Textdaten
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Autor: Theodor Creizenach
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Titel: Theodor Körner in Leipzig
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 743–744
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Theodor Körner in Leipzig.
Einem Freunde nacherzählt von Th. Creizenach.

Meine zwei letzten Schuljahre verbrachte ich auf einem oberdeutschen Gymnasium. Mein Vater, obwohl in Sachsen heimisch, hatte doch eine besondere Vorliebe für den kleinen Staat, zu dem diese Lateinschule gehörte. Der Director derselben war ebenfalls ein geborener Sachse und hatte noch Beziehungen zu seinem Geburtslande. Ich hatte schon zu Hause sagen hören, dieser Gelehrte sei als geschmackvoller Philologe den Besten in Deutschland gleichzustellen und auch sonst kein übler Mann, wenn auch Viele ihn nicht leiden könnten. Dies Urtheil wurde mir in Ellerburg, wo unser Gymnasium sich befand, vollkommen bestätigt. Professor Winfried wußte vortrefflich zu reden, sein Vortrag war würdig und elegant, ohne Schwulst und ohne Geziertheit; aber ein gewisses hochmüthiges Wesen war bei ihm um so anstößiger, als er sich vor den Großen des Ländchens meisterhaft zu schmiegen verstand und die Regierung in ihren bedenklichsten Händeln keinen gehorsameren Parteigänger hatte, als ihn. Er war in Dorf und Stadt eben nicht beliebt. Gleichwohl konnte man ihm nichts weniger Schuld geben, als thätige Bosheit oder Rachsucht; ja, man hätte ihm bei mancher Beleidigung, die ihm widerfuhr, um des Anstandes willen mehr Zornmuth und weniger Versöhnlichkeit gewünscht.

Winfried las mit uns außer den Alten auch deutsche Dichter. Am liebsten verweilte er bei der romantischen Schule; vor dem jungen Deutschland konnte er nicht genug warnen und erklärte einmal, er würde seinen eigenen Sohn eben so gern sterben sehen, als ihn zu dieser Rotte zählen müssen. Er war ein Deutschthümler vom reinsten Wasser und floß über von Bezeigungen der Pietät, wenn etwa von Arndt oder Max Schenkendorf die Rede war. Daher fiel es uns um so mehr auf, wie er jede Gelegenheit ergriff, unseren Liebling Theodor Körner auf’s Strengste durchzuziehen und uns zu versichern, es sei in demselben kein Funke echter Bildung und Poesie zu finden, man habe aus einem solchen „Taumler“ und wüsten Renommisten viel zu viel Wesen gemacht.

„Wie kommt göttlichen Personen ein solcher Zorn?“ fragten wir uns öfter, mit Anwendung eines classischen Dichterwortes. Ich hätte nach meiner Heimkehr Gelegenheit gehabt, mich darüber zu belehren; aber in der nächsten Zeit traten mir die Schulerinnerungen in so entlegene Ferne zurück, daß ich keinen Trieb hatte, Forschungen der Art anzustellen. Erst vor wenigen Jahren, als wir zu Dresden die Nachricht von Herrn Winfried’s Tode aus der Zeitung erfuhren, kam die Rede auf jenes anscheinend grillenhafte Urtheil, und ein befreundeter alter Herr ertheilte mir darüber die vollständigste Belehrung.

Im Jahre 1810 kam Winfried von Wittenberg aus, wo er studirte, öfter nach Leipzig. Bei seiner großen Jugend war er doch über die meisten Burschen bereits hinausgewachsen. Man sah ihn vielfach im Verkehr mit angesehenen Familien, besonders höherer Beamten. Seine Kenntnisse, seine Suada und die altkluge Würde, mit der er über die damaligen Studentenhändel sprach, verschafften ihm ein gewisses Ansehen. Er schien bei seiner Frühreife des Eintrittes in Amt und Würden schon ziemlich sicher zu sein. Er hatte sich daran gewöhnt, mit den ersten sächsischen Würdenträgern jener Zeit für das französische Kaiserthum zu schwärmen und die patriotischen Aeußerungen aus dem Kreise der Studenten für vorlaute Redensarten zu erklären.

