Schutzgewohnheiten der Thiere

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Autor: Georg Heinrich Schneider
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Titel: Schutzgewohnheiten der Thiere
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aus: Die Gartenlaube, Heft 48–49, S. 801–803, 818–820
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Schutz- und Drohgebärden von Tier und Mensch im Vergleich
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[801]

Schutzgewohnheiten der Thiere.

Von G. H. Schneider.
1. Mittel und Wege zum Abschrecken stärkerer Feinde.

Es existirt bis jetzt leider noch kein wissenschaftliches Werk, welches alle Thier- und Menschengewohnheiten nach bestimmten Principien etwa in der Weise vergleichend zusammen stellte, wie die Handbücher der vergleichenden Anatomie die einander entsprechenden Formen der Organe.[1] Die vergleichende Psychologie der Willensäußerungen, welche sich jener Aufgabe zu unterziehen haben wird, ist, bis auf sehr wenige anfängliche Versuche, noch eine Wissenschaft der Zukunft, die aber ein weit größeres und [802] allgemeineres Interesse zu erregen verspricht, als dies das vergleichende Studium der Organformen vermocht hat.

Ich will im Nachfolgenden einige Beispiele für das eben Gesagte anführen, indem ich zunächst eine Vergleichung derjenigen Mittel und Wege gebe, deren sich die verschiedensten Thiere, wie nicht minder die Menschen, zum Abschrecken stärkerer Feinde bedienen.

Es ist sehr beachtenswerth, daß solche Thiere, welche sich niemals vertheidigen, sondern nur flüchten oder sich willenlos in ihr Schicksal ergeben und höchstens im tödtlichen Schmerze sich krümmen und zucken, auch niemals den Versuch machen, ihre Feinde abzuschrecken. Letztere Gewohnheit, insbesondere das Drohen, steht zum Vertheidigen in unmittelbarer Beziehung und bildet gewissermaßen die erste Stufe desselben, auf welcher denn auch eine ganze Anzahl Geschöpfe ausschließlich stehen bleibt.

Weder bei Urthieren und Pflanzenthieren, noch bei Würmern, Muscheln und Schnecken ist die Gewohnheit des Abschreckens zu beobachten; dagegen findet sie sich bei allen höher organisirten, intelligenteren Wesen, bei den Wirbel- und Gliederthieren und in der Gruppe der Weichthiere bei den Kopffüßlern, unter letzteren am ausgebildetsten bei den Pulpen (Polypen). Drohend entrollen sie beim Herannahen eines gleichstarken Gegners ihre schlangenförmigen Arme, blähen sich auf und bilden durch ungleiche Zusammenziehung der Haut eine Menge unregelmäßiger Höcker, insbesondere zwei größere Pickelhauben auf dem Kopfe über den beiden Augewülsten, durch welche sie sich ein furchtbar kriegerisches Aussehen geben.

Die Gliederthiere können sich ihrer Organisation nach sehr wenig oder gar nicht aufblähen; dagegen suchen einige Insecten den Angreifer dadurch zurück zu schrecken, daß sie diesem einen ganz unerwarteten Anblick bieten, was in der That oft nicht ohne Wirkung sein wird, da gerade unvermuthete Erscheinungen am meisten geeignet sind, Thiere stutzig und mißtrauisch oder gar furchtsam zu machen. So stülpt die Schwalbenschwanzraupe, sobald sie angefaßt wird, unvermuthet aus dem Nacken gabelförmig zwei Fleischzapfen hervor, und ein Weichkäfer (Melachius) drückt bei Berührung aus den Seiten des Brustkastens und Hinterleibs mehrere rote Wülste heraus.

Auch von der Feuerkröte ist ein ähnliches Mittel bekannt, welches sie in der letzten Verzweiflung anwendet. Kann sie das schützende Wasser nicht mehr erreichen, so schlägt sie plötzlich Kopf und Beine zurück und zeigt dem Verfolger die orangeroth gefleckte Bauchseite, und da hiernach das Thier unvermuthet ein ganz anderes geworden zu sein scheint, so mag gar oft der hungerige Räuber stutzig werden und sich anderweitig nach Beute umsehen.

Derartige Kunstgriffe scheinen indessen verhältnißmäßig selten vorzukommen. Allgemeiner ist dagegen die Gewohnheit verbreitet, dem Feinde durch Erheben und Ausbreiten der Gliedmaßen und der Hautgebilde, durch Aufrichten des Körpers und womöglich durch Aufblähen desselben, also durch scheinbare Vergrößerung der Gestalt, sowie durch ein wildes, furchterregendes Aussehen zu imponiren und ihn dadurch zurückzuschrecken, wie das schon von dem Polypen bemerkt wurde. Alle Fische erheben zu diesem Zwecke ihre Rückenflossen und breiten die Brustflossen aus. Der kleine Seeschmetterling weiß sich durch plötzliches Aufrichten seiner unverhältnißmäßig großen segelförmigen Rückenflosse bei stärkeren Fischen Respect zu verschaffen. Der Kugelfisch bläht sich durch Aufnahme von Wasser und Luft zu einer großen Kugel auf, wodurch er sich scheinbar bedeutend vergrößert und zugleich seine sonst anliegenden Stacheln aufrichtet.

