Sicilische Rache

Textdaten
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Autor: August Schneegans
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Titel: Sicilische Rache
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 35–43, S. 581–587, 597–600, 613–618, 629–634, 649–655, 669–674, 689–694, 709–714, 725–727
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[581]

Sicilische Rache.

Ein Kulturbild aus den vierziger Jahren von A. Schneegans.
1.

Die helle Sonne Siciliens glänzte von dem Frühlingshimmel herunter über Land und See. Lustig flatterten im Morgenwinde die farbigen Wimpel der im Hafen von Messina vor Anker liegenden Schiffe. Frohe, singende Scharen zogen die Marina entlang den Bergen zu.

Man zählte damals das Jahr 1847, und aus allen Gauen des sicilischen Eilandes kamen dem neapolitanischen Gouverneur in Messina beunruhigende Nachrichten zu von der immer unheimlicher drohenden Gährung im Volke, von dem immer weiter um sich greifenden Wiedererwachen des Brigantenthums, von dem immer enger sich zusammenschließenden Bunde aller Unzufriedenen zum gemeinsamen, gewaltthätigen Handeln. Nichts aber zeugte an diesem fröhlich lachenden Februarmorgen von den drückenden Besorgnissen, welche die einen, von den dumpfen Hoffnungen, welche die andern erfüllten, – nichts als etwa die von den Mauern der seeumflossenen Citadelle nach der Stadt hin gähnenden Kanonen, oder das Glitzern von den Gewehren der bis zu den äußersten Vorwerken hin- und herwandelnden Schildwachen der Schweizergarde.

Am Fuße der zu den Offizierswohnungen führenden Treppe stampfte, ungeduldig ob des langen Wartens, ein von einem berittenen Diener gehaltenes Roß. Zwei Offiziere erschienen unter der Thür.

„Also auf Wiedersehen heute abend!“ sagte der Major von Büren, indem er seinem jüngeren, durch enge Freundschaft mit ihm verbundenen Kameraden die Hand schüttelte; – „und,“ fügte er lächelnd hinzu, „nimm Dich in acht, Eckart!“

„Verfrühte Sorge!“ erwiderte heiter der Hauptmann; „soweit sind die Herren dort drüben noch nicht, und zu einer sicilianischen Vesper sind die Glocken noch nicht gegossen!“

„Du mißdeutest meine Worte, Hattwyl! Nicht vor den Sicilianern wollte ich Dich warnen, – gefährlicher sind die Sicilianerinnen für Dein junges, warmes Blut!“

„Ach!“ lachte Eckart von Hattwyl, „immer wieder meine schöne Unbekannte, der meine Reitpeitsche so wacker aus dem Gedränge half! Nun, ihretwegen, Robert, habe keine Sorge! – Ich habe sie leider nie wieder zu Gesicht bekommen.“

„Leider, sagst Du aber! Und geforscht hast Du nach ihr, als ob ohne sie das Leben nichts mehr für Dich wäre.“

„Und geträumt habe ich von ihr, das will ich nicht leugnen, als ob mit ihr das Leben zu einem Paradiese sich umwandeln [582] würde! Nein, Robert, herrlicher strahlte noch keines Weibes Bild vor meinen Augen, tiefer grub sich noch keines in mein Herz! Wie eine aus ihrem Rahmen herausgestiegene Madonna …“

„Schwärmer!“ unterbrach ihn der Major.

„Träumer, sagtest Du besser; denn wie ein Traum war es ja, – entschwunden, verloren, wer weiß, in welche Ferne entrückt, – auf Nimmerwiedersehen!“

Ein trauerndes Sehnen klang durch die anscheinend lächelnd hingeworfenen Worte.

Still beobachtete der Major einen Augenblick seinen jungen Freund, dann fuhr er mit ernst forschendem Ausdrucke fort: „Und nun reitet der Träumer mit einer moschusduftenden Einladung dem Kloster von San Placido zu, wo unter blühenden Orangenbäumen dem Madonnasehnenden eine liebreizende Gräfin ein Stelldichein giebt!“

„Ein Stelldichein? … zusammen mit dem gräflichen Herrn Gemahl und mit dem Abbate Scaglione!“

„Thue nicht, als wüßte ich nicht, was alle Welt sich erzählt! Der schönen Gräfin von Cellamare macht Hauptmann von Hattwyl den Hof!“

„Alle Welt mag es erzählen, – so wäre alle Welt im Irrthum: der Gräfin Cellamare trage ich keine anderen Gefühle entgegen als diejenigen, die ein jeder von uns für eine liebenswürdige und – noch schöne Frau zu hegen pflegt. Sieh! ich möchte von Dir weder der Unbescheidenheit, noch eines eiteln Dünkels geziehen werden, – aber alle Welt, von der Du sprachst, kennt auch der Gräfin … ‚Eigenschaften‘; … ‚Tugenden‘ darf ich doch nicht sagen! Wenn eine Frau, deren Jugend eine lange Liebesangewöhnung und Liebesverwöhnung war, an die Schwelle der Vierziger gelangt, so pflegt die Liebesumworbene sich zur Liebeswerbenden umzuwandeln, und …“

„Ich weiß es! Die Gräfin sucht im letzten Jugendwallen die Rechte ihrer Schönheit zur Geltung zu bringen, und Du bist dieser vielleicht letzten Leidenschaft – vielleicht unbewußtes Ziel! Ob ihre Gefühle Erwiderung finden …“

„Du scherzest, Robert!“

„Ich scherze nicht. Nimm im Gegentheil ein ernstes Wort mit auf den Weg: Verschmähte Liebe ist – besonders zur Herbstzeit – ein gefährlich Ding, und in Sicilien flüchtet die verlassene Schöne nicht verzweifelt aus dem Leben, wie Dido bei Vergil.“

„Laß gut sein, Freund! Zur verlassenen Dido gehört ein ungetreuer Aeneas!“

„Und wenn Eckart von Hattwyl diesen Helden nicht zu spielen gedenkt, so möge er sich bei Zeiten vorsehen, daß die schöne Gräfin sich nicht in die Rolle der verlassenen Königin von Karthago versetzt dünke!“

„So gut der Rath gemeint, so leicht ist er auch zu befolgen. Lebe wohl!“

Mit raschem Sprunge saß Eckart im Sattel und, von seinem Diener begleitet, galoppirte er über die dröhnende Zugbrücke ins Freie.

O des jubelnden Reitens in die Lenzespracht hinein! Ein Jauchzen erfüllte Herz und Sinne des jungen Offiziers, wie er hinaussprengte aus dem finstern Thorwege der Citadelle in das offene, von glänzendem Lichte überfluthete Gelände. Gerade gegenüber, durch den breiten Hafen von der sichelförmig ins Meer hinausspringenden Landzunge getrennt, auf der sich Festung und Leuchtthurm erhoben, lag Messina mit seinen unzähligen Kuppeln und Thürmen, mit seiner herrlichen Reihe von Palästen am Ufer entlang, mit den die oberen Viertel beherrschenden langhingedehnten Klosterbauten. Was brüteten wohl hinter jenen düstern Mauern die im Kampfe gegen die Neapolitanerherrschaft verbündeten Verschwörer? Und wie lange würde es noch dauern, bis von einem jener Thürme das Zeichen zum offenen Aufruhr heruntertönte? Arme Leute! was konnten sie denn erhoffen gegen diese Kanonen und diese Festen? – Und dennoch! Hatten die alten Schweizer nicht dasselbe gethan, was diese jetzt zu thun trachteten, als dort am Vierwaldstätter See todesmuthige Männer sich zusammenscharten, um die Freiheit des Vaterlandes gegen die Fremdherrschaft zu verfechten? Rasch und kurz blitzte dieser Gedanke vor Eckarts Geiste auf; – wo war heute bei dem Drängen und Laufen und Lachen und Rufen auf den frühlingssonnigen Straßen Platz für solch trübes Denken? Mit frohem Zuruf erwiderte Eckart die Grüße der Freunde und Bekannten; Freunde durfte er ja alle, Sicilianer und Schweizer, nennen, welche ihm seit seinem kaum einjährigen Aufenthalt in Messina nahe gekommen waren; im Fluge hatte sein ritterliches Wesen, seine elegante Gestalt und der treue, fast noch kindliche Ausdruck seiner blauen Augen aller Herzen erobert, und es war nur natürlich, wenn dem sein Roß mit kräftiger Hand bändigenden und gleich einem nordischen Götterjüngling dahinjagenden blonden Reiter auch von Unbekannten Rufe der Bewunderung nachflogen.

„Wie schade, daß dieser ein Freund der Neapolitaner ist!“ konnte man den einen und den andern halblaut zum Nachbar hinflüstern hören; oder aber auch: „Ja! wenn sie alle so wären wie dieser da!“ –

Bis zu Eckarts Ohr drangen aber diese Worte nicht, und hätte er sie auch vernommen, weiter als bis zu seinem Ohre wären sie nicht gedrungen, denn nach ganz anderer Richtung hin bewegte sich sein Sinnen. In raschem Fluge war, nach des Majors letzten Worten, sein Geist zu seinen Träumen zurückgekehrt, zu jenem göttergleichen lieblichen Bilde, das sich mit so wunderbar unwiderstehlicher Gewalt in sein Herz gesenkt hatte und – warum sollte er’s zu leugnen versuchen? – das sich mit jedem Tage tiefer darin eingrub. Ein Lächeln flog über seine Lippen und er konnte ein rasches Achselzucken nicht unterdrücken, als er an seines Freundes letzte Mahnung zurückdachte. Was war denn für ihn die Gräfin von Cellamare? und wie konnte sie neben jener Unbekannten nur erwähnt werden? Dankbar hatte er ihr liebenswürdiges Zuvorkommen hingenommen, als sie den fremd inmitten dieser fremden Gesellschaft stehenden Offizier zu ihren Festen heranzog, als sie ihn – erst jetzt fiel ihm auf, in welch außergewöhnlicher Weise – vor allen andern auszeichnete und ihn durch die mannigfaltigsten und sinnigsten Gunstbezeigungen näher an sich heranzuziehen nicht müde wurde. Er dachte sich damals nichts weiter dabei, der unerfahrene, unverdorbene, mit dem südlichen Wesen und auch mit den Frauenherzen so durchaus unbekannte Weltneuling! Was wollte auch diese Frau in seinem Leben? Was drängte sie sich an sein Herz heran? Fast unwillig richtete sich Eckart in den Bügeln auf, als schüttele er ein lästiges Gewicht von den Schultern, und siehe! war es nicht, als gäbe jetzt eine sinnige Schicksalsfügung die versöhnende Antwort auf jene harten Fragen, die vor seinem Geiste aufstiegen? – Dort, an der Kreuzung jener zwei Straßen, bei jenem von einem alten, moosbedeckten Wassergott überragten Brunnen, dort war es gewesen, wo er vor kaum vierzehn Tagen das Mädchen erblickt hatte! Dort, um jene Straßenecke kam er herumgebogen, als ein Lachen und Schreien in fremder Sprache an sein Ohr schlug; ein paar betrunkene englische Matrosen drängten sich lärmend um die Stufen; eine Mädchenstimme klang durch das wüste Toben – irgend eine Magd wohl, die beim Wasserholen mit den dreisten Gesellen schäkerte oder sich ihrer derben Zudringlichkeiten erwehrte. Wie er aber näher hinzugekommen war, da entrollte sich vor seinen Augen ein ganz anderes Bild: ein Mädchen aus dem Bürgerstande, die schwarzseidene Manta über den Kopf gefaltet, lehnte an dem Brunnenpfeiler; drohend blitzten seine großen, zornentflammten Augen auf die Angreifer zu; mit beiden Händen riß es jetzt einen schweren Steinkrug vom Brunnenrande und schwang ihn gegen die lachende Horde.

„Zurück! Der erste, der mich berührt, ist des Todes!“

Das Wort war ihren Lippen noch nicht entflohen, da stand schon der Offizier an ihrer Seite, und wie in ein Rudel Hunde, so hieb er mit seiner Reitpeitsche unter die Matrosen hinein. Sie waren sechs gegen einen; der Wein tobte in ihren Köpfen, wüthend drangen sie auf den Schweizer ein; aber blutige Striemen riß ihnen die sausende Peitsche über Gesicht und Hände, und als führe er ein feuriges Schwert in der Rechten, so brachte Eckart die wilde Rotte zum Weichen und zur Flucht. Ja, wie ein Erzengel Michael, der den Drachen tödtet und dem bösen Feind den Fuß auf den Nacken stemmt, so mochte er wohl der ob dieser so unverhofften und so wunderbaren Rettung noch ganz betroffenen Jungfrau erscheinen! Unbeweglich stand sie da, den Gewaltigen anstaunend, – und an seinem Auge blieb ihr Blick wie gebannt haften, als er sich nun zu ihr wandte und mit freundlich gewinnendem Lächeln, als wäre nichts geschehen, zu ihr sagte:

„Wohin soll ich Euch geleiten?“

Was war es denn, daß er die Worte kaum zu beendigen vermochte? Es schien ihm, als flösse unter des Mädchens Blick all sein Blut in seinem Herzen zusammen, – da trat ein Mann herzu, – ein Sicilianer war es, ein Bürger, – ein Feind der Schweizer wohl, denn in ein sonderbares Gewand kleidete er den Dank, den er mit [583] unwillig scharfem Tone dem Offizier hinwarf: „Einem Schweizer soll eine Sicilianerin keinen Dank schulden!“ und mit gebieterischer Gebärde ihre Hand in die seine fassend, zog er die Halbwiderstrebende in eine Seitengasse. An der Ecke wandte sie sich um; ihr strahlender Blick hatte wie im Fluge sein Auge wieder getroffen, dieser Blick, so warm, so weich, so kindlich rein und doch so tapfer und so sicher, – wie er in seinem ganzen Leben noch niemals einen ähnlichen erschaut! Sie hob die Hand zu ihren Lippen, als wollte sie ihm von weitem noch ihren stummen Dank zuwerfen, und dann war das Bild entschwunden, entschwunden auf Nimmerwiedersehen! Denn vergeblich waren Eckarts Nachforschungen nach dem wunderbaren Mädchen geblieben, und nirgends, nirgends hatte er die Spur der Verlorenen wiederzufinden vermocht. In seinem Herzen haftete aber jene Erscheinung, und heute noch war es ihm, als fühlte er wie damals die sonnige Wärme, die aus ihrem Auge sich durch sein ganzes Wesen ergoß. Sinnend ließ Eckart seinem Rosse die Zügel und langsamen Schrittes zog er weiter, als gäbe es weder Gräfin noch moschusduftendes Stelldichein, – und ganz in sein heimliches Denken versunken, ritt er weiter … Und wer weiß? vielleicht würde er sie dort draußen wieder finden, dort in jenem Kloster, zu dem die ganze Stadt heute hinausgezogen war, alt und jung, Adelige und Bürgerliche, zum altberühmten Volksfeste des Schutzpatrons von San Placido!


2.

In hellen Haufen umlagerte das lustige Völkchen den inmitten eines Orangenhaines gelegenen mittelalterlichen Bau, ein massives, drei Stockwerke hohes Quadrat, mehr Festung als Kloster, mit weiten, auf breite Terrassen mündenden Erkerfenstern und mit weithin vom Meere aus sichtbarer, im Sonnenschein glänzender Kuppel. Die dienstfertigen Mönche halfen bereitwillig den Leutchen ihr ländliches Mahl zubereiten und versorgten die nimmersatte Menge mit Feigen und Orangen und mit seinem zum Klosterfeste eigens gebackenen Zuckerwerk; eine besondere Freude aber war es, zu sehen, wie sie schmunzelnden Mundes die mit duftendem schwarzrothen Weine gefüllten, rundbäuchigen Fiasconi ohn’ Unterlaß durch die Klosterpforte unter die Hunderte nach dem süßen Safte Begehrenden vertheilten: „Trinkt nur, Brüder! Dieselbe Gesundheit bringen wir ja alle aus, und derselbe Klang ertönt von Euren und von unsern Gläsern, wenn wir verständnißvoll anstoßen!“

Alle da draußen verstanden, was die Mönche mit diesen und ähnlichen räthselhaften Worten sagen wollten, und alle dort drinnen verstanden die lustigen Zecher, wenn diese den Becher erhoben und mit zwinkerndem Auge, ohne ein Wort zu sagen, in einem Zuge leerten. Keiner ließ eine Silbe von dem Geheimniß verlauten, dessen alle Herzen voll waren, aber ein jeder wußte, daß er in dem andern einen treuen Bundesgenossen hatte. Nicht das Klosterfest allein war es ja, welches das lebensfrohe Völkchen heute beschäftigte; – dort oben, in einer versteckten Klosterzelle – das wußte ein jeder, und das sagte aber keiner – dort saßen die Anführer des Volkes beisammen, die „Capo popoli“, wie sie im Volksmunde genannt wurden, und beriethen unter einander die kommenden Ereignisse; und an das, was jene dort oben trieben, dachten hier unten alle, Mann und Weib, alt und jung.

In allgemeinen, unverfänglichen, aber in ihrer Doppelsinnigkeit oder scheinbaren Harmlosigkeit jedem Sicilianer verständlichen Redewendungen theilte man sich von einer Gruppe, von einem Tisch zum andern die Nachrichten mit: „Romeo, der Tischlermeister aus Messina, kam heute früh schon herausgefahren; – seine Tochter, die schöne Felicita wohnt zum erstenmal einem Klosterfeste bei.“

„Schöneren Festen wird sie wohl nächstens beiwohnen.“

„Und wird sich freuen! Denn sie ist brav wie ihr Vater.“

„Habt Ihr Romeos Gevatter, den alten Salvatore Merlo gesehen?“

„Er kam – aber ohne seinen Sohn.“

„Weiß schon! Antonino Merlo weilt seit einer Woche in Taormina; er baut sich eine Mühle im Thal; gutes Mehl wird das dortige Wasser mahlen.“

„Man sagt ja, er werde Romeos Tochter heimführen.“

„Das sagt nur er und sein Vater, der alte Merlo; er will es mit Felicitas Mutter vor ihrem Tode ausgemacht haben, und nun sollen die Kinder den Willen der Todten ausführen! Aber Romeo huldigt diesen alten Gebräuchen nicht, und Felicitas Herz ist frei.“

„Romeo trifft immer das Richtige! Er ist ein braver Mann, der es gut meint mit seinem Kind – und mit Sicilien!“

„Aus Palermo langten gestern abend zwei Mönche an; sie brachten dem Kloster ein neues Heiligenbild.“

„Aus Erz gegossen? – wäre besser als von Gold!“

„Welches Kloster schickte sie?“

„La Gancia!“[1]

„Sicilianische Vesperfeier!“

„Nehmt Euch in acht, Nachbar!“ raunte jetzt einer dem neben ihm Sitzenden zu; „da kommt einer, der zu feine Ohren und zu scharfe Augen hat. – Guten Morgen, Don Federigo! macht Ihr Geschäfte hier oben?“

Der Angeredete, ein hagerer Mann mit einem von tausend Fältchen spinnwebenartig überzogenen Gesichte, antwortete über die Achsel, mit fremdem, augenscheinlich deutschem Accent: „Um meine Geschäfte braucht Ihr Euch nicht zu kümmern! Wünsche Euch nur, daß die Euren nicht gar zu schlecht ausfallen mögen!“

„Guten Morgen, Herr Lerche!“ riefen von weitem, halb spottend, einige unter den Italienern verlorene Deutsche, und zu ihnen wandte sich nun langsamen Schrittes der in seinen zu langen und zu weiten Kleidern herumschlotternde Don Federigo, indem ein ironisches Lächeln um seine Mundwinkel spielte.

„Don Federigo? Nachbar, warum sagtet Ihr denn, daß man sich vor ihm in acht nehmen solle? Don Federigo ist ja unser Freund; er steht auf dem besten Fuße mit Salvatore Merlo und durch ihn mit allen geheimen Gesellschaften – ist ja selber mit in der Maffia!“[2]

„Mag sein! mag sein!“ erwiderte der Angeredete, „steht auf bestem Fuße auch mit dem Gouverneur und den Neapolitanern! Aller Menschen Freund ist eines jeden einzelnen Feind!“

So flogen die Reden von einem Tische zum andern, kurz, in anscheinend harmloser, für die Eingeweihten aber inhaltsschwerer Weise.

Fern von dem Getriebe, in einer abgelegenen Ecke des Orangengartens, hatte sich eine kleine, aristokratische Gruppe zusammengefunden. Nicht der gemeine Klosterwein, sondern perlender Champagner schäumte in den hochgeschweiften, mit dem gräflichen Wappen der Cellamare geschmückten Gläsern. Um den mit feinen Speisen beladenen Tisch bewegte sich in würdevoll vertraulicher Gemessenheit ein betreßter Diener. Drei Plätze nur waren besetzt; der vierte Stuhl stand noch leer – und leicht konnte man aus dem nervösen Mienenspiel der Gräfin ersehen, daß dieser leere Stuhl allein sie beschäftigte. Es war wohl auch das erste Mal, daß eine von ihr ergangene Einladung eine solche Erwiderung gefunden hatte. Wo mochte er geblieben sein? – und kein Wort der Entschuldigung! – kein Wort des Dankes! – Schwerer noch ertrug die Gräfin diese Kränkung, weil sie sich nicht verhehlen konnte, daß von allen Kavalieren, welche die trotz ihrer achtunddreißig Jahre noch viel umworbene Schöne umflatterten, keiner sich mit solcher Gewalt ihrer Sinne bemächtigt – keiner aber auch mit solch unbezwingbarer Kühle ihren Künsten Trotz geboten hatte. Was war das? Sollte sie, die ob ihrer Siege stolze Gräfin von Cellamare, die Waffen vor der Sprödigkeit dieses Schweizers strecken? War sie nicht mehr die unwiderstehliche, schönste Frau Siciliens? Wie ein leises, aber desto fühlbareres Mahnen an der Jahre unerbittliches unaufhaltsames Walten stellte sich diese unausgesprochene, aber nicht abzuweisende Frage vor ihren Geist.

Ein drückendes Schweigen hatte sich über die kleine Gesellschaft gelagert. Mit geschäftigem Finger löste der Abbate Scaglione Mandeln aus ihrer Schale; in blitzartigem Aufzwinkern ließ er den forschenden Blick auf seine Nachbarin und dann wieder zu seinem Teller zurückfliegen; der Graf hatte sich längst in seinem Stuhle zurückgelehnt und schlief mit verschränkten Händen, als gäbe es weder Gräfin, noch schweizer Offizier.

„Sollte ihm ein Unfall zugestoßen sein?“ fuhr die Gräfin plötzlich, zu dem Abbate gewendet, auf.

„Ach, gnädigste Gebieterin,“ erwiderte der Abbate, der wohl die Frage auf seinen nächsten Nachbar bezog, „er ist ja immer so! Wer die Nacht bis zum Morgengrauen bei Spiel und Wein verbracht hat, dem kann man wohl die Siesta gönnen!“

[586] „Ihr seid von Sinnen! Wer wird wohl hier an den Grafen denken?“

An den Grafen dachte man freilich am wenigsten in diesem gräflichen Hause – und der Herr Graf hatte sich längst sein Leben danach eingerichtet.

Eine Purpurgluth überströmte plötzlich das Antlitz der Gräfin – dort unter den Bäumen nahte eine Gestalt. Er war’s, der lang Vermißte, der heiß Ersehnte! Er kam, er hatte sie nicht vergessen! In wildem Toben kämpfte in ihrem Herzen die Freude, ihn zu sehen, und der Groll, daß sie ihn so lange hatte erwarten müssen. Ein Wort von seinen Lippen, ein reuiges Wort sollte die Lösung bringen – ein Blick aus seinen Augen, ein Blick der stummen Verehrung sollte die Freude und die triumphirende Liebe den Sieg davontragen lassen; – wie kühl aber und mit wie vollendeter, weltmännischer Eleganz verbeugte er sich vor ihr und vor dem schlummernden Grafen und dem Abbate und wie ruhig und gemessen, ohne auch nur das leiseste Erzittern unter einem wärmeren Gefühle, trafen seine Worte ihr Ohr:

„Der Dienst erlaubte mir nicht, Frau Gräfin, zur gewünschten Stunde zu erscheinen; ich bitte, mich entschuldigen zu wollen.“

Der Dienst? Was wollte er mit diesem Worte? Wußte sie doch wohl, daß er heute keinen Dienst zu versehen hatte, und hatte sie ja gerade für diesen Tag von ihrem Freunde, dem Gouverneur, die Erlaubniß für den Hauptmann von Hattwyl erwirkt, ihre Einladung anzunehmen! Was sollte diese Lüge? Was verbarg sich hinter dieser Ausflucht?

Sie that sich Gewalt an, um Herrin ihrer selbst zu bleiben. Kalt erwiderte sie seinen kühlen Blick; dann verzog sich ihr Mund zu einem Lächeln. „Dienst!?“ sagte sie endlich, ohne dem Harrenden die Hand zu bieten; „mich dünkt, Herr Hauptmann, es dürfte damit ein ganz besonderer ‚Dienst‘ gemeint sein, – und ein Mädchen ist wohl hier im Spiele!“

Eckart erröthete, das Wort hatte ihn getroffen, und der Gräfin entging diese verrätherische Röthe nicht. So hatte sie’s errathen? so verschmähte er sie um einer andern willen? Kaum war die zornerglühende Frau noch ihrer selber mächtig. Er wollte jetzt sprechen; mit gebieterischer Gebärde, als stünde der Richter vor dem Gerichteten, schnitt sie ihm aber das Wort ab, und fast rauh klang ihre Stimme, als sie, sich langsam erhebend und ohne ihn eines Blickes zu würdigen, zum Abbate sagte:

„Wir haben zu lange gewartet! Der Herr Hauptmann wird dem Grafen Gesellschaft leisten, während wir uns unter den Bäumen ergehen! Trage Sorge, Benedetto,“ fügte sie über die Achsel zum Diener hinzu, „daß es den Herren nicht an Champagner fehle!“

Einen Augenblick schaute Eckart der Gräfin nach. Was sollte diese Sprache, was sollte dies Aufbrechen bedeuten? Roberts mahnende Worte flogen ihm durch den Sinn. Er wandte sich zum Grafen hin – sanft schlummerte aber der edle Herr in seinem Strohsessel weiter und mit regelmäßig langsamem Pfeifen sang sein gesundes Schnarchen unter den Orangenbäumen hin.

„Der Herr Hauptmann müssen schon allein trinken!“ meinte, mit lächelndem Augenzwinkern zu dem schlafenden Gebieter hindeutend, der feiste Benedetto, und in der südlich familiären Weise, die kaum einen Rangesunterschied zwischen Diener und Herrschaft zugiebt, fügte er, mit dem umgebogenen Daumen nach der unter den Bäumen entschwindenden Gräfin zeigend, hinzu:

„Die Frau Gräfin sind heute gar schlechter Laune; es weht Sirokko übers Meer, da pflegen die Nerven …“

Das Ende hörte Eckart nicht mehr. Rasch kehrte er dem Tische den Rücken und entfernte sich in der entgegengesetzten Richtung dem Kloster zu, von wo das laute Singen und Lachen der fröhlichen Menschenmenge herübertönte.


3.

Er trat durch die Klosterpforte in den ersten, innern Hof; es war ein weites, längliches, von einem Bogengang umrahmtes Viereck, in dessen Mitte ein antiker Brunnen krystallhelles Wasser in breiten, schimmerndem Silberwellen über den Rand seiner schöngeschweiften Schale in das untere Becken und von da in die in vollem Blumenschmucke prangenden Beete goß. Eine wohlthuende Stille erfüllte den von kühlem Schatten durchwebten, einsamen Raum. Oben an den Dachfirsten spielte die Sonne in hellem lachenden Licht. Weit hinten aus der Klosterkirche ertönte gedämpftes Singen und Orgelspiel.

Wie wohl fühlte sich Eckart in dieser lauschigen Ruhe! Sein ganzes Wesen öffnete sich mit einer Art von Wonne diesem heimlich trauten Eindruck. Er setzte sich auf eine der Steinbänke, die sich im Kreise um die Bäume herumzogen, und, den Kopf auf die Hand gestützt, ließ er den schönen Liebestraum seiner jüngsten Tage vor seinem Geiste sich entfalten und ungehindert, unbeengt, sein ganzes Denken und Fühlen durchdringen. Einen „Schwärmer“ hatte ihn sein alter Freund heute morgen geheißen, und fürwahr! ein Schwärmer war seit jenem Tage aus ihm geworden. Wie damals sah er jenes Mädchen wieder vor sich stehen, in seinem hohen, schlanken Wuchs, mit dem halbaufgelösten Haar über die Schulter, mit dem vor Schreck und Zorn funkelnden Auge, und dann mit welch lieblich suchendem und fast kindlich flehendem Gruß im Blicke! Wie damals hörte er heute noch des Mädchens Stimme … Und was war das? Er fuhr auf und schaute sich um. War es eine Täuschung seiner Sinne? oder war sein Traum zur lebendigen Wirklichkeit geworden? Vom Kreuzgang her hatte eine Stimme an sein Ohr geschlagen, so silberhell und wohllautend, wie die ihre gewesen war! Dort, nur halb durch einen Pfeiler verdeckt, standen zwei Frauengestalten; sie drehten ihm den Rücken; es schien als betrachteten sie eine in der hinteren Mauerwand angebrachte Gedenktafel. Die eine hatte sich umgewendet; sie schien den niederen Ständen anzugehören, die Magd wohl, die ihre Herrin begleitete.

„Dort sitzt ein schweizer Offizier,“ sagte sie, „der kann Dir die alte Inschrift vielleicht erklären.“

Eckart bemerkte, wie bei diesen Worten die andere zusammenzuckte; rasch bog sie sich um; – ja! sie war’s, die Langgesuchte, Langersehnte! Er sah, wie bei seinem Anblick eine dunkle Röthe ihr Antlitz übergoß, wie ein freudiges Funkeln aus ihrem Auge hervorblitzte, wie ihre Lippen sich halb öffneten, als sprächen sie ein frohes Wort des Willkomms. Rasch bemeisterte sie aber das aufwallende Gefühl.

„Ach!“ rief sie dem zu ihr hineilenden Offizier zu, „wie freue ich mich, Herr Hauptmann, daß ich Euch hier begegne und Euch endlich meinen Dank aussprechen kann!“ und zu ihrer Begleiterin gewendet: „Dieser war es, der mich damals vertheidigte, als ich mit meinem Pathen Salvatore zur Stadt gegangen war, und … mein Pathe,“ fügte sie, dem Offizier die Hand reichend, hinzu, „dankte in seiner Art, er versteht es eben nicht anders, – ich will aber in der meinigen danken, von ganzem, ganzem Herzen thue ich es!“

Eine tiefe Erregung zitterte durch ihre Worte.

Die Antwort des Offiziers schnitt sie durch die rasch hingeworfene Frage ab, ob er ihr wohl den Sinn der auf der Gedenktafel eingegrabenen Inschrift deuten könne.

„Es ist wohl Lateinisch, und Lateinisch,“ meinte sie lächelnd, verstehe ich nicht.“

„Wie mag Euch aber diese alte Inschrift interessiren, Fräulein?“ erwiderte Eckart, den des Mädchens seltsame Wißbegierde in Verwunderung setzte.

„Alles, was unsere sicilische Vergangenheit betrifft, soll uns Sicilianer doch interessiren!“ antwortete sie mit einer Bescheidenheit, die fast wie eine Entschuldigung klang.

Die Mönche hatten vor drei Jahrhunderten zum Andenken an Kaiser Karls des Fünften Aufenthalt in diesem Kloster, im Jahre 1535, nach dem tunesischen Feldzug, jene Marmortafel gestiftet. Aufmerksam hörte das Mädchen den Erklärungen zu, welche Eckart ihm über jene Begebenheiten gab.

„Kaiser Karl der Fünfte?“ sagte sie endlich; „von diesem hat mein Vater nie gesprochen. Für Sicilien hatte dieser Kaiser wohl auch kein Herz, sonst wüßte ich etwas von ihm. Ach! von den früheren Königen hat doch nur ein einziger Sicilien geliebt!“

„Und wie hieß denn dieser einzige?“ fragte Eckart, den ihre Worte und ihr Wesen in wachsendes Staunen versetzten.

„Ruggiero hieß er,“ antwortete sie mit einem stolzen Aufwerfen des Kopfes, als fände sie eine Ehre darin, diesen Namen auszusprechen; „der Graf Ruggiero, der Sicilien befreite und die Fremden aus unserem Lande …“

Das Wort, das schon auf ihren Lippen schwebte, hielt sie rasch zurück; den Fremden, der vor ihr stand, wollte sie nicht verletzen.

„Ach Fräulein,“ erwiderte aber Eckart, „ob das Wort ausgesprochen wird oder nicht – daß der Gedanke, den Euer Mund nicht verrathen will, in aller Herzen lebt, das wissen wir ja alle! [587] Und verdenken kann ich es Euch wahrlich nicht, daß Ihr Euer Land befreien wollt! Ein jedes Volk soll Herr in seinem Hause sein, und wie Ihr, so würde auch ich denken und handeln, hätte mich der Zufall in Sicilien das Licht des Lebens erblicken lassen.“

„So sprecht Ihr?“ rief das Mädchen mit leidenschaftlicher Erregung. – „So seid Ihr denn ein Freund des sicilischen Volkes?“

„Warum sollte ich es nicht sein? Haben wir Schweizer doch auch unsere Freiheit erkämpft! Dasselbe Recht habt auch Ihr! Eine Furcht aber kenne ich, seitdem ich dies Land und seine Bewohner kenne …“

„Eine Furcht? ein Offizier?“

„Die Furcht, daß der Rock, den ich trage, und der Eid, den ich geleistet habe, mich eines Tages zwingen könnten, meine Pflicht als ehrlicher Soldat gegen dies Volk – gegen Euch – zu erfüllen!“

„Nein! nein!“ rief bei diesen Worten das Mädchen, „das kann, das darf nicht sein!“

„So würdet Ihr mich lieber als Euern Freund an Eurer Seite sehen?“

Sie schwieg, die Frage setzte sie in Verlegenheit, sie wußte selbst nicht, warum.

„Oder,“ fuhr Eckart mit scherzendem Ernste fort, „würdet Ihr wirklich einen neuen Ruggiero heraufbeschwören, um uns alle sammt und sonders wie Sarazenen in Stücke zu hauen?“

Ihr Auge flammte wieder auf wie vorhin.

„Graf Ruggiero,“ antwortete sie nach kurzem Zaudern, „war auch ein Fremder; einen Fremden braucht Sicilien nicht mehr; Siclien wird sich selber befreien!“

Der Offizier ließ sein Auge mit bewunderndem Staunen auf dem Mädchen ruhen, das so ruhigen und festen Sinnes sich mit ihm über all diese Dinge unterhielt. Wie kam dies einfache Bürgerkind dazu, vom Conte Ruggiero, dem ersten Normannenherzog, zu sprechen? wie kam es dazu, die alten Inschriften entziffern zu wollen? wie kam es dazu, mit solcher Unerschrockenheit einem königlichen Offizier gegenüber die bevorstehende Vernichtung der Fremdherrschaft zu verkündigen? Unwillkürlich kam ihm dabei die Gräfin von Cellamare in den Sinn. Wie ganz anders war doch diese Unbekannte! Und wie fühlte er sich ergriffen von den Gesinnungen, denen sie Ausdruck gab, wie zu ihr hingezogen durch ihr ganzes Wesen, durch die liebliche Weiblichkeit, die aus ihrem Antlitz strahlte, durch die Tapferkeit ihrer Vaterlandsliebe, durch den Seelenadel, der aus jedem ihrer Worte sprach!

„Warum schaut Ihr mich an?“ fragte das Mädchen.

„Ich staune ob Eurem Wissen, ob Eurer Sprache, ob Eurer Gefühle, Signorina! Möget Ihr mir’s nicht verübeln – aber man ist nicht gewöhnt, im Süden – bei einem Mädchen – solche …“

Die Begleiterin, die bis dahin der Unterhaltung stumm zugehört hatte, unterbrach ihn und mit einem Ausdrucke von strahlendem Stolze rief sie aus:

„Ja, Herr Offizier! unsere Felicita kann lesen und schreiben! Sie ist nicht wie die andern! Sie ist die beste von allen in ganz Sicilien!“

„Das glaube ich gern,“ erwiderte lächelnd der Hauptmann. „Aber darf ich fragen, Signorina, wie es kommt, daß Ihr so ganz anders seid als Eure Gefährtinnen? und welchem Umstande habt Ihr diese für Sicilien so seltene Erziehung zu verdanken?“

„Mein Vater wollte es so. Er haßt die Unwissenheit der Frauen. Er pflegt zu sagen, daß die Bildung der Frauen der Samen sei, aus welchem die Macht, die Freiheit und der Ruhm eines Volkes erblühen, und weil die Normannenfürsten die Frauen ehrten, darum liebt sie mein Vater so sehr – wie auch, weil sie es waren, die zum erstenmal ein unabhängiges Fürstenthum Sicilien gründeten!“

„Euer Vater ist ein kluger Mann und wie ein Weiser spricht er; – wer ist Euer Vater?“

Das Mädchen stand im Begriffe zu antworten, als die andere es am Rocke zupfte und ihm ein paar schnelle Worte ins Ohr raunte.