Nun war damals ein bedeutendes Jahrgeld zu vergeben, das immer einem Studirenden der Philologie zukam und das nicht den gewöhnlichen Stipendien gleichzuachten war. Mit demselben war einige Beschäftigung an einer höheren Lehranstalt verbunden; und da es fast nur an sehr begabte junge Leute vergehen wurde, so war man gewöhnt, es als eine der schönsten Anwartschaften zu betrachten. Winfried konnte sich wohl Hoffnung darauf machen; er hatte sich durch seine Gewandtheit, wie durch Anstand und erkünstelte Bescheidenheit mehr als irgend ein Mitbewerber empfohlen. Die meisten Stiftungsverwalter sprachen sich für ihn aus. Das entscheidende Wort freilich mußte aus dem Munde des Präsidenten kommen; aber auch ihm schien Winfried angenehm zu sein.

Von den Uebrigen, die auf das Jahrgeld Anspruch machten, kam eigentlich nur noch ein gewisser Wermeroth in Betracht. Gegen ihn sprach wohl das Herkommen in so fern, als er den Naturwissenschaften fast mehr Eifer zugewandt hatte, als den alten Sprachen. Aber sein bisheriger Lebenslauf erweckte für ihn das höchste Vertrauen. Seine Anlagen waren mehr solid, als glänzend, wie auch seine sanften, ruhigen Augen erst dann fesselten, wenn man erkannt hatte, was aus ihnen sprach. Er war dreiundzwanzig Jahre alt und hatte sich erst mit neunzehn Jahren einem gelehrten Berufe zuwenden können. Durch Unterricht in besseren Häusern in Dresden wurde er bei Schülern, die nur um wenige Jahre [744] jünger waren, als er, ungemein beliebt; er hatte aus ihnen eine kleine Schaar gebildet, die in einem für jene Zeit neuen Sinne die Schulstudien mit anstrengenden Spaziergängen, mit mineralogischen und botanischen Fahrten abwechseln ließ und welchen der Gedanke nicht fern lag, sich durch solche Abhärtung zu Vaterlandskämpfern heranzubilden. Diese Lebensweise setzte er, so weit sein rastloser Fleiß es zuließ, in Leipzig fort, wenn auch nur mit denjenigen, die er von Dresden aus kannte. Ob er sich dadurch gerade den Behörden empfahl, ist sehr die Frage; ob der Präsident sein Thun mit Neigung oder mit Mißtrauen betrachtete, konnte Niemand wissen. Unter Privatleuten aber und mehr noch unter den Hochschülern hatte er geschworene Anhänger; von den letzteren war der Hervorragendste ein Studiosus der Cameralien und des Bergbauwesens, Theodor Körner aus Dresden.

Ein größerer Gegensatz unter jungen Leuten läßt sich kaum denken, als den Körner zu Winfried bildete. Auch er war frühreif, sogar in noch höherem Grade. Aber er war unbekümmert um den Schein, ließ Alles, was in ihm lag, brausen und gähren und stellte sich unbedenklich heraus, wo es galt, nicht sein eigenes, sondern eines Freundes Interesse zu vertreten. In früher Jugend schon mit großen Männern bekannt, stellte er seinem Ehrgeize ein hohes Ziel, hatte jedoch von der Genialität, die zur Erreichung desselben befähigt, sehr unklare Begriffe. Er war nicht ohne tiefere Richtungen des Denkens und Dichtens; er studirte die griechischen Tragiker und versenkte sich in Fichte’s Philosophie; aber der fabelhaft leichte, spielende Schöpfertrieb in ihm schien damals blos die Oberfläche zu berühren und leichten Schaum aufzuregen.

