Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
fertig  
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Band IX,2 (1916) Sp. 18431846
Iolaos in der Wikipedia
Iolaos in Wikidata
Linkvorlage für WP   
* {{RE|IX,2|1843|1846|Iolaos 1|[[REAutor]]|RE:Iolaos 1}}        

Iolaos. 1) Boiotischer, von Herakles zurückgedrängter Heros. Über die Namensform teilt mir Kretschmer Folgendes mit: ‚ϜιόλαϜος auf einem korinthischen Aryballos in Breslau (s. u.), Kretschmer Griech. Vaseninschr.[WS 1] 26. 44; etrusk. Vile auf Spiegeln, Kretschmer a. a. O. 44, 1; ΕΙΟΛΕΟΣ[WS 2] auf einer att. sf. Hydria im Brit. Mus. nr. 454. CIG 7559. Kretschmer a. a. O. 96 mag sich daraus erklären, daß der Vasenmaler eine Vorlage kopierte, auf der Ϝιόλεως (chalkid. Vase) oder Ϝιόλαος (korinth.) geschrieben war, und Ϝ zu Ε entstellte. Ἰόλαος, bei Homer noch fehlend, wird von Hesiod Theog. 317 und 8 mal in der Ἀσπίς, 1 mal in der Ehoee Hesiod frg. 142 Rz. genannt, immer mit kurzem ι. Aber von den zehn Stellen zeigen acht den Namen am Versschluß: Theog. 317 ἀρηιφίλῳ Ἰολάῳ; Sc. 102 ἀμώμητος Ἰόλαος; 323 κρατερὸς Ἰόλαος; 340 διόγνητος Ἰόλαος; 467 κυδάλιμος Ἰόλαος; 74 κυδαλίμου Ἰολάου usw., zwei im Vokativ am Versanfang Sc. 78. 118 ἥρως, ὦ Ἰόλαε. Da dem daktylischen Metrum widerstrebte, so könnte man an Kürzung des ι metri causa denken. Doch wäre dies ohne Analogie und es messen auch die späteren Dichter, Pindar, Euripides, ι kurz.

Ableitung von Ϝῐ́ον Veilchen (so Terentian. Maur. Fick-Bechtel Pers. 391) ist begrifflich unannehmbar. Von Ϝῑός Gift ‚der Gift dem Volke spendet‘ Gruppe Gr. Myth. 456 ebenfalls unwahrscheinlich. Dagegen paßt Ϝῑ́ς ‚Kraft‘ gut zu dem Sohne des Ἰφικλῆς und Freund des Herakles, auch zu Ἰόλη, korinth. Ϝιόλα (Kretschmer 44), der Schwester des Ἴφιτος. Schwierigkeit macht eben nur die Quantität des ι. Da zu Ϝῑ́ς Ϝῑ́εμαι, Ϝιώκω gehören dürfte und (Ϝ)ῐωκή, ῐ̓ῶκα bei Homer kurzes ι hat neben ῑ̓ωχμός, so bestand ein ererbter Wechsel von Ϝῑ- mit Ϝῐ-. Ϝῑ́ς Instr. Ϝῖφι mag Ϝῐός flektiert haben wie σῦς σῠός und von da ϜῐόλᾱϜος ausgegangen sein. Wahrscheinlich gehören auch Ϝίων, Ϝιώι, Ϝιωνίς auf korinthischen, Ϝιώ auf chalkidischen Vasen hierher (Kretschmer 42. 43. 63f.). Aber die Quantität des ι ist in diesen Fällen unbekannt. Ἰώ (= Ϝιώ?) hat kurzes ι.‘

