifung beilegt, darf ich Ihnen ja wohl nicht erst sagen –“

„Hauptbuch – Hauptbuch?“ unterbrach ihn der Andere, nachdenklich sein glattrasirtes Kinn streichend, „Hauptbuch der alten Firma? Es kann möglich sein, daß sich noch aus meinen frühern nächtlichen Arbeiten in meiner Wohnung etwas dem Geschäfte Gehöriges befindet – indessen weiß ich nichts Bestimmtes darüber.“ Er schlug bei den letzten Worten die grauen Augen groß und fast herausfordernd zu dem jungen Manne auf.

„Ja, mit einer solchen Auskunft werden wir jetzt keinesfalls durchkommen,“ erwiderte dieser ernst, „und es könnte der Fall eintreten, daß, wenn Sie das derzeitige milde und rücksichtsvolle Verfahren gegen Sie nicht würdigen sollten, Sie unter polizeilicher Obhut wieder nach der Stadt zurückgebracht würden. Ich kann Ihnen nur sagen, daß wir über Alles, was die Entwendung des Contobuches sowie die Motive derselben betrifft, völlig im Klaren sind, und wenn ich jetzt Vollmacht habe, Sie gegen sofortige Auslieferung des alten Volumens freizulassen, im andern Falle aber Sie einfach der Polizei zu übergeben, so mögen Sie das Erstere lediglich Herrn Hellmuth’s Rücksicht auf Ihre langjährige Dienstzeit in seinem Geschäfte danken!“

„Ah, ah, Herrn Hellmuth’s Rücksicht!“ versetzte Meier; „ich muß Ihnen aber sagen, lieber Herr, daß ich ebensowenig eine Rücksicht beanspruche, als Herr Hellmuth sie von mir zu erwarten hat. Haben Sie die Macht, so lassen Sie mich in Gottes Namen zu einer beliebigen Untersuchung nach der Stadt zurückbringen; Herr Hellmuth mag sich dann aber darauf verlassen, daß die Welt schnell genug erfahren soll, was sein böses Gewissen zu meiner Verfolgung treibt – ich habe schon eine ungefähre Ahnung, was jenes vermißte Hauptbuch enthält.“

Ein leichtes Roth stieg in Gruber’s Gesicht; demungeachtet erwiderte er in völlig kaltem Tone: „Die Welt würde gar nichts erfahren, Herr Meier, als daß Sie wegen Diebstahls an Ihrem frühern Principale eingezogen sind, und Ihr eigener Verstand mag Ihnen sagen, daß eine polizeiliche Verfolgung, wie die jetzige, nicht ohne die bestimmtesten Belastungsgründe eintreten würde. Um Ihnen indeß noch mehr zu sagen, so kann ich Sie versichern, daß sich Herr Maçon ebensowenig auf die Benutzung eines durch Entwendung erlangten Beweisstückes einlassen, als überhaupt einen Finger in die ganze unsaubere Angelegenheit tauchen wird. Er war noch Gast an Herrn Hellmuth’s Tische, als ich das Haus verließ, um Ihnen nachzueilen.“

Wieder verfärbte sich Meier’s Gesicht; dann aber zuckte er mir einem fast krampfhaften Lächeln die Achseln. „Ich höre Ihre Worte, aber verstehe kaum etwas Anderes davon, als Beleidigungen, die ich eben nur durch Ihren unzeitigen Eifer entschuldige. Ich habe mit Herrn Hellmuth in keiner Weise etwas zu thun; will er mit mir zu thun haben, so mag er die Folgen sich und seinem jetzigen Bevollmächtigten zuschreiben – und damit, Herr Gruber, bin ich ein für allemal fertig!“

Der junge Mann schien einen Augenblick zu überlegen. „Wollen Sie,“ sagte er dann, „nur in Ihrem Interesse alles Aufsehen zu vermeiden, Ihren Koffer Stück für Stück hier vor meinen Augen auspacken – mir auch ferner erlauben, selbst eine Revision desselben zu übernehmen?“

Der Buchhalter zuckte von Neuem die Achseln. „In meinem Interesse?“ erwiderte er geringschätzig.

„Allerdings in Ihrem Interesse!“ versetzte Gruber mit einem Anfluge von Gereiztheit. „Es handelt sich um ein gestohlenes Object, und ich würde ohne Ihre sofortige Genehmigung meines Vorschlags von meiner Vollmacht, die hiesige Polizeibehörde zur Durchsuchung Ihres Gepäckes zu requiriren, Gebrauch machen müssen. Einmal in dieses Stadium getreten, würden Sie uns, auch wenn sich jetzt nichts auffinden ließe, doch nach der Stadt folgen müssen, um bei der weitern Nachsuchung in Ihrer Wohnung gegenwärtig zu sein.“

Meier nickte mit einem ausgeprägt höhnischen Zuge. „Sie sind ein vorzüglicher Kaufmann, Herr Gruber,“ sagte er, „ich habe das immer anerkannt; aber zu Diensten, wozu Sie sich jetzt brauchen lassen, sind Sie nicht gemacht. Meinen Sie denn wirklich, wenn ich ein so wichtiges Beweisstück, wie Sie andeuten, im Besitz hätte – verstehen Sie mich wohl: ich sage nicht, daß ich es habe – ich würde es in Form eines massiven Hauptbuches immer mit mir schleppen, oder es irgend einem Zufalle in meiner Wohnung preisgeben? Indessen will ich zur Erkenntniß Ihrer eigenen Thorheit Ihnen die vollständige Untersuchung meines Gepäckes überlassen. Handeln Sie nach Belieben; Sie haben ja meinen Koffer schon unter die nöthige Aufsicht gestellt!“

[162] Gruber hörte in diesem Augenblicke das Rasseln des wieder davonrollenden Postwagens und glaubte damit sicher zu sein, daß eine Verhehlung anderer Gepäckstücke Meier’s nicht erfolgt sein könne; er verließ deshalb das Zimmer, ohne von dem sarkastischen Gesichtsausdrucke des Buchhalters Notiz zu nehmen, und schaffte mit Hülfe des Polizei-Beamten den Reisekoffer herein. Schon das leichte Gewicht desselben aber gab ihm die niederschlagende Sicherheit, daß sich der schwere Band, welchem er nachspürte, kaum darin befinden könne, und nur um seiner Pflicht völlig zu genügen, ließ er durch Meier das Schloß öffnen. Die kurze, wenn auch genaue Untersuchung des Inhaltes ergab auch nichts, als das Vorhandensein von Kleidern und Wäsche, und doch trug der junge Mann die volle Gewißheit in sich, daß die Entwendung des Buches durch Niemand als durch diesen Menschen hatte geschehen können.

„Sie mögen Recht haben,“ sagte er nach Beendigung der Untersuchung sich wieder aufrichtend, „daß ich nicht der Mann dazu bin, um allen möglichen Schlichen nachzugehen, welche bei Verbergung des entwendeten Gutes angewandt worden sind; ich kann Ihnen aber nur noch einmal sagen, daß so starke Belastungsgründe gegen Sie vorliegen, Herr Meier, daß das Wiedererscheinen des Geschäftsbuches, behufs Erreichung bestimmter Zwecke, Ihre sofortige Verhaftung nach sich ziehen muß. Was Ihnen dann als möglicher Gewinn Ihres ganzen Verfahrens übrig bleiben wird, selbst wenn Herr Maçon der Mann nicht wäre, der er ist, mögen Sie sich selbst ausrechnen!“

„Ich darf mir wohl jetzt alle Beleidigungen verbitten, nicht wahr, Herr Gruber?“ antwortete der Buchhalter mit wieder völlig kaltem, steifem Gesichte. „Ich werde in den nächsten Tagen nicht nach der Stadt zurückkehren können; allein meine Wohnung steht jeder Untersuchung der Behörde offen, und so ersuche ich Sie, Ihre Privatmeinung gefälligst für sich zu behalten. Mit Ihrem Auftraggeber, dem Herrn Hellmuth, aber werde ich in meiner Weise selbst abrechnen, das mögen Sie ihm nur vorläufig sagen!“ Er wandte sich ab, verschloß seinen Koffer wieder und verließ das Zimmer.

„Ein geriebener Patron, ich kenne diese Sorte,“ bemerkte der Polizei-Commissar, „Sie werden ihm aber jetzt kaum etwas in den Weg legen können!“

Gruber nickte mit dem unverkennbaren Ausdrucke der ihm gewordenen Täuschung. „Wir wollen hier unser Abendbrod nehmen und dann baldigst zurückfahren,“ sagte er; „Herr Hellmuth wird jede Minute zählen, bis ich ihm Bericht erstatten kann.“



7.

