Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen: Neukirchen

Textdaten
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Autor: M. G.
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Titel: Neukirchen
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aus: Erzgebirgischer Kreis, in: Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen. Band 4, Seite 121–123
Herausgeber: Gustav Adolf Poenicke
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Erscheinungsdatum: [1856]
Verlag: Expedition des Ritterschaftlichen Album-Vereins
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Erscheinungsort: Leipzig
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Album der Schlösser und Rittergüter im Königreiche Sachsen IV 190.jpg
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Neukirchen


liegt 1½ bis 1¾ Stunden von Chemnitz gegen Südsüdwest, 2½ bis 3 Stunden von Hohenstein, 3 bis 3¾ Stunden von Zschopau, 3 Stunden von Stollberg, zieht sich in einem gekrümmten, anfangs seichten, dann aber tiefern, zuletzt wieder breiten und offenen Grunde an einem Wässerchen herunter, bis nahe ans linke Ufer der Würschnitz, welche sich 1 Stunde weiter unten, im obersten Theile von Alt-Chemnitz, mit der etwas stärkeren Zwönitz verbindet und so die Chemnitz bilden hilft. Jenes obengenannte Wässerchen aber entspringt nahe über dem Orte, auf derselben hochgelegenen, ebenen Gegend (zwischen hier, Leukersdorf und Mittelbach), welche auch die Quellen des Lungwitzer Baches, des Mittelbaches und des Leukersdorfer Wassers enthält und sich gegen 1400 pariser Fuss über das Meer erhebt. Die Länge des Orts beträgt über ¾ Stunden, die Richtung ist südöstlich und östlich und die Meereshöhe der obersten Häuser ist zu 1300, die der untersten zu 1000 pariser Fuss anzunehmen.

Das gegen Nord ziemlich steil ansteigende Gebirge trägt in kleiner Entfernung vom Orte den sehr grossen Neukirchner Wald.

Unterwärts am rechten Ufer der Würschnitz liegen die Rittergutsgebäude nebst zwei Mühlen in einer höchst anmuthigen Aue.

Das Schloss ist in Quadrat gebaut, umschliesst einen engen Hof, ist 3 Etagen hoch, mit einem Schieferdach, einem Thürmchen, einer Schlaguhr und mehreren Blitzableitern versehen und hat noch ein ziemlich ritterliches Ansehen. Die dicht dabei stehenden in zwei Gehöfte vertheilten Wirthschaftsgebäude sind wohlgebaut, tragen ebenfalls viele Blitzableiter und enthalten eine starke Brauerei. Hinter derselben sind die schönsten Parkanlagen.

Neukirchen gehörte als Vorwerk in den früheren Zeiten zu der Herrschaft Rabenstein, welche erst die Burggrafen und dann deren Nachfolger, die Dynasten von Waldenburg besassen.

Johann von Waldenburg und dessen Söhne verkauften im Jahre 1375 die Herrschaft an das Berg- oder Johanniskloster zu Chemnitz, in welchem Kaufe dem Abte nebst dem Convente des Klosters ausdrücklich bemerkt worden war, dass die Herrschaft Rabenstein bei Niemandem zu Lehn gehe.

Später gerieth das Kloster zu Chemnitz mit denen von Schönburg in Fehde und im Jahre 1386 endigte diese Fehde mit der Eroberung „des Steins.“ Das Johanniskloster erhielt aber Letzteren bald wieder und durch Schenkungen der Kaiser, der Burggrafen und der Dynasten von Waldenburg wuchs dasselbe bald so gewaltig an, dass es ums Jahr 1500 fast die ganze Rabensteiner Herrschaft oder das Zubehör des Burggrafenamtes besass. Es hatte die Marktnutzung in der Stadt, die Berg- und Salzregale in der ganzen Gegend und der Abt war nicht nur Collator zu Penig, sondern auch Archidiakon über die Erzpriester zu Chemnitz Waldenburg, Stollberg und Wolkenstein.

