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Textdaten
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Autor: Carus Sterne
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Titel: Räuber und Wegelagerer im Pflanzenreich
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 10, S. 166–169
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Fleischfressende Pflanzen
s. a. Insectenfressende Pflanzen von Charles Darwin
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[166]
Räuber und Wegelagerer im Pflanzenreich.
Studie von Carus Sterne.

Pflanzen, die ihres Gleichen anfallen, um sich auf ihre Kosten zu ernähren, sogenannte Schmarotzer, sind in großer Anzahl bekannt, die meisten verrathen sich schon äußerlich durch ihre bleiche, oft keine Spur von Grün enthältende Tracht. Die kleinsten Formen derselben, dem unbewaffneten Auge zum Theil unsichtbare Schimmelpilze, wagen sich wohl sogar, Ausschläge und andere Krankheiten erzeugend, an den lebendigen Thierkörper und massenhaft auftretend gelingt es ihnen nicht selten, denselben zu überwältigen und zu tödten. Alles das und durch lange Erfahrung unserem Verstande geläufige Erscheinungen, aber daß es höhere, mit allem Reize der Blumenschönheit geschmückte Gewächse giebt, welche mit Vergnügen ein kleines englisches Beefsteak verzehren, und zum guten Theile vom erbeuteten Wildpret leben, das ist eine erst durch neueste Untersuchungen glaubhaft gemachte und außer Zweifel gestellte Thatsache.

Die erste ausführliche Nachricht über einen solchen eingewurzelten Rinaldini gab der englische Naturforscher Ellis im Jahre 1768 in einem Briefe an Altmeister Linné. Man hatte ihm das grausame Gewächs lebend aus den Sumpfgründen Carolinas zugesendet, so daß er seine raubgierigen Gewohnheiten selbst beobachten konnte. Er gab das Steckbrief-Signalement des Banditen ungefähr folgendermaßen: Die Pflanze treibt aus einer Rosette sonderbar gestalteter Wurzelblätter einen Blüthenschaft empor, der einen Strauß so schöner, weißer, unserer Sumpfparnassie im Bau ähnlicher Blüthen trägt, daß Ellis den Namen Venusfliegenfalle (Dionaea muscipula) vorschlug, der dann auch Linné’s Beifall erhielt. Die Blätter sind mit wimperartigen Fransen eingefaßt und auf jeder Hälfte der Blattoberfläche stehen außerdem drei oder auch vier scharfe Borsten. Zwischen den letzteren sondern kleine röthliche Drüsen eine schleimige Flüssigkeit ab, durch welche Insecten angelockt werden, das gefährliche Parquet dieser Blätter zu betreten. Kaum ist dies geschehen, so klappen die beiden Halblappen zusammen, ihre Randwimpern verschränken sich wie die Finger eines Betenden so fest ineinander, daß man sie eher zerreißen als öffnen kann. Ellis behauptete, daß das Insect dabei gleichzeitig durch die erwähnten Borsten der Blattfläche gespießt werde, so daß man durch seine Beschreibung an die sogenannten eisernen Jungfrauen der mittelalterlichen Folterkammern erinnert wird. Indessen das Spießen war eine Uebertreibung, und Linné scheint den ganzen Brief für eine solche gehalten zu haben, denn er wollte nichts von der Verdauungskraft der Pflanzen wissen, welche Ellis bereits vermuthet hatte, er hielt die Venusfliegenfalle einzig für eine neue Art der sogenannten Sinnpflanzen und glaubte deshalb, daß das Blatt nur so lange geschlossen bleibe, wie das Insect mit seinen Bewegungen es reize, und sich nachher öffne, ohne einen Nutzen von dem eingefangenen Cadaver zu haben. Schon Ellis hatte nämlich bemerkt, daß auch die Reizung der Blattoberfläche mit einer Nadel oder einem Strohhalme das Blatt zum Zusammenklappen bringt, allein wenn es merkt, daß es kein Insect gefangen hat, öffnet es sich bald wieder, während dies sonst nicht geschieht. Linné’s Ansicht blieb indessen maßgebend, nur Darwin, der Vater, glaubte doch irgend einen Nutzen hinter der Jagdliebhaberei des Gewächses vermuthen zu müssen und meinte, daß sich die Blüthe vielleicht deshalb mit diesem Kranze von Fußangeln umgebe, damit kein Insect zu den Blüthen emporklettern könnte, um daselbst Zerstörungen anzurichten.

