Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres/Am Sonntag Oculi 1836

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Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres
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Am Sonntag Oculi.
(Altdorf 1836.)


Joh. 13, 1–15. Vor dem Fest aber der Ostern, da JEsus erkannte, daß Seine Zeit gekommen war, daß ER aus dieser Welt ginge zum Vater; wie ER hatte geliebt die Seinen, die in der Welt waren, so liebte ER sie bis ans Ende. Und nach dem Abendessen, da schon der Teufel hatte dem Juda Simonis Ischarioth ins Herz gegeben, daß er Ihn verriete, wußte JEsus, daß Ihm der Vater hatte alles in Seine Hände gegeben, und daß ER von Gott gekommen war und zu Gott ginge; stand ER vom Abendmahl auf, legte Seine Kleider ab und nahm einen Schurz und umgürtete sich. Danach goß ER Wasser in ein Becken, hob an, den Jüngern die Füße zu waschen und trocknete sie mit dem Schurz, damit ER umgürtet war. Da kam ER zu Simon Petrus, und derselbige sprach zu Ihm: HErr, solltest Du mir meine Füße waschen? JEsus antwortete und sprach zu ihm: was Ich thue, das weißt du jetzt nicht, du wirst es aber hernach erfahren. Da sprach Petrus zu Ihm: Nimmermehr sollst Du mir die Füße waschen. JEsus antwortete ihm: Werde Ich dich nicht waschen, so hast du kein Teil mit Mir. Spricht zu Ihm Simon Petrus: HErr, nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt. Spricht JEsus zu Ihm: Wer gewaschen ist, darf nicht, denn die Füße waschen, sondern er ist ganz rein. Und ihr seid rein, aber nicht alle. Denn ER wußte Seinen Verräter wohl, darum sprach ER: Ihr seid nicht alle rein. Da ER nun ihre Füße gewaschen hatte, nahm ER Seine Kleider und setzte sich wieder nieder und sprach abermal zu ihnen: Wisset ihr, was Ich euch gethan habe? Ihr heißet Mich Meister und HErr und saget recht daran, denn Ich bin es auch. So nun Ich, euer HErr| und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt ihr auch euch untereinander die Füße waschen. Ein Beispiel habe Ich euch gegeben, daß ihr thut, wie Ich euch gethan habe.
JEsu Christi Demut.

 Diese Demut und Hoheit Christi finden wir vornehmlich in folgenden Worten unseres Textes angedeutet: „ER wußte, daß Ihm der Vater hatte alles in Seine Hände gegeben, und daß ER von Gott gekommen war und zu Gott ginge, und stand vom Abendmahl auf, legte Seine Kleider ab und nahm einen Schurz und umgürtete sich. Danach goß ER Wasser in ein Becken, hob an, den Jüngern die Füße zu waschen und trocknete sie mit dem Schurz, damit ER umgürtet war.“ Nach dem Sinn dieser Worte vornehmlich, jedoch auch mit Herbeiziehung des übrigen Textes handeln wir heute zuerst von der Demut JEsu, sodann von Seiner Hoheit.


I.

 Wenn wir von der Demut JEsu handeln, so müssen wir Seine Majestät und Hoheit voraussetzen. Denn nur der, der groß ist oder sein könnte und lieber klein wird, ist demütig und kann es allein sein. Von der Demut des Sünders, der da nichts ist, dessen Demut allein darin besteht, daß er sich nicht einbilde, etwas zu sein, sondern anerkenne, daß er nichts, ja weniger als nichts, ein schuldbeladener Sünder ist, von dieser Armensünderdemut handeln wir heute zunächst nicht.

