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Aufruf zur Bildung von Vorschußvereinen

Textdaten
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Autor: Hermann Schulze-Delitzsch
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Titel: Aufruf zur Bildung von Vorschußvereinen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 493–495
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Aufruf zur Bildung von Vorschußvereinen.
Von Schultze-Delitzsch.


Geld und Credit im Ueberfluß für die Handwerker und kleinen Gewerbtreibenden! Kann denn Niemand von ihnen Geld brauchen? –

Fast klingt es, wie ein schlechter Spaß, wie die Anpreisung eines Marktschreiers, wenn man in diesen Tagen eine solche Frage an die Leute richtet und sie ordentlich bittet, daß sie die Gefälligkeit haben möchten, zuzugreifen; und noch dazu diejenige Classe, welche Beides am meisten bedarf und am seltensten erlangt. Und doch ist es so, von den obigen Worten geht kein Buchstabe ab. Wie viele sonst wackere Männer übersehen noch das nächste dargebotene Mittel zur Rettung aus unleugbarem Nothstande, die Aufhülfe durch eigene Kraft, und erwarten von irgend einer unerfindbaren Gewerbeorganisation den Schutz vor der ihre kleinen Geschäfte erdrückenden Großindustrie. Und doch müßte, nach den vielen vergeblichen Versuchen, eigentlich ein Blinder es begreifen, daß ihnen nichts weiter übrig bleibt, als auch ihrerseits mit der Zeit fortzugehen, sich der neuen Erfindungen, der Vortheile der neuern Betriebsweise zu bedienen, wenn sie auf die Länge bestehen wollen. Dazu aber ist vor allen Dingen Geld und Credit nöthig, und zwar mehr, als ihnen unter den bisherigen Umständen zu Gebote stand. Und wäre es nur, um die Rohstoffe im Großen besser und billiger zu beziehen, die in fast allen Branchen so ungeheuer im Preise gestiegen sind, daß, wer dieselben in kleinen Quantitäten vom Zwischenhändler zu entnehmen genöthigt ist, schon deshalb allein nicht Concurrenz halten kann. Beides aber, Geld und Credit, ist da, sobald die Handwerker nur wollen, das ist keine Chimäre, sondern eine durch unsere Vorschußvereine seit mehreren Jahren vor den Augen aller Welt erprobte Thatsache.[1] Während die großen Banken ihr Disconto in der letzten Zeit erhöhen mußten, ist die ohne viel Geräusch neben ihnen vorgeschrittene Bewegung ihrer bescheidenen Schwestern, der Vorschußvereine, binnen Kurzem dahin gelangt, ihren Mitgliedern den Credit von Jahr zu Jahr billiger gewähren zu können, da ihnen an Baarschaft soviel zufloß, daß sie nicht immer von allen Offerten Gebrauch machen konnten. Und dabei gehen diese Vereine lediglich von den Handwerkern und Arbeitern selbst aus, als reiner Ausdruck der Selbhülfe, ohne daß es etwaiger Wohlthäter unter den wohlhabenden Classen, fremder Hülfe, des guten Willens Dritter bedürfte. Die Organisation, die Wirksamkeit der schon seit mehreren Jahren bewährten Institute liegt offen vor aller Augen da, so daß man die Einrichtung der Mustervereine mit wenigen Modificationen fast immer auf die neu zu gründenden Institute übertragen kann, was in vielen gelungenen Fällen von Handwerkern ganz allein, ohne Zuziehung von eigentlichen Geschäftsleuten, in das Werk gesetzt worden ist. Die erforderlichen Capitalien finden sich dann, sobald nur Leute, welche als solid und rechtlich im Publicum bekannt sind, die Sache in die Hand nehmen, von selbst. Da sind Manche unter den kleinen Leuten, die Geld in den Sparcassen haben, was sie weit lieber den Instituten ihrer Genossen zuwenden, wo sie besseren Zins erhalten; da gehen von den Mitgliedern selbst in der Form geringer Monatsbeiträge Summen ein, welche allmählich schon in das Gewicht fallen. Die Sicherheit für die Gläubiger aber wird auf das Vollständigste durch die solidarische Haft sämmtlicher Mitglieder gewährt, worin wir den eigentlichen Hebel erblicken, welcher der ganzen Organisation ihre Macht verleiht. Denn wir haben es meist mit unbemittelten Gewerbtreibenden zu thun, deren wirthschaftliche Bedeutung zum großen Theil nicht in einem gesicherten Besitz, sondern in ihrer Arbeitskraft liegt; eine Eigenschaft, welche im Verkehr nicht als Sicherheit für Capitalanlage gilt, weil sie bei dem Einzelnen zu vielen Zufälligkeiten unterworfen ist, die derselbe nicht in der Gewalt hat. Dieser Mangel wird aber sofort gehoben, sobald eine größere Menge von Arbeitern zusammentritt und gegenseitig für einander einsteht, Zufälle und Unglück, die den Einzelnen betreffen können, überträgt, wie dies eben bei der solidarischen Verhaftung dem Gläubiger gegenüber geschieht, der sich alsdann wegen seiner ganzen Forderung an jedes Vereinsglied zu halten berechtigt ist.

