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Titel: Uhlandslinde
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[320] Uhlandslinde. In der Frühe des ersten Mai hat auf Anregen des Verschönerungsvereins in Stuttgart die Einweihung einer zu Uhland’s Andenken gepflanzten Linde; die, wie die Höhe, auf der sie steht, des Dichters Namen trägt, stattgefunden. Der Liederkranz sang drei Uhland’sche Lieder, ein Gedicht von C. Schönhardt wurde gesprochen, und J. G. Fischer sprach folgende Einweihungsworte:

„Zwischen die Blüthen dieses und des vorigen Frühlings fällt der Schatten eines theuren Grabes. Heute vor einem Jahr klang es durchs ganze deutsche Land von Liedern und Segenswünschen und flatterte von Ruhmeskränzen um das Haupt des geliebten Dichters, der sein fünfundsiebzigstes Wiegenfest beging. Diese Jubelrufe waren nicht ohne Trübung, denn die Sorge durchkreuzte sie, dieses Wiegenfest könnte das letzte sein, das der Gefeierte beging. Das Geschick hat die Sorge wahr gemacht, und wir haben, eben als die Blätter jenes Frühlings herbstlich dahin sanken, Ludwig Uhland in die Erde gelegt. Was Jedem einmal beschieden ist, den schwersten Gang hat die allgemeine Trauer ihn gehen sehen müssen.

Aber auch das, was nur Wenigen, was nur den Auserwähltesten zu Theil wird, ist ihm geworden, die Liebe und die Bewunderung der ganzen Nation. Heute schon zieht die Geschichte eine große Summe von Beweisen, wie er eingedrungen, wie er wirkt, und der erste Frühling nach Uhland’s Tode giebt lautes Zeugniß, welch lebendiger Organismus ihn mit seinem Volk verbindet.

Ja, das Volk, das deutsche Volk ist der Grund und Boden, durch welchen Uhland’s Seele ihr starkes Wurzelwerk schlingt und treibt. Ist er doch recht ein Vorläufer und Bahnbrecher des Gedankens gewesen, dem Hochflug unserer Classiker den schönsten und natürlichsten Canal in’s Volk herab zu öffnen dadurch, daß er, wie selten einer vor ihm, mit dem Auge des Volkes sah, mit dem Munde des Volkes sang, seine Wander- und Frühlingslieder, seine glockenhellen Balladen, sind sie nicht Gewächse, ganz und voll nur aus einem Herzen gezeugt, das an der Lust und Sonne des Volkes großgewachsen? Darum sind sie auch die ganz eigenthümliche, seelenerfrischende, duft- und safthaltige Volksnahrung, darum singt sie das Volk und singt sie wieder, so reich und vielgestaltig der Hall und Schall von andern Vögeln dazwischen klingt; und von Uhland’s Muse selbst könnte der Mund des Dorfes singen: „Ich hatt’ einen Cameraden, einen bessern find’st Du nit!“ Darin liegt es eben, warum Uhland so ganz verstanden ist und bleibt, daß er sich nicht verführen ließ von dem Schallen und Knallen, darnach überreizte und übersättigte Ohren begehren mögen, daß er mit weiser Selbstbeschränkung sein klargegossenes heimathliches Lerchenlied anhub und aufhörte, unbeirrt von dem exotischen Grazioso und Maestoso, das die Salonschläger schwülerer Zonen in die Mode brachten. Diese charaktervolle Selbstbeschränkung ist es, wodurch er groß ist; dieses Insichselbsthineinknieen und Insichselbsthineinhorchen hat ihm seine Wirkung gesichert, von der man tausend Anderen gegenüber sagen kann:

Sie suchen und suchen ohne Ruh’,
Doch der Wahrheit fällt es von selber zu.

Und darum kamen wir heraus, um ihn, der nur die Natur zum Meister genommen, mitten in der Natur zu feiern, die auf ungesuchte Weise, wie er, blühend und herrlich ist. Diesen Baum hat die Dankbarkeit und Liebe seiner Ehre und seinem Namen gesetzt.

Es ist ein echt altdeutscher Baum, der gepflanzt zu werden pflegt am Eingange der Dörfer und Städte, wo die Straßen hineinführen zu Haus und Hütte der Einzelnen und heraus in alles weite Vaterland. So soll Uhland’s Name uns stehen als ein Merkzeichen unlösbarer Verknüpfung aller deutschen Herzen zu einem ganzen und starken Volke.

Einst, wenn unsere Urenkel herauspilgern werden zu diesem Baume, wenn die Vögel und Bienen ihn durchschwärmen, werden sie noch wie wir Uhland’s Lieder singen, werden seinen Namen preisen wie den Walther’s von der Vogelweide – und noch mehr, sie werden sagen: er war ein echter, er war im unbeugsamsten Sinne des Wortes ein ganzer deutscher Mann!

Dieser Zukunft treibe in Stamm und Aesten zu, aufgrünendes Gewächs, eingeweiht von Uhland’s eigenen Worten:

Gesegnet seist du allezeit
Von der Wurzel bis zum Gipfel.“