„Wenn ich nur erst wüßte, was seit den letzten Tagen in unser Haus gefahren ist. Der Vater ist kaum recht zu sprechen; Gruber grüßt, wenn ich ihm begegne, wie mit einem Stück Holz im Nacken und macht ein Gesicht dazu, als habe er eine Spinne verschluckt, und selbst Willmann zieht mir eine Miene, wie die gezwungene Vergebung einer Todsünde. Und da soll man in guter Laune zum Balle!“ Es war im Toilettenzimmer der beiden Schwestern, wo Eugenie, erst halb angekleidet und unter den frisirenden Händen der alten Dienerin, ihrer Stimmung freien Ausdruck ließ, während sie dabei in dem großen Spiegel vor sich die Wirkung ihrer leicht schmollenden Miene zu beobachten schien. „Und wer allein davon unberührt zu bleiben scheint,“ fuhr sie, plötzlich den Kopf drehend, so daß die Dienerin einen bedauernden Ausruf hören ließ, nach der Schwester gewendet fort, die vor einem einfachen Toilettentische sich selbst ihr Haar ordnete, „das bist Du, Anna, und mir ist es, als seiest Du gerade in diesen letzten drei Tagen, trotz des wunderlichen Tones in unserm Hause, aufgeblüht wie eine Mairose im Sonnenschein; ich habe Dich wenigstens noch niemals vorher mit so frischer Farbe und einem so hellen Ausdrucke im Gesichte gesehen!“

„Von mir sprichst Du?“ fuhr die Angeredete aus ihrem Träumen auf, während ein flüchtiges erhöhtes Roth in ihr Gesicht schoß, „ich glaube, Du machst Dir aus bloßer Langeweile Phantasiebilder nach allen Seiten hin.“

„O Fräulein Anna,“ rief die Dienerin, welche ihre Beschäftigung unterbrochen, „Sie wollen zwar nichts von meiner Hülfe, noch meinem Geschmacke wissen; aber Sie sind heute wirklich glänzender als sonst; folgen Sie mir nur dies eine Mal und stecken Sie wenigstens die einfache Rose hier zur Seite der Haarpuffe – warten Sie, ich ordne es Ihnen selbst!“ Damit waren auch schon die Hände der Sprechenden trotz einer abwehrenden Bewegung des Mädchens mit Anna’s Kopfe beschäftigt, und bald schien die zwischen dem dunkeln Haar glühende Rose mit dem neu aufsteigenden lebendigen Rothe in den Wangen der Geschmückten zu wetteifern.

„Sie hat wahrhaftig bis jetzt nur so gethan, als könne sie gar nichts anders als Veilchen sein!“ ries Eugenie mit komischem Jammer; „Margarethe, wenn Sie mich jetzt nicht ganz schön machen – ich will auch recht still sitzen – so sticht sie mich wirklich heute Abend aus –“

„Eugenie –! Du wirst machen, daß ich ganz zu Hause bleibe!“ klang es von Anna’s Seite in einem Tone, der wohl plötzlichen Unmuth bezeichnen sollte, aber nicht zum rechten Ausdruck desselben gelangen zu können schien.

„Sei still jetzt und störe uns nicht!“ war die Erwiderung, unter welcher sich Eugenie in eine kritische Beobachtung der an ihrem Haare wieder aufgenommenen Arbeit Margarethe’s völlig zu vertiefen schien. Anna aber, als scheue sie sich, nach den gefallenen Worten ihre Erscheinung zu mustern, wandte langsam den Kopf wieder nach ihrem Toilettenspiegel; dann aber blieb ihr Blick an dem rosigen Bilde im Glase hängen, und ein sinnendes Lächeln voll Glück dämmerte in ihren Zügen auf. - -

Unten im Comptoir waren bereits die Lampen über den Arbeitspulten erloschen; Hellmuth aber ging noch in seinem Cabinete auf und ab, während Gruber, mit dem Arme sich leicht auf das elegante Pult stützend, die Aeußerungen des Principals zu erwarten schien.

„Und auch Willmann hat nichts Thatsächliches, das der Beachtung werth wäre, zu melden gehabt?“ fragte Hellmuth, ein augenscheinlich abgebrochenes Gespräch fortsetzend.

„Thatsächliches durchaus nicht, wenn nicht die mannigfachen Gespräche, die in der Handelswelt über die eigenthümliche Lage des Geschäfts laut geworden sind und, wie es scheint, durch immer neu verbreitete Mittheilungen über die gegen die Firma erhobenen Ansprüche lebendig erhalten werden, sich dahin rechnen lassen –“

„Ich weiß das, ich weiß das und bin durch einige aufrichtige Freunde selbst davon unterrichtet worden,“ unterbrach Hellmuth den Sprecher. „Ich wollte lieber den bestimmtesten rücksichtslosesten Angriff ertragen, als dieses Hinhalten, das uns durch die ausgesprengten Gerüchte und die Anwesenheit dieses Maçon den Credit und damit den Boden unter den Füßen wegziehen muß. Ich wage kaum mehr, ein neues Geschäft, das den geringsten Credit einer andern Firma beansprucht, in Angriff zu nehmen, und währt das jetzige Spiel, dem ich in seiner Verstecktheit vertheidigungslos preisgegeben bin, noch lange, so thäte man am besten, abzuwickeln und ganz zu schließen. Dann könnte ich wenigstens als Privatmann ruhig abwarten, was gegen mich geschehen mag!“ Er nahm auf eine Weile wieder seinen raschen Gang durch das Zimmer auf. „Aber ich habe mir vorgenommen,“ fuhr er dann von Neuem stehen bleibend fort, „diese Genugthuung soll Denen nicht werden, die jetzt glauben, an meinem geschäftlichen Ruine zu arbeiten. Wir können es schon noch eine ziemliche Zeit ohne besondere Unternehmungen aushalten; ich zwinge mich deshalb auch, die heutige Gesellschaft zu besuchen. Das Ausbleiben meiner Familie würde jedenfalls Stoff zu neuen Redereien geben; ich werde gehen, selbst auf die sichere Gefahr hin, diesem Maçon als besonders fêtirtem Gaste zu begegnen. – Sollte ich indessen vor der gewöhnlichen Aufbruchszeit verschwinden,“ schloß er in ruhigerem, vertraulichem Tone, „so thun Sie nur wohl die Liebe, Herr Gruber, die Mädchen unter Ihre Obhut zu nehmen; ich möchte ihnen nur ungern das Vergnügen verderben!“

„Wenn Sie befehlen, Herr Hellmuth, daß ich mich Ihnen anschließe,“ erwiderte der junge Mann zaudernd, „so werde ich mich allerdings dazu bereit halten; ich hatte bis jetzt nicht die geringste Absicht, von der mir gewordenen Einladung Gebrauch zu machen.“

Hellmuth sah rasch auf. „In Ihrem Alter nicht mit zum Balle?“ fragte er verwundert; „indessen habe ich Ihnen mit meiner Bemerkung nicht den geringsten Zwang anthun wollen. Folgen Sie durchaus Ihrer eigenen Neigung; ich werde jedenfalls auch aushalten können, bis man sich, ohne aufzufallen, entfernen darf.“

„Ich stehe, wie gesagt, zu Befehl, Herr Hellmuth, wenn Sie es besonders wünschen sollten –“

„Bitte, Herr Gruber, die Sache ist schon erledigt; es war [163] meinerseits eine völlig harmlos hingeworfene Bemerkung!“ erwiderte der Principal und sah nach der Uhr; „es wird übrigens Zeit, sich fertig zu machen.“

Trotz des leichten Tones aber lag etwas Trockenes in der letzten Entgegnung, das auffällig von seiner bisherigen Sprachweise abstach, und als er sich jetzt wandte, um die bereit stehende Wachskerze anzuzünden und sodann die Lampe zu löschen, sah Gruber einen Zug von steifer Kälte sich um Hellmuth’s Mund legen, welcher in den Mienen des jungen Mannes, als dieser dem wortlos vorausgehenden Principal folgte, einen Ausdruck von herber Bitterkeit, wie als Antwort, hervorrief. –

Eine Stunde darauf standen die beiden Schwestern, die elegante Balltracht unter einer leichten Hülle geborgen, innerhalb der geöffneten Hausthür, vor welcher bereits die Equipage hielt, des nachkommenden Vaters wartend.

„Aber wo ist Gruber?“ wandte sich plötzlich Eugenie nach dem zur Seite stehenden Willmann.

„Herr Gruber scheint zu Hause bleiben zu wollen, er hat sich den Thee nach seinem Zimmer bestellt!“ antwortete der Kleine ernst und schien nur mit Mühe einige Gesichtsverzerrungen unterdrücken zu können.