„Mein Vater,“ antwortete zögernd das Mädchen, – „ist … ein bescheidener Bürger aus Messina.“

„Wohnt er dort?“

„Wir besitzen ein kleines Landhaus in der Nähe der alten Normannenkirche, im Thale der Badiazza.“

Ein Fenster klirrte oben in dem ersten Stockwerke.

„Felicita!“ rief eine scharfe tiefe Stimme herunter.

Sie fuhr zusammen. –

„Ich komme, Vater!“ antwortete sie, und, ihre Mantille zusammenfassend, winkte sie dem Offizier einen zögernden Gruß zu, als frage sie sich, ob sie denn jetzt schon und so rasch wieder Abschied von ihm nehmen müsse.

Die Blume, mit welcher ihre Finger spielten, fiel dabei zur Erde. Sie bückte sich rasch nach ihr hin; ihre Hand kam aber zu spät, schon hielt Eckart die Blume in der seinigen – und von seiner Hand fühlte sie plötzlich die ihre umfaßt, mit so warmem festen Drucke … es schien ihr, als ergösse sich von dieser Hand eine wonnige Gluth bis zu ihrem Herzen … Es war ein Augenblick nur und es schien ihr eine halbe Ewigkeit. Sprachlos schauten sich die beiden in die Augen.

Eckart wollte sprechen; er fand die Worte nicht.

Wie durch einen Traum schien es ihm, als hörte er sie sanft und leise flüstern: „Wer die Blume hält, dem gehört sie zu!“ – und rasch entrang sich ihm ihre Hand, – und unter den Gewölben des Kreuzganges verschwanden die beiden Frauen.

Eine Pforte öffnete sich zu den inneren Klosterräumen. Dort wehte des Mädchens Schleier. Ohne sich zu besinnen, eilte Eckart dem winkenden Zeichen nach.

Unter der Gartenthür hinter ihm standen unbeweglich zwei Gestalten, die lautlos diesen Vorgang beobachtet hatten. Leichenblässe bedeckte das Antlitz der Gräfin; ihre zusammengepreßten Lippen bebten, ein racheglühender Ausdruck belebte ihre funkelnden Augen, und hastig drängte sie den Abbate, um dessen Mundwinkel ein eisiges ironisches Lächeln spielte, zum Aufbruch.

[597]
4.

In einer kleinen Zelle im ersten Stockwerke des Klostergebäudes waren mehrere Männer versammelt; vor der Thür hielt ein altersgrauer Mönch Wache und bat mit gedämpfter Stimme die Nahenden, die Andacht des Priors und der Aeltesten nicht zu stören. Von einer andächtigen Stimmung war freilich dort drinnen nichts zu merken; auch waren es nicht lauter Mönche, die um den grobgezimmerten Tisch Platz genommen hatten. Dem Prior gegenüber saß, in einfacher Bürgerkleidung, ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren, unscheinbar, in etwas gebeugter Haltung, den mit dichtem, schon silberdurchzogenem Haarwuchse bedeckten, zwischen den Schultern eingesunkenen Kopf nach vorn geneigt. Seine breiten Hände und dicken Finger deuteten auf einen Arbeiter; aus seinem klugen, jugendlich blitzenden Auge leuchtete aber eine Klarheit des Denkens und eine selbstbewußte, ihres Zieles sichere Kraft des Wollens, die auf eine nicht gewöhnliche Bildung schließen ließen, und zugleich schaute das Auge mit so langsam bedächtigem Ueberlegen von einem Sprecher zum andern, daß man sich fragen mußte, ob diese schlichte Kleidung und dies bürgerlich einfache Aeußere nicht einen andern als einen gemeinen Handwerker verbärgen. Dem war jedoch nicht so, denn dieser Mann war kein anderer, als Romeo, der Tischlermeister aus der Straße Ferdinanda in Messina, – dieser aber war wieder kein Geringerer, als der von den kleinen Leuten vergötterte, von den Großen gefürchtete und gehaßte mächtige Capo Popolo, von dessen Wort und Wink die Ruhe und Sicherheit der Stadt und der Provinz abhingen, der mit einer Silbe, mit einer Gebärde die nur leise schlummernden Leidenschaften des Volkes zu hellem Aufruhr zu erwecken oder, sofern es ihm nöthig schien, die immer ungestümer drohende Revolution zu beschwichtigen, die drängenden Genossen zu längerem, vorsichtigem Aufschieben zu veranlassen vermochte. In keinem Herzen brannte flammender als in Romeos der Haß gegen den Bourbonen; keiner ertrug mit tieferem Ingrimm als er das Joch der Neapolitaner; keiner erwartete mit größerer Ungeduld den Tag, wo das Volk sich in offenem Kampfe gegen die Unterdrücker erheben würde. Nur von offenem und ehrlichem Kampfe wollte aber Romeo wissen, und mit seinem Genossen, dem andern messinesischen Volksführer, dem alten Salvatore Merlo, der heute neben ihm an des Priors Tische saß, war er öfters deshalb in Streit gerathen. Denn mit allen und jeglichen Mitteln, meinte dieser, sei der Bourbonenwirthschaft ein Ende zu machen; das Vorbild der sicilianischen Vesper dürfe nicht vergessen werden, und mit Hilfe der geheimen Gesellschaften, der Maffia und der Briganten, käme man schneller und sicherer zum Ziele als mit einem ungleichen Kampfe des schlechtbewaffneten Volkes gegen die kriegstüchtigen und zu allem entschlossenen schweizer Regimenter. [598] Mit diesen Ansichten konnte der gerade und ehrliche Romeo sich nicht befreunden, und heute wieder war er deshalb in heftigen Wortwechsel mit dem alten Merlo gerathen.

„Siciliens Ehre willst Du beflecken, Salvatore!“ rief er aus; „mit Mördern dürfen wir nichts gemein haben!“

Merlos hagere Gestalt richtete sich auf, ein unheimliches Funkeln flog durch sein Auge.

„Waren unsere Väter Mörder, als sie die Vesperglocke läuteten?“ erwiderte er scharf.

„Andere Zeiten, andere Waffen!“

„So soll das Blut unserer Brüder fließen? so sollen unnützerweise unsere Kinder vor die Kanonen der neapolitaner Henker geführt werden?“

„So soll gesagt werden, daß die sicilischen Bürger sich mit Banditen und mit entlaufenen Galeerensträflingen verbündet haben? und daß ihnen der Muth fehlte, ihr eigenes Leben für die Freiheit des Landes zu opfern? und daß sie, um ihre Unabhängigkeit zu erringen, Söldner dingen mußten, – wie König Ferdinand, um seine Krone zu vertheidigen? Und welche Söldner, heilige Madonna! Dieselben Gesellen, die für einen reicheren Lohn ihren Dolch gegen uns und unsere Freunde zu zücken bereit wären, dasselbe Gesindel, das dem ersten besten eifersüchtigen Ehemann, dem ersten besten abgewiesenem Freier die Hilfe seiner feilen Mörderhand zusagt und dem Sicilien verdankt, in Europa als eine Räuberhöhle verrufen zu sein!“

„Ich nehme die Waffen, die ich vorfinde und die am sichersten treffen. Mit Schergen kreuzt man nicht den Degen, gegen Schergen zückt man den Dolch! – Und unter den Banditen, das weißt Du so gut wie ich, giebt es auch brave Männer … und,“ fügte er mit einem raschen Seitenblick auf die Mönche hinzu, „manche andere reichen sich heute die Hand, die sonst keine Freunde waren! Wir verfolgen alle dasselbe Ziel, allein es giebt eine Art, demselben nachzustreben, – die viel eher ein Verrath …“

Er wurde von dem Prior unterbrochen.

„Salvatore Merlo!“ sagte dieser, indem er begütigend die Hand auf des erregten Volksmannes Schulter legte, „haltet Eure Gedanken zurück und laßt solche Worte sich nicht unter die heißblütige Menge verirren! Denn nur unseren gemeinsamen Feinden würden sie Nutzen bringen. Von Messina allein hängt dies übrigens nicht ab, wir müssen mit den andern Städten Siciliens übereinstimmen. Padre Bartolomeo, den uns gestern die Brüder aus Palermo sandten, mag uns sagen, wie Siciliens Hauptstadt denkt.“

„Palermo ist nur Palermo, nicht mehr als Messina!“ rief Salvatore unwillig zurück, „eine Hauptstadt Siciliens giebt es nicht!“

„Erlaubt, daß ich spreche!“ unterbrach mit klangvoll tiefer Stimme der durch des Priors letzte Worte zum Reden Aufgeforderte den Messineser.

Von einem alten Normannengeschlechte mochte wohl dieser urkräftige, wie aus einer mittelalterlichen Statuengruppe herausgebrochene Mönch stammen, den das Palermitaner Kloster della Gancia zu den Messineser Freunden geschickt und um dessentwillen der Prior heute die Volksführer nach San Placido zusammenberufen hatte. Seine Worte entsprachen seiner Gestalt; sie fielen wuchtig wie Keulenschläge:

„Das Werk, das wir zusammen vorbereitet haben, müssen wir zusammen ausführen! Verräther sind diejenigen, die in dieser Stunde Zwietracht unter uns ausstreuen. Ob Messina oder Palermo Hauptstadt des künftigen unabhängigen Siciliens sein soll, ist heute Nebensache. Messina und Palermo sind Schwesterstädte; gehen sie Hand in Hand, so fällt die neapolitanische Herrschaft in Trümmer; gehen sie auseinander, so bricht Sicilien in Stücke! Nicht immer werden wir ja alle, die wir hier versammelt sind, zusammen gehen; aber heute gehen wir zusammen! und an heute müssen wir heute denken! Wie Ihr in Messina es anfangt, um die Neapolitaner zu verjagen, ist Eure Sache! Wie wir in Palermo, ist die unsrige! Aber verjagt müssen sie werden durch uns alle zusammen! Noch eine Woche brauchen wir in Palermo, dann sind wir zum Kampfe bereit; – wie viel Zeit braucht Messina?“

Tiefes Schweigen antwortete dem Mönche. Die Augen der Brüder richteten sich auf die beiden Volksmänner. Romeos Blick haftete auf der Erde. Seine Antwort hätte lauten können: Messina braucht weder eine Woche, noch einen Tag; morgen steht es kampfbereit auf der Straße! – Anders aber lautete Romeos Antwort: „Den Brüdern in Palermo darf es nicht einerlei sein, mit welchen Waffen Messina kämpft, denn auch unsere Ehre muß gemeinsam sein. Giebt mir Salvatore sein Wort, daß unser Volk nicht Gefahr läuft, neben Mordgesindel kämpfen zu müssen, so bin ich bereit, morgen schon das Zeichen des Aufstandes zu geben, – morgen, oder in einer Woche, oder in einem Monat, oder in einem Jahr! – giebt er mir aber dies Wort nicht, dann, soweit ich allein zu gebieten das Recht hätte, weder morgen noch in einem Jahre!“

Salvatore war aufgesprungen; er ballte die Faust gegen ihn.

„Romeo!“ rief er, „das ist …“

„Laß mich ausreden, Salvatore! – Soweit ich allein zu gebieten das Recht hätte, sagte ich; dies Recht erkenne ich mir aber nicht zu! Gebt mir eine Woche, ich werde sie benutzen, um mit unsern Freunden in Taormina und in Milazzo zu überlegen, ob wir auf die Gefahr hin, mit Salvatores … Freunden verwechselt zu werden, vorgehen wollen oder nicht.“

„Wer sind Deine Freunde in Taormina und Milazzo?“ fragte der Palermitaner.

„Der Marchese della Rovere in Taormina.“

„Welchen meinst Du? Don Filippo oder Giuseppe Russo?“

„Den Marchese meine ich!“ erwiderte Romeo mit Nachdruck, als läge diesem Titel eine besondere Bedeutung bei.

„Ich weiß ja! Auch für uns bleibt Don Filippo der einzige und echte Marchese. Aber so lange eben die Richter kein endgültiges Urtheil gefällt haben, ist sein ehemaliger Verwalter, der Giuseppe Russo, im Besitze des Titels, den er dem Alten streitig macht. Nächster Tage wird der Gerichtshof in Palermo entscheiden.“

„Der Giuseppe Russo ist ein Hund!“ fuhr Salvatore dazwischen; „mein Sohn Antonino weiß ein Lied davon zu singen. Er schindet die Bauern, als wären sie Sklaven … aber heute oder morgen …“

Er sprach den drohenden Satz nicht aus.

„In Milazzo,“ fuhr der Mönch fort, „gedenkst Du wohl den alten Petrone zu besuchen? Ein Freund der Kirche ist er nicht, aber als Verbündeten nehmen wir den ehrwürdigen Philosophen und Patrioten gern an. Ueberbringe ihm meine Grüße! Sein Wort ist lauter wie lauteres Gold.“

„Ja! ein ehrlicher Phantast!“ lachte Salvatore hämisch.

Romeos und des Palermitaners Blicke begegneten sich. Der Mönch war aufgestanden.

„Eine Woche braucht Romeo; eine Woche braucht Palermo; nach einer Woche sprechen wir uns in Messina wieder!“ – Und dem Tischlermeister lächelnd die Hand reichend, fügte er hinzu: „Deine Tochter hat nun lange genug gewartet; rufe sie herauf zu uns! Das Essen mag wohl bereit sein, und das Essen soll man ebenso wenig warten lassen als … die Mädchen, wie man sagt.“

Als Felicita, dem Rufe ihres Vaters folgend, mit ihrer Begleiterin in das obere Stockwerk trat, wurde sie von dem wachehaltenden Mönch in die große, eine Ecke des gewaltigen Baues einnehmende Speisehalle geführt. Das weitgeöffnete Fenster schaute hinaus auf das blaue Meer und auf die im Schimmer der Abendsonne verglühenden Kalabresergebirge.

„Wie die Leutchen da unten sich sputen!“ sagte der Palermitaner, indem er sich über den Balkon zu dem Orangengarten hinunterbeugte, wo gerade die kleine gräfliche Gesellschaft damit beschäftigt war, ihre Siebensachen in Körbe einzupacken. – „Seht doch! ein Abbate ist auch dabei! Kennt Ihr diesen da, Bruder Jacopeo?“ fragte er den Prior.

„Wer kennt den Abbate Scaglione nicht?“ antwortete dieser, indem er mit den andern auf den Balkon hinaustrat; „ein weißer Rabe in der sicilischen Geistlichkeit! ein Freund der Neapolitaner … und der Gräfin Cellamare! … Sieh! er schaut herauf! … Seid gegrüßt, Abbate! wie geht es Euch?“

„Wie soll es gehen, Padre Jacopeo?“ antwortete es in launig pathetischem Tone, „so gut und so schlecht es einem eben gehen kann, der einen theuren Freund vermißt! Nehmt Euch in acht dort oben! Ein schweizer Offizier hat sich in Eurem Kloster verirrt – oder versteckt. Ich glaube gar, er läuft einem hübschen Mädchen nach.“

Die Gräfin schaute zu den Mönchen hinauf. Wie eine liebliche Blume lächelte Felicita aus der Mitte der dunklen Gestalten [599] zu ihr herab. Die Gräfin hatte das Mädchen erkannt; wie festgewurzelt blieb sie einen Augenblick stehen; dann wandte sie sich zu Scaglione.

„Abbate!“ flüsterte sie ihm mit bebender Stimme ins Ohr, „seht Euch diese Dirne an! Ich muß wissen, wer sie ist, wie sie heißt, wo sie wohnt.“


5.

Während des Essens wurde in dem Kreise der Mönche und der Volksführer mit keinem Worte der vorhergegangenen Besprechung erwähnt; alle plauderten vergnüglich zusammen, als wären sie nur zu harmloser Geselligkeit versammelt; selbst Salvatore fand fröhliche Worte, und unter Lachen und Scherzen brach die Nacht herein. Als sie sich endlich erhoben, wandte sich Romeo zu seiner Tochter.

„Felicita,“ sagte er, „Du wirst im Wagen unseres Freundes Merlo nach Hause fahren; ich kehre heute nicht nach Messina zurück.“

„Wo gehst Du hin, Vater?“ fragte sie, und es flog wie ein banges Ahnen durch ihr Herz, als sollte die Abwesenheit des Vaters die Pforte ihres Hauses einem drohenden Unglück eröffnen.

„Zu den Freunden nach Taormina und Milazzo muß ich reisen; in acht Tagen bin ich wieder zurück. Nina,“ fügte er zu ihrer Begleiterin gewendet hinzu, „hüte mir meine Tochter sorgsam; in die Stadt soll sie mir nicht gehen, nur zur Kirche im Badiazzakloster!“

„Trägst Du Deinem Vater keine Grüße für Antonino auf?“ fragte Salvatore das Mädchen.

Verwundert schaute sie ihn an.

„Weshalb sollte ich’s? Ein Mädchen, sagst Du ja selber, darf sich nichts mit jungen Männern zu schaffen machen.“

„Dem Bräutigam aber darf jede …“

Scharf schnitt sie ihm aber das Wort ab.

„Antonino ist doch nicht mein Bräutigam! … Einen Bräutigam habe ich nicht.“

Das Wort flog rasch und kräftig. Das Mädchen erröthete dabei bis zu den Wurzeln ihrer Haare. Was war es doch, das dabei so besonders in ihrem Herzen klopfte?

Salvatore hatte sich zu Romeo gewendet.

„Was die Väter verabredet …“

„Lassen wir das, Salvatore! Du weißt ja, sie denkt nicht wie wir darüber. Bringe sie glücklich nach Hause; ich danke Dir zum Voraus.“

Und als hätte niemals auch nur die kleinste Wolke ihre Eintracht getrübt, schüttelten sich die beiden die Hände zum Abschied.

„Was nur der schweizer Offizier dort hinten noch so spät auf der Landstraße zu suchen hat?“ sagte beim Heimfahren Salvatore, indem er mit der Peitsche auf zwei Reiter deutete, die in gemessener Entfernung hinter dem Wagen hertrabten.

Felicita sah sich um. Das helle Mondlicht leuchtete über Meer und Berge.

„Wird’s Dir zu kühl, Felicita?“ fragte Salvatore, als er sah, daß sie ihre Mantille fester über den Kopf zog.

Nicht kühler war es ihr geworden: wie eine Welle heißen Blutes war es ihr zum Herzen geschossen, als sie in dem vorderen Reiter den Offizier aus dem Klostergarten erkannte.

Still und leer lagen die Straßen Messinas, in welche das kleine Fuhrwerk zu später Stunde einlenkte. In der Mitte der Straße Ferdinanda, wo die Paläste der Aristokratie lagen, leuchtete die Fensterfassade eines einzigen Hauses in vollem Lichterglanze; in dem weiten Hofe hielten herrschaftliche Wagen, ein betreßter Diener stand unter dem Portal.

„Guten Abend, Benedetto!“ rief ihm im Vorbeifahren Salvatore zu; „habt Ihr wieder Gäste?“

„Empfangsabend der Gräfin!“ antwortete der andere; „nimmer Ruh in diesem Hause!“

„Wird auch schon ruhiger werden!“ warf Salvatore zurück und ließ die Peitsche knallen.

„Wollen ’s abwarten!“ tönte es lachend dem Davonfahrenden nach. –

In den weiten Räumen des Palastes Cellamare herrschte ein reges Leben. Hier versammelten sich einmal in der Woche die alten adeligen Familien, die Offiziere, die höheren Beamten, alles, was noch zum Könige hielt. Auch der Herzog von Montalto, der Gouverneur von Messina, beehrte seit kurzem diese Abende mit seiner Gegenwart. „Je drohender die Gefahr,“ meinte er zu seinen Freunden und Untergebenen, „desto enger müssen sich die Königlichen zusammenscharen.“

Als einer der letzten erschien heute der Herzog. Mit ritterlicher Grazie küßte der alte Edelmann die Hand der Gräfin.

„Früher wohl,“ sagte er zu ihr, „hätte mich mein Herz hierher gezogen, aber der Dienst unseres Königs verbot es; ich mußte Nachricht erwarten von San Placido, wo unsere Feinde heute zusammen beriethen.“

Die Gräfin zuckte leicht zusammen: „Der Dienst?“ Dasselbe Wort hatte sie heute schon einmal gehört.

„Sind Sie wirklich der Meinung, Excellenz,“ fragte sie mit einem seltsamen Lächeln, „daß des Königs Dienst jederzeit dem Frauendienst vorzugehen habe?“ Ihr Auge flog bei diesen rasch hingeworfenen Worten der Thür zu, die sich einem neuen Gaste, einem schweizer Offizier, geöffnet hatte; – der, den ihr Blick wohl suchen mochte, war aber nicht hereingetreten.

„Schönste Gräfin!“ antwortete der Herzog, „wenn Ihr mir erlaubtet, Euch meine Königin zu nennen, so ginge Frauendienst jedem andern vor.“

Der Major von Büren war zu der Gräfin hingetreten.

„Kommt Ihr ohne Euren Freund, den Hauptmann von Hattwyl?“ fragte Teresina.

„Den Hauptmann, gnädige Frau, gedachte ich hier zu treffen; er ritt zu Ihnen nach San Placido.“

Ein schelmisches Lächeln spielte um des Herzogs Lippen.

„Wie werden wir den Abwesenden zu ersetzen vermögen?“ meinte er.

Die Gräfin schien den neckenden Scherz nicht zu verstehen.

„Ach, ja! San Placido!“ antwortete sie lachend. „Ja! wohl haben wir Ihren Abtrünnigen dort gesehen! Im Klosterhofe hatte er sich ein Rendezvous mit einem bildschönen Mädchen bestellt. Dort sahen wir beide – nicht wahr, Scaglione, ein reizendes Bild! und eine köstliche Idylle! Am sprudelnden Brunnen – im lauschigen Gange! – sie reicht ihm eine Blume – er drückt sie an sein Herz – sie flieht in das Kloster – er setzt ihr nach – der Brunnen plätschert das ewige Lied von der ewigen Liebe dazu.“

„Eine Sicilianerin?“ fragte rasch und bestürzt der Major.

„Nun ja, eine Sicilianerin! An was Besonderes denkt Ihr denn dabei, Herr Major?“

Dem nach einer passenden Antwort Suchenden half der Herzog aus der Verlegenheit. „Wer kennt nicht des Hauptmanns Abenteuer und sein Frauenglück! Die plätschernden Brunnen scheinen darin eine ganz besondere Rolle zu spielen; die Unfindbare, die er bei dem Brunnen von San Gennaro aus den Händen der betrunkenen Matrosen errettete, beim Brunnen von San Placido hat er sie wohl wieder gefunden, der glückliche Schwärmer.“

Das Herz der Gräfin schnürte sich zusammen. „Wer kennt nicht des Hauptmanns Abenteuer und dessen Frauenglück?“ Und vor ihr hatte er mit keiner Silbe dieses Abenteuers erwähnt. Sie hatte sich also nicht getäuscht, als ihr Zorn und ihre Eifersucht dort im Klosterhofe in hellen Flammen aufloderten. Nein, noch viel schändlicher, als sie es dort ahnte, war sie von ihm mißachtet worden, und wie der frechste Hohn klang jetzt in ihren Ohren die Entschuldigung wieder, die er ihr dort unter den Orangenbäumen entgegengestammelt hatte. Sie mußte sich Gewalt anthun, um die wild in ihrer Brust auftobenden Gefühle zu unterdrücken. Das Lächeln verschwand nicht von ihren Lippen; kaum merkbar spielte nur ein grimmig spottender Zug um ihre Mundwinkel, als sie langsam erwiderte:

„Ach, wie schade! Da hätte ich ja beinahe, ohne es zu ahnen, ein schönes, langerhofftes Liebesglück gestört! Das Mädchen, sagtet Ihr, hatte er dorthin bestellt? … Ei, seid mir gegrüßt, Herr Bankier Lerche! wie freundlich, daß Ihr uns nicht vergeßt! … und nun haben sie sich gefunden! – Wußtet Ihr auch schon, Lerche, von dem Liebesglücke unseres Freundes, des Hauptmanns von Hattwyl?“

Lerche schaute sich behutsam forschend um.

„Aengstigt Euch doch nicht, Lerche!“ lachte der Herzog, dem sonderbaren Menschen auf die Schulter klopfend, „Ihr vergebt Euch nach keiner Seite etwas; wir kennen alle die Geschichte.“

„So darf ich sie auch kennen,“ antwortete schief lächelnd Lerche. „Dummes Zeug, die Liebe! Hab’s den jungen Offizieren schon oft wiederholt … eine Sicilianerin lieben ist eine schlimme Sache! … [600] noch schlimmer, von ihr geliebt zu werden! … Soll sich in acht nehmen, der brave Hattwyl! Bruder, Vater, Bräutigam …“

Die Gräfin fiel ihm rasch ins Wort.

„Bruder? Vater? Bräutigam sagt Ihr? So kennt Ihr das Mädchen? Wer ist sie? Sprecht!“

Glatt wie ein Aal entwand sich aber Lerche ihrer Frage.

„Wie sollt’ ich das Mädchen kennen! Ihr habt sie ja gesehen, nicht ich, und nur vom Hörensagen kenne ich des Hauptmanns Liebe.“

Des Hauptmanns Liebe! … Wenn man von Eckarts Liebe sprach, so war also jene andere gemeint! … Vom Hörensagen! … Die ganze Stadt wußte also davon! … und sie, die Verschmähte, die Verlachte, sie hätte nicht auf Rache sinnen sollen gegen den Verräther? Auch sie war eine Sicilianerin – und der Verächter sollte es erfahren! Da – es kam wie eine mahnende Antwort auf den Sturm, der sich in ihrem Herzen zusammenzog – da flüsterte leise, keinem andern hörbar, Scagliones Stimme in ihr Ohr: „Die Rache ist ein Gericht, das kalt genossen werden muß!“

Und siehe! Was war mit ihr geschehen? Mit ihrem verführerischen Lächeln auf den Lippen wandte sich die Gräfin zu dem Herzog. „Reicht mir den Arm, Excellenz!“

Und zu den Umstehenden gewendet, fügte sie mit huldvoller Grazie hinzu: „Sie werden mich wohl einen Augenblick entschuldigen; Staatsgeschäfte bespricht man unter vier Augen.“

Als sie sich allein mit dem Herzog in einem dem Gewoge des Festes entzogenen Boudoir sah, blieb sie vor dem Gouverneur stehen, und mit der süßesten Stimme, die ihr zu Gebote stand, und in dem flehend natürlichsten Tone sagte sie zu ihm:

„Excellenz! Diesem, einem Ihrer besten Offziere, droht Gefahr; Lerche wollte es nicht aussprechen; er weiß es aber wohl besser als wir alle – denn er verkehrt ja mit allen. Bruder, Vater, Bräutigam sind da, die das Mädchen an dem fremden Liebhaber zu rächen trachten. Darf ich den allmächtigen Gouverneur um eine Gnade bitten?“

„Eine Gnade, schönste Frau? Eine Gnade werdet Ihr mir verleihen, wenn Ihr mir erlaubt, einen Eurer Wünsche zu erfüllen.“

„Darf ich? und ist meine Bitte erhört?“

„Was verlangt Ihr von mir, Teresina? Sprecht, und morgen ist Eure Bitte erfüllt!“

„Morgen schon? … Morgen ist wohl zu schnell! … Die Gefahr, die dem jungen Manne droht, ich kenne sie ja noch nicht. Aber am Tage, wo ich sie wissen werde, dann gelobet mir, zu erfüllen, was ich … für den Hauptmann … von Euch erbitten werde!“

„Mein Wort habt Ihr.“

Sie reichte ihm die Hand; er drückte einen langen Kuß darauf.

Als sie am Arme des Herzogs die Runde in ihren Salons machte und nach rechts und links mit leicht lächelnder Gebärde grüßte, da sang tief unten in ihrem Herzen eine nimmer zum Schweigen zu bringende, immer wieder das Geräusch der Unterhaltungen und der fröhlichen Tanzmusik durchbrechende, leise flüsternde Stimme den Kehrreim des sicilischen Liebesliedes:

„Die Rache ist ein Gericht, das kalt genossen werden muß.“


6.

Langsam kletterte in den ersten Nachmittagsstunden des folgenden Tages der Esel, auf dessen Rücken Romeo seine Reise unternommen hatte, den letzten, steilen Felsenweg hinan, der vom Meere zu dem alten Sarazenenneste von Taormina führt.

Wie würde wohl die Antwort lauten, die Romeo von dort oben zu holen kam? Seinen alten Freund, den der Palermitaner Mönch gestern schlechtweg Don Filippo und den er selber mit so energischer Betonung den Marchese genannt hatte, kannte er seit langen Jahren; er wußte, daß auch er in früheren Zeiten von einer Gemeinschaft mit Briganten und mit der Maffia nichts hätte wissen wollen; – aber war er jetzt noch der alte? Konnte man nach den schweren Schicksalsschlägen, die in den jüngsten Monaten auf ihn niedergeschmettert waren, noch auf seine früheren Gesinnungen zählen? Und würde er nicht, in seinem nur allzugerechten Zorn und auch in Vermengnug seiner persönlichen mit der gemeinsamen sicilischen Sache, bereit sein, nur um sich an seinen Feinden zu rächen, zur ersten besten, – auch zu gemeinsten Waffe zu greifen?

Don Filippo mit seinem urgermanischen Gepräge, mit seinem früher blonden, jetzt weißen Haupthaar und seinen blauen Augen, mit seinen breiten Händen und breiten Füßen, mit seinem alle andern um eine Kopfeshöhe überragenden herkulischen Wuchs und mit seinem derben, fast bäuerischen, rücksichtslos geraden Wesen war eine seltsam gewaltige Erscheinung inmitten jener Mischrasse von Griechen, Römern und Sarazenen. Er war der letzte Abkömmling einer der im elften Jahrhundert mit den Normannen- und Schwabenkönigen nach Sicilien eingewanderten Baronenfamilien, und machte man ihm auch heute das Recht streitig, den Namen seiner Ahnen und den Titel eines „Marchese della Rovere, Barone di Roccafiorita“ zu tragen, so stand dies Recht doch in unauslöschbarem Gepräge in seinen Gesichtszügen und seiner ganzen Gestalt, andrerseits aber auch in seinen sorgfältig in eiserner Truhe aufbewahrten Familienurkunden eingeschrieben.

Eigenthümlich genug und für die damaligen Zustände bezeichnend war die Geschichte des Prozesses, der den alten Edelmann aus der Gemeinschaft seiner Standesgenossen ausgeschieden und aus dem Marchese vorderhand einen einfachen Bürgerlichen gemacht hatte. In früheren Jahren hatte sich Don Filippo eben so wenig um die Verwaltung seiner Güter gekümmert, als dies sein Vater und Großvater gethan hatten; er hatte sich damit begnügt, am Ende jedes Vierteljahres, ohne zu zählen noch nachzurechnen, seine Einkünfte aus der Hand seines Verwalters, des Rechtspraktikanten Giuseppe Russo, einzukassieren; er hatte nicht daran gedacht, sich bei diesem reichbezahlten Diener zu erkundigen, wie es mit seinem Vermögen stehe, und war höchlichst erstaunt, als ihm derselbe eines Morgens mit unterthänigster Verbeugung eröffnete, die Schulden des gnädigen Herrn wären nun so hoch gestiegen, daß man an eine Veräußerung der Liegenschaften in Roccafiorita und des alten Schlosses della Rovere denken müßte; es lägen sehr vortheilhafte Anerbieten zum Ankaufe dieser ohnedies werthlosen Besitzungen vor; das sogenannte Schloß della Rovere sei ja nichts als ein mit Einsturz drohender Haufen Steine, die Oliven- und Citronengärten von Roccafiorita kosteten mehr, als sie eintrügen, und durch den Verkauf dieser unnützen und kostspieligen Ländereien befreie sich der Marchese nicht nur von seinen Schulden, sondern verschaffe sich auch noch eine erhebliche Summe flüssigen Geldes, die ihm erlauben würde, den Palazzo in Taormina besser in stand zu setzen und die damit zusammenhängenden weit erträglicheren Grundstücke ausgiebiger zu verwerthen. Wie unerwartet diese Eröffnung auch dem Marchese kam, so mußte er sich doch dazu bequemen, den Rath seines Verwalters zu befolgen. Schloß und Acker wurden verkauft, und zwar mit solcher Eile, daß es fast schien, als sei die Sache schon längst mit dem Käufer abgekartet gewesen, um so mehr, als letzterer kein anderer war denn der weit und breit als der schlaueste Fuchs und geriebenste Geschäftsmann bekannte Bankier Lerche, von dem die Steine auf den Straßen erzählten: keiner verstehe besser als er, den altadeligen in Schulden versunkenen Geschlechtern aus ihrer Verlegenheit, sich selber aber, dank diesem geschickten Zuvorkommen, zu einem der beträchtlichsten Vermögen von ganz Messina zu verhelfen. Die Hälfte wohl der früheren Feudalbesitzthümer war durch seine Hände gegangen, denn er kaufte nur, um wieder zu verkaufen.

Auch diesmal blieb des Marcheses Besitzthum nicht in seinen Händen hangen. Zur nicht geringen Verwunderung des alten Edelmanns entpuppte sich nach einiger Zeit sein Rechtspraktikant Giuseppe Russo in höchst eigener Person als sein endgültiger Nachfolger in Rovere und in Roccafiorita; so unnütz und so kostspielig mußten denn doch die Steinhaufen und Oelbäume nicht gewesen sein! Die Verwunderung des Marchese schlug aber in grimme Entrüstung um, als er wenige Tage nachher einen Brief von seinem ehemaligen Verwalter empfing, in welchem ihm derselbe mit der ausgesuchtesten Höflichkeit mittheilte, daß er sich von nun an, auf Anrathen seiner Familie und obgleich er selber gar wenig von solchen Aeßerlichkeiten und Nobilitätstiteln halte, den Titel und das Wappen eines Marchese della Rovere, Barone di Roccafiorita beizulegen gedenke; das Recht dazu besitze er unstreitig, da aus den noch in Händen des „bisherigen“ Marchese sich befindenden, von ihm aber in beglaubigter Abschrift bei den Gerichten niedergelegten Urkunden klar hervorgehe, daß der Marchesentitel an dem Besitze des Schlosses und Grundeigenthums hänge und folglich durch Ankauf auf ihn, Giuseppe Russo, übergegangen sei. Er schloß mit dem ehrerbietigen Erwarten, daß der „bisherige“ Marchese ihm wohl die Originalurkunde einhändigen und seinerseits seinen „bisherigen“ Titel „zur Vermeidung von unliebsamen Verwechselungen“ ablegen werde.

[613]
Die Entrüstung des alten Marchese kannte keine Grenzen, als er Kenntniß von dem Schriftstücke seines ehemaligen Verwalters genommen hatte. In tausend Stücke zerriß er den Fetzen Papier, den Ueberbringer warf er die steinerne Treppe hinunter und mit lauter Stimme verschwor er sich vor seinen zusammengelaufenen Nachbarn, daß er dem sauberen Rechtspraktikanten bei erster Gelegenheit den Marchesetitel und die Lust, sich mit den Wappen der alten adeligen Geschlechter zu schmücken, mit Stock und Peitsche aus dem Kopfe herausprügeln würde.

Stock und Peitsche anzuwenden, fand aber der Marchese keine Gelegenheit, denn der schlaue Russo vermied es wohlweislich, sich irgendwie der Unannehmlichkeit, mit seinem früheren Patrone in Berührung zu kommen, auszusetzen; hingegen entwickelte er eine fieberhafte Thätigkeit, um von dem Gerichte die Anerkennung seiner beanspruchten Rechte zu erlangen, und dies gelang ihm auch nach unverhältnißmäßig kurzer Frist, dank besonders dem Umstande, daß der Marchese schon längst und, wie etliche munkelten, auf frühere von seinem eigenen Verwalter herrührende Berichte hin als ein unzufriedener, gefährlicher und mit den Revolutionären in geheimer Verbindung stehender Mensch bei der Regierung in schlechtestem Rufe stand.

So geschah es denn, daß eines schönen Morgens dem alten Marchese von der Ortsobrigkeit mitgetheilt wurde, er möge sich fürderhin mit seinem einfachen Familiennamen Filippo Ruggieri begnügen, die Marchese- und Baronentitulaturen aber mitsammt den hierzu gehörigen Wappen, Stempeln und Kronen gefälligst beiseite lassen. Und um der Sache noch einen ganz besonders beleidigenden Charakter aufzudrücken, erschien an diesem selben Tage, aber klüglich von Gendarmen begleitet, der neue Marchese della Rovere, Barone di Roccafiorita, in Taormina, nahm öffentlich von einem Hause, das er gerade dem alten Palazzo seines ehemaligen Herrn gegenüber angekauft hatte, Besitz, lud alle amtlichen Personen vom Ortsvorsteher bis zum letzten Klosterbüttel zum Essen zu sich ein und vertheilte nach aufgehobener Galatafel von seinem Balkone herunter Geld, Wein, Fleisch und Brot unter die aus allen Winkeln herbeigeströmten und in allen Tonarten „Viva il Marchese!“ jauchzenden und heulenden Bettler. Auf die Bürger von Taormina machte freilich diese Thronbesteigung des [614] allgemein gehaßten und gefürchteten Giuseppe Russo einen ganz anderen Eindruck, und während die Bettlerschar auf der einen Seite des Platzes den Wohlthaten des neugebackenen Marchese zujubelte, brachten auf der andern Seite die Männer und Frauen von Taormina dem alten, zwischen Rührung und Entrüstung, zwischen thränendem Dankesstottern und unbeschreiblichen Wuthausbrüchen sich theilenden Edelmann ihre ebenso lauten und nicht minder leidenschaftlichen Huldigungen dar.