Darwin, der Sohn, hat bekanntlich nächst den deutschen Botanikern Sprengel und Müller am klarsten den Nutzen dargethan, welchen die blühenden Pflanzen aus dem Insectenbesuch ziehen, den sie, weit entfernt ihn verhindern zu wollen, durch Honigausschwitzungen und ein buntes Farbenkleid möglichst befördern. Wir ziehen an unseren Gartenlauben häufig ein Schlinggewächs mit großen herzförmigen Blättern und röhrenförmigen Blüthen, die gemeine Osterluzey, deren Blüthen auf’s Haar einer gewissen Art von Mausefallen gleichen. Der Hals der Blüthenröhre ist nämlich dicht mit steifen Härchen besetzt, die alle gegen den unteren bauchigen Hohlraum der Blüthe gerichtet sind, so daß sie ein Insect wohl hinein, aber nicht heraus kriechen lassen, wenigstens nicht eher, als bis es mitgebrachten Pollenstaub von andern Blüthen dort auf die Narbe abgestreift und neuen Pollenstaub dafür aufgenommen. Ist dies geschehen, so erschlaffen die gedachten Härchen, das Insect spaziert frei heraus, um, ungewitzigt durch die Gefangenschaft, bald genug in eine neue Falle zu gehen und dort seine Geschäfte zu wiederholen. Nur vor den Studien des jüngeren Darwin’s konnte man glauben, daß die so viel sinnreicheren Fangvorrichtungen der Venusfliegenfalle dieser gar keinen Vortheil einbringen sollten.

In der That bemerkte ein Landsmann der Pflanze, Dr. Curtis zu Wilmington in Nord-Carolina (1834), daß die todten Insecten im Innern der Blätter nach und nach unter Einwirkung eines schleimigen von den Blattdrüsen ausgeschiedenen Saftes aufgezehrt werden. Derselbe Beobachter erkannte auch den eigentlichen Sitz der Reizbarkeit in den erwähnten drei Borsten, und ein vorsichtiges Insect, welches zwischen ihnen, ohne sie zu berühren, hindurchwandelt, entgeht damit der drohenden Gefahr. Die Dreihaarigkeit ist eben überall verhängnißvoll. Ein anderer amerikanischer Naturforscher Canby vervollständigte vierunddreißig Jahre später (1868) diese Beobachtungen, indem er zeigte, daß kleine auf dem Blatte niedergelegte Fleischstückchen das Blatt gleichfalls zum Schließen reizten und bis auf einen geringen Rest völlig verdaut wurden, worauf sich das Blatt wieder öffnete, bereit, eine neue Mahlzeit einzunehmen. Er bemerkte ferner, daß Käse als zu schwer verdaulich nicht aufgenommen wurde, sondern im Gegentheil nicht selten das betreffende Blatt tödtete. Zu diesen gewiß schon an sich sehr merkwürdigen Beobachtungen kam vor zwei Jahren noch die des englischen Physiologen Dr. Burdon-Sanderson, daß der Nerv des reizbaren Blattes der Dionäa ganz ebenso wie die Muskeln und Nerven des thierischen Körpers von elektrischen Strömen durchkreist wird, die genau denselben Gesetzen folgen, wie jene, so daß hier eine sehr auffallende Aehnlichkeit zwischen beiden Reichen, sowohl hinsichtlich der Bewegung, wie der Verdauungsorgane, besteht.