Die breite Halskrause der Krauseneidechse sowie die Rückensegel und Kämme der Segelechse, der Leguane, Helmbasilisken und Kammanolis, welche Hautgebilde bei jedem Herannahen irgend eines Feindes sofort erhoben werden und den Thieren ein besonders gefährliches Aussehen geben, scheinen lediglich den Zweck des Abschreckens zu haben. Das Aufblähen ist bei fast allen Reptilien und Amphibien in einer Weise ausgebildet und verbreitet, wie bei keiner anderen Thiergruppe, weil es dort einen zweifachen Schutz bildet. Einmal können sie mit der vergrößerten Körperform mehr imponiren, und dann erschwert die Vergrößerung das Verschlungenwerden, ja macht es geradezu unmöglich. Viele Eidechsen, insbesondere die Leguane und Flugdrachen, haben bekanntlich stark erweiterte Kehlsäcke respective Kehlwammen, die sie durch Luftaufnahme ungemein anschwellen. Auch die Schlangen suchen den Feind durch Aufblasen des Halses abzuschrecken; ich erinnere hierbei an die Brillenschlange, welche ihren Hals zu einem breiten Schilde zu erweitern vermag. Die Frösche und Kröten treiben sich zu ihrem Schutze derart zu dicken Trommeln auf, daß die Fabel, wie bekannt, einen Frosch sogar schließlich platzen läßt.

Bei den Vögeln spielt das Aufblasen des Halses als Abschreckmittel ebenfalls noch eine wichtige Rolle; insbesondere suchen sich die Reiherarten und einige Schwimmvögel, z. B. der Alk, damit zu schützen. Zur weiteren Vergrößerung der Körperumrisse sträuben außerdem alle Vögel, sobald sie angegriffen werden, das Gefieder, heben den Schwanz, schlagen mit demselben ein Rad, breiten die Flügel aus, und solche, welche besondere Hauben, Kronen oder Federbüschel am Kopfe haben, was bei einem sehr großen Theil der gefiederten Welt der Fall ist, suchen sich durch Erheben und Ausbreiten derselben ein besonders kühnes und furchterregendes Aussehen zu geben. In ähnlicher Weise sträuben sich mehr oder weniger bei allen Säugethieren, namentlich auffallend aber bei Huf- und Raubthieren, wenn schreckenerregende Gefahr droht, die Haare, vornehmlich die Rückenhaare; ja in gewissem Grade verblieb auch dem Haar des Menschen diese Eigenschaft. In zoologischen Gärten kann man beispielsweise beobachten, wie Hyänen, wenn sie sich um einen Knochen zanken, die Rückenhaare sträuben und, was noch auffälliger ist, die Haare des erhobenen kurzen Schwanzes büschelförmig ausbreiten. Indeß erfolgt das Sträuben der Haare ohne Einfluß des Willens, während bei den Vögeln das Aufrichten der Schwanz-, Schopf- und Haubenfedern augenscheinlich ganz willkürlich ist. Eine Ausnahme von der Regel bilden unter den Säugern die Stachelschweine und Igel, insofern bei diesen das Erheben der zu Stacheln umgebildeten Haare ein willkürliches ist; es kommt dies daher, daß bei ihnen diese Schutzorgane zur directen Vertheidigung angewendet werden, weshalb hier die kleinen Haarmuskeln besser ausgebildet sind.

Ein Aufblähen findet auch bei den Säugethieren insofern statt, als sich dieselben, wie alle höheren Thiere von den Reptilien an aufwärts, sobald sie einem Feinde imponiren und ihn dadurch zurückweisen wollen, hoch aufrichten, wobei dann stets durch erhöhte Luftaufnahme die Brust hoch gewölbt wird. Hierin zeichnet sich der Mensch ganz besonders aus, und der Ausdruck „aufgeblasener Frosch“ ist für einen eitlen, wichtig thuenden Protzen äußerst bezeichnend. Manche Raubthiere, wie z. B. der Musang, ebenso Affen blasen dazu oft die Backen auf, und der Mensch thut unwillkürlich dasselbe, wenn er in Wuth geräth.

Eine weitere sehr allgemeine Gewohnheit zum Abschrecken des Feindes ist das Drohen mit den Waffen, welche den betreffenden Thieren zu Gebote stehen. Dieselben werden nicht nur gezeigt, sondern auch kräftig bewegt, um dadurch kund zu thun, wessen man fähig ist und was man beim thatsächlichen Angriffe zu thun gedenkt.

Schon die Krebse strecken jedem sich nahenden Feinde ihre Scheeren entgegen, und manche Krabben schlagen dieselben laut klatschend zusammen. Auch die mit größeren zangenartigen Kiefern versehenen Insecten bewegen diese oft drohend gegen einander. Oeffnet man einen Termitenhaufen, so erscheinen sofort die Soldaten des Insectenstaates und schlagen die Kiefer unter hörbarem Geräusche zum Abschrecken zusammen. Die Fische, welche mit stachligen Rückenflossen versehen sind, erheben diese zur Drohung, und sämmtliche Reptilien, Vögel und Säugethiere haben übereinstimmend die Gewohnheit, den Rachen respective Schnabel aufzureißen und, wo es vorhanden, das Gebiß zu zeigen. Reihervögel namentlich suchen den Angreifer mit drohenden Bewegungen des Schnabels abzuschrecken, indem sie den Kopf zurücklegen und dann vorschnellen, als seien sie gewillt, den Gegner gleich aufzuspießen. In großer Wuth und Gefahr wird von den Säugethieren das ganze Gebiß entblößt und laut auf einander geschlagen, wie das an Affen, Dachsen und jungen Bären besonders gut zu beobachten ist, und Hunde, sowie katzenartige Raubthiere zeigen jedem Feinde oder Nahrungsconcurrenten, den sie erblicken, sofort die Zähne. Hat der Feind noch keinen thatsächlichen Angriff gemacht, dann wird das Gebiß durch Fletschen entblößt, aber nicht geöffnet, und ist die Gefahr noch sehr fern, so legt die fletschende Oberlippe nur einen Eckzahn bloß.