 Indem wir also von der Demut des hochgelobten Gottessohnes handeln, haben wir dabei immer schon Seine angeborene und von Ewigkeit her Ihm beiwohnende Herrlichkeit in Gedanken. Diese Demut des HErrn aber erweist sich

 1. im Fußwaschen selbst. Dies Fußwaschen war ein Dienst der Sklaven. Indem nun der HErr Seinen Jüngern die Füße wäscht, macht ER sich gleichsam zu ihrem Sklaven. Wenn alles wäre, wie es nach unserm Verstande sein sollte, so müßte der Schlechtere dem Besseren dienen, der Herrschende| müßte immer der Bessere und der Dienende der Geringere und Schlechtere sein. Beim Fußwaschen ist das nun einmal nicht. Die, welche gleich Herren bedient werden, sind arme, sündhafte Leute, trotzige und verzagte Herzen, welche bald, wenn die Sonne sticht, ihren Heiland verlassen werden, statt mit Ihm in Not und Tod zu gehen. Ja, unter ihnen ist einer, der nach Ablauf von etwa vierundzwanzig Stunden einen falschen Eid und Schwur thun wird, daß er seinen Heiland, mit dem er drei Jahre herumgegangen, nicht kenne, und einer, in den der Satan schon gefahren ist und ihn verführt hat, um Sklavenpreis, um dreißig Silberlinge seinen Heiland zum Tode zu verkaufen, wie an Ostern die Passahlämmer verkauft werden. Das sind die Leute, die bedient werden; der aber, welcher dient, das ist ein Mann, welcher in dem Gewissen aller derer, denen ER diente, das Zeugnis hatte, daß ER ein Mann von tadellosem Wandel und wahrhaft würdig wäre, daß man Ihm diente, ein Mann, der nie eine Sünde gethan, in dessen Munde kein Betrug erfunden worden, auf den die Hälfte der heiligen Schrift, soweit sie nämlich vom Gesetz handelt, keine Anwendung litt, weil ER reiner ist als das Gesetz, weil Seine Heiligkeit das Urbild ist, von welchem das Gesetz nur ein Abbild ist, ein Mann, der unter allen, die von Adam bis ans Ende der Welt gelebt haben und leben werden, Seinesgleichen nicht hat, denn alle andern sind Sünder, und ER allein in einer zahllosen Schar von Menschen ist kein Sünder, ist von den Sündern abgesondert, ein reines Herz, ein Tempel Gottes, ein Schauspiel der Engel, eine Freude und Wonne des heiligen Gesetzgebers auf Sinai. Dieser Heilige Gottes dient! Und daß ER das thut, ist große Demut!
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 Das ist nun freilich wider unsern Verstand! Denn wie gesagt, der erinnert uns, daß der Schlechtere dem Bessern dienen soll und nicht umgekehrt. Indes, möge das sein! Aber sonst herrschen doch in der Welt, die Gewalt haben, und wer keine Gewalt hat, der dient, und das ist überdies Gottes Ordnung. Aber auch das ist beim Fußwaschen anders. Die| hier als Herren bedient werden, sind die ärmsten, geringsten Leute, die es geben kann, Fischer, Zöllner u. dgl., die keine Macht haben, die ein jeder zum Pöbel des Landes rechnete, welche so ungeachtet waren, daß selbst die Häscher bei der Kreuzigung sie willig gehen ließen, und kein Hoherpriester nach ihnen fragte, weil von ihrem Einfluß auf das Volk nichts zu besorgen war. Der Diener hingegen, von dem sie alle bedient werden, ist derselbe, der da wußte, daß Ihm der Vater alles in Seine Hände gegeben hatte und daß ER von Gott gekommen war und nun wieder zu Gott ginge. Wenn dem Joseph träumte, daß Sonne, Mond und elf Sterne sich vor ihm geneigt hätten, so strafte ihn sein Vater darüber und sprach: „Was ist das für ein Traum? Soll ich und deine Mutter und deine Brüder kommen und dich anbeten?“ Hier aber neigen sich nicht Sonne, Mond und Sterne vor den Jüngern, sondern der HErr, welcher Sonne, Mond und Sterne geschaffen hat, der Väter, Mütter und Familien geschaffen hat, der auch diese zwölf Jünger geschaffen hat, der legt Seine Kleider ab, gürtet sich mit einem Schurz, gießt Wasser in ein Becken und hebt an, der Ärmsten Füße zu waschen. Der das Wasser ins Becken gießt, ist einer, dem alle Wasser im Meer gehorsam sind, den alle Wellen verehren, die vor Seinem wandelnden Fuß zu festem Boden werden, der dem Wasser seinen Ort angewiesen und seine Schwelle gesetzt hat, darüber es nicht kommen kann, der alle Tropfen des Wassers gezählt hat, der sie alle geschaffen hat! Der Seine Kleider hier vor Bettlern ablegt, ist derselbe, den Jesaias im Tempel sitzen sah auf einem hohen und erhabenen Stuhle, und der Saum Seines Kleides füllte den Tempel und die Engel sangen: „Heilig, heilig, heilig ist der HErr Zebaoth! Alle Lande sind Seiner Ehre voll!