Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Vater des Achaimenes
Band I,1 (1893) S. 955 (IA)–956 (IA)
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4) Vater des Achaimenes, Steph. Byz. s. Ἀχαιμενία, vgl. Tümpel, Roschers Lex. I 2861.

Kritik der Sage. Auszugehen ist von dem attischen A. Wir haben in der A.-Sage, die in ihrer Gesamtheit erst seit dem 5. Jhdt., d. h. seit dem Aufschwung Athens, populär ist, verschiedenartige Bestandteile zu unterscheiden. Leicht erkennbar ist zunächst, dass manches, wie die Teilung des Reiches (einschliesslich Megara!) auf bestimmte historische Verhältnisse Rücksicht nimmt; die Tochter des Hoples gehört zu der Phyle der Hopleten, die des Chalkodon zu Chalkis (Schol. Eur. Hek. 125, vgl. v. Wilamowitz Hermes XV 484, 3); ausgebildet ward die Sage erst seit der officiellen Nationalisierung der Theseussage in kimonischer Zeit, besonders durch das Drama.

Viel älter als diese Gesamtheit von Sagen ist aber die mythische Figur des A. Im Altertum ist nie ganz vergessen worden, dass A. ein heroischer Doppelgänger des ionischen Poseidon ist, eine der vielen Götterhypostasen der griechischen Mythologie. Aigaios (s. d.) ist Beiname des Poseidon; die Phyle der Aigikoreis entspricht der Poseidonias (Poll. VIII 109); αἶγες heissen die Wellen (Hesych. s. v. Artemidor. Oneirokr. II 12, vgl. G. Curtius Gr. Et.⁴ 180); zahlreiche Städte mit Poseidonkult haben die Wurzel ΑΙΓ in ihren Namen (E. Curtius Ionier 18, 50; Arch. Ztg. III 38). Als echter Doppelgänger gilt A. für den sterblichen Vater des Poseidonsohnes Theseus (dieser wirklich Sohn des A. Plut. Thes. 4. 6. Hyg. fab. 14; sonst Sohn des Poseidon, der als solcher drei Wünsche frei hat, Eur. Hipp. 46; A. mit Poseidon identificiert Serv. Aen. VII 761, wo Theseus ihn um Rache gegen Hippolytos anfleht; vgl. Amphitryon und Zeus). Poseidon steht in Attika freundlich und feindlich in nahem Verhältnis zu Athena; A. vereinigt sich mit Aithra, der Hypostase der Athena, ist Gatte der Meta, kämpft mit den Metioniden (vgl. Preller Gr. Myth. II³ 156f.), wird von den Pallantiden angegriffen, stirbt schliesslich durch einen Sprung ins Meer (dies natürlich die ältere Version). So gründet er auch dem Meeresgott Apollon Delphinios ein Heiligtum; und der Meerdionysos heisst in Attika Μελάναιγις (Maass Gött. Gel. Anz. 1889, 806).

Mit diesem Poseidon-A. ist jedenfalls auch der boeotisch-lakonische und der elische A. ursprünglich identisch (vgl. Ephor. im Schol. Pind. Isthm. VII 18). Phorbas gehört als Sohn des Poseidon und Freund des Theseus ursprünglich nach Athen, wo er ein Heroon hatte (Harp. s. Φορβάντειον); auch Aktor heisst u. a. ein Sohn des Poseidon (Hyg. fab. 157).

[956] Maass (a. a. O., vgl. Wide Skandinav. Archiv I 107f.) hält den A. vielmehr für eine Hypostase des Meerdionysos. Vor der Hand scheint mir mehr für Poseidon zu sprechen; eine endgültige Entscheidung wäre erst nach Klarlegung des Verhältnisses zwischen Poseidon, Apollon Delphinios und Dionysos Thalassios möglich.