RE:Eugraphius

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band VI,1 (1907), Sp. 990–991
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Eugraphius (in den älteren Hss. Eografius), Verfasser eines rhetorischen Kommentars zu den Komödien des Terenz. Über seine Persönlichkeit ist nichts bekannt; seine Lebenszeit läßt sich nur annähernd bestimmen aus seinem Verhältnis zum Terenzkommentar des Donatus. Zahlreiche Erklärungen des E. stimmen mit denen des Donatus so sehr überein, daß ersterer letzteren benutzt haben muß, und zwar bevor die auf uns gekommene Redaktion des Donatkommentars (die etwa ins 6. Jhdt. zu setzen ist; vgl. Donati comm. rec. Wessner I praef. XLV) hergestellt wurde, in die vielmehr bereits rhetorische Anmerkungen des E. aufgenommen sind. Da nun E. Bekanntschaft mit dem bald nach 540 verfaßten Kommentar des Cassiodorus zu den Psalmen verrät, so wird er etwa der Mitte des 6. Jhdts. zuzuweisen sein.

Tendenz und Charakter des Kommentars erhellen aus der Einleitung: Cum omnes poetae uirtutem oratoriam semper uersibus exsequantur, tum magis duo uiri apud Latinos, Virgilius et Terentius, ex quibus, ut suspicio nostra est, magis Terentii uirtus ad rationem rhetoricae artis accedit, cuius potentiam per singulas comoedias ut possumus explicabimus.

Überliefert ist der Kommentar in verhältnismäßig [991] wenigen Hss., deren Text häufig auseinander geht, so daß Gerstenberg auf zwei besondere Redaktionen geschlossen hat. Nach den von ihm aufgestellten Kriterien gehören der Red. A an: V Leid. Voss. 36 s. X (fast vollständig), S Paris. lat. 16235 s. X (Terenz mit E.; unvollst.), B Vatic. Basil. 19 H s. X (unvollst.), P Paris. lat. 7520 s. X–XI (unvollst.); Red. B ist vertreten durch L Leid. Voss. 34 s. X (unvollst.), A Ambros. H 72 inf. s. X (nur zu den Prol.), G Sangall. 860 s. XV (vollst.), F Laudun. (Laon) 467 s. XV (Ter. m. E.; unvollst.). Solange keine zuverlässige Ausgabe vorliegt, ist ein sicheres Urteil über Wesen und gegenseitiges Verhältnis der beiden Fassungen unmöglich; ebenso können die Beziehungen zum Donatkommentar wie zu den anderen Terenzscholien erst später festgestellt werden. Aus der Subskription von P hinter dem Kommentar zu den Adelphen Explicit liber Eografii geht wohl hervor, daß die ursprüngliche Reihenfolge der Komödien bei E. der im Bembinus gleich war. Die Annahme Dziatzkos, daß die Terenzvita mit dem Anfange Terentius comicus genere quidem extitit Afer E. zum Verfasser habe, ist wohl irrig.

Die Bruchstücke des Vatic. B wurden zuerst veröffentlicht von G. Faernus (Ausgabe von P. Victorius, Florenz 1565, nachgedruckt Heidelberg 1587); einen erweiterten, aber durch Vermischung der beiden Redaktionen entstellten Text gab mit Benutzung der Hss. L und S Fr. Lindenbrog (Terenz mit Donat und E., Paris 1604 und Frankfurt 1623); von ihm ist abhängig die Ausgabe Westerhovs (Terenz, Haag 1726 II), der die Lücken der Frankfurter Ausgabe mit Hülfe des Cod. V ergänzte, den Text aber stellenweise noch mehr verdarb. Endlich wurde der Westerhovsche E. (mit gelegentlich beigefügten Konjekturen) abgedruckt von Zeune und Klotz (Terenz, Leipzig 1774 und 1838–1840). Einige Scholien des E. aus dem Vatic. C. des Terenz bei Schlee Scholia Ter. 75f.; vgl. 126. ‚Über die Pariser Hss. des E.‘ handelte L. Schopen im Bonner Gymnasialprogramm 1852; alle Fragen, die mit E. zusammenhängen, sind eingehend und nicht ohne Erfolg untersucht worden von H. Gerstenberg De Eugraphio Terentii interprete, Jena 1886 (Dissert.). Vgl. Schlee Schol. Ter., Leipz. 1893, 2 Anm. 44. Dziatzko Jahrb. f. Phil. CXLIX (1894) 472ff. Sabbadini Studi ital. di filol. class. V (1877) 313. Wessner Unters. zur lat. Scholienlit., Bremerhaven 1899; Burs. Jahresber. CXIII (1902) 185. Ein E.(-kodex) wird erwähnt in einem Briefe des Gerbert von Rheims (Gerberti opera omnia ed. A. Ollerisius, Paris 1867, Ep. XI), der vor 984 geschrieben ist; mehrere Hss. erwähnt G. Becker Catal. biblioth. antiqu. 147. 188. 232.