“, derselbe, von dem geschrieben ist: „Licht ist Sein Kleid!“, derselbe, der in Wolken und Feuer vor Seinem Volke Herzog, in Wolken- und Feuersäulen! Gott liegt auf der Erde und wäscht Seinen Freunden und Feinden die Füße! – Sieh, das ist Demut, das heißt klein werden, da man doch groß ist, das ist eines Gottes, das ist Deines JEsu Demut!
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|  2. Doch dies Fußwaschen ist nur ein Tröpflein Seiner Demut, die wie ein Meer in Seinen Lebensbeschreibungen vor uns hingeschüttet ist und glatt und still uns anschaut, uns einladet, in ihr uns zu spiegeln und Thränen über unsern Hochmut hineinzuweinen. Dies Fußwaschen ist nur ein Teil des Gehorsams JEsu, den ER in Seinem ganzen Leben bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuz bewies. Sein ganzer Lebenslauf ist Demut und nur Demut, Erniedrigung himmlischer Majestät, Entäußerung eines Mannes, der in göttlicher Gestalt war, Verleugnung himmlischer Hoheit zu unsern Gunsten. Sieh, ER, der die Beschneidung verordnet hat, läßt sich wie ein Sünder beschneiden, ER, der von allen Opfern versöhnt werden soll, läßt ein Reinigungsopfer über sich opfern. ER, dem alle Dinge gehorchen, den alle Kreaturen anbeten, von dessen Gehorsam und Dienst Lobgesang und Preis der Engel wiederhallen, ER gehorcht Seiner Mutter Maria und Seinem Pflegevater Joseph, armen Sündern. ER, der im Tempel angebetet wurde, von dem Weisheit ausging von alters her, der selbst die Weisheit ist, die die Welt erbaute, ER geht in den Tempel, läßt von grauen Männern sich lehren, die Ihn nicht kennen, die nicht wissen, was für ein Reich, was für eine göttliche Herrlichkeit in der Brust des zwölfjährigen Knaben lag, der vor ihnen stand! ER, der die Welt geschaffen und Himmel und Erde gegründet und erbaut hat, nimmt eine Axt und geht bei einem Zimmermann in die Lehre, lernt sein Handwerk und nährt sich und Seine Mutter mit diesem Handwerk dreißig Jahre. ER, auf dessen Namen Johannes alle Menschen taufte, allen Sündern von Ihm predigte, alle reuevollen Herzen zu Ihm, als zum Träger ihrer Sünden, zum Lamm Gottes wies, ER läßt sich mit derselben Taufe taufen, als wäre auch ER ein Sünder, als müßte ER sich selbst erlösen mit Seinem Blute. ER, von welchem allein aller Beistand in Versuchung kommt, wird versucht wie wir. ER, zu dem alle Nationen beten, betet selbst auf Bergen nächtelang! ER, von dem alle predigen, die je Weisheit gepredigt haben, predigt selbst. ER, von dem alle Obrigkeit Gewalt hat, wird aller Obrigkeit unterthan bis in den Tod, giebt dem Kaiser| den Zins und streckt Leib und Leben dar, wenn des Kaisers Landpfleger es will! Kurz und mit einem Worte: Der Gesetzgeber auf Sinai, da niemand das Gesetz erfüllte, da der Fluch des Gesetzes über alle zu kommen, alle in die Hölle hinab zu verschlingen drohte, da die Gerechtigkeit des HErrn unausweichliche Erfüllung des gegebenen Gesetzes forderte, ohne daß eine Hoffnung da war, daß der Mensch, der da fleischlich ist, erfüllen könnte, was das Gesetz gebietet, das da geistlich ist, dieser Gesetzgeber wird ein Mensch in der Fülle der Zeit, tritt an unsere Stelle, geboren von einem Weibe, unter das Gesetz gethan und erfüllt alle Gesetze, alle Gerechtigkeit und Rechte, leistet einen untadeligen Gehorsam und zwar nicht für sich, sondern für uns, an unserer Statt! ER meidet alles Böse, welches wir thun ohne Unterlaß, ER thut alles Gute, welches wir unterlassen! Sein Leben vom ersten Hauche bis ans Ende ist eine heilige Erfüllung des Gesetzes, ein