„Zu Hause?“ wiederholte Jene; „wollen Sie ihm wohl sagen, Willmann, ich würde ihn für diese Unart gar nicht mehr ansehen!“

„Ich glaube, Fräulein,“ sagte der Comptoirdiener, näher tretend, halblaut, „Sie haben diese Strafe schon abgenutzt, ehe er sie noch verdient gehabt, und nun weiß er es kaum anders!“

Das Mädchen schob hastig den Schleier, welcher die Frisur verhüllte, zurück, während sich das Gesicht höher färbte, und schien eine rasche Antwort auf der Zunge zu haben; aber die Tritte des herabeilenden Hausherrn ließen es zu keiner Aussprache gelangen, und zwei Minuten später führte die Equipage den Kaufherrn mit seinen Töchtern dem Ballorte zu.

Es war eine jener Festlichkeiten, bei denen die Mitglieder der Handels-Aristokratie, wenn auch der Einzelne nur jährlich einmal, den vollen Glanz ihres Reichthums entfalteten, und Hellmuth schien beim Eintritt in den großen geschmückten Saal in einer kritischen Betrachtung der gesammten Anordnungen fast die eigenen Sorgen zu vergessen. Er hatte nach langsamem Durchschreiten der bereits versammelten zahlreichen geputzten Menge seine Töchter endlich der Dame vom Hause zugeführt, sie dann in einem Kreise ihrer Altersgenossinnen zurückgelassen und sich aufgemacht, den Festgeber selbst zu finden. Als er sich langsam, hier und dort grüßend, wo ein bekanntes Gesicht vor ihm auftauchte, ohne daß er sich doch verleugnen durfte, wie ihm oft nur unsicher und mit einer gewissen Verlegenheit gedankt wurde, nach einem freieren Theile des Saales durchgearbeitet hatte, vergebens sich nach dem Hausherrn umsehend, trat ihm plötzlich die elegante Gestalt Maçon’s, das Gesicht mit einem freundlichen Ernst fest auf das seine gerichtet, entgegen.

Hellmuth wußte es wohl kaum selbst recht, daß er vor dieser Erscheinung plötzlich seinen Schritt angehalten und den Kopf mit dem Ausdrucke kalter Undurchdringlichkeit in seinen Zügen gehoben hatte; der Herankommende schien indessen kaum von dem ihm bevorstehenden Empfange Notiz zu nehmen.

„Herr Hellmuth,“ sagte er, auf den vor ihm Stehenden zutretend, mit leichter Dämpfung seiner Stimme, „ich möchte Sie bitten, mir Ihre Hand zu reichen, und Sie dabei versichern, daß, bei allen meinen Ansprüchen, die ich vollkommen festhalte, die ich sogar noch weiter ausdehnen werde, als Sie jetzt eine Ahnung davon haben, Sie diese Hand doch keinem Feinde reichen. Denken Sie daran, Herr Hellmuth, daß wir in diesem Augenblicke wohl mehr beobachtet sind, als wir es Beide wissen, daß es nichts als einer Bewegung Ihrerseits bedarf, um den verschiedensten Redereien innerhalb der Kreise dieser Gesellschaft, von denen ich selbst erst vor Kurzem, als der letzte und Unschuldigste, Mittheilung erhielt, die Spitze abzubrechen, und scheint Ihnen meine jetzige Weise, Angesichts Ihrer letzten Zeilen, räthselhaft, so kann ich Ihnen nur sagen, daß ich Ihren Standpunkt darin zwar völlig würdigen kann, daß sie mich aber kaum anders berührt haben, als wenn Sie ein neugeborenes Kind eines Mordes beschuldigten.“ Er streckte mit einem wunderbar klaren, siegenden Ausdrucke seines Auges die Hand dem Kaufherrn entgegen, und dieser, wenn auch langsam und bedächtig und nur überwältigt von der vorgeführten Bedeutsamkeit dieser „einen Bewegung seinerseits“, legte gehalten seine Hand in die gebotene. Maçon aber hielt nicht allein die Finger seines Gegners fest, sondern schob auch mit den Worten: „Und nun, Herr Hellmuth, führen Sie mich zu Ihren Fräulein Töchtern!“ seinen Arm unter den des Alten und setzte dann hinzu: „Wenn es Ihnen jetzt auch einen Zwang verursachen sollte, mich freundlich zu behandeln, Herr Hellmuth, so bitte ich doch darum. Denken Sie nur daran, daß wir damit den Menschen hier ein Räthsel aufgeben, das morgen in allen Comptoirs die Wogen der Vermuthungen gegen einander treiben wird; außerdem aber verspreche ich Ihnen, daß Sie morgen schon, unbeschadet aller meiner Ansprüche, mich in einer andern Weise als bisher beurtheilen sollen – jetzt ist eben keine Zeit, sich über dergleichen Dinge abzusprechen.“

In Hellmuth’s Zügen stritten die verschiedensten Empfindungen wunderlich gegeneinander, als er jetzt mit dem jungen Manne an seinem Arme wieder das Gewühl der Gäste durchbrach; allein der Ausdruck von Befremdung in einzelnen bekannten Gesichtern, auf welche sein Blick traf, regte ihn sichtlich an, auf den von dem Insulaner angeschlagenen Ton einzugehen. „Ich habe eigentlich noch nie an Ihrer Ehrenhaftigkeit gezweifelt, Herr Maçon,“ sagte er, „ich habe es schon geäußert, daß Sie viel zu viel von Ihrem großherzigen Vater haben, als daß Sie in dem wirklichen Cardinalpunkt jedes Charakters von ihm abweichen sollten, und nur die auf mich einstürmenden Erfahrungen der letzten Tage, deren Urheberschaft ich Ihnen jetzt gar nicht einmal zuschreiben möchte, konnten mich bewegen –“

„Wir sind schon in Ordnung, Herr Hellmuth, und ich hoffe, Sie sollen Ihre jetzige Freundlichkeit nicht bereuen. Dort sind aber die Damen –!“ unterbrach ihn der junge Mann, und der Kaufherr führte mit einem vollkommen klaren Gesichte und mit den Worten: „Kinder, hier ist unser Freund Maçon!“ seinen Begleiter dem Kreise junger Mädchen zu, in dem sich seine Töchter befanden. Als sich Jener aber von seinem Arme löste, wandte er sich ruhig nach dem Gewühl der Gäste zurück, aus welchem ihm jetzt, ungesucht, die stattliche Gestalt des Festgebers mit freundlichster Miene und ausgestreckter Hand entgegentrat.

Von den beiden Schwestern schien indessen nur Eugenie die Bemerkung ihres Vaters gehört zu haben und wandte sich mit leichtem Lächeln nach dem Herantretenden. Anna stand seitwärts völlig vertieft in ein Gespräch mit ihrer nächsten Nachbarin und schien es selbst nicht einmal zu bemerken, daß sie dem großen Theile des Saals den Rücken zukehrte.

„Kommen Sie, um nachträglich Abschied zu nehmen, Herr Maçon, oder unsere Gespräche da weiter fortzusetzen, wo sie neulich durch Ihr spurloses Verschwinden abgerissen wurden?“ fragte neckend Eugenie, so daß der junge Mann ihr einen forschenden Blick zuwarf. Das plötzliche rauschende Beginnen des ersten Orchestersatzes verhinderte seine Antwort; zugleich sah er sich auch von verschiedenen jungen Elegants umgeben, welche nur auf das Ende seines Gesprächs mit dem schönen Mädchen zu warten schienen, und wie von einem Zwange erlöst, trat er mit einer Verbeugung einen Schritt zurück, den wartenden jungen Tanzlustigen Raum gebend. Seine nächste Bewegung aber galt der jüngern Schwester, welche von seiner Anwesenheit kaum eine Ahnung zu haben schien. „Fräulein Anna, darf ich zu Ihnen sprechen?“ fragte er über ihre Schulter hinweg; er hatte des Musikgeräusches halber sich ihr jedoch so nahe zu biegen, daß sein Athem fast ihre Wange berühren mußte.

Sie wandte den Kopf um, ohne eine Ueberraschung zu verrathen, während ihre Gesellschafterin davon schlüpfte; ein helles Roth aber stand auf ihren sonst so bleichen Wangen, und ihr dunkelblaues großes Auge bebte leicht unter seinem Blicke.

„Haben Sie denn schon jemals meine Erlaubniß abgewartet, ehe Sie gesprochen haben?“ fragte sie; es hätte sich aber kaum bestimmen lassen, ob in ihrem Tone, wie in dem Ausdrucke ihrer Züge ein tiefer Ernst oder nur das mächtige Zurückhalten einer innern Bewegung lag. – Er faßte leicht nach ihrer Hand.

