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Titel: Indien und dessen neueste Revolution
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aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 495–498
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Indien und dessen neueste Revolution.
Materialien und Motive der Revolution.

Die eingeborne Bevölkerung Indiens beträgt etwa 150 Millionen Seelen. Diese wurden, mit nur einigen unbedeutenden Ausnahmen, in denen sich noch etwas indische Regierung durch Indier erhalten hat, von etwa 10,000 Engländern „civilisirt und christianisirt.“ Letztere lebten, bis auf 317 Personen, alle in den großen Städten und ließen die Steuereinnehmer mit Militair und Torturinstrumenten aus den Städten durch das verfallene, wüste Land ziehen, um von dem Schweiße und der bittersten Armuth der Bewohner für die regierende kaufmännische Compagnie und deren Beamte mehr Geld zu erpressen, als die ganze Staatseinnahme Großbritanniens beträgt (insofern man dabei den Unterschied des Geldwerthes in England und Indien mit berechnet). Diese ungeheueren Einnahmen wurden stets für die Taschen der Compagnie, für militairische Vertheidigung der eroberten oder erschlichenen indischen Reiche, für Ausdehnung und weitere Eroberung, in Besoldungen übermüthiger Beamten, die außerdem noch gern Privaterpressung treiben, bis sie nach je 10–15 Jahren mit Jahresrenten bis zu 5 und 10,000 Pfund zurückkehren, also auf die ruinirendste Weise für Indien und England zugleich, verwendet. Eingeborne werden nur zu den niedrigsten Arbeits-Aemtern zugelassen. Von allen höheren und lohnenden Stellungen sind sie ausgeschlossen. Die Engländer waren besonders stolz und vertrauensvoll auf ihre 300,000 Mann Sepoys oder ihre Armee von eingebornen Indiern, die, au’s Hindu’s und Muhamedanern bestehend, gegen einander in Feindschaft gehalten wurden, um den einen Theil durch den andern zu beherrschen und sie nur gegen die civile Bevölkerung vereint zu gebrauchen. Man hielt diese Politik für praktisch; doch zeigte sie sich, wie die in Empörung vereinten Hindu’s und Muhamedaner beweisen, auch so stark, um den künstlich genährten Gegensatz in gemeinsamem Hasse gegen die Engländer aufzuheben. Es revoltirte die ganze Armee der größten englisch-indischen Provinz, Bengalen. Selbst die wegen vermeintlicher Treue gegen die Empörer geführten Sepoys fielen ab, ermordeten ihre Officiere und schlossen sich den Rebellen in Delhi an.

In Delhi ist die meiste Bevölkerung muhamedanisch. Auch sie und muhamedanische Regimenter, und zwar diese am ersten und wüthendsten, rebellirten mit. Der Grund des furchtbaren Ausbruches kann also nicht allein in den religiösen Bedenken der Brahma- und Buddhagläubigen gegen die ihnen aufgedrungenen mit Schweinefett geschmierten Patronen liegen, obgleich diese Verletzung ihrer religiösen Reinlichkeitsgebote den Haß gegen das von Engländern repräsentirte Christenthum und ihren Argwohn, daß man sie „bekehren“ wolle, erhöhte [496] und zu hartnäckigen Demonstrationen und Weigerungen Anlaß gab.