Glücklicherweise brauchen wir nicht bis nach Amerika zu reisen, um ein solches Wunder der Pflanzenwelt zu erschauen; unsere Torfsümpfe und Moorbrüche enthalten fast überall in Mitteleuropa einige Pflanzenarten, die nicht nur ganz entsprechende Erscheinungen darbieten, wie die Dionäa, sondern geradezu zu den beachtenswerthesten und zierlichsten Bürgern unserer Flora gehören. Wir meinen die Sonnenthau-Arten, die freilich den meisten unserer Leser unbekannt sein werden, weil sie sich vor Betreten der Moore, aus Furcht vor nassen Füßen, [167] stets weislich in Acht genommen haben. Schon unsere ältesten deutschen Botaniker schauten mit einem Gemisch von Bewunderung und Ehrfurcht auf diese kleinen Gewächse, deren Anblick einem Jeden unvergeßlich bleibt, der sie je in ihrer Pracht gesehen. Mitten im Torfmoose eingebettet finden wir im Hochsommer, umkränzt von den immergrünen myrtenblättrigen Ranken der Moosbeere, eine Rosette kleiner hellgrüner verhältnißmäßig langgestielter Blätter, aus welcher ein höchstens fußhoher Blüthenschaft emporsteigt, der nur der Mittagssonne seine winzigen weißen Sternblumen erschließt. Die Letzteren interessieren uns aber weniger als die Blätter. Diese, von rundlichem Umriß bei der am häufigsten vorkommenden Art (Drosera rotundifolia), von länglicher Gestalt bei den etwas selteneren Schwestern (D. longifolia und intermedia), sind auf ihrer Oberfläche und am Rande mit zahlreichen röthlichen oder lebhaft rothen, mehrere Linien langen Drüsenhaaren besetzt, die am Grunde fleischig grün sind, an der verjüngten Spitze rothe, kölbchenartige Verdickungen tragen. Jedes dieser Wimperhaare trägt einen ganz kleinen Tropfen krystallklarer Flüssigkeit an seiner Spitze, so daß das Blatt mit einem Brillantendiadem umgeben scheint, wobei der Contrast des maigrünen Blattes mit dem purpurnen Haar und den schimmernden nie zusammenfließenden zahllosen Tröpfchen einen wunderzierlichen Anblick giebt.

Unsere tiefsinnigen Vorfahren, welche in der heißen Mittagsgluth, wenn aller übrige Thau von dem Rasen verschwunden war, die Tropfen auf diesen Gewächsen allein ausdauern sahen, vermutheten, und wie wir nun sehen mit Recht, ein Naturwunder dahinter und nannten die Pflanze Sindau, das heißt Immerthau, ebenso wie Singrün Immergrün, und Sinfluth nicht Sündfluth, sondern die große, allgemeine Fluth bedeuten sollte. Später wurde daraus nicht weniger bezeichnend Sondau, Sonnenthau, Ros solis. Damals, wo man aus der äußeren Ausgestaltung eines Naturkörpers seine Signatur, das heißt den medicinischen oder sonstigen Zweck, zu dem ihn Gott erschaffen, herauszulesen vermeinte, glaubte man im Sonnenthau ein Naturheilmittel gegen austrocknende, zehrende Krankheiten, namentlich also gegen die sogenannte Schwindsucht gefunden zu haben. „Denn,“ sagt Dodonäus in der Einleitung seines großen Kräuterbuchs, „wie das Kraut auf das Zäheste den auf ihn gefallenen Thau zurückhält, so daß die brennendste Sonnengluth ihn nicht zu verzehren vermag, so glaubt man, daß es die natürliche Feuchtigkeit im menschlichen Körper erhalten könne.“ Die Kräuterweiber rechneten den Sonnenthau zu den zauberkräftigen Wiederthon-Arten, einer Gruppe von Moosen und kleinen Farnkräutern, mit denen man Jemandem „die Kraft abthun und wiederthun“ zu können glaubte, und in der That haben die Sonnenthau-Arten etwas an Moose und Farnkräuter Erinnerndes, nicht allein in ihrer zierlichen Liliputgestalt, sondern auch darin, daß ihre jungen Blätter und Triebe – eine seltsame Ausnahme unter den blühenden Pflanzen – gleich den Farnwedeln, an der Spitze eingerollt sind.

Auch die Alchymisten wurden durch die Absonderlichkeit der Tracht unserer Sumpfpflanze angezogen und hofften eine Zeitlang, in diesem sonnenbeständigen Thau das Material zur Goldtinctur und zum Unsterblichkeitselixir entdeckt zu haben. Insbesondere trug der Chemiker Arnoldus de Villanova, der zu Ende des sechszehnten Jahrhunderts als Professor zu Barcelona lebte, später aber von der spanischen Geistlichkeit als Goldmacher und Teufelsschüler vertrieben wurde, zum Rufe der Pflanze bei. Er bereitete nämlich in Italien, wohin er sich geflüchtet, aus dem Sonnenthau sein berühmtes Goldwasser (Aqua auri), welches, wie heutzutage der Königstrank, alle Krankheiten heilen sollte, und da es in Gestalt eines wohlschmeckenden Liqueurs dargestellt wurde, unter dem Namen Rosoglio (von Ros solis, Sonnenthau) noch heute in Italien bereitet und genossen wird.