Der Mensch zeigt auch hierin wieder, wie nahe er dem Thiere steht. In großer Wuth reißt er den Mund auf und zeigt alle Zähne. Frauen strecken nicht ganz selten die zum Kratzen gekrümmten [803] Finger vor, und Männer drohen mit der geballten Faust. Wenn wir, beleidigt, unsere Verachtung und unseren Hohn ausdrücken wollen, so heben wir unwillkürlich auf der Seite, auf welcher sich der Angreifer befindet, die Oberlippe nach dem Nasenflügel hin und legen dadurch den Eckzahn bloß, ganz wie der fletschende Hund. Diese Bewegung reducirt sich noch mehr beim Ausdruck der Geringschätzung, welcher durch leichtes Heben der Oberlippe, ohne einen Zahn sehen zu lassen, erzeugt wird, wie das recht stolze Damen meist sehr gut verstehen. Sowohl der Ausdruck des Hohns wie derjenige der Geringschätzung, zu deren Charakterisirung Darwin die beiden so ausdrucksvollen Photographien in sein Werk „Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen“ aufgenommen hat, sollen den Angreifer, respective den Lästigen abschrecken und ein Schutz gegen weitere Annäherung sein.

Dabei denkt etwa eine feingebildete Dame sicher nicht daran, den nicht würdig erachteten Aufdringling gleich zu beißen, und doch ist diese Bewegung der Lippe, welche ganz unwillkürlich erfolgt, da sie eine durch viele Generationen vererbte Gewohnheit ist, noch ein Ueberbleibsel der thierischen Gewohnheit, mit den Zähnen zu drohen. Wie in jeder sich steigernden Leidenschaft der Mensch eine vorübergehende Rückbildung nach dem Thiere hin durchmacht, so braucht auch die Geringschätzung nur zum leidenschaftlichen Hohn, zur Verachtung und zu großer Wuth gesteigert zu werden, um die Lippen sich nach und nach so weit öffnen zu sehen, bis alle Zähne gezeigt und dieselben in äußerster Wuth sogar auf einander geschlagen werden, ganz wie bei den höheren Thieren. Diese interessante Stufenfolge leidenschaftlicher Drohung habe ich nirgends so gut beobachten können, wie bei sich streitenden neapolitanischen Fischerweibern. Zuerst geht man stolz mit geringschätzend erhobener Oberlippe an einander vorüber; dann bleibt man stehen, stemmt die Arme in die Seite, wippt mit dem einen Fuße, macht sich in leidenschaftlichem offenem Hohne das Compliment: „Ah, wie schön Du bist!“ und die Oberlippe läßt jetzt bei dem verächtlichen Anschauen von der Seite den einen Eckzahn sehen. Die Rede steigert alsdann die Leidenschaft und deren Ausdruck. „O, Du abscheuliches Gesicht!“ schreit man sich nun mit vorgestrecktem Kopfe einander zu, und die sämmtlichen Zähne werden sichtbar. „O, daß ich Dich in’s Gesicht beiße!“ kreischen endlich die heiser geschrieenen Stimmen bei vorgestreckten, zum Kratzen gekrümmten Fingern, weit geöffneten Augen und aufgerissenem Munde mit den drohenden fletschenden Zähnen. Noch eines jener derben Schimpfwörter und, nachdem man einander die Pantoffeln, dann die umstehenden Gläser, Krüge und Stühle zugeworfen, fällt man in der That mit kratzenden, zerrenden Händen und beißenden Zähnen einander an – und das Thier ist fertig.

Ein solches „Ende vom Liede“ zeigt deutlich genug, welche Bedeutung auch beim Menschen das Zähnefletschen hat, und zwar ist dasselbe bei uns so instinctiv, daß es schon erfolgt, wenn wir uns einsam nur in Gedanken mit Jemandem streiten.

Entsprechend dem Entrollen der Arme des Polypen, dem Vorschnellen des geöffneten Rachens bei Schlangen und Eidechsen, dem Vorstoßen des Schnabels und dem Schlagen mit den Flügeln bei den Vögeln und dem Aufstampfen und Emporschleudern des Sandes mit den Hörnern bei den Wiederkäuern, schnellt der Mensch die geballten Fäuste vor und schwingt seine künstlichen Waffen. Die Wilden schlagen oft zum Zeichen ihres Muthes mit der Keule auf den Boden.

Mit dem Bewegen der Waffen wird sehr häufig sowohl von Krebsen wie von allen Wirbelthieren eine rasche Ortsbewegung nach dem Feinde hin, ein „Daraufzufahren“ verbunden, welche Bewegung aber nicht zum Zwecke eines thatsächlichen Angriffes, sondern nur zum Abschrecken ausgeführt wird. An feigen Hunden kann man das am meisten beobachten, und auch der Mensch bedient sich dieses Mittels, insbesondere wenn er nicht gerade lebensgefährliche Thiere verjagen will.

