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Textdaten
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Autor: Julius von Wickede
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Titel: Streifereien in Nord- und Südamerika/4
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 491-493
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[491]
Streifereien in Nord- und Südamerika.
Aus den Tagebüchern eines früheren schleswig-holsteinischen Hauptmanns.
Mitgetheilt von Julius v. Wickede.
IV.
Der Verkehr mit Indianern. – Wie man in Californien arbeiten muß. – Lebensweise auf der Reise. – Ueberfall eines Bären. – Guter Verdienst. – Abreise nach Chili. –

Es ist bei den Yankees Mode, den größten Theil der in Californien begangenen Raubanfälle und Mordthaten den Indianern aufzubürden, meiner Ansicht nach aber mit großem Unrecht. Ich bin sehr häufig auf meinen Reisen größeren und kleineren Indianer-Trupps begegnet, habe wiederholt allein, als auch mit meinen Leuten in der Nähe derselben geschlafen und niemals ist mir die mindeste Unannehmlichkeit von ihnen geschehen. Im Gegentheil, ich fand größtentheils ehrliche, offene Burschen, die große Gefälligkeit und Uneigennützigkeit zeigten – in Californien sonst leider nur zu seltene Eigenschaften – unter diesen Indianern, und dieselben sind mir stets ungleich lieber gewesen, wie diese Yankees oder gar Mexicaner. Schade nur, daß man die Indianer niemals an langanhaltende regelmäßige Arbeiten gewöhnen kann und dieselben daher als Gehülfen bei meinem Geschäft unbrauchbar sind. Wiederholt habe ich es versucht, Indianer als Mauleseltreiber in meine Dienste zu nehmen, aber es ging nicht, ich mußte stets zu den Mexicanern zurückkehren. Hatte sich dagegen ein Maulesel oder Pferd verlaufen, so waren sie vortrefflich zum Wiedereinfangen desselben zu gebrauchen und liefen für einen Dollar Belohnung den ganzen Tag umher, um den Flüchtling zu suchen. Auch zum Treiben der Rinderheerden sind dieselben gut zu gebrauchen. So hatte ich einst in Sacramento 150 Stück halbwilde Rinder gekauft, um dieselben nach Danielville treiben zu lassen, und zu diesem Geschäft zehn Indianer angenommen, die für jedes Rind, was glücklich in Danielville ankam, einen Dollar Belohnung erhielten. In neun Tagen trieben sie die Thiere dahin und kein einziges derselben ging verloren, obgleich der Weg durch die Felsenschluchten theilweise sehr gefährlich war. Ich verdiente bei diesem Handel an 3000 Dollars, verlor aber bei der nächsten Trift über 2000 Dollars wieder, da die Thiere von einem Schneesturme überrascht wurden und fast sämmtlich dabei zu Grunde gingen. Auch Maulesel verunglückten oft, indem sie in den stillen Schluchten Fehltritte machten und in den Abgrund stürzten oder auf andere Weise verloren gingen. Wären alle dergleichen Unglücksfälle, die häufig vorkamen, nicht gewesen, hätte ich bei meinem Transportgeschäft oft in einem Monate mehrere tausend Dollars reinen Gewinn haben können. So ging freilich ein guter Theil des Verdienstes wieder fort, doch hatte ich noch immer ansehnlichen Gewinn und konnte in rein pekuniärer Hinsicht schon zufrieden sein. Manchen verarmten Goldgräbern, die sich in ihren Erwartungen getäuscht sahen, habe ich übrigens nach besten Kräften geholfen und häufig einen Beutel mit 25 Pfund Mehl, oder Pökelfleisch, oder eine Flasche Branntwein gegeben, wenn ich auch wußte, daß ich nie eine Bezahlung dafür erhielt. Doch hatte ich es mir zum festen Grundsatz gemacht, nur Deutsche zu unterstützen und mich um Fremde, und besonders um Yankees, niemals zu bekümmern. Allen Armen konnte ich doch mit dem besten Willen nicht helfen, und so war ich der Ansicht, daß die Deutschen, und besonders die Schleswig-Holsteiner, wohl mehr Anrecht auf meine Hülfe hätten, wie diese Yankees, die bei jeder Gelegenheit nur die Deutschen verhöhnen und zu betrügen suchen. Den persönlichen Verkehr mit allen Deutschen vermied ich aber, so viel ich konnte, und ließ meine Unterstützungen stets durch Hansen vertheilen. Zum geselligen Umgang suchte ich mir womöglich die Franzosen und die Spanier auf, denn Erstere waren die lustigsten, Letztere aber die äußerlich anständigsten, und man ward auch am wenigsten durch rohe Sitten von ihnen beleidigt. Uebrigens hatte ich wenig Zeit, geselligen Umgang zu pflegen, denn mein Geschäft nahm mich sehr in Anspruch und ließ mir Tag und Nacht keine Ruhe.

