Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band V,1 (1903), Sp. 1163–1164
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Diptychon (von πτύσσω), eine doppelte, verschliessbare Schreibtafel, aus zwei Holzbrettchen bestehend, die durch Charniere oder Kordel mit einander verbunden waren. Die Innenseite hatte erhabene Ränder, die Fläche zwischen den Rändern war mit Wachs ausgefüllt. Die mit Wachs überzogene Ebene war die eigentliche Schreibfläche, auf der man die Schrift mit dem Griffel einritzte; ein Verwischen wurde durch die hohen Ränder verhütet. Wollte man das Geschriebene tilgen, so glättete man das Wachs mit dem umgekehrten Griffel; alsdann war die Tafel zur Aufnahme neuer Schriftzüge fähig. Der Gebrauch solcher D. ist sicher alt; eine sitzende Figur von der Akropolis zu Athen, die aus dem 6. Jhdt. v. Chr. stammt (Furtwängler Athen. Mitt. VI 1881, 177), hält eine derartige Schreibtafel auf den Knieen. Ähnlich ist eine jüngere Terracotte (das Mädchen mit dem Brief), Furtwängler Sammlung Sabouroft II Taf. 86. Andere Darstellungen des D. in der Kunst s. bei Dziatzko Untersuchungen über ausgewählte Kapitel des antiken Buchwesens 13, 1.

Als Demaratos den Lakedaimoniern geheime Botschaft von den Plänen des Perserkönigs zukommen lassen will, thut er dies, wie Herodot (VII 239) erzählt, folgendermassen: δελτίον δίπτυχον λαβὼν τὸν κηρὸν αὐτοῦ ἐξέκνησε, καὶ ἔπειτα ἐν τῷ ξύλῳ τοῦ δελτίου ἔγραψε τὴν βασιλέος γνώμην, ποιήσας δὲ ταῦτα ἐπέτηξε ὀπίσω τὸν κηρὸν ἐπὶ τὰ γράμματα. Diese Erzählung setzt die Benutzung eines D. der beschriebenen Art voraus. Verwendet wurden die D. zu vielerlei: zu Schreibübungen in der Schule, zu Entwürfen, z. B. für das poetische Concept; zwei D., von denen das eine diesem, das andere jenem Zwecke dient, sind herausgegeben von H. Diels Die Elegie des Poseidippos von Theben, S.-Ber. Akad. Berl. 1898, 847–858. Oder man gebrauchte sie, wie die Herodotstelle beweist, zur Correspondenz (Schol. Iuv. IX 36); auch zu Schuldverschreibungen und Quittungen fanden sie Verwendung: dieser Art sind die zu Pompei im Hause des Bankiers Caecilius Iucundus gefundenen D. (Zangemeister Tabulae ceratae Pompeis repertae, CIL IV Suppl. p. 297. H. Erman Ztschr. der Savigny-Stiftg. XX 1899 rom. Abt. 172ff.). Ähnlichen Inhalt haben auch die D. aus Siebenbürgen, CIL III p. 921ff. Zu Urkunden und Diplomen jedoch, die dauerhafter sein mussten, verwandte man lieber Bronze, der man die Form des D. gab, s. Diploma S. 1159. Diplom und D. unterscheiden sich bei sonst ganz gleichem Format nur dadurch, dass die beiden Hälften beim D. selbständig sind, beim Diplom zusammenhängen.

Häufig werden die D. auch zur Führung von Listen gedient haben, da Änderungen durch Ab- und Zugang in dem weichen Material sich leicht vornehmen liessen. Von derartigen Listen auf [1164] Diptychen kannte die alte Kirche mehrere Arten: d. episcoporum, vivorum, mortuorum, s. Du Cange Gloss. med. et inf. Lat. u. d. W. Für ein Gedicht des Prudentius, in dem altes und neues Testament wie zwei Tafeln neben einander gestellt werden, vermutet man seit Gifanius als Titel Diptychon anstatt des überlieferten dittochaeon (Prud. ed. Dressel I 470). Eine besondere künstlerische Ausbildung erfuhren die D. im ausgehenden Altertum, als es Sitte wurde, dass Consuln, Praetoren, Aedilen und andere hohe Beamte am Tage des Amtsantritts ihren Freunden D. mit kunstvoll verzierten Elfenbeindeckeln schenkten. Erwähnt werden solche D. von Symmachus (ep. II 81. V 56 ed. Seeck), Claudian (cons. Stilich. 347) u. a. D. dieser Art haben sich vielfach als Buchdeckel durch das Mittelalter erhalten; Sammlungen geben Gori Thesaurus veterum diptychorum 1759 und W. Meyer Abh. Akad. München XV 1881, 1ff.; eine neue Sammelausgabe steht von H. Gräven in Aussicht. Vorarbeiten hierzu sind seine Aufsätze Röm. Mitt. VII 1892, 204ff.; Gött. gel. Anz. 1897, 345; Jahrb. d. preuss. Kunsts. XIX 1898, 82; L’Arte I 1898, 216.

Litteratur: Gardthausen Griechische Palaeographie 26. Blass Palaeographie etc., Iw. v. Müllers Handbuch I² 334. Daremberg-Saglio Diction. des antiqu. II 271ff.