Die eigentliche Kultstätte des I. ist Theben (Pind. Isthm. 5, 32). Hier besaß er ein Heroon vor dem Proitidischen Tor, und zwar, wie sich aus Arrian. anab. I 7, 7 ergibt, westlich davon (vgl. die Karte in Bädekers Griechenland zu [1844] S. 174). Paus. IX 23, 1 und Blümner und Frazer z. d. St. Daß er hier im Grabe seiner Ahnen beigesetzt sei, erzählt Pind. Pyth. 9, 79; als es später hieß, I. sei in Sardinien begraben, erklärte man das Grab für ein Kenotaph. Schol. Pind. Nem. 4, 32; vgl. Olymp. 9, 98 mit Schol. An dieser Stätte wurde der Bund zwischen ἐρώμενοι und ἐρασταί durch einen feierlichen Eid geschlossen (Aristot. frg. 97). Neben dem Heroon lag ein Gymnasion und ein Stadion (Paus. a. O. Schol. Pind. a. O.), und hier wurden die Iolaeia, (s. d.) gefeiert, die man später Herakleia nannte (Stengel o. Bd. VIII S. 440), so daß Polemon, von dem es eine Sonderschrift über diesen Agon gab, seine Beziehung auf I. ganz leugnen konnte (FHG III 123). Dieser Agon, das Grab vor dem Tore (vielleicht auch die Vorstellung von einem Kenotaph) beweisen ebenfalls für den Heroencharakter des I. (Rohde Psyche 141. 150). Er wurzelte fest im religiösen Bewußtsein der Boioter, denn Aristophanes läßt seinen Boioter bei I. schwören (Ach. 867) und auch Plut. frat. amor. 21 (III 277 Bern.) bezeugt seine Anrufung. Von Theben hatte sich sein Kult nach Athen verbreitet, wo er im Kynosarges neben den Altären des Herakles und der Hebe einen solchen mit Alkmene zusammen hatte (Paus. I 19, 3). In der Urkunde der Schatzmeister der anderen Götter IG I 210 frg. k ist die Lesung und Ergänzung Ἰόλ[εω] nicht ganz sicher. Daß er an vielen Orten σύμβωμος des Herakles gewesen sei, sagt vielleicht übertreibend Plut. a. O.

Seine Verdrängung durch Herakles ergibt sich schon aus der Umnennung der thebanischen Spiele; er wird nun zu seinem treuesten Gefährten (παραστάτης Plut. a. O.) und Wagenlenker (Hesiod sc. 95. 323. Apollod. II 78. Monumente), letzteres vielleicht eben deshalb, weil ihm selbst Wagenrennen gefeiert wurden. Er gehört zu den berühmten Wagenlenkern (Pind. Isthm. 1, 18 von ihm und Kastor κεῖνοι γὰρ ἡρώων διφρηλάται Λακεδαίμονι καὶ Θήβαις ἐτέκνωθεν κράτιστοι), beteiligt sich an den ἆθλα ἐπὶ Πελίᾳ (Hygin. fab. 273, nach Paus. V 17, 11 auf der Kypseloslade dargestellt) und siegt als erster in Olympia (Paus. V 8, 3f.). Neben Herakles Kallinikos ruft ihn Archil. frg. 118 als αἰχμητής an. Er wird natürlich auch genealogisch zu Herakles in Beziehung gesetzt und zum Sohne von dessen Stiefbruder Iphikles (s. d.) und von Alkathoos’ Tochter Automedusa gemacht (Hesiod sc. 79. 111. Apollod. II 70 Paus. VIII 14, 9. Hygin. fab. 173. 273). Er ist an den meisten Abenteuern des Herakles beteiligt (Eur. Heraklid. 7. 88. Paus. I 19, 3. VIII 14, 9. 45, 6 und besonders die Monumente). Näheres über seine Teilnahme an der Bezwingung der Hydra war wohl schon in einem alten Epos berichtet (Sittig o. Bd. IX S. 46): er schneidet ihr den Kopf mit einer Sichel ab (alte korinthische Vase in Breslau, Rossbach Griech. Antiken, Breslau 1889) oder sengt sie mit einem Feuerbrand (Eur. Ion 190. Apollod. II 79) oder mit Eisen (Quint. Sm. VI 218. Münzen von Agyrion, s. u.). Seine Beteiligung an der Tötung des Kyknos erzählt eingehend Hesiod sc. 74ff. Er zieht mit Herakles gegen Troia (Pind. Nem. 3, 61) und Sparta (Eur. Heraklid. 741) und ist bei seiner Verbrennung auf dem Oita anwesend (Diod. IV 38, vielleicht [1845] auch auf der Vase Ann d. Inst. 1880 N.); über Geryoneus s. u. Vgl. im allgemeinen (namentlich auch über die Monumente) Gruppe Art. Herakles Suppl.-Heft III.