Daß die aus der Vereinscasse den Mitgliedern vorgestreckten Summen verzinst werden müssen, daß man dabei auf Bildung eines Reservefond, wegen möglicher Verluste und Deckung der Verwaltungskosten Rücksicht zu nehmen hat, versteht sich von selbst. Deshalb können die Zinsen, wie bei einem Banquier, wenn man dessen Provision hinzurechnet, nicht unter 8–10 Procent auf das Jahr bemessen werden, wobei jedoch der Ueberschuß, welchen die Zinseinnahme nach Abzug sämmtlicher Geschäftsunkosten gewährt, den Mitgliedern in der Form einer Dividende wiederum zu Gute kommt. Sie zahlen also in jenen höhern Zinsen nur das, was das Bestehen des Institutes durchaus erfordert, und wie gering dieser Zinsabsatz überhaupt ist, einmal gegen den Vortheil, den sie sich mit dem so erhaltenen Capitale schaffen können, sodann gegen diejenigen Zinsen, welche sie außerhalb des Vereins bei unsern Geldleuten in der Regel zahlen mußten, weiß Jeder, der praktische Erfahrungen hierin gemacht hat, nur zu gut. Welcher Segen ist es für die Handwerker, in jedem Augenblicke 50–100 Thlr. und mehr erhalten zu können, und wie können hiergegen die 12½–25 Neugroschen in Anschlag kommen, die er dafür auf einen Monat zahlen muß! Schon sind die meisten Vereine selbst in unsern kleinen Städten dahin gelangt, daß sie die 300, ja 500 Thaler auf eine Post geben, sobald die Verhältnisse des Vorschußempfängers die nöthige Garantie bieten, und noch niemals – dies ist [494] wörtlich wahr – ist wegen mangelnden Cassenbestandes bei uns ein Gesuch abgewiesen worden, weil der Credit unserer Vereine es möglich machte, den Betriebsfonds jeden Augenblick beliebig zu verstärken.

Außerdem gewähren aber die Vorschußvereine auf der von uns empfohlenen Grundlage noch ein Resultat, auf welches wir besonderen Werth legen und welches kein anderes ähnliches Institut in dieser Weise bietet; daß sie nämlich den Mitgliedern die Anfänge einer eigenen Capitalbildung ermöglichen. Der große Anreiz hierzu liegt nämlich in der Dividende, die den Einzelnen nach Höhe ihres Guthabens in der Vereinscasse gewährt wird, welches sie sich durch das Einsteuern fortlaufender kleiner Monatsbeiträge gebildet haben, und dem die jedesmalige Dividende selbst wiederum zugeschrieben wird. Die Wirkung der ersten den Mitgliedern gewährten Dividenden überstieg alle Erwartungen, indem, trotz der einfallenden für die Handwerker unserer kleinen Städte so drückenden Nothjahre, sich die Monatssteuern auf das Doppelte, ja Dreifache des früheren Betrages erhoben, weil auch die Aermsten jeden Groschen, den sie sich abdarben konnten, in die Casse trugen, um ihre Berechtigung an der Dividende zu erhöhen. So erhielt man das außerordentliche Resultat: daß schon nach wenigen Jahren ein sehr bedeutender Theil des Betriebsfonds (in Delitzsch z. B. nach vier Jahren die Hälfte) den Mitgliedern eigenthümlich gehörte, und die sichere Aussicht vorhanden ist, daß die Vereine in 8–10 Jahren ungestörter Wirksamkeit ihren Geldbedarf lediglich unter ihren eigenen Mitgliedern aufbringen. Und um die volle Bedeutung dieses Resultates zu ermessen, erwäge man wohl: daß die Mehrzahl der Mitglieder, gegenwärtig Inhaber eines für ihre Verhältnisse immerhin bedeutenden Bankgeschäfts, in ihrer früheren Isolirung es selten oder nie zum Erwerb eines eigenen Capitals brachte und, wenn sie den ihr unentbehrlichen Credit ansprach, mit großer Mühe oft nur wenige Thaler aufbrachte und dabei dem schmählichsten Wucher anheim fiel.