„Sie möchten doch jetzt ebenso wenig tanzen, als ich selbst,“ sagte er mit einer Art ruhiger Bestimmtheit; „lassen Sie uns einen kurzen Gang mit einander machen, der jetzt am wenigsten beachtet werden wird – ich muß heute Abend noch zwei Worte von Ihnen hören. Morgen schon sollen Sie eine volle Erklärung für meine nothgedrungene, Ihnen wohl ungewohnte Weise haben!“ Als er aber ihren Arm leicht unter den seinigen ziehen wollte, ging ein Zittern durch ihren ganzen Körper; ihre Hand zuckte in der [164] seinen und er hielt in seiner Bewegung inne. „Anna, bin ich im Irrthume gewesen, oder fürchten Sie ein ungehöriges Wort von mir?“ fragte er halblaut, und die volle Seele klang in seinem Tone.

Sie sah sich rasch um und schien im Erblicken der verschiedenen Gruppen in ihrer Nähe schnell ihre gewöhnliche Haltung wieder zu gewinnen. Dann überließ sie dem jungen Mann ihren Arm, welcher sie mit den warmen Worten: „So, ich danke Ihnen!“ in leichtem Schlendern nach einem der weniger gefüllten Theile des Saales führte.

„Sie sind mir noch die Antwort auf eine Frage schuldig,“ begann er hier, „die ich in dem Drange einer Minute an Sie that, in welcher sich mein ganzer fernerer Lebensgang und außerdem nicht mein eigenes Schicksal allein entscheiden mußte. – Es mag Erklärungen auch ohne Worte geben,“ fuhr er fort, „aber in den Verhältnissen, wie sie liegen, bedarf ich einer klar und muthig ausgesprochenen Aeußerung, eines offenen, fest zustimmenden Auges. Entsinnen Sie sich noch meiner Frage?“

„Es ist heute erst das dritte Mal, daß Sie mich zufällig und nur auf kurze Begegnung sehen!“ erwiderte sie.

„Und diese drei Male genügen Ihnen nicht?“ rief er lebhaft und bog in dem gleichen Augenblicke rasch nach einem der offenstehenden, noch leeren Seitenzimmer ein. „Habe ich Sie nicht,“ fuhr er, hier stehend bleibend und fest ihre beiden Hände fassend, fort, „das erste Mal durch Nacht und Morast auf meinen Armen getragen, wie ich Ihren Fuß auf dem ganzen Lebenswege vor jedem unebenen Tritte bewahren möchte? waren Ihnen meine Arme nicht stark genug? Und das zweite Mal – wissen Sie denn nicht, daß Sie mir mit dem, was Sie deutsches Salz nannten, ganz deutlich sagten: Ich könnte Dich hassen für die Weise, in der Du mich nach dem mir geleisteten Dienste ignorirt hast, als solle dies eine Strafe für meine frühere Zurückhaltung sein – für die Weise in der Du jetzt unter uns trittst, als dürfe Dich kaum eine Unfreundlichkeit von irgend einer Seite berühren; ich könnte Dich hassen darum – wenn ich es nur vermöchte! Denn hätten Sie sich wohl, einem gehaßten oder auch nur gleichgültigen Fremden gegenüber, so gedrängt gefühlt, ihm zu zeigen, was deutsche Musik sei, und damit ihm Ihre ganze Seele zu öffnen? – Und das dritte Mal –? ich war wild, ungestüm; aber hätte ich es sein können, wenn nicht schon ein fester Glaube an Das, was ich als mein einziges ferneres Glück erkannt, in mir gelebt, wenn dieses Glück nicht von der einen Minute, die mir gegönnt war, abgehangen hatte – und diese drei Male, Anna, sollten nicht genügen für eine klare bestimmte Antwort?“

Sie stand vor ihm, als bebe ihr geheimes inneres Leben noch immer davor, den Schleier, der es bis dahin verhüllt, von sich zu werfen. „Wissen Sie wohl,“ sagte sie, während ein süßes Lächeln um ihren Mund aufstieg, „daß Eugenie Sie einen modernen Dämon nennt, der nur des rechten Willens bedürfe, um eine Seele zu bestricken –?“

„Aber Sie, Anna, Sie glauben an einen guten Dämon!“ unterbrach er sie in drängender Hast.

„Ich will es!“ sagte sie, ihm voll in das Gesicht blickend, während er den Druck ihrer beiden feinen Hände fühlte; dann aber riß sie sich mit einer kräftigen Bewegung los und eilte mit plötzlich überströmenden Augen nach dem Hintergrunde des Zimmers. Er warf einen raschen Blick um sich, hinaus in den von Musik, Glanz und Duft durchwehten Saal, wo sich die Gäste zu der sich entwickelnden Polonaise gruppirten, und war mit drei Schritten dem Mädchen nach. „So nicht, Anna, so nicht! morgen habe ich Worte zu sprechen, zu denen ich volle Ueberzeugung bedarf – und dies ist unsere Verlobung!“ rief er gedämpft, während sein Arm zugleich die feine Gestalt umschlang. Sie hob das Gesicht unter Thränen lächelnd zu ihm – zwei, drei Mal legte sich sein Mund wie im vollen bewußten Genusse der Berechtigung auf ihre weichen Lippen; dann aber entwand sie sich ihm von Neuem, schlug die Hände vor das Gesicht und flüchtete nach einem der Divans, die Gluth ihrer Wangen in den elastischen Kissen bergend. „Ich gehe, meine Anna,“ flüsterte er ihr zu, einen leisen Kuß auf ihr duftendes Haar drückend, „ich habe hier nichts mehr zu suchen – morgen sehen wir uns wieder. Dann sollst Du Deinen guten Dämon erkennen lernen.“ – – Hellmuth wurde an diesem Abend sowohl von dem Hausherrn als von verschiedenen andern Seiten nach dem verschwundenen Maçon gefragt, zog aber immer nur die Achseln in die Höhe und sagte: „Er kam zu mir, damit ich ihn meinen Töchtern zuführe – das ist Alles, was ich von ihm weiß!“

Und als er später die veränderte Stimmung gegen ihn, auf welche er an diesem Abende am wenigsten gerechnet, zur Genüge meinte genossen zu haben und die beiden Mädchen aufsuchte, fand er bei diesen eine eben so unerwartete Bereitwilligkeit, mit ihm den Ball zu verlassen. Eugenie behauptete, noch nie ein solches Assortiment der langweiligsten Tänzer bei einander getroffen zu haben, und Anna, die jedes Engagement zum Tanze ausgeschlagen, wollte von den peinlichsten Kopfschmerzen befallen worden sein.

Als der Wagen, der die Familie heimführte, die Nebenstraße passirte, welche theilweise durch das Seitengebäude des stattlichen Hellmuth’schen Hauses gebildet ward, blickte im obersten Stock des Ersteren noch ein hell erleuchtetes Fenster hernieder.

„Dort oben sitzt er nun noch bei irgend einer Arbeit oder einem dummen Buche,“ flüsterte Eugenie der Schwester zu, „und kümmert sich nicht darum, ob ich mich langweile oder nicht. Ich glaube beinahe, er verlangt, daß ich ihm eine Erklärung mache!“

„Es giebt Erklärungen auch ohne Worte,“ gab Anna, noch halb in ihren Gedanken verloren, zurück, „und mehr konntest Du ohne bestimmte Aufmunterung kaum von ihm erwarten!“

„Ohne Worte!“ wiederholte die Erstere schmollend, „darauf verstehe ich mich nicht. Ich wollte lieber, er könnte es zu einem einzigen deutlichen und herzhaften Satze gegen mich bringen, und wäre es selbst im Bösen!“

Anna schüttelte leise den Kopf. „Man soll das Böse nicht herbeirufen, es kommt schon gar zu oft von selbst!“ sagte sie.

Das Halten deö Wagens schnitt das weitere Gespräch ab.

[177]
8.

Hellmuth war am nächsten Morgen noch nicht zehn Minuten in seiner Arbeitsstube, als er mit dem hellen Rufe: „Gruber!“ den Prokuristen zu sich beschied. Der Eintretende fand den Principal mit einem offenen Briefe in der Hand, während ein großes, sichtlich in Eile und nur halb geöffnetes Packet auf dem Schreibtische lag.