Der jetzige Ober-Gouverneur von Indien, Lord Canning, soll allerdings viel und hauptsächlich für Christianisirung der Indier gearbeitet haben, während er nichts that, um die Liebe für die Engländer und den Namen des menschenerlösenden Heilandes unter den Hindu’s zu verbreiten. Er selbst soll ein sehr guter Mann, aber keineswegs ein Genie sein. Hauptgrund der Revolution war ein neues Niederlassungs- und Entlassungsgesetz für die Sepoys, die in ihrem buddhistischen und muhamedanischen Glauben die Mißhandlung unter englischen Officieren nur für einen unvermeidlichen Weg in eine eigene Hütte unter den Ihrigen halten. Gegen dieses Gesetz waren 40,000 Petitionen eingegangen, diese aber wegen Mangel an Stempelpapier, das sich die Bittsteller nicht hatten kaufen können, von den englischen Behörden unbeachtet weggeworfen worden. Sie mochten denken: wir haben ja Sepoys genug, um Sepoys damit zu bedienen. – Wir kennen das neue Gesetz nicht, wissen aber, daß es bisherige Niederlassungsbedingungen noch erschwerte und der Willkür englischer Beamten überließ, so daß die indischen Soldaten alle Bürgschaft für eine Zukunft verloren. Bisherige Niederlassung und Landbesitz unter englischem Gesetz war schon der Art, daß Niemand so leicht Landbau treiben konnte, ohne sich von den Engländern Geld für 30 bis 70 Procent Zinsen vorstießen zu lassen. Die englischen Herren behandeln nämlich allen indischen Boden als ihr Eigenthum und verpachten blos davon, wie sie’s mit dem englischen, dem australischen und allem anderen kolonialen Boden machen. Dies ist eine natürliche Entwerthuug des Bodens mit der gewaltsamsten, künstlichen Vertheurung, so daß unter englischer Herrschaft fruchtbarste, üppigste Landesstrecken von hundert und mehr Quadratmeilen entvölkert und zu todten Wüsten wurden. Berge, Thäler, Abgründe mit majestätischen Strömen, aber ohne Brücken und Straßen und mit verfallenen Canälen und mit Bewässerungsmitteln, welche die früheren indischen Herrscher gebaut und unterhalten hatten.

Diese Bewässerungen unter einer brennenden Sonne und seltenem Regen waren die geheimen Quellen des alten, fabelhaften Reichthums Indiens, deren Verfall und Verwahrlosung unter englischer, blos Geld auspressender Herrschaft das Geheimniß des Elends und der bittersten Massenarmuth über das reichste Land hin. In Indien wächst die prachtvollste Baumwolle in Massen. Deren Mangel und Unzuverlässigkeit von Amerika, wo sie von der entsetzlichsten Barbarei des Sclavenwesens abhängt, ist die Noth und Verlegenheit der Hälfte aller englischen Arbeiter. Indien könnte ohne Sclaverei Baumwolle für alle englischen Spindeln liefern. Aber der nächste Hafen ist von der Baumwollengegend Indiens 400 englische Meilen entfernt, und diese werden durch den Mangel an Weg zu 4000 Meilen. Die Baumwolle wird jetzt auf Ochsenrücken über Berge, Abgründe und Wüsten nach dem nächsten Hafen getrieben, wozu zwei bis drei Monate und das Opfer vieler Thiere und Menschen gehören. Eine Chaussee, eine Eisenbahn würde aus den 4000 Meilen 40 Meilen, eine Reichthumsquelle für Indien und England gemacht haben. Aber dazu hatten sie kein Geld.

In den angegebenen Thatsachen finden wir die allgemeineren Hauptmotive indischen Hasses gegen die Herrschaft der Engländer. Sie erklären aber noch nicht die entsetzlichen Wuthausbrüche und Gräuelthaten der Empörer, die von Natur und aus ihrer Religion und Sitte heraus sehr friedlich, sehr human und zuweilen edelherzig sein sollen. Sowohl die brahmanische, als besonders die buddhistische Religion und Moral haben dem Hindu Unterdrückung seiner Leidenschaften und aufopfernde Menschlichkeit, Aufopferung seiner selbst bis zur Vernichtung gelehrt. Und die Hindu’s sind durchweg sehr religiös. Ihre ganze Revolution stützte sich, wie viele übersetzte Proclamationen der Empörer beweisen, wesentlich auf Religion, auf Vertheidigung indischen Glaubens und Lebens gegen versuchte und geargwohnte Bekehrung zum „englischen“ Glauben, den die Indier nach den englischen Früchten in ihrer Heimath beurtheilen, und deshalb auf das Unüberwindlichste hassen und verachten. Ein Engländer sprang einmal über eine Erdvcrtiefuug, in welcher Hindu’s sich Essen kochten. So hungrig sie waren, berührten sie nun doch keinen Bissen ihres Mahles, sondern machten sich an einer andern Stelle von andern Substanzen ein neues Mahl zurecht.