Der „H“-Laut, welchen der Mensch in der Wuth bei geöffnetem Munde hervorstößt, entspricht ganz und gar dem Fauchen, welches wir so oft an katzenartigen Raubthieren, etwa an gefangenen und gereizten Löwen, beobachten, und all den ähnlichen Lauten, welche in den verschiedensten Formen, als „Zischen“, „Fauchen“, „Brausen“, „Schnarchen“, „Schnauben“, „Knurren“ etc., von allen Reptilien, Vögeln und Säugethieren in der Wuth zum Abschrecken des Feindes ausgehaucht werden. Es ist dies Fauchen wohl zu unterscheiden von dem Brüllen und Schreien, durch welches die Vögel und Säugethiere, vorzüglich die Walrosse und Seelöwen, ihre Angreifer abzuschrecken suchen, wie nicht minder die Menschen: soll es doch vorgekommen sein, daß ein Löwe einen gepackten Knaben, durch dessen fürchterliches Schreien erschreckt, wieder hat fallen lassen. Das Brüllen und Schreien spielt in den Kämpfen der wilden Völker als furchterregendes Mittel eine sehr wichtige Rolle, und auch die alten Germanen haben es bekanntlich an Schlachtgeschrei nicht fehlen lassen. Sucht doch auch jetzt noch der civilisirte Soldat durch ein laut schallendes „Hurrah“ bei Erstürmung einer Position auf den Feind entmuthigend einzuwirken, und sicher nicht ganz ohne Erfolg. Auch bei jedem rohen Zweikampfe sucht der Mensch seinen Gegner durch Anschreien und Anbrüllen, das heißt durch überlautes Hervorstoßen seiner Worte zu entmuthigen.

Wo die Stimme der Menschen nicht ausreicht, erzeugt er anderen Lärm zum Abschrecken. Bei heftigem Streite schlägt er mit der Faust oder dem Stocke laut dröhnend auf den Tisch. Nilpferde und Tiger verscheucht er durch Trommeln und leckere Vögel und Flederhunde durch klappernde Windmühlen. Viele höhere Säugethiere, namentlich Affen, suchen auf ähnliche Weise durch Schütteln der Baumäste, andere, wie die Hufthiere, durch Aufstampfen drohenden Lärm zu erzeugen, und wenn wir im Zorne ganz unwillkürlich, ohne irgend welchen Gedanken dabei, also instinctiv, mit dem Fuße aufstampfen, so entspricht das ganz und gar der analogen Bewegung der Thiere, um Lärm zu erzeugen, und je lauter die Fußtritte schallen, desto mehr entsprechen sie unserem Zorne, desto mehr sind wir davon befriedigt.

So sehen wir also bei jeder Gewohnheit, daß die Bewegungen des Menschen ein ebenso inniges Geflecht von instinctiven, beziehentlich vererbten Gewohnheiten und auf Bewußtsein des Zweckes beruhenden Willensäußerungen sind, wie dies bei jedem Thiere der Fall ist.

Nur einige wenige Mittel zum Abschrecken stehen allein dem Menschen zu Gebote. Er vermag seines Gleichen mit Worten zu drohen und durch künstliche Gebilde, durch Vogelscheuchen, sowie durch Feuer viele Thiere von sich fern zu halten. Andrerseits kommt bei den Thieren kaum ein Schreckmittel vor, welches nicht auch der Mensch anwendete.

„Nicht aller Mensch ist im Thiere, aber alles Thier ist im Menschen.“ (Scheitlin.)

Drohende Thiere sind im Allgemeinen wenig zu fürchten, die Versuche, den Feind durch Aufblähen oder Drohen mit den Waffen abzuschrecken, meist ein Zeichen der Schwäche, der Unsicherheit und Feigheit, während muthige Thiere wenig mehr Gebrauch vom Drohen machen. Man kann selbst sagen, daß unter einer Thiergattung, welche im Ganzen eine energische thätliche Vertheidigung übt, diejenigen Individuen, welche die feigsten sind, am meisten das Schreckmittel des Drohens anwenden.

„Hunde, die viel bellen, beißen nicht –“ dieses Wort bewährt sich in all den genannten Thiergewohnheiten.

[818] 2. (Schluß.) Mittel und Wege zum Unkenntlichmachen (Maskiren).

Der herbe Kampf um’s Dasein drängt sowohl die Thiere wie die Menschen dazu, sich aller ihnen zu Gebote stehenden Mittel zu bedienen, um entweder Andere zu überwinden, oder, was noch viel allgemeiner und für Alle gleich wichtig ist, sich den Verfolgungen Stärkerer zu entziehen, und das Maskiren ist für beide Zwecke, namentlich aber für den zweiten, eines der verbreitetsten und zugleich interessantesten Mittel.

Der Mensch bedient sich der Masken Thieren gegenüber lediglich, um diese leichter in seine Gewalt zu bringen. Der Indianer nähert sich den Büffeln unter einer Büffelhaut und bedeckt sich bei der Condorjagd mit einer Kuhhaut. Der Straußenjäger schmückt sich oft mit einem Balge des Riesenvogels, um sich unter dieser täuschenden Decke besser an sein Opfer heranschleichen zu können, und in Europa ahmt der Jäger, wie allgemein bekannt, die Stimmen des Rothwildes und der Vögel nach, um diese vor seinen Flintenlauf zu locken. Seines Gleichen gegenüber wendet er ähnliche Verwandlungen mehr nur zum Schutze an; er wechselt die Kleider, nimmt eine Maske vor, schwärzt das Gesicht oder verstellt seine Stimme; manche Wilde nehmen, sobald sie in die Gefahr kommen, vom überlegenen Feinde entdeckt zu werden, ganz merkwürdige, bizarre Stellungen ein in der Weise, daß die Gruppe aus der Ferne wie eine Anzahl niedriger Baum- und Aststumpfen aussieht, und ist diesen Stellungen verharren sie regungslos so lange, bis alle Gefahr vorüber ist.