Bei allem, was ihm heilig war, bei seinen urältesten Ahnen, bei den in Palermo begrabenen Normannenkönigen, und dann im selben Athemzuge bei den Rechten des Volkes, bei der Freiheit und bei den Manen Procidas und aller Tyrannenbändiger schwur Don Filippo, nicht zu ruhen und nicht zu rasten, bis er wieder in seine Rechte eingesetzt und bis aus jenem Aftermarchese wieder ein richtiger Winkeljurist geworden wäre. Seine und seiner Freunde Bemühungen brachten es auch soweit, daß der Prozeß gegen Giuseppe Russo wieder aufgenommen und in neuer Instanz in Palermo berathen wurde. In Erwartung dieses entscheidenden Richterspruches lebte Signore Filippo wie ein Löwe in seiner Höhle in seinem alten Kastelle in Taormina weiter; seine von urkräftigen Verwünschungen gewürzten Zornausbrüche gegen den „Schuft“, den „Schurken“, den „Baronenschwindler“ ertönten von morgens bis tief in die Nacht hinein in der weiten verwahrlosten Halle der Normannenburg; sie vermischten sich mit den Befehlen, die der Hausherr über die verfallene Steintreppe hinunter und unter den spinnwebenumhangenen Gewölben hin seinen in Lumpen umherlungernden Dienern zuwetterte; sie flochten sich als ein eigenartiges Gewinde durch die Gespräche, die er abends vor dem Thore seines Palazzos mit den Freunden und Nachbarn zu halten pflegte, und flogen von da aus dick und körnig mit den Rauchwolken, die er aus seiner kurzen Thonpfeife herauspustete, zu den Fenstern des „Marchesestalles“, wie er das Haus gegenüber zu benennen beliebte.

Konnte Romeo nun von diesem so schwer gekränkten und in der Ehre seiner Väter angegriffenen Manne eine ruhige und vorurtheilsfreie Beantwortung seiner Frage erwarten? Mußte er nicht im Gegentheile befürchten, daß der Marchese seinem Freunde Salvatore Recht geben und daß ihm jedwede Waffe genehm sein würde, wenn es nur zu einem lustigen Dreinschießen käme und die Neapolitaner mit ihrer ganzen Sippe von Söldnern und Rechtspraktikanten wie ein Rudel Wildschweine aus Sicilien hinausgejagt würden?

Der Abend war vollends hereingebrochen, und schon fing es an zu dunkeln, als Romeo in den Thorweg des alten Sarazenenstädtchens einbog.

Am anderen Ende der Straße erhob sich ein plötzliches Schreien; – es fiel ein Schuß – dann wurde es wieder still. Romeo blickte auf. Rasche Schritte näherten sich. Um die Ecke bog ein junger Mann. In der linken Hand trug er eine Flinte. Wie er näher kam, erkannte Romeo den Sohn seines Freundes Merlo.

„Antonino?“ sagte er leise, und fragend hob er die zusammengepreßten Finger der rechten Hand in die Höhe.

Der andere stutzte, dann, einen raschen Blick um sich werfend, legte er den Finger auf den Mund und in ebenso leisem Tone wie Romeo raunte er diesem im Vorbeigehen zu:

„Einer ist todt! Ich flüchte in die Berge; – sage aber, Du hättest mich drunten am Meere getroffen, ich hätte mich heute morgen nach Reggio eingeschifft!“

Sprach’s und schritt weiter.

Romeo verzog keine Miene. Niemand hätte ahnen können, daß die beiden sich kannten, oder gar, daß sie miteinander gesprochen hatten. Ein Nebengäßchen öffnete sich einige Schritte weiter. Langsam, als wäre es sein Weg, lenkte Romeo seinen Esel dort hinein.

„Ist einer todt, so denke an den Lebenden!“ sagt ein sicilianisches Sprichwort.

Durch lange, krumme Gäßchen, den Berg hinan und dann wieder hinunter, einen weiten Bogen um die Gegend beschreibend, in welcher der Schuß gefallen war, kam Romeo endlich auf einen kleinen Platz.

Ein massiver viereckiger Bau von Quadersteinen erhob sich auf der einen Seite. Vor dem Hause, dem Gäßchen, aus welchem Romeo herausritt, den Rücken kehrend, stand mit ausgespreizten Beinen ein hochgewachsener, breitschulteriger Mann; ein Schlapphut bedeckte den von langen weißen Haaren umwallten Kopf; die Kleider hingen nachlässig um die stramme Gestalt; in kurzen Pausen pustete die Stummelpfeife, die er fest zwischen den Zähnen hielt, dichte Rauchwolken in die Luft. Er schien aufmerksam an dem gegenüberliegenden Hause ein hell erleuchtetes Fenster zu beobachten.

„Guten Abend, Marchese!“ rief Romeo, von seinem Esel springend und dem Freund auf die Schulter klopfend.

Der andere drehte sich um. Das kupferbraune, scharfgezeichnete Gesicht schien noch brauner und düsterer gefärbt aus dem hellen Rahmen des schneeweißen Vollbartes; die weißen Wimpern und Brauen verliehen dem blauen Auge einen seltsamen Ausdruck

„Eh, Romeo!“ rief er, „was führt Dich hierher?“

„Immer dasselbe,“ erwiderte Romeo mit verständnißvollem Augenzwinkern. „Kann ich eine Nacht bei Dir zubringen? Morgen reise ich nach Milazzo.“

Ein wieherndes Lachen des Marchese unterbrach ihn.

„Haha!“ rief der Alte über den Platz hinüber, „hast Du mich endlich entdeckt, Marchesendieb? Und huschest vom Fenster zurück – weil Du Dich vor meinem Blicke fürchtest! – Gauner! Schurke! – Er ist seit gestern wieder hier,“ fügte er gegen Romeo hinzu; „kam, um seine Einkünfte einzukassiren – und seine Verwalter zu kontrolliren! – Haha! Giuseppe Russo, Du weißt ja, daß den Verwaltern nicht über den Weg zu trauen ist! Wer einen andern bestahl, ist gewitzigt! – Komm doch mal hervor, – daß man sehe, wie ein Dieb unter einer Marchesenkrone aussieht!“

Ein paar Männer bogen raschen Schrittes um die Ecke herum.

„Marchese!“ sagte der erste, indem er dicht zu dem Alten hintrat, „auf der Straße dort liegt der Verwalter des …“ mit umgedrehtem Daumen wies er auf das Haus; – „er ist todt.“

Der Alte stieß langsam den Rauch aus seiner Pfeife.

„Wundert mich nicht, Raffaelo! Hat ihm die Galle eine Ader gesprengt?“

„Mit nichten! todtgeschossen! … in die Stirn getroffen!“

„Sonderbar! Hörte ich doch keinen Schuß fallen! … ’s ist seine Schuld und die Schuld seines Herrn. Warum ziehen sie den armen Leuten das Fell über die Ohren! Könnte wohl einem andern was Aehnliches passiren!“ –

Im Hause drüben wurde es plötzlich lebendig. Ein Geräusch von Stimmen kam die Treppe herunter. Ein greller Lichtschein brach durch das geöffnete Thor und flammte über den Platz, die unbewegliche Gruppe, die dort stand, in ein plötzliches rothes Flackern einhüllend. Zwei Diener mit Windlichtern traten heraus; ihnen folgte auf dem Fuß ein kleines, spindeldürres Männchen, das mit den Armen lebhaft in der Luft herumfuchtelte und mit heiserer Fistelstimme unzusammenhängende Worte vor sich hin kreischte. Der Marchese stemmte sich fester auf seine breiten Beine; man hörte, wie er die Hacken in die Erde einwühlte. Hinter dem Männchen kamen ein paar Gendarmen zum Vorschein, hochgewachsene, nachlässig in ihrer Uniform sich bewegende Gesellen. Wie der Kleine der vom Wiederscheine der Fackeln hell beleuchteten Männer ansichtig wurde, drehte er sich zu diesen zurück.

„Dort steht er!“ schrie er; „nur von Filippo Ruggiero kann der Mörder gedungen sein! Haltet ihn fest!“

Der Marchese rührte sich nicht vom Flecke. Er biß die Zähne in den Schaft seiner Pfeife. Ein eigenthümlicher Ton wie das dumpfe Murren eines zum Sprunge ansetzenden Löwen entrang sich seiner Brust; dann rief er hinüber:

„Du lügst und weißt, daß Du lügst, Peppo Russo! Du weißt ja so gut als ich, daß ich seit einer Stunde nicht von dieser Stelle gewichen bin, und bevor Du die Gendarmen bei Dir hattest, wagtest Du Dich nicht einmal ans Fenster, – Galgenkandidat!“

Die Gendarmen machten keine Miene, dem Befehl des Kleinen Folge zu leisten. Der Brigadiere näherte sich ihm, und laut genug, daß die andern drüben es hören konnten, sagte er:

„Antonino Merlo hat geschossen. Heute noch wird er festgenommen.“

Romeo trat einen Schritt vor.

„Antonino Merlo?“ sagte er, „wie wäre dies möglich? Vor zwei Stunden traf ich ihn unten am Meere; er hat Geschäfte in Reggio und schiffte sich ein.“

[615] Die Gendarmen schauten einander betroffen an.

„Filippo!“ kreischte der Kleine mit widrigem Lachen; „nur Geduld! Dein Stündlein wird schon schlagen.“

„In der Hölle freuen sie sich, Dir nächstens den Rest Deines falschen Marchesenfettes von dem Gerippe herabzuschmoren, – Baronenhund!“ antwortete der Alte und schaute ihm lautauflachend nach, wie er sich mit seinen Dienern in der Richtung nach der Stelle, wo der Schuß gefallen war, entfernte.

Der Brigadiere hatte einen Augenblick gezögert, ihm zu folgen. Raffaelo trat rasch auf ihn zu.

„Wenn Du den Antonino suchen willst,“ sagte er, ihm scharf ins Auge schauend, „so rathe ich Dir, morgen, – verstehst Du? morgen! – an das Meer dort unten, zwischen Letojanni und Giardini, zu gehen! Auf die Berge brauchst Du Deine Leute nicht zu schicken, – dabei wär’ nichts zu verdienen, – verstehst Du?“

Der Gendarm lächelte bedeutsam.

„Und wenn ich zufällig zwischen Letojanni und Giardini nichts finden sollte?“

„Was Du auf den Bergen finden würdest, nützte Dir doch nichts! Wird aber von einem andern dort oben ein Schatz gehoben, so bleibt’s bei der Verabredung – halbpart!“

Der Brigadiere grüßte und entfernte sich.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Als am andern Tag beim ersten Morgengrauen der Marchese vor seiner Hausthür dem Freund zum Abschied die Hand reichte, rief er dem auf seinem Esel sich zum Weiterreiten Einrichtenden mit derbem Lachen zu:

„Philosophire und spintisire nicht allzu viel, Romeo! Ein jeder treibt’s, wie er’s versteht! Du hast recht und Salvatore hat auch recht, und ich habe recht – und Antonino hatte gestern an jener Straßenecke auch wieder recht! – und wer weiß, wer heute oder morgen dort oben oder dort unten ebenso recht haben wird! Aber Gesindel bleibt Gesindel! Darum nur drauf und dran! Und hab’ ich keinen Säbel, so nehm’ ich ein Messer zur Hand, und hab’ ich kein Pferd, so pflüge ich mit dem Hund, – und, Du magst nun sagen, was Du willst, freuen wird es Dich doch, wenn Du erfährst, daß es Deinen und meinen Feinden auf die eine oder auf die andere Art recht schlecht ergangen sein wird. Und höre noch ein Wort, Romeo! Ein Pfaffenfreund bist Du so wenig als ich, – und doch, wer hat vorgestern in San Placido mit Euch verhandelt?“

Romeo erhob abwehrend die Hand.

„Zwischen Kloster und Maffia, zwischen patriotischen Mönchen und räuberischem Mordgesindel ist ein Unterschied!“

Aus der Nebengasse ertönte Hufschlag. Romeo hielt inne.

„Es ist nichts!“ beruhigte ihn der Marchese, – „unser Freund Raffaelo wird Dir das Geleit über die Berge geben.“

„Raffaelo? Weshalb? Ich kenne den Weg.“

Raffaelo war zu den beiden getreten.

„Laß gut sein, Romeo!“ lächelte er bedeutsam; „auf den Bergen ist’s heute nicht gar sicher. Ein gewisser neugebackener Edelmann soll heute jenen Weg einschlagen, und Du weißt ja, Antonino Merlo war gestern nicht drunten am Meere und dürfte wohl heute auch nicht dort unten zu finden sein. Dort oben aber – wenn ein neugebackener Edelmann heute zufälligerweise dort oben Leute antreffen sollte, die ihm sein zusammengestohlenes Geld abnähmen und ihn auf einige Tage aufs Trockene setzten, – aufs Trockene oder ins Feuchte, wie’s eben kommt, man kann ja nicht so wählerisch sein – nun, so möchte ich nicht, daß ein braver Mann, wie Du einer bist, mit den Freunden jenes Edelmannes verwechselt würde … Mich kennt jeder Felsen und Stein dort oben, und unter meinem Geleit reitest Du heute sicherer – als unter aller Gendarmen Geleit.“

„Haha!“ lachte der Marchese zu Raffaelos Worten; „die Fische, nach denen die braven Gendarmen zwischen Letojanni und Giardini im Meere angeln, haben sich in Adler verwandelt, die heute wohl dort oben einer Krähe die Augen aushacken werden. Lebe wohl, Romeo, und überlasse das unnütze Spintisiren den andern! Die Alten bleiben wir unentwegt, – und wenn’s losgeht, so ist mein Pulver trocken, – und wär’ es naß geworden über Nacht, so giebt’s Feldsteine am Weg zum Kopfzerspalten.“

Stumm reichte ihm Romeo die Hand und trieb seinen Esel den Berg hinan.


7.

Hinter der letzten Krümmung des Thales der Badiazza, wo die immer enger und düsterer vom Meere zu der pelorischen Gebirgswand sich hinaufwindende Kluft sich plötzlich erweitert und einen inmitten dieser furchtbaren Wildniß beinahe anmuthig zu nennenden Thalkessel bildet, lag Romeos Landhaus, ein kleines gelbbemaltes, von einem Citronen- und Orangengarten umgebenes Häuschen, das sich der Tischlermeister aus den herumliegenden, von den seit langen Jahrzehnten zusammengestürzten Klostergebäulichkeiten herrührenden Steinen aufgebaut hatte. Der in den Sommermonaten trocken liegende, im Winter aber zum schäumenden Gießbach sich wandelnde Torrente hatte längst in seiner hundertjährigen Arbeit die Erde von den nackten Bergesfelsen abgespült; langsam hatte sich die Thalsohle erhöht; die alten Wirthschaftsgebäude des Klosters lagen schon fast bis zum Dache in Schutt begraben; die früher auf einem steilen Hügel stehende Kirche erhob sich kaum noch einige Meter hoch über das unaufhaltsam herunterrückende Bergesgeröll.

Romeos Haus lag an die Anhöhe gelehnt, am Ende einer zwischen verfallenen Klosterkellern sich in die Höhe ziehenden Gasse, welche es von den Verheerungen des Torrente trennte und deren Ausgang nur ein paar Schritte von der Kirche entfernt war, wo Felicita jeden Morgen ihre Andacht verrichtete.

Heute jedoch war Felicita mit andern Gedanken beschäftigt und zum Kirchgang hatte sie noch keine Zeit gefunden. Durch ihre halbverschlossenen Persiennen ließ sie seit den ersten Tagesstunden schon ihren Blick über die Thalstraße schweifen, die von Messina zu den Bergen herauf führte.

„Sieh, Nina,“ rief plötzlich das Mädchen, ihre Begleiterin zu sich ziehend, „sagte ich’s nicht? … Dort kommt er!“

Ein Reiter war von der Fahrstraße zu dem Torrente heruntergebogen. Er trug die Uniform der schweizer Offiziere. Nur das Auge der Liebe vermochte aber in dieser Entfernung die Gesichtszüge zu erkennen oder zu errathen.

„Er schaut sich um! … er sucht den Weg! … sind wir doch gestern abend gerade an dieser Stelle seinen Augen entschwunden! … diesmal wird er aber den Weg finden.“

Ein triumphirendes Leuchten flog durch den Blick, der diese Worte begleitete.

„Ja wohl!“ erwiderte nach kurzem Schweigen Felicitas Gefährtin, „wenn es gilt, den hübschen Mädchen nachzuforschen, so finden diese Herren immer den Weg.“

„Es müßte denn,“ fiel ihr Felicita lächelnd und vorwurfsvoll ins Wort, „eine Nina dabei sein, die es versteht, im Dunkel eines Klosterganges den Suchenden vorbeistürmen und ihn die Spur verlieren zu lassen.“

„Madonna Santissima! Und wäre es wieder zu thun, ich thäte es wie gestern. Dein Vater hat Dich mir anvertraut und ich bin seine getreue Dienerin.“

„Das sollst Du auch bleiben, Nina! Aber mich hast Du auch lieb, und wenn ich Dich darum bäte, Du würdest mir doch sicherlich nicht wehren, wenn ich jetzt mein Taschentuch durch die Spalten der Persiennen hinaushinge und dem Offizier ein Zeichen gäbe, damit er das Haus fände.“

Mit rascher Hand hielt Nina sie aber zurück.

„Nein! das thust Du nicht! Ein Schweizer! Ein Feind!“

„Ein Schweizer, ja! ein Feind, nimmermehr! Jener dort ist ein Freund unseres Volkes, – Du hörtest es ja gestern aus seinem eigenen Munde! … Sieh hin, Nina, sieh hin! Meine Blume, die ich ihm gab, trägt er im Knopfloch! Er liebt mich, Nina, er liebt mich!“

Abwehrend und wie beschwörend erhob Nina die beiden Hände.

„Barmherzige Mutter Gottes!“ rief sie, „liebst Du denn diesen Schweizer?“

Felicita schaute einen Augenblick schweigend in die Ferne.

„Lieben?“ sagte sie endlich; – „weiß ich, was das heißt: lieben? – Ja,“ fuhr sie dann plötzlich auf wie mit einem Aufschrei des Herzens, „wenn Liebe so viel heißt, daß jener dort seit Tagen und Wochen all mein Denken erfüllt, – daß ich mich sehne, ihn wieder zu sehen, seine Stimme zu hören, in sein Auge zu schauen, – daß ich mir vorkomme, als müsse ich ewig mit ihm leben, – daß sein Tod auch mein Tod wäre, – ja, dann hast Du recht, wenn Du sagst: ich liebe ihn.“

Händeringend warf sich die Magd zu ihren Füßen.

[616] „Madonna! Madonna! Du weißt nicht, was Du sprichst. Denke an Deinen Vater!“ jammerte sie.

„Wenn mein Vater ihn gestern gehört hätte, er würde sagen: ‚Dies ist ein braver Mann, den darfst Du lieben.‘“

„Und wenn Dein Vater vor Dich träte und Dir zuriefe: ‚Felicita! Mein Kind! Um unseres Volkes willen, – um Deines Vaters – um unserer Freunde willen – laß ab von Deinem frevlerischen Thun und vergiß diesen da, der morgen seinen Söldnern auf Deine Brüder, – auf Deinen eigenen Vater zu schießen befehlen wird!‘“

Sie hatte ihre Hand erfaßt; Thränen rannen über ihre Wangen. Langsam senkte Felicita das Haupt, – sie hing an ihrem Vater mit inbrünstiger Verehrung; er war ihr alles, er war ihr Abgott, – sie fühlte in diesem Augenblick, daß sie nie und nimmermehr sich gegen seinen Willen auflehnen könnte, – sie fühlte aber auch, daß sein Verbot ihr Herz brechen würde.

„Mein Vater ist mein Herr,“ sprach sie leise, kaum hörbar. „Ihm bin ich Gehorsam schuldig bis in den Tod – und ihm werde ich gehorchen, komme, was da kommen mag. Vergessen könnte ich den Geliebten aber nicht – und im Kloster, im ewigen Tod würde Felicita ihre Liebe und ihren Gehorsam beweinen.“

Eine Krümmung des Thales hatte den Offizier ihren Blicken entzogen … Jetzt trat er wieder hervor. Sein Auge forschte nach rechts und nach links, an den Villen, welche den Torrente begrenzen, – er suchte wohl, ob sich nicht ein Fenster öffnete, ob nicht ein Zeichen von fernher winkte; – jetzt hielt er dort unten, am Brunnen, bei den Wäscherinnen; – er sprach mit den Mädchen; – sie lachten ihm fröhlich zu; sie zeigten auf die Landhäuser; – wie hätten sie ihm aber den Weg weisen können? – wußte er doch nicht, nach welchem Namen er sich erkundigen sollte! – Nun ritt er weiter; – nun trabte sein Roß, die frische Bergesluft in den offenen Nüstern auffangend, der Klosterkirche zu; – nun kam er an die Gasse, die zu Romeos Hause führte … Wird er den Weg errathen? Wird ihm sein Herz nicht ein Zeichen geben, daß dort, hinter den Persiennen, zwei Augen sehnsüchtig und liebend nach ihm suchen? … Ach! er war vorbeigeritten!

„Nina! Nina! er wird mich niemals finden! Laß mich die Persiennen öffnen! laß mich hinüber zu ihm rufen: ‚Hier bin ich! Ich erwarte Dich! Ich liebe Dich! Komm!‘“

Aber scharf und bestimmt, als treue Hüterin des ihr anvertrauten Schatzes, untersagte es ihr Nina: der Vater würde es verbieten, – und Felicita bestand nicht auf Erfüllung ihres Wunsches; – der Vater hätte es noch weniger erlaubt als Nina, und der Vater war ihr Herr. – Und dennoch! Es war das erstemal in ihrem Leben, daß ihr der Gehorsam so schwer fiel, – das erstemal auch, daß sich die ängstlich schüchterne Frage vor ihr Gewissen wagte, ob es denn etwas gäbe in der Welt, was noch tiefer in das Herz hinunter dringe und das Wollen und Denken noch gewaltiger übermanne als die Verehrung für den Vater.

Eckart war bei der Kirche angelangt. Weiter brauchte er nicht zu wandern: dort hinten im Thale gab es keine Landhäuser mehr, dort lag die leere Wildniß. Die nackten Felsenwände starrten zu dem das Bild scharf abschneidenden letzten Bergesgrat empor, der die Wasserscheide zwischen Messina und der Ebene von Milazzo bildet; tief eingeschnitten lag die finstere Thalmulde vor ihm; schräg nur und schwarze Schlagschatten an das gegenüberliegende Gestein werfend, stahl sich die Sonne in den düstern Bergeskessel; ein tiefes Schweigen lag auf dieser Felseneinsamkeit. Wie ein letztes Ueberbleibsel der lebenden Welt blickte durch die zerbrochenen Fensterscheiben der Kirche das fahle Leuchten des ewigen Lämpchens; der durchsausende Wind setzte die verrostete Kette, an der es vom Gewölbe herunterhing, in eine langsam schaukelnde Bewegung; durch die hohen Fenster glitt das Auge über gewaltige Pfeiler und Wölbungen; im Vorbeihuschen spielte ein Lichtstrahl über moosbedeckte Normannenkreuze, als wollte er das Längstverstorbene zu neuem Leben erwecken.

Eckart lenkte sein Roß an die Langseite des Klosters, wo einige mit festen Holzläden versehene Fenster und ein paar auf den Gesimsen stehende Krüge mit zerbrochenen Henkeln auf einen menschlichen Bewohner hindeuteten.

„Fra Serafino!“ rief der Offizier hinauf; „mich dürstet nach diesem heißen Ritt! Giebt’s ein Glas guten Weines in Deinem Keller?“

Es dauerte eine Weile, bis sich dort oben etwas regte. Endlich zeigte sich in dem schwarzen Rahmen des Fensters, langsam und behutsam, ein Gesicht – ein Gesichtchen eher zu nennen, so seltsam zusammengeschrumpft sah es aus unter seinen unzähligen Falten und Fältchen, mit dem schiefen Munde und der schiefen Nase – und mit den so herzensguten, kindlichen Augen, die an die Augen eines treuen Hundes erinnerten – ein Blick, dem man’s ansah, daß die Seele, die daraus hervorstrahlte, keinem Thier und keinem Menschen ein Leids anzuthun vermochte.

„Wein? ach, Wein?“ antwortete es zu dem Offizier herunter; „Ihr wißt ja, Herr Hauptmann, daß ich die ärmste aller Klosterratten bin!“

„Wohl! wohl! Aber für die Herren Abbati, die am Sonntage hier Messe lesen, hast Du ein besonderes Tröpfchen im Keller, das weiß ich auch.“

Das Mönchlein zauderte; es schaute den Offizier mit seinen scheuen, guten Augen an, als wollte es sagen: „du bist ja der Stärkere und Klügere von uns beiden, ich werde Dir den Wein schon holen müssen; nur wirst Du mich doch zum Lohne nicht verrathen?“

Seine Musterung mußte wohl nicht ungünstig für den Offizier ausgefallen sein, denn er winkte ihm mit verstohlener Gebärde nach der Kirchenthür zu, und als Eckart dort ankam, hörte er schon das Mönchlein aus der finstersten Ecke heraus, als käme die Stimme von dem Schlußstein des Gewölbes herunter:

„Kommt nur die Treppe herauf! Hier oben ist das Zimmer, das die Abbati bewohnen, wenn sie zum Messelesen herauskommen – oder wenn der Erzbischof sie zur Selbstkasteiung herausschickt.“

Als sie am wackeligen Tische vor einer alten Flasche Aetnaweines saßen, gedachte Eckart zum eigentlichen Zwecke seines Besuches überzugehen.

„Giebt es denn überhaupt noch Priester, die in dieser Ruine verweilen?“ fragte er, „und weshalb wird hier Messe gelesen?“

„Ach, Herr Hauptmann, so weltvergessen sind wir doch noch nicht; es leben gute Menschen in den Landhäusern.“

„Landhäuser?“ sagte Eckart, den Verwunderten spielend; „habt Ihr bewohnbare Landhäuser hier?“

„Bewohnbare und bewohnte!“ antwortete mit argloser Selbstgefälligkeit der Mönch, und nun begann er die Namen der Inhaber dieser Villen aufzuzählen; auch Romeos Name kam dabei vor; „aber,“ fügte er hinzu, „Romeo weilt zur Zeit nicht hier; er unternimmt oft Reisen über die Berge.“

„Pflegst Du Umgang mit Romeo?“

„Ach, mich kennen ja alle Leute hier! Der Erzbischof hat mir dies Obdach gewährt und ich bin der Wächter des alten Klosters. Ein gefährlich Amt, wenn im Frühjahr und im Herbst die Torrentefluthen wüthen! Wie von einer Hölle umbraust, liegt unsere arme alte Kirche da während der schaurigen Stürme, schutzlos und einsam. Ja, lange wird sie nicht mehr stehen, denn das wunderthätige Madonnenbild haben sie nach Messina in das Kloster della Scala gebracht. Von den Abbati kennen aber viele den Romeo besser als ich; – sie verkehren oft mit ihm; – seine Villa ist die nächste und Romeo ist ein braver, guter Mann. Auch mit den andern Nachbarn verkehren die Herren Abbati gern, – mit Santi de Pasquale besonders – der eine gar schöne Tochter hat – und die Herren Abbati lieben ja auch schöne Frauengesellschaft.“

Er lächelte dazu und schaute zu dem Offizier auf in seiner kindlichen Weise, so daß Eckart nicht wußte, ob die Bemerkung harmlos oder satirisch gemeint war.

„Wie alt mag wohl Santi de Pasquales Tochter sein?“ fragte er.

„Ach, ein schönes Kind! Eccellenza kennen sie gewiß. Achtzehn Jahre mag sie zählen. Sie kommt zuweilen mit ihrer Mutter in die Kirche.“

„Ihr Vater kennt wohl auch die Mönche von San Placido?“

„Herr Hauptmann haben recht! Man erzählte erst in diesen Tagen, daß er den Mönchen in San Placido im letzten Jahre einige tausend Piaster für ihr Oel und ihren Wein gelöst habe und dabei andere tausend für sich gewonnen.“

[618] So hatte Eckarts guter Stern ihn seiner Meinung nach zum Ziele seiner Liebeswallfahrt geführt. Seine Freude verbergend, plauderte er mit Fra Serafino noch weiter von anderen Dingen, denn er kannte den leicht erregbaren Argwohn der Sicilianer, und da er voraussah, daß er die Hilfe des Mönchleins vielleicht noch nöthig haben würde, so durfte auch nicht der leiseste Schatten eines Zweifels in dieses Biedermännchens Seele auftauchen. Froher als er gekommen, trat er den Rückweg nach Messina an.

Felicitas Auge haftete von weitem unbeweglich auf dem Offizier, der sein Roß so kräftig und mit so vollendeter Sicherheit durch das Bett des Torrente leitete, die losen, kollernden Steinhügel behutsam umritt und das Pferd in kurzem Satze über die tiefen, am Rande zerbröckelnden Furchen des Bergstromes springen ließ. Weit hinter den ersten Häusern Messinas war er schon verschwunden, und noch lehnte das Mädchen an ihrem Fenster, dem Scheidenden, bald aber Wiederkehrenden in der Abendgluth ihr Lebewohl und Auf Wiedersehen! nachrufend, und tiefer, immer tiefer grub sich in ihr Herz der ersten Liebe jugendlich göttliches Hoffen.

Vergeblich suchte Eckart den Schlaf. Nur mit der schönen Unbekannten beschäftigte sich sein unruhig suchender Geist. Ihre Spur hatte er wiedergefunden … dieser Spur würde er nachfolgen, bis er die Heißersehnte selber wieder fände … morgen! vielleicht morgen schon! … War es schon der Traum? Wachte er noch? Umfing ihn der Schlaf mit seinen fiebernden Nachtphantasien? … Es war ihm, als schwebte er leichten Fußes über grünende Rasenteppiche, durch Thalgründe, wo hohe, stille Bäume dem Quellengemurmel lauschten. O die schattigen Wälder der Heimath! O die tiefen dunklen Augen des sicilischen Mädchens! Und siehe! … im Walde steht ein Häuschen, um Berge ziehen sich Rebengelände in die Höhe; und er klettert hinauf durch wunderbare, von Tannen und Citronenbäumen verflochtene Haine, und droben in dem weißen stillen Häuschen findet er sie, die Heißgeliebte. Sie winkt ihm freundlich lächelnd zu, eine Blume läßt sie von ihrem Busen herunterfallen auf sein Herz – und sein Herz öffnet sich und wie in einem kostbaren Schreine verbirgt sich darin die schwellende Knospe, daß er sie ewig bewahre in unveränderlicher Liebe … Plötzlich aber verschwindet das kleine, stille Haus – brennende Sonnengluth umhüllt den jäh Erschreckte wie mit einem heißen Strahlenschleier; – er ruft nach der Entschwundenen, und in stummen Felsenthälern eilt er ihr nach und durch ruinenhaft verfallene Klöster und Kirchen sucht er stürmend seinen Weg. Aus den alten Klosterfenstern nicken betende Mönchsgesichter; seine Fragen nach dem entschwundenen Lieb hören sie nicht, verstehen sie nicht, geräuschlos wenden sie im heißen Sirokkowinde die Blätter ihrer vergilbten Pergamentbücher; gespenstisch starren ihre Augen in die Oede. „Felicita!“ ruft es aus dem Thale hervor; „Felicita!“ ruft er der Stimme nach, und er stürzt weiter und weiter … Thalgründe öffnen sich zwischen den Bergen, unbekannte, nie gesehene, nie geahnte Klüfte – ohn’ Ende, ohn’ Ausgang! … und „Felicita!“ ruft er wieder durch die tonlose Einöde … und klagend antwortet es von ferne, ganz von ferne, in leisem, immer leiserem Weinen: „Addio Felicita!“ … Und in wirren Bildern verliert sich das fiebernde Träumen.

[629]
8.

Vier Tage waren seit jener Fahrt nach San Placido verstrichen, als der Abbate Scaglione sich in später Abendstunde bei der Gräfin von Cellamare anmelden ließ. Außer ihrem Arzte war er der einzige, dem sie ihr Haus nicht verschlossen hatte. Für alle anderen, Freunde und Freundinnen, Verwandte und Anbeter, ja sogar für den Gouverneur war sie seit jener Spazierfahrt und dem darauf folgenden Empfangsabend unsichtbar, unnahbar geworden. „Die Frau Gräfin hat sich in den feuchten Olivengärten das Fieber geholt,“ so hieß es im Hause, wenn die Besucher kamen. Ein gar schlimmes Fieber fürwahr! und keinen leichten Stand hatte wahrlich der brave Hausdoktor bei der im selben Athemzuge von Frost und von Hitze geschüttelten Patientin. Der Ursache dieser in ihren Aeußerungen ihn befremdenden Krankheit konnte er nicht auf die Spur kommen; die Gräfin antwortete auf alle seine Fragen: „Erkältung, Erhitzung, Nachtluft!“ Der Graf, der sich überhaupt und grundsätzlich nicht um seine Frau kümmerte, wußte von nichts, wollte von nichts wissen und behauptete achselzuckend, sie habe ja von jeher Fieber gehabt, jahraus, jahrein, vom frühen Morgen bis spät in die Nacht. Die Bedienten nahmen hochweise, selbstbewußte Mienen an und lachten dem Doktor ins Gesicht. Der einzige, der ein halbwegs verständiges Wort gesprochen hatte, war der Abbate gewesen; – aber konnte man je wissen, wo bei diesem der Ernst anfing, wo der Scherz aufhörte? – Wie dieser Abbate den Doktor einmal beim Rezeptschreiben überraschte, hatte er ihm mit einer tiefen Verbeugung das Papier aus den Fingern gespielt, hatte das Orakel in kleine Fetzen zerrissen und hatte dem Orakelspendenden dann lachend ins Ohr geraunt: „Doktorchen! Ihr seid auf dem Holzwege; Frauenfieber kommt nur von Liebe her und wird nur durch Liebe geheilt!“ – Wollte dieser feine Abbate am Ende gar selber den Heilkünstler spielen und das Kurieren auf eigene Hand versuchen? Den Anschein hatte es schon, als ob sich zwischen ihm und der Gräfin etwas Absonderliches abspielte, denn zwei- bis dreimal täglich besuchte er sie, und hatte er sich entfernt, so stellte sich regelmäßig bei ihr das Fieber mit erneuerter Heftigkeit ein. Sie verschloß dann ihre Thüren, ließ die damastenen Vorhänge herunter, verbot dem Tageslicht wie ihren Freunden den Eintritt in ihre Gemächer und blieb so bis in die Nacht hinein, bald in eine Ecke des Divans zurückgelehnt und stumm vor sich hinbrütend, bald jäh aufspringend, das Zimmer mit raschen Schritten durchmessend und mit erregter Hand ihre Nippsachen ohne Zweck noch Grund [630] von einer Stelle zur andern hin- und herschiebend. In diesem Zustand fand sie der Abbate, als er an jenem Abend bei ihr eintrat.

„Ihr seid’s, Abbate?“ rief sie ihm entgegen; „bringt Ihr nichts Besseres als bisher, so empfehlet Euch lieber sogleich und überlasset mich mir selber!“

„Contessa! ich bringe hoffentlich den Anfang vom Ende.“

Als der Abbate, sich mit seinem breitkrämpigen Hute Kühlung zufächelnd, ihr gegenüber Platz genommen hatte, richtete sie sich mit erregter Gebärde auf.

„Nun? Der Anfang vom Ende? rasch! sprecht!“

„Signora Teresina! Ihr seid ja heute ein wahrer Feuerbrand!“

„Was ich bin oder nicht bin, brauche ich nicht von Euch zu hören. Ihr seid hier, um mir zu berichten, was Ihr erfahren habt; – wer ist sie? wie heißt sie? wo wohnt sie? besucht er sie? liebt er sie? liebt sie ihn? haben sie sich wieder gesehen? haben sie …?“

„Ums Himmelswillen, haltet ein, Gräfin! Vor lauter Fragen schwindelt mir der Kopf!“

„Gut! Ich schweige denn und horche,“ schmollte die Gräfin, zog ihre Füße auf den Divan hinauf, rollte einen schweren Pelz darüber hin, lehnte sich in die Kissen zurück und blieb, den Blick an die Decke gerichtet, unbeweglich liegen, – ein reizendes und berückendes Bild! Ihre Finger spielten mit ihrem Fächer; unter dem goldenen Kamme wallten ihre schwarzen Seidenhaare in weichen, aufgelösten Locken auf die Schultern herab; das feine Profil hob sich blendend von den dunkelrothen Kissen ab.