Als den Freund des Herakles trifft ihn die Rache des Eurystheus; er muß mit ihm aus Tiryns fliehen und begleitet ihn nach Pheneos (Diod. IV 33, 2). Aber er nimmt auch die Rache an Eurystheus, als dieser die Herakliden verfolgt, indem er ihm bei Theben das Haupt abschlägt (Hiller v. Gaertringen o. Bd. VI S. 1355). Später verlegte man diesen Vorgang nach Attika (Strab. VIII 377. Paus. I 44, 10), und daran knüpfte Euripides in seinen Herakliden an: hier ist I. zu alt, um am Kampfe teilzunehmen, läßt sich aber doch wappnen und aufs Schlachtfeld fahren und wird im entscheidenden Augenblick durch ein Wunder nur für diesen Tag verjüngt; (vgl. Lucian Dial. mort. 5, 2) er fängt den Eurystheus am skironischen Felsen (v. 859, vgl. Ovid. met. IX 399. 430). Auch diese in der Schlacht geleistete Hilfe weist auf den Heroencharakter des I. (Rohde Psyche 182). Mit der Tradition von seinem Grabe wird sie so ausgeglichen, daß er sich die Rückkehr zu den Lebenden wünscht und nach der Tötung des Eurystheus wieder stirbt (Schol. Pind. Pyth. 9, 137).

Eine Sagenklitterung ist es, daß ihm Herakles bei seiner Verheiratung mit Iole die Megara zur Gattin gibt (Apollod. II 127. Diod. IV 31, 1); eine Tochter Leipephile, die den Phylas heiratet, kennt Hesiod. frg. 154. Als Teilnehmer an der Argofahrt nennt ihn Hygin. fab. 14, an der kalydonischen Jagd Hygin. fab. 173. Paus. VIII 45, 6. Ovid. met. VIII 310. Im Wahnsinn will Herakles auch ihn töten (Diod. IV 11, 1); damit hängt vielleicht die Darstellung der Assteasvase (Mon. d. Inst. VIII 10) zusammen. Eine Tragödie des Sophokles mit dem Titel I. (Welcker Griech. Trag. II 373) ist nicht bezeugt; das einzige angebliche Zitat (Schol. Aristoph. eq. 498) bezieht sich auf den auch sonst gesicherten Iokles.