Ich habe in Californien wirklich viel gearbeitet und alle meine Kräfte auf das Aeußerste angestrengt, dies Zeugniß muß ich mir selbst geben. Fünf Tage in der Woche war ich durchschnittlich fast auf der Reise und dann vom frühen Morgen bis Abends spät im Sattel, während ich die Nächte abwechselnd mit meinen beiden deutschen Gehülfen, die Büchse im Arm, den Revolver im Gürtel, Wache hielt, da ich weder vor meinen eigenen mexikanischen Treibern, noch vor den fremden Wegelagerern sicher war. Die Tage, die ich nicht mit dem Transport auf dem Wege verbrachte, mußte ich mich mit dem Einkaufen der Lebensmittel und sonstigen Waaren und der Aufsicht beim Auf- und Abladen der Packthiere, wobei ich selbst häufig mit Hand anlegte, herumplagen. Diese Tage in den Städten, bisweilen in Sacramento, häufiger aber, besonders in der letzten Zeit, in Marysville, wo ich die Waaren einkaufte, waren mir stets die unangenehmsten. Dies stete Handeln und Feilschen, dies ewige Aufpassen, um nicht betrogen zu werden, ekelte mich an und doch war es dringend nothwendig, wenn ich bei meinem Geschäfte Gewinn und keinen Verlust haben wollte. Am wohlsten war mir stets, wenn ich meine Einkäufe gemacht, meine Maulesel sämmtlich beladen hatte und mich auf meinem muthigen Hengste an der Spitze meines Zuges, auf der freien Prairie, welche vor den Gebirgen liegt, befand – sobald das Weiter nicht zu schlecht war. Hatte man aber in den Ebenen unaufhörliches Regenwetter, was dann im Gebirge sich schon mitunter in Schneegestöber verwandelte, dann war so eine fünftägige unausgesetzte Reise, bei der man nie unter Dach und Fach kam und stets im Freien bivouakiren mußte, wirklich ungemein anstrengend, besonders wenn sich dies Vergnügen Woche für Woche immer und immer wiederholte. In einem ordentlichen Bette habe ich während der sechzehn Monate, die ich in Californien war, nur die letzten fünf Nächte vor meiner Abreise geschlafen, außerdem sonst regelmäßig unter Gottes freiem Himmel auf dem bloßen Erdboden, oder in einem Stalle mit den Maulthieren und Pferden, oder in einem Zelte oder einer kleinen Erdhütte, wie es nun eben kam, zugebracht. Ich war dies Schlafen auf dem Erdboden, den Sattel als Kopfkissen, und dann, je nachdem es regnete oder kalt war, eine oder zwei große dicke Wollendecken zum Einwickeln, schon so gewöhnt, daß ich die ersten zwei Nächte gar nicht wieder in einem Bette schlafen konnte, so beengt kam es mir in demselben vor. Dank sei es der harten Jugenderziehung, die mir mein seliger Vater, dieser alte Soldat Friedrich des Großen, gegeben hat; ich bin, seitdem ich mich in Europa einschiffte, noch nicht einen Tag innerlich krank gewesen und habe mich bei allen Strapatzen und Entbehrungen körperlich wohl befunden. Uebrigens aß und trank ich stets gut und viel, und wenn ich auch jede Unmäßigkeit vermied, so ließ ich mir doch sonst nichts abgehen.