„Ich denke, wir haben diesen jungen Maçon zu rasch beurtheilt – wenigstens meinerseits ist das geschehen, wie ich mir sagen muß,“ begann Hellmuth, und zum erstenmale seit den letzten Tagen sah Gruber wieder den früher gewohnten ungetrübten Ausdruck freundlicher Würde in den Zügen des Chefs. „Hier lesen Sie gleich selbst!“

Es war eine ganze Correspondenz, welche sich vor den Augen des jungen Mannes aufthat, und lautete:

Verehrtester Herr Hellmuth!
Die nachfolgenden Zeilen Ihres früheren Buchhalters Meier werden Ihnen meinen Antheil an dem bei Ihnen begangenen Buchdiebstahl wohl völlig klar machen. Das Weitere wird Ihnen zeigen, wie ich dazu gekommen bin, Ihnen das vermißte Object wieder zustellen zu können. Gestern schon war ich im Besitze des letzteren; indessen lag mir aus ganz bestimmten Gründen, die ich mir erlauben werde, Ihnen persönlich vorzutragen, viel daran, auch ohne den jetzigen Beweis meiner Ehrenhaftigkeit von Ihnen als Ehrenmann behandelt zu werden, und so wartete ich unsere Begegnung am gestrigen Abende ab. Wie ich indessen von meinen Ihnen bereits bekannten Ansprüchen kein Jota fallen lassen werde und Ihnen dies bereits mittheilte, Ansprüchen, zu deren Begründung ich durchaus nichts als Ihrer eigenen Ehrenhaftigkeit bedarf, so glaube ich Ihnen doch auch sagen zu dürfen, daß Sie als Kaufmann, wie als Mensch, sich in keiner Weise einer unausführbaren oder auch nur harten Forderung meinerseits zu versehen haben werden. Erlauben Sie mir, Ihnen im Laufe des Morgens meine persönliche Aufwartung zu machen.
Adolphe Maçon. 
Herrn Adolphe Maçon!

Bezug nehmend auf meine früheren Verhandlungen mit Ihnen, bin ich in den Stand gesetzt, Ihnen mittheilen zu können, daß das einzige wirkliche Beweisstück der Ansprüche Ihres Herrn Vaters an das Geschäft der Firma Hellmuth und Compagnie sich in meinen Händen befindet. Gleichzeitig stelle ich mich Ihnen als lebender Zeuge der damals gemachten Stipulationen zur Verfügung. Dabei glaube ich indessen als so langjähriger Arbeiter in einem Geschäfte, das jetzt seiner Größe und Ausdehnung nach kaum in einem Verhältnisse zu den vormals eingeschossenen Mitteln steht, die Forderung stellen zu dürfen, daß von den Früchten meiner eigenen Arbeitskraft, welche das Geschäft zum großen Theile mit zu dem gemacht haben, was es ist, auch mir der rechtliche Theil abfalle; daß Sie, mit einem Worte, mir die bündige Versicherung geben, mich, sobald ich Ihren Ansprüchen die rechtliche Geltung verschafft haben werde, als gleichberechtigten Teilhaber in das Geschäft aufzunehmen – eine Maßregel, die Ihnen, der das Geschäft und seine Verbindungen nicht kennt, nur zum eigenen Vortheil gereichen kann.

Ihre baldige Antwort bitte ich an die unten bezeichnete Adresse zu richten, da mich eine Privat-Angelegenheit für einige Zeit außerhalb der Stadt hält.

Achtungsvoll
Michael Meier. 


Abschrift.

Herrn Michael Meier!

Da unsere Besprechungen durchaus keinen andern Charakter trugen, als mich über die Verhältnisse der Handlung Hellmuth und Compagnie auf dem kürzesten Wege, wie er mir von Ihnen freiwillig angeboten ward, zu unterrichten, so kann ich Ihnen nur mittheilen, daß ich zur Geltendmachung meiner Ansprüche durchaus keiner fremden Beweismittel bedarf. Im Gegentheil bin ich zur Wahrung meiner eigenen Ehre gezwungen, Ihnen zu eröffnen, daß, wenn binnen achtundvierzig Stunden das von Ihnen entwendete Hauptbuch der Firma A. Hellmuth nicht in die Hände des rechtlichen Besitzers – oder, sollten Sie es vorziehen, in meine eigenen – gelangt sein sollte, ich Ihre Zeilen als Beweisstück zu der gegen Sie einzuleitenden Untersuchung verabfolgen werde.

Adolphe Maçon. 


Gruber legte die durchlesenen Schriftstücke langsam wieder auf das Pult des Principals und warf einen raschen Blick auf das noch theilweise von seiner Umhüllung bedeckte Geschäftsbuch. „Er scheint seiner Sache in jeder Beziehung sicher zu sein!“ sagte er mit einer eigenthümlichen Betonung, und Hellmuth nickte, während ein stilles Lächeln sich um seinen Mund legte. „Ich denke auch seiner sicher zu sein und ihn völlig zu verstehen!“ versetzte er. „Ohne das Mißverständniß, welches ihn mit den Machinationen dieses Meier in Verbindung gebracht, wäre schon bei seinem ersten Besuche hier wohl Vieles anders gekommen. Sie thäten mir einen Gefallen, wenn Sie den Mädchen oben sagen ließen, [178] daß sie sich im Laufe des Morgens auf den Besuch unseres jungen Freundes gefaßt machen mögen!“

Gruber neigte mit den Worten: „Ich werde nicht verfehlen, Herr Hellmuth!“ leicht den Kopf, blieb indessen, wie mit einem Entschlusse kämpfend, stehen. „Sie sind jetzt,“ hob er nach einer augenblicklichen Pause wieder an, „so außer aller Gefahr hinsichtlich des Geschäfts, Herr Hellmuth, daß ich Sie, was ich in den vergangenen Tagen nie ausgesprochen haben würde, um – meine Entlassung bitten möchte. – Ich glaube Gelegenheit zu haben,“ setzte er rasch hinzu, „mich selbstständig machen zu können – es strebt doch ein Jeder nach endlicher Selbstständigkeit, und da ich voraussetzen darf, daß in Herrn Maçon Ihnen eine hinreichende Hülfe erwachsen wird, so – habe ich daran gedacht, mein Glück auf eigene Faust zu versuchen!“

Hellmuth blickte in augenscheinlicher Befremdung auf. Eine geraume Weile ruhte sein Blick in dem unsicheren Auge des Sprechenden. „Sie wollen das Geschäft verlassen, Gruber – jetzt – gerade jetzt?“ fragte er. „Hat Ihnen denn Jemand etwas zu Leide gethan, oder glauben Sie, daß ich Ihrer leichter als früher entbehren könnte? Haben Sie denn nicht mein ganzes volles Vertrauen genossen?“

Gruber schien sich zu einer festen Haltung zusammenzuraffen. „Ich habe mich doch noch niemals über etwas beklagt, Herr Hellmuth,“ erwiderte er; „ich kann ja nur mit dem allerherzlichsten Danke gegen Sie aus dem Geschäfte und aus Ihrer Familie scheiden; wenn ich das aber jetzt thue, so geschieht es eben nur, weil ich erkannt habe, wie dieser Schritt gerade jetzt der beste für mich ist. Immer hätte ich, besonders wie sich jetzt wahrscheinlich die Sachen in Ihrem Hause und Geschäfte ordnen werden, ja doch nicht hier bleiben können –“

„So –!“ nickte Hellmuth langsam. „Sie scheinen bereits Dinge klar zu sehen, von denen mir kaum eine Ahnung aufgegangen; es ist aber das erste Mal, daß ich bei Ihnen eine so starke Anlage zu geschäftlicher Eifersucht entdecke. Daß ich nun nicht so ohne Weiteres zu Ihnen sagen kann: gehen Sie, Herr Gruber, wenn Ihnen mein Haus nicht mehr behagt, daß es nicht das geschäftliche Interesse allein ist, was unsere gegenseitige Stellung zu einander bezeichnet hat, werden Sie wahrscheinlich selbst wissen, und so werden Sie mir wenigstens Zeit lassen, die eigenthümliche Lage, in welche Sie mich ohne alle Vorbereitung versetzt, etwas näher zu betrachten. Haben Sie jetzt die Güte, mir Willmann zu rufen – im Laufe des Morgens spreche ich dann weiter mit Ihnen!“

Der junge Mann verbeugte und entfernte sich. Hellmuth’s Blick entging nicht das bleiche Gesicht seines Gehülfen, dessen Ausdruck indessen nur einen festgewordenen, trüben Entschluß verrieth. Kopfschüttelnd legte sich der Principal in die Lehne seines Stuhles zurück.

Nach wenigen Secunden schon trat der kleine Comptoirdiener ein, und Hellmuth winkte ihn dicht zu sich heran. „Wissen Sie, daß Gruber das Geschäft verlassen will?“ fragte der Letztere.