Nach alledem ist die Möglichkeit thatsächlich nachgewiesen, daß die unbemittelten Gewerbtreibenden sich durch eigene Kraft Baarschaft und Credit ermitteln können, sobald sie nur ernstlich Hand anlegen. Ebenso steht fest, daß nur auf die vorbeschriebene Weise dem Credit-Bedürfniß derselben sein volles Genüge auf die Dauer verschafft werden kann, indem die eigene Capitalbildung mit ihm Hand in Hand vorschreitet und ein wohlthätiges Gegengewicht bildet. Wie viel wir auch von Darlehnscassen u. a. hören und lesen, welche von wohldenkenden Personen und Vereinen gegründet, und durch Subventionen, sei es auch nur durch die zinsfreie Vorstreckung des Betriebscapitals erhalten werden: immer ist ihr Umsatz ein kümmerlicher, der mit dem vorwaltenden Bedürfniß nicht in Verhältniß steht, während wir nur bedauern, daß in unsern kleinen Landstädten der Verkehr sich in so engen Grenzen bewegt, da wir doppelten und dreifachen Ansprüchen zu begegnen im Stande sein würden. Und außer dem offenbar Ungenügenden muß man bei dergleichen Almoseninstituten – denn dies sind alle nicht auf die eigene Kraft der Betheiligten gegründeten – auch noch die offenbar verderbliche Wirkung in Anschlag bringen, die sie in sittlicher wie in wirthschaftlicher Hinsicht ausüben. Jemanden daran gewöhnen, auf den guten Willen, die Gnade eines Dritten sich bei seinen geschäftlichen Operationen zu stützen, ja ganze große Volksclassen geflissentlich zu der Vorstellung heranerziehen: daß sie sich ohne die Hülfe ihrer wohlhabenden Mitbürger nicht im Nahrungsstande erhalten können – wozu soll dies am letzten Ende führen? Dagegen predigen wir mit Wort und That unaufhörlich den Satz: „daß Jeder durch den richtigen Gebrauch seiner Kräfte recht wohl sich selbst zu helfen die Macht wie die Pflicht habe, und nur ein Bettler aus fremdem Beutel um Unterstützung anspricht;“ und Vernunft und Erfahrung mögen zwischen beiden Systemen richten. Dabei können wir nicht umhin, des glänzenden Beispiels zu erwähnen, welches ganz neuerlich durch das rasche Gedeihen des erst im vorigen Jahre gestifteten Vorschuß-Vereins zu Leipzig, nach unsern Principien, als Gegenstück zu der dasigen Darlehnanstalt für Gewerbtreibende geliefert ist. Obschon nämlich die letztern durch angesehene Kaufleute und Capitalisten in wohlmeinender Fürsorge für die unbemittelten Handwerker gegründet, mit bedeutenden meist unzinsbaren Capitalien ausgestattet und mit großer Aufopferung geleitet wird; obschon sie ihre Darlehne an Alle um geringere Zinsen gewährt: so blühte doch neben ihr unser Vorschußverein unter der tüchtigen Leitung der Herren Winter, Kreutzer, G. Meyer, Wieck u. A. so überraschend auf, daß seine Resultate schon nach einem Jahre darauf schließen lassen, daß er jene Darlehnsanstalt trotz ihres anfänglichen großen Vorsprungs, durch die Ueberlegenheit seines Princips binnen wenigen Jahren überholen wird.