Die Lebensweise, wenn wir uns auf der Reise befanden, war folgende. Mit dem Frühmorgen wurde aufgestanden und die Maulesel, die mit gefesselten Beinen, damit sie sich nicht verlaufen konnten, in der Nähe weideten, eingefangen und beladen, was stets eine langwierige Arbeit war, da auf ein gutes Laden und Verpackung sehr viel ankommt. Während wir uns nun hiermit beschäftigten, bereitete einer meiner deutschen Gehülfen, gewöhnlich der frühere preußische Soldat, der die meiste Kochgeschicklichkeil besaß, an den Kohlen unseres Bivouakfeuers unser erstes Frühstück. Dies bestand aus sehr starkem Kaffee, der immer in reichlicher Quantität, aber auch ohne Milch und Zucker getrunken wurde, warmem Maiskuchen und frisch in der Pfanne gebratenem Speck. Gegen sechs Uhr Morgens setzte sich dann der Zug in Bewegung und es wurde bis gegen elf Uhr ohne Unterbrechung die Reise fortgesetzt. Voran ich auf meinem Rosse, ein anderes Pferd, was bei der Rückreise mit Goldstaub oder Goldkörnern, bei der Zureise in die Minen mit anderen, besonders werthvollen Waaren, namentlich auch feinen Weinen, Liqueuren u. s. w. beladen war, an der Hand führend. Meinem Rosse folgte der Zug der Maulesel, gewöhnlich zwischen zwölf bis zwanzig an der Zahl; bei je vier Thieren immer ein mexikanischer Treiber und zuletzt meine beiden deutschen Gehülfen, die auch noch einen bis zwei Maulesel, welche mit unserem Proviant, den Kochgeräthschaften, Decken u. s. w. beladen und auch [492] abwechselnd von Einem oder dem Anderen zum Reiten benutzt wurden. Um elf wurde im Sommer gewöhnlich im Schatten einiger Bäume Halt gemacht, die Maulesel erhielten Futter, wurden aber nicht abgeladen, wir Menschen verzehrten etwas kaltes Fleisch, Brod und ein Glas Rum, worauf wir uns dann abwechselnd zur Ruhe legten. Um drei Uhr, wenn die ärgste Hitze vorbei war, ward wieder aufgebrochen und bis zur anbrechenden Dunkelheit marschirt. An unserem nächtlichen Rastplatze angekommen, wurden die Maulesel und Pferde abgeladen, ihre Rücken sorgfältig untersucht, ob auch Verletzungen durch Druck oder Reibung der Packsättel entstanden waren, und dann entweder mit Mais gefüttert oder, wenn Weide vorhanden war, mit gefesselten Vorderfüßen auf dieselbe getrieben. Alle diese Geschäfte wurden unter meiner Aufsicht stets von den Mexicanern besorgt, die mit den oft sehr störrischen und bösartigen Mauleseln auch am besten umzugehen wissen. Die beiden deutschen Gehülfen besorgten unterdeß Holz für das Wachtfeuer, schlugen auch, wenn das Wetter gar so schlecht war, ein Regendach auf, indem ein großes getheertes Laken von Segelleinwand über vier in die Erde eingeschlagene Pfähle gespannt wurde, und bereiteten unser Abendessen vor. Wenn irgend möglich, bestand dasselbe aus frischem Fleisch, denn ich schoß unterwegs häufig Hasen, Rebhühner und anderes Geflügel, hin und wieder auch ein Stück Hochwild, obgleich letzteres seltener vorkam, kaufte auch, wenn ich es bekommen konnte, in den Ansiedelungen oder von den Indianern frisches Fleisch, da ich dasselbe für gesünder hielt, als den Speck und das Pökelfleisch. Das frische Fleisch wurde stets am Spieße gebraten und dann in großen Quantitäten verzehrt, wobei ein Deutscher drei Mal so viel wie ein Mexicaner aß, dazu wurden Maiskuchen oder eine Art Pfannkuchen, aus Grütze und Mehl bestehend, gebacken und auch in gehörigen Quantitäten verzehrt. Als Getränk diente Thee ohne Zucker und Milch, aber zum dritten Theil dafür mit Rum vermischt, wovon Jeder so viel trinken konnte, wie er nur mochte, wenn er sich nur nicht betrank. Bis nach zehn Uhr saßen wir so an dem stets in hohen Flammen unterhaltenen Wachtfeuer essend, trinkend, rauchend, plaudernd oder dem eintönigen Geklimper auf der Mandoline, die von einem oder dem anderen der mexicanischcn Treiber gespielt wurde, lauschend. Alsdann hüllte sich Jeder in seine Decken, schob den Sattel unter den Kopf und streckte sich, die Füße gegen das Feuer gerichtet, nieder, um durch den Schlaf Stärkung für die müden Glieder zu suchen. Einer von uns Deutschen mußte stets wach bleiben, um auf die Sicherheit der Waaren zu achten und das Feuer zu unterhalten, während einer der Treiber die in der Nähe weidenden Thiere beaufsichtigte. Führte ich Gold bei mir, so schob ich dasselbe unter den Sattel, der als Kopfkissen diente, und kann somit in Wahrheit behaupten, daß ich mich oft im wahren Sinne des Wortes auf Gold gewälzt habe.