Der Kleine riß mit einer wunderlichen Grimasse die Augen groß auf. „Herr Gruber? ich weiß kein Wort davon!“ erwiderte er mit dem Ausdrucke unverstellten Staunens.

„So! vielleicht können Sie mir aber doch einige Aufklärung über seinen rasch gefaßten Entschluß geben. Sie haben die Augen immer offen, Willmann, und ich wünsche in seinem Interesse, daß Sie mir keine Vermuthung Ihrerseits vorenthalten. Sie kennen die Angelegenheit zwischen mir und dem jungen Maçon; sie scheint sich jetzt aller Wahrscheinlichkeit nach auf die befriedigendste Weise für mich ordnen zu wollen – ich erwarte den jungen Mann heute Morgen und möglicherweise wird dieser in nähere Beziehung zu meinem Hause treten. Die Nachricht hiervon scheint Gruber’s Entschluß statt der Theilnahme, welche ich von ihm erwartete, hervorgerufen zu haben. Ich kann und will aber nicht an Gründe für seinen Austritt glauben, die mich fast an Meier’s Selbstsucht mahnen würden.“

„Ich unterstehe mich auf gar nichts zu schließen, was der Herr Principal beabsichtigt,“ antwortete der Kleine, „aber ich glaube in den letzten Tagen bemerkt zu haben und ich denke es unter den jetzigen Verhältnissen verrathen zu dürfen, daß Herr Gruber in Fräulein Eugenie sein ganzes Glück sieht –“

Hellmuth hatte mit scharfer Aufmerksamkeit den wenigen Worten gehorcht. „Und Eugenie?“ fragte er, ohne einen Zug seines Gesichts zu ändern.

„Ich habe nichts wahrgenommen, was mir über des Fräuleins Stimmung einen Anhalt gäbe!“ war die Erwiderung und der Fragende neigte, als komme eine Art Erleichterung über ihn, das Gesicht auf das Pult vor sich. „Das geht freilich nicht!“ murmelte er nach einer Pause kopfschüttelnd, „wenn ich auch bei Anna vielleicht Rücksichten hätte walten lassen. – Bringen Sie das Buch wieder an seinen Platz!“ fuhr er nach einer Weile fort, dem Diener das vor ihm liegende Packet zuschiebend, und stützte dann, als dieser das Zimmer verließ, mit leicht zusammengezogenen Brauen den Kopf in die Hand. Er sollte indessen nicht lange seinen Gedanken überlassen bleiben.

„Herr Maçon!“ meldete Willmann wieder eintretend, und der Kaufherr erhob sich rasch von seinem Pulte, augenscheinlich um dem Angemeldeten entgegegen zu gehen, unterbrach aber im nächsten Momente schon seine Bewegung. „Bitten Sie den Herrn, einzutreten!“ sagte er, und der Ausdruck einer stillen Spannung breitete sich, als Willmann den Rücken gekehrt, über sein Gesicht, der aber beim neuen Oeffnen der Thür einem verbindlichen Lächeln wich.

„Für einen Geschäftsbesuch fürchte ich nicht Sie zu früh zu überfallen!“ begann Maçon, der in der vollen eigenthümlichen Sicherheit, welche sein ganzes Wesen kennzeichnete, das Cabinet betrat, und Hellmuth rückte mit den höflichen Worten: „Bitte, Herr Maçon, Sie wissen, daß ich Sie erwartete!“ einen der Fauteuils herbei. „Setzen Sie sich!“ Dann ließ er sich selbst auf einem andern Stuhle nieder, die Rede des Gastes mit erhobenem Kopfe erwartend.

Der junge Mann sah dem Kaufherren mit einem ernsten Lächeln in’s Gesicht. „Wir sind, als ich zuletzt hier war, unverrichteter Sache von einander geschieden, Herr Hellmuth,“ begann er, „Sie haben seitdem wohl die Ueberzeugung gewonnen, daß ich, ganz abgesehen von meinen eigenen Quellen, die volle Einsicht in das Verhältniß meines verstorbenen Vaters zu Ihnen gewonnen habe. Was nun auch meine eigenen Wünsche in Bezug auf unser gegenseitiges Verhältniß sein mögen, so darf ich diesen doch in keiner Weise Raum geben, ehe meine Ansprüche, die ich Ihnen nicht näher zu entwickeln brauche, vollständig von Ihnen anerkannt sind. Erlauben Sie mir also, einige kurze Fragen an Sie zu richten, Herr Hellmuth! – Erkennen Sie an,“ fuhr er dann fort, als der Hausherr mit völlig regungslosem Gesichte schwieg, „daß die Capital-Einlage meines Vaters in ihr Geschäft unter der wohlverstandenen Bedingung geschah, daß er damit Theilhaber Ihres Geschäfts würde?“

„Und wozu sollen diese Fragen unter vier Augen dienen, Herr Maçon?“ entgegnete Hellmuth steif. „Stehen Sie als Gegner vor mir, so kann ich Sie nur auf meine letzte Erklärung verweisen; haben Sie mir aber irgend einen Vorschlag zur Güte zu machen, wozu dann wieder die Dinge auf die Spitze treiben, die sich jeder Einigung zwischen uns entgegenstellen muß?“

„Nun wohl, Herr Hellmuth,“ erwiderte der junge Mann mit einem neuen Lächeln, „ich bedarf einer Anerkennung meines Rechts, sei es auch nur unter vier Augen, wenn ich überhaupt weiter zu Ihnen reden soll; die Sache läßt sich vielleicht abkürzen. Unter den Papieren meines Vaters fand sich ein Brief von Ihnen, welcher die Grundzüge des beiderseitig einzugehenden Geschäfts-Contractes enthielt. Sie haben darauf hin das Capital in Empfang genommen, dieses als Geschäftsantheil in Ihre Bücher eingetragen und es zu Geschäftszwecken verwandt. Würden Sie diese beiden letzten Punkte und somit die thatsächliche Ausführung Ihrer Stipulationen, trotzdem ich mich aller Beweise dafür begeben, ableugnen?“

Hellmuth war einen Schatten bleicher geworden. „Die einfachen Thatsachen, wie sie hier von Ihnen hingestellt werden, zu leugnen, ist mir noch nie eingefallen!“ antwortete er nach einer Pause.

„Bitte, Herr Hellmuth, bleiben wir einmal dabei stehen,“ schnitt Maçon mit hellem Gesichte den sichtlich auf den Lippen des Kaufherrn schwebenden Nachsatz ab. „Würden Sie nun Angesichts dieser unbestreitbaren Thatsachen einen Vergleich mit mir, als dem Erben meines Vaters, dahin eingehen, daß Sie mich zur Ausfüllung der Firma, deren „Compagnie“-Anhängsel ja nur auf meinen Vater deutet, als mit Ihnen gleichberechtigten Eigenthümer in das Geschäft aufnähmen?“ In unverhüllter Spannung ruhte das Auge des Sprechenden auf dem Gesichte Hellmuth’s, der jedoch nichts von Ueberraschung über die plötzliche Wendung verrieth.

„Ich möchte zuerst wohl Ihre gesammten Ansprüche vernehmen, [179] ehe ich Ihnen meine Antwort gebe,“ erwiderte er nach einer Pause mit unbewegter Miene. „Sie sprachen gestern Abend von Forderungen Ihrerseits, von denen ich noch keine Ahnung habe.“

Ein flüchtiges Roth trat in das Gesicht des jungen Mannes. „Forderungen? ich habe, sobald Sie meinen Vergleich annehmen, nur noch zu bitten, Herr Hellmuth,“ erwiderte er. „Wollen Sie aber auch meinen Bitten schon im Voraus auf den Grund sehen, so heißen sie: Nehmen Sie mich in Ihre Familie auf, der ich ohne Freunde und Angehörige jetzt in der Welt herumlaufe, und – versprechen Sie mir, mir die Rechte eines Sohnes zu geben, wenn ich vielleicht schon in Kurzem Sie darum angehen sollte!“

Er hatte dem Kaufherrn die Hand entgegengestreckt; dieser aber faßte die letztere wie in leichter Höflichkeit und zog die Augenbrauen nachdenkend in die Höhe. „Sie gehen, wie mir scheint, etwas rasch vorwärts, Herr Maçon!“ sagte er. „Ein Vergleich in der Ausdehnung, wie Sie ihn vorschlagen, will überdacht sein; zum Andern aber habe ich kaum erst das Vergnügen gehabt, Sie kennen zu lernen –“

