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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,1 (1893), Sp. 1029–1030
Pauly-Wissowa I,1, 1029.jpg
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10) Αἶνος, ursprünglich neutral = ‚Rede‘, ‚Geschichte‘, ‚Spruch‘, vor allem in ionischer Poesie und Prosa; vgl. Buttmann Lexil. II 112ff. Bei Hesiod (Werke und Tage 202, in einem von manchen fälschlich ausgeschiedenen Verse) heisst so die durchsichtige Geschichte vom Habicht und der Nachtigall, ebenso bei Archilochos die Fabel vom Fuchs und Adler oder vom Affen und Fuchs (fr. 86. 89 Bgk.). Schon die älteren Grammatiker pflegten dem Worte die besondere Bedeutung einer fabelähnlichen Erzählung mit verstecktem tieferen Sinne unterzuschieben und wagten darauf hin sogar den gemeinionischen Gebrauch als καταχρηστικώτερον zu tadeln (Diogenian περὶ παροιμιῶν Paroemiogr. Ι ρ. 179 Gott. Lucill von Tarrhai bei Ammon. p. 6 V. Theon. Prog. 3 p. 73 Sp. Iulian Or. VII 207 Α u. a.; vgl. v. Leutsch Paroemiogr. II p. 235ff.; ähnlich z. Β. F. A. Wolf Vorlesungen II 204. O. Müller G. d. gr. L. I 256 [240]. O. Keller Unters. z. G. d. gr. Fabel 240, der aber mit Recht die übliche Anknüpfung an παραίνεσις ablehnt). Massgebende Stellen sind Archil. fr. 86 αἶνός τις ἀνθρώπων ὅδε, ὡς ἆρ’ ἀλώπηξ κτλ. Moschion fr. 8 (Trag. p. 815 Ν.) ἦν ἆρα τρανὸς αἶνος ἀνθρώπων ὅδε, ὡς τὸν πέλας μὲν νουθετεῖν κτλ. Kallimachos fr. 93 Schn. ἄκουε δὴ τὸν αἶνον … οἱ πάλαι Λυδοὶ λέγουσι. Hier tritt eine Beziehung hervor, die man ganz zu übersehen pflegt; αἶνος ist ein alter bekannter Spruch, der von Mund zu Mund geht: vgl. das ionische ἐν αἴνῃ εἶναι = ‚im Gerede sein‘, [1030] ‚berühmt sein‘ (Herod. III 74. VIII 112. IX 16) und die Nebenbedeutung von αἶνος αἰνέω ‚Lob‘, ‚loben‘ oder ‚rühmen‘. Als Terminus technicus für ‚Fabel‘ (μῦθος, λόγος Αἰσώπειος, ἀπόλογος) kommt das Wort in Prosa nicht vor; die antiken Lexikographen und Synonymiker arbeiten lediglich mit den angeführten Stellen ionischer Dichter.

Verwandt, nur in früherem Grade, ab man anzunehmen pflegte, ist der Begriff Ainigma (αἴνιγμα); αἰνίττεσθαι mit dem Dativ der Person ist altionisch (vgl. Theogn. 681 ταῦτά μοι ᾐνίχθω κεκρυμμένα τοῖς ἀγαθοῖσιν. Herod. V 56 ἐδόκει [im Traume] … οἱ αἰνίσσεσθαι τάδε τὰ ἔπεα), αἰνίυτεσθαι εἴς τινα u. a. attisch. Der etymologische Sinn ist ‚jemandem αἴνους sagen‘; doch verengt sich das Wort hier unverkennbar zu dem Begriff ‚Andeutung‘, auch ‚Stichelei‘ (worin aber nicht mit Benfey und Keller a. O. die ursprüngliche Bedeutung zu suchen ist). Danach bestimmt sich αἴνιγμα (ähnlich αἰνιγμός u. a.); es verhält sich zu αἶνος ähnlich wie das deutsche raetelin raetel (Rätsel) zu rât (Lehre, Spruch). In den ältesten Beispielen gehen diese Ausdrücke sowohl auf Orakel (Aischyl. Agam. 1113. Soph. fr. 704 N.) wie auf Rätsel und Spottreden (Pindar fr. 177, 4 Bgk. Soph. Ai. 1158): der Seher (μάντις) erprobt seine Kunst nicht nur in der Deutung von Göttersprüchen, sondern auch in der Lösung vorgelegter Fragen und Aufgaben. In beiden Fällen gilt es meist, aus Bildern, Metaphern, Andeutungen ein bestimmtes προκείμενον zu erschliessen. Vgl. Aristot. Poet. 22 p. 1458 a 24; Rhet. II 21 p. 1394 b 34. III 2 p. 1405 b 1. Plut. de Pyth. or. 30, von den neuesten besonders K. Ohlert Rätsel u. Gesellschaftsspiele d. a. Griechen 6ff. 49ff. O. Immisch Klaros, Jahrb. f. Philol. Suppl. XVII 158ff. Alte Synonymiker setzten αἴνιγμα in Gegensatz zum γρῖφος (Ohlert a. O. 235, 99), mit Unrecht trotz Ohlert u. a., vgl. die Art. Griphos und Rätsel.