„Ich war bei den Mönchen in San Placido, Frau Gräfin,“ hub der Abbate an; „ich habe mich bei dem Prior und bei den Brüdern nach dem Mädchen erkundigt … Keiner will etwas von einem Mädchen wissen …“

„Keiner?“ rief Teresina; „und ich hab es doch gesehen, und Ihr auch! Es stand ja auf dem Balkon mitten unter den Mönchen und lächelte mich an.“

Der Abbate zuckte die Achseln.

„Ihr kennt ja das sicilische Volk. Es sind gute Leute, haben aber Angst vor ihrem eigenen Schatten. Fragt Ihr sie, ob sie heute in Oel gebratene Fische oder Maccaroni mit Pomidorosauce zu Mittag hatten, so grübeln sie nach dem versteckten Sinn, den Eure harmlose Frage wohl verbergen dürfte, und antworten im besten Falle, Fische schmeckten nicht besser und nicht schlechter als Maccaroni und man könne beides essen. Von keinem einzigen konnte ich das Geringste erfahren; sie seien in der Kirche beschäftigt gewesen mit Beten und Singen. Kluge Menschen, jene Klosterherren von San Placido! Ihr wißt ja: an jenem Sonntag zettelten sie dort eine Verschwörung an; Romeo, Euer Tischlermeister, war auch dort, und Salvatore Merlo, das Haupt der Maffia …“

„Was kümmert mich Maffia und Verschwörung, was Romeo und Merlo? Von dem Mädchen will ich hören … und von ihm! … Wo ist der Anfang vom Ende, den Ihr mir versprachet?“

Der Abbate erhob sich von seinem Stuhle, faltete in komischer Demuth die Hände über seinem Hut und, die Augen wie ein reuiger Sünder zu Boden schlagend, sagte er:

„Ich begab mich heute zu Seiner Eminenz, dem Kardinal Erzbischof, und habe ihn gebeten, mir zu gestatten, um verschiedene Sünden abzubüßen, von morgen an in dem Kloster der Badiazza zu verweilen, zur frommen Kasteiung und …“

Die Gräfin schaute ihn mit überraschten Augen an.

„Abbate!“ unterbrach sie ihn, „habt Ihr vor lauter Verschwörung und Maffia den Kopf verloren?“

Er lachte laut auf; dann fuhr er mit leiser, triumphirender Stimme fort:

„Der Hauptmann reitet seit jenem Tage jeden Nachmittag in das Thal der Badiazza, er erkundigt sich nach allen Familien, die jene Gegend bewohnen … und in denen es schöne Mädchen giebt; … morgen früh setzt sich Abbate Scaglione, Euer treu ergebener Diener, in dem alten Kloster auf die Lauer, und es müßte doch wunderbar zugehen, wenn der Abbate Scaglione nicht, bevor zwei Tage vergehen, den Namen jenes Mädchens in Erfahrung gebracht haben sollte.“

Teresina hörte ihm unbeweglich zu. Sie befand sich in einer mühsam bezwungenen, leidenschaftlichen Aufwallung. Ihre Lippen zuckten, ihre Augen sprühten düsteres Feuer. Plötzlich löste sich ihr ganzes Wesen auf, ein helles Lächeln flog über ihre Züge und mit einem äußerst gnädigen Blicke auf den Abbate sagte sie mit schmeichelnder Stimme:

„Mein guter Abbatino, Ihr seid doch noch klüger, als ich glaubte. Thun Sie denn Buße, mein verehrter Pater, in der Badiazza für Ihre vergangenen Sünden – vergessen Sie aber dabei die zukünftigen nicht! – und beichten Sie dann bei mir über alles, was Sie dort gesehen haben werden; ich werde versuchen, den Beichtvater zu spielen. Addio, Abbatino!“ – Dann erhob sie sich lachend und verschwand im Nebenzimmer.

Der alte Hausarzt konnte an diesem Abend in dem Befinden seiner schönen Kranken eine gar seltsame Veränderung wahrnehmen. Wie mit einem Zauberschlage war das böse Fieber gewichen; lustig, berückend, einschmeichelnd und schelmisch wie früher lachte Teresina ihren besorgten Doktor an, scherzte über sein Wissen, ließ in altgewohnter Weise ihren Spott gegen Freundinnen und Nachbarinnen los und entfaltete eine so übersprudelnde Lebhaftigkeit, eine so reizend natürliche Heiterkeit, daß ihr graubärtiger Heilkünstler selbst in ihrer Nähe beinahe das süße Wiederaufthauen jugendlich warmer Gefühle verspürt hätte, und daß es, als er auf die Straße trat, wie ein Wiederschein dieser sonnigen Frühlingserinnerungen aus den Falten seines Gesichtes leuchtete und sein mildglänzendes Auge wie in einer Verklärung schwamm.

Es war wie ein plötzliches Aufwallen ihres feurigen Blutes, das jetzt neues Leben durch die Adern der Gräfin strömen ließ; ein Leben, das nur ein einziges Ziel kannte – die Rache an dem Verräther, die Rache an seiner Geliebten! Einen Verräther nannte sie ihn in ihrem Herzen – als habe sie ein Anrecht an seine Liebe. Und besaß sie denn dies Anrecht nicht? Seit wann durfte sie nicht mehr den Anspruch erheben, daß jeder, den sie auszeichnete, ihr anbetend zu Füßen liege? War sie nicht mehr die Königin der sicilischen Frauen? War ein Blick von ihr, war ein Druck von ihrer Hand nicht mehr ein ganzes Königreich werth? – Und dieser Fremde, dem sie ihre Gunst zugewendet, den sie allen andern vorgezogen hatte und der dies königliche Geschenk verschmähte – er sollte sich beugen vor ihr, ihr Erbarmen sollte er anflehen! – Jenes Mädchen aber, das es gewagt hatte, die Pläne der Gräfin von Cellamare mit ihrer Liebe zu durchkreuzen, jene Dirne – sie sah sie noch vor ihren Augen, wie sie vom Balkon herunterlächelte zu ihr – die Glückliche zu der Verschmähten! Ja! lächle und freue Dich! Der Tag der Vergeltung naht und die Rache der Gräfin von Cellamare sollst Du kennen lernen! Es schien ihr, wie der Abbate ihr die Nachricht überbracht hatte, als ergösse sich ihr eine wilde Wonne durch alle Adern, eine unsägliche, noch nie genossene Freude erfüllte ihr Herz; dem Abbate, dem Doktor wäre sie beinahe an den Hals geflogen, lachend und jauchzend, in seliger Rachelust. Mit dem Gedanken an die nahe Vergeltungsstunde legte sie sich nieder, mit diesem Gedanken schlummerte sie ein, und ein Lächeln umspielte ihre Lippen, während in ihrem Herzen wie ein leise im Schlafe nachtönender Gesang der letzte Gedanke, den sie aus dem Wachen ins Träumen mit hinübergenommen hatte, fortsummte: Wie eine sicilische Gräfin sich rächt, sollt Ihr erfahren, Du, fremder Verräther! Du, freche Dirne!


9.

Eine schwüle, drückende Luft lag über dem Thale; der Himmel war von einem fahlgelb schimmernden Schleier verhüllt; kurze Windstöße sausten durch die Wipfel der Bäume, deren Aeste sich wie im Fieberschauer schüttelten. Mit bedenklichem Kopfnicken beobachtete Nina die schweren Gewitterwolken, die sich um die Berge ansammelten.

„Der Sirokko schlägt um; vor Nacht bekommen wir ein Unwetter. Gebe Gott, Felicita, daß Dein Vater jetzt nicht von Milazzo her unterwegs sei, denn die Wasserfluthen werden diese Nacht durch unsere Thäler brausen.“

Besorglich folgte Felicitas Auge dem drohenden Wolkenspiele.

„Sollte der Vater schon heute unterwegs sein?“ fragte sie nach einer Pause, – aber nicht ihrem Vater allein hatten ihre Gedanken gegolten.

„Sechs Tage sind es morgen, daß er abreiste, und der Bote, den er vorgestern aus Milazzo schickte, sagte seine Rückkehr auf heute oder morgen an.“

[631] Eine Ziegenherde zog das Thal herauf. Müde ließen die Thiere die Köpfe hängen. Zu schnellerem Schritte trieb sie der schwer sich hinter ihnen herschleppende Hirt an; unter der Last der Kaktusblätter, die er zur Ziegenfütterung in seinem langen Zwerchsack über den Schultern trug, keuchte er mühsam. Einige Bauern auf ihren Eseln kreuzten seinen Weg.

„Spute Dich, Ciccio!“ riefen sie ihm zu; „es ist noch weit bis zu Deiner Hütte, und dort hinten wettert es schon!“

Eine lähmende Mattigkeit hatte sich Felicitas bemächtigt. Unter dem Drucke des unheimlichen Wüstenwindes erschlafften Muskeln und Nerven. Ein leises Beben beängstigte ihr Herz, als sie an den Vater dachte, der vielleicht zu dieser Stunde die andere Bergesseite hinaufritt und dem auf dem unwegsamen Gebirge kein Haus, keine Hütte ein schützendes Obdach gegen den drohenden Sturm bieten würde. Noch ein anderes Gefühl gesellte sich aber zu dieser Besorgniß. Seit drei Tagen wartete Felicita mit immer mächtiger sich entflammender Sehnsucht auf den so heiß erhofften und doch wieder gefürchteten Besuch des Offiziers, der, die Unfindbare suchend, tagtäglich das Thal durchkreuzte, die zwischen Mauern und Kaktushecken sich hinschlängelnden Seitenwege durchforschte, bis zum Kloster hinaufritt und abends langsam und mit schlaffem Zügel nach Messina zurückkehrte. Sie verfolgte von weitem seinen Ritt; ihr Herz jauchzte auf, wenn die hohe, ritterliche Gestalt hinter den Häusern hervortrat, sie wagte es jedoch nicht, sich dem strengen Mahnen ihrer Dienerin ungehorsam zu zeigen, – und auch in ihre Seele zog eine Dämmerung ein, wenn er abends unverrichteter Sache wieder thalabwärts trabte. Wie oft hatte sie sich gefragt, wie sie es anstellen könnte, um ihm den so unermüdlich gesuchten Weg zu erschließen, ohne daß ihr dadurch ein Vorwurf erwachsen könnte. Wie oft hatte sie in der letzten Nacht sich vorgenommen, hinunterzueilen zu der Stunde, wo er bei dem Kloster anzulangen pflegte, ihn wie durch Zufall in der Kirche zu treffen, wo sie häufig ihr Gebet verrichtete, ihn zu begrüßen, ihn zu sprechen, – und dann wieder zu verschwinden in ihrem unfindbaren Versteck. Mit stets lebendigeren Farben malte sie sich in ihrer südlich feurigen Einbildungskraft das Wiedersehen aus dort in der heimlichen Einsamkeit der Klosterkirche, unter den schweigsamen Gewölben der Normannenkapelle. Gab ihr das Schicksal nicht gleichsam einen verstohlenen bedeutsamen Wink, daß der in einem Klostergarten erblühte Traum sich in einer Klosterkirche fortspinnen sollte?

„Nina!“ sagte sie plötzlich, „ich gehe zur Kirche, die Mutter Gottes anzurufen, daß sie den Vater auf seiner Reise beschütze.“

Ein dumpfer Donner rollte durch das Thal.

„Ich begleite Dich,“ erwiderte Nina, „und zieht das Gewitter über die Berge, so sind wir rasch wieder zurück.“

Beschleunigten Schrittes verließen die beiden das Haus und eilten zwischen den Ruinen der Klostergebäude bis an das Flußbett, wo sie, um die scharfe Felsenecke biegend, die Kirche vor sich liegen sahen. Die Thür war offen; sie traten in die noch düsterer als gewöhnlich unter den Gewölben lagernde Dämmerung und knieeten am Hochaltar nieder. Eine erfrischende Kühle erfüllte den stillen Raum; gegen den verzehrenden Hauch des Gluthwindes schützten die massiven Granitmauern das in grabesähnlicher Einsamkeit liegende Gotteshaus. Kaum vernahm man hier noch das dumpf dröhnende Rollen des nahenden Gewitters. In die Herzen der beiden Frauen senkte sich eine linde, köstliche Ruhe, und hatte sich auch Felicita beim Hereintreten verstohlen unter den Säulengängen umgeschaut, ob nicht ein anderer vielleicht aus dem Dunkel auf sie herzutrete, so legte sich doch allmählich die fieberhafte Wallung ihres Blutes und unter dem heimlich stillen Eindruck des dämmernden Gotteshauses löste sich ihr Wesen auf in ein kindlich frommes Hingeben und in ein inbrünstiges Beten.

Draußen aber brach mit von Minute zu Minute steigender Gewalt das vom brausenden Orkan über den Gebirgskamm gejagte Ungewitter los. In immer kürzeren Pausen, gleich wie das mächtige Schnauben der zu furchtbarem Kampfe erwachenden Naturkräfte, heulten die Windstöße durch das Thal. Der gelbgraue Wolkenschleier senkte sich schwerer und tiefer herunter, das ganze Himmelsgewölbe in eine eintönige, unheimlich schillernde Dämmerung einhüllend. Unheilverkündend flammten die Blitze schon um die nahen Bergesgipfel. Aus den hinteren, von jähen Abgründen durchfurchten Klüften klang es dumpf und furchtbar wie ein wildes Stöhnen durch das schrille Pfeifen des Windes. Die Elementarkräfte entfesselten sich.

Plötzlich senkte sich wie vom Himmel heruntergezogen das Gewölk über den hohen, den Horizont abschließenden Bergesrücken; – die Kämme waren überschritten. Jetzt nahte das Wetter, – jetzt gnade Gott denen, die kein Obdach noch gefunden hatten! Ein Prasseln und Rasseln, ein Heulen und Schmettern erhob sich, als ob dort hinten ein mächtiger Wasserfall mit wüthender Stromesgewalt den Berg herunterschösse. Durch die vom Winde aufgerissenen Kirchenthüren zuckte ein jäh aufflackernder Blitzstrahl; ihm folgte unmittelbar ein Donnerschlag, der das Gebäude bis in seine Grundfesten erbeben machte.

„Heilige Madonna!“ schrie eine Stimme, die aus dem oberen Rundbogen herabzutönen schien, „die Fiumara kommt!“

Entsetzt sprangen die beiden Frauen auf.

In demselben Augenblicke kam in athemloser Hast draußen ein Reiter angesprengt. Er stürmte, gegen den Wind ankämpfend, den kleinen Hügel hinauf. Die im Freien Rettung suchenden Mädchen flohen der offenen Thüre des Gotteshauses zu. Eilende Schritte hallten in der Kirche wieder.

„Haltet ein! Keinen Schritt weiter! Draußen seid Ihr verloren!“ rief es hinter ihnen.

Fra Serafino stürzte die Steintreppe herunter, den beiden Frauen nach; nur die langsamere Nina aber konnte er erreichen, – Felicita war schon im Freien. Doch wie vom Blitze getroffen blieb sie dort stehen: – vor ihr, sein Pferd am Zaume gegen die Klosterpforte ziehend und mit aller Kraft gegen den Sturm ankämpfend, erschien Eckart.

Schon aber hatte der Orkan die Unglückliche erfaßt. Sie stieß einen gellenden Schrei aus. Von einer unwiderstehlichen Gewalt fühlte sie sich ergriffen und fortgerissen, – und vom Thalgrunde her rollte schon das prasselnde Brausen des von dem Bergeskamme in das Flußbett herunterschießenden Wolkenbruches. Mit verzweifelter Kraft klammerte sich das Mädchen an eine neben der Thür vorspringende Mauerecke; aber was vermochte sie gegen den Sturm? Schon schwanden ihr Kraft und Sinne, – da fühlte sie sich von einem starken Arm erfaßt, von der Erde aufgehoben; – verzweiflungsvoll umklammerten ihre Arme den Retter, ihre Augen begegneten seinem Blick, – „Madonna!“ rief sie und lag bewußtlos an seiner Brust.

An ein Kämpfen gegen den Orkan, an ein Umkehren nach der Kirche war nicht mehr zu denken … Dort unten öffnete sich eine Gasse, den Berg hinan, – dort hinter jenem Felsvorsprung war Rettung! In mächtigem Satze, vom sausenden Winde getrieben, flog Eckart, das ohnmächtige Mädchen fest an sich schließend, den Hügel hinunter.

„Hilf, Himmel! Das Wasser erfaßt sie!“ gellte es von der Kirchenthüre … Einen Augenblick noch, und der wüthende Bergstrom hätte die Fliehenden fortgerissen, – aber mit rascher Hand klammerte sich der Ritter an die Felsenkante, und in fliegendem Schwunge war er mit dem geretteten Mädchen hinter der schutzbringenden Ecke geborgen.

In der Kirche bemühten sich zwei Priester um die jammernde Nina. Dem kühnen Sprunge des Offiziers waren ihre Blicke gefolgt; ob die beiden aber gerettet seien, wer hätte es in der alles überfluthenden Dunkelheit wahrnehmen können?

„Felicita! Felicita!“ schrie händeringend die Arme; „was wird Dein Vater sagen, daß ich so schlecht über Dich wachte!“

„Wer ist denn ihr Vater?“ fragte der eine.

„Romeo!“ antwortete sie; „Romeo, der Tischlermeister, der Capo Popolo!“

Ein Lächeln flog bei diesem Namen durch Scagliones Auge.

Im selben Augenblick aber durchzuckte ein gewaltiges Beben die Kirche. Durch ein zersplitterndes Fenster an der hinteren Wand schlug eine Welle und schwemmte eine Lache von gelber Erde und rollenden Steinen bis an die Stufen des Altars.

„Heilige Mutter Gottes!“ schrie Fra Serafino, „die Fluthen dringen in die Kirche! Wir sind verloren!“

„Dort! dort hinauf!“ rief Scaglione, auf die Wendeltreppe deutend, und, Nina mehr tragend als führend, flüchteten beide in das obere Gemach, während die am Hochaltar brandenden Schlammwogen die Kirche mit Trümmern und Schutt überflutheten.


[634]
10.

Als Felicita aus ihrer Betäubung erwachte, lag sie in ihrem Stübchen auf dem Ruhebett ausgestreckt. Durch die geschlossenen Läden flammten die Blitze; der Donner rollte ohne Unterlaß; schwere Schläge fielen, dröhnend wie gewaltig gehämmerte Accorde, und auf diesen mächtigen Baß wob das Pfeifen des Windes, das Prasseln des Hagels, das Aechzen der im Sturm gepeitschten Bäume unheimlich abgerissene Orkanmelodien.

Felicita richtete sich empor. Sie suchte ihre Gedanken, ihre Erinnerungen zu sammeln. Wirr flogen ihre Blicke in der Finsterniß umher. Da erhellte ein Blitz das Gemach; zu Füßen des Bettes stand Eckart! – und plötzlich war es auch hell geworden in ihrem Geiste. Sie sprang auf, und ihren innersten Gefühlen sich in kindlicher Unbefangenheit hingebend, ergriff sie ihres Retters Hände und führte sie in leidenschaftlicher Bewegung an ihre Lippen.

„Du!“ rief sie, – und das den Südländern geläufige Wort entglitt ihrer Zunge, ohne daß sie ihm selber eine besondere Bedeutung beilegte, – „Du hast mich dem Tode entrissen und hast Dein eigenes Leben für mich aufs Spiel gesetzt! Möge die heilige Jungfrau Dir’s vergelten!“

Ein Feuer durchströmte Eckart, als er das schöne, heißgeliebte Mädchen also sprechen hörte, als er den Druck ihrer weichen Hand, den Kuß ihrer warmen Lippen fühlte; und, ihre Hände seinerseits erfassend und an seine Lippen führend, antwortete er:

„Vergilt Du mir’s, Felicita! nur Du! Du allein! Seit langen Tagen suche ich Dich. Alle Wege, alle Gärten durchstreifte ich, nur um Dich wiederzusehen, – denn ich weiß, daß Du mich liebst, wie ich Dich liebe, – und die Blume, die Du mir reichtest, noch trage ich sie auf meinem Herzen, – und wem Du die Blume gabst, dem nahmst Du sein Herz – dem gabst Du das Deine.“

Das Mädchen zuckte in jähem Schrecke zusammen, und mit einem Male wurde sich Felicita der Gefahr, in welcher sie sich befand, bewußt; – sie hatte sich während der vergangenen Tage so oft und so viel mit dem Abwesenden beschäftigt, so oft hatte sie in Gedanken mit ihm gesprochen, so oft im Geiste seiner Stimme gelauscht, daß das vertrauliche „Du“ wie der natürliche Ausdruck ihres Fühlens, wie die ihrem Denken einzig angemessene Sprechweise ihrer Zunge entquollen war. Als ihr aber das „Du“ aus Eckarts Munde und in so leidenschaftlichem Tone antwortete, da überfiel sie plötzlich die volle Erkenntniß ihrer Lage, – hier, in dem verlassenen Hause, – von der Außenwelt durch den Orkan abgeschnitten, – allein mit dem fremden Offizier, der ihre Hände in den seinigen hielt und mit feurigen Küssen bedeckte!

„Laßt mich! laßt mich!“ rief sie, sich mit Gewalt loswindend und in eine Ecke des Zimmers flüchtend. „Wo ist Nina?“

Bestürzt ob der jähen Wandlung, die sich in dem Zittern ihrer Stimme, in dem Ungestüm, mit dem sie sich von ihm losriß, kundgab, richtete sich Eckart empor. Auf sie zutretend, sagte er:

„Was fürchtest Du, Felicita? Was geschieht Dir? Wir sind allein …“

„Allein! O himmlische Jungfrau! Wo ist Nina geblieben?“

„Nina? Ich sah sie nicht. War sie mit Dir in der Kirche? – So ist sie dort zurückgeblieben, in sicherem Schutze. Aber,“ setzte er, sich im Zimmer umschauend, hinzu, „wo sind wir hier? Die Thür stand offen; ich brachte Dich hierher. Wem gehört dies Haus? Wo sind dessen Bewohner?“

„In meines Vaters Hause sind wir … Ach, mein Vater! mein armer Vater!“

Sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, heiße Thränen quollen aus ihren Augen. In dem flackernden Lichte der unaufhörlich aufleuchtenden Blitze sah Eckart das Mädchen gegen die Wand sinken. Seinen Arm um ihre Hüfte schlingend, versuchte er die Weinende aufzurichten. Sie wollte nicht; sie wehrte ihn von sich ab; ihre Hände zitterten; Leichenblässe bedeckte ihr Antlitz.

„Nein! nein! laßt mich! berührt mich nicht! laßt mich los!“

Jetzt erst begriff Eckart, was in des Mädchens Seele vorgegangen war und weshalb es vorhin so plötzlich und mit so sonderbarer Angst vor ihm in die Ecke geflohen war. Er trat einen Schritt zurück, und mit fester, ruhiger Stimme sprach er:

„Felicita, Du fürchtest Dich vor mir? Für wen hältst Du mich? Welchen Grund habe ich Dir gegeben, mich für einen Elenden anzusehen, der den schrecklichen Zufall, der uns in dieser Einsamkeit zusammenführte, zu einer schnöden That zu mißbrauchen gedächte? Ich liebe Dich, Felicita! Ja, aus vollem, tiefem Herzen liebe ich Dich! Ich suche Dich seit langen Tagen, – nicht wie ein Mädchenräuber aber wollte ich einbrechen in Dein Haus, – und leid thut es mir, daß Dein Vater nicht hier ist. Wo ist Dein Vater, Felicita? Sage mir seinen und Deinen Namen, daß ich morgen wiederkehre! Denn jetzt, da Du in Sicherheit bist, Felicita, – jetzt darf und will ich länger hier nicht verweilen!“

Den Blick unverwandt auf ihn gerichtet, hatte Felicita mit tiefer freudiger Rührung seiner Rede gelauscht, und unter der überwältigenden Macht ihrer Liebe hatte sich bei seinen Worten ihre Angst in die frühere hingebende Zuversicht und in das vollste Vertrauen zu dem Geliebten umgewandelt. Thränen füllten ihre Augen, und mit rascher Bewegung die Hand ihm hinreichend, sagte sie:

„Habe …“ doch rasch sich verbessernd: „Habet Dank!“

Er ergriff ihre Hand und hielt sie fest in der seinigen.

„Als Du noch keinem Zweifel in Deinem Herzen Raum gabst, da sprach aus Deinem Munde das ‚Du‘ zu Deinem Freunde.“

Sie senke den Blick, erhob ihn wieder und flüsterte dann, leise, leise:

„So … habe Dank!“

Eine kurze Stille herrschte in dem Gemach, – eine Stille aber, erfüllt von dem Toben des draußen wüthenden Sturmes; von drunten her rauschte ein dumpfes Brausen wie von dem Sturze eines mächtigen Wasserfalles.

Die vorhergegangenen Worte des Offiziers kamen ihr plötzlich wieder in den Sinn.

„Fort willst Du?“ rief sie, den Gang ihrer Gedanken unterbrechend, und sie zog den Offizier zu dem Fenster, und zwischen den Einschnitten der Läden durch schauten sie nieder ins Thal. Ein furchtbarer Anblick bot sich ihren Augen dar. In dem gelben Zwielicht des sich neigenden Tages sahen sie den Bergstrom wild schäumend herunter schießen; ungeheure, haushohe Wellen kamen in ununterbrochenem Schwalle mit schauerlichem Getöse, Bäume und Felsblöcke mit sich wälzend, heruntergeschossen; an der Felsenecke, um welche sich Eckart mit ihr geschwungen hatte und welche schroff emporsteigend das Haus und die hinauf führende Hohlgasse vor dem tobenden Gewässer schirmte, sprühte der brandende gelbe Gischt hoch in die Luft. Das Zucken der Blitze warf jäh aufflackerndes Feuer auf das schauerliche Bild.

„Fort willst Du?“ wiederholte mit leiserer Stimme das Mädchen, als erschrecke es selbst vor dem Gedanken, daß jetzt dem jungen Manne der Weg aus dem Hause versperrt sei.

Eckart antwortete nicht.

Ein schwerer Kampf wogte in seinem Innern. Jede Rückkehr zu der Stadt war ihm abgeschnitten, und doch – im diesem Hause durfte er, wollte er, konnte er nicht bleiben – und vor sich selber, vor seiner Liebe, vor der in seinem Herzen immer mächtiger wachsenden Leidenschaft wollte und mußte er das heißgeliebte Mädchen schützen.

„Wie lange pflegen diese Orkane zu dauern? fragte er endlich.

Ein Zittern klang durch ihre Stimme, als sie antwortete:

„Vor morgen früh ist die Straße nicht gangbar.“

Da erwachte auch plötzlich wieder die Erinnerung an ihren Vater, an die Gefahr, in welcher er vielleicht gerade im selben Augenblicke dort oben auf dem Bergkamm schwebte. Ueber der Angst um den geliebten Vater vergaß sie ihre eigene Angst; tief aufschluchzend lehnte sie den Kopf an Eckarts Brust.

„O Gott! Der Vater! Wo ist jetzt mein Vater?“

Eckart schloß den Arm um das weinende Mädchen.

„War Dein Vater heute in der Stadt?“

„Ach! wäre er dort gewesen, mir bangte nicht um ihn. Nein, auf den Bergen ist er und von drüben, von Milazzo sollte er heute oder morgen zurückkehren.“

„Wie heißt Dein Vater?“

Felicita zuckte zusammen. Diese Frage durfte sie ja nicht beantworten. Diesen Namen – ihren Namen durfte er ja nicht kennen.

Es schien ihr, als öffnete sich ein Abgrund unter ihren Füßen.

[649]
Wer ist Dein Vater?“ fragte Eckart leiser nochmals Felicita, mit der freien Hand um ihre schöne Stirn spielend und sein Auge in ihren holden Blick versenkend.

„Frage nicht!“ antwortete sie endlich; „wer mein Vater ist, darf ich Dir nicht sagen. Seinen Namen darfst Du von mir nicht hören“

„Warum darf ich nicht fragen? warum nicht wissen, wie Du heißest und wer Du bist? Morgen werde ich wieder kommen und mit Deinem Vater sprechen, – und wenn Du die bist …“

„Schweige!“ rief sie, sich plötzlich aufraffend, und alles, was ihr Nina, was sie sich selber schon in der Stille der letzten Nächte von der Unmöglichkeit, einem schweizer Offizier anzugehören, gesagt hatte, trat jetzt mit urplötzlicher Klarheit vor ihre Seele.

„Schweige! – Ein Abgrund trennt uns! – Die Deinige kann ich nimmermehr werden!“

Er drückte sie fester an sich.

„Liebst Du mich denn nicht?“ fragte er mit leiser fester Stimme.

Wie das erste Mal entwand sie sich aus seiner Umarmung.

„Du hast recht,“ sagte sie dann, an seine früheren Worte anknüpfend, „Du mußt fort!“

Durch die Fenster auf die tobenden Wellen deutend, entgegnete er:

„Und wie kann ich fort? Du selber sagtest ja, es sei nicht möglich.“

Er näherte sich der Rath- und Sprachlosen.

„Warum willst Du mir den Namen Deines Vaters verhehlen? Morgen erfahre ich ihn ja doch.“

„Andere mögen Dir unsern Namen nennen, von mir sollst Du ihn nicht hören.“

„Einen ehrlichen Namen kann jeder …“

Er unterbrach sich. Mit flammendem Blick hatte sich das Mädchen vor ihm emporgerichtet. Welche wunderbar gewaltige Energie war plötzlich in diesem schönen Kinde erwacht! Welche Kraft und welch unbezwingbare Entschlossenheit brachen aus diesem Auge hervor!

„Einen ehrlichen Namen, bei der Madonna, trägt mein Vater! Und wäre der Vater hier, dieser Zweifel bliebe nicht ungerügt – nicht unerwidert. Denn Deinen Namen kenne ich ja auch nicht, und unter den schweizer Offizieren …“

„Meinen Namen darfst Du hören, Felicita, und die Worte, die unbesonnenen, die sich auf Deine Lippen drängen, verschließe sie in Deinem Herzen, denn so wie Du über die Deine, so habe ich über meine und über meiner Freunde Ehre zu wachen.“

Er nannte ihr seinen Namen, er sagte, woher sein Geschlecht stamme, wie er nach Neapel, dann nach Messina gekommen sei. Dann aber, rasch abbrechend, als wollte er einem inneren Kampfe ein Ende machen, einer unbestimmt geahnten Gefahr entrinnen, fügte er hinzu: „Felicita, Du hast [650] es gesagt: hier kann ich nicht länger bleiben. Schon bricht die Nacht herein. Um Deiner, um Deiner Ehre willen muß ich morgen schwören können, daß ich die Nacht nicht hier zubrachte.“

„Wo willst Du hin, Eckart? wo hinaus? Dort draußen ist der Tod, das sichere Verderben!“

„Dort, in der Gasse sah ich altes Gemäuer, gewölbte Räume.“

„Und dort wolltest Du …?“

„Sage selbst, Felicita, soll ich in diesem Hause …?“

„Nein! nein!“ rief sie, und wieder hing sie schluchzend an seinem Halse, „nein, bleibe! – nein, fliehe! – gehe! – ich weiß nicht, was ich sage, – ich weiß nicht, was ich denke!“

Ihm schwindelte. Sie hatte beide Arme um seinen Nacken geschlungen. Er fühlte das warme Pochen ihres Herzens an seiner Brust. Eine wilde Gluth durchströmte seine Adern. Ihren Kopf mit kräftiger Hand bis zu seinem Gesichte emporhebend, drückte er seine Lippen auf die ihren, Liebesworte stammelnd und ihr tief in die Augen schauend.

Ein leiser Schrei entrang sich ihren Lippen – aber schon hatte Eckart sich gefaßt. Gewaltsam riß er sich los und in einem Sprunge stand er unter der geöffneten Thür. Ein Wildbach rauschte über die Terrasse.

„Lebe wohl, Felicita! Morgen kehre ich wieder!“ – und mit wilder Gewalt flog die Thür hinter dem Fliehenden ins Schloß.

Der Morgen graute, als Eckart aus dem Gewölbe, wo er Schutz gefunden hatte, ins Freie trat. Der Orkan hatte ausgetobt. Blau wölbte sich der Himmel über den im Morgenglanze strahlenden Bergen. Im Thale rauschte nur noch ein kleiner, bescheidener Bach. Eckart schaute zu Felicitas Fenstern hinauf. Zwischen den Lücken der Läden flimmerte es, als blitzten zwei Augen herunter zu ihm. „Auf Wiedersehen!“ rief er, mit der Hand einen fröhlichen Gruß hinaufwinkend; dann schritt er raschen Fußes die Hohlgasse hinunter.

Welch ein Anblick aber bot sich seinen entsetzten Augen dar, als er, um die Felsenecke biegend, in den Thalkessel der Badiazza trat! Nicht bloß verwüstet lag das Thal vor ihm – verändert war die Gestaltung der Höhen und Tiefen, verändert die Form der Berge, verändert die Umgebung des Klosters – und die Kirche selbst, in welch ein gräßliches Bild des Jammers hatte sie sich über Nacht verwandelt, und wie traurig schauten inmitten der großen Stille der nach dem Orkane schwer schlummernden Natur diese zerrissenen Ruinen ins Thal! Wo sich gestern noch ein von den massiven Klostermauern gekrönter Hügel erhoben hatte, lag jetzt eine weite, flache, von schmalen Berggewässern durchglitzerte Thalsohle; die Stämme der alten Platanen waren von Kies und Schlamm überfluthet; nur die entlaubten Wipfel ragten noch aus dem durchfurchten Gerölle und in phantastisch zerknickter Gestaltung reckten sich die nackten Aeste zum Himmel. Ringsum Steinmassen, verworrenes Bergesgetrümmer! Die Kirche selbst aber – nicht mehr wie ein Ehrfurcht einflößender, allmählich zur Ruine sich umwandelnder Bau stand sie da; eine, eine einzige Nacht hatte die Zerstörung vollbracht! Das Gewölbe war geborsten; im frischen Morgenwinde klirrten die zerbrochenen Fenster; zu der Hauptpforte heraus rieselte ein Bach; das krystallhelle Wasser bahnte sich einen tiefeingeschnittenen Weg zwischen den Sand und Schutt, der die Stufen des Hochaltars bedeckte. Ueber dem Altar, an einem in die leere Luft hinaufragenden Pfeiler, hing noch die ewige Lampe; das kleine Flämmchen flackerte ängstlich; unheimlich knisterte der verkohlende Docht, und es schien dem schaudernden Offizier, als sei dies ersterbende Lämpchen das Sinnbild dieses ersterbenden Heiligthums.

Zögernden Schrittes war Eckart unter die Thür getreten. Lebte noch etwas in diesen Ruinen? Da regte es sich in der finsteren Ecke des Seitenschiffes; ein Wiehern unterbrach die Todtenstille des grausen Ortes.

„Ach! Lebst Du noch, mein treues Roß!“ rief der Hauptmann, indem er das in Angstschweiß gebadete Thier streichelte und die liebkosende Hand über dessen Nüstern gleiten ließ.

„Sieh da! Hauptmann von Hattwyl!“ rief eine Stimme.

Eckart blickte auf.

„Abbate Scaglione! Seid Ihr’s? Wie kommt Ihr hierher?“

Aus der Dämmerung antwortete es mit sonderbarer Betonung:

„Dieselbe Frage, Herr Hauptmann, könnte ich an Euch richten! Auf Befehl des Erzbischofs habe ich diese Nacht hier verbracht – wo zum Teufel verbrachtet aber Ihr dieselbe? Einem liebestrunkenen Ritter, wo eröffnete sich ihm wohl in dieser Einöde eine Stelle zum lauschigen Liebesschwärmen?“

Eckart stutzte. Was wollte jener mit seinen Worten? Es flog wie eine Ahnung durch Eckarts Sinn: was mochte wohl den Begleiter der Gräfin zu dieser Stelle geführt haben?

Rasch schwang er sich in den Sattel.

„Zum Plaudern habe ich keine Zeit, Abbate! Mein Roß und mich muß ich wieder warm reiten! Lebt wohl!“

„Schade! schade!“ höhnte es zurück; „Ihr hättet wohl wunderhübsche Sächelchen zu erzählen gehabt!“

Eckart hielt sein Roß zurück. Zornesröthe bedeckte sein Antlitz.

„Abbate!“ rief er in die Kirche hinein, „ich rathe Euch, Eure Zunge im Zaume zu halten! Wohl verstehe ich, worauf Ihr zielt. Aber ich sage Euch: Ihr seid im Irrthum – und ein ehrbar Mädchen ist die, die ich vom Tode errettete.“

Und dem Roß die Sporen in die Weichen drückend, flog er von dannen. –

Ein Thränenstrom ergoß sich aus des armen Fra Serafinos Augen, als der gute Bruder in seine verwüstete Kirche herunter trat.