„Halt, Herr Hellmuth, das Alles kommt nicht aus Ihrer Seele!“ rief der junge Mann, die Hand des alten Herrn festhaltend. „Ich spreche mit vollem, offenem Herzen zu Ihnen, und Sie dürfen mir nur in gleicher Art begegnen, wenn Sie der Mann sind, als welchen Sie mein Vater schilderte. Sie möchten keinen Tag mehr unter den jetzigen ungewissen Verhältnissen leben, lassen Sie mich das ruhig aussprechen, denn ich gestehe Ihnen, daß ich es eben so müde bin; senden Sie mich aber heute unverrichteter Sache weg, so würde ich nicht in der jetzigen Weise wiederkommen können – und so bitte ich Sie von Herzen, Herr Hellmuth, lassen Sie uns nicht mit dem Schicksal spielen, das oft nur auf die Versäumniß eines günstigen Augenblicks wartet, um den Menschen dafür zu strafen!“

Hellmuth neigte, wie noch immer unschlüssig, den Kopf, ohne dennoch dem jungen Manne seine Hand zu entziehen. „Trotz alledem würde es mir kaum möglich sein, eine so schnelle Entscheidung über mein ganzes Vermögen zu treffen,“ sagte er, während sich ein leichter Zug von Laune um seinen Mund legte; „ich habe Töchter, deren Zukunft darauf basirt ist –“

„So fragen wir sie, und ihre Entscheidung soll maßgebend sein,“ rief Maçon, sich rasch erhebend. „Noch einmal, Herr Hellmuth, gehen Sie offen und ohne Reserve mit mir zu Werke!“

„Sei es denn so!“ rief der Hausherr, sich gleichfalls erhebend; „es wird ihnen indessen unerwartet kommen, und Sie mögen selbst jede Erklärung übernehmen, da Ihr Drängen mir keinerlei Art von Vorbereitung erlaubt!“ In seinem Gesichte stand ein Zug innerer Befriedigung, den selbst die in Falten gezogene Stirn nicht zu verdecken vermochte. – – –

In den Corridor vor dem Besuchszimmer war Gruber mit bleichem Gesichte und zögerndem Schritte getreten. Im Hintergrunde des Raumes stand Eugenie, die beim Erblicken des jungen Mannes rasch und in sichtlicher Unruhe auf diesen zuging. „Sie haben mich zu sprechen verlangt, Fräulein!“ sagte der Letztere, hörbar seine Stimme zur Festigkeit zwingend.

„Ja, Gruber, ja!“ erwiderte sie, in augenscheinlicher Aufregung einen Schritt vom Eingange zurücktretend, „kommen Sie hierher! Willmann sagt, Sie wollten unser Haus verlassen – das ist doch nicht wahr? sagen Sie rasch Nein, damit ich ruhig werde!“

„Ich werde allerdings gehen, Fräulein!“ erwiderte er, leicht den Kopf senkend.

„Und warum – warum?“ fragte sie hastig, die feine, weiße Hand wie unbewußt an seinen Arm legend.

„Wozu sollen Ihnen die Gründe etwas helfen?“ entgegnete er, „Sie werden jetzt im Hause eine größere Befriedigung als durch mich erhalten. Der junge Maçon tritt aller Wahrscheinlichkeit nach in nähere Beziehung zu Ihrem Hause, wie zum Geschäfte, und wird Ihnen Alles gewähren, was Sie in mir vermißten –“

„Gruber, ich bitte Sie doch, was reden Sie denn?“ rief sie und schloß in voller Ungeduld die Hand um seinen Arm, „was geht mich denn dieser Maçon an?“

In seinem Gesichte zuckle es. „Vielleicht wird Ihnen das bald Ihr Herr Vater mittheilen – und haben Sie mir denn nicht selbst gesagt, wie sehr Sie sich für ihn interessiren?“

Einen Augenblick wich das Blut aus ihrem Gesichte. „Mein Gott, mein Gott,“ sagte sie plötzlich, seinen Arm loslassend, und in ihrer Stimme klang es, als wolle die innere Erregung ihr Thränen auspressen, „haben Sie mich denn nicht ein klein Wenig mehr lieb, daß Sie mir so etwas sagen können? Dazu haben Sie mir gegenüber Muth, aber zu keinem andern klaren Worte! Gehen Sie nur, ich werde ja wohl auch das überwinden, wenn auch dieser arrogante Maçon nicht –“ sie kehrte sich ab, als sei sie ihres Gesichtsausdruckes nicht mehr Herrin; er aber folgte ihr in überwallender Empfindung.

„Eugenie,“ sagte er mit bebender Stimme, „nicht wahr, Sie wußten, was meine höchsten Wünsche waren, wußten, was ich fühlte, wenn mir oft Ihnen gegenüber die Rede versagte, was mich aber auch zum Gesellschaftsmenschen machte, wenn Sie eine freundliche Miene für mich hatten –“

Sie wandte langsam das Gesicht mit thränengefüllten Augen und einem lächelnden Zug um den Mund nach ihm. „Nun ja – und wenn ich es wußte?“

„Sie wußten es, Eugenie,“ fuhr er, den Kopf senkend, fort, als fürchte er eine neue Bestrickung durch dieses rosige, in Thränen lächelnde Gesicht, „aber die stille Empfindung, der alltägliche Mensch, von dem Sie schon seit der Kinderzeit jede Herzensfrage kannten, genügten Ihnen nicht; Sie verlangten nach Neuem, Blendendem, und der erste Komet, der Ihre Bahn kreuzte, war genügend, um seinetwillen einen alten treuen Trabanten bei Seite zu stoßen. Ist das nicht so? und weshalb fragen Sie mich jetzt noch, warum ich aus dem Hause gehe, wenn der Komet in seinem vollen Glanze aufzieht? Es ist gut so für uns Beide, Fräulein Eugenie, denn wären Sie erst zur Erkenntniß meiner Unbedeutendheit zu einer Zeit gekommen, wo es zu einer Trennung vielleicht zu spät war, so hätten wir Beide einem langen Leben voll geheimen Unglücks verfallen müssen –“

„Gott im Himmel, der Mensch thut und redet, als wäre es an mir gewesen, ihm eine Erklärung zu machen,“ unterbrach sie ihn, in einem neuen Ansatze zu ungeduldigem Weinen. „Was helfen denn einem Mädchen Ihre stillen Empfindungen, ohne daß es ein klares Wort davon hört? Ich bin ärgerlich gewesen auf Ihre Weise, als müsse sich Alles zwischen uns von selbst verstehen, und habe zu Ihrem eigenen Aerger mich für diesen Maçon interessiren wollen, bis mir es wurde, als sei er mit seinem ganzen Wesen, das nirgends ein Hinderniß zu kennen scheint für das, was er will, ein Dämon, der mich zur Strafe an dem Finger, den ich ihm geboten, in’s Verderben ziehen würde, und ich mich in Angst vergebens nach Ihnen umsah. Jetzt haben Sie doch wenigstens ein verständliches gerades Wort gesprochen, und ich habe Ihnen geantwortet – nicht wahr, Sie bleiben jetzt, Gruber?“ fuhr sie drängend fort, ihre Hand von Neuem an seinen Arm legend, „es liegt nichts mehr zwischen uns, und Sie sprechen zu mir, gerade wie es Ihnen um’s Herz ist?“

„Eugenie!“ rief er unter voller innern Aufregung, mit Mühe seinen Ton dämpfend, „und wenn Sie auch die Liebe, die mich jetzt so unglücklich macht, in etwas teilten, – Sie werden nicht können, wie Sie wollen – ich sehe mit voller Bestimmtheit, was im Werke ist, und Sie ahnen nicht, was von einem Arrangement, wie es wohl von Ihrem Vater schon beschlossen ist, abhängt!“ Er hatte fast unbewußt ihre Hand ergriffen, und sie legte die Finger dicht um die seinen.

„Wer will mich zwingen zu etwas, was ich nicht mag, wenn ich Ihrer sicher bin?“ fragte sie mit einem durch ihre Thränen aufglänzenden siegenden Blick.

„Meiner?“ gab er, seiner Empfindungen nicht mehr mächtig, zurück, „Eugenie, ich wollte ja gern kämpfen und sterben für Sie!“ Das Mädchen lag an seiner Brust, er wußte nicht, wie es geschehn – da sprang plötzlich die Thür des Corridors auf und ein lautes, fast entsetzt klingendes „Eugenie!“ ließ Beide aus einander prallen.

Hellmuth in Gesellschaft seines Gastes stand unweit von ihnen und schien im Anblick der Gruppe fast zu Stein geworden zu sein. Maçon aber hatte nur einen einzigen schnellen Blick auf die Ueberraschten geworfen und faßte dann kräftig den Arm seines Begleiters. „Hier legen wir später unsere Frage vor, kommen Sie, Herr Hellmuth, Fräulein Anna wird freier sein uns zu hören!“ sagte er mit dem Ausdrucke voller Laune und wollte seinen Begleiter nach dem Besuchszimmer fortführen. Allein dieser blieb, wie noch immer halb betäubt, stehen.