Der Erste, welcher über die Natur und Bedeutung der sogenannten Thautropfen dieser Pflanze, deren Reste als Torf unsre Oefen wärmen, in’s Klare kam, war der deutsche Botaniker Roth, welcher seine Beobachtungen schon im Juli 1779 anstellte. Es war ihm aufgefallen, daß bei einzelnen Blättern sämmtliche Drüsenhaare auf einen Punkt der Blattoberfläche zusammengeneigt waren und daß sich dem entsprechend auch die Ränder dieser Blätter ein wenig nach innen gebogen hatten. Als er einige dieser einer vielfingrigen geschlossenen Faust vergleichbaren Blätter untersuchte, fand er jedesmal ein todtes, mehr oder weniger verwestes Insect darin. Er setzte darauf einige Exemplare in Töpfe, um in seiner Behausung genauere Studien anzustellen.

Wenn er nun eine lebende Ameise oder einen kleinen Käfer auf das Blatt setzte, so heftete sich die Ausscheidung der Drüsenkölbchen in Gestalt feiner umstrickender Fäden an die Füße des Thieres und vereitelte zunächst seine Fluchtversuche. Allmählich begannen darauf die Härchen sich zu krümmen, zuerst die kürzeren der Blattfläche, dann die längeren Wimpern des Randes, und nach kurzer Zeit hatten sie sämmtlich ihre Kölbchen auf den Körper des Thieres gesetzt, welches, wie von den Fangarmen eines Polypen ergriffen, gewöhnlich nach einer Viertelstunde bereits verendet schien. Es vergingen aber Stunden, ehe das Blatt seine vollkommenste Aushöhlung erreichte, wobei die Lage der Wimpern derjenigen im jungen unentwickelten Blatte gleicht. Derselbe sorgfältige Beobachter bemerkte auch bereits, daß die Blätter bei Sonnenschein und warmer Luft viel reizbarer sind, als bei kühler und regnerischer Witterung, daß sie gegen die Berührung unorganischer Körper durchaus weniger empfindlich erscheinen, als gegen die Berührung lebender, und daß diejenigen der langblättrigen Arten sich um ihren Fang zusammenrollen, während das runde Blatt der gewöhnlichsten Art sich nur ein wenig vertieft und die Hauptarbeit seinen Fangarmen überläßt. Diese wiederholt von anderen Botaniker bestätigten Beobachtungen wurden indessen achtzig Jahre lang nicht erweitert, bis die Pflanze in neuester Zeit wieder die Aufmerksamkeit der Forscher auf sich zog.

Außer den englischen Naturforschern Darwin und Bennett und dem Franzosen Ziegler hat sich als einer der ersten Beobachter namentlich eine amerikanische Dame, Mrs. Mary Treat, ausgezeichnet. Sie experimentirte sowohl mit der aus unseren Mooren nicht seltenen langblätterigen Art, wie auch mit der bei uns nicht vorkommenden Drosera filifera, und sah nicht allein kleine Insecten, Ameisen, Spinnen, Fliegen, Mücken, sondern auch zuweilen größere, Motten u. dgl. gefangen. Legte sie in den warmen Tagesstunden todte Insecten oder kleine Bissen rohes Rindfleisch auf die Blattfläche der langblättrigen Art, so dauerte es nicht ganz zwei Stunden, bis sich das Blatt so vollkommen über seine Beute zusammengerollt, daß die Blattspitze den Stiel berührte. Sämmtliche Drüsenfäden convergirten dann auf dem Beutethiere[1] wie die Spieße auf der Brust des Winkelried in der Sage. Während ein Bissen rohes Fleisch das Blatt fast ebenso schnell wie ein lebendiges Thier reizte, äußerten trockene mineralische Substanzen, kleine Quarzkörner, Stückchen Kalk etc. selbst nach vierundzwanzig Stunden keine Wirkung. Nasser Kalk freilich reizte die Blätter vermöge seiner ätzenden Schärfe. Es gab sich also unzweifelhaft ein Unterscheidungsvermögen, oder sagen wir ein verschiedenes Verhalten für mineralische und animalische Körper kund, ja, Mrs. Treat glaubt sogar beobachtet zu haben, daß letztere schon aus einiger Entfernung von den Blättern empfunden werden. Sie befestigte im Juli 1873 eine lebende Fliege einen halben Zoll hoch über dem Blatte und sah dasselbe nach vierzig Minuten merklich aufwärts gebogen, nach weiteren zehn Minuten hatte es das Thier ergriffen und in seinen Fangarmen festgehalten.

