RE:Ἱερὰ γερουσία

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Behörde in Eleusis
Band VIII,2 (1913) Sp. 13981399
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Ἱερὰ γερουσία. Die ἱ. γ. ist eine Behörde in Eleusis. Unter diesem Namen erscheint sie allerdings nur in einem sicheren Zeugnis aus dem 2. Jhdt. n. Chr. (IG III 702; die Ergänzung in IG III 851 ist unsicher. Einmal findet sich diese Bezeichnung auch im Peloponnes, CIG I 1395). Sicherlich hat sie aber schon vor dieser Zeit bestanden. Ob sie jedoch schon in älterer Zeit den Namen ἱ. γ. geführt hat, bleibt unbekannt.

Der heilige Rat setzt sich vorzugsweise aus Vertretern der Eumolpiden, des alteleusinischen Priestergeschlechts, und der Keryken, eines athenischen Adelsgeschlechtes (Dittenberger Herm. XX 1ff.) zusammen (Plut. Alc. 33. Aristid. Dionys. 10 Keil. Aesch. III 18. IG II 605. Ἐφημ. ἀρχ. 1883, 82). Andere Mitglieder des Rates, wie z. B. Priester, werden gar nicht oder ohne besondere Namensnennung erwähnt (Plut. Alc. 22). Diese Zusammensetzung findet ihre Erklärung in der Vereinigung von Eleusis und Athen und der Verschmelzung ihrer Kulte. Sie wäre dann, wie E. Rohde Psyche I⁴ 282, 3 annimmt, nur ein Teil des Kompromisses zwischen Athen und Eleusis (Paus. II 14, 2).

Die Obliegenheiten dieses Rates können nicht völlig klar erkannt werden. Er mag der Behörde der ἱεροί in Andania in Messenien sehr ähnlich gewesen sein, über die wir ziemlich genaue Kunde durch die Mysterieninschrift(Dittenberger Syll.² 653 = Prott-Ziehen Leg. Graec. sacr. 58) haben; vgl. dazu den Art. Ἱεροί u. S. 1471. Höchstwahrscheinlich führt auch der heilige Rat in Eleusis über den eleusinischen Mysterienkult die Aufsicht und ist in allen Fragen, die diesen Gottesdienst betreffen, zuständig. Zu seinen Aufgaben gehört zunächst die ἐξήγησις des heiligen Rechts (Ps.-Lys. c. Andoc. 10. Andoc. d. myst. 115f. Ps.-Plutarch. v. dec. oratt. 843 B. IG III 720), die allerdings meist als Vorrecht der Eumolpiden gilt und in ältester Zeit auch nur von ihnen geübt wird (And. d. myst. 116). Ein Keryke wird als Exeget genannt Bull. hell. VI 1882, 436 (= Ἐφημ. ἀρχ. 1897, 63ff.) und Ἐφημ. ἀρχ. 1885, 152 (Dittenberger Syll.² 398); vgl. Dittenberger a. a. O. 12f. Töpffer Attische Genealogie 1889, [1399] 71f. Art. Ἐξηγηταί von Kern o. Bd. VI S. 1584. Ehrmann De iuris sacri interpretibus Atticis 1908 (= Rel. Vers. u. Vorarb. IV), 356f. Wegen Frevelns gegen die Mysterien in Eleusis konnten vom Archon Basileus bei einem Gericht der Eumolpiden, später wohl auch des ganzen heiligen Rats, Klagen erhoben werden (δικάζεσθαι πρὸς Εὐμολπίδας Demosthenes 6|Demosth. XXII c. Androt. 601, 27; s. auch Meier-Schömann-Lipsius Att. Prozeß 131f. Platner Der Prozeß und die Klagen bei den Attikern II 147ff.), Foucart Les grands mystères d’Eleusis (Mémoires de l’Institut national de France, Academie des inscriptions et belles-lettres XXXVII 1900) 11f. bestreitet allerdings das offizielle Recht der Rechtsprechung, indem er mit der oben zitierten Demosthenesstelle das Scholion 601, 26 vergleicht: ἱερὸν δὲ γένος οἱ Εὐμοπίδαι, ἱερᾶται δὲ ἐν Ἐλευσῖνι, καὶ ἐπὶ τούτου πολλάκις ἐδικάζοντο ἀσεβείας οἱ βουλόμενοι. Danach sieht er in dem Gericht nur eine private Einrichtung, an die sich zu wenden jedem überlassen bleibt.

Seine Entscheidungen trifft der Rat nach überlieferten Grundsätzen (ἄγραφοι νόμοι), die verbindlich und unumstößlich sind (οὓς οὐδείς πω κύριος ἐγένετο καθελεῖν οὐδὲ ἐτόλμησεν ἀντειπεῖν, Ps.-Lys. c. Andoc. 10; vgl. auch die Inschrift v. Eleusis, Bull. hell. IV 1880, 227). Später sind sie naturgemäß aufgezeichnet worden (Cic. ad Att. I 9). Daß auch religiöse Strafen von den Eumolpiden verhängt wurden, vermutet Platner a. a. O. II 148.

Ob der Archon den Vorsitz in der Verhandlung führte, erscheint mir unsicher trotz der Erklärung eines Scholiasten (A. R.) zu Demosth. XXII 601, 25: ὁ γὰρ βασιλεὺς ἐπεμελεῖτο τῶν ἱερῶν πραγμάτων καὶ εἰσῆγε τὰς τῆς ἀσεβείας γραφὰς πρὸς τοὺς Εὐμολπίδας; vgl. Meier-Schömann-Lipsius a. a. O. 132. Die Ehreninschrift IG III 702 nennt den Vorsitzenden des Kerykengeschlechtes als Vorstand der ἱερὰ γερουσία. Vgl. Bossler De gentibus et familiis Atticae sacerdotalibus 1833, 19ff. u. 27ff. Meier De gentilitate Attica 42. Lenormant Recherches archéologiques à Eleusis 1862, 137. Töpffer Attische Genealogie 1889, 68ff. 90ff. Art. Eumolpidai von Kern o. Bd. VI S. 1115f. Lobeck Aglaophamus 193ff.; Art. ἱ. γ. von Lenormant bei Daremberg-Saglio Dict. des ant. Grecques et Rom. Foucart a. a. O. 3ff. Ehrmann De iuris sacri interpretibus Atticis (= Rel. Vers. u. Vorarb. IV) 353ff. 391ff. Pringsheim Archäol. Beiträge zur Gesch. d. eleus. Kults, München 1905, 118.

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