[180] „Herr Gruber, Sie gehen nach dem Comptoir und erwarten mich dort!“ sagte er endlich.

Aber durch den strengen Ton seiner Worte der Scham und Befangenheit, die sie mit Purpur übergossen, plötzlich entledigt, trat Eugenie vor den wie niedergeschmettert dastehenden jungen Mann. „Ich habe Gruber heraufholen lassen, Vater, da ich hörte, daß er aus unserm Hause gehen wollte, und Du wirst ihn jetzt darum nicht vor Fremden demüthigen; ich rede mit Dir und werde Alles vertreten, sobald Du allein bist!“

„Kommen Sie, Herr Hellmuth, ich versichere Sie, daß sich Alles zur Zufriedenheit lösen wird,“ warf Maçon dazwischen, „Fräulein Eugenie hatte völlig Recht, dergleichen Angelegenheiten lassen sich nur unter vier oder sechs Augen ordnen!“ Es war ein fast muthwilliger Ton, der in den Worten klang, und Hellmuth, sichtlich schon befremdet von dem ungewohnten, bestimmten Wesen seiner Tochter, wandte verlegen den Blick nach seinem Begleiter, „folgen Sie meinem Rathe!“ sprach dieser, und augenscheinlich nur mechanisch ließ sich der Kaufherr nach der Thür des Besuchszimmers führen.

Mit einem hellen Roth in den feinen Zügen erhob sich Anna von ihrem Sitze am Fenster, als die beiden Männer eintraten, aber ein glänzender Strahl von Glück war es, der aus ihrem Auge den voranschreitenden Maçon empfing, ehe sie vor seinem feurigen Blicke die Lider senkte.

„Hier ist unsere Haupt-Instanz, Herr Hellmuth, und Sie erlauben mir, daß ich sogleich zur Verhandlung schreite, da ich doch einmal meine Sache selbst verfechten soll,“ begann der junge Mann, als wolle er den Hausherrn damit jedem andern Gedanken entreißen. „Die Sache ist die, Fräulein, daß ich heute darum nachgesucht habe, mit Sohnesrecht in Ihre Familie treten zu dürfen, daß der Papa aber die Entscheidung seinen Töchtern, als den hauptsächlich davon Berührten, überlassen hat. Nun bitte, Fräulein,“ fuhr er in weicherem Tone fort, die Hand des tief erglühenden Mädchens ergreifend und sie dem regungslos blickenden Vater näher führend, „sagen Sie ihm doch, daß Sie wenigstens nichts gegen mich haben, daß sich sogar unsere Herzen bereits gefunden und daß wir nur seine Verzeihung erwarten, wenn es hinter seinem Rücken geschah –“

„Ich verstehe Sie nicht völlig, Herr Maçon –“ ließ sich Hellmuth hören, den unsichern Blick abwechselnd auf den beiden vor ihm Stehenden ruhen lassend.

„Vater!“ rief das Mädchen und warf sich an seine Brust, das glühende Gesicht an seiner Schulter bergend.

„Einfach, Herr Hellmuth,“ sagte Maçon, in voller Herzlichkeit die Hand des alten Kaufmanns ergreifend, „lassen Sie uns den neuen Bund festschürzen und sie hier, die schon mit ihrem Herzen mein ist, das bindende Glied zwischen uns sein. Ich darf es sagen, Sie machen keinen Unwürdigen zum Sohne!“

„Anna? Anna? Sie wollen Anna zur Frau?“ fragte Jener, als traue er noch immer dem Gehörten nicht.

„Ja, Anna, Herr Hellmuth!“ erwiderte der junge Mann mit einem Lächeln des Glücks.

„Und Du –?“ der Alte hob fast in Hast den Kopf seiner Tochter; als er aber in deren schwimmendes Auge blickte, schien erst die Gewißheit des Unerwarteten zu seinem vollen Bewußtsein zu kommen und er löste das Mädchen leicht von seinem Halse. „Das heißt Schlag auf Schlag, laßt mich erst zur Klarheit mit mir selbst gelangen!“ rief er und begann einen hastigen Gang durch das Zimmer, sich dann, die Stirn reibend, dem Ausgange zuwendend, als wolle er in volle Einsamkeit mit sich selbst flüchten.

Durch die sich öffnende Thür aber trat ihm jetzt Gruber, bleich, doch in der Haltung eines Entschlossenen entgegen. „Herr Hellmuth –!“

„Kommen Sie jetzt auch noch?“ unterbrach ihn der Angeredete, seinen Schritt wie erschrocken anhaltend.

„Erlauben Sie mir nur ein einziges Wort, Herr Hellmuth,“ rief Maçon, mit einem Handdrucke das Mädchen verlassend und dem Alten zueilend. „Ich trete nicht mit leeren Händen in Ihr Geschäft, ich bringe diesem außerdem eine Zahl neuer lucrativer Verbindungen zu, wir werden weit über Ihre jetzigen Arbeitskräfte zu thun erhalten, und Sie werden es wohl noch segnen, Herr Hellmuth, wenn einmal zwei Söhne an Ihrer Seite stehen können –“

„Ich kann Ihnen nur sagen, lieber Herr,“ unterbrach ihn der Alte, „daß Sie auf dem besten Wege sind, meinem Verstande ebenso jeden Halt zu nehmen, wie Sie jegliches Fundament, auf das ich gebaut, unsicher gemacht haben. Sie werden die Güte haben, mich jetzt mir selbst zu überlassen!“ Und den Kopf zurückwerfend, schritt er an dem Procuristen vorüber aus dem Zimmer.

Maçon aber faßte die Hand des Letztern. „Kommen Sie, Herr Gruber, Sie sollen sehen, daß ich Sie bei unserer ersten Zusammenkunft nicht umsonst meiner Zuneigung versichert habe – holen Sie Ihre Schwester, Anna; er soll zwei Paare glücklich machen, wenn er zurückkommt!“




Die Firma Hellmuth und Compagnie blüht heute noch in ausgedehnter Thätigkeit unter der Leitung der beiden Schwiegersöhne des Begründers. Der Alte war, nachdem er sich in späteren Jahren aus dem Geschäfte zurückgezogen, eigenthümlich rasch verfallen. Mit dem nothwendigen Ende seiner Geschäftsthätigkeit schien auch jedes andere Interesse am Leben in ihm erstorben zu sein, und eines Tages ward er todt auf dem Sopha in seinem Zimmer gefunden, wohin er sich die ersten zehn Jahrgänge von den Hauptbüchern des Geschäfts hatte bringen lassen.

Meier war nach seinem verunglückten Versuche, eine Selbstständigkeit für sich zu erzwingen, wieder zu einer Buchhalterstelle in einem Concurrenzgeschäft von Hellmuth gelangt; aber die Nemesis schien ihn zu verfolgen. Die Verhältnisse, welche ihn aus Hellmuth’s Comptoir entfernt, waren nicht verschwiegen geblieben, und er wurde aus kaufmännischer Anstands-Rücksicht wieder aus seiner neuen Stellung entlassen. Dann ward er Makler, aber nur mühselig gelang es ihm, unter der allgemeinen Abneigung den nöthigsten Unterhalt zu gewinnen. Seine letzten Tage wurden nur durch regelmäßige Gaben Hellmuth’s, deren Ursprung er nie erfuhr, gefristet. „Er hat sich zwanzig Jahre treu erwiesen und blos einmal vom Teufel blenden lassen!“ hatte der Geber auf das stille Kopfschütteln Willmann’s, welcher allein und geheim die Ablieferung des Geldes vermittelte, wie zu seiner eigenen Rechtfertigung gesagt, und damit war jeder Widerspruch für immer beseitigt gewesen.

Willmann aber, dessen kahlen Scheitel nur noch wenige schneeweiße Haare bekränzen, schafft trotz einer Kurzathmigkeit, die sich eingestellt, noch immer im Hause – ist aber mehr in der Kinderstube des Gruber’schen Ehepaares, an das er sich eng angeschlossen, daheim, als im Comptoir. Behauptet er doch, daß ohne ihn wohl Manches anders in dem Schicksale des Paares gekommen wäre, aber nur, wenn ihn eine besondere Stimmung zu der Dienerschaft nach der Küche bringt, läßt er sich herbei, einzelne Andeutungen zu geben über die frühern Zeiten und die unsichern Fundamente, auf welche der alte Herr gebaut gehabt.