Der letzte Abt Hilarius von Rehberg und der Klostervoigt Johann von Seydewitz waren Günstlinge des Herzogs Heinrich des Frommen, woher es kam, dass die Aufhebung des Klosters nicht so schnell vor sich ging, obschon auf dem im Jahre 1539 zu Chemnitz gehaltenen Landtage in diesem Jahre noch die Einführung der Reformation erfolgte. Die Besitzungen des Klosters selbst wurden erst im Jahre 1546 gegen Entschädigung an Herzog Moritz abgetreten, welcher im Jahre 1548 nach Chemnitz zog.

Neukirchen aber, welches zur Zeit der Klosterherrschaft als ein abteiliches Vorwerk vorkommt, wurde mit Claffenbach und Burkersdorf, dem Marktflecken, an Wolf Hünerkopf zu Annaberg schon ums Jahr 1543 veräussert und kommt seit dieser Zeit als Rittergut vor. Von der Familie Hünerkopf kam es an die Herren von Gröbel. Nach dem Aussterben dieses Geschlechts fiel es dem Churhause Sachsen zu, welches die Grafen und Freiherrn von Taube damit belehnte, bei welcher Familie die Besitzung nebst dem damit verbundenen Gute Höckerigt vom 17. Jahrhundert bis zum Jahre 1819 geblieben ist. Aus dem Stifte Paderborn in Westphalen stammend, erscheinen die Ritter „von Duve“ schon im Jahre 1221 in den liefländischen Ordenslanden. Von hier aus verzweigten sie sich nach Preussen, Sachsen, Schweden, Dänemark und Würtemberg und [122] erwarben überall, wohin sie kamen, die ersten Würden und Aemter. Während sie in Schweden – wo sie den Admiralsrang, wie ein hohes Erbe bewahrten – wiederholt die Freiherrn- und Grafenwürde an ihr Haus brachten, gelangten sie nicht minder in Deutschland in den Besitz der höhern Adelskronen. Dietrich von Taube geb. 1594 aus dem alten Stammhause Maard und Halinapp in Esthland, kurfürstl. sächs. Ober-Hofmarschall ward nebst seinen Brüdern: Claus, kurfürstl. sächs. Obersten und Reinhard, kurfürstl. sächs. Ober-Stallmeister, so wie mit seines ältesten Bruders Hans einzigem Sohne Johann Georg, kurfürstl. sächs. Kammerherrn, vom Kaiser Ferdinand III. laut Diplom d. d. Wien, 19. Juni 1638 in das heil. röm. Reichs Panner- und Freiherrenstand erhoben. Dietrich und Claus starben ohne Descendenz; Reinhard dagegen hinterliess einen Sohn, Reinhard Dietrich, der als kurfürstl. sächs. wirkl. Geh. Rath und Kanzler laut kaiserl. Diplom d. d. Neustadt, 25. Juni 1676 zum Grafen des heil. röm. Reichs ernannt ward. Letzterer hatte von seiner Gemahlin Rahel, geb. von Friesen, einen einzigen Sohn, Ernst Dietrich (geb. 1661, gest. 1694), kurfürstl. sächs. Kammerherrn und Reichspfennigmeister des obersächsischen Kreises, welcher indessen nur Töchter besass, die unvermählt vor ihm starben. Seine reichen Besitzungen und auch Neukirchen, womit derselbe beliehen war, vererbte er deshalb seinem Vetter, dem Reichs-Freiherrn Johann Georg von Taube.

Die beiden Enkel dieses Johann Georg bildeten hierauf die Linien von Neukirchen und Nieder-Pöllnitz bei Neustadt an der Orla. Die Nachkommen derselben blühen noch gegenwärtig, die Besitzungen aber, von welchen sie sich nannten, sind in fremde Hände übergegangen.