Die Religion und deren Moral ist dem Hindu noch eine absolute Macht, für die sich Jeder vorkommenden Falls eben so freudig und unbeugsam aufopfert, wie die indische Wittwe, die mit Lobgesängen auf den Scheiterhaufen steigt, und ihn mit einem zwischen den Zehen des linken Fußes gehaltenen Lichte selbst anzündet, so oft sich auch wohlmeinende Engländer mit aller Beredsamkeit anstrengten, zarte junge Wittwen von 15 bis 16 Jahren von ihrem feierlichen Gange in den Scheiterhaufen abzubringen. Die glänzendsten Versprechungen für ein lachendes Leben wurden von solchen zarten Geschöpfen mit der Heiterkeit geistiger Ueberlegenheit, mit der Kraft eines Riesen und der Willenskraft des männlichen Helden abgewiesen, freilich auch mit viel Kampher. (Nach der Mittheilung eines muhamedanischen Indiers, Lutfullah, der eine in englischer Sprache erschienene, interessante Selbstbiographie geschrieben, werden die Wittwen durch äußerliche und innerliche Anwendung von Kampher so nervenabgestumpft, daß sie die Schrecken und Qualen des Feuers wenig fühlen sollen. Engländer redeten einmal einer Wittwe, ehe sie den Scheiterhaufen bestieg, zu, das Verbrennen an ihrem kleinen Finger zu versuchen. Sie riß lächelnd ein Stück von ihrem Taschentuche, wickelte es um den Finger, tauchte diesen in das Oel einer brennenden Lampe, und zündete ihn an. Während der Finger wie ein Licht brannte, und der Geruch brennenden Fleisches sich umher verbreitete, sprach sie ruhig mit ihrer Umgebung weiter, ohne einen Schmerzenslaut von sich zu geben. Der Gebrauch des Kamphers mag dabei viel gethan haben; aber während dieser Verbrennung rieselte der Angstschweiß von ihrer Stirn. Es muß also mehr moralische Kraft, als Kampher, dabei gewirkt haben. Man kann hier wohl mit Recht Luther’s Ausspruch: „Wasser thut’s freilich nicht“ auf diesen Kampher anwenden, der übrigens auch nicht sowohl als nerventödtende, als vielmehr als vermeintlich Körperverflüchtigung unterstützende Substanz gebraucht wird.)

Die ein Jahrhundert lang fortgesetzte Verletzung und Ausbeutung materieller Interessen der Indier durch die englische Politik würde, so arg sie’s auch trieben, die „Milch frommer Denkart“ nicht in das „gährende Drachengift“ der Empörung verwandelt haben. Erst das Eingreifen dieser englischen Politik in das Leben, Glauben und Lieben der Indier unter sich (wovon die mit Schweinefett geschmierten und den Sepoys aufgedrungenen Patronen nur ein Beispiel waren, das einen letzten Tropfen zu der Ueberfülle früherer und anderer Eingriffe und Verletzungen fügte) brachte den stillen Haß der Indier in die Gährung eines Ausbruchs, wie er kaum je in der Geschichte vorgekommen sein mag. Die indischen Soldaten der Engländer, die aus Natur und Neigung die Säuglinge ihrer Officiere gehätschelt und geliebkost haben würden, wie ein englisches Blatt treffend bemerkte, warfen diese Säuglinge jetzt in die Luft, singen sie mit ihren Bajonnetten auf, und hackten sie dann in Stücken. Deren Mütter wurden auf unsagbare Weise gemißbraucht und dann ebenfalls zerstückelt. – Was muß Alles vorausgegangen sein, um solche Scenen erklärlich zu machen? Dabei war es keine blinde Wuth durchweg. Wir hörten von vielen Fällen, in welchen indische Soldaten ihren englischen Officieren erst Zeit und sogar Geld gaben, um sich mit ihren Familien zu entfernen, ehe die Empörung ausbrach, von Beispielen, daß Empörer entweder ihre Officiere oder deren Frauen und Kinder mit viel Aufopferung in Sicherheit brachten, von der respectvollen Haltung der siegenden Empörer gegen ihre wehrlosen englischen Officiere, die noch versuchten, sie zur Treue gegen englische Herrschaft zurückzureden, von unterthänigster Ablehnung und Bekämpfung ihrer Gründe durch Gegengründe u. s. w. Alle diese Scenen beweisen sehr deutlich, daß die Empörung nicht überall Ausbruch einer blinden Wuth war, sondern allenthalben, wo englische Officiere durch besondere Menschlichkeit und namentlich durch Erlernung der Sprache ihrer Soldaten (was eben schon Liebe voraussetzt) Veranlassung zu Schonung und Rücksicht gegeben hatten, diese auch stets geschont, beschützt und nobel behandelt wurden.