Noch merkwürdiger klingen die Mittheilungen, welche der Botaniker Ziegler im Beginne des Jahres 1872 der Pariser Akademie über die Sonnenthau-Arten gemacht hat. Derselbe will festgestellt haben, daß alle todten thierischen Eiweißsubstanzen nur dann einen Reiz auf die Blätter der Sonnenthau-Arten hervorzubringen vermögen, wenn man sie vorher eine kurze Zeit zwischen den Fingern gehalten hat. Legte er sie, ohne die Finger zu gebrauchen, mit einer Zange auf die Blätter, so übten sie keine Wirkung. Befestigte er andererseits einen Klumpen Bluteiweiß, welchen er vorher eine halbe Stunde lang in der Hand gehalten, in der Nähe der Pflanze, so hatte sie nach vierundzwanzig Stunden gänzlich ihre Empfindlichkeit für Eiweißstoffe verloren. Dagegen wurden die Blätter nunmehr durch Chinin, welches in Papier eingeschlagen war, gereizt. Mag es sich aber mit diesen Erscheinungen verhalten wie es wolle, jedenfalls kann man sich auch die einfachsten dieser Reizwirkungen kaum ohne die Vermittelung von Empfindungsnerven denken, welche den Reiz fortpflanzen und den Muskelapparat zur Thätigkeit anregen.

[168]
Die Gartenlaube (1875) b 160.jpg

Pflanzen als Insectenfänger.
Nach der Natur aufgenommen von E. Schmidt.

[169] In der That hat man bei diesen wie bei anderen zur Gruppe der Sinnpflanzen gerechneten Gewächsen allerlei andere auf Nerventhätigkeiten hindeutende Erscheinungen wahrgenommen. So vermochte Darwin durch Nadelstiche die Bewegungsfähigkeit des Sonnenthau-Blattes zu lähmen, und Heckel in Montpellier, wie schon andere Botaniker vor ihm, hat gezeigt, daß Aether und Chloroform-Dampf die Sinnpflanze ebenso betäuben und unempfindlich gegen Berührung machen, wie große und kleine Thiere, z. B. auch Fliegen. Natürlich darf man daraus nicht auf ein centralisirtes Nervensystem wie bei den höheren Thieren schließen: die Reizbewegungen der Pflanzen würden vielmehr den Reflexbewegungen entsprechen, die z. B. ein enthaupteter Frosch ausführt, welchen man in’s Bein kneipt. Wirklich hat auch der Botaniker Nuttall frisch abgerissene Blätter der Dionäa im Sonnenscheine ähnliche Bewegungen, wie die der ungetheilten Pflanze, ausführen sehen, obgleich die Reizbarkeit schnell abnahm.

Jedenfalls ergiebt sich, daß die Pflanze nicht ein so völlig empfindungsloses und indifferentes Wesen zu sein braucht, wie man in der Regel annimmt, und der Spott des heiligen Augustin über die Manichäer, welche die Pflanzen als beseelt ansahen und die Ernten des Ackerbauers als einen Massenmord bezeichneten, verliert an treffender Schärfe. Auch die frommen, keine Thiere tödtenden Hindus und die Gemüseheiligen der alten Welt müssen einen sonderbaren Eindruck von diesen Pflanzen empfangen, welche mit Ausdauer Thiere tödten und verzehren.