Körner hatte einige Wochen auf einem Landsitze zugebracht, dessen Eigenthümer in der Sommerzeit literarische Berühmtheiten zu beherbergen gewohnt war. Diesmal hatte sich Frau Elisa von der Recke mit mehreren Freundinnen eingefunden, zu denen auch die Schwester des Präsidenten gehörte. Sie war weit jünger, als dieser, doch schon den Dreißigen nahe; früh verwittwet, lebte sie seit Jahren bei ihrem Bruder, der ihren Verstand hochschätzte und ihre Wünsche zuweilen auf seine Entschließungen einwirken ließ; der einzige Zug von Nepotismus, den man dem tüchtigen Manne zum Vorwurfe machte. Sie war von nicht gewöhnlicher Denkungsart, galt für eine Feindin der Fremdherrschaft und wurde den jungen Leuten, die ähnlich gesinnt waren, ein Gegenstand ritterlicher Verehrung. Auf dem Landsitze war der junge Dichter, so hieß es, durch Lobsprüche so ausgezeichneter Damen sehr gehoben worden. Winfried schloß nach seinen eigenen Gesinnungen, wenn er annahm, daß Körner auch Adolphinen näher getreten sei und sie in der Stipendiumsfrage für seinen Freund Wermeroth günstig gestimmt habe.

Hier will ich noch eine Bemerkung meines Gewährsmannes einschalten. „Sie werden,“ sagte er zu mir, „vielleicht vermuthen, Körner sei ein hübscher, hochgewachsener, prächtiger Bursche, Winfried aber ein unansehnlicher Schleicher gewesen. Hätte ich einen Roman zu erzählen, so würde ich die Sache wahrscheinlich so darstellen. Es ist aber nicht der Fall. Körner war nicht schön zu nennen; sein Gesicht war zu eng beisammen und zu dunkel schattirt; Winfried dagegen, wenn auch nur von mittlerem Wuchse, hatte ein ausdrucksvolles, klares Gesicht, an dem besonders Stirn und Nase edel geformt waren.“

Winfried hatte Takt genug, an keinem Orte, und am wenigsten da, wo es dem Präsidenten und Adolphinen zu Ohren kam, über Wermeroth etwas Geringschätziges zu äußern. Wohl aber traf er dessen Umgebung, vor Allen Körner, ohne ihn zu nennen, mit manchem empfindlichen Worte, indem er auf hohle Renommisterei und belletristische Eitelkeit anspielte. Wo Parteien und Cliquen bestehen, kommt jede üble Nachrede nur allzuleicht zur Kunde desjenigen, den sie betrifft. Bald nahmen die verschiedenen Abtheilungen der Studentenschaft an der Stipendiumsfrage lebhaften Antheil und in dem Kreise, dem Körner angehörte, herrschte eine besonders gereizte Stimmung.

Im Spätsommer, um die Zeit, da die Entscheidung jeden Augenblick bevorstand, hatte sich eine Anzahl Studirender, unter ihnen Theodor, in einem öffentlichen Garten bei Leipzig zusammengefunden. Der Abend war herrlich; es wurde manches Lied angestimmt und viele Spaziergänger waren in der Nähe des Tisches, den die frohe Gesellschaft einnahm, stehen geblieben. Auch der Präsident, seine Schwester am Arme führend, war unter denselben. Ihre Gegenwart verfehlte den gewohnten Eindruck bei den Sängern nicht und machte manche jugendliche Stimme heller und voller tönen. Winfried stand nahe bei ihnen. Während eines längeren Chorgesanges traf Wermeroth ein; Körner trat mit ihm zur Seite und bald waren sie im angelegentlichsten Gespräch begriffen.