Eine große Anzahl thierischer Wesen, ja, mehr oder weniger alle vom Menschen noch nicht gezüchteten Thiere haben von Natur schon eine treffliche Maske in ihrer Farbe und Form, welche in geringem Maße immer, zuweilen aber ganz auffallend derjenigen ihrer Umgebung, das heißt ihres gewöhnlichen Aufenthaltsortes angepaßt ist. Dadurch sind die betreffenden Individuen schwer von den sie umgebenden Dingen zu unterscheiden, also nicht leicht als Thiere zu erkennen; und das geht oft so weit und ist so allgemein, daß man schon aus der Farbe eines Thieres dessen Wohnort zu bestimmen vermag. Die Thiere des hohen Nordens, welche meist auf Schnee und Eis leben, sind im Allgemeinen weiß; die der Wüste haben eine gelbe oder gelbbraune Farbe; solche, die sich auf grünen Pflanzen aufhalten, sind grün gefärbt, und andere, welche auf irgend einem dunklen Gesteine ihre Existenz fristen, zeigen die dunkle Färbung desselben. Deshalb sind Thiere derselben Gattungen je nach ihrem Wohnort oft ganz verschieden gefärbt. Der Hase unserer Felder gleicht, wenn er sich geduckt hat, der Ackererde; sein Vetter, der die Schnee- und Eisfelder bewohnt, ist weiß. Der arktische Bär hat die Farbe des Eises, der graue Bär unserer Gebirge diejenige der dunklen Felsen und Wälder. Auch die Schnee-Eule ist, entsprechend ihrem hochnordischen Aufenthaltsort, besonders im Alter vollständig weiß. Noch zweckentsprechender ist die Eigenthümlichkeit mancher Polar- und Hochalpenthiere, die Färbung ihres Haar- oder Federkleides der Jahreszeit angemessen zu verändern und im Winter die Maske des weißen Schnees, im Sommer dagegen die der dunklen Erde anzunehmen, wie das vom Schneehuhn allgemein bekannt ist.

Aber nicht allein der Gegensatz von Winter und Sommer, von weißen Schneefeldern und dunklen Landflächen bedingt eine derartige Farbendifferenz der Thierkleider, sondern auch jeder andere Licht- und Farbengegensatz in der Natur steht in Beziehung zu einer entsprechend verschiedenen Färbung der Thiere.

Die Adler, Falken und Eulen tragen die rothbraune Farbe der Felsen, in denen sie nisten; die Möven dagegen, welche immer über dem Wasser schweben, zeigen das Blaugrau des wolkenlosen Himmels oder das Silberweiß der schäumenden Meereswellen. Viele Papageien haben die Farbe der Baumkronen, in denen sie sich geschickt zu verstecken wissen, während Rebhühner, Trappen, Schnepfen und andere Vögel dem Boden gleichen, auf dem sie ihre Nahrung oder ihre Schlupfwinkel suchen. Die Wüstenhühner tragen die feinsten Schattirungen des Bodens auf ihrem Gefieder, sodaß sie sich nur ruhig hinzulegen brauchen, um unsichtbar zu sein, das heißt: ein Stück Wüste zu scheinen. Die Farbenpracht tropischer, etwa brasilianischer Vögel entspricht derjenigen der üppigen Flora dieser Länder, während die Vögel, welche unter meist grauem Himmel und auf blumenarmen Feldern leben, weit geringeren Farbenreichthum auf ihrem Gefieder tragen.

Noch auffallender als bei Vögeln und Säugethieren ist diese Anpassung an die Farbe der Umgebung bei niederen Wirbelthieren und bei Insecten. Die meisten Heuschrecken, welche zwischen dem Grase ihr Wesen treiben, und die Blattläuse, welche sich an grünen Stengeln und Blättern aufhalten, sind ihrer Umgebung entsprechend grün gefärbt. Die Schmetterlinge sind bunt wie Blumen, oder ähneln dürrem Laube, wie die Raupen den Rinden oder Blättern, auf denen sie geboren wurden. Die Raupen des rothen Ordensbandes z. B. haben die Farben der Pappeln und Weiden, auf welchen sie sich ernähren; der Pappelschwärmer sieht aus der Ferne einem dürren Pappelblatte zum Verwechseln ähnlich, und die Eier des Fichtenschwärmers sind grün wie die Nadeln, an die sie geklebt wurden.

Auch bei den See- und Süßwasserthieren ist diese sogenannte „sympathische Farbenwahl“ vielfach zu beobachten. Die meisten freischwimmenden Fische gleichen in ihrem Silberweiß dem schäumenden Wasser, während der Zitteraal die Farbe der Wasserpflanzen hat, zwischen denen er sich aufhält, und die Grundfische wie der Sand und Schlamm aussehen, auf welchem sie ihre Beute erlauern. Eine Menge der freischwimmenden, sogenannten pelagischen Thiere dagegen, wie die Quallen, Ruderschnecken, Mantelthiere, pelagische Krebse und Fische sind farblos und durchsichtig wie das Wasser. Die Krabben leben alle zwischen grünen Seepflanzen oder zwischen Steinen, die mit solchen bewachsen sind, und fast ausnahmslos sind sie selbst grün. In Neapel machte man vor etwa zwei Jahren eine interessante Entdeckung. Auf der sogenannten „Zecca“ (ein erhöhtes Plateau im Meere zwischen Ischia, Capri und dem Posilipo) fand man eine Stelle, an welcher alle Thiere ganz intensiv roth gefärbt sind. Der Seegrund ist dort noch nicht genügend untersucht, aber ich vermuthe, daß er selbst roth oder mit rothen Algen bedeckt ist.