Denn um ein Verzehren scheint es sich in der That zu handeln. Der Engländer Bennett stellte fest, daß sich bei den Drüsen des Sonnenthaues die Abscheidung des schleimigen Saftes vermehrt, sobald ein Insect gefangen ist, gerade wie die Magendrüsen zu träufeln beginnen, sobald ein Bissen im thierischen Magen anlangt. Fleisch erscheint durch diesen Saft in kurzer Zeit sehr verändert. Schon seit alten Zeiten kannte man die Schärfe des Saftes der Drosera und schrieb der mit Salz zerquetschten Pflanze blasenziehende Eigenschaften zu. Schon immer hat man die Blätter der Pflanzen im Allgemeinen wegen ihrer ernährenden Thätigkeit dem Magen der Thiere verglichen, aber man ahnte nicht, das es solche Blätter gebe, deren Oberfläche wie die Magenwand mit Verdauungssaft aussondernden und Nährstoff einfangenden Drüsen versehen wären. Nunmehr aber ist man aufmerksam geworden auf eine Gruppe von Pflanzen, deren Blätter stets einen mit Flüssigkeit gefüllten Hohlraum darstellen, auf die sogenannten Schlauch- und Kannenpflanzen. Man hat von diesen sonderbaren Sumpfgewächsen, die namentlich zu den drei Geschlechtern Nepenthes, Sarracenia und Darlingtonia gehören, viele poetische Schilderungen entworfen, nach denen sie dem Wanderer, der in weitem Sumpflande dem Verschmachten nahe sei, einen erfrischenden Trunk reserviren sollten, und selbst Linné berichtete von den Sarraceniaarten, daß ihre Flüssigkeit dürstende Vögel erquicke. Allein in Wirklichkeit findet man die von der Pflanze ausgesonderte Flüssigkeit in den oft künstlerisch schön geformten Krügen, deren Inhalt zuweilen durch einen besonderen Deckel gegen die Verdunstung und das Hineinregnen geschützt ist, stets mit zahlreichen Insectenleichen gefüllt, denen dann zuweilen insectenfressende Vögel nachgehen mögen. Die lebhafte Farbe und honigartige Ausschwitzungen am Eingange dieser Schläuche (die bei der californischen Gattung Darlingtonia oft einem aufgesperrten Reptilienrachen gleichen) locken diese Insecten an, die in Masse dort ertrinken.

Schon im Jahre 1791 hatte William Bartram vermuthet, daß diese Flüssigkeit in den Blattschläuchen einer nordamerikanischen Damensattelblume (Sarracenia variolaris) auflösende und verdauende Eigenschaften äußern möge, und im Jahre 1829 hat Burnett diese Muthmaßung bestätigt, während Dr. Mellichamp, ein Arzt in Südcarolina, diese Vermuthung durch neuere Versuche fast zur Gewißheit erhoben hat. Er beschreibt den abgesonderten Saft dieser Pflanze als von Geschmack schleimig zusammenziehend, und als giftig oder wenigstens betäubend für die Insecten. Die hineingefallenen Thiere werden nämlich schon nach einer halben Minute bewegungslos, erholen sich aber, wenn man sie bald rettet, allmählich wieder. Die Verdauung sei mehr einer beschleunigten Zersetzung zu vergleichen.

Die Säfte der vielfach in unseren Gewächshäusern wegen ihrer der zierlichsten getriebenen Goldschmiedsarbeit gleichenden Deckelkannen gezogenen Nepenthesarten hat Dr. Hooker in Kew auf ihre verdauenden Fähigkeiten geprüft und die lösende Einwirkung auf gekochtes Eiweiß, rohes Fleisch, Knorpelsubstanz etc. ganz erstaunlich gefunden. Mitunter waren die Stücke in Zeit von zwei bis drei Tagen völlig aufgelöst und zwar viel schneller im Schlauche selber, als wenn die Flüssigkeit in ein Glas abgefüllt worden war. Dr. Hooker schließt daraus, daß die innere Schlauchfläche entsprechend der Menge vorhandener Eiweißsubstanzen beständig einen dem Pepsin des Thiermagens vergleichbaren Stoff absondern möge.