Die Nachrichten über das Auftreten des I. im Westen (Sizilien und Sardinien) beruhen wohl alle auf Timaios; damit ist nicht gesagt, daß Timaios nicht an vorhandene Legenden angeknüpft hat. Geffcken Timaios’ Geogr. d. Westens 57. 169. Auf dem Zuge nach den Rindern des Geryones war I. mit Herakles nach Agyrion in Sizilien gekommen, darüber erzählt Diod. IV 24, 4: Ἰολάου … τέμενος ἀξιόλογον ἐποίησε καὶ τιμὰς καὶ θυσίας κατέδειξεν αὐτῷ γίνεσθαι κατ’ ἐνιαυτὸν τὰς μέχρι τοῦ νῦν τηρουμένας (Diodoros spricht von seiner Vaterstadt). πάντες γὰρ οἱ κατὰ ταύτην τὴν πόλιν οἰκοῦντες ἐκ γενετῆς τὰς κόμας Ἰολάῳ τρέφουσι, μέχρις ἂν ὅτου θυσίαις μεγαλοπρεπέσι καλλιερήσαντες τὸν θεὸν ἵλεων κατασκευάσωσι. Wer diese Opfer nicht darbrachte, wurde mit Verlust der Sprache gestraft, konnte sie aber durch Erfüllung seiner Pflicht wiedererlangen. Das könnte semitische Sitte sein (L. Sommer Das Haar in Religion u. Abergl. d. Griechen, Münster 1912, 19). Hier fand jährlich ein gymnischer und hippischer Agon statt. Bestätigt wird das durch die Münzen von Agyrion, die vielleicht schon um 330, sicher aber seit 241 v. Chr. das Bild des I. zeigen und ihn teils als Jäger mit Horn, Pedum und Hund (falls das I. ist), teils als Bezwinger der [1846] Hydra abbilden. Head NH² 125. Brit. Mus. Cat. coins Sicily 25. Holm Gesch. Sic. III 716. Ob es sich hier wirklich um einen alten Kult des I. handelt, ist sehr zweifelhaft; wahrscheinlich ist die Verehrung eines einheimischen Heros später mit der des I. (und Semitischem?) ausgeglichen. Freeman-Lupus Gesch. Sic. I 156 läßt die hellenisierten Sikeler nachträglich eine griechische Sage annehmen, um ihre erst spät vom Griechentum berührte Stadt dadurch zu heben. Daß I. in vielen sizilischen Städten Temene und heroische Ehren gehabt habe, berichtet Diod. IV 30, 3.

Nach Sardinien soll I. als Kolonist gekommen sein, indem er die Söhne des Herakles und der Thespiaden, nach Paus. VII 2, 2 auch Athener, dorthin führte und den ebenen Teil der Insel besiedelte, der Iolaeion heißt, während die Bewohner Iolaeioi oder Iolaeis (Strab. V 225) heißen. Diod. IV 29f. V 15. Paus. X 17, 5. Die Nuraghen (θόλοι περισσοῖς τοῖς ῥυθμοῖς κατεξεσμένοι) führt auf ihn zurück [Aristot.] mir. ausc. 100 (d. h. Timaios). Nach Solin. 14, 10 Olbiam atque alia Graeca oppida extruit. Iolenses ab eo dicti sepulcro eius templum addiderunt, quod imitatus virtutem patrui malis plurimis Sardiniam liberasset. In Olbia soll auch ein Bild von ihm gefunden worden sein (v. Maltzan Reise auf Sardinien, Lpz. 1869, 115), das sich jetzt im Museum zu Cagliari befindet. Über die Ansetzung der Örtlichkeit s. Philipp o. S. 1062. Hier scheint nur ein ähnlicher Ortsname den Anlaß zu der Legende gegeben zu haben, möglich auch, daß außer einem alten einheimischen (natürlich ungriechischen) Heros (s. z. B. o. Bd. II S. 2253) der phoinikische I. Nr. 2 hereinspielt: Strabon läßt den I. von Sardinien nach Karthago gelangen. Sicher ist dieser der I., der nach Eudoxos bei Athen. IX 392 d den von Typhon getöteten Herakles durch den Geruch einer Wachtel wieder ins Leben zurückruft. v. Baudissin Festschr. f. Kleinert 291. Malten Kyrene 80.

Ganz vereinzelt ist die Nachricht (Hygin. fab. 103), daß Protesilaos, der Sohn des Iphiklos (!) und der Diomedeia, ursprünglich I. geheißen habe. v. Wilamowitz Eurip. Herakles I² 50. Stoll in Roschers Myth. Lex. II 285.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Siehe Paul Kretschmer: Die griechischen Vaseninschriften ihrer Sprache nach untersucht. Gütersloh 1894 ULB Münster
  2. Vorlage: