Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,2 (1894), Sp. 22132215
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Anios, Seher auf der Insel Delos, mythischer Repräsentant der kultlichen Beziehungen von Delos zu Euboia einerseits und zu Andros, Mykonos andererseits. Er ist der Sohn des Apollon und der Rhoio. Diese wird von ihrem Vater Staphylos, einem Sohne des Dionysos, als er ihre Schwangerschaft entdeckt, in eine Kiste gesperrt und in dieser ins Meer geworfen. Die Kiste treibt in Delos ans Land, Rhoio gebiert den A., weiht ihn dem Apollon, der seinen Sohn zunächst verbirgt und ihm dann die Mantik und die Herrschaft in Delos verleiht. Nach einer anderen Version treibt die Kiste in Euboia ans Land, A. wird dort in einer Höhle geboren und von Apollon nach Delos geschafft, Diod. V 62. Schol. Lykophr. 570. Rhoio ist ferner die Gattin des Zarex, des Sohnes des Karystos, und so gilt A. als Sohn des Zarex in demselben Sinne, wie Theseus als der des Aigeus, Herakles als der des Amphitryon, Schol. Lykophr. 580. Anderwärts gilt A. als Sohn des Karystos und Rhoio als Tochter des Zarex, Steph. Byz. s. Μύκονος. In Delos herrscht A. als Seher und erhält nach seinem Tode als δαίμων ἐπιχώριος göttliche Ehren, Clem. Al. protr. II 40 p. 12; strom. I 21, 134 p. 144 Sylb. Rohde Psyche 176, 3. Seine Gattin wird die Thrakerin Dorippe, die von Räubern aus Thrakien entführt und nach Delos gebracht wird, wo A. sie für das Lösegeld eines Pferdes einlöst und zu seiner Gattin erhebt, Et. M. 293, 37 (vermutlich aus Kallimachosscholien). Mit Dorippe zeugt A. drei Töchter, die sog. Oinotrophen oder Oinotropen (Hesych. s. v.), deren Geschicke verschiedene Sagen berichten. Die älteste Gestalt der Sage, in den Kyprien und bei Pherekydes, erzählt, dass Dionysos, ihr Ahn, den drei Mädchen wunderbare Gaben verliehen hatte: [2214] sobald sie nur wünschten, erhielten sie, was sie zum Leben bedurften, die eine, Spermo, die Feldfrüchte, die zweite, Οἰνώ, Wein, die dritte, Elaio, Öl. Daher der Name Οἰνοτρόφοι. Auf der Fahrt nach Troia kommen die Griechen nach Delos. A. weissagt ihnen, dass sie erst im zehnten Jahre Troia erobern würden, er sucht sie durch das Versprechen mit Hülfe seiner Töchter das gesamte Heer neun Jahre lang zu unterhalten, zu bewegen, dass sie in Delos bei ihm bleiben, allein vergebens. Simonides nennt als Anführer der Griechen, die zu A. kamen, den Odysseus und den Menelaos, Schol. Lykophr. 570. Schol. Hom. Od. VI 164. Lykophr. 570–576. Die spätere Sage bildet die Beziehungen der A.-Töchter zu den Griechen weiter aus. Von Lykophron (580) und Kallimachos (in den Aitien, Schol. Lykophr. 570. 580), durch Vermittlung eines mythographischen Excerptes auch von Ovid (met. XIII 640–673) und dem Schol. Verg. Aen. III 80 wird erzählt: die drei Mädchen, die von Dionysos die Gabe erhalten hatten, alles durch Berührung in Korn, Wein und Öl zu verwandeln (Οἰνοτρόποι), sollten auf Geheiss des Agamemnon in das Lager der Griechen vor Troia geholt werden, um das Hunger leidende Heer mit Lebensmitteln zu versorgen. Sie weigern sich, die Griechen aber brauchen Gewalt. Als die Oinotropen gefesselt werden sollen, flehen sie zu Dionysos um Hülfe; sie werden in Tauben verwandelt. Von da an schreibt sich die Unverletzlichkeit der Tauben im Bezirke des delischen Heiligtumes. Die Sage ist aitiologisch, sie knüpft an bestehende Kulteinrichtungen an (Bull. hell. XIV 392). Eine dritte Version weiss, dass die Oinotropen die Griechen vor Troia wirklich verproviantiert haben. Palamedes soll sie herbeigeholt haben, Lykophr. 581–583 nebst Tzetzes. Diktys I 23. Serv. Aen. II 81. Dares 19. Welche Fassung der Sage Ps.-Apollodor befolgt hat, ist aus dem spärlichen Excerpt (Epit. Vat. 62) nicht zu erkennen. Über die litterarische Entwickelung der Oinotropensage vgl. O. Immisch Rh. Mus. XLIV 299ff. G. Wentzel Philol. LI 46. F. Noack Herm. XXVIII 146. Von Anfang an erscheint in allen diesen Erzählungen A. als der Typus der Gastlichkeit, desgleichen noch bei Vergil (Aen. III 69ff., nachgebildet von Ovid met. XIII 622ff.), der ihn die flüchtenden Troer freundlich aufnehmen lässt, vgl. Dionys. Hal. ant. I 50. Verwandtschaftliche Beziehungen zu Anchises und Verkehr mit diesem vor Ausbruch des Krieges erwähnt Schol. Verg. Aen. III 80, zum Teil nach Palaiphatos. Ausser den Oinotropen hat A. noch folgende Kinder: 1) den Sohn Andros, den eponymen Gründer von Andros, Steph. Byz. s. Ἄνδρος. Schol. Verg. III 80. Ovid. met. XIII 640ff. (über diese Stelle G. Wentzel a. a. O. 49ff.). Ebendahin gehört die Sage, A. habe den Atriden günstige Fahrt nach Troia verheissen, wenn sie einen Stier, den er ihnen geschenkt, zu Schiff mitnehmen und dort, wo dieser ans Land springe, ein Heiligtum der Athena Ταυροβόλος gründen würden: das sei dann zu Andros geschehen (Phot. Suid. aus Xenomedes von Chios durch Vermittelung von Apollodor περὶ θεῶν v. Schol. Ar. Lysistr. 447); 2) einen Sohn Mykonos, Steph. Byz. s. Μύκονος; 3) einen Sohn Trasos, der wiederum bei Kallimachos in einer aitiologischen [2215] Legende erscheint: delische Hunde haben ihn zerrissen, als er unerkannt in Delos ans Land stieg, und daher dürfen auf Delos Hunde nicht gehalten werden, Ovid. Ib. 477 nebst Schol. Hyg. fab. 247. G. Knaack Herm. XXIII 134, 1. J. Geffcken Herm. XXV 96f.; 4) eine Tochter Launa (Lavinia), die, von Aineias verführt, einen Sohn gebar und der Stadt Lavinium den Namen gab, Schol. Verg. Aen. III 80. Dion. Hal. ant. I 59.