Dieser räuberische Trieb scheint im Uebrigen ganz besonders der kleinen Familie der Sonnenthaugewächse, zu denen die Venusfliegenfalle ebenfalls gehört, eingeboren zu sein, denn im Hochsommer des vorigen Jahres beobachtete der Obergärtner B. Stein aus Berlin dieselbe Gewohnheit in einem besonders ausgeprägten Grade bei einer in Südeuropa wahrscheinlich mit dem Reiß aus Ostindien eingewanderten Droseracee, der Aldrovanda vesiculosa. Er fand dieses Wassergewächs auf einer Excursion in Schlesien massenhaft blühend in einem Teiche unweit Rybnik und überzeugte sich, daß jedes der in der Mittagssonne geschlossenen Blätter ein gefangenes Insect einschloß. Ja, dieses Gewächs zeigte sich bei warmer Wassertemperatnr (30° R.) als das empfindlichste aller seiner Verwandten, denn der Beobachter brauchte die Fläche eines geöffneten Blattes nur ein wenig mit einem Platindraht zu kitzeln, um es sofort energisch längst der Mittelrippe zusammenklappen zu sehen. Eine darauf geworfene Stecknadel wurde alsbald geschickt gefangen und erst nach achtzehn bis vierundzwanzig Stunden wieder fallen gelassen. Doch zeigte sich diese hochgradige Reizbarkeit eben nur bei sehr warmer Luft, wie schon der älteste Beobachter einer Sonnenthau-Art Aehnliches bemerkte. Bei niederer Temperatur bleiben sämmtliche Blätter der Aldrovanda zusammengelegt, und ebenso wenn man die Pflanze aus dem Wasser nimmt.

Seitdem hat Professor Cohn in Breslau noch bei einer anderen in unseren Wiesengräben nicht seltenen Pflanze, dem sogenannten Helm- oder Blasenkraut (Utricularia vulgaris) eine äußerst räuberische Einrichtung kleiner Schläuche entdeckt, die an den untergetauchten fadenartigen Blättern sitzen. Diese Schläuche haben nämlich eine ventilartige Thür, die sich nur von außen öffnen läßt, den hineinspazierten Thieren aber den Ausweg verweigert. Sie sind darum stets mit den Leichen und Hautskeleten von Wasserflöhen, Würmchen, Krebs-Thieren kleinster Art und Wasser-Käferchen gefüllt, deren Körper von der Pflanze ausgesogen worden sind. Wir können uns einer ausführlicheren Beschreibung dieser Pflanzen enthalten, da die Meisterhand Emil Schmidt’s uns das ganze Räubergeschlecht in einem wohlgetroffenen Bilde vorgeführt hat. Die obere Hälfte zeigt Vertreter der drei hauptsächlichsten Gattungen der vorerwähnten Schlauchpflanzen (Nepenthes, Darlingtonia und Sarracenia), die untere Hälfte, in derselben Reihenfolge von links nach rechts aufgezählt, die Venusfliegenfalle, das letzterwähnte Blasenkraut, die Aldrovanda, den rundblättrigen und den langblättrigen Sonnenthau.

Zum Schlusse will ich nicht unterlassen, Leser und Leserinnen auf das Vergnügen aufmerksam zu machen, welches ihnen das Selbstbeobachten der Jagd und Wegelagerei des in den meisten Torfsümpfen zu findenden Sonnenthaus bereiten würde. Wenn man eine handbreite Fläche Torfmoos aushebt, kann man mit Leichtigkeit mehrere dieser reizenden Ziergewächse damit nach Hause tragen und in eine mit Torfgrus gefüllte Schale verpflanzen. Ich habe mich des reizenden Gewächses mit seinem immerwährenden Thau und seinen Bewegungen wochenlang erfreut. Für unsere Terrarien kann es schon an sich keinen größeren Schmuck geben, als den Sonnenthau, den ich trotzdem noch nie in einem Terrarium gesehen habe. Welches Vergnügen, am Morgen nach den Goldfischen auch dem Sonnenthau unter der Glasglocke ein Stückchen Fleisch zu Erquickung zu reichen und zu sehen, wie es ihm wohlschmeckt! Gewappnet gegen die Fastenpredigten der Vegetarianer, kehren wir wohl dann zu unserem Mittagstische zurück, denkend, daß eine gebratene Gans auch am Freitage so gar sündhaft nicht sein könne, da selbst die unschuldigen Blumen ein kleines Beefsteak nicht verschmähen.




  1. WS: Im Original Beutelthiere