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Topographia Germaniae
Leyden (heute: Leiden)
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aus: Matthäus Merian (Herausgeber und Illustrator) und Martin Zeiller (Textautor):
Merian, Frankfurt am Main 1654, S. 141–145.
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[141] Leyden / Theils wollen / daß diese schöne / veste / und grosse Holländische Stadt / deß Ptolemaei Lugodunum Batavorum seye. Cornelius Aurelius, ein fleissiger Nachforscher der Antiquitatum Batavicarum, nennet sie fast allenthalben Leydas, in plurali numero; Gerardus Geldenhaurius Noviomagus aber Legiam. Die Niederländer heissens Leyden / und Leyen / dessen Namens Ursprung beym Zuerio, in Holland. Theatro pag. 206. zu lesen. Theils wollen / daß sie Engistus, umbs Jahr 450. erbauet habe; welches aber Philippus Cluverius lib. 2. antiq. German. cap. 36. für eine Fabel hält / und sagt / es seye kein Zweiffel / daß der Römer Drusus allhie ein Castel erbauet habe. Und will auch besagter Zuerius, daß die Burg / oder Pyrgus, mitten in der Stadt / auff einem jähen Hügel gelegen / von den Römern erbauet worden; wiewol theils solche dem gedachten / der Anglo-Saxonum, Hertzogen Engisto zu schreiben. Es ligt diese Stadt zwo Meilen vom Haag / und 3. von Delfft. Hat einen anmuthigen und bequemen Lufft / allerhand lautere gute Wasser / an unterschiedlichen Orthen / darauff man auch mit kleinen Schifflein fahren kan. Daher die Gassen allda säuberer / als offt anderswo die privat Wohnhäuser / gehalten werden; wie Georgius Loysius, in Pervigilio Mercurii, observat. 183. pag. 63. bezeuget. Und seyn solche lang; und stehen fast in allen / auff beyden Seiten / grosse Linden / und andere Bäum. Die Häuser seynd auch von gebackenen Steinen / mit schönen Erckern / und Gibeln. Es ist aber Anno 1612. die Stadt wiederumb erweitert worden / [142] und wird jetzt derselben Theil / von dem Weissen / biß zu dem Zyler Thor / die Neue-Stadt genant; in welcher meistentheils Fläming / und Walonen / wohnen / die das Webwerck treiben: wie man dann vor Zeiten / und noch / viel Sajet / und Buret / allhie gemacht / darzu man da ein stattlich Kauffhauß / die Hall genannt / hat. Sonsten ist die gantze Stadt in 20. Bonnas, oder Bunders abgetheilet / deren ein jede ihren Oberherren: und ist sie mehr in einer Oval-Form / als in die runde erbauet / auch mit Mauren / und Wällen / darzwischen viel Thürne seyn / versehen. Hat sehr viel Brücken. Der Boden umb die Stadt / von dem Rhein / daran sie liget / das Rheinland genant / ist eben / gar lustig / und über die maß fruchtbar. Es gibt allhie Frantzösisch / Engelländisch / auch Lutherische Kirchen. Sonsten aber seyn da 3. vornehme Kirchen / deren die erste zu S. Peter die schöniste ist / darinn ein Brodt / so zu Stein worden / gezeigt werden solle / als ein reiches Weib / ihre arme Schwester in einer Theurung abgewiesen / und gesagt / wann sie ein Brodt habe / daß solches zu Stein werden solte. Es ligen in dieser Kirchen Thomas Erpenius, Petrus Bockenbergius, Historiographus Hollandiae et Zelandiae, Joannes Heurnius, der berühmte Medicus, Rembertus Dodonaeus, der Käyser Maximiliani II. und Rudolphi II. Leib-Artzt / und Raht / und andere vornehme Leut mehr / begraben / deren epitaphia Gotfridus Hegenitius, in Itinerario Frisio-Hollandico, p. 113. seqq. setzet. Und seyn viel Wappen / und Fahnen der Fürsten / Graffen / Freyherren / und von Adel / so allhie ihr Ruhestättlein haben / in solcher zu sehen. 2. Zu S. Pancratio, ins gemein / weil sie hoch ligt / Hochland genant / so die künstlichste; und 3. die Frantzösische / oder zu unser Frauen / in welcher Josephus Scoliger, mit dieser Grabschrifft / an dem Ort / wo er hat pflegen die Predigten zu hören / ruhet: Deo Opt. Max. Sacrum, et aeternae memoriae Josephi Justi Scaligeri, Jul. Caes. à Burden F. Principum Veronensium Nepotis, Viri, qui in vincto animo, una cum Parente, Heroe Maximo, contra Fortunam adsurgens, ac jus suum sibi persequens, Imperium Majoribus ereptum, ingenio excelso, labore, in defesso, inusitatâ, in Literariâ Rep. quasi fataliter recuperavit; sed praesertim ejusdem modestiae, quod sibi fieri vetuit, lidem, qui in Urbem hanc vocarunt, Curatores Academiae, ac Urb. Coss. hoc in loco Monumentum P. E. L. C. Ipse sibi aeternum in animis Hominum reliquit. Er Scaliger hat selber nicht gewolt / daß ein andere Schrifft solte an das Grab gesetzt werden / als diese / so noch daselbst gelesen wird: Josephus Justus Scaliger, Jul. Caes. Fil. Hîc expecto Resurrectionem. Zu eusserst am Grabstein stehet: Terra haec ab Ecclesia emta est, Nemini huc cadaver inferre licet. Es ligt in dieser Kirche auch der vornehme Mann Carolus Clusius, dessen Grabschrifft besagter Hegenitius pag. 100. hat. Jacobus Clusius, der Artzney Doctor / hat ihme diese Vers gemacht:

Non potuit plures heic querere Clusius herbas:
Ergò novas campis quaerit in Elysiis.