So fassen wir denn die durch unsere Vereine erreichten wichtigen Vortheile kurz dahin zusammen, daß:

a) der kleine Gewerbstand dadurch in den Stand gesetzt wird, jeden Augenblick eine seinem Bedürfniß angemessene baare Geldsumme zu erhalten;
b) daß ihm die hohen wucherischen Zinsen erspart werden, welche er sonst dafür opfern mußte;
c) daß der Gewinn des Vorschußgeschäfts, bisher das Monopol der Capitalisten, in seine eigenen Taschen fließt und, nebst den kleinen ihn nicht belästigenden monatlichen Beisteuern, die Anfänge einer eigenen Capitalbildung zu seinen Gunsten bewirkt.

Gewiß wesentliche Bedingungen zum Gedeihen, an deren Mangel schon manches wackere Streben gescheitert ist.

Schließlich geben wir zur Bewahrheitung des Gesagten eine kurze Zusammenstellung der bei einigen unserer Vereine erzielten Geschäftsresultate nach den uns vorliegenden authentischen Rechnungsabschlüssen.

I. Beim Vorschußverein zu Delitzsch
(Stadt von 5000 Einwohnern), der Ende 1852 mit 52 Mitgliedern seine Wirksamkeit begann:


  1. 2. 3. 4. 5. Guthaben der
   neu gegebene oder prolongirte 
 Vorschüsse als Summe des 
 zinstragenden Verkehrs. 
 davon vereinnahmte Zinsen.   Reingewinn des 
 Vorschußgeschäfts. 
 davon den Mitgliedern 
 gewährte Dividende. 
 Mitglieder an eingesteuerten 
 Monatsbeitr. u. gutgeschr. 
 Dividende am Jahresschluß.
1853  8,440 Thlr. 5 Sgr. Pf. 196 Thlr. 2 Sgr. 11 Pf. 31 Thlr. 26 Sgr. 5 Pf. 8 Thlr. 10 Sgr. Pf. 195 Thlr. 17 Sgr. Pf.
1854  15,012 334 1 11 91 25 86 27 6 558 15
1855  19,818 464 29 7 150 22 3 147 23 1548 7
1856  24,532 20 576 24 229 10 10 229 10 10 2729 3 3


  6. 7. 8. 9.
   Bestand der aufgenommenen 
 Darlehne am Jahresschluß. 
 Reserve  ganzer Betriebsfonds 
 (Summe von Nr. 5–7.) 
 Mitgliederzahl 
 am Jahresschluß. 
1853  1818 Thlr. Sgr. Pf. 188 Thlr. 5 Sgr. 1 Pf. 2201 Thlr. 22 Sgr. 2 Pf. 100
1854  2595 14 235 18 3 3391 17 3 175
1855  3293 255 10 6 5096 17 6 210
1856  3006 15 303 24 7 6039 12 10 301


II. Beim Vorschußverein zu Zörbig (4000 Einw.), im Herbst 1853 mit 14 Mitgliedern eröffnet:


  1. 2. 3. 4. 5. Guthaben der
   neu gegebene oder prolongirte 
 Vorschüsse als Summe des 
 zinstragenden Verkehrs. 
 davon vereinnahmte Zinsen.   Reingewinn des 
 Vorschußgeschäfts. 
 davon den Mitgliedern 
 gewährte Dividende. 
 Mitglieder an eingesteuerten 
 Monatsbeitr. u. gutgeschr. 
 Dividende am Jahresschluß.
1854  4,449 Thlr. Sgr. Pf. 100 Thlr. 16 Sgr. 4 Pf. 38 Thlr. Sgr. Pf. Thlr. Sgr. Pf. 275 Thlr. 18 Sgr. Pf.
1855  10,187 285 27 2 148 25 8 146 7 6 653 7 6
1856  22,822 419 22 2 211 15 4 193 24 1292 5 6


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  1. Man vergleiche über das Nähere das Werkchen: „Vorschußvereine als Volksbanken“ von Schultze-Delitzsch. Leipzig, 1855 bei E. Keil. Preis 10 Ngr., ferner die „Jahresberichte über Vorschußvereine pro 1855 und 1856“ von demselben Verfasser in der deutschen Gewerbezeitung, Jahrgang 1856, Nr. 3 und Jahrgang 1857, Nr. 2.