Hauptmenü öffnen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Bu.
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Seltene Künstler
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 29, S. 500
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1891
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[488]
Die Gartenlaube (1891) b 488.jpg

Seltene Künstler.
Nach einem Gemälde von A. Lonza.

[500] Seltene Künstler. (Zu dem Bilde S. 488 u. 489.) Eine sorglose Unterhaltung in sturmdrohender Zeit! Aus dem fernen Paris kommen böse Botschaften von Königsmord und blutiger Pöbelherrschaft, das stört aber die aristokatische Gesellschaft von Venedig nicht in ihrem Behagen, sie verläßt sich auf die Neutralität der Republik und treibt ahnungslos im gewohnten genußsüchtigen Lebensstrom dem großen Verhängniß entgegen. Ist doch das Venedig des 18. Jahrhunderts ein Hauptvergnügungsort für ganz Europa geworden! Hier treffen sich die vornehmen Müßiggänger aller Nationen, hier kann man die Netze einer aristokratischen Geselligkeit mit dem bunten Volksleben der Hafenstadt vereinigen und alle die ergötzlichen Schauspiele mitgenießen, welche hohe und niedere Venetianer zu den unentbehrlichen Lebensbedürfnissen rechnen.

Freilich, eine Ergötzlichkeit wie die aus unserem Bild dargestellte gehörte selbst in Venedig ums Jahr 1793 zu den größten Seltenheiten. Japaner aus dem fernsten Osten sind mit einem Indienfahrer angekommen, sonderbar gelbe Kaftanträger mit unbegreiflichen Kunststücken voll zauberhaftester Wirkung. Sie geben ihre Vorstellungen nicht auf dem Markusplatz, man reißt sich um sie in den Salons und ist glücklich, wenn sie kommen.

So stehen sie denn nun hier in dem vornehmen Kreis, gleichmüthig und von der Pracht dieses herrlichen Raumes unerschüttert, lassen ihre Papierschmetterlinge wie lebendige flattern, spielen mit vier, sechs, acht Bällen gleichzeitig, ohne daß einer zu Boden fällt, und machen das alles so leichthin, als sei es die einfachste Sache von der Welt. Staunend sehen es die Anwesenden: der jungen Contessa im Lehnsessel ruht der Fächer unbeweglich zwischen den Fingern, ihre bereits nach der neuen Einfachheitsmode gekleidete Schwester vergißt die beiden Verehrer rechts und links, selbst der hinter ihr sitzende Jüngling, welcher den ganzen Abend einzig an die Wirkung seines neuen Kostüms à l’Incroyable gedacht hat, giebt sich dem verblüffenden Zauber hin. Die alten Herren auf den Lehnsesseln sind ganz Auge, selbst der leidenschaftliche Schnupfer hinter ihnen starrt, während er seine Prise nimmt, unverwandt auf den Künstler hinüber. Nur ein kritischer Geist hat sich von der Gesellschaft wegverzogen, um bei den Gehilfen dort am Tisch mit den Zaubergeräthen der Sache etwas näher auf die Spur zu kommen. Ob ihm wohl die Erklärungen des höflichen Japaners dazu viel nutzen werden? ...

Der Künstler hat es verstanden, uns aufs lebendigste in jene längst vergangene Zeit zu versetzen. Sein liebenswürdiges Bild zeigt alle Vorzüge der so überraschend emporgewachsenen neu-italienischen Schule: die auf sorgfältiger Beobachtung beruhende scharfe Charakteristik, damit verbunden aber eine heitere Schönheitsfreude, die in unseren Zeiten der Elends- und Häßlichkeitsmalerei immer noch erfreulich anmuthet, auch wenn solch ein Bild eine Gesellschaft darstellt, die manche Sünde gegen Volksrecht und Menschenwürde auf dem Kerbholz hat.
Bu.