Item:

Omnia Naturae qui munera pectore clusit
Clusius, herbifero clauditur hoc tumulo.

Ferners ist zu sehen die Bibliothec / darzu am ersten Printz Wilhelm von Oranien / die Complutensische Bibel verehret / dessen Freygebigkeit andere nachgefolget / und unter denselben Joannes Holmannus, der H. Schrifft Professor, der alle seine Bücher / vor seinem Todt / solcher überlassen; Iosephus Justus Scaliger aber derselben 208. geschriebene / Griechisch / Hebreisch / Chaldaisch / Syrisch / Arabisch / Aethiopisch / Persisch / Armenisch / und Reussische Bücher / verschafft hat. Es seyn auch geschriebene Bücher / auß deß Bonaventurae Vulcanii Bibliothec da / 2. das Collegium der Hohen Schul / so nicht groß / und kleine Auditoria, oder Leßstuben hat; wie in einem Rayßbuch stehet. Es ist gleichwol dasselbe / nach der Brunst / im [143] Jahr 1616. vorgangen / wieder stattlich restaurirt worden / wie die Schrifft im Eingang desselben bezeuget. Und daher schreibet Zuerius, im Jahr 1632. daß dieses Collegium schön / weit / und bequem seye; der auch am 206. Blat zu lesen / mit was vor Solennität die Hohe Schul allhie Anno 1575. introducirt worden. Joannes Limnaeus de Jure publico libr. 8. cap. 1. num. 39. will niemands rathen / daß er allhie den gradum eines Doctoris annehme. Dann ob schon in Franckreich / und Engelland / vielleicht wegen eines Vertrags / ein solcher für einen Doctor passiren mög; so seye doch zu befürchten / daß er im Römischen Reich nicht unangefochten bleiben werde. Meteranus meldet im 18. Buch seiner Historien / daß Anno 1596. erhalten worden / daß die allhie gemachte Doctores auch in Franckreich passieren möchten; allein der Professorem Stell würde ihnen nicht verstattet. Gestalten Hertzog Heinrich von Bouillon / der Printzen / Moritzens und Friederich Heinrichens von Oranien / Schwager / Anno 1696. von König Heinrichen dem Vierten in Franckreich ein Privelegium erhalten / durch welches zugelassen worden / daß die Doctores zu Leyden creirt, im gantzen Königreich / zu allen Aemptern / die ihnen eigentlich zu verwalten zustünden / allein der Professorum Stelle außgenommen / solten zugelassen werden: wie Ioan. Meursius lib. 1. Athen. Batav. cap. 10. schreibet. D. Thomas Lansius, in commentatione de Academiis, pag. 6. et seqq. erörtert diese Frag / Ob ein allhie gemachter Doctor auch / ausserhalb der Niederländischen vereinigten Provintzen / für einen solchen zu halten seye? und sagt / unter anderm: Communi Christiani Orbis consensu tacitè jam in eam discessum est sententiam, ut quicunque in aliqua à summo aliquo Principe instituta Academia titulum aliquem scholasticum legitimè acquisivit, is passim pro tali Graduato in caeteris Regnis ac Provinciis Christianis habeatur. Atqui veteor, ne istud Belgarum Unitorum factum jam sit exemplum illius Regulae, quâ multa ab initio fieri prohibentur, sed quae facta tenent; arg. l. 1. in fin. ff. de liberis exhibendis. Bey dem gedachten Collegio ist der Hohen Schul Garte / und gleichsam desselben Theil / weiln im Sommer die lectiones von den Kräutern in solchem gehalten werden. Ist ein sehr lustiger / mit Bäumen / innheimischen / und frembden Gewächsen / wol besetzter Orth / der Anno 1600. angeordnet worden. Was die / so hinein gehen wollen / in acht zu nehmen / das stehet daran geschrieben. In desselben Hof seyn 2. sehr lange und breite Indische Rohr / ein Holtz / so zu Stein werden / und ein Holtz / welches / wann man starck daran stosset / Wasser von sich gibet. Was in der Anatomi-Cammer vielfaltiges / seltzames / und wunderliches zu sehen / das beschreibet Hegenitius, in seinem Itinerario, vom 105. biß auff das 112. Blat. Und seyn darunter Mumien auß Egypten / von viel hundert Jahren; Eine schwartze Münchs-Cappen eines Moscowitischen Mönchs. 