Gewöhnlich legten wir auf diese Weise zwanzig englische Meilen in einem Tage zurück, in der Ebene oft etwas mehr, im Gebirge weniger. Bei Schneestürmen im Gebirge von Nigger-Jent nach Goodyear-Bar habe ich auf dieser Strecke von fünfzehn englischen Meilen oft zwei bis drei Tage zugebracht und wir Alle schwebten dabei in beständiger Gefahr, das Leben zu verlieren. Ueberhaupt ist dieser Transport von Lebensmitteln in der schlechten Jahreszeit nach den im entfernten Gebirge am Jubaflusse gelegenen Goldminen ein ebenso gefährliches wie anstrengendes Geschäft, zu dem die eisernste Ausdauer, große moralische Willenskraft und eine unerschütterliche Gesundheit gehören. Man kann mitunter bei einer einzigen Reise sehr viel verdienen, und an den eingekauften Waaren weit über hundert Procent Gewinn haben, bei der nächsten Reise aber wieder ohne Verschulden gleich großen Verlust erleiden. Einige Maulthiere brauchen nur auf den theilweise ganz schmalen Felsenpfaden auszugleiten, um mit ihrer Ladung in den Abgrund zu stürzen, und der ganze Gewinn ist verloren. Auch kann man bei anhaltendem Regenwetter gar nicht genug aufpassen, daß die Ladung bei dem Lagern im Freien und dem täglichen Auf- und Abladen auf die Saumthiere nicht durchnäßt und somit ziemlich werthlos wird.

Auf diese Weise habe ich als Händler mit Lebensmitteln und Besitzer einer Heerde Maulesel zum Lasttragen elf volle Monate fast alle Districte von Californien, in denen Gold gegraben und gewaschen wurde, durchzogen und mehr wie für 100,000 Dollars an Gold ist von mir aus den Minen in die Städte St. Francisco und Sacramento befördert worden. Am meisten machte ich den Weg von Marysville nach den nördlich am Jubafluß gelegenen Districten bis nach Danielville oder auch noch weiter herauf bis in die nördlichsten Districte. Diese Reisen waren zwar die beschwerlichsten und gefährlichsten, aber auch die lohnendsten, und ich habe daher dieselben immer vorzugsweise gern unternommen.