heiliger Schleier, der uns geschenkt wird, unsere Blöße vor Gottes Gericht zu decken, ein Mantel, mühsam gewoben und bei Seiner Himmelfahrt uns zugeworfen, wie Elia Mantel dem Elisa, auf daß Sein Geist auf uns käme, ein goldner Sühndeckel, auf dem Gottes Auge mit Wohlgefallen ruht, der unsern Kläger von Gott scheidet, das Gesetz. Merkt ihr Seine Liebe, auf daß wir würden die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, erfüllte ER selbst die Gerechtigkeit und schenkt sie uns, und uns wird zugerechnet, was ER gethan! Dies zu vollbringen, geht ER in Menschengestalt dreiunddreißig Jahre einher, in Müh und Kummer, in Verfolgung und Armut, in Haß und bitterer Feindschaft als ein Knecht! Darum wurde ER so demütig, so klein, darum starb ER nicht schon im zwölften Jahre oder im zwanzigsten, dazu wandte ER Sein still verborgenes ganzes Leben an! Ehre Seine Demut, liebe Seele, und bete an!
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 3. Doch alles dies, jenes Fußwaschen und alles, was wir bisher erwähnt, zeigt doch des HErrn Demut noch nicht in dem rechten Glanze. Dies alles gehört noch zum thätigen Gehorsam, und solange einer thut und wirkt, scheint er noch| nicht im tiefsten Thale der Demut angelangt zu sein. Aber das Fußwaschen des HErrn, von dem unser Text redet, hat einen heimlichen Sinn, und dieser heimliche Sinn enthüllt uns die tiefste Demut des HErrn. „Was Ich thue, das weißt du jetzt nicht,“ sprach der HErr zu Petrus, da dieser sich die Füße nicht wollte waschen lassen, und deutete mit diesen Worten auf den heimlichen Sinn Seines Waschens. „Werde Ich dich nicht waschen, so hast du kein Teil mit Mir!“ spricht ER weiter zu demselben Petrus, und macht unsere Seelen damit höchst begierig, Sein Waschen und Fußwaschen zu verstehen. Denn wenn, wer nicht gewaschen wird, kein Teil mit Ihm hat, so müssen wir, die wir nicht mehr leiblich von Ihm gewaschen werden können, und dennoch an Ihm teil zu haben begehren, den Sinn Seines Waschens zu erfahren, ja die Waschung zu erlangen suchen, so lieb uns unsere Seligkeit ist, welche wir nicht erlangen können, wenn wir kein Teil an Ihm haben. Es muß ein geistliches Waschen geben. Wenn die Demut JEsu im leiblichen Waschen schon so schön ist, so muß sie noch viel schöner, zur Anbetung hinreißend sein im geistlichen Waschen, und wir müssen diese Demut umsomehr zu verstehen trachten, weil darin unser Teil an Ihm, unser Teil am ewigen Leben begründet ist. Wohlan denn, Brüder, schenkt mir ferner eure Aufmerksamkeit. Ich will euch nun, nach der Gnade, die mir Gott geben wird, den geistlichen Sinn des Fußwaschens und Waschens auslegen. Ich sage absichtlich, des Waschens und Fußwaschens, denn das Waschen geht auf den ganzen Leib, den ganzen Menschen, das Fußwaschen nur auf einen Teil desselben.
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 a) Soll es ein geistliches Waschen geben, so muß auch unser Geist nötig haben, daß er gewaschen werde; es muß einen geistlichen Schmutz und ein Wasser geben, durch welches wir von diesem geistlichen Schmutz gereinigt werden können. Und allerdings, so ist es. Unser Geist bedarf des Waschens. Der Schmutz, der ihm anklebt, ist die Sünde, welche auch in der heiligen Schrift gar oft einem Schmutze verglichen wird, und das Wasser, womit wir Sünder gewaschen werden, ist Vergebung der Sünden. Denn wem die Sünde ein Jammer| ist, der betet mit David: „Wasche mich, daß ich schneeweiß werde!“ und wem vergeben ist, von dem heißt es: „Du bist rein um des Wortes der Vergebung willen, das Ich zu dir gesagt habe!“ Auf dieses Waschen durch Vergebung der Sünden deuten schon alle Waschungen im Alten Testament und so mancher Befehl Gottes, wie z. B.: „Waschet euch, reinigt euch!“ so manche Verheißung: „Wenn deine Sünden gleich blutrot sind, so sollen sie doch schneeweiß werden!“ Behaltet ihr dies im Auge, liebe Brüder, so werdet ihr mich in dem, was ich weiter zu sagen habe, desto richtiger verstehen.