5. Blasenstein / so in deß obgedachten Ioannes Heurnii, weyland Professoris Medici allhie / Cörper / nach seinem Tode / seyn gefunden worden. Pantoffeln auß dem Königreich Sian in Ost-Indien gelegen. Ein Kopff von einem Elend / auß deß Großfürsten in der Moscau Thiergarten / so sein Leib-Medicus, D. Jacobus Paludanus, Burger zu Leyden / Anno 1622. hieher vereheret hat. Ein Elenphanten Kopff. Ein Tigerthiers Kopff / auß Ost-Indien. Eins Crocodils Blut / so in die Augen gethan / dieselbe klar machet / und Anno 1620. von Cayro auß Egypten gebracht worden. Ein Thier / so im Königreich Maxica in Americo unter der Erden / wie ein Maulwurff / Motwerff / oder Scharrmauß / lebet / ein zartes / und wolgeschmacktes Fleisch hat / welches die Spanier Armadilio, das ist / Bewaffnet / heissen. Ein gehörnter Kefer auß Ost-Indien / so auch ein fliegender Stier / und Hirsch / genennet wird. Schlangen Eyer / auch auß Ost-Indien. Ein Ring von einem Meerpferds Zahn. Der durch die Welt berühmte Stein / Calsavve Orientalis genant / so von dem Berg Caucaso; und den Insuln [144] Carmeniae, gebracht wird / und hohe Tugenden und Würckungen hat. Ein Sebel auß deß grossen Mogul Königreich in Ost-Indien. Ein Aethiopischer Dolch / dessen Hefft eines Teuffels / (den die armen Leute daselbst anbetten) Bilde gleich sihet. Und anders verwunderliches viel mehrers. Das Waysenhauß ist auch zu sehen / in welchem auff die 700. Knaben / und Mägdlein / umb sonst unterhalten werden. Es übertrifft an Sauberkeit / und Schönheit / viel Fürstliche Häuser / also / daß seines gleichen in gantz Niederland nicht zu sehen. Von Weltlichen Gebäuen ist obgedachte Burg / neben S. Pancratii Kirch / welche in ihrem Umbkreiß über 500. Rueten begreifft / und allenthalben / mit einer starcken Mauer umbgeben ist / und so hoch ligt / daß man alle Ort herumb gar leichtlich davon sehen kan. Mitten darinn ist ein gar tieffer Brunn. Der Ort selbsten ist hin und wieder / zu grossem Nutzen / und Lust der Bürger / mit Bäumen besetzt. Und von solcher seyn vor Jahren die von Wassenaer lange Zeit Burggraffen zu Leyden genannt worden. Und hat den alten Burggraffen allhie auch die Stadt / und das Rynland herumb / gehört. Das Rahthauß ist ein schön groß neu Gebäu / auff dessen Thurn ein schönes Uhr- und Cymbelwerck / und ein lustiges außsehen; und seyn in der Burgermeister Cammer sehr stattliche Gemählde / vom Cornelio Engelberto, und Luca Leidensi, weyland Burgern allhie / verfertigt / und soll Käyser Rudolphus der Ander / für die Tafel deß Jüngsten Gerichts / so gemeldter Lucas gemahlet / so viel Ungarische Ducaten zu geben angebotten haben; so viel nemblich solche damit zu bedecken vonnöthen wären. Wie diese Stadt Anno 1574. von den Spanischen belagert worden / das sihet man allda in etlichen Teppichen / so ein Advocat allhie mit der Nadel gestickt / oder gewürckt hat. Dann als diese Stadt Anno 1572. vom König in Spania / wegen deß Hertzogs von Alba Tyranney / abgefallen / so wurde sie im gedachten 74. Jahr / 7. Monat lang belagert / und vom Hunger sehr geplagt / und sturben an der Pest in 6. oder 7. tausent Personen. Man schriebe / durch hierzu abgerichte Tauben / an den Printzen von Oranien / nach Delfft / umb Hülff / aber man kundte ihr nicht anderst / als zu Wasser / helffen. Deßwegen dann die Seeländer ankamen / und / auff Befelch deß Printzen / die Teich und Thämme durchstachen / damit sie zu ihrer Schiffart Wasser haben möchten; und geschach damaln auff die 600. tausent Gulden werth Schaden. Als nun auch GOtt durch einen Wind ihnen das Wasser wunderbarlich herzu führte / und in die höhe triebe / so musten die Spanier auß allen ihren Quartieren weichen / und bekennen / daß nicht der Feinde / sondern das Wasser sie vertrieben hätte. Und kamen also die Seeländische Schiff bey Leyden an / proviantirten / und erledigten die Statt von der Belagerung / nach deme / kurtz zuvor / auff die 26. Rueten lang / die Stattmaur allbereit eingefallen war; und verlohr sich darnach das Wasser wieder mit dem Winde / nach dem es GOttes Befelch außgerichtet hatte. Der Printz Wilhelm von Oranien kam selbsten nach Leyden / und dieweil die Statt so standhafft gewesen / und viel außgestanden / auch sehr alt / und berühmt / so hat Er / sampt den Staaten / das Jahr hernach / obbesagte HoheSchul angerichtet. Anno 1635. seyn allhie auff die 20. tausent Menschen an der Pest gestorben / wie im 53. Buch deß Newen Meterani stehet. Nicht weit von dem Collegio ist ein Hauß / die Dulen genannt / da man zechen / spielen / und in den Lustgärten und Plätzen daselbst / seine Kurtzweil haben kan. Sihe Georg Braun / im 2. seines Städtbuchs / C. Ens in deliciis apodem. p. 160. seqq. Petr. Bert. in explicat. tab. contr. Geogr. p. 215. Gotfr. Hegenit. in Itiner. Frisio-Holland. vom 97. biß auff das 128. Blat / Zuerium, in Theat. Hollandiae, Meteranum lib. 5. und andere mehr.

Es hat etliche vornehme Ort umb diese Statt / als 1. Rensburg / Reinsburg / Rhenoburgum, auff tausent Schritt von der Statt gelegen / ein vornehmes [145] allda vor Zeiten ein sehr berühmtes Adeliches FrawenCloster gewesen / darin die Holländische Fürsten begraben worden seyn; davon noch altes Gemäur übrig ist. 2. Noortuick / der Dousarum Land-Guth. 3. Rodanburg / allda vorzeiten ein sehr vestes Schloß gestanden / davon nichs mehr übrig. 4. Catvick am Rhein / drey Meilen von Leyden / davon nicht weit ein anderes Dorff / Catwiick op Zee genannt / weil es nahend dem Meer gelegen / da das berühmte Britannische Schloß / het huys de Britten, oder Brittenburg / gestanden / in welchem die Römer ihre Besatzung hatten; davon obgedachte Zuerius, Hegenitius, und P. Bertius, und zwar dieser pag. 219. seqq. zu lesen: Und 5. Sevenhuysen in de venen / ein Yorck / 4. Niederländische Meilen von der Statt / bey einem Lustwalde / so man das Holländische Paradeiß nennen könte / gelegen / und dessen Länge fast von einer halben Meil / und die breite von einem Achttheil ist; darinn es seine Wasser hat / auff welchen man mit Schifflein fahren kan. Umb die Frühlingszeit kommen allerhand Vögel / sonderlich die Quacken / Scholfers / Lepelaers / und Reygers / in grosser Anzahl / und machen da ihre Nester / so sie hernach umb den September verlassen. Es begeben sich aber zuvor die Leuthe allenthalben hieher / und schütteln die Bäume / mit sehr langen Stangen / daß die Vögel wie Aepffel / oder Bieren / herab fallen; deren sie sich / als einer niedlichen anmuthigen Speise / hernach gebrauchen.