„Heilige Madonna!“ seufzte er, „es mußte ja so kommen! Dein wunderthätig Bild haben sie weggeschleppt, und nun hat sich Deine Hand von dieser Stätte gewendet!“

Und die armen, schlottrigen Kniee beugend, ließ sich Fra Serafino in den Schlamm vor dem Hochaltar nieder und die zitternden Hände faltend, betete er sein Ave Maria zu der Erzürnten.

Durch die zerborstenen Fenster fiel der erste Strahl der über die Berge Kalabriens heraufschwebenden Morgensonne; auf den Normannenkreuzen der moosigen Kapitäle, auf dem verfallenen Gemäuer, in den leeren Nischen erglänzte plötzlich ein Funkeln, wie von Perlen und Edelsteinen; und erstaunt ob dieser flimmernden Pracht erhob das betende Mönchlein den Kopf, als suche es in der öden Kirche, ob die heilige Mutter Gottes sein Flehen erhört habe und auf silbernen Wolken, getragen und umgeben von den himmlischen Heerscharen, herniederschwebe in ihr verwüstetes Heiligthum.


11.

Langsam, die Hände tief in den langen Rocktaschen und sich mit vogelähnlichen Halsbewegungen nach rechts und nach links umschauend, schlenderte der Bankier Lerche durch die Straße Ferdinanda. Aus allen Gassen und Gäßchen strömten die Geschäftsleute, große und kleine, Reeder und Krämer, Millionäre und Winkelagenten, zu ihren gewöhnlichen Morgenbesprechungen vor der Börse und dem Rathhause zusammen. Der Orkan war glücklich überstanden; die Sonne lachte wieder aus blauem Himmel; ein jeder hatte den andern von den Schrecken der vergangenen Nacht zu erzählen. Sieh! dort bog auch der Abbate Scaglione um eine Ecke.

„Schon so früh zu Eurer schönen Gräfin, Abbate?“ rief ihm Lerche freundlich grinsend zu.

Sie blieben eine kurze Weile im Gespräch. Was Scaglione erzählte, mußte wohl von gar erstaunlicher Wichtigkeit sein, denn leiser und leiser sprachen sie zusammen, und mit bedenklichem Kopfschütteln begleitete Lerche das kurze Lebewohl, das ihm der Abbate nachrief.

„Mag schön werden!“ sagte er halblaut vor sich hin. „In diesen Schweizer ist die Gräfin ja bis zur Raserei verliebt! – Letzte Liebe, schlimmste Liebe! – und der will nichts von ihr wissen – zieht ihr jüngere Mädchen vor! Was ist dabei? Wir machten’s auch so! – Aber ein gefährliches Spiel! – muß ihm geholfen werden, dem armen, jungen Blut!“

Ein Mann aus dem Volke, mit tief in der Stirn sitzender Kalabresermütze, kam von der entgegengesetzten Seite auf ihn zu. Ein kurzer Wink von weitem, dem ein anderer Wink antwortete, und die beiden hatten sich verstanden.

„Maffia!“ flüsterte Salvatore Merlo, indem er, ohne Lerche anzuschauen, an ihm vorüberging.

[651] „Gut!“ erwiderte der andere im selben Tone, „wo? wann?“

„Jetzt! In der Kapelle!“

Und die beiden waren schon aneinander vorbeigeschritten wie Fremde, die nichts mit einander gemein haben.

Sie trafen sich wieder an der verabredeten Stelle, einer in entlegener Straße versteckten Kapelle. Lerche, der sonderbare Heilige, pflegte dort seit langen Jahren jeden Morgen mit peinlicher Gewissenhaftigkeit einer Messe beizuwohnen. Hinter einem Pfeiler führte eine schmale Thür in eine dunkle Kapelle. Dort erwartete ihn Salvatore.

„Was giebt’s?“ fragte Lerche, nachdem er die Thür hinter sich geschlossen hatte.

„Auf den Bergen sitzt einer seit ein paar Tagen in sicherem Gewahrsam. Die ihn gefangen nahmen, fordern Lösegeld. Er weigerte sich bis gestern. Heute schrieb er seiner Familie, daß er zu zahlen bereit sei; man möge das Geschäft für ihn einleiten.“

„Wie viel?“

„Zehntausend Dukaten.“

„Wer das Geld vorstreckt, will fünfzig Prozent dabei verdienen. Wer zahlt?“

„Hälfte er, Hälfte wir.“

„Habt Ihr ein Schreiben?“

„Zweie.“

Salvatore hielt dem Bankier, ohne es jedoch aus den Fingern zu lassen, ein Stück Papier vor die Augen. Lerche las halblaut vor sich hin:

„Ich, Endesunterzeichneter, verpflichte mich, die infolge von Verkauf von Liegenschaften“ – „ah! schlau!“ – „an Antonino Merlo geschuldeten zehntausend Dukaten nebst Zinsen“ – „gut! schön!“ – „wie verabredet auszuzahlen, wenn damit die volle, auf den Gütern lastende Hypothek“ – „Hypothek ist hübsch!“ – „als ausgeglichen angesehen und der Angelegenheit in Zukunft in keinerlei Weise mehr Erwähnung gethan werden wird!“ – Schön! Und das zweite Schriftstück?“ – „Ich ermächtige meinen Vetter“ – „so und so, kann mir gleich sein“ – „in meinem Namen bei Herrn Bankier Lerche zehntausend Dukaten zu erheben; zur Deckung gebe ich hierdurch Garantie auf das Schloß della Rovere und auf den Ertrag der kommenden Olivenernte“ … „Unterzeichnet, eigenhändig, Giuseppe Russo, Marchese della Rovere und so weiter … alles richtig! Wann wollt Ihr das Geld?“

„Heute noch!“

„Wer quittiert?“

„Mein Sohn.“

„Er soll ja in den Bergen sein?“

„So quittiere ich; Russos Schein erhältst Du jedenfalls.“

„Dein Sohn soll sich in acht nehmen; der Gouverneur fahndet nach ihm.“

„Man wird ihm nichts anhaben können, sobald bezahlt ist; der Gefangene hat geschrieben und unterschrieben – ich war dabei! – daß, sollte er verhört werden, er einen Eid leisten würde, daß seine Gefangennahme und Auspfändung eitel Lüge und Erfindung seien. Der Gepfändete selber wird die Unschuld seiner Verfolger beschwören! Bricht er den Schwur, so bricht er sein Leben! Er weiß es!“

„Auf Wiedersehen!“

„Lebe wohl!“

Das Hochamt war beendigt; die Straße leer. Lerche wartete, bis Salvatores Schritte hinter der nächsten Ecke verhallten; dann entfernte er sich in entgegengesetzter Richtung.

Während diese beiden in jener verborgenen Kapelle ihre „Geschäfte“ erledigten, ließ sich der Abbate Scaglione bei der Gräfin von Cellamare melden; sein Auftrag, befahl er dem ob dieses frühen Besuches erstaunten Diener, leide keinen Aufschub. Lange brauchte er auch nicht zu warten. In bequemer Morgentoilette trat die Gräfin zu ihm herein, die schwarzen Haare über ihre Schultern aufgelöst, mit einem Funkeln im Auge, aus welchem die ganze leidenschaftliche Spannung sprach, mit der sie Scagliones Nachrichten entgegensah.

„Ihr habt sie gesehen? Sprecht!“ rief sie noch unter der Thür.

Jetzt erst bemerkte sie des Abbates verstörte Gesichtszüge, die Unordnung seiner Kleidung, den Schmutz, der seine Schuhe und Kleider bedeckte.

„Was ist’s, Scaglione? Wo kommt Ihr her? Der Orkan …?“

„Ein wahres Wunder ist’s, Frau Gräfin, daß Ihr mich lebendig vor Euch seht! Ich verbrachte die Nacht in der Kirche der Badiazza – die Kirche ist nur noch ein Trümmerhaufen – hätte die Madonna Euren Diener nicht beschützt, er läge heute unter dem Schutt der Fiumara begraben!“

Sprachlos schaute sie ihn an; – im selben Augenblick sprangen aber ihre Gedanken auf jenen andern über, an dem sie Rache zu nehmen sich gelobt hatte – und für den sich doch in ihrem Herzen ein anderes Gefühl noch regte.

„Und er?“ lispelte sie mit tonloser Stimme, als hoffte sie – als fürchtete sie vielleicht – Antwort auf die bebende Frage.

„Er?“ antwortete langsam und jedes Wort betonend der Abbate, „liebestrunken ist er mir voraus zur Stadt geritten und träumt wohl wachend von den schönsten Stunden, die ihm das Schicksal bereitete! Dem einen war es eine Nacht unvergeßbaren Schreckens – dem andern aber eine der seligsten Wonne!“

Der Athem wollte ihr ausgehen. Ihre Hand spielte mit einem elfenbeinernen Petschaft, das einen Amor mit Pfeil und Bogen vorstellte; unter dem krampfhaften Zucken ihrer Finger brach der kleine Liebesgott entzwei.

„Schlimmes Zeichen für den, den Ihr liebt!“ lächelte Scaglione.

Aber, die Stücke von sich schleudernd, schnitt sie ihm das Wort ab:

„Wer sagt, daß ich ihn liebe? … Wer meine Liebe verschmäht, der erntet meinen Haß! Sprecht, Scaglione, was habt Ihr erfahren? was wißt Ihr?“

„Alles weiß ich, Frau Gräfin – und mehr noch, als zu wissen Euch lieb sein wird!“

Er erzählte – wie er’s wußte – wie er sich’s dachte: von dem Stelldichein, das sich die beiden in der Kirche gegeben hätten, von dem Sturm, der Gefahr, der Rettung des Mädchens durch den Offizier, von dem Hause, wohin er sie gebracht hätte, allein, ohne die verzweifelnde Dienerin. Aber als er den Namen des Mädchens nannte – die Tochter Romeos, des Tischlermeisters – da fuhr die Gräfin wuthentbrannt und ihrer selbst nicht mehr mächtig in die Höhe.

„Die Tochter des Tapezierers, der meine Möbel flickt und meine Teppiche ausklopft! – Und diese, die mein Stubenmädchen sein könnte, zieht der Unwürdige der Gräfin von Cellamare vor! – und für diese Dirne spielt er mit dem Tode!“

Schwer legte sich des Abbates Hand auf ihren Arm; sein Blick bohrte sich in ihr Auge.

„Und heute, wo das sicilische Volk Waffen schmiedet und Kugeln gießt, um des Königs Majestät zu bekriegen – heute wird die Tochter des schlimmsten aller Revolutionsanführer von einem Offizier der Schweizergarde geliebt!“

Das Wort saß mit scharfem Schnitt in ihrer Seele wie ein in die Mitte der Wunde abgeschossener Pfeil.

„Ist der Verrath doppelt, so sei doppelt auch die Strafe! – Abbate,“ fügte sie mit leiser, zitternder Stimme hinzu, „helft mir berathen und ausführen! Reicht mir die Hand: was hier beschlossen wird, es bleibt Geheimniß zwischen Euch und mir!“

Er reichte ihr seine Hand – und lange blieben die beiden in der Gräfin Gemach; leise flüsterten ihre Stimmen, daß keiner auch nur ahne, was hier gesponnen wurde.

„Es bleibt beschlossen,“ sagte Scaglione, als er sich zum Abschied erhob, – „nicht von unserer Hand darf der Streich geführt werden! Den königlichen Offizier darf nur ein Schlag der Königsfeinde treffen! Er fällt auf sie zurück, und der Revolution, die ihre Stirn erhebt, zertreten wir den Kopf! Heute noch erhält durch mich der Bräutigam dieses Mädchens Nachricht von dem an ihm verübten Verrath!“

„Und heute noch soll ihr Vater aus meinem Munde hören, wer sein Haus beschimpft hat!“ …

Als der Graf sich zur Frühstücksstunde im Speisezimmer einfand, wurde ihm zu seinem nicht geringen Erstaunen von der in liebenswürdigster Ausgelassenheit lachenden und plaudernden Gräfin eröffnet, daß sie es nun müde sei, den Karneval ohne Fest noch irgend welche Zerstreuung zu verbringen. Und da ihr Herr Gemahl nicht an ihre Unterhaltung denke, so habe sie selber diese [652] Rolle übernommen; am letzten Karnevalsabend werde sie die vollzählige Gesellschaft Messinas und der Umgegend zu sich laden und heute noch werde sie den Tischlermeister Romeo zur Ausschmückung der Festräume zu sich bestellen.

„Romeo?“ unterbrach sie der Graf; „der wird wohl keine Zeit für Euch finden! Ich begegnete ihm vorhin mit meinem alten Freunde, dem Marchese della Rovere von Taormina. – Verschwörung und Revolution in der Luft! Ihr wählet sonderbare Zeiten zu Euren Festen, Teresina!“

Aber lachend gebot sie ihm Schweigen.

„So wird’s ein Verschwörungsfest geben – und wehe denen, gegen die ich mich verschwöre!“

Ihr Lachen klang sonderbar, mit einem so metallisch harten Ton, daß der Graf betroffen zu ihr aufblickte.


12.

Wer zum erstenmal die finsteren, von hohen Mauern überragten Straßen der oberen Stadt Messina betritt, den befällt ein seltsam unheimliches Gefühl; eng und tiefeingeschnitten winden sich die lavagepflasterten Gäßchen, laufgrabenähnlich, zwischen den massigen Quaderbauten hin; bis zur Höhe des zweiten Stockwerkes streben die nackten Mauern hinauf ohne Absatz, ohne Verzierung; dort erst sind Fenster gebrochen, unregelmäßig, mit bauschig hervortretenden Eisengittern versehen, deren Schnörkel und Arabesken den Blicken der unten Durchziehenden einen undurchdringlichen Schleier entgegenstellen; auf die Straße öffnen sich, durch weite Zwischenräume getrennt, enge, eisenbeschlagene Eichenthüren mit schweren, messingenen Klopfern, und lange muß derjenige, der hier anklopft, warten, bis die Insassen von oben herunter und durch die Schießscharten hinter der Eingangspforte genau erkundet haben, wer er sei, und bis er von einem bedächtig durch die wiederhallenden Gewölbe hinschleichenden Mönche eingelassen wird. Hier ist das alte Klosterviertel, eine zusammenhängende Masse von Kirchen, Kapellen, Zellen, Korridoren, Höfen, ungeheueren Hallen, unermeßlichen Kellern, ein unentwirrbares, von geheimen, in finsteren Ecken sich öffnenden Gängen durchschnittenes Labyrinth, eine Stadt in der Stadt, eine Welt für sich, mit einer unsichtbaren, von keinem bemerkten Bevölkerung von Mönchen, Laienbrüdern, Nonnen, Pförtnern und Arbeitern. Wer hätte es wohl gewagt, im diese geheiligten Räume zu dringen? Und hätte er das Wagniß unternommen, wer hätte hinter den verschlossenen Zellenthüren die Mönche beim Trocknen des Pulvers, beim Anfertigen der Patronen und beim Kugelgießen, wer hätte die Nonnen beim Nähen und Sticken von Fahnen, Schärpen und Offiziersabzeichen überrascht? Wessen Auge wäre wohl bis in die Tiefe der Keller gedrungen, wo, hinter den langen Fässerreihen versteckt, Flinten, Säbel und Lanzen aufgespeichert lagen?

Dort oben, in jenem Festungswinkel, hatten sich die Freunde von San Placido Stelldichein gegeben. Sie kamen, ein jeder von einer andern Seite, ein jeder durch eine andere Thür; leise wurde das Losungswort hingeflüstert; wissende Brüder geleiteten sie durch die geheimsten Gänge, bis zu einer auf die Berge sich öffnenden Zelle inmitten der Einsamkeit der Klostergärten.

Als einer der letzten trat Romeo ein. Sie wußten, daß er durch den Orkan der letzten Nacht am Weiterreisen gehindert worden war, und die Freunde fanden es natürlich, daß er, bevor er sie aufsuchte, zu seiner Tochter geeilt war. Ein sonderbares Schweigen fiel jedesmal auf die Versammlung, wenn einer auf die Ereignisse der letzten Nacht zu sprechen kam oder gar, wenn der Name von Romeos Tochter genannt wurde.

„Es ist doch seltsam,“ flüsterte der Palermitaner Mönch seinem Nachbar Salvatore ins Ohr, „daß die ganze Stadt voll von diesem Märchen ist! – Woher habt Ihr die befremdende Nachricht?“

„Von einem, der Zeuge war – von dem Abbate Scaglione!“ antwortete finster Salvatore.

„Und glaubt Ihr wohl daran?“

Salvatore schwieg. Seine Hand ballte sich krampfhaft.

„Ob es wahr ist – wird man erfahren! – Wenn es aber wahr ist – so fließt Blut!“

Romeo trat mit dem Marchese della Rovere in die Zelle.

„Seid gegrüßt, Brüder!“ sagte er, und Salvatore bemerkte, daß die Hand, die er ihm bot, nicht zitterte, daß sein Auge so klar schaute wie immer, daß nichts in seiner Haltung und Gebärde auf irgend welche außergewöhnliche Bewegung in seinem Innern schließen ließ. „Unser Freund, der Marchese, darf wohl mitberathen? Ich traf ihn auf der Straße.“

„Was führt Dich hierher, Filippo?“ fragte der Prior verwundert.

„Der Gouverneur ließ mich rufen,“ erwiderte der derbe Bauer … „sprach gestern mit mir vom Prozeß – gegen den Schurken! Ihr wißt ja, den Marchesendieb! Haha! Nächster Tage wird einer ein schiefes Gesicht schneiden, der Marchese zu sein glaubte und es plötzlich nicht mehr war! Der Prozeß ist ja so gut wie gewonnen! – Nun ja! das sagte mir dieser Gouverneur … wollte aber noch andere Dinge von mir erfahren, – von den Briganten, – von Deinem Sohne, Salvatore! – Da kam er an den Rechten! Mir wird doch so ein neapolitanischer Gouverneur noch kein X für ein U vormachen!“

Salvatore war zu Romeo hingetreten.

„Du hast meinem Sohne in Taormina das Leben gerettet; habe Dank!“

Sein Auge ruhte forschend auf Romeo, als er langsam fortfuhr: „Hast Du Deine Tochter gesehen? Sie stand gestern in Gefahr!“

„Ja,“ antwortete Romeo ruhig, „ich habe sie gesehen; sie betete in der Kirche der Badiazza, als das Unwetter losbrach; ein paar Leute, die sich dort befanden, brachten sie noch glücklich nach Hause.“

Salvatore schwieg. Eine stumme, schwere Frage schwebte vor seinem Geiste: hatte Felicita ihrem Vater weiter nichts erzählt, – so fühlte sie sich schuldig, so hatte Scaglione nicht gelogen, – so war die Ehre des Bräutigams geschändet, – so …

Die Männer traten in die Berathung. Romeo wurde aufgefordert, von seiner Reise zu berichten. Er that es in kurzen Worten, in seiner knappen Weise. Er hatte sich von Taormina aus über die Berge zu dem alten Petrone begeben, den er wie eine Art von Heiligen verehrte; was Petrone, ein gelehrter, in allerlei Wissenschaften kundiger Greis, sprach, das war von alters her für des einfachen Tischlermeisters Gemüth ein Evangelium gewesen. Romeo erzählte mit bewegter Stimme, wie er den ehrwürdigen, silberhaarigem Freund inmitten von seinen Büchern gefunden – wie er die Hoffnungen der sicilischen Patrioten mit ihm besprochen, wie er ihm endlich die Frage vorgelegt habe, welche eine so heftige Meinungsverschiedenheit hervorgerufen habe.

„Und wie lautete Petrones Antwort?“ fragte der Palermitaner, da Romeo in seiner Rede innehielt.

Romeo stand von seinem Sitze auf und entblößte das Haupt.

„Petrone,“ sprach er mit langsam weihevoller Stimme, „deutete auf ein Brustbild seines Lieblingsdichters Dante, das auf seinem Schreibtische steht, und sagte: ‚Nicht um Sicilien allein handelt es sich, – sondern um unser großes, heiliges Vaterland, – Italien!‘“ …

„Da haben wir den phantastischen Träumer!“ fuhr Salvatore dem Freunde durch die Rede; „was kümmert mich Italien? – wir sind Sicilianer!“

Aber scharf schnitt ihm Romeo das Wort ab:

„Und ich – und Petrone – als Italiener fühlen wir uns, – und für unsere Brüder drüben arbeiten wir, wie für uns. ‚Ihnen,‘ so sprach Petrone, ‚ihnen sind wir schuldig, mit makellosem Freiheitsbanner in den Kampf zu ziehen!‘ – und seine Hand wie zum Schwure auf Dantes Haupt legend, fuhr Petrone fort: ‚Hätte der größte Italiener im Kampfe für sein Land und seinen Gott jemals mit Mördern einen Bund geschlossen? Diese Frage, Romeo, trage als Antwort Petrones nach Messina!‘ – So sprach der Alte; ich habe geendet!“ Und Romeo setzte sich.

„Ehrenbürger von Sperlinga[3]!“ murmelte Salvatore vor sich hin. Gegen das Ansehen, welches Petrones Worte genossen, wagte er jedoch nicht, sich offen aufzulehnen.

[654] „Romeo,“ sagte er endlich, „seitdem Du meinen Sohn vom Tode errettet hast, habe ich kein Recht mehr, Dir zu widersprechen. Es geschehe denn, wie Ihr es wollt! Aber wenn das Blut unserer Kinder fließt, so falle die Verantwortlichkeit nicht auf mich!“

Salvatores Augen hafteten fest an der Erde, während er also sprach; die Worte waren nicht das Spiegelbild seiner Gedanken!

Der Palermitaner erhob sich.

„Ich begrüße mit Freuden diesen Tag! Wo die Einigkeit herrscht, ist der Sieg gewiß! Bestimmen wir die Stunde der Volkserhebung! Palermo …“

„Wie wollt Ihr die Stunde bestimmen?“ rief ihm aber Salvatore zurück. „Das Pulver liegt bereit; der Funke wird hineinfliegen, ehe wir’s uns versehen! Und erfährt Palermo, daß Messina die Fahne der Freiheit erhoben hat, so wird Palermo keinen Augenblick zaudern! … Laß mich sprechen, Romeo! Ich habe in allem nachgegeben; keinen Schritt weiter! – Die Gelegenheit liegt uns näher, als Du glaubst! Und wenn morgen, wenn heute ein Neapolitaner – oder ein Schweizer – sich an einer unserer Töchter vergehen sollte, – wie willst Du das sicilische Volk verhindern, morgen – oder heute – loszuschlagen? Und wenn Du auch hundertmal die Stunde auf den andern Morgen festgesetzt hättest, – heute schon, Romeo, heute schon flammte die rächende Feuersbrunst gen Himmel!“

„Ich weiß nicht, was Du damit sagen willst, Salvatore!“

„Du weißt es nicht? – Du wirst es aber erfahren! Und dann wirst Du mir recht geben und der erste wirst Du sein, der dem Volke zurufen wird: ‚Zu den Waffen! Schützt Euer Land! Rächt unsere Ehre!‘“

Salvatore sprach’s in höchster Erregung. Die andern sahen sich verlegen an.

„Ich gehe!“ rief der alte Tribun; „hier habe ich nichts mehr zu suchen. Im Kampfe treffen wir uns wieder!“

Und er verließ den Saal.

„So unrecht hat er ja nicht!“ platzte plötzlich der Marchese heraus; „was? Stunde festsetzen? Drauf und dran! Ergreift die erste Gelegenheit und schlagt die Hunde todt! Was meinst Du, Romeo?“

Romeo saß in düsterm Sinnen.

„Ich fürchte nur,“ sagte er, „daß Salvatore die Gelegenheit nicht erwarte, sondern daß er sie schaffe, – und die Freunde, deren er sich dazu bedienen wird, sind nicht unsere Freunde!“

Sie trennten sich, ohne einen Beschluß gefaßt zu haben. Lautlos ging Romeo neben dem Marchese hin. Es schien ihm, als ob etwas Befangenes, Beklommenes auf der Versammlung gelegen hätte. Er war gewissen Blicken begegnet, die er sich nicht zurechtlegen konnte; es waren gewisse Worte gefallen, die er nicht verstand. Wie er bei dem Palaste des Grafen von Cellamare vorbeikam, trat ein Diener auf ihn zu und bat ihn im Namen der Frau Gräfin, sich einen Augenblick zu derselben begeben zu wollen; sie bereite ein Fest vor und Romeo solle wie früher die Ausschmückung der Säle besorgen.

„Addio, Marchese!“ sagte Romeo und folgte dem Diener.

Die Aufforderung der Gräfin hatte nichts Auffallendes für ihn; zu wiederholten Malen schon hatte der mit feinem Kunstsinn begabte Tischlermeister die Festeinrichtungen der Patrizierfamilien geleitet; geschmackvoller als Romeo verstand es keiner, durch Aufbauen von lauschigen Blumengrotten und durch faltenreiche Drapirung von bunten Teppichen und Vorhängen die kahle Leere der hohen Säle in das reizendste Festparadies umzuwandeln. Ruhigen Schritts trat er in das Gemach, wo die schöne Frau ihn mit dem Abbate erwartete.

„Seid mir gegrüßt, Romeo!“ rief sie ihm von ihrer Chaiselongue aus zu. „Wie schön von Euch, daß Ihr es nicht verschmähet, den Fuß über die Schwelle einer Feindin zu setzen.“

„Einer Feindin, Frau Gräfin?“ erwiderte Romeo in lächelnder Abwehr. „Mit den Frauen stehen wir nicht im Krieg.“

„Und doch sind wir Feinde! Denn hier halten wir es mit den Neapolitanern – und auch mit den schweizer Offizieren! – und diese beiden – die letzteren besonders – haßt Ihr doch aus vollem Herzen – oder sollte ich mich irren? – Nun, das ist ja Eure Sache, wie es die meinige ist, dafür zu sorgen, daß meine Freunde – so lange Ihr es noch erlauben werdet – bei mir einen fröhlichen Karneval feiern! Dazu müßt Ihr mir nun verhelfen. Für den letzten Karnevalsabend will ich dies Haus umwandeln in den glänzendsten Palast der Freude und des Faschingscherzes; Tanz, Musik, Masken etc. – Karneval überall, – auf den Lippen und im Herzen – in den Herzen besonders! – Meine Börse steht Euch offen; greift hinein, so tief Ihr wollt! Ich überlasse Euch mein Haus, macht einen Feenpalast daraus!“

Eine frohe Schaffenslust überkam bei diesen Worten den wackeren Meister. Die düsteren Gedanken, die ihn während jener Versammlung und auf dem Rückweg überfallen hatten, konnte er sich aus dem Kopfe schlagen. Es war wohl nur eine Folge der Ermüdung von seiner Reise her gewesen, daß er sich so schwarzen Gedanken hingegeben hatte; die Arbeit, zu welcher die Gräfin ihn aufforderte, würde wie ein frischer Luftzug diese Nachtphantasien verscheuchen.

Er kannte alle Räume der gräflichen Wohnung, den monumentalen, auf Säulen und Bogen ruhenden, durch eine Kuppel erleuchteten Treppenbau, die hohen Säle mit ihren auf das Meer sich öffnenden Fenstern und den marmorgefaßten Balkonen; die weite Flucht von Prachtgemächern mit ihren breiten Doppelthüren; die in die Ecken sich einschmiegenden traulichen Boudoirs mit ihrem stillverstohlenen, aus Alabasterlampen herunterfallenden Lichte, und all die heimlichen, von Boudoir zu Boudoir zwischen den Mauern sich hinwindenden Gänge und Gängchen, – und während die Gräfin zu ihm sprach, baute er schon in seinem Geiste das Bild auf, das seine künstlerische Hand verwirklichen sollte. Schneller als Teresinas Worte flogen des Meisters Gedanken, und sie hatte noch nicht ausgesprochen, so stand Romeos Plan schon fertig vor seinem Geiste.

„Es soll geschehen, wie Ihr es wünscht, gnädige Frau! In einen Feenpalast wandeln wir dies Haus um. Dies Gemach,“ fügte er, sich in dem kleinen, zum heimlichem Liebeszauber wie geschaffenen Boudoir umschauend, hinzu, „dies Gemach wird ein königliches Blumenzelt, wo die Königin des Festes und des Hauses thront und ihren Hof hält; in duftenden Ranken schlingen sich die Blumen um die goldbequasteten Stäbe bis zur Decke hinauf; von dem blauen Gewölbe strahlt zwischen den buntfarbigen Gewinden eine schimmernde Lichterkrone herunter; – in halbdunkle, von Lampen hinter Blumengebüschen nur spärlich erhellte Lauben werden aber die Gänge verwandelt, welche zu dem Heiligthum führen, wo Armida ihre Anbeter empfängt.“

Armida? … die Gräfin fuhr bei diesem Worte zusammen. Armida? Die Verlassene? – Armida? Wie kam Romeo dazu, ihr diesen Namen ins Gesicht zu schleudern? Was wollten seine so seltsam überschwänglichen Festesphantasien bedeuten? War das Spott? Wie sollte sie es deuten?

„Romantische Mythologie treibt man auch in Eurem Hause?“ warf sie dem Tischlermeister über die Schulter hin. „Das kommt doch nicht von Euch, Romeo? Das habt Ihr wohl von Eurer Tochter, – die mag schon den Tasso und … einen schönen Rinaldo kennen! – Eure Tochter soll ja recht hübsch sein, Romeo, – sagt man’s nicht, Abbate? – Schickt sie doch her zu unserm Feste; – es wird sich wohl eine Maske finden, die ihr paßt.“

„Tausend Dank, Frau Gräfin! Meine Tochter ist ein schlichtes Bürgermädchen und zu Eurem Feste paßt unsereins nicht.“

„So spielt doch nicht den Blöden, Romeo!“ rief aus seiner Sofaecke der Abbate mit seltsam befremdendem Tone heraus; „Eure Tochter wird schon Bekannte hier finden.“

Was sollten diese Worte? Was wollte schon die Gräfin mit ihren ihm unverständlichen Anspielungen auf Tasso und Rinaldo? Wie kam es, daß ihm seit heute morgen überall, wo er sich zeigte, so räthselhafte Bemerknugen ans Ohr schlugen? Lag es an ihm oder an den andern, daß ihn diese Worte wie verletzende Schläge trafen? Die Gräfin ließ ihm nicht Zeit, lange nachzugrübeln.

„Ich hab’s gefunden, Romeo,“ sagte sie, sich mit halbgeschlossenen Augen spöttisch zu ihm wendend – „Seht, als Schweizerin könntet Ihr ja Eure Tochter maskiren, mit rundem Strohhut, Alpenrosen drauf, einen Strauß von Genzianen am Busen, – aber lose, leicht, – daß die Kleine ihren Anbetern [655] Blumen daraus hinwerfen könnte, – und eine Rose in der Mitte für ihren auserlesenen Geliebten.“

Wie Pfeile, scharf und spitz, flogen die Worte von ihren Lippen. Den Tischlermeister überfiel ein dumpfes Gefühl, daß man ihn hier zur Zielscheibe eines ihm unverständlichen Spottes zu machen beabsichtige.

„Lassen wir das, Frau Gräfin!“ sagte er ernst und ruhig. „Ich verstehe nicht, was damit gemeint ist; Euer Haus wird zur bestimmten Frist eingerichtet sein, wie Ihr es wünscht!“

Und die Schnur, mit welcher er sein Notizbuch zu schließen pflegte, um das zusammengedrückte, unsaubere Bändchen schlingend, schickte er sich an, sich zu entfernen.

Die Gräfin wechselte einen raschen Blick mit Scaglione.

„Statt die Einladung für Eure Tochter so rundweg abzuschlagen,“ hub dieser an, „würdet Ihr doch besser thun, des Mädchens Meinung einzuholen. Ihr dürft aber nicht vergessen, ihr zu sagen, daß die schweizer Offiziere anwesend sein werden und daß sie den Baron von Hattwyl hier treffen werde.“

Romeo stand schon unter der Thür. Er wandte sich rasch gegen den Abbate um. Was sollte dies? Das Blut schoß ihm in die Augen. – Er mußte plötzlich an die unverständlichen Worte Salvatores von heute morgen zurückdenken; – in seiner gebückten Haltung, mit vorgebeugtem Kopfe trat er einen Schritt auf Scaglione zu.

„Scaglione!“ rief er nach einer kurzen Pause, „ein Glück ist’s für Dich, daß ich nicht vergesse, in wessen Hause ich mich befinde, sonst hätte der Schimpf, den Du Dich erfrechst …“

„Ein Schimpf?“ rief aber der andere, indem er wie gedankenlos spielend einen schweren Stuhl zwischen sich und den Tischlermeister schob; – „wie kann die Bestätigung der Wahrheit jemals ein Schimpf genannt werden? Mir wirst Du doch nicht weismachen wollen, daß Deine Tochter die schweizer Offiziere nicht liebt, wo die ganze Stadt das Geheimniß kennt!“

Hatte Romeo wirklich diese Worte gehört? Waren sie wirklich ausgesprochen worden? War dies ein Traum? Ueberfiel ihn ein Fieber? ein Wahnsinn? … Wie schlaftrunken, wie ein Nachtwandler hörte er jetzt, wie die Gräfin zum Abbate sagte:

„Wie soll er’s denn wissen, Scaglione? Er war ja seit acht Tagen abwesend.“

„Richtig!“ bestätigte der Abbate, „Du warst ja nicht in Messina, Romeo, und in San Placido konntest Du nichts merken, da Du mit Deinen Freunden im oberen Stockwerke saßest, während Deine Tochter im Klosterhofe … Ja, ja, Romeo! Die Väter thun doch zuweilen unrecht, acht Tage lang von Hause wegzubleiben.“

„Ein Schurke bist Du, Scaglione!“ rief aber jetzt wildaufbrausend Romeo, und den Stuhl wegstoßend, stürzte er mit geballter Faust auf den Sprecher los. Da faßte die Gräfin ihn am Arme.

„Romeo! Was Ihr vorhin nicht vergaßet, vergeßt Ihr jetzt! Ihr seid in meinem Hause, und ich werde nicht dulden …“

„So duldet auch nicht, Frau Gräfin, daß in Eurem Hause ein Ehrenmann beschimpft werde!“

„Beschimpft?“ rief der Abbate. „Ich sage Euch die reine Wahrheit! Was ich mit meinen Augen gesehen, mit meinen Ohren gehört, mit meinen Händen gegriffen …“

„Was hast Du gesehen? Was hast Du gehört? Rede, oder …“

Wiederum hielt ihn die Gräfin zurück. Eine tiefe Blässe hatte ihr Antlitz überzogen.

„Haltet ein, Euren Zorn begreife ich! Aber nicht gegen Scaglione darf er sich richten; – wäre ich an Eurer Stelle, Romeo, – ein anderer lebte morgen nicht mehr!“

Die Aufregung der Gräfin war seltsam; sie schien Romeo unbegreiflich. Was mochte dies bedeuten? Sein Blick haftete durchdringend auf der räthselhaften Frau. Er stand hier vor einem Geheimniß, das er nicht zu deuten vermochte. Es durchrieselte ihn eisig kalt. Was wollten dies Weib und dieser Abbate von ihm?

„Was schweigt Ihr? … was starrt Ihr mich an, Romeo?“

Langsam, jedes Wort betonend, erwiderte er:

„Was bringt Euch dazu, Frau Gräfin, Euch meine Angelegenheiten so zu Herzen gehen zu lassen? In welchem Zusammenhange mit Euch stehen die Dinge, von welchen dieser da zu erzählen sich erdreistete? Hier wird ein gefährlich Spiel getrieben, Frau Gräfin!“

Da kam Scaglione der Gräfin zu Hilfe.

„Du glaubst mir nicht?“ rief er aus; „so gehe zu Deiner Tochter und frage sie selbst! Frage sie, wen sie in San Placido damals getroffen hat, frage sie, wer sie seit acht Tagen tagtäglich in der Badiazza besucht, frage sie, wen sie gestern in der Kirche antraf, frage sie, wer sie beim Ausbruch des Orkans in Dein Haus trug, und frage sie, ob es wahr sei oder nicht, daß der schweizer Offizier, der dies alles that, die Nacht in Deinem Hause zubrachte und erst heute früh dasselbe und Deine Tochter verließ, und frage sie, ob es wahr sei oder nicht, daß dieser Offizier Eckart von Hattwyl heißt!“

Gewaltsam unterdrückte Romeo seine auftobenden Gefühle; gewaltsam unterdrückte er die Wuth, die sich gegen diesen elenden Verleumder zu entfesseln drohte. Mit Scaglione würde er schon Abrechnung halten!

Nach einer andern Richtung hin mußte er sich aber zunächst Klarheit verschaffen. Wie an einem Stahlpanzer schienen Scagliones Worte an ihm abzugleiten. Forschend fiel sein Blick auf die Gräfin.

„Diesen schweizer Offizier kennt Ihr wohl, Frau Gräfin?“

Sie deutete Romeos Frage anders, als sie es sollte. Ihre Leidenschaft war mächtiger als ihre berechnende Vernunft.