 b) Das Waschen JEsu, welches ein Teil des thätigen Gehorsams JEsu ist, deutet hin auf den leidenden Gehorsam, durch welchen ER uns das Wasser unseres Geistes, die Vergebung der Sünden, erst bereiten mußte. Dieser leidende Gehorsam ist es, an welchen uns insbesondere die Passionszeit erinnert. Wir verstehen unter ihm alles, was JEsus jemals gelitten hat von Mutterleibe und von Kindesbeinen an, insonderheit aber die Leiden in der Nacht des Gründonnerstages und am Karfreitag: Seinen Kampf im Garten, Seinen blutigen Schweiß, Seine Qual vor zwei geistlichen und zwei weltlichen Gerichten (geistliches Gericht: das Alte und das Neue Testament, weltliches: Juden und Heiden verdammen Ihn), Seine Schmerzen, Sein Spott und Hohn unter den Händen der Kriegsknechte und alles, was im Verlauf Seiner Kreuzigung bis zum Augenblick Seines Todes und bis zum Stich in Seine Seite menschliche Bosheit und Gottes verborgener, heimlicher Rat über Ihn verhängte.

 Alles nun, was wir in der heiligen Schrift aufgezeichnet finden, das ER gelitten hat, sowie alles, was nicht aufgezeichnet worden ist, weil es zu tief ist, als daß es Menschen enthüllt werden könnte, die Leiden Seines Leibes und Seiner Seele, welche alle ER selbst in der Ewigkeit uns näher auslegen und erklären wird, alles das ist nichts anderes, als die Strafen, welche nach göttlicher Gerechtigkeit zeitlich und ewig über die Menschen und einen jeden unter ihnen kommen sollten, welche auch gewiß über alle gekommen wären ohne| Christum, welche gewiß über die noch kommen werden, und zwar um der Verachtung JEsu willen in desto größerem Maße, die nicht Buße gethan, nicht geglaubt haben. JEsus ist für uns, an unserer Statt ins Gericht gegangen und hat sich anheischig gemacht, alles zu dulden und auf sich zu nehmen, was wir um unserer Sünden willen zu leiden hätten! ER, als Gottes gewaltiger Leu, hatte Kraft genug, Gottes Lamm zu werden, das ist, solche Last der Strafe auf sich zu nehmen, und wie ER’s vollbringt, das sehen wir am Kreuz! ER leidet unsere Strafen, weil die Sünden den Sündern nicht vergeben werden konnten, ohne daß sie durch Strafen gebüßt wurden, weil ohne Blutvergießen des schuldigen Teils nicht möglich ist, daß er Vergebung empfange. Gleichwie ein Missethäter keine Ruhe hat, bis er den verdienten Lohn seiner That empfangen hat und sein Blut fließt, gleichwie er in seinem Blutvergießen, seinem Tode seine Ruhe gesucht hat, so können wir keine Sühne, keine Vergebung, keinen Frieden finden, wenn wir nicht selbst die Strafe unserer Sünden, zeitlichen und ewigen Tod leiden. Da wir aber zeitlichen und ewigen Tod nicht ausstehen können, ohne ewig zu Grunde zu gehen, so kommt der HErr der Herrlichkeit, der Fürst des ewigen Lebens, der Vater der Ewigkeit, das ewige Leben, und nimmt unsere Strafe auf sich, verschlingt sie in sich, ER ist mächtig, an unserer Statt zu überwinden, ER thut’s, ER überwindet, um uns Vergebung zu erringen, um uns das Wasser zu gewinnen, durch welches unser Geist allein gewaschen werden, zum Frieden kommen kann. Denn wer nicht Vergebung empfängt, ist weder gewaschen, noch hat er Frieden. – Siehe nun in diesem Leiden, in diesem leidenden Gehorsam deines JEsu die tiefste Demut deines JEsu, meine Seele! Der Vater möchte gern die Menschen von ihren Sünden in Vergebung rein gewaschen haben, es kann niemand das Wasser der Vergebung bereiten, als wer an ihrer Statt die Strafe trägt. Die Strafe kann niemand tragen, als JEsus Christus. ER trägt sie, ER wird gehorsam bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuz! ER war auf Sinai der Gesetzgeber, aber niemand hielt Sein Gesetz, alle sind Seiner Strafe heimgefallen.| Der Richter und Gesetzgeber ist barmherzig und gnädig und doch gerecht und heilig: was thun? ER wird gerecht, ER übt an sich die Gerechtigkeit, damit ER an den Schuldigen Barmherzigkeit und Gnade üben kann. ER wird ein Wurm, damit sie Ihm gleich würden, ein Missethäter, daß sie heilig würden, ER stirbt, damit sie ewig mit Ihm leben! ER läßt sich thun, was ihnen gebührte, auf daß ihnen geschähe, was ER erfährt, nämlich ewige Freude und Friede! Hast du je von solcher Demut gehört, Bruder? Bruder, meinst du, diese Demut sei zu verachten? Hast du die verachtet bisher, diese Demut, die ein größeres, lauteres Zeugnis Seiner Gottheit, Seiner Größe ist, als die Schöpfung der Welt? Und hast du je eine seligere Demut gesehen, als diese ist, die aller Welt Leben wird?

