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X.
3. März.
Kunigunda,
Wittwe.


 Am 3. März des Jahres 1040 starb zu Cassel eine Jüngerin Jesu, deren Leben und Verhalten sicherlich nach dem Geschmack unserer Tage nicht ist, auch keineswegs als die einzige, oder auch nur beste Form eines wahrhaft christlichen Frauenlebens dargestellt werden soll. Wie man aber Bauten und Kunstwerke der alten Zeit oder sonst Zeugnisse eines früheren Lebens der Kirche und der Menschheit, auch wenn sie uns fremd entgegen treten, dennoch ansieht, ihren Sinn erforscht, und wenn er enträthselt ist, würdigt und schätzt, so fordern auch die Christengestalten des Mittelalters den jetzigen Christen heraus, nicht nach der bloßen Form und Gestaltung des Lebens zu richten, sondern nach der sich kund gebenden inneren Gesinnung und nach der heiligen Absicht, welche auch ein solches Leben haben kann.| Eingänge, wie dieser, sind um der Schwachen willen nöthig, welche so oftmals durch Vorurtheile sich selbst den Gesichtskreis des Lebens verengern und sich das Bewußtsein der Gemeinschaft mit Menschen rauben, welche ihnen, so fremd ihre Gestalt aussehen mag, innerlich am Ende doch nicht weniger nahe angehören, als die Heiligen, die ganz nach der Form des protestantischen Lebens in diesem Jahrhundert gestaltet sind.

 Kunigunda war die Tochter Siegfrieds, des ersten Grafen von Luxemburg. Zur frommen Jungfrau herangewachsen und herangebildet, wurde sie von ihren Aeltern mit jenem Herzog Heinrich von Bayern vermählt, welcher im Jahre 1200 zum Kaiser erwählt wurde, als solcher der zweite seines Namens und „der Heilige“ zubenannt ist, – also mit einem Manne, der, bekannt wie einer, doch vielleicht nicht gekannt und erkannt ist nach der Wahrheit, und welchem daher die neuere Geschichtsschreibung, selbst verdächtigen Namens, lieber den Beinamen „Pfaffenknecht“ oder sonst einen dieser Art beigelegt hätte.

 Ehe Kunigunda mit ihrem Gemahle getraut wurde, hatte sie unter seiner eigenen Bewilligung das Gelübde gethan, lebenslänglich, auch in der Ehe, jungfräulichen| Leibes zu bleiben. Der Kaiser selbst entsprach seiner Gemahlin durch den gleichen eigenen Entschluß. So lebten denn die beiden zusammen in Frieden und innigster Gemeinschaft der Seelen und genoßen eine Weile ein Glück, von welchem wir so wenig erfahren haben, daß wir ihm mistrauen. Das Glück wurde gestört: giftige Zungen suchten dem Kaiser die Meinung beizubringen, als sei ihm Kunigunda nicht treu, sondern pflege ehebrecherischen Umgang. Die jungfräuliche Gemahlin aber hatte ein gutes Gewißen und Muth genug, sich auf ein Gottesurtheil zu berufen, und gieng nach dem Zeugnis ihrer Zeitgenoßen zum Beweise, daß der HErr mit ihr sei, unversehrt über glühende Pflugschaaren mit entblößten Füßen. Da sah denn Heinrich, wem er zu trauen habe; er bat seine Gemahlin um Verzeihung, und das stille Glück der beiden ehelichen Seelen wurde fortan durch keine Einmischung eines andern und überhaupt durch nichts mehr getrübt, als durch den Tod. Kunigunda hatte sich nach Hessen zurückgezogen, um in Kapungen oder Kaufungen ein weibliches Benediktinerkloster zu stiften. Während sie damit beschäftigt war, nahm der HErr ihren Gemahl Heinrich aus der Zeit. Es war im Jahre 1024. Einer Frau, die so für die| Ewigkeit lebte, wie die Kaiserin, mußte es bald möglich werden, sich in die Trennung zu schicken. Sie hatte keine Ursache zu trauern, als wäre mit Heinrich II. alles zu Ende, als gäbe es für ihn keine Hoffnung mehr. Sie widmete sich nun um so mehr den Werken der Barmherzigkeit und schonte ihre Schätze nicht. Sie gründete Bisthümer und Pfarreien und Klöster und suchte mit reicher Hand die Noth der Armen und der Leidenden zu wenden. Aber sie war zu sehr von einem höheren Geiste des Lebens ergriffen, als daß sie mit Werken hätte zufrieden sein können; es galt ihr um mehr, als um Schaffen und äußeres Wirken; sie rang nach Freiheit von allem Irdischen und begehrte sehnlich, abgeschieden von jeder Sorge dem HErrn Christus zu leben. Als sich daher an Heinrichs Todestage viele Bischöfe zu Kaufungen versammelt hatten, um die Kirche einzuweihen, legte sie während der Messe ihr kaiserliches Gewand ab, hüllte sich in ein Kleid der Armuth, ließ sich die Haare abschneiden und nahm aus der Hand des Bischofs von Paderborn Ring und Schleier zum Zeichen und Unterpfand ihres Verlöbnisses mit Christo ihrem HErrn. Sie wollte nicht blos ihre Kirche, sondern sich selbst dem Erlöser der Welt| übergeben und suchte von da an so in Demuth und Aufopferung für Andere zu leben, als hätte sie nichts nöthiger gehabt, als im Gedächtnis ihrer Umgebungen jede Erinnerung daran auszulöschen, daß sie einmal mit einem Kaiser Krone und Thron getheilt hatte. Nach fünfzehn Jahren einer solchen Bewährung findet man sie am 3. März 1040 in einem rauhen Bußkleide todesnahe liegen. Die Sterbegebete werden gesprochen; bereits beschäftigt man sich mit Herbeibringung eines prächtigen mit goldenen Borten besetzten Todentuches, ihre Leiche damit zu verhüllen; sie merkt es aber, sie wehrt es, sie will keine Erinnerung an das kaiserliche Leben, ihr Ordenskleid soll sie bedecken, das muß man ihr versprechen. So geht sie mit dem vollen Ernste einer Jüngerin, die hier keine Heimath hat, sondern sie anderwärts sucht, aus der Zeit. Ihr Leichnam wurde nach Bamberg gebracht und ruht neben dem Heinrichs II.
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 Ein Sinn und Wille war durchgeführt im ganzen Lebenslaufe von der Jugend bis zum Grabe; Eine Absicht war festgehalten und endlich erreicht: Kunigunda ist jungfräulich und bräutlich ihrem Gemahle Heinrich nachgefolgt bis in die Ewigkeit, ohne daß je| ihr Fuß von dem Wege der lauteren Nachfolge Deßen abgetreten wäre, Deßen Reich nicht von dieser Welt ist, und der ohne Zweifel auch dadurch geehrt wird, wenn die Könige dieser Welt Sein armes Leben mehr lieben, als ihre zeitliche Herrlichkeit. Was dabei nach der Zeiten Art und Weise geirrt und gefehlt ist, das hindert nicht, daß das Gedächtnis der Gerechten im Segen bleibt und zur Nachfolge JEsu ziehe.




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