Durch eine derartige Anpassung an die Farbe des Aufenthaltsortes gelingt es einmal dem Räuber leichter, sein Opfer zu beschleichen, da er von diesem nicht leicht erkannt wird; in den meisten Fällen aber bildet die „sympathische Farbenwahl“, wie sie [819] Darwin nennt, einen directen Schutz gegen Verfolger, welche gar oft an den Beutethieren vorbeikommen, ohne sie zu erkennen.

Am vollkommensten ist nun dieser Schutz durch die Farbenmaske bei denjenigen Thieren, deren Farbe sich bei jeder Ortsveränderung durch einen eigenthümlichen Lebensproceß der neuen Umgebung anpaßt, welches Vermögen, wie ich in Nr. 42, Jahrg. 1878 der „Gartenlaube“ schon bemerkte, sehr viele Fische, vorzugsweise die Flachfische, Drachenköpfe, Grundeln, Bachforellen und andere, ferner alle Kopffüßler und sehr viele Eidechsen und Baumfrösche, letztere in sehr hohem Maße, besitzen. Vom Chamäleon ist dasselbe allgemein bekannt, aber auch die Blutsauger-Echsen und Leguane ändern ihre Farbe sehr leicht, der Arrad, sowie die Schiller-Echsen übertreffen hierin noch das Chamäleon, und viele Baumfrösche erscheinen nach jedem Sprung anders und zwar dem neuen Orte gleichgefärbt, sodaß man sie auf den ersten Blick fast immer für Blätter oder Astknorren hält.

Die Anpassung an die Umgebung, das Maskiren zum Schutze der Thiere erstreckt sich aber nicht allein auf die Farbe, sondern auch auf die Form, und offenbart sich hierin in der verschiedensten, oft geradezu in komischer Weise.

So haben die Raupen des rothen Ordensbandes seitliche Franzen, welche sich derartig an die Unterlage anschmiegen, daß das Thier zum Aste zu gehören, ein Stück Rinde zu sein scheint. Die Flügel des wandelnden Blattes sehen, wie bekannt, einem wirklichen Blatte zum Verwechseln ähnlich; auch die Blattrippen und die Verästelungen derselben sind an dem Thiere täuschend nachgebildet, und dazu sind die Schenkel noch in einer Weise verbreitert, daß sich diese Heuschrecke erst bei genauerem Ansehen als Thier erkennen läßt. Aehnlich blätterartig sind die Flügel des Gespenstlaufkäfers geformt. Auch manche Raupen, z. B. die Spannerraupen, gleichen in ihrer steifen Ruhelage täuschend einem kleinen Zweigstummel. Viele andere Schmetterlingsraupen sind durch Franzen und lappenförmige Anhänge für den ersten Blick ganz thierunähnlich gemacht. Tropische Spinnen aus der Familie der Taranteln haben überall am Leibe hornförmige Höcker, blasige Auftreibungen, Auswüchse und Erweiterungen der Beine, sodaß sie schwer als Spinnen zu erkennen sind, und wegen ähnlicher Formenspiele sind viele Zirpen, z. B. die Buckel-, Dorn-, Knoten-, Schlangen- und Helmzirpen etc. unkenntlich.

Die Pentacta, eine Seegurke (Holothurie), hat büschelförmige Kiemen, welche man sehr leicht für Algen hält; auch den Kehlfußflohkrebs unterscheidet man schwer von den Algen, auf denen er lebt. Die schlanke Asselspinne sieht dagegen wieder aus wie ein Complex von feinen Fäden und Halmen, und auch die geisterhaft schlanke Gestalt der langstirnigen Spinnenkrabbe scheint aus umgeknickten feinen Reisern zusammensetzt zu sein. Fast noch thierunähnlicher als diese sind zwei andere Krabben (Lissa und Pisa), von denen immer mehrere Exemplare im Neapolitaner Aquarium vorhanden sind und welche in ihrer Ruhestellung von Laien meist für knollige Steine gehalten werden, um so mehr als sie immer mit Moosthieren, Infusorien, Korkpolypen u. a. Thierstöcken bewachsen sind, eine Auszeichnung, die sie ihrer grenzenlosen Trägheit zu verdanken haben.

Manche Fische, wie z. B. die Drachenköpfe, sind am ganzen Leibe mit verschieden gefärbten Franzen bedeckt, die genau so aussehen, wie die verschiedenen Algen, welche die Steine gewisser Regionen regelmäßig bedecken, und hat sich nun ein solcher Fisch an einen derartigen Stein geduckt, so scheint er ganz ein Stück desselben zu sein. Das Aeußerste in der Seepflanzenähnlichkeit leistet aber, wie schon der Name andeutet, der Fetzenfisch, dessen Körper überall in lange flatternde, gewissen Algen täuschend ähnliche Fetzen und Lappen ausläuft.

Die Natur geht aber in ihrer scheinbaren Spielerei und Laune noch weiter. Zuweilen giebt sie, wie uns Darwin gezeigt hat, sehr verfolgten Thieren die Farbe und äußere Form ganz anderer Arten, welche weniger von Nachstellungen zu leiden haben, und betrügt so geradezu die betreffenden Räuber. Diese „Mimicry“ oder Nachahmung anderer Thiere ist namentlich bei einigen Schmetterlingen ausgebildet, denen sehr von Vögeln nachgestellt wird.

Wie erklären sich nun all diese individuell äußerst zweckmäßigen Anpassungen der Farbe und der Nachbildung anderer thierischer Individuen, durch welche das wahre Wesen eines Thieres maskirt wird?