Bei einer dieser letzten Reisen, die im Winter bei scheußlichem Wetter stattfand, wäre ich beinahe unweit Danielville das Opfer eines großen grauen Bären geworden, unbedingt das stärkste und gefährlichste Raubthier, welches Amerika besitzt, denn der Puma oder sogenannte mexicanische Löwe ist lange nicht so gefährlich.

In der Nacht, als ich eben im besten Schlafe lag, weckte mich der bei den Mauleseln wachende Treiber mit furchtbarem Geschrei, indem er mir zurief, daß ein großer grauer Bär im Begriffe sei, sich auf einen der Maulesel, die ungefähr dreißig bis vierzig Schritte von uns im Schutze einiger Bäume angebunden standen, zu stürzen. Sogleich sprang ich auf, griff nach meiner Büchsflinte, die neben mir unter der Decke lag, und eilte der bezeichneten Stelle zu. Beim Scheine des eben zwischen den Wolken hervortretenden Mondes sahe ich, daß ein großer grauer Bär, wirklich ein riesiges Ungethüm, wie ich einen solchen noch niemals gesehen hatte, sich daran machte, einen Maulesel umzuwerfen und fortzuschleppen. In einer Entfernung von ungefähr funfzehn Schritten schoß ich nun den mit einer Spitzkugel geladenen Lauf meiner Büchsflinte auf den Bären ab, und verwundete denselben in der Schulter. Das ergrimmte Thier stieß ein furchtbares Wuth- und Schmerzensgeheul aus, ließ seine Beute fahren, und stürzte auf mich zu. So schnell wie möglich riß ich meinen sechsläufigen Revolver aus dem Gürtel, und feuerte den einen Schuß in größter Nähe auf meinen Feind ab, ohne ihn jedoch damit auf der Stelle zu tödten. Schon hatte derselbe mich erreicht, und eine seiner Tatzen bereits in den flatternden Zipfel des großen mexikanischen Poncho, den ich trug, eingeschlagen, als ich ihm den Revolver vor das eine Auge setzte und losdrückte. Die Kugel ging durch das Gehirn und der Bär stürzte augenblicklich todt zusammen, wobei er mir im Fallen noch den sehr dicken Poncho und eine Jacke von Büffelleder, die ich darunter trug, zerriß, und meinen Schenkel leicht aufkrallte. Hätte dieser letzte Schuß nicht den Bären auf der Stelle gctödtet, so wäre ich ein Opfer desselben geworden, da meine beiden deutschen Begleiter liederlicher Weise ihre Flinten nur mit Schrot geladen hatten. Es war ein ungeheures Thier, und sein Fleisch verschaffte uns auf mehrere Tage reichliche Nahrung, nachdem ich noch mehr als die Hälfte davon an deutsche Minenarbeiter, die in der Nähe lebten, verschenkt hatte.

Das abgezogene Fell des Bären ließ ich gerben, und gebrauche es noch jetzt hier in Mendoza als Satteldecke. Das Maulthier war aber am Halse von dem Bären so verwundet worden, daß ich es auf der Stelle tödten mußte, um seine Qualen nicht länger nutzlos zu vermehren. Diese großen, grauen Bären kommen übrigens in den Golddistricten von Californien nur noch äußerst selten vor, da der zahlreiche Menschenverkehr in denselben sie verscheucht.

Obgleich ich von meinem Geschäfte einen guten Gewinn hatte, so ward mir das ganze Leben und Treiben auf die Länge doch unangenehm. Dieser stete Verkehr mit rohen Menschen, die nur von dem Streben, sich Geld zu verdienen, beseelt waren, ekelte mich an, und es langweilte mich, beständig mit den geladenen Revolvers im Gürtel umhergehen zu müssen, um mein Eigenthum zu vertheidigen. Dabei war das Reisen während der Regenzeit auf die Dauer wirklich angreifend, und man verwilderte förmlich. Mich aber mit Grund und Boden in Californien ansässig zu machen, wie ursprünglich meine Absicht war, gefiel mir auch nicht mehr, nachdem ich alle inneren Verhältnisse des Landes genau kennen gelernt hatte.

Es ist nicht angenehm, in einem Lande zu wohnen, welches eine solche Anziehungskraft für alle rohen Gesellen nicht allein von ganz Amerika, sondern auch noch dazu von Europa und Australien besitzt, und wie dies in diesem Goldlande noch auf eine lange Reihe von Jahren der Fall sein wird. Wo Gold gesucht wird, kann eine ruhige, stätige Thätigkeit nie gedeihen, ein rastloses Streben nach schnellem Gewinn, eine unruhige Speculationswuth wird sich stets der Gemüther Aller bemächtigen.

Was hilft es aber, wenn man den besten Boden auch noch so wohlfeil kaufen kann, sobald die Arbeiter zur Bebauung desselben fehlen, und wenn man solche mit Mühe sich verschafft hat, diese wieder davon laufen, sobald sich das gewöhnlich sehr übertriebene [493] Gerücht verbreitet hat, dort oder da seien wieder neue Goldgruben von noch weit größerem Reichthum entdeckt worden? Als wandernder Handelsmann, als welcher man mit seinen Maulthieren diesem Zuge, der sich bald da, bald dorthin wendet, nachfolgen kann, vermag man in einem solchen Lande wohl Reichthümer zu sammeln, als stetiger Landbauer aber nicht. Ich sehnte mich aber darnach, jetzt endlich einmal ein festes Eigenthum zu besitzen, und so beschloß ich denn, Californien nach sechzehnmonatlichem Aufenthalt wieder zu verlassen.

Das Glück wollte, daß ich Pferde, Maulesel, Geschirr und meine Waarenvorräthe Mitte December 1854 in Sacramento zu recht annehmbaren Preisen an einen Mexicaner verkaufen konnte. Nun zog ich mein Vermögen zusammen, rechnete mit einigen Kaufleuten, mit denen ich in laufender Rechnung gestanden hatte, ab und fand, daß ich während meines Aufenthaltes in Californien nahe an 10,000 Dollars reinen Ueberschuß verdient hatte, und überhaupt jetzt ein Vermögen von über 20,000 preußische Thaler besaß. Mein Hansen, dem ich bestimmte Procente an dem Gewinn zugesichert hatte, besaß jetzt schon ein Vermögen von 2000 Thalern, und auch die beiden anderen deutschen Gehülfen hatten in der Zeit, während welcher sie bei mir beschäftigt waren, Jeder einige Hundert Dollars erspart. Der frühere preußische Soldat, ein gelernter Bäcker, wollte einen Brodhandel in Marysville anfangen, der Schleswig-Holsteiner kaufte sich zwei Pferde, und ward Lohnkutscher in Francisco; Hansen aber beschloß, sich nicht von mir zu trennen und vorerst die Reise nach Chili mitzumachen.

Ich hatte nämlich in Sacramento einen sehr gebildeten jungen Chilenen, der wieder in sein Vaterland zurückkehren wollte, kennen gelernt. Dieser konnte mir die Vorzüge desselben, und wie das Land sich besonders sehr zur Niederlassung für mich eignen würde, gar nicht genug rühmen, und so beschloß ich denn, ihn vorerst nach Valparaiso zu begleiten, und mir die Verhältnisse in Chili etwas genauer anzusehen.

Am 24. December 1854 schiffte ich mich in San Francisco am Bord eines prachtvollen nordamerikanischen Dampfers ein, von froher Hoffnung auf eine glückliche Zukunft erfüllt. Vier Jahre früher war ich an demselben Tage aus Rendsburg abgereist. Was hatte ich in dieser Zeit nicht Alles erlebt und durchgemacht!