Die ältere Linie bildete der Reichs-Freiherr Herrmann Oskar geb. 7. Febr. 1814 zu Neukirchen, der Sohn des Claus Moritz von Taube und der Mathilde, geb. Gräfin von Bünau einziger Sohn. Im Jahre 1819 erkaufte Neukirchen mit Höckricht Herr Carl Heinrich Hänel, Kaufmann aus Schneeberg.

Der dermalige Besitzer aber ist Herr C. G. Clauss auf Seusslitz.

Vor der neuen Gerichtsorganisation befand sich ausser der Gerichtsstube, in welcher jede Woche Donnerstag ordentlicher und gewöhnlich noch ein oder zwei Mal Gerichtstag gehalten wurde, eine immer offene Gerichtsexpedition, so dass die Gerichtsuntergebenen stets Rath, Hülfe und Beistand ohne grossen Kostenaufwand finden konnten.

Ja man kann sagen, dass zwischen Gerichtsherrschaft, Gerichtsdirektor und Gerichtsuntergebenen ein so schönes Einvernehmen herrschte, wie es wohl nicht selten wieder zu finden sein dürfte.

Auf der einen Seite wurde allen Beschwerden, allen Klagen so kurz als möglich abgeholfen, auf der andern allen Verhältnissen so viel als möglich Rechnung getragen und so die Zufriedenheit aller Orten eingeerndtet.

Die Oekonomie des Gutes ist bedeutend und die Rindviehzucht wegen der grossen Wiesenflächen an der Würschnitz sehr nutzbar. Ausser dem grossen Neukirchner Wald, der sich zwischen hier, Markersdorf und Stelzendorf ausbreitet, gehören noch mehrere Waldungen bei Adorf und Claffenbach, so wie bei Stelzendorf zum Gute, ausserdem mehrere Teiche von mittlerer Grösse und 2 grosse Schäfereien.

Mit dem Rittergute ist das neu schriftsässige Gut Höckricht combinirt, wozu das Dorf Neustadt gehört. Auch der Marktflecken Burkersdorf und die Dörfer Claffenbach, Stelzendorf und Neusteg waren der Gerichtsherrschaft von Neukirchen vor der neuen Gerichtsorganisation untergeben, im Ganzen überhaupt 4000 Unterthanen inclusive eines Erbgerichts, 9 Mühlen, 122 Bauergütern.

Neukirchen allein hat jetzt 264 bewohnte Gebäude mit 2717 Einwohnern. Das starke Anwachsen der Volksmenge seit einigen 20 Jahren beruht vorzüglich auf der starken Fabriksarbeit im Orte. Unter den Einwohnern, welche zum grössten Theile Strumpfwirkerei und Weberei verschiedener baumwollener Zeuge ins Grosse treiben, giebt es auch viele Factors und Kaufleute, deren Wohnungen schöner sind, als die, im Ganzen doch auch wohlgebauten übrigen Häuser. Unter den letzteren befindet sich ein Gasthof an der Strasse, die nach Stollberg und Schneeberg führt. Neukirchen bildet in allen Angelegenheiten nur eine Gemeinde ausser den Schulbezirken.

Die Gerichtsherrschaft von Neukirchen hat die Collatur über Kirche und Schule des Ortes.

Die Kirche steht nordöstlich im Niederdorfe auf einem Hügel und ist sehr alt, aber mit zwei Thürmen geziert. Ausser vielem, zum Theil nicht schlechten Schnitzwerk und einer guten Orgel sind besonders die Freiherrl. Taubeschen Denkmäler bemerkenswerth.

Eins darunter gilt dem[WS 1] General Freiherrn von Taube, welcher im [123] Türkenkriege sich ausgezeichnet hat; es ist jedoch mit allerlei Emblemen überladen.

Auf dem grossen Gottesacker um die Kirche sieht man unter andern schönen Denksteinen auch einen herrlichen von Marmor.

In die Kirche sind noch die beiden grossen Dörfer Claffenbach und Adorf, so wie Stelzendorf und Markersdorf gepfarrt und mit Einschluss des Filials Leukersdorf begreift die Parochie über 5000 Seelen. Das Pastorat gehört zu den best dotirten des Landes.