 c) Also zuerst auf die schwere Demutsarbeit JEsu weist das Fußwaschen hin. Durch diese Arbeit, durch das schwere Leiden und Sterben aber ist nun das Wasser der Vergebung gewonnen. Vergebung für alle Menschen hat JEsus selbst erworben, weil ER für alle gestorben ist, aller Strafe auf sich genommen hat, und weil ER für alle das Gesetz durch Seinen thätigen Gehorsam erfüllte. Aus Seinen Todeswunden, mit Seinem Todesblute quillt und quillt Vergebung, ein weites Meer. Der die Meere der Erde geschaffen, hat ein reines, himmlisches Meer durch Seinen Tod gewonnen und geschaffen, und nach Seiner Auferstehung steht ER gleichsam an diesem Meere der Vergebung, sendet Seine Boten zu allen Völkern und läßt ihnen sagen: „Kommt, kommt, der große Fürst der Ehren hat ein Wasser gewonnen, das eure Seelen wäscht von Sünden, kommt, glaubet, suchet JEsum, ER steht am Meere und will einem Jeden Haupt, Hände, Füße und alles waschen, ER will einem Jeden die gewonnene Vergebung zueignen und schenken! Umsonst ist es, daß ihr euch waschet allüberall in euren Wassern, umsonst ist Jordan und Ganges, aus JEsu Wunden quillt die Vergebung. Kommt, JEsus wäscht euch!“