„Ob ich ihn kenne?“ rief sie, sich selber und ihre Rolle vergessend. „Mein Feind ist er wie der Deinige, dieser freche Mädchenräuber! Einen gemeinsamen Feind haben wir, Romeo; gemeinsam sei auch unsere Rache!“

Die Worte blitzten wie ein rascher Lichtstrahl durch Romeos Seele. Der Argwohn, der ihn befallen hatte, war gerechtfertigt! Das Spiel, das mit ihm getrieben wurde, hatte er durchschaut.

„Und um mir dies zu sagen,“ sprach er mit eisiger Ruhe und sein Auge scharf auf das ihre geheftet, – „nicht aber, um mir Eure Festbefehle zu geben, ließt Ihr mich hierherrufen! Ihr habt viele Verehrer, Frau Gräfin, und viel erzählt man sich von Eurer Liebe. Heute habt Ihr Rache zu nehmen an jenem, und dazu soll ich Euch behilflich sein!“

Als hätte man ihr einen Schlag versetzt, war die Gräfin aufgesprungen. Zornglühend wollte sie sprechen; aber mit donnernder Stimme, ein lodernd Feuer im Auge und hoch aufgerichtet vor ihr mit gewaltig herrschender Gebärde, gebot Romeo ihr Schweigen.

„Ihr werdet schweigen, Frau Gräfin, bis ich gesprochen habe! Zu Euren Zwecken wolltet Ihr mich mißbrauchen und habt Euch nicht entblödet, die Ehre meines Hauses, die Ehre meines Kindes zu beschmutzen, um aus dem beleidigten Vater ein williges Werkzeug – gemeinsamer Rache, wie Ihr sagtet, zu machen. Ihr hieltet Romeo für einen Knaben, Frau Gräfin, mit dem ein Weib Fangball spielen kann, – und habt Euch in ihm geirrt! – Ich gehe! Ein anderer mag Euer Haus einrichten! Von der Gräfin von Cellamare nimmt Romeo keine Befehle mehr an.“

Langsam kehrte er ihr den Rücken und ging zur Thür; dort blieb er stehen, und, den Kopf halb nach der Seite gewendet, wo der Abbate saß, warf er mit einem Ausdruck von unsagbarer Verachtung die Worte vor sich hin:

„Du aber, Abbate, höre, was ich Dir sage: Heute noch werde ich aus dem Munde meiner Tochter erfahren, daß Du ein Lügner bist; dann folge meinem Rath und sorge, daß Messina Dich morgen nicht mehr in seinen Mauern sehe! Denn wie einer Schlange würde ich Dir den Kopf unter meinen Fersen zertreten!“

Romeo war nicht mehr der unscheinbare, gebückte Arbeiter; sein Haupt hatte sich gehoben, sein Auge funkelte, in seiner Gebärde lag die beherrschende Gewalt des Volkstribunen.

Festen Schritts verließ er das Gemach; mit fester Hand drückte er auf die Klinke, mit festem Rucke schloß er die Thür hinter sich.

Vor dem Palaste hielt ein Wagen; langsam stieg er ein; – aber gewaltig pochte des starken Mannes Herz, als er dem Kutscher zurief:

„Zur Badiazza! nach meinem Hause! Fahre schnell!“

[669]
13.

Verlaß uns, Nina, ich habe mit meiner Tochter allein zu sprechen,“ sagte beim Hereintreten Romeo in kurz befehlendem Tone zu Felicitas Begleiterin.

Es entging seinem beobachtenden Blicke nicht, daß Nina erblaßte und daß Felicita auf ihrem Stuhle zusammenzuckte. Er blieb in der Mitte des Zimmers stehen.

„Felicita,“ sprach er, die Worte scharf betonend, „warum hast Du mir heute morgen verheimlicht, was gestern hier geschah?“

Der Vorwurf in dieser Frage klang fast wie eine Anklage gegen sie, die Schuldlose! Warum hätte sie ihrem Vater heute morgen die Freude des Wiedersehens trüben sollen? Wie konnte sie ihm alles erzählen? Er hatte es so eilig und so wichtige Geschäfte erwarteten ihn bei den Freunden! Am Abend, in traulicher Unterredung, gedachte sie, ihm ihr Herz zu eröffnen. Und nun? Warum sprach ihr Vater in diesem Tone zu ihr, die sich nichts vorzuwerfen hatte?

„Ich gedachte, es heute abend zu thun, Vater! Zu wichtig war es ja, um …“

Eine furchtbare Zornesflamme loderte in Romeos Herzen auf.

„So ist etwas geschehen? So hatte der Abbate recht?“ rief er, und mit geballter Faust auf sie zutretend, herrschte er sie an: „Rede! Was geschah? Und, bei Deinem ewigen Heile! verschweige nichts!“

Felicita trat einen Schritt zurück. Der Stolz der beleidigten Unschuld bäumte sich in ihr auf. „Seit wann habe ich meinem Vater Ursache gegeben, seine Tochter einer niedrigen That zu zeihen? Du sprichst zu mir wie zu einer Angeklagten; Du hast mich noch nicht gehört und Du klagst mich an? Du hast mich noch nicht befragt und schon hast Du mich verurtheilt? Wer gab Dir dieses Recht?“

Romeo schwieg. Sein Auge ruhte auf ihr. So sprach keine Schuldige.

„So sprich!“ sagte er ruhiger und setzte sich.

Sie sprach; – sie erzählte ihm, wie sie zur Kirche gegangen sei, um für ihn zu beten; wie der Sturm losgebrochen, wie sie emporgerissen und fortgetragen worden sei, und wie sie, aus ihrer Ohnmacht erwachend, den Offizier in ihrem Zimmer, hier, wo sie jetzt mit ihrem Vater sitze, vor sich gesehen habe.

„Und dann?“ sprach Romeo mit dumpfer Stimme, als sie innehielt.

„Dann, Vater!“ rief sie, und vor dem geliebten Vater sank sie in die Kniee, und tief in sein Auge blickend, fuhr sie fort: „Glaubst Du mir, Vater? Oder zweifelst Du, ob Felicita Dir die Wahrheit sage?“

„Die Wahrheit?“ rief aber Romeo, indem er sie mit wilder Gewalt von sich stieß; – „die Wahrheit? – Du bist seine Geliebte! Das ist die Wahrheit! Fluch über Dich, Elende!“ Eine unbändige Wuth sprühte in seinem Auge. [670] Aller Zorn, den er bei der Gräfin mit so mächtiger Gewalt zurückgekämpft hatte, überfluthete mit einem Male sein Herz und seine Sinne.

Das heiße sicilianische Blut kochte in seinen Adern und hämmerte, jede Vernunft übertönend, an seine Schläfe.

„In die Kniee, Elende! in den Staub vor mir!“

Aber in jäher Entrüstung sprang Felicita vor ihm auf.

„Seine Geliebte? Ich?“

Vater und Tochter standen einander zornglühend gegenüber. In beider Seele flammte mit urplötzlicher Gewalt das alte südliche Feuer auf, das sengende Feuer unbezwingbarer Leidenschaft, und mit dämonischer Macht brach die altangestammte, halbwilde Natur hervor. Weder Vater noch Tochter wußten mehr, was sie thaten. Er griff nach seinem Stocke – sie suchte nach einer Waffe.

„Ich liebe ihn!“ schrie Felicita. „Ja, von ganzem Herzen, von ganzer Seele liebe ich ihn! Und wenn er es will, so folge ich ihm bis ans Ende der Welt. – Aber von Gottes Altar nur führt er mich in sein Haus!“

„Ein schweizer Offizier?“ rief Romeo, „meine Tochter?“

Sie hörte nicht.

„Du kennst ihn nicht, den edlen Mann, der mir das Leben gerettet hat. – Dort unten … dort unten in jenem Gemäuer verbrachte er die Nacht – und keinen Schritt that er mehr Deinem Hause zu! Und ich sah ihn, wie er sich beim Morgengrauen entfernte! Nein, nein! Vater! Du kennst ihn nicht! Ich aber kenne ihn jetzt, und von ganzem Herzen liebe ich ihn – und die Seinige bin ich für alle Ewigkeit! Denn ein edleres Herz schlägt in keines Mannes Brust! Und Du, Vater, könntest Du je vergessen, daß er es war, der Dein einzig Kind aus den Fluthen des Torrente riß – er, der Schweizer! der Feind, der sein Leben wagte, um mich, Deine Tochter, zu retten? Sprich, Vater! darfst Du es vergessen? und sprich! darf ich vergessen, was er an mir gethan hat? Sprich! darf ich’s? Sprich! darfst Du’s?“

In jenen südlich heißen und leicht beweglichen Herzen folgen und überstürzen sich die widersprechendsten Gefühle in ebenso plötzlichem und gewaltigem Wechsel wie Sturm und Sonnenschein am sicilischen Himmel.

Die zornestrunkene Empörung seiner Tochter übte auf Romeos Gemüth eine überzeugendere Wirkung aus, als es die nüchternste Beweisführung vermocht hätte. Mit stürmischem Feuer schloß er die Tochter in seine Arme.

„Du hast recht, Felicita!“ sagte er endlich, nachdem er seiner Erregung Herr geworden war; „Du hast recht! Hat er das gethan, so schlägt kein edleres Herz auf Erden, und ich könnte ihn werth finden, Dein Mann zu werden – wenn er nicht unser Feind wäre! Aber er ist’s, Felicita! er ist’s! und morgen schon können wir uns im Kampfe gegenüber stehen! Er kennt Dich noch nicht? Er weiß nicht, wessen Tochter Du bist? – Aber er wird es erfahren – und dann? – Glaubst Du, daß ein schweizer Offizier zu Romeo, dem Capo popolo, hintreten und um die Hand seiner Tochter werben werde? – Und wollte er’s, er dürfte es nicht! – Aus seinem Dienste würde er entlassen, vom seinen Kameraden verstoßen! – Aber Du selbst, Felicita! Darfst Du vergessen, daß Du meine Tochter bist? die Tochter des Mannes, dem das Volk vertraut! den das Volk zum Vertheidiger seiner Rechte, zum Anführer im Kampfe erwählt hat! Du, Felicita, hast dieselben Pflichten wie ich! Die Pflichten der Väter vererben sich auf die Kinder! – Blicke auf, Felicita, und schau mir ins Auge: bist Du eine Sicilianerin, oder bist Du’s nicht? gehörst Du Deinem Volke, oder gehörst Du ihm nicht? bist Du Romeos Tochter, oder bist Du’s nicht? – Die Seinige wolltest Du werden für alle Ewigkeit, sagtest Du? und mit ihm zu entfliehen bist Du bereit, wohin er Dich führen will? – Felicita! Nicht Dein Los allein – auch das meinige liegt in Deiner Hand, – ja, noch mehr, das Los Deiner Vaterstadt, das Los Deines Volkes! Denn muß sich morgen Romeo wie ein des Verrathes Beschuldigter verstecken, welch ein Jubel bei unsern Feinden! welche Schmach für des Volkes Sache! und welcher Schlag für unsere Freunde, die auf mich zählten, die an mich glaubten, die auf meinen Ruf warten, um sich für Freiheit und Vaterland dem Tod und dem Verderben zu weihen! – Und fliehen und verschwinden muß Romeo, wenn seine Tochter einem Schweizer die Hand reicht! Todt und verloren ist Romeo für immer! Was spreche ich aber von mir? Die Zukunft Deines eigenen Volkes, Felicita, Deiner Stadt – Deines Landes – von, Dir, Tochter, von Deinem Entschluß, von dem Worte, das Dein Mund jetzt sprechen wird, hängt alles ab! Das Wort ‚Verrath!‘ eilt auf Windesflügeln durch die blinde argwöhnische Menge! Laß das Volk erfahren, daß Romeos Tochter einen Schweizer liebt, und als Verräther wird Romeo bei seinen Freunden verrufen, aus ihrer Mitte verstoßen – und nichts bleibt ihm übrig, als wegzuziehen bis an die Grenzen der Welt, wo Siciliens Name noch nicht hingedrungen ist und kein Sicilianer noch den Fuß ans Land gesetzt hat!“

So sprach Romeo.

Er sprach lange; er sprach, wie ihm seine wild durcheinander tobenden Gefühle die Worte auf die Zunge führten; er sprach, wie man im Süden spricht, mit bilderreichem Schwunge; denn glänzend ist dort der Gedanken Gewand, und Schwingen entfaltet auch des geringsten Mannes Rede, wenn die Leidenschaft sich seiner Sinne bemächtigt.

Athemlos und starr in sein Auge blickend, horchte Felicita auf ihres Vaters Worte. Sie war leichenblaß geworden. Mit beiden Händen bedeckte sie ihr Antlitz. Es war ihr, als eröffne sich ein Schlund vor ihren Füßen … Er hatte recht – der Vater hatte recht!

Wie hatte sie sich dies alles nicht selber sagen können, und wie durfte sie ihrem Vater widerstehen?

Es ging wie ein Riß durch ihr Herz; es war, als erwache in ihrem Busen ein strafendes Gewissen! Ja, an dem Vater – an ihrem Volke hatte sie sich versündigt! So rein sie auch war, diese Liebe war ein Verbrechen!

Zitternd erfaßte sie des Vaters Rechte und im Innersten ihres Herzens erbebend, warf sie sich an seine Brust.

„Vater, Vater!“ schluchzte sie; „nein, nein! nicht durch meine Schuld …“

Sie wollte sprechen und konnte es nicht.

„Nein, nein!“ wiederholte sie nur und auf die Kniee sank sie vor ihm nieder, und heiße Zähren flossen auf des Vaters Hände.

Lange verharrten beide in stummer Umarmung. Draußen hörte man Ninas schleichende Schritte; sie näherte sich der Thür, als wollte sie horchen, was da drinnen vorging.

„Felicita!“ hub endlich Romeo an und in tiefer Rührung erzitterte des starken Mannes Stimme, „Tochter! … Kind! … Ich danke Dir … wie nur ein Vater seinem einzigen Kinde danken kann! Ein treues, wackeres Herz schlägt in Deiner Brust! Nun aber komm! komm mit mir in die Stadt! Hier darfst Du nicht länger weilen! An der Seite Deines Vaters ist Dein Platz, denn hierher wird er wiederkehren, Dich aufzusuchen – und nimmermehr darf er Dich wiedersehen!“

Verwirrt schlug Felicita ihre Augen zu ihm empor.

„Nimmermehr? Vater! Nimmermehr?“

„Sei stark, Felicita! Dem Vaterlande weihe Deine Liebe zum Opfer! Für Dich, für mich, für die andern ist dieser Offizier der Mann, der meiner Tochter das Leben rettete und dem ich dafür Dank schulde – tiefen Dank! – und vergessen werde ich meinen Dank nimmermehr! Weiter aber, mein Kind, ist er nichts mehr für uns – denn weiter … weiter ist er unser Feind – und auch dies dürfen wir nicht vergessen!“

Ihr Kopf legte sich auf seine Schulter.

„Vater!“ schluchzte sie, „ich bin bereit! … ich folge Dir! … aber versprich mir …“

„Sprich, Kind!“

„Wer Deine Tochter dem Tode entriß, dessen Leben soll meinem Vater heilig sein!“

Sie dachte an die bevorstehenden Kämpfe; in Romeos Geist hatten aber diese Warte noch andere Erinnerungen wach gerufen; er dachte zurück an die Gräfin und an ihre drohenden Worte.

„Sei ruhig, Kind!“ erwiderte er, „ich verspreche es Dir! Romeo weiß, was Pflicht und Dankbarkeit gebieten.“

Am selben Abend verließ er mit seiner Tochter das Landhaus bei der Badiazza.

Als sie in die Torrenteschlucht einbogen, gewahrten sie [671] oben bei den Ruinen des Klosters Fra Serafino, der emsig bemüht war, die Kirche von dem Schutt und Schlamm zu reinigen.

Freundlich winkte das Mönchlein ihnen zu. Felicita aber fühlte, wie ihre Augen sich mit Thränen füllten, und sie getraute sich nicht, ihren Blick nach der Kirche zu erheben, und eine warme Wallung von Liebesschmerz und Liebeslust und nimmer zu bewältigender Liebessehnsucht durchströmte ihr hoffnungslos klagendes Herz.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Während Romeos Wagen in die Straßen der Stadt einbog, ertönte klingender Hufschlag zwischen dem Gemäuer, das sich zu Felicitas Häuschen hinaufzog.

„Wohin des Wegs, Herr Hauptmann?“ rief Fra Serafinos Stimme dem Reiter nach. – „Das Haus ist leer! Mit seiner Tochter, die Ihr gestern errettet habt, ist Romeo vorhin zur Stadt gefahren!“

Romeo? Was war dies für ein Name? Eckart zog den Zügel straff an.

„Romeo? Von wem sprichst Du?“

„Ei! Romeo! Der Volksanführer,“ erwiderte mit gutmüthigem Lächeln der Bruder, indem er dem Reiter die Hand zum Gruße bot.

Starr schaute ihn dieser an.

„Und Felicita wäre die Tochter …?“

„Ja! wußtet Ihr’s nicht? Die Tochter des Romeo habt Ihr gestern …“

Das Wort erstarb dem armen Bruder auf der Zunge. Was war es denn, das diesen Offizier so seltsam dabei bewegte? Leichenblässe hatte sein Gesicht bedeckt; seine Lippen bewegten sich wie zum Sprechen, aber kein Laut entrang sich seiner Brust; – und ohne zu antworten, ohne dem Mönche ein Lebewohl zuzurufen, drehte er sein Roß um – und gesenkten Hauptes, die Hände schlaff auf dem Sattelknopf, so ritt er heimwärts das Thal hinab.


14.

Am südlichen Ende der Stadt liegt, abseits von der Straße, unter Oelbäumen verborgen, ein von Kaktus und Agaven wilddurchwachsenes Gemäuer, ein alter Normannenthurm, der vor langen Jahrhunderten als Lugaus gegen die sarazenischen Seeräuber errichtet worden, jetzt aber nur noch ein zweckloses, verwittertes und zerfallenes Mauerwerk war. Zwischen den stachlichten Kaktushecken windet sich ein schmaler Pfad ins Innere – ein Pfad für Füchse und wilde Katzen, denn was hätte wohl ein menschliches Wesen in jenen einsturzdrohenden Gewölben zu suchen?

Wer jedoch an diesem Abend die Umfassungsmauer erklettert hätte, der wäre vor dem Kaktuszaun auf einen im Grase liegenden Krüppel gestoßen, der dort zu schlafen schien, – der aber seine Augen und Ohren offen hielt und an ganz anderes dachte als an das Schlafen; wie der getreueste Hund hielt er vor diesem geheimen Eingang Wache. Drinnen aber, nur vom Mondlicht, das durch eine Mauerritze drang, beleuchtet, saßen mehrere Männer in ernster flüsternder Unterredung.

„Die Gelegenheit ist günstig,“ sagte halblaut der eine; „Salvatore hat recht! Wie ein Mann wird das Volk sich erheben, erfährt es, daß ein Schweizer sich an der Ehre eines sicilischen Mädchens vergriffen hat! Und auf die Neapolitaner wälzen wir alle Schuld!“

„Von wem hast Du’s erfahren, Vater? Bist Du Deiner Sache sicher? Ich muß es wissen, denn mir galt der Schimpf – und mein ist die Rache!“

„Antonino,“ antwortete Salvatore, „ich weiß, was ich sage: der mir’s vertraute, ist der Abbate Scaglione, der selber Zeuge war. – Der Erzbischof hatte ihn, Gott weiß um welcher Sünde willen, in die Badiazza verwiesen; er sprach mit dem Schweizer heute morgen, als dieser das Haus verließ.“

„Donner und Hölle! Fluch über die Weiber! Eine blutige Sonne soll über Messina aufgehen!“

„Der Rache des beleidigten Bräutigams sind beide verfallen,“ fiel ihm ein anderer ins Wort, – „für uns aber soll Deine Rache die Stunde unserer Erlösung sein! Sprich, Salvatore! Wann soll diese Stunde schlagen? Was soll das Zeichen sein?“

„Hört!“ sprach Salvatore, indem er sich näher zu ihnen hinbeugte. „Die Freunde sollen sich bereit halten zum letzten Tage des Karnevals; die Glocken des Aschermittwochs werden wie ehemals die Vesperglocken das sicilische Volk zu den Waffen rufen. In der letzten Faschingsnacht versammelt die Gräfin von Cellamare alle Neapolitaner und Schweizer zu einem Feste in ihrem Palast; was dort geschehen soll, wird geschehen! Von dort geht das Zeichen aus! – Hört mich an und merkt auf meine Worte: nach altem Brauch wird in der Mitternachtsstunde der todte Karneval auf einer Bahre durch die Straßen getragen und der Strohmann feierlich ins Meer versenkt. – Trägt der Strohmann die schweizerische Uniform, so soll dies das Zeichen sein, so soll am andern Morgen das bewaffnete Volk aufstehen! – Trägt aber der Strohmann einen andern Rock, so ist Verrath im Hause, so ist die Stunde verfrüht, so versammeln sich die Führer hier, so warten wir eine günstigere Gelegenheit ab.“

„Weiß Romeo davon?“ fragte Antonino.

Salvatore zuckte die Achseln.

„Laßt Romeo aus dem Spiel! Kommt’s zum Kampf, so steht er in erster Reihe – mit mir; aber jetzt …“

„Weiß er nichts von Felicita?“

„Heute abend kehrte er mit ihr in sein Haus nach Messina zurück; er suchte mich auf, traf mich jedoch nicht; mehr weiß ich nicht von ihm.“

Er war aufgestanden.

„Antonino!“ sagte er, dem Sohne die Hand reichend, „Du bleibst wohl hier im Versteck?“

Antonino lachte hell auf.

„Ich könnte mich schon in den Straßen Messinas zeigen – Vorsicht ist aber besser – unter diesem Gewande wird keiner Deinen Sohn vermuthen.“

Lachend zog er ein langes, weißes Kapuzenhemd über Kopf und Schultern, wie es die Mitglieder der büßenden Brüderschaften an den Kirchenfesten zu tragen pflegen.

„In diesem Anzug,“ fügte er grimmig lachend hinzu, „werde ich meinen Freunden helfen, den Karneval zu begraben! In diesem Anzug gehe ich heute noch zur Stadt! Ihr berathet über des Volkes Rache – laßt mich über die meinige berathen!“

Lautlos trennten sich die düstern Gesellen.

„Du kannst gehen!“ raunte Salvatore dem wachehaltenden Krüppel zu; „morgen zur selben Stunde bist Du wieder hier!“

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

In den oberen Straßen der Stadt wogte ein lustiges Faschingstreiben. Die Schenken waren dicht besetzt von einer lärmenden, schmausenden Menge. Ein weißer Kapuzenmann – war es eine Maske? war es ein büßender Bruder? – blieb an der Thür einer Wirthschaft stehen. Sein Blick heftete sich auf eine Gruppe, die plaudernd in einer Ecke saß. Er warf einem jungen Mann einen flüchtigen Wink zu. Dieser erhob sich und trat zu ihm auf die Straße.

„Was führt Dich nach Messina, Antonino?“ fragte der Unbekannte, indem sie beide langsam durch die schwach erhellte Straße weiter gingen.

„Ich brauche Dich und Deine Freunde; führe mich in Dein Haus!“

Sie traten ein.

„Habt Ihr Männer?“ fragte Antonino, als die Thür verschlossen war.

„So viel Du brauchst!“

„Es muß bald geschehen … und sicher getroffen werden!“

„Um was handelt es sich? und um wen?“

„Ein schweizer Offizier hat meine Braut verführt …“

„Felicita?“

„Felicita! Er muß sterben. Ich selber will die Männer anführen. Wie viel fordert Ihr?“

„Wie ist sein Name?“

„Eckart von Hattwyl.“

Der andere stutzte. Ein Lächeln hob die gekräuselten Spitzen seines Schnurrbartes in die Höhe.

„Der Hauptmann von Hattwyl scheint viele Feinde zu haben.“

„Verfolgt ihn noch ein anderer?“

[674] „Ein Abbate zahlte uns zweihundert Piaster.“

„Ein Abbate? Scaglione? Das kommt von der Gräfin von Cellamare!“

„Die Namen nennen wir niemals!“ erwiderte der andere mit klugem Blinzeln. Einen vollen Auftrag gab uns der Abbate noch nicht; wir sollen zu seiner Verfügung stehen am letzten Karnevalsabend – und seine Weisung erwarten; – vielleicht lautet sie wie die Deine – vielleicht auch nicht!“

„Meine Losung ist Tod! aber unter einer Bedingung: ich bin selber dabei und man gehorcht meinen Befehlen!“

„Es sei! Zahlst Du sogleich?“

„Die Hälfte jetzt, die Hälfte nachher.“

Er öffnete seine Kapuze, zog einen schweren Ledergürtel hervor und legte mehrere Rollen von Gold- und Silbermünzen auf den Tisch.

„Du bist rasch reich geworden!“ sagte der andere, während er das Geld zählte.

„Gestohlenes Geld ist es nicht!“ erwiderte Antonino, indem er den Kopf in den Nacken warf.

„Es klingt wie falsches Marchesengold und richtiges Advokatensilber aus Taormina,“ meinte der andere, indem er lächelnd am Tischrande den Klang einer Goldmünze prüfte.

Antonino nickte.

„Zurückerstattetes, sauer erworbenes Gut!“

Der andere öffnete eine Truhe, ließ das Geld hineingleiten, schloß wieder fest zu und sagte:

„Befehle! Wann? Wo? Und wie?“

Antonino schien sich etwas zu überlegen.

„Was ist denn das mit dem Abbate?“ fragte er endlich. „Ich will nicht durch einen Pfaffen um meine Rache gebracht werden. Schiebe ihn hinaus, bis ich mit dem Hauptmann fertig bin.“

„So leicht ist dies nicht, Antonino! Der Hauptmann wird auf dem Ball der Gräfin von Cellamare erscheinen; dort könnt Ihr beide ihn – und Euch treffen!“

„Wann ist der Ball?“

„In drei Tagen, am letzten Karnevalsabend!“

„Der Tag paßt mir! Aber wo gedenkt der Abbate ihn zu erwarten?“

„Wo? – Du weißt, wir verrathen unsere Kunden niemals! – Aber wer kann den Masken verwehren, an jenem Abend in den Hof des Palastes von Cellamare zu dringen, die Tanzmusik mit anzuhören, die Damen beim Aussteigen zu bewundern?“

Er stand auf. Antonino that das Gleiche.

„Wo treffe ich Dich morgen, wenn ich Deiner bedarf?“

„Immer zur selben Stunde am selben Ort!“

Im dunkeln Hausgange verabschiedeten sich die beiden. Dem Hause gegenüber öffnete sich das hohe Portal einer Kirche; das Kerzenlicht erleuchtete die schimmernden Mosaikwände und reichen Goldverzierungen des Hauptaltars. Demüthig, das entblößte Haupt auf die Brust neigend, trat der Unbekannte in das Gotteshaus, kniete vor einem Heiligenbild nieder und, sich mit geübter Hand bekreuzigend, rief er, wie er es jedesmal zu thun pflegte, den Segen seines Schutzpatrons auf das eben geplante Unternehmen herab.

„Heiliger San Rocco!“ murmelte er vor sich hin, „ein Feind unserer Kirche ist es! Ein Fremder, der niemals das Knie vor unsern Altären beugte, ein Verächter dieses Volkes, ein Frevler an unserer Frauen Ehre! Siehe, San Rocco! Nicht die ersten besten sind es, die unsere Hilfe anrufen gegen ihn! Ein frommer Diener der Kirche, ein Abbate, und eine Kontessa, die unsern Altären schon so viele Schenkungen widmete, verschwören sich mit einem in seiner Hausehre gekränkten Sohn des Volkes! Laß Deine Hand dies Werk beschützen, und gelingt es, gebenedeiter San Rocco, so weihe ich Deinem Altare den Zehnten unseres schwerverdienten Lohnes und stifte Dir eine Wachskerze so dick wie mein Oberarm, und bei allen Freunden und Bekannten werde ich Dich loben und preisen!“ …

Während aber im Wiederscheine unzähliger Kerzen dieser also betete, saß ein anderer hinter der Mauerkrone der Citadelle und ließ seine Blicke über die im stillen Mondlichte schimmernde Stadt, über die hohen Berge und die dunkeln Thäler schweifen.

„Felicita! Die Tochter Romeos!“ – In der dumpfen Betäubung, die sich bei Fra Serafinos Worten seiner bemächtigt hatte, hämmerten diese Silben sinnbethörend und in gedankenlos eintönigem Rhythmus immer wiederkehrend an seine Schläfe. „Felicita! Die Tochter Romeos!“ Wie ein Schlafender, wie ein Betrunkener hatte er den Weg nach der Citadelle zurückgelegt. „Felicita! Die Tochter Romeos!“ Und klar wie das blendendste Sonnenlicht war mit einem Male durch seine in nächtliches Dämmern gehüllte Seele dieser Gedanke gebrochen: „Verloren! auf immer und ewig verloren!“ – Wie war es anders möglich? Er ein schweizer Offizier – sie die Tochter des Volksanführers, der morgen vielleicht das Zeichen des Aufstandes gegen des Königs Majestät geben würde! – Verloren, auf immer und ewig verloren! Und doch, wie heiß war sein Sehnen nach ihr, nach der holden Kindesseele! – In freude- und liebeleerem Wandern war seine erste Jugend verflossen, zum erstenmal hatte sein Herz wärmer geschlagen, und mit Sturmesgewalt hatte diese erste Liebe zu jenem Mädchen sein ganzes Wesen erfaßt – und nun? Kaum gekannt, kaum geliebt – und schon verloren, auf immer und ewig verloren!

Und in immer tieferen Falten warf die Nacht ihren Schleier über Berg und Meer, und in immer tiefere Falten hüllte sich Eckarts Denken, Sinnen und Sehnen. Von drüben wie aus einem weiten, weiten Traume klang der lachende Faschingsjubel an sein Ohr; bis zu seinem Herzen drangen aber die fröhlichen Weisen nicht, und den Kopf auf die Hand gestützt, blieb er dort oben sitzen, und der Athem der lauschenden Mondnacht spielte in seinem blonden Lockenhaar, und langsam rollte eine Thräne herunter über seine Wangen und fiel wie ein leuchtender Funke hinab ins Meer – und wehmüthig lächelnd sah er dem in der Nacht verschwindenden Sternlein nach und leise seufzte er vor sich hin: „Wie diese Thräne war unsere Liebe, einem leuchtenden Sterne gleich, den die ewige Nacht verschlingt!“

[689]
15.

Es wollte an diesem Abende mit Romeos Arbeit nicht vorwärts gehen. Er saß in seiner Werkstatt vor seiner Hobelbank und starrte, ohne die Hand zu bewegen, vor sich hin. Das Versprechen, das er seiner Tochter heute gegeben hatte, wie sollte, wie konnte er es halten? Das Leben jenes Offiziers hatte er zu beschützen gelobt! Ein bitteres Lachen entrang sich seiner Brust.

„Unschuldiges Kind! Was Du von mir gefordert hast, weißt Du nicht! Du kannst – und darfst es nicht ahnen! Die Feinde, die Deinem Retter nachstellen, Du suchst sie unter unsern Freunden, im Straßenkampfe, im blutigen Waffenspiele, – und im andern Lager, in seinem eigenen Lager lauert die drohende Gefahr!“

Er stand von seinem Sitze auf und Hammer und Stemmeisen niederwerfend, durchmaß er unruhigen Schrittes das enge Gemach.

„Und gegen die Anschläge der Königlichen soll Romeo einen königlichen Offizier in Schutz nehmen!“

Ein harter Schritt erdröhnte auf der Treppe.

Unter der weitaufgerissenen Thür erschien die stämmige Gestalt des Marchese. Ohne hereinzutreten und den Schlapphut mit einer breit ausholenden Armbewegung schief auf seinen Kopf drückend, rief er mit seiner mächtigen Stimme:

„Schau mich an, Romeo! Erkennst Du mich noch?“

„Was soll das?“ fragte Romeo verwundert.

Der andere trat herein, warf sich mit der ganzen Wucht seines Körpers auf einen Sessel, daß das morsche Holz in allen Fugen krachte, und rief unter dröhnendem Lachen seinem Freunde zu:

„Die Marchesenkomödie ist aus! Der ‚Marchese‘ ist wieder zum früheren ganz gewöhnlichen Giuseppe Russo degradirt worden, – und rechtmäßiger Marchese bin ich! Die Halunken im königlichen Lager – Halunken sind sie ja, – aber ehrliche Halunken giebt’s doch noch bei diesen Leuten, – oder ehrliche Leute bei diesen Halunken! – Haha! Halunken und ehrlich, wie reimt sich das? – Finde Dich zurecht darin, ich kann’s nicht! – Sie haben aber meine Rechte anerkannt, – und heute mittag ließ mir der Gouverneur meine Wiederernennung melden! Haha! Romeo, was sagst [690] Du dazu? – Und morgen soll’s der saubere Marchesendieb erfahren; er ist hierher befohlen, zum Gouverneur, – wegen seines Trockensitzens in den Bergen! Der Gouverneur will strenge Justiz üben; da mag unser Freund Antonino Merlo sich in acht nehmen! Fangen und hangen geht schnell heutzutage!“

Romeo hörte nur mit halbem Ohre zu; seine Gedanken waren anderswo. Er zuckte die Achseln.

„Antonino?“ erwiderte er, als wecke dieser Name ganz besondere Gefühle in seiner Seele; „Antonino ist ja in den Bergen und wird sich hüten …“

„Was? In den Bergen?“ rief aber der andere zurück. „Antonino ist hier und treibt sich, als weißer Kapuzenmönch verkleidet, unter dem Schutze des Karnevals bei seinen Freunden herum.“

Mit einer Gesprächigkeit, die man nicht an ihm gewöhnt war und die vielleicht auf den mit seiner Wiederernennung verbundenen reichlichen Genuß von süßem Syrakusanerwein zurückzuführen war, fuhr der Marchese zu plaudern fort; er erzählte von allem möglichen; in einem Athem ging’s vom Hundertsten ins Tausendste; zehnmal ließ er seine Pfeife ausgehen; zehnmal zündete er sie wieder an und warf das Streichholz, ohne sich um die Spähne zu bekümmern, unter die Hobelbank.

Romeo hörte nicht mehr zu. In Gedanken versunken saß er in seiner Ecke. Antonino war in Messina! Antonino mußte von dem Vorfall im Kloster unterrichtet sein! Er sah sich als Felicitas Bräutigam an; er war der Sohn Salvatores und huldigte den alten sicilischen Auschauungen! Romeo wußte nur zu gut, in welcher Weise dieser den Vorgang in der Badiazza und in seinem Hause deuten würde! An dem vermeintlichen Verführer seiner Braut würde Antonino Rache nehmen, – blutige Rache! Der Offizier war dem Tode verfallen, – und dieser Offizier hatte seiner Tochter das Leben gerettet, und diesen Offizier hatte er selber zu beschützen gelobt!

Der Marchese hielt plötzlich in seinem Sprechen inne. Vor ihm, die Brauen finster zusammengezogen, stand Romeo, die Hand des Volksführers hatte seinen Arm krampfhaft umklammert.

„Was ist Dir?“ fuhr der Marchese auf, als wäre er mit einem Rucke ernüchtert.

„Filippo! Bist Du bereit, für mich, Deinen alten Freund, zu thun, was ich in gleichem Falle für Dich thäte? Es handelt sich um die Ehre meines Namens.“

Der Alte war aufgesprungen.

„Sogleich, Romeo! Sprich! Wen schlagen wir todt?“

„Nicht von tödten ist die Rede, Marchese, sondern einen Unschuldigen gilt es, vom Tode zu erretten.“

„Noch besser! Wo soll ich hin? Für die Freunde bin ich zu allem bereit.“

„Freunde? – Und wenn’s kein Freund wäre?“

Der Marchese stutzte.

„Kein Freund? Romeo kann mir doch nicht zumuthen, einem Feinde zu helfen!“

Romeo sah ihm fest ins Auge.

„Es giebt auch ehrliche Leute unter diesen Halunken, sagtest Du vorhin, – und ehrlich waren diejenigen, die Dir wieder zu Deinem Titel verhalfen! Unschuldige giebt’s aber auch unter jenen Halunken – und unschuldig ist der, um den sich’s handelt.“

„Wer ist er?“

„Setze Dich! Dort liegt Papier und eine Feder; Du wirst es erfahren, – schreibe!“

Halb widerstrebend gehorchte der Marchese. Der breit geschnittene Gänsekiel fand nur mit Mühe seinen Platz zwischen den dicken Fingern des alten Bauern.

„Der Teufel hole das Schreiben! Was soll’s denn damit?“ sagte er, sich unwirsch umdrehend. „An wen? für wen? wer unterschreibt?“

Romeo schaute ihn mit einem so sonderbar weichen, bittenden, fast flehenden Blicke an, daß der Marchese sich betroffen unterbrach.