Daraus geht von selbst hervor, daß die unmenschlichen Ausbrüche maßloser Wuth gegen alles Englische in den meisten bengalischen Städten nur Folge einer maßlos empörenden Wirthschaft der Engländer gewesen sein muß. Man kann hier im vollen Umfange Bettina’s Ausspruch: „der Verbrecher ist des Staates eigenstes Verbrechen“ verwirklicht finden. Wir schaudern unwillkürlich vor den Schandthaten der englisch-indischen Armee zurück und denken wohl auch an eine gerechte Bestrafung der eingefangenen Empörer, wenn wir hören, wie die der höheren Kasten dutzendweise vor Kanonen gebunden und in alle Lüfte geschmettert werden, während die der niederen Kasten sich reihenweise mit dem Stricke

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Die Gartenlaube (1857) b 497.jpg

[498] und improvisirten Galgen begnügen müssen.[1] Müssen die brutal gemordeten englischen Frauen und unschuldigen Kinder nicht grimmig gerächt werden? Freilich, sagen die Criminalgesetzbücher. Aber auch die englisch-indischen Soldaten waren unschuldig. Wenn ihm ein Jahrhundert lang unter dem Titel: „Civilisation und Cristianisirung“ alles mögliche Gift eingezwungen und alles mögliche Recht und Geld der Heimath genommen wird und er dann einmal in voller Wuth losbricht, so ist dieser Paroxysmus doch nichts, als endlich zur Krisis getriebene Folge fortgesetzter Vergiftung und Beraubung, deren Schuld nur allein die Vergifter und Räuber tragen. Vor dem parteilos und sachlich urtheilenden Richterstuhle des natürlichen Menschen- und Völkerrechts (ohne alle Rücksicht auf etwa besondere Freiheits-Rechte) könnte blos ein einstimmiges Schuldig für alle Mord- und Gräuelscenen in Indien gegen die englische Politik und die ostindische Compagnie ausgesprochen werden, ein Schuldig des Mordes ihrer eigenen Weiber und Kinder, an allen Blut- und Brandscenen, welche tausendweise aus paradiesischen Naturscenen gen Himmel rauchten und flammten und noch lange in Kerker- und Executionsscenen, in Schlachten und Schlächtereien fortwirken werden, „um Ruhe und Ordnung wieder herzustellen.“

Indien ist weit von hier und die Engländer zu Hause, meint man, haben nicht unmittelbar sehr darunter zu leiden. Das ist ein großer Irrthum. Abgesehen davon, daß das indische Budget mit einem fortwährend steigenden Deficit am Marke des Volkes zehrt, zehrt es Tausende materiell und moralisch mit Haut und Haaren auf und aus. Ich sah einige Regimenter von London von Weibern und Kindern Abschied nehmen, um sich nach Indien transportiren zu lassen. Welch’ herzzerreißende Scenen! Welch’ stumme Verzweiflung in den Gesichtern der Soldaten! Jeder schien zu fühlen, daß er einem elenden Tode unter brennender Hitze und überschwemmenden Regengüssen, nicht einem Tode im Kampfe entgegen gehe. Viele Weiber schrieen’s auch jammerkreischend aus: Ich sehe Dich nie wieder! – Und dazu ist der nagendste Kummer Hausfreund und Schlafgenosse in Tausenden von Familien geworden. Die 10,000 Engländer in Indien sind durch ganz England und in den verschiedensten Graden bekannt, befreundet, verschwistert, verschwägert. Sind unsere Söhne, Töchter, Kinder, Enkel u. s. w. auch mit ermordet? Diese Frage wühlt noch Tag und Nacht durch unzählige Familien. Viele Ermordete sind bekannt. Man hat’s gelesen, wie sie überfallen, auf den Markt geschleppt, gemißhandelt und zerstückt wurden, wie Andere, zarte Frauen und Kinder, Tage und Nächte lang durch Dschungeln flohen und doch endlich noch aufgefunden und ermordet wurden.