Die Religionslehre sieht hierin die Allweisheit Gottes, gewisse Philosophen die Willensäußerungen einer „Erdpsyche“, einer „ Weltseele“, eines „Willens in der Natur“ oder eines „unbewußten Weltprincips“. Der Darwinismus dagegen betrachtet derartige Erscheinungen als die Folgen der Selection, der natürlichen Zuchtwahl, wie diese durch den Kampf um’s Dasein bedingt ist.

Die Zweckmäßigkeit, welche in solchen Erscheinungen den betreffenden Individuen zu gute kommt, leuchtet sofort ein, und es ist begreiflich, daß man darauf gekommen ist, sie auf den Willen eines denkenden Weltgeistes zurückzuführen. Ich bemerke übrigens, daß diese Zweckmäßigkeit wie diejenige anderer Erscheinungen, welche ich in Nr. 42, Jahrg. 1878 der „Gartenlaube“ erwähnte, nur individuell ist; denn ist z. B. das für seine eigene Existenz zweckmäßig maskirte Thier ein Räuber, der dieser Maske halber von seinen Opfern schwer erkannt wird und letztere deshalb um so leichter beschleichen kann, dann ist diese für den Räuber so zweckmäßige Anpassung für dessen Opfer zugleich im höchsten Grade unzweckmäßig. Hier gilt also der Satz des classischen Philosophen Demokrit, daß entgegengesetzte Behauptungen gleich wahr seien. Indessen ist die Darwinistische Erklärung, wonach das individuell und relativ Zweckmäßigere deshalb vorhanden ist, weil es in seiner Natur liegt sich zu erhalten, während das weniger Zweckmäßige im Kampfe um’s Dasein zu Grunde geht, bei weitem die vollkommenere und findet eine starke Unterstützung darin, daß Anpassungen, wie die hier genannten, sich bei solchen Thieren am auffälligsten, am weitesten entwickelt zeigen, welche den meisten Verfolgungen ausgesetzt sind. „Mimicry“ im engeren Sinne kommt nur bei äußerst vielseitig gefährdeten Thieren vor. Am verbreitetsten ist die „sympathische Farben- und Formwahl“ bei den Insecten und den Krebsen, erstern wird aber von Singvögeln, letztern von Polypen (Kraken) ungemein nachgestellt. Die auffälligere Anpassung dieser Art beschränkt sich überdies auf solche Thiere, welche nicht befähigt sind, sich durch andere Mittel, etwa durch rasche Flucht den Verfolgern zu entziehen, oder welche als Räuber wenig geschickt sind die Beute zu verfolgen, weshalb sie ohne ihre Masken gar bald im Kampfe um’s Dasein zu Grunde gehen würden.

Für die herumschweifenden Thiere wären aber alle diese zweckmäßigen Anpassungen nutzlos, wenn sie es nicht verstünden, bei Gefahr oder zur Ruhe auch wirklich die ihrer Maske entsprechenden Orte herauszufinden und dort die zur Täuschung geeignete Stellung einzunehmen. Hierzu beweisen aber alle entwickelteren Thiere eine sehr vollkommene Unterscheidungsgabe, die besonders bei den Vögeln unsere Bewunderung in hohem Maße verdient. Schon die Krabben kennen die ihnen gleich gefärbten Steine gar wohl, und die Schmetterlinge wissen zur Ruhe immer die ihnen ähnlichst gefärbten Blumen zu finden. Die Drachenköpfe unterscheiden bis auf die feinsten Nüancen und Schattirungen diejenigen Steine und Algen, welche sich am besten für sie zum Ducken eignen, und die Baumfrösche halten sich nie längere Zeit auf einem Aste auf, dessen Farbe sie nicht annehmen können.

Am besten unterscheiden aber die Vögel, vorzugsweise die Hühner, Reiher- und Laufvögel, die geeignetsten Oertlichkeiten, an denen sie am schwersten zu erkennen sind. Junge Trappen, Mornells, Kraniche, Auerhühner, Feldhühner und andere sind im nächsten Augenblick, nachdem die Mutter gewarnt hat, nicht mehr zu sehen und äußerst schwer zu finden, so passend haben sie den Ort zum Niederducken ausgewählt, und im vollen Bewußtsein des Werthes dieser Gleichfarbigkeit verharren sie dort regungslos in ihrer geduckten Stellung so lange, bis die Mutter wieder ruft und damit anzeigt, daß die Gefahr vorüber ist. Schnepfen, welche sich geflüchtet und irgendwo niedergeduckt haben, findet auch der geübteste Jäger meist nicht ohne die Spürnase des Hundes, weil er sie von der nächsten Umgebung nicht unterscheidet, obgleich sein Auge oft über sie hinstreift.

Auch alle Säugethiere verstehen es mehr oder minder, die geeignetste ihnen gleichsehende Oertlichkeit zum Ducken zu wählen, wiewohl nicht entfernt in dem Maße wie die erwähnten Vögel.

Anpassung an die Farbe und Form des gewöhnlichen Aufenthaltsortes, durch unbewußte natürliche Selection im Kampfe um’s Dasein bewirkt, und willkürliches Aufsuchen dieser Orte zum Fressen, Ruhen, Sonnen und Schlafen, welches eine Unterscheidung derselben voraussetzt, bedingen sich gegenseitig und weben immer in einander, und es ist nicht in jedem Falle zu entscheiden, welches Moment das Uebergewicht hat. So weit der gleichartige Ort [820] zum gewöhnlichen Aufenthalte dient, ist diese Uebereinstimmung unwillkürliche Anpassung durch natürliche Selection, so weit aber das Thier bei Gefahr dorthin flieht und sich dort duckt und ruhig verhält, im Bewußtsein, so nicht leicht gesehen, respective erkannt zu werden, beruht die Gleichfarbigkeit auf der Unterscheidung und dem Willen.