„Schreibe! Dem treuesten Freunde leiste diesen Dienst!“

„So sprich mir vor; ich schreibe nach; aber langsam; das Schreiben ist nicht meine Sache!“

„Schreibe: ‚Ein Offizier der schweizer Garde, Hauptmann von Hattwyl …‘“

Romeo hielt inne; sein Herz schnürte sich zusammen; das Wort, das ungerecht verklagende Wort, sollte er es aussprechen? – Und doch! sprach er’s nicht aus, so verfehlte dies Schreiben seine Wirkung, – so brach morgen das Unheil los! Und das Wort sprach er aus:

„‚steht in einem Liebesverhältniß mit einem sicilianischen Mädchen. Des letzteren Bräutigam hat Blutrache geschworen. Setzt der Offizier den Fuß über die Schwelle der Citadelle, so ist er morgen eine Leiche. Die Obrigkeit ist hiermit gewarnt. In ihrer Hand liegt sein Leben.‘“

Der Marchese hatte schweigend geschrieben.

„Und wie soll die Unterschrift lauten?“ fragte er langsam mit beklommener Stimme.

„Ein Freund des Hauptmanns.“

„Und an wen soll der Brief gerichtet werden?“

„An den Gouverneur, Herzog von Montalto.“

Der Marchese legte das Papier in Falten, versiegelte es und schrieb die Adresse, ohne ein Wort zu sagen. Als alles fertig war, stand er von seinem Stuhle auf und stellte sich vor Romeo hin. Sein Blick war seltsam ernst.

„Dem treuesten Freunde habe ich als treuester Freund den Dienst, um den er mich bat, nicht verweigert. Nun sage aber, was willst Du mit diesem Brief? Um was es sich darin handelt, weiß ich; Deine Tochter …“

Romeo fuhr auf wie ein verwundeter Löwe.

„Du weißt? Nein, Marchese, Du weißt nichts! Du weißt, was man Dir in der Stadt wohl erzählte! Die Wahrheit aber kennst Du nicht! Eine Lüge …“

„Lüge? Du selbst, Romeo, hast mir ja soeben diese Lüge in die Feder diktirt!“

Da schien es, als wollte Romeo zusammenbrechen. Er bedeckte sich die Augen; Thränen rannen durch seine Finger.

„Das ist es eben, das Entsetzliche!“ schluchzte er; „zur Lüge mußte ich meine Zuflucht nehmen! Meiner Tochter, der Unschuldigen, der Reinen, mußte ich diese Schande anthun, um mein Wort zu halten, um mein Versprechen zu lösen.“

Sprachlos starrte ihn der Marchese an.

„Der Wahnsinn spricht aus Deinem Munde!“

„Nicht der Wahnsinn, Marchese! Höre mich an und urtheile selbst!“ Und er erzählte ihm, was ihm seine Tochter anvertraut hatte, und daß sie für das Vaterland, für ihn ihrer Liebe entsagt, daß aber er ihr gelobt habe, des Schweizers Leben zu schützen.

„Und sieh! Antonino ist in der Stadt; Du sagtest es.“

„Ich hab’ ihn gesehen.“

„Und wenn er’s erfährt, wenn er es weiß, – ich kenne ihn – morgen tödtet er den Offizier.“

„Daran zweifle ich nicht.“

„Und was geschieht? Mit einem Morde beginnt die Volkserhebung! Die heilige Fahne der Freiheit wird besudelt! Mit Maffia und Brigantengesindel werden wir alle …“

Da unterbrach ihn aber der Marchese:

„Laß das, Romeo! Hier spintisirst Du Dich wieder in Deine Grillen hinein, und hier vermag ich nicht, Dir zu folgen! Mir mag’s einerlei sein, wie der Aufstand beginnt, und man mag über uns sagen, was man will, wenn nur das Werk gelingt! Aber ein anderes ist Deiner Tochter Sache! Ich glaube Dir, ich glaube Deiner Tochter! Jener Offizier ist ein braver Mann, Du hast versprochen, ihn zu schützen, und hast recht gehabt, er verdient’s. Den Schwur mußt Du halten, und siehe, daß Du mich zu Deiner Hilfe gerufen hast, freut mich! Hier die Hand zum Danke! Ja, als ich anfing zu schreiben, geschah es mit innerem Grimm; – ‚was geht uns dieser Schweizer an‘, dachte ich, und mein Blut empörte sich gegen den Gedanken, daß Du – einem Mann, – der Dein Kind … Nein, wahrlich, ich suchte meinen Romeo und fand ihn nicht! – und wäre ich nicht Dein alter Freund, ich hätte an Dir oder an Deinem Verstande gezweifelt! Jetzt aber! jetzt! – Nein, ich möchte nicht, daß ein anderer als ich diesen Brief geschrieben hätte, und ich selber werde ihn besorgen!“

Gerührt schüttelte ihm Romeo die derbe, schwielige Hand. – – – – – – – – – – – – – –

Tiefe Nacht lag über den Straßen Messinas, als ein in einen Mantel gehüllter Mann, den Schlapphut über die Augen gezogen, sich unter die Fenster des Palastes von Montalto schlich. Er schaute sich nach allen Seiten um, alles war stumm und leer.

„Dort oben ist sein Schlafgemach!“ sprach er zu sich selber, schob einen Stein in den Brief, den er aus der Tasche zog, – [691] das zerbrochene Fenster klirrte in der Nacht; – als die erschreckten Diener auf die Straße herausliefen, sah man keinen Menschen weit und breit; – der Brief war an den Ort seiner Bestimmung gelangt.


16.

In dem Palazzo des Gouverneurs herrschte seit einigen Tagen ein ungewöhnlich reges Leben. Botschaften auf Botschaften liefen aus allen Theilen der Provinz ein; alle berichteten von dem immer drohender sich gestaltenden Zustand der Insel, von der unter der anscheinend unbewegten Oberfläche immer beunruhigender sich fortpflanzenden Gährung der Volksmassen, von den in Hunderten von kleinen, nur scheinbar bedeutungslosen Vorfällen bemerkbaren Anzeichen eines nahen Unwetters. Die bekannten Volksführer reisten in unablässiger Bewegung im Lande umher; aus den Klöstern meldete man eine geheimnißvolle, nach allen Richtungen hin sich verzweigende Thätigkeit; die Mönche aller Orden hatten augenscheinlich viel mit einander zu berathschlagen. Hier und da, in verborgenen Winkeln des tiefzerklüfteten Berglandes, fanden nächtliche Zusammenkünfte statt; bewaffnete Banden tauchten in der Nähe der Städte und Städtchen auf; einzelne Gendarmenposten wurden überfallen; königlich gesinnte reiche Grundbesitzer wurden gepfändet. Kamen jedoch die Truppen der Regierung zur Stelle, so waren die Banden verschwunden, so betheuerte groß und klein, hoch und niedrig mit seltsamer Einmüthigkeit und unter den allerheiligsten Schwüren, daß von Banditen, von Ueberfall, von Pfändung hier überhaupt nichts bekannt sei, daß keiner je etwas davon gehört oder gesehen habe, daß alles nur auf bösartiger Erfindung beruhe. Glaubte aber die Regierung einmal den Faden einer solchen Verschwörung in der Hand zu halten, so geschah, was soeben dem Gouverneur in höchsteigener Person begegnet war, als er den von Banditen gepfändeten Giuseppe Russo, den angeblichen Marchese della Rovere, und den Bankier Lerche, der in die Sache verwickelt sein sollte, zu sich beschieden hatte: von dem ersteren hatte er erfahren, daß er lediglich in geschäftlichen Angelegenheiten die Berge hinter Taormina bereist, daß er auch nicht einmal den Schatten eines Briganten angetroffen habe und daß er niemals bei Wasser und Brot in einer Felsenhöhle eingekerkert gewesen sei – von dem zweiten aber, daß das Geldgeschäft, an welchem er sich betheiligt hatte und welches angeblich den Loskauf des andern bezweckt haben sollte, weiter nichts als eine harmlose Hypothekentilgung gewesen sei – was auch der Biedermann durch schriftliche, in authentischer Form beglaubigte Urkunden und Unterschriften aufs schlagendste zu beweisen sich beeilte. Und als der Herzog von Montalto sodann von Antonino Merlo als dem Mörder des Verwalters anfangen wollte, da mußte er zu seinem nicht geringen Befremden aus dem Munde des angeblichen Marchese selber erfahren, daß dieser junge Mann an jenem Morde völlig unschuldig und daß der Mörder kein anderer sei, als – der „frühere“ Marchese selbst. – „Wer hätte es geglaubt,“ meinte in kläglichem Tone mit seiner Fistelstimme das kleine fadenscheinige Marcheschen, „wer hätte es geglaubt, daß in seinem Alter der Marchese … ich meine, der Filippo Ruggieri … noch Liebeshändel haben und sich in solch gewaltthätiger Weise an einem glücklicheren Nebenbuhler rächen würde!“

Wer es hätte glauben können? Keiner von den Dreien, die hier zusammenstanden, glaubte es ja; aber dem, der die unglaubliche Geschichte so unverfroren hererzählte, konnte ja keiner seine Lüge nachweisen!

„Ich beschwöre es vor der allergnädigsten Madonna!“ rief das kleine Männchen mit erhobenen Händen, als in den Gesichtsmuskeln des Herzogs sich ein gewisses nicht mißzuverstehendes Zucken zeigte; aber mit gemessener Würde und mit einer nahe an Verachtung grenzenden Höflichkeit unterbrach ihn der Gouverneur:

„Laßt die heilige Madonna aus Eurem Spiele. Es schwören heutzutage zu viel Leute!“

Und ohne sich weiter mit dieser Sache zu befassen, fügte er in geschäftsmäßig kühler Weise hinzu, der Gerichtshof in Palermo habe nun in der Prozeßangelegenheit entschieden, der Marchesetitel gehöre dem alten rechtmäßigen Marchese wieder an, die erkauften Güter könne er, Giuseppe Russo, behalten, und dies sei ja auch die Hauptsache für einen so praktischen und geschäftskundigen Mann wie er. Worauf der Herzog dem auf seinen Beinchen hin und her schwankenden und nach Luft schnappenden Marcheschen den Rücken drehte und sich mit dem Bankier Lerche in eine leise, augenscheinlich sehr wichtige Unterhaltung einließ.

„Sie kamen noch wegen einer andern Sache zu mir?“ sagte er, als der kleine Russo schlotternd und unter heftigen Protesten zur Thür hinaus gewankt war, „was ist es denn mit diesem schweizer Offizier, für den sich plötzlich so viele Menschen interessiren – ehrenwerthe Leute wie Sie, Herr Lerche – denn nur durch einen Zufall sind Sie ja in dieses Winkeladvokaten schmutzige Geschäfte verwickelt worden und Ihnen thue ich nicht den Schimpf an, Sie mit jenem Gesindel in einen Topf zu werfen. Aber auch noch andere Leute, meine ich … Kennen Sie diese Schrift?“

Er hielt ihm einen Wisch Papier hin, den man ihm gestern abend durchs Fenster hereingeworfen hatte und auf dem von ungeübter Hand schwer zu entziffernde Worte zusammengekritzelt standen.

Lerche überflog mit raschem Blinzeln das unförmliche Schreiben des Marchese.

„Diese Schrift kenne ich nicht,“ antwortete er, „aber der Schreiber wußte seinerseits auch, was ich gerade Eurer Excellenz mitzutheilen kam.“

Etwas ganz anderes freilich war es, was der schlaue Lerche wußte – denn der Abbate Scaglione hatte Geld gebraucht, um jenen jungen Mann zu gewinnen, der vor dem Altar des heiligen San Rocco so reuig um Vergebung seiner künftigen Sünden zu beten pflegte, und Lerche war keiner von denjenigen, die ihr Geld wegleihen, ohne sich vorher Gewißheit verschafft zu haben, wozu es gebraucht werde und wer die Zahlung gewährleiste. Was die Gräfin von Cellamare gegen den Offizier plante, hatte er erfahren, nachdem er vorher mit heiligem Schwure gelobt hatte, das Geheimniß für sich zu behalten.

„Wie wäre dem jungen Blut zu helfen?“ hatte er aber, nachdem sich der Abbate verabschiedet, zu sich selber gesagt; handelte es sich doch um einen Schweizer, spürte der alte Lerche doch in seinem deutschen Herzen so etwas von Sympathie für diesen Stammesbruder und hatte er sich doch als Lebensziel gesetzt, jene Sicilianer, die er von Grund aus verachtete und denen er, nur um sie besser zu betrügen, ihre Schlauheit abgelernt hatte, auf alle erlaubte und unerlaubte Art zu hintergehen und auszuplündern.

Wie eine Fügung der Vorsehung, an die er doch so wenig glaubte als an sicilianische Redlichkeit, kam ihm der schmierige Brief des Marchese. Seinen Schwur brauchte er nun ja nicht mehr zu brechen, nicht einmal um eines Härchens Breite davon abzuweichen – und sein Ziel war erreicht ohne sein Mitwirken.

„Ja, ja, Excellenz!“ setzte er hinzu. – „junges, verliebtes Blut! – wir waren ja auch jung – haben auch solche Thorheiten begangen! – muß abgeholfen werden. Wenn Excellenz den Offizier in der Citadelle behalten – streng einschließen – oder besser noch, mit dem nächsten Kriegsschiff nach Neapel schicken, er kann ja zum Major befördert werden, um die Pille zu versüßen! – dann ist geholfen – dann sitzt der blutgierige Bräutigam da – mit seinem sauberen Bräutchen, ha! ha! – und hat das Nachsehen! ha! ha!“

Die Schadenfreude, die ihn bei dem Gedanken befiel, daß jener ihm doch unbekannte Sicilianer so in seinem Vorhaben betrogen werden, und daß auch er, Lerche, dabei mitgeholfen haben würde, äußerte sich durch ein sonderbar meckerndes Lachen und Husten des alten Gesellen.

„Sie sind ein kluger Kopf, Herr Lerche, und was zu thun ist, haben Sie erkannt. Die Gräfin von Cellamare hatte sich schon vor einigen Tagen bei mir für diesen Offizier verwendet, – er ist wohl ihr Liebling, dieser junge Herr? – Es wird sie freuen, von mir zu vernehmen, wie ich die Gefahr beseitigen werde!

Auch der Herzog sprach in diesem Augenblick nur die Hälfte, und zwar die falsche Hälfte seiner Gedanken aus; denn daß Eckart im Herzen der Gräfin einen größeren Platz einnahm, als dem Gouverneur lieb war, das verhehlte sich dieser nicht, – und daß er, indem er den jugendlichen Nebenbuhler entfernte, sich selber viel mehr noch als der Gräfin einen Dienst zu erweisen gedachte, dessen war er sich im Grunde der Seele gar wohl bewußt! Als er eine Viertelstunde später bei der Gräfin erschien und ihr in bewegten Worten die Gefahr schilderte, in welcher ihr Günstling schwebte und die sie selber vorausgesehen hätte, da brachte es seine staatsmännische Kunst leicht fertig, jene Hintergedanken völlig ins Dunkel treten zu lassen, und sogar die [694] Gräfin konnte annehmen, daß er nichts anderes bezwecke, als ihrem „Günstling“, wie er sich ausdrückte, und ihr einen ehrlichen Freundschaftsdienst zu erweisen. Bei des Herzogs ersten Worten, als er von den Gefahren sprach, die Eckart drohten, da hatte es in ihrer Seele aufgeleuchtet: „Hätte Scaglione meinen Plan verraten?“ – War sie doch zu sehr mit sich selber beschäftigt, als daß sie an jenen Bräutigam ihrer Nebenbuhlerin gedacht hätte. Als aber der Herzog den Brief des Marchese hervorzog und als ihr plötzlich klar wurde, daß Eckart noch von anderer Seite bedroht war – was überkam sie da plötzlich? Welch seltsam widersprechendes Gefühl brach sich mit einem Male in ihrem Herzen Bahn? – Wie? wenn sie jetzt einen letzten Versuch machte? – wenn sie jener verhaßten Nebenbuhlerin den Geliebten entrisse? – Denn jenes Mädchen haßte sie ja viel mehr, viel mehr noch als ihn! Wenn sie ihn durch ein rasches Handeln an sich fesselte? – Sie konnte es ja. Sie hatte es in der Hand – wenn sie selber ihn vor jener Gefahr warnte! wenn sie es wäre, die ihn jetzt rettete! wenn sie ihm ihre Liebe in so thatkräftiger Art bewiese! Jenes Mädchen, die Tochter Romeos, war ja doch für ihn verloren!

[709]
Mit einem seltsamen Leuchten im Auge wandte die Gräfin sich zum Herzog und mit einer Stimme, in welcher alle ihre Verführungskünste flüsterten und sangen, sprach sie:

„Mein lieber Herzog! Ihr verspracht mir vor wenigen Tagen, mir eine Bitte zu gewähren. – Bevor unser junger Freund auf Nimmerwiedersehen nach Neapel abreist, gestattet ihm – und gestattet mir – daß er noch ein einziges Mal seinen Kerker – die Citadelle soll doch sein Kerker sein? – verlasse und übermorgen dem Feste, das ich hier bereite, beiwohne. – Verweigert mir’s nicht – ein Abschiedsfest, Herzog! – Ihr kennt ja mein Interesse für diesen armen jungen Mann, laßt mich Abschied von ihm nehmen.“

Sie reichte dem verwunderten Herzog mit bezauberndem Lächeln ihre feine Hand. Er aber, ganz befangen in dem Banne solch berückender Liebenswürdigkeit, bedeckte sie mit feurigen Küssen. Ein Abschiedsfest – dann durfte ja er, der Herzog, hoffen, dem Herzen Teresinas der Nächste zu werden.

„Aber, Gräfin! Dazu müßt Ihr selber mir helfen,“ sagte er endlich, sich aufrichtend. – „Er sitzt dort drüben in seinem Kerker – wie Ihr die Citadelle benennt – und nach einem Balle dürften ihn seine Gedanken wohl nicht ziehen. Schreibt ihm, dem lieben Abtrünnigen, – schreibt ihm mit eigener Hand. Eurem Rufe wird er nicht widerstehen, und ich setze meine Urlaubsgenehmigung hinzu.“

„Ich will thun, was Ihr befehlt,“ und mit rascher Feder schrieb die Gräfin eines jener Frauenbriefchen, denen ein männliches Herz so schwer widersteht. Sie sprach von ihrer Reue, von ihrer Furcht, daß ihr nervöses Wesen ihn vielleicht beleidigt habe; warum er seit jenem Tage von San Placido nicht mehr bei ihr erschienen sei? ob sie denn Feinde geworden seien, während sie doch nichts sehnlicher wünsche, als seine Freundin – seine allerbeste Freundin zu sein, und den Beweis, wie herzlich sie es mit ihm meine und wie tief ihre Freundschaft für ihn sei, den werde sie ihm übermorgen geben, wenn er bei ihrem Feste erscheinen würde. – „Ich selber,“ sprach sie, während der Herzog sein Siegel unter die Erlaubniß, die Citadelle zu verlassen, drückte, – „ich selber werde dafür sorgen, daß dem Hauptmann bei seiner Herüberfahrt über den Hafen nichts geschehe. Er wird doch im Boote kommen? Unser Palazzo liegt am Meere, und einmal in diesen Mauern, wie sollte ihn die Rache jenes Sicilianers erreichen? Also, auf Wiedersehen, lieber Herzog!“ – –

Als sie allein war, blieb sie eine Weile nachdenklich an ihrem Fenster stehen. Widerstrebende Gefühle tobten in ihrer Seele. Plötzlich zuckte [710] sie zusammen. „Und wenn er dennoch nicht käme!“ Rasch fuhr ihre Hand zur Klingel.

„Befehlet den Abbate sofort hierher!“ herrschte sie Diener an.

Scaglione blieb eine lange Stunde mit ihr zusammen. Als er sich entfernte, war Teresinas letztes Wort:

„Ihr habt verstanden? Daß die Schiffer zuverlässige Leute seien! Führen sie den Befehl zu meiner Befriedigung aus, so zahle ich doppelt. Meinen Namen aber nennt Ihr ihnen nicht!“


17.

In grellem Gegensatze zu der die Bevölkerung in allen ihren Schichten beherrschenden Stimmung stand der Faschingstaumel, der sich der Stadt in diesen letzten Karnevalstagen bemächtigt hatte.

Es war, als wollte sich ein jeder für die düsteren Gedanken, die alles umlagerten, noch einmal aus Herzenslust entschädigen und sich noch zum letzten Male, bevor die Stunde des blutigen Ernstes schlüge, der harmlosen Freude und dem lärmenden Scherze hingeben. An das Herannahen jener Stunde mahnte alles: den Offizieren der schweizer Garde war durch Verordnung des Gouverneurs das Verlassen der Citadelle verboten; ein Kriegsschiff mit neuen Mannschaften wurde aus Neapel erwartet; der Gouverneur hatte Anstalten getroffen, um seinen Palast zu verlassen und ebenfalls in die Citadelle überzusiedeln, – und mitten unter diesen Kriegsvorbereitungen lachte und tanzte der tolle Fasching auf Straßen und Plätzen, und bis tief in die Nacht hinein ertönte aus allen Thüren und Fenstern der sinnbethörendste Karnevalsjubel.

Der Palazzo der Gräfin von Cellamare hatte sich in einen wunderbaren Feenpalast umgewandelt. Geschäftig bewegte sich der Abbate Scaglione unter den Arbeitern herum, welche die letzte Hand an die Ausschmückung der Säle legten; die feinsten Weine standen in langen Reihen für die Gäste bereit; und in ungewohnter Anzahl, von nah und fern waren diese gebeten. Nicht nur die höhere Aristokratie, sondern auch die reichen Kaufmannsfamilien waren geladen, und sogar der Graf, der sich um das, was in seinem Hause vorging, sonst kaum zu kümmern pflegte, hatte sich’s diesmal nicht nehmen lassen, auch an seine Freunde Einladungen ergehen zu lassen, an den Bankier Lerche unter anderen, der ihm Geld zu so niedrigen Wucherzinsen lieh, und auch an seinen alten Jugendkameraden, den jetzt in seine Rechte wieder eingesetzten Marchese della Rovere.

„Was kümmert’s Euch?“ hatte er der Gräfin geantwortet, die sich über diese sonderbaren Einladungen wunderte; „Lerche verkehrt bei dem Gouverneur und ist der brauchbarste Mann von ganz Sicilien, – und der Marchese? Nun, wenn er auch wie ein Bauer dreinschaut, so ist er doch ein Edelmann von altem Schrot und Korn, und wenn er’s auch mit den Liberalen hält, wie man behauptet, so bleibt er doch mein alter Freund, – und besser ist’s, wir versuchen’s noch in letzter Stunde, ihn zu uns herüberzuziehen, als daß wir ihn dem Gesindel von Romeo und Salvatore Merlo überlassen.“

Und, um seiner Sache noch sicherer zu sein, hatte er den Marchese persönlich aufgesucht; die feierliche Einladungskarte würde er schon durch den Diener erhalten, aber mündlich wollte er ihm noch seine kameradschaftliche Bitte überbringen, doch ja bei dem Feste nicht zu fehlen. Der Marchese hatte freundlich zugesagt.

„Ich bin nur ein Landedelmann,“ hatte er mit derbem Handschlag geantwortet, „und werde kommen, wie ich bin. Willst Du mich haben, so wirst Du Dich auch durch meinen Schlapphut und mein unsalonmäßiges Kleid nicht abschrecken lassen.“

Was lag dem Grafen an Schlapphut und unsalonmäßigem Kleide! Freute er sich doch, in dieser bunten und steifen Gesellschaft wenigstens einen zu finden, mit dem er in einem entlegenen Zimmer nach Herzenslust kneipen und rauchen könnte.

Ein Glück war es freilich gewesen, daß er sich persönlich zu dem Jugendfreunde begeben hatte; denn die feierliche Einladungskarte war letzterem nicht eingehändigt worden; mit seinem breiten, dröhnenden Lachen meinte der Marchese dazu, die hätte der Diener am Ende seinem Doppelgänger, dem Marchesendieb zugestellt, und es würde ihn freuen, dieses Kerlchen beim Grafen anzutreffen und mit Fußtritten über das Treppengeländer auf das Straßenpflaster hinunterzubefördern.

Nicht weniger harmlos war die Faschingslust draußen unter der Volksmenge. Von morgens bis abends und von abends bis zum frühen Morgen trieben die Masken ihr Spiel auf Straßen und Plätzen. Troubadoure und Banditen, Ritter und Hanswurste, Mönche und Nymphen tummelten sich in der lärmenden Menge herum; an ihren Scherzen betheiligte sich alles; zwischen wildfremden Menschen entspannen sich rührende Wiedererkennungsscenen; zwischen Engbefreundeten brachen plötzliche Raufereien los, die blanken Degen blitzten in den Fäusten, bis sich alles unter jubelndem Gelächter in einen von Kindertrommeln und schrillen Pfeifchen begleiteten Faschingstanz auflöste.

Bei einbrechender Dunkelheit entfaltete sich der Mummenschanz in seiner ganzen südlichen Fülle und Ausgelassenheit; alles strömte in die Hauptstraße, ein buntes Getümmel, ein sinnbethörendes Geschwirr von Singen, von Rufen, von Lachen. Die Wagen der Adeligen mit den maskirten Damen und Herren waren in das jubelnde Gedränge eingekeilt und bewegten sich nur Schritt für Schritt voran; aus den Nebengäßchen drängten sich plötzlich geschlossene Maskenzüge heraus und alles staute sich in wildem Gewirre; ja, es schien, als läge diesmal in der Maskenfreiheit schon mehr als ein Körnchen von jener andern Freiheit, nach welcher dies Volk sich so ungestüm sehnte. Denn freier als in andern Jahren erlaubte sich die Faschingssatire, mit den höchsten Persönlichkeiten zu scherzen, und über die ernstesten Staats- und Familienereignisse ergoß sich unter dem leichtfertigen Gewande des Karnevalshumors des Volkes beißender Spott. Hier sah man einen in römischer Prokonsulstracht einherstolzirenden Doppelgänger des Gouverneurs, hinter ihm lief, von einer phantastischen Brigantenschar umgeben, ein unter unzähligen Marchesen- und Baronenwappen und -kronen keuchender Advokat, welcher fortwährend Blechpiaster aus seinen Taschen zog, dieselben mit de- und wehmüthiger Gebärde unter seine wilddrohenden Begleiter vertheilte und zugleich mit laut kreischender Fistelstimme dem ihm freundlich zunickenden Prokonsul versicherte, er thue dies nur aus besonderer Privatliebhaberei, er sei der freieste Mann von ganz Sicilien und habe, nur um sich die römischen Liktoren vom Halse zu schaffen, seine besten Freunde als Briganten verkleidet. Dort trieb sich eine Schar von leichtbekleideten Nymphen herum, die einen mit Liebesschleifen überhängten mandolinenbewehrten Ritter in ihrer Mitte fortzogen; nach allen Seiten warf der Ritter Kußhändchen; von allen Seiten drang die lose Rotte auf ihn ein; ein hitziges Handgemenge entstand unter den werbenden Mädchen, wer von ihnen die Bevorzugte sein würde, und ob die Römerin oder die Sicilianerin, die Bäuerin oder die Prinzessin, oder eine in Thränen gebadete, dem entlaufenen Geliebten herzzerreißende Liebesworte nachrufende Schweizerin das rothe, mit weißem Kreuze verzierte, vom Helme des Glücklichen herunterwehende Taschentuch erobern würde.

Zwei Herzen aber schlugen in dieser dem Faschingstaumel geweihten Stadt, an denen all diese Lust und Freudigkeit wie an einer ehernen Mauer abprallte und die sich vergeblich abmühten, jedes in seiner Art und jedes nach seiner Richtung, das Vergangene zu vergessen – oder zu verschmerzen.

Still und in sich gekehrt hatte Felicita die Tage nach ihrer Rückkehr aus der Badiazza in des Vaters Haus verbracht. Sie wollte außer dem Vater niemand sehen; sogar die treue Nina hatte sie zu ihren Verwandten in ihr Fischerhäuschen am Nordrande der Stadt geschickt, als wollte sie alles von sich entfernen, was ihr das Vergangene wieder ins Gedächtniß zurückrufen könnte, – das Vergangene, das sie dem Vater zu vergessen gelobt hatte und an dem doch – jetzt erst fühlte sie es – ihr Herz mit allen Fasern hing. Ach! jenen Schwur, wie hatte sie ihn thun können? Wie konnte sie ihr ganzes Lebensglück opfern? Und doch! Ihrem Vater hatte sie’s geopfert. Und durfte sie des Vaters Ehre brechen um ihrer Liebe willen? Eine düstere Entsagung, ein stummes Ergeben in das Schicksal hatte sich ihrer bemächtigt, hatte sie überwältigt; ihr Leben war geknickt. Sie wußte, was ihr zu thun übrig blieb: an der Seite ihres Vaters für die Freiheit zu kämpfen und vielleicht – wie war es möglich, daß sie diesem Gedanken ihr Herz so lächelnden Sinnes eröffnete? – ja, vielleicht an seiner Seite zu sterben. –

[711] Am Vorabende des letzten Karnevalstages klopfte es hart an Romeos Thür. Felicita erhob die Augen langsam zu dem hastig Eintretenden. Es war Antonino. Mit verschränkten Armen hatte sich der junge Mann vor Romeo hingestellt.

„Du hier?“ sprach der Tischlermeister; „die Gendarmen stellen Dir nach …“

Ein scharfes, unheimlich klingendes Lachen unterbrach ihn.

„Kümmere Dich nicht um mich, Romeo. Um mich handelt es sich auch nicht. Ahnst Du nicht, weshalb ich vor Dich trete?“

Romeo schüttelte verneinend und fragend den Kopf. Felicita hatte sich langsam von ihrem Stuhle erhoben; ihr Auge ruhte düster funkelnd auf dem Jüngling.

Antonino trat näher auf Romeo hin.

„Alle Freunde, die ganze Stadt spricht nur von diesem Einen. Seit drei Tagen, Romeo, warte ich, daß Du mich rufest, daß Du mir sagest: ‚In unserer Ehre sind wir beide getroffen‘ – und daß ich von Dir erfahre, wer von uns beiden der Rächer unserer Ehre sein werde – der Vater – oder der Bräutigam.“

Der Bräutigam? – Das Wort war gefallen. – Felicita trat einen Schritt vor.

„Wessen Bräutigam willst Du sein?“ sprach sie mit stolz erhobenem Haupte; „mein Vater hat nur eine Tochter – und die ist nicht Antoninos Braut.“

Wie ein entfesselter Sturm tobte es über Antoninos Lippen.

„Bist Du meine Braut nicht – wessen Braut wärest Du denn? So sprich ihn doch aus, den Namen, der in Deinem Herzen schlummert, den ich aus Deinen Augen lese, – so habe den Muth, mir ins Gesicht zu sagen, daß Du jenen Schweizer liebst!“

Ihn liebst! – Der Gedanke, den sie so lang ein schmerzlichem Ringen niedergekämpft hatte, hier erstand er plötzlich vor ihrer Seele wieder. Ihre Liebe hatte sie dem Vater geopfert – und unter den höhnenden Worten dieses Mannes schlug sie in hellen Flammen wieder empor.

„Ja, ich liebe ihn!“ rief sie, dem Jüngling einen wilden Blick zuwerfend, „aber was geht das Dich an?“

„Was es mich angeht? Du fragst es? Sprich das Wort nicht zum zweiten Male aus! Du bist meine Braut! – Schüttle nicht den Kopf! Unsere Väter haben unsere Namen vereint, – und sollte ich Dich auch morgen als meiner nicht mehr würdig von mir stoßen …“

„Ich habe nichts gemein mit Dir. Geh!“

Wie eine wilde Katze, die sich zum Sprunge zusammenkrümmt, mit geballten Fäusten und zusammengebissenen Zähnen, stand Antonino vor dem in höchster Erregung ihm die Thür weisenden Mädchen. Pfeifend kam es zwischen seinen zusammengepreßten Lippen hervor:

„Du erfrechst Dich, mir zu gebieten? … Du, ehrlose Dirne, – mir, der ich hier zu befehlen habe!“

Aber mit wuchtiger Hand faßte Romeo den Arm des Wüthenden.

„Du wirst schweigen!“ rief er, indem er ihn mit gewaltiger Kraft zur Thür hinriß. „Wer ist Herr in diesem Hause? Wer hat Dir das Recht gegeben, hier, in meinem Hause, mich und meine Tochter zu beschimpfen? Seit wann erdreistet sich die Jugend, die Väter nicht mehr zu ehren? … Schweig!“ donnerte er dem Jüngling ins Wort, „schweig’ und höre! Niemand hat meiner Tochter Ehre angetastet. Niemand – als Du, Elender! – Jener Schweizer hat sie vom Tode errettet, – was willst Du mit ihm?“

„Vom Tode errettet!“ rief jetzt mit schrillem Lachen der Jüngling, indem er sich aus Romeos Faust losriß, – „ja! Und welchen Lohn die Gerettete dem Retter zahlte, das weiß man! – Dem Retter? – haha! Dem Geliebten der Gräfin von Cellamare! – Und wenn der Vater die Ehre seines Hauses nicht zu wahren versteht – meine Ehre werde ich schon rächen.“

Die Thür fiel hinter dem Rasenden ins Schloß.

Vor ihrem Vater stand das leichenblasse Mädchen.

„Was sprach Antonino? Der Geliebte der Gräfin von Cellamare? Was ist das? Eine Lüge nur kann es sein, denn mich allein liebt Eckart von Hattwyl.“

Romeo suchte sie zu beruhigen. Er erschrak vor der Gewalt, mit welcher ihre Liebe so plötzlich wieder hervorbrach. Eine Lüge war es, eine müßige Erfindung; – sanft schmeichelnd legte er die Hand auf ihr Haupt, indem er sagte:

„Warum beschäftigt sich Dein Herz noch mit jenen Bildern? Felicita! Laß die Vergangenheit in ihrem Grabe ruhen. Morgen schon wird jener Offizier dies Land verlassen haben …“

Bestürzt fuhr das Mädchen auf.

„Morgen? Was sagst Du, Vater?“

„Ich habe mein Versprechen nicht vergessen und morgen löse ich’s. Auf dem Kriegsschiff, das morgen diesen Hafen anläuft, wird er nach Neapel fahren, – und bis nach Neapel reicht Antoninos Rache nicht.“

Sie schaute ihn sprachlos, leichenblaß an.

Fort? Nach Neapel? Auf Nimmerwiedersehen? – Nein, nein! es war nicht möglich! – Und zum ewigen Abschied? Hatte sie dies ihrem Vater gelobt? – Nein, nein! – Sie hatte versprochen, was sie nicht halten konnte, was mächtiger war als ihr Wille, – mächtiger als die Liebe zum Vater! – Welche Wandlung war in ihr vorgegangen! Seit hier in diesem Hause es einer gewagt hatte, ihr zu gebieten, ihr zu drohen, – und seit der Name jener andern Frau an ihr Ohr geschlagen hatte, da war es, als ob es Tag geworden wäre in ihrem Herzen. Ihrer Liebe wollte jener gebieten? Mit welchem Recht? – Freiwillig konnte sie entsagen, für ihren Vater hatte sie’s gewollt; aber gezwungen? – Eine Empörung bemächtigte sich ihrer Seele, und verflogen war ihre Ergebung! Wer konnte noch von Entsagen sprechen, heute, wo man den, den sie liebte, beschuldigte, der Geliebte einer andern zu sein? – Ja, sie liebte ihn, sie mußte ihn wiedersehen! Sie mußte ihm zurufen: „Liebst Du mich, oder liebst Du eine andere?“ – und, wenn es eine Lüge war –

Sie sank auf ihren Stuhl zurück.

Sie mußte es wissen. Sie mußte es aus seinem Munde hören, daß jenes Wort eine Lüge sei, – daß sie allein seine Liebe besitze!

Gedankenlos hörte sie die Stimme ihres Vaters, der tröstende, lindernde Worte zu ihr sprach – den Sinn der Worte verstand sie nicht mehr. Denn getröstet wollte sie nicht mehr sein; nur aus seinem Munde konnte Trost sich in ihr Herz ergießen.

Aus seinem Munde? – Lag nicht das Häuschen, wo Nina bei den Verwandten weilte, am Strande, der Spitze der Landzunge gegenüber, auf welcher sich die Citadelle erhob? Waren die Schiffer dort nicht ihre Freunde? Würde Nina selber nicht eine Botschaft bis in die Citadelle tragen? Und würde der Vater ihr nicht erlauben, die treue Dienerin dort im Fischerhäuschen zu besuchen? Und wenn die Nacht sich dann aufs Meer herniedersenkte – wer würde das Boot bemerken, das an der kleinen steinernen Treppe landen würde? Wer würde durch die Dunkelheit bemerken, daß einer jene Stufen herauf käme zu ihr, der Harrenden? – mit dämonischer Gewalt fuhren diese Gedanken durch ihr Herz.


18.

Der letzte Karnevalsabend war angebrochen. Als Robert von Büren bei dem Hauptmann von Hattwyl eintrat, fand er seinen Freund in schwere Gedanken versunken. In der Hand hielt Eckart den Brief der Gräfin. Er reichte ihn, ohne ein Wort zu sagen, dem Major hin.

„Was hast Du beschlossen?“ fragte dieser, nachdem er das Schreiben durchgelesen.