Die schwarzen Flore, die nach dem fürchterlichen Krim-Winter sich um englische Köpfe hüllten, verschleiern jetzt noch viel mehr grimmig gramentstellte Gesichter.

Neulich ging ich zu Fuße von den heitern Höhen des Krystall-Palastes durch die Waldhügel und Villa’s der Umgegend nach Forest-Hill, der ersten Eisenbahnstation vom Palaste nach London, um einen Freund zu besuchen. Unterwegs fand ich die himmlische Ruhe der Gegend vor einem einsam und versteckt stehenden Hause plötzlich durch wüthenden, brüllenden, fenstereinwerfenden Pöbel unterbrochen. Die königliche Familie von Oude, die herkam, um vor’m Parlamente Recht zu suchen, wie sechs oder acht andere abgesetzte indische Fürsten vergebens versucht haben, hatte sich vor den Verfolgungen des Pöbels hierher geflüchtet, war aber auch hier aufgefunden worden, um sich dafür mißhandeln zu lassen, daß die Engländer ihr ohne eine Spur, ja ohne einen Schein von Rechtstitel Thron und Reich wegnahmen. Die dreißig Personen des indischen Hofes von Oude (der abgesetzte König selbst sitzt im Fort William zu Calcutta gefangen), in ein verstecktes Haus zusammengedrängt, mußten auch aus diesem Asyle fliehen. Der Pöbel revoltirt hier zur Verherrlichung der Verbrechen in Indien, Tausende grämen sich ab über scheußlich gemordete Angehörige, das Land gibt seine Söhne her, um sie vom indischen Klima umbringen zu lassen und alle Kosten dafür doppelt und dreifach zu bezahlen. Das ist der Segen des Besitzes von Indien!

  1. Die beifolgende Abbildung einer solchen Scene in Peschawur gibt eine drastische Anschauung dieser Executionsweise, die eigentlich indisch ist, und von den Engländern gegen Verbrecher höherer Kaste aufgenommen ward. Diese Todesart ist leicht, und hat für den Hindu, der sich religiös nach Vernichtung und Auflösung in alle Lüfte sehnt, nichts Schreckliches; nur den Umstehenden bekommt sie manchmal nicht gut, wie denn bei diesen Zerschmetterungen sehr oft Glieder der Zerschossenen umstehenden Lebenden an die Köpfe flogen und ihnen Glieder zerschlugen. Bei der Zerschießung von zehn brahminischen Soldaten in Ferozepore zeigten die aus ihren Eisen geschlagenen und vor die Kanonen gebundenen Opfer den grössten Muth. Einige, die erschreckt aussahen, wurden von den Andern gescholten: „Was zeigt Ihr Furcht? Sterbt als Männer, nicht als Feiglinge! Ihr vertheidigt eure Religion, warum zittert Ihr also für euer Leben? Unsere Henker sind keine Sahibs. Sahibs? Hunde sind es!“ Einer wendete sich, schon vor die Kanone gebunden, trotzig um und warf dem commandirenden Officiere die Verbrechen Englands an Indien vor, bis dieser Feuer! rief, und der Sprechende unter Donner und Dampf verschwand.
    Aber auch für die Engländer, die schwere Rache üben, gibt es freilich - Entschuldigung wenigstens. Ein Officier, der kurz vorher in Delhi stand, schreibt z. B.: „Unser Blut ist in Wallung. Wir haben gesehen, wie Freunde, Verwandte, Mütter, Gattinnen und Kinder grausam ermordet und ihre Leichen grausam verstümmelt worden sind. Das allein in Verbindung mit dem Muthe, der uns die Russen besiegen ließ, würde uns mit Gottes Hülfe in den Stand setzen, den Sieg über diese Feinde zu erfechten. Unsere Scharfschützen rufen, wenn sie angreifen (10 gegen 100), einander zu: „Gedenkt der Weiber und der Kinder!“ und dann fliegt Alles vor ihnen dahin, wie Spreu vor dem Winde.“