Auf reine Intelligenz ist jedenfalls ein höchst interessantes Mittel zurückzuführen, durch welches sich der in Moorgegenden brütende Kranich unkenntlich zu machen sucht. Er schminkt sich nämlich. Sobald ihn das Brutgeschäft längere Zeit an sein Nest fesselt, nimmt er, sich seiner von der Umgebung abstechenden Färbung wohl bewußt, die rothe Moorerde in den Schnabel, zieht die einzelnen Federn durch denselben und färbt so sein ganzes Gefieder roth, macht es also in der Farbe der Umgebung gleich; er ist jetzt nur schwer in derselben zu entdecken. Die Schlauheit des Kranichs ist so über allen Zweifel erhaben, daß man hier unbedenklich Bewußtsein vom Nutzen der Schminkprocedur annehmen darf.

Eine andere Gewohnheit, die das Unkenntlichwerden bezweckt und die, ohne allgemeiner verbreitet zu sein, doch in den verschiedensten Thierclassen wieder auftaucht, ist das Bedecken mit den Dingen der nächsten Umgebung. Schon die Seeigel, ebenso große Räuber, wie gesuchte Leckerbissen, heften ihre langen, immerwährend hin und her tastenden Saugfüßchen an die nächstliegenden Algenfetzen, Steinchen und Muschelschalen, ziehen dieselben dann an sich und bedecken nach und nach ihren ganzen kugelförmigen Körper damit. Wie meisterhaft es manche Krabben, namentlich die Seespinnen verstehen, sich durch Maskiren mit den Dingen der nächsten Umgebung unsichtbar zu machen, habe ich bereits in Nr. 41, Jahrg. 1878 der „Gartenlaube“ geschildert. Die Rochen und Schollen überschütten sich zu gleichem Zwecke mit Sand.

Da dieses ungemein zweckentsprechende Schutzmittel, soll es im vollen Bewußtsein der Nützlichkeit angewendet werden, eine außergewöhnliche Intelligenz voraussetzt, so müssen wir die Entstehung dieser Gewohnheit bei den niederen Thieren, z. B. beim Seeigel, fast ausschließlich der Selection zuschreiben. Bewußt übt sie beispielsweise der Rüsselseehund. Will sich derselbe der Ruhe auf dem Lande hingeben, so bewirft er sich, ähnlich wie die Flachfische, mit Sand, wodurch er sich nicht nur gegen die Sonnenhitze schützt, sondern auch maskirt, indem er dann leicht für einen Felsen oder Sandhaufen gehalten werden kann.

Bei den Vögeln gelten ähnliche Schutzmittel meist der Brut. Während alle Vögel zum Nestbau mehr oder weniger solche Stoffe zu wählen verstehen, welche in der Färbung möglichst wenig von der unmittelbaren Umgebung abstechen, überziehen Zeisig und Edelfink noch außerdem das Nest so geschickt mit denselben Flechten, welche die Rinde des Baumes bedecken, daß auch der Kundige Mühe hat, dasselbe zu entdecken, und Unkundige es fast immer für einen Baumknorren halten. Uebrigens macht auch die Mooshummel ihr Nest durch Bedecken mit Moos unkenntlich.

Wie viel die Art des Duckens, das heißt die Körperstellung zur Unkenntlichkeit beitragen kann, weiß der Wiedehopf gut zu schätzen. Er stürzt, wenn sich ein schlimmer Feind naht, aus der Luft herab, breitet die Flügel glatt auf dem Boden aus, legt den Kopf zurück und streckt den Schnabel in die Höhe, sodaß er für den ersten Blick ganz unkenntlich ist.

Eines höchst eigenthümlichen und, wie es scheint, auf reiner Schlauheit beruhenden Kunstgriffes bedient sich der Wendehals. Naht sich ihm ein gefürchteter Feind, so dehnt er den Hals lang aus, dreht ihn langsam und macht damit die Bewegungen einer Schlange nach. Wird er nun auch gerade nicht für eine solche gehalten, so erscheint er doch seinem Verfolger dann leicht als ein fremdartiges Wesen, und da alle Thiere gegen jedes ihnen Unbekannte sehr mißtrauisch sind, so entgeht der Wendehals durch seine willkürliche „Mimicry“ leicht der Gefahr.

So findet sich denn eine auffallende Uebereinstimmung in den Mitteln zum Unkenntlichmachen, welche unbewußt durch die Selection erworben sind, und solchen, welche auf instinctiven Empfindungs- und Wahrnehmungstrieben beruhen oder aus Zweckvorstellungen entspringen.


  1. Verfasser obigen Artikels, dessen Aufsätze über „Das Leben und Treiben auf dem Meeresgrunde“ in Nr. 41 und 42 des vorigen Jahrgangs so lebhaften Anklang gefunden, veröffentlicht soeben ein solches Werk unter dem Titel: „Der thierische Wille. Systematische Darstellung und Erklärung der thierischen Triebe und deren Entstehung, Entwickelung und Verbreitung im Thierreiche als Grundlage zu einer vergleichenden Willenslehre“ (Leipzig, Ambr. Abel). Schneider ist ein talentvoller Schüler Häckel’s.
    D. Red.