„So steht die Sache?“ sprach Körner mit kaum verhaltenem Zorn. „Noch heute, gleich jetzt will ich es dem Ränkeschmied eintränken.“

„Um Gotteswillen, beruhige Dich,“ fiel Wermeroth ein. „Bedenke, daß Du nicht zum Besten angeschrieben bist, das Consilium hast Du schon unterzeichnet; ich würde Dein Mißgeschick verschuldet haben und mir wäre damit nicht das Geringste geleistet.“

Die Mahnung war weise genug, aber Körner nicht in der Stimmung, sie zu Herzen zu nehmen.

Als er wieder Platz nahm, hatte man eben das Reiterlied aus dem Wallenstein angestimmt. Jeder sang einen Vers und der kräftige Chor wiederholte den Refrain. Körner kam an die Reihe. Vom Text abgehend, trug er eine rasch improvisirte Strophe vor, wie die Aufregung sie ihm eingegeben. Bei den Anfangsworten zitterte ihm die Stimme; erst durch die Macht der Melodie wurde sie wieder in’s Gleiche gebracht. Er sang:

Wir reiten dem Schicksal entgegen keck,
Wir wissen das Glück zu erjagen.
Bei Schranzen und Pfaffen sucht es der Geck,
Da will er ein Stellchen erfragen.
Er zischt und schnüffelt, er schnüffelt und zischt,
Bis daß er sich endlich den Bakel erwischt.

Bei den Worten „der Geck“ erhob er den Arm mit ausgestrecktem Zeigefinger gerade gegen Winfried und hielt ihn in dieser Richtung bis zum Schlusse des Verses. Der Chor stimmte jauchzend und nach derselben Seite blickend ein:

Er zischt und schnüffelt, er schnüffelt und zischt,
Bis daß er sich endlich den Bakel erwischt.

Es entstand eine peinliche Aufregung; Adolphine blickte dem Präsidenten in’s Gesicht, dieser verzog keine Miene. Winfried wollte unbemerkt fortgehen, aber Körner stand auf und rief ihm nach:

„Winfried! Ich wohne Petersstraße, bei Buchbinder Nischke, im zweiten Stock.“

Zwei Tage nach diesem Vorfalle wurde Studiosus Körner durch Urtheil des Universitätsgerichtes relegirt.

Am Abend desselben Tages wurde Winfried vom Seniorenconvent der Studenten in Verruf erklärt.

Das Stipendium erhielt weder er noch Wermeroth. Doch nahm der Präsident Romlitz bald eine Veranlassung wahr, dem Letzteren eine vortheilhafte Stelle zu verschaffen. Er machte den Krieg vom Jahr Dreizehn als Freiwilliger mit, und wurde später als Professor der Mathematik an eine Militairschule berufen, an welcher er noch vor acht Jahren mit Auszeichnung wirkte.

Körner kam nach Berlin, sodann nach Wien, und durchmaß in weniger als drei Jahren unter dem Beifallsjauchzen der deutschen Jugend seine Laufbahn als Dichter und als Kriegsmann. Der frühzeitige Tod, der ihn bei Gadebusch ereilte, war für ihn und für seinen Ruhm ein Glück. Er bleibt uns das Vorbild eines kühnen, liebenswürdigen, von den schönsten Idealen erfüllten Jünglings, der seinen Lebenslenz mit edler Begeisterung ausgesungen hat. Was wäre in den trüben Jahren der Enttäuschung und des Mißtrauens aus ihm geworden? Er war nicht darnach angethan, auf engerem Gebiete den Kampf mit zäher Ausdauer zu führen, wie Uhland, oder sich in morgenländische Weisheit zu versenken, wie Rückert. Und wer kann sagen, ob seine Dichtung den Vollgehalt in sich trug, um sich nicht abzunutzen und nicht zu erschlaffen? Die Jugend und die frische Thatenlust machen ihren Werth aus.

Körner schlief seit Jahrzehenten unter der Eiche bei Wöbbelin, von Deutschland hochgeehrt. Nur der Rector von Ellerburg, Ordensritter, Studienrath und Kammermitglied, hatte ihm die Leipziger Improvisation nie verziehen.