 Ja, mehr als das! JEsus wußte wohl, daß ER mit Seinem Leiden und Sterben der ganzen Welt Vergebung der| Sünden, Leben und Seligkeit in dieser erwerben würde. Da ließ ER sich taufen, tauchte Seine Glieder in den Jordan nieder und weihte damit alle Wasser der Erde ein zur Taufe, zu Trägern der Vergebung der Sünden, die ER erwarb! ER sandte Seine Boten und sprach: „Taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes!“ und wo überall sie hinkamen, fanden sie das Wasser, die Völker zu taufen, und mit der Wassertaufe die Feuertaufe, die Vergebung der Sünden mitzuteilen! So weit die Wasser gehen, geht Seine Taufe, und in der Taufe das Waschen des ganzen Menschen in Vergebung! In der Taufe wird alle Sünde weggenommen, die Erbsünde und alle andern, und wer es glaubt in seinen alten Tagen, der kann die Kraft derselben getrost in seinem Gebete vor Gott geltend machen. Wer seinen Glauben auf die Taufe gründet, hat gut für die Ewigkeit gegründet! In der Taufe wird die gewonnene Vergebung mitgeteilt, der ganze Mensch wird gewaschen. Darauf deutet das Waschen im Text. Und der da tauft, der da wäscht, der die Vergebung zueignet, das ist Christus! Dieser, obwohl erhöht auf Gottes Thron, läßt sich hernieder, bei jeder Taufe ist ER gegenwärtig und wäscht den Täufling am ganzen Leibe und Geiste, wie ER den Jüngern die Füße wusch! Seine heilige Demut ist noch vorhanden, jetzt wie sonst! ER hat einst mit den Sündern gegessen und scheut sich jetzt nicht, mit ihnen umzugehen, sondern faßt sie, wenn sie geboren werden, in allem ihrem angeborenen Schmutz in Seine Hände und Arme und wäscht sie demütig ab!
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 Auf dieses Waschen des ganzen Leibes, auf diese Vergebung der Sünden, aller Sünden ein für allemal in der Taufe deutet das Waschen. Worauf aber das Fußwaschen? Es sündigen die Getauften täglich wieder, sie wachsen auf in einer kotigen Welt, sie gehen durch ihren Schmutz dahin. Auch wenn sie ihren Glauben an die Vergebung der Sünden in der Taufe nie verlören, wenn sie die Taufgnade bewahrten ihr Lebenlang, wenn der Geist des HErrn sie in der Welt vor der Welt bewahrte und sie von Jugend auf zu leuchtenden Fackeln Gottes in einem unschlachtigen Geschlecht machte, muß| es ihnen doch oft nach der Schwachheit des Herzens sehr beschwerlich und hart fallen, daß sie alle Tage wieder sündigen, daß ihre Füße alle Tage wieder von Sünden staubig sind, daß immer kein Tag kommen will, wo sie frei würden von Sünden und Schmutz, daß im Gegenteil das Übel alle Tage ärger wird, daß sie, ergrauend im Glauben, auch in Sünden ergrauen! Ja, da kommt oft die ernste Frage, der schwere Zweifel: Ach, bei immer neuen Sünden gilt denn meine Taufe noch? Bin ich denn noch rein um des Wortes willen, das über mir in meiner Taufe gepredigt wird? Ach, meine Füße sind staubig und schmutzig! Diese schweren Anfechtungen und Leiden wußte der HErr wohl vorher, der Barmherzige, der Mitleid am eigenen Leiden gelernt hat, darum blies ER Seine Jünger an und sprach: „Welchen ihr die Sünden erlasset, denen sind sie erlassen!“ Darum legte ER in die Hände Seiner Diener die Macht und Kraft, täglich wieder an Seiner Statt Vergebung der Sünden zuzusichern, den Seinen die Füße zu waschen und zu ihnen zu sprechen: „Wer einmal in der Taufe gewaschen ist, der bedarf nichts, denn daß er die Füße wieder wasche, die vom täglichen Wandel wieder staubig wurden!“ Ja, geliebte Brüder, das ist das teure Amt der Diener JEsu, daß sie die Füße der Gläubigen waschen in der Absolution, dazu sind sie von Gott ermächtigt! Ach, und darum sollte man die Absolution nicht gar so selten und nur wie eine allgemeine Ceremonie suchen, darum sollte man oft begehren, absolviert zu werden und die Gewißheit Gottes zu empfangen, daß uns die immer neuen, immer wiederkehrenden Schwachheitssünden an Seiner Gnade, an unserm Teil an Ihm, an Seinem Himmelreich nicht schaden sollen! Es ist ja in der Absolution, auf welche das Fußwaschen hinweist, nicht eine menschliche Kraft, sondern JEsu Kraft und JEsu Demut. Denn wer sind denn die Diener, daß sie sollten vergeben dürfen, sie, die selbst alle Stunden der Vergebung bedürfen? Es ist ja niemand als der HErr, der Unsichtbare, der der Schwachheit des sichtbaren und im Sichtbaren gefangenen Menschen zu Hülfe kommt und durch Seine Diener die Füße waschen läßt. ER ist es ja, der so demütig ist, immer aufs| neue unsere Füße zu waschen, der in der Demut Geduld hat, solange wir in diesem sündenvollen Leben wandeln, der durch geduldige Demut, durch immerwährendes tägliches Waschen auch unsere Geduld stärken will, daß wir, von Ihm getragen und geduldet trotz vieler Sünden, von Ihm alle Tage gewaschen, nicht müde werden sollen, unserer Taufe zu trauen und in ihrem Frieden zu ruhen, ob uns auch viel Sünde in den Weg kommt und unsern Blick auf unser Kleinod, unsere Taufe trüben will! Rein durch die Taufe, gewaschen durchs Wort: wie selig ist der Christ! Und wie demütig ist der HErr, der immer Nahe, der, so oft ein Herz unter der Last der Sünden zu Ihm seufzt, immer wieder Sein offenes Herz, Seine Seite zeigt, Sein Blutvergießen, und durch oder ohne Seine Diener, in der Kammer, wo kein Diener Christi hineindringt, den einsamen Sündenkummer wegnimmt und fort und fort der Seinen Diener, und in dieser Seiner immerwährenden geduldigen Demut ihr Friede, ihre Freude ist, ein Friede und eine Freude, die nicht an Hochmut grenzen dürfen. Denn bei täglicher Erfahrung göttlicher Demut im Fußwaschen, Brüder, wer könnte da hochmütig bleiben? Wer sollte nicht Demut lernen von dem, der mit größerem Recht, als alle Menschen sagen kann: „Lernet von Mir, denn Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig!“