Die Pfarrwohnung, dicht bei der Kirche gelegen, hat grosse, sehr schöne Gebäude und bietet eine herrliche Aussicht nach Adorf und Johnsdorf dar. Dazu gehören ansehnliche Gärten und Parkanlagen.

Leukersdorf ist gewissermassen als Schwesterkirche zu betrachten, indem der Frühgottesdienst in beiden Kirchen abwechselt.

Kirche und Schule stehen unter der Ephorie Chemnitz und der Ort selbst gehört jetzt zum Gerichtsamt und zum Bezirksgericht Chemnitz, zur Amtshauptmannschaft Chemnitz, zum Regierungsbezirk Zwickau.

Der oben erwähnte Marktflecken Burkersdorf oder Burkhardsdorf, welcher früher Neukirchen untergeben war und jetzt zum Gerichtsamt Stollberg gehört, ist der Geburtsort des berühmten Oberbibliothekar Canzler und dessen Bruders Oberrechnungsrathes und sächsischen Statistikers Canzler, von denen der erstere 1733, der letztere 1740 hier das Licht der Welt erblickte.

In der Nähe befinden sich die hohen und steilen Niklas-, Geiers-, Stein- und Mühlberge, so wie der abentheuerliche Nestler Felsen, der zwar nur 120 Ellen hoch ist, aber einen so sonderbaren Felsen trägt, dass derselbe in neuerer Zeit sehr häufig von berühmten Künstlern abgezeichnet worden ist. Von diesem Felsen hat man auch eine reitzende Aussicht in das niedere Zwönizthal.

Burkersdorf hat auch ein Lehngericht, welches als Gasthof dient und im Jahre 1368 das einzige Gut innerhalb der Chemnitzer Bier-Meile mit freier Brauerei und Schankgerechtigkeit war.

Der einstige Bergbau hiesiger Gegend ist schon seit 300 Jahren verschwunden und die Versuche auf Steinkohlen hier und da belohnten sich nicht.

Auch Burkersdorf gehörte zur früheren Reichsherrschaft Rabenstein.

Am 29. Juli des Jahres 1739 zog über Burkersdorf ein schweres heftiges Gewitter.

Der 2. Busstag des Landes hatte die Einwohner in die Kirche gerufen und halb 10 Uhr war es, als eben die Worte der Litanei: „Vor einem bösen schnellen Tode behüt uns lieber Herre Gott“ gesungen wurden und zu gleicher Zeit fiel unter einem schrecklichen Donnerschlag ein Wetterstrahl auf den Thurmknopf. Er zertheilte sich nach den angerichteten Verwüstungen zu urtheilen, in 3 Aeste, richtete am Gebäude selbst grossen Schaden an, ohne jedoch zu zünden, tödtete den Obermüller des Orts Lange, so dass er in seinem Stuhle sitzend mit aufgehobenen Händen, offenen Augen und Munde als ein Betender oder Singender todt gefunden wurde, traf ferner einen Bauer, Namens Fischer, beschädigte ihn am Rücken, ohne dass die Verletzung lebensgefährlich geworden wäre und verbrannte den Erblehnrichter Canzler dermassen, dass er am nämlichen Tage Abends 7 Uhr nach grossen Schmerzen bei vollem Bewusstsein starb. Gegen 30 andere Personen wurden zwar zu Boden geworfen und einzelne Theile ihrer Kleidung zerrissen und versengt, sie erholten sich jedoch alle wieder.

Auch von grossen Wasserfluthen können die Burkersdorfer erzählen.

Eine solche kam über Burkersdorf im Jahre 1628, bei weicher 28 Personen ums Leben kamen, und eine zweite ereignete sich im Jahre 1694, wo ein Haus weggerissen wurde, ohne ein Menschenleben als Opfer zu fordern.

M. G.     



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: bem