„Was soll ich bei jenem Feste?“ antwortete Eckart. „Mein Herz ist in Trauer gehüllt; das Liebste, was ich hatte, habe ich verloren. Wer eine Todte beweint, der paßt nicht in den Faschingsjubel. Der Unglückliche gehört in die Einsamkeit. Entschuldige mich bei der Gräfin; sage ihr, daß ich ihr danke – von Neapel aus werde ich schreiben. Jetzt könnt’ ich’s nicht!“

Schweigend drückte ihm der Freund die Hand.

Die Nacht senkte sich auf die Stadt herab. Drüben über dem Meeresarm erleuchteten sich die hohen Fenster des Palazzos von Cellamare. Die Boote, welche die Offiziere hinüber tragen sollten, standen bereit. Bewaffnete Mannschaften begleiteten die zum Feste Geladenen.

Es schien mehr eine kriegerische Expedition als eine lustige Ballfahrt zu sein. Eckart schaute seinen Kameraden von der Mauerzinne nach. Sein Blick schwebte von den in den Dunkelheit entschwindenden Booten zu den fernen, in der Nacht schlummernden [712] Thalgründen; vereinzelte Lichtchen blitzten aus den am Bergesabhang zerstreuten Villen hervor. – Dort suchte noch seine Seele die Geliebte, dort, wo er sie in die Arme geschlossen – wo er sie verloren hatte! In stummes Sinnen vergraben, starrte er in die Nacht. –

An der äußersten Spitze der Marina, wo eine kleine Landzunge gegen die Citadelle hin ins Meer springt, hielt eine Barke am Fuß der Steintreppe eines einsamen Fischerhäuschens.

„Bist Du bereit, Mariano?“ fragte eine Stimme von oben.

„Ich warte,“ antwortete es von unten.

Ein Mädchen trat durch die enge Thür zu dem Schiffer herunter.

„Du weißt, was zu thun ist,“ flüsterte Nina ihm zu; „bringe dies Briefchen in die Citadelle; – Du kannst ja nicht lesen und brauchst auch nicht zu wissen, was drin steht.“

„Hm! was wird drin stehen? Eine Liebesgeschichte! Hältst Du’s mit einem Schweizer, Nina? Ein Glück, daß Du nicht mehr bei Romeo dienst!“

„Was geht das Dich an? Es könnte auch was ganz anderes sein.“

„Gut!“

„Höre! – Du wartest mit der Barke – von dort wird jemand mitkommen – Du fährst ihn hierher – und dann, später, von hier wieder zurück. – Daß Dich aber keiner sehe!“

„Selbstverständlich!“ lachte der Schiffer und stieß ab.

Nachdenklich schaute ihm Nina einen Augenblick nach. „Es ist ja nicht recht von mir,“ sagte sie bei sich selber, „aber konnt’ ich’s ihr abschlagen? Und was ist dabei, wenn er morgen auf immer dies Land verläßt? Und sie liebt ihn ja, als gäb’ es keine andere Liebe auf der Welt – und kein Mensch wird es jemals erfahren!“

Als der Schiffer in die Nähe der Citadelle kam, kreuzte er ein anderes Boot. Ein Mann saß darin – nach seiner Kopfbedeckung zu schließen, war’s ein Geistlicher.

„He, Mariano, wohin so spät?“ rief ihm der andere Schiffer zu.

„Liebesbote, Francesco! Einen Schweizer soll ich aus der Citadelle holen!“ Und er hob das Zettelchen in die Höhe.

Der Abbate war aufgestanden.

„Ist’s ein Offizier, so findest Du ihn nicht in der Citadelle; sie sind alle drüben bei Cellamare. Zeig mir den Zettel – ich kann lesen – sonst fährst Du noch irre!“

Beim Lichte der Schiffslaterne entzifferte der Abbate die Adresse.

„Eckart von Hattwyl! – sieh da! – und den holst Du ab?“

„Die Nina – die bei Romeo diente – läßt ihn rufen; – seht Ihr! Nicht Romeos Tochter war’s – wie man sich in der Stadt erzählt – sondern die Magd. – Weiberpack!“

Der Abbate blieb einen Augenblick unschlüssig.

„Dort nach dem Schifferhäuschen, wo die Nina bei ihren Verwandten wohnt, fährst Du ihn hin?“

„Nun ja! – wenn ich ihn finde und wenn er mitkommt.“

„Den findest Du – fahre nur zu!“

Und als das Boot in der Dunkelheit verschwunden war, sagte Scaglione zu seinem Schiffer:

„Dieser da verrichtet unsere Arbeit. Führe das Boot dicht an die Mauer heran, daß ich sehe, ob der Offizier einsteigt.“ –

Ein Taumel, ein Schwindel, eine Seligkeit überfiel Eckart, als er das Papier entfaltete und die kurzen Worte las, die ihm Felicita schrieb:

„Diejenige, der Du das Leben gerettet hast und die Dich mehr liebt als ihr Leben, will Dir danken. Folge dem Boten, er führt Dich zu

Felicita!“ 

Hatte er diese Worte richtig gelesen? Hielt er diesen Brief wirklich in seiner Hand? Hatte der Himmel sein Flehen erhört? Sollte er sie wiedersehen? – Er schaute über die Mauerbrüstung hinunter zur dunkeln See; – dort am Fuße der Treppe wartete ein Boot. Rasch warf er den Mantel über. Was hielt ihn ab, dem Rufe zu folgen? Zum Feste der Gräfin hatte er Urlaub erhalten, – und wenn er zu einem andern Feste, zum Feste seiner Liebe eilte, wer konnte es ihm wehren?

Frühlingsjubel im Herzen, flog er die Treppe hinab.

„Fahr zu, Schiffer!“

Die Sterne funkelten durch die Nacht, vom Ufer herüber ertönten aus dem Palaste der Gräfin die ersten Tanzweisen.

„Klinge nur, fröhlicher Faschingstanz! Glück auf die Fahrt der Liebe!“ sprach Eckart laut nach den leuchtenden Fenstern hinüber.

„Felicissima notte!“ antwortete es in seltsam scharfem Tone aus der Dunkelheit zurück.

Woher kam wohl der Gruß? Die Stimme schien Eckart nicht unbekannt. Er schaute sich um. Mit raschen Ruderschlägen flog ein Boot dem Ufer zu.

Es war wohl ein verspäteter Kamerad, der dem Davoneilenden seinen Gruß nachsandte.

Die Barke hielt an einer Steintreppe; über die unteren Stufen plätscherten die Wellen; die enge Thür dort oben stand halb geöffnet; ein Lichtschimmer glänzte hervor.

In raschem Schwung war Eckart oben. Eine verhüllte Gestalt trat ihm unter der Thür in den Weg.

„Ein Wort – ehe Du hereintrittst!“

Er erkannte die Stimme; – sie war’s!

„Felicita!“

„Ein Wort,“ wiederholte sie mit zitternder Stimme; – „antworte mir die Wahrheit: Ist es wahr, daß Eckart von Hattwyl der Geliebte der Gräfin von Cellamare ist?“

Was war das? Wie seltsam! Wie kam Felicita zu dieser Frage? in diesem Augenblick?

„Was bedeutet …?“

„Antworte!“ wiederholte das Mädchen in bestimmtem, drängendem Tone; – „ja oder nein?“

Da flog es in zornglühender Empörung aus seiner Brust hervor:

„Nein, beim Himmel! Wer sprach diese Lüge?“

Wie ein überglückliches Frohlocken jubelte es in Felicitas Herzen auf.

„Sprich es nochmals, das selige Wort! Schwöre bei dem Liebsten, das Du hast auf der Welt!“

„Bei Dir, Felicita! bei Deinem Namen schwöre ich hier, vor dem offenen Himmel, hier vor den ewigen Sternen, daß Du meine einzige, ewige Liebe …“

Sie ließ ihn nicht ausreden. Ihre Arme öffneten sich. Ihre Hand suchte die seine; ihre Lippen fanden seine Lippen und bedeckten sie mit glühenden Küssen.


19.

In den festlich geschmückten Räumen des Palazzos von Cellamare wogte ein flimmerndes Gewimmel von Damen und Herren. Trotz der rauschenden Tanzmusik und des Blitzens der Geschmeide lag aber eine düstere Gewitterschwüle auf der Gesellschaft. Die Gäste, die aus allen Vierteln der Stadt herbeigeeilt waren, hatten drohende Volkshaufen unterwegs gesehen. Man erzählte sich von sonderbaren Auftritten; noch sonderbarere Worte wurden wiederholt, die dem einen und dem andern zugerufen worden waren. Es schien, als ob das Volk etwas Besonderes für die Mitternachtsstunde erwartete: der Karneval sollte in althergebrachter Weise, aber diesmal mit besonderem Gepränge beerdigt, der volksthümliche Strohmann vor das Haus des Romeo geführt und von dort unter dem Gesange der Masken zum Meere getragen werden; mehrere Volksführer seien bei Romeo versammelt; man müsse auf das Schlimmste gefaßt sein.

Sogar die Gräfin von Cellamare schien sich der düsteren Gemüthsstimmung, die sich ihrer Gäste bemächtigt hatte, nicht erwehren zu können. In nervöser Erregung bewegte sie sich unter den Gruppen; ihr Auge flog unstet von dem einen zum andern; die an sie gestellten Fragen beantwortete sie flüchtig; die Antwort auf ihre eigenen Fragen wartete sie nicht ab.

Der Gouverneur war noch nicht erschienen; die schweizer Offiziere waren noch nicht angemeldet; sogar den geschäftigen Abbate Scaglione vermißte man noch.

Nur dort, in dem geräumigen Speisesaal, wo der Graf sich mit einigen Zechern niedergelassen hatte, schien die Faschingsfröhlichkeit in vollem Gange zu sein. Der Champagner und der süße Moscato flossen dort in Strömen, Gläsergeklirr ertönte von dort heraus und lautes lärmendes Lachen antwortete den von [714] weinseligen Stimmen vorgebrachten Karnevalsscherzen. „Der Marchese della Rovere vertrinkt dort seinen Triumph über seinen Verwalter!“ meinte schief lächelnd der Bankier Lerche zu den Umstehenden.

Mit lautem Rufe meldete plötzlich der unter der Eingangsthür stehende Diener:

„Der Marchese della Rovere!“ und vor der Gräfin verbeugte sich mit tiefem Bücklinge der Doppelgänger des Marchese. Im selben Augenblicke aber antwortete aus dem Speisezimmer die volle breite Stimme des alten Landedelmanns:

„Wer ruft mich? Hier bin ich! Komme schon!“

Und unter der Thür erschien, den Rock aufgeknöpft, das Weinglas in der Hand, mit rothleuchtendem Gesichte, die stämmige Gestalt des Taorminesers.

Einen Augenblick nur blieb er, nach allen Seiten sich umschauend, unter der Thür stehen – da hatte er auch schon seinen Verwalter erblickt, und, das Glas hinter sich schleudernd, stürzte er auf ihn los:

„Ha ha! Du bist auch hier, Marchesendieb. Warte nur, Schurke! Bube!“

„Zu Hilfe! Frau Gräfin! Man vergreift sich an Euren Gästen!“ schrie des Kleinen entsetzte Fistelstimme, und mit den Händen abwehrend, flüchtete er der Eingangsthür zu.

Die Freunde hatten den tobenden Marchese festgehalten und zogen ihn in den Speisesaal zurück.

„Ja, laufe nur!“ rief dieser dem Fliehenden nach, „ich komme Dir noch zuvor!“

Und mit kräftigem Rucke riß er sich los, stürzte durch eine Seitenthür in den Gang, die Treppe hinunter, bis in den Hof. Dort schaute er sich um.

„Haha! Bist noch nicht unten, – wirst aber kommen, – dann bin ich schon da!“

Mehrere herrschaftliche Wagen hielten nahe am Treppenaufgang. Betreßte Diener unterhielten sich mit einigen herumlungernden Bettlern. In einer Ecke des Hofes tanzte mit rasselnden Tamburins ein Dutzend maskirter Gesellen die Tarantella.

Der Marchese riß mit unsicherer Hand den Schlag eines Wagens auf, stieg hinein in den dunklen Raum und sank auf die weichen Seidenpolster.

„Hast zu tief ins Glas geguckt, Gevatter?“ rief ihm lachend ein Diener nach, der ihn wohl für seinesgleichen nahm; „mach Dir’s bequem, Freundchen! Man wird Deinen Schlaf nicht stören!“

Eine gute Weile wartete der Marchese, zum Sprunge bereit, ob der Kleine nicht die Treppe herunter gestolpert käme, – und seine von Wein und rasendem Ingrimm erhitzte Phantasie malte sich das Bild vor, das sich jetzt hier entfalten würde, wenn einer aus dem Wagen spränge, dem nächsten Kutscher die Peitsche aus der Hand risse und dem Lotterbuben, dem verschimmelten Rechtspraktikanten unter dem Hohngelächter der Bedienten seine längst verdiente Tracht Prügel verabreichte. Es erschien aber niemand – und allmählich übte die kühle Nachtluft ihre Wirkung auf den Alten aus; er lehnte sich sanft in die weichen Kissen zurück, und bald sang ein langgedehntes Schnarchen aus dem Wagen heraus den Grundbaß zu dem Klappern der Castagnetten und zu den lustigen Weisen der Tarantellatänzer.

Durch das Eintreten des Gouverneurs und der Offiziere wurde der Eindruck der Scene, die sich oben abgespielt hatte, unter den Gästen bald verwischt. Forschend flogen die Blicke der Gräfin über die Reihen der Schweizer.

Wo war er – den sie erwartete, dessen Name heute ohne Unterlaß auf ihren Lippen schwebte – er, von dem sie nicht wußte, ob sie ihn liebte, ob sie ihn haßte? – Ja, sie wußte es doch! Denn wenn er käme – ach! alles sollte vergessen sein – an seinem Arme wollte sie sich in jenes stille Boudoir, in den Armidagarten begeben und dort, dort wollte sie ihm sagen …

Robert von Büren verbeugte sich vor ihr.

„Gnädigste Frau! Mein Freund, Hauptmann von Hattwyl …“

„Ist er nicht hier?“

„Er hat mir aufgetragen, seine Entschuldigungen …“

„Er kommt nicht?“

„Er bedauert …“

„Er kommt nicht?“ wiederholte sie.

„Nein, gnädigste Frau; er …“

Sie drehte ihm den Rücken und ließ ihn stehen.

Der Gouverneur trat zu ihr.

„Frau Gräfin, welch düsteres Feuer brennt in Eurem Blick!“

„Ach, Herzog, wie sollt es anders sein? Die ganze Welt spricht nur von Aufruhr, von sicilianischer Vesper, von Mord, von …“

Scaglione war unter der Eingangsthür erschienen. Ohne den Gonvernenr weiter zu beachten, winkte sie dem Abbate und trat in eine Fensternische.

„Nun?“

„Hierher kommt er nicht; – aber dorthin ist er gegangen!“

„Dorthin? – zu … ihr?“

„Er ist bei ihr!“

Ihr Auge ruhte einen kurzen Augenblick auf dem Abbate; ihre Hand zerknitterte ihren Fächer; nur ein Augenblick war’s – dann war alles entschieden. Ihre Stimme klang metallhart, als sie zum Abbate sprach:

„So wißt Ihr, was Ihr zu thun habt! Sorgt dafür, daß mein Befehl ausgeführt werde!“

[725]
Der Abbate trat in den Hof. Er schaute sich nach den Tarantellatänzern um. Eine Maske schritt auf ihn zu. Dort an der Treppenthür hielt ein herrschaftlicher Wagen. Die beiden Männer traten in dessen Schatten.

„Höre!“ sagte Scaglione leise, „der Hauptmann ist in dem Fischerhäuschen, wo Ninas Verwandte wohnen …“

„Tod und Teufel! Felicita ist heute abend dort!“

„Vor Mitternacht kehrt er nicht zurück.“

„Vor Mitternacht muß Felicita bei ihrem Vater sein!“

„So handelt rasch! Wie lautet Deine Losung?“

„Tod!“

„So lautet auch der Gräfin Befehl!“

Er hatte das Wort noch nicht ausgesprochen, als eine mächtige breite Hand aus dem Wagen herausfuhr und ihn beim Kragen faßte, und wie ein Strauch auf der Heide von der Windsbraut, so wurde Scaglione von dem in wilder Wuth tobenden Marchese geschüttelt.

„Diesmal hab’ ich Dich ertappt, Du Schurke! Bis unter die Fenster Eurer Paläste bestellt Ihr Eure Mordgesellen, Ihr niederträchtiges neapolitanisches Gesindel! Ja, rufe nur um Hilfe, – Deine Worte habe ich gehört und für die Vergeltung werde ich schon sorgen. Und mit Stumpf und Stiel, mit Feuer und Schwert werden wir dies Ungeziefer ausrotten, das unser Land entehrt!“

Bei den letzten Worten schleuderte er den um Hilfe schreienden Abbate auf die Stufen der Treppe und sprang aus dem Wagen. Die Diener waren herbeigeeilt.

„Ein Betrunkener! Schafft ihn hinaus!“ schrie Scaglione.

Mit erhobenen Peitschen und Stöcken stürzten die Kutscher und die Diener auf den Marchese los. Dieser aber drehte sich mitten im Hofe gegen seine Angreifer um und, das mächtige Haupt gesenkt wie ein Stier, der sich zum Kampfe rüstet, schüttelte er die geballten dicken Fäuste gegen sie hin.

„Wage es einer! – Kennt Ihr mich nicht? Ich bin der Marchese della Rovere! Und wer von Euch mich heute noch nicht kennt, der wird morgen von mir hören.“

Ein Fenster im Palazzo war aufgerissen worden. Ein schweizer Offizier rief in das wilde Getümmel hinunter: „Wer ist’s? Was giebt’s?“

Es war Robert von Büren. Der Marchese drehte sich zu ihm hin und rief hinauf:

„Hört mich, Ihr Schweizer, und werft nicht auf unsere Schultern, was andere verbrochen haben. Dem Hauptmann von Hattwyl, Eurem Kameraden, hat dieser da, der Abbate Scaglione, Mörder nachgesendet. Und wollt Ihr wissen, wer den Abbate und die Mordgesellen gedungen hat – so fragt bei der Gräfin von Cellamare nach!“ Und er verschwand unter dem Thorweg in dem Gedränge des zusammengelaufenen Volkes.


[726]
20.

Die Mitternachtsstunde nahte. Immer dichter wurde das Gedränge auf den Straßen.

Romeo saß in seinem engen Stübchen in ernstem Gespräch mit Salvatore zusammen, als Felicita und Nina hereintraten.

„Du kommst spät, Felicita,“ sagte der Vater. Ein Glück war’s, daß er das Antlitz seiner im Schatten stehenden Tochter nicht sehen konnte und die Gluthröthe nicht bemerkte, die sich über ihre Wangen ergoß.

„Wir gingen noch zur Kirche,“ erwiderte das Mädchen, „ich wollte noch beichten, bevor …“ ihre Stimme stockte.

„Bevor?“

„Ich habe eine Ahnung,“ sagte sie mit langsamer und seltsam fester Stimme, „daß ich sterben werde. An Deiner Seite will ich kämpfen, Vater – und kommt der Tod, so sei er mir willkommen. Heute abend habe ich mit dem Leben abgeschlossen.“

Salvatore zuckte verächtlich die Achseln.

„Dummes Mädchengeschwätz!“ murmelte er vor sich hin.

„Laß gut sein, Kind!“ sprach sanft begütigend Romeo zu ihr; „Du siehst schwarz seit jener Schreckensnacht. Zusammen werden wir die Freiheit unseres Volkes feiern!“

„Ich feiere keine Feste mehr!“ war Felicitas Antwort.

Es lag etwas Ungewohntes in ihrem Wesen. Betroffen schaute Romeo zu ihr hin.

„Lassen wir das!“ fuhr er, zu Salvatore gewendet, fort; – „ich sage Dir: heute nacht muß losgeschlagen werden! Ein Kriegsschiff ist von Neapel unterwegs, in wenigen Tagen wird es hier ankommen; ehe es aber den Hafen anläuft, muß die Stadt in unserer Gewalt und Sicilien befreit sein!“

Salvatore nickte lächelnd.

„Es steht alles bereit, Romeo. Heute nacht greift das Volk zu den Waffen.“

„Wie lassen wir’s unsere Leute wissen?“

„Sie warten nur auf ein verabredetes Zeichen.“

„Was ist das Zeichen?“

„Wenn der Strohmann, den die Masken vor Dein Haus führen und dem sie hier das übliche Miserere singen werden, die Uniform eines Schweizers trägt, – so läuten morgen bei Tagesgrauen die Glocken Sturm.“

„Ist’s besorgt?“

„Mein Sohn hat’s besorgt; – die Uniform ist gefunden.“

Lautes Schreien ertönte von der Straße herauf. Der Zug rückte heran. Die beiden traten auf den Balkon.

Vom Ende der Straße her bewegte sich, von der Volksmenge umgeben, eine lange Reihe von Lichtern und Fackeln. Sonderbare Leichengesänge vermischten sich mit dem Rufen und Lachen der Masken und der Zuschauer. Als der Zug sich dem Hause Romeos näherte, erkannte man die von einem breiten weißen Tuche noch verhüllte Bahre, auf welcher der todte Karneval lag. Sie ward von sechs vermummten Gestalten getragen, weißen Büßenden, deren Augen unheimlich aus den zwei runden in die spitzen Kapuzen geschnittenen Löchern hervorblitzten. Andere Kapuzenmänner mit brennenden Kerzen in der Hand umstanden singend den von Laken bedeckten Strohmann.

Der Zug machte vor Romeos Hause Halt. Die Bahre wurde langsam niedergesetzt.

„De profundis!“ sangen die Stimmen. Lautlos harrte jetzt die Menge.

Romeos Thür öffnete sich. Ein Vermummter trat herein. Er schaute sich um. Als er Felicita gewahr wurde, schien es, als zucke er zusammen. Dann verneigte er sich vor ihr und bot ihr die Hand.

„Ach, Vater!“ flehte das Mädchen, „eine andere als ich … nicht heute!“

„Geh’, Felicita!“ sprach aber Romeo; „unsere uralte Sitte erheischt, daß ein Mädchen dem todten Karneval das letzte Lebewohl zurufe. Daß meine Tochter heute vom Volke dazu erwählt wurde, ist gerade jetzt eine Ehre für uns, – eine Antwort für Deine Verleumder. – Thue es!“

Sie folgte dem Vermummten und trat auf die Straße.

„Weine, weine, schönes Mädchen!“ sang eine der Masken, indem Felicita zu dem Kopfende der Bahre geführt wurde; „weine um deine Lebenslust, die wir heute begraben. Die Lust ist todt! Die Liebe ist todt!“

Es rieselte kalt durch Felicitas Glieder. Sie mußte sich Gewalt anthun, um die ihr in dieser Faschingstragödie auferlegte Rolle zu spielen.

„Schlafe ruhig, armer Todter!“ sang sie, in das phantastische Klagelied einstimmend, – „all unsere Lust und Liebe nimmst du mit dir hinunter in das kühle Wellengrab!“

Im selben Augenblick wurde das Laken, das die Bahre bedeckte, emporgehoben; die Umstehenden drängten sich näher; – es war die Uniform der schweizer Garde!

Eine starke Faust umklammerte Felicitas Arm und riß das Mädchen zu dem Strohmann hin. – Der hier lag, war aber kein Strohmann! Das bleiche Antlitz eines Todten starrte sie an; – ein Messer in der Brust, lag, auf der Bahre hingestreckt, Eckart von Hattwyl!

„Liebe ihn jetzt!“ raunte ihr Antoninos Stimme ins Ohr.

Mit einem markerschütternden Aufschrei sank Felicita zusammen.

„Zu den Waffen! zu den Waffen!“ jubelte das Volk.


21.

Der Aufruhr war ausgebrochen. Die Stadt hatte sich mit Barrikaden bedeckt. In hellen Haufen strömten die Bewaffneten in die Straßen. Die Schweizer räumten das Innere der Stadt und zogen sich in die Citadelle zurück. Auf jeden, der sich den Mauern nahte, auf jedes Boot, das zu der Festung hinruderte, so lautete der Befehl des Gouverneurs, sollte mit Kartätschen geschossen werden.

An der Spitze der Aufständischen kämpfte Romeo, an seiner Seite Felicita. Eine seltsame Veränderung war mit dem Mädchen vorgegangen. Kein Wort entrang sich ihren zusammengepreßten Lippen. Eine düstere Gluth brannte in ihrem Auge. Eine weihevolle Hoheit lag in ihrem Wesen. Wie eine von dem nordischen Götterhimmel herabgestiegene Walküre bewegte sie sich unter den Kämpfenden.

Bevor sie ihr Haus verlassen hatte, war sie vor dem Vater in die Kniee gesunken.

„Vater!“ hatte sie zu ihm gesagt, aber mit so fester, tonloser Stimme, daß es den Vater schauderte, – „ich habe mich an Dir und an meinem Volke versündigt; – aber mit meinem Blute will ich die Sünde auswaschen; – lege Deine Hände auf das Haupt Deines Kindes und segne mich, zum letztenmal!“

„Kind!“ schluchzte Romeo, „das Meinige hatte ich gethan, um das Dir theure Leben zu schützen. – Wie es geschah, ich weiß es nicht! – Verzeihe mir!“

Aber mit abwehrender leidenschaftlicher Gebärde rief Felicita:

„Nein! Dem Kinde hat der Vater, nicht dem Vater das schuldige Kind zu verzeihen.“

Klanglos sprach sie die Worte vor sich hin. Fragend, bestürzt blickte der Vater zu ihr nieder, während er segnend die Hände auf ihren Scheitel legte.

War das Felicita, seine Tochter? Eine stille, hohe Würde, eine himmlische Entsagung umschwebte ihre Gestalt.

Sie erfaßte seine Hand und bedeckte sie mit inbrünstigen Küssen.

„Lebe wohl, Vater, geliebter Vater! Wenn ich sterbe, so gedenke meiner als Deines treuen, um Verzeihung flehenden Kindes! – Und sollte die Kugel, die ich suche, mich nicht treffen, – so lasse mich mein Leben im Kloster beschließen, – dort in jenem Kloster, wo das wunderthätige Bild hängt, – das in der Kirche der Badiazza war, – in der Kirche, – wo meine Schuld anfing …“

Sie konnte nicht weiter sprechen, – und von dieser Stunde an sprach sie keine Silbe mehr.

Während der Kampf in den Straßen tobte, sah man Romeos Tochter an den gefährlichsten Stellen.

„Sie sucht den Tod!“ flüsterten sich die Kämpfenden unter dem Kugelregen zu.

Der Tod mähte rechts und links; das Mädchen aber verschonte er.

Die Königlichen hatten Verstärkung erhalten. Eine Reitertruppe sprengte aus der Citadelle gegen die Barrikaden hervor. Die Munition ging den Aufständischen aus. Eine letzte mit Kartätschen geladene Kanone stand auf dem Steinwall; neben der Kanone, die brennende Lunte in der Hand, Felicita.

Die Reiter stürmten in das aufgelöste Volk, das nach allen Seiten hin auseinander stob.

Plötzlich funkelte Felicitas Auge auf; – den ersten der Fliehenden hatte sie erkannt.

[727] „Zu Hilfe! Verloren!“ schrie Antonino, die Barrikade erkletternd.

Da erschien vor ihm, eine Pistole in der Rechten, wie eine rächende Kriegsgöttin, das Mädchen.

„Feigling! Wer flieht, der sterbe!“

Und zu Tode getroffen, brach Antonino zu ihren Füßen zusammen.

Die Reiter sprengten näher. Siegesjubel ertönte aus ihren Reihen.

Da stürzte Felicita zu der Kanone, – der letzte Schuß konnte retten! – Sie legte die Lunte auf das Pulver; – ein dröhnender Schlag – und in wirrem Getümmel flohen die Feinde der Citadelle zu; – die Stadt war erobert![4]
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Ein bewaffneter Volkshaufe hielt vor dem Palazzo Cellamare.

„Das ist meine Sache, Romeo!“ rief der alte Marchese seinem Freunde zu; „hier habe ich zu befehlen, – meinem elenden Rechtspraktikanten, dem Schufte, dem Marchesendieb, habe ich vorhin schon mit der flachen Klinge und in blutigen Striemen ein ewiges Gedenkblatt über den Rücken gezeichnet. – Hier habe ich eine andere Vergeltung auszuüben. Bringt die Gräfin und ihren Abbate herunter!“

Stolz, Verachtung im Blicke, trat die Gräfin zu ihm; mehr geschleppt als geführt, in den Knieen schlotternd und jammernd um Gnade flehend, folgte der Abbate.

„Habt Ihr Euren Rausch noch nicht ausgeschlafen?“ warf Teresina dem Marchese höhnend zu.

Der Hohn erstarb aber auf ihren Lippen, – dort, neben ihrem Vater, den Arm auf die pulvergeschwärzte Büchse gelehnt, stand Felicita! – Felicita, – Eckarts Geliebte! – die vormals Glückliche, – durch ihre Hand ihres Liebesglücks Beraubte! – Wie eine furchtbare vergeltende Nemesis stand das Mädchen da! – Es grauste der Gräfin vor diesem starren, wie gedankenlos auf sie stierenden Blicke! Was glühte in diesen Augen? War es Rache? War es Verachtung?

Rache? Verachtung? – Wie hätte Felicita an Rache oder an Verachtung gedacht? Was wußte die Aermste von der Gräfin Unthat? Wie konnte sie ahnen, daß vor ihr die Mörder ihres Geliebten standen? Ihr Herz wiederholte beim Anblick der Gräfin nur jubelnd Eckarts Schwur, – den Schwur, den er dort in der stillen Mondnacht auf der engen Steintreppe ihr zugerufen, – und ein kaltes Lächeln wie ein Wiederschein verlornen Glücks irrte um ihre Lippen. – „Nein!“ sang es in ihrer Seele, „Dich liebte er nicht! Mein aber, und auf ewig mein war sein Herz!“

Romeo hatte krampfhaft eine Pistole aus seinem Gürtel gerissen. Mit furchtbarem Ernste rief er den Gefangenen zu:

„Nun schlägt Eure Stunde! – Erinnerst Du Dich meiner Worte, Abbate? – Erinnert Ihr Euch meiner, Gräfin? – Verrichtet Euer Gebet! In die Kniee! In den Staub, Schlangengezücht!“

Aber rasch fiel ihm der Marchese in den Arm.

„Was beginnst Du, Romeo?“ rief er mit schallendem, höhnendem Lachen. „So leichten Kaufs sollten diese Elenden wegkommen? Bringet Stricke! Und holt mir aus dem gräflichen Stalle die längste Reitpeitsche her, daß ich mit eigener Hand dieses Mordgesindel auf ewige Zeiten brandmarke.“

Als säße schon der Hieb über ihren Schultern, so fuhr die Gräfin zusammen.

„Des Pöbels Rache!“ rief sie ihm zu.

Wie ein Traum aber erschien es ihr jetzt, – wie ein wunderbares, fast überirdisches Gesicht, – als Felicita zu den beiden Männern hintrat. Mit gebietender Gebärde, mit Hoheit und edler Würde legte sie ihre Hand auf den Arm des Marchese, und wie aus dem Munde einer Königin klangen die Worte, die sie langsam, und ohne die Gräfin eines Blickes zu würdigen, sprach:

„Mörder? … Rache? … Was haben diese beiden verbrochen?“

„Kein Wort davon zu ihr!“ flüsterte Romeo schnell dem Marchese ins Ohr; – „erspare ihr diesen letzten Schmerz!“

Der Marchese verstand; er wandte sich rasch zu Felicita:

„In diesem Hause, … von dieser beiden Hand … fiel, meuchelmörderisch getroffen, gestern ein edler Freund Siciliens! Der Mord muß gesühnt werden!“

„Nicht aber mit diesem Blut!“ erwiderte das Mädchen; – „edler und größer als diese da … sollen die Sieger denken! Mit dem Blute dieser Elenden darf unsere heilige, freie Erde nicht besudelt werden! Sie mögen das Land, das ihr Fuß entehrt, verlassen! Siciliens Verachtung sei ihre Strafe, – sei unsere Rache!“

Ihre Hand wies auf ein Boot, das am Strande angekettet lag. Ihr Blick traf Teresinas Auge.

„Fort!“ rief sie der leichenblaß nach Worten ringenden Gräfin zu.

Die verachtenden Worte Felicitas trafen die stolze Frau schwerer noch als es die Geißelhiebe vermocht hätten, die der Marchese ihr zugedacht hatte. So sollte sie, die Gräfin von Cellamare, den Hohn dieses Bürgermädchens ertragen? So sollte sie der Großmuth ihrer Nebenbuhlerin das Leben verdanken? So sollte die Tochter dieses Tischlermeisters edler gedacht und gehandelt haben als sie? – Den Gedanken vermochte sie nicht zu ertragen; – eine blinde Wuth erfaßte sie; ihre Glieder bebten; sie vergaß, wer sie war, wer sie sein wollte, mit wem sie sprach; als wäre niemals gräfliches Blut in ihren Adern geflossen, so sprang sie plötzlich mit vorgestreckten geballten Fäusten auf Felicita zu.

„Dirne!“ schrie sie; – „so rächst Du Deinen …“

Rasch und wuchtig verschloß ihr aber Romeos Hand den Mund.

„Hinunter ins Boot!“ rief er, die Wüthende mit sich reißend. „Ins Boot, Abbate! – Nun rudert los! – Eine Viertelstunde geb’ ich Euch, um Euch aus unserer Schußweite zu entfernen! Rudert, – oder bei der heiligen Madonna, wir schießen auf Euch wie auf einen Flug wilder Enten.“

Schon hatte sich der Abbate auf ein Ruder geworfen. „Rasch, Frau Gräfin!“ rief er der unbeweglich auf Felicita starrenden Frau zu, – „rasch! In der Citadelle ist Rettung!“

Ein höhnendes Gelächter erhob sich vom Strand, als die Gräfin plötzlich in das Boot sprang, ein Ruder ergriff und hurtig in die Wellen schlug. –

Auf den Zinnen der Citadelle, an eine Kanone gelehnt, saß der Major von Büren. Sein Auge folgte den Bewegungen der Menge, die sich auf der Marina umhertrieb. Plötzlich erhob er sich, griff zu seinem Fernglas und schaute unverwandten Blickes auf eine bewaffnete Gruppe, die sich vor dem Palazzo von Cellamare gebildet hatte.

„Verflucht!“ rief er halblaut vor sich hin; „Romeo stiehlt mir meine Rache!“

Dann schaute er wieder hin und wieder. Ein kaum unterdrückter Freudenschrei entrang sich seiner hochathmenden Brust; – ein Boot war vom Strande abgestoßen und ruderte auf die Citadelle los. Er drehte sich zu den an der Brüstung lehnenden Artilleristen um.

„Achtung! Ein Boot naht!“

„Herr Major!“ bemerkte ein alter neapolitanischer Unteroffizier, „eine Frau und ein Abbate sitzen drin, – es mögen wohl Freunde sein, die sich vor dem Aufstande retten.“

„Oder Spione!“ entgegnete ein Schweizer.

„Still!“ herrschte sie der Major an. „Ihr kennt des Gouverneurs Befehl: auf jedes Boot, das sich der Citadelle naht, ist mit Kartätschen zu schießen! – Achtung! – Feuer!“

Der Schuß krachte.

Als der Pulverdampf sich verzog, sah man einige zersplitterte Planken auf den bewegten Wellen schwimmen.

Der Major wischte sich den Schweiß ab, der auf seiner Stirn perlte. Dann wandte er sich langsam zu der Seite hin, wo, von den letzten Strahlen der Abendsonne beleuchtet, die Leichensteine des Militärkirchhofes sich weiß und blendend von dem tiefblauen Meeresspiegel abhoben, und, das Haupt entblößend, als spräche er mit einem unsichtbar seinem Geiste Vorschwebenden, murmelte er vor sich hin:

„Nun schlummere sanft, armer Freund! Und ruhig mag der ewige Schlaf Dich umfangen in der fremden Erde!“
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Eine verschleierte Frauengestalt klopfte bei anbrechender Nacht an das Portal des Klosters della Scala, dort, wo der Torrente sich zum Thale der Badiazza wendet.

Vor der Oberin knieete Felicita nieder.

„Nimm mich auf unter Deine Schwestern. Da, wo das wunderthätige Bild der Badiazza hängt, will ich mein Leben beschließen. Das heilige Bild möge mir Vergessen und Vergebung meiner Sünden bringen!“




  1. Das Kloster La Gancia stand von jeher an der Spitze der sicilianischen Verschwörungen.
  2. Politischer, damals ganz Sicilien beherrschender Geheimbund, der auch mit den Briganten in Verbindung stand.
  3. Sperlinga war der einzige Ort in Sicilien, dessen Bevölkerung sich der „Sicilianischen Vesper“ anzuschließen weigerte; über dem Thore des Städtchens steht heute noch in den Stein gegraben eine damals angebrachte lateinische Inschrift: „Quod Siculis placuit, sola Sperlinga negavit“ – „Was ganz Sicilien wollte, nur Sperlinga wollte das nicht.“
  4. Historisch.