 Nun, geliebte Brüder, von der heilvollen Demut JEsu wäre genug geredet. Nur wenige Worte noch:

 Ihr seid gewaschen in der Taufe: habt ihr nicht diesen Glauben längst verloren, lebt ihr nicht in solchen Sünden, als z. B. in Geiz, Betrug, Wollust, Saufen, Fressen, Spielen, Neid und Hader, durch welche die Taufgnade weggenommen, und nicht bloß die Füße, sondern auch das Herz, das Haupt, der ganze Mensch wieder beschmutzt wird mit dem Schmutz der Sünde und dem Tode geweiht?

 Oder wenn es so ist, wenn ihr abgefallen seid, wenn ihr voll Schmutzes seid: wollt ihr’s denn bleiben, wollt ihr nicht reumütig wiederkehren und an eure Taufe wieder glauben, beten, daß Gott den Segen und das Waschen der Taufe, das| Waschen am ganzen Leibe, das Vergeben aller kleinen und großen, groben Sünden an euch jetzt noch gelten lassen wolle?

 Oder wenn ihr vielleicht jene Sünden in euch nicht spürt, ist nicht vielleicht Unglauben in euch und Verachtung der heiligen Taufe, durch welche ihr gewaschen seid, deren Kraft sich auch auf die Sünden der Abgefallenen erstreckt? Habt ihr nicht die Taufe und dazu die Absolution verachtet, die erste für eine Ceremonie und die Absolution in der Beichte für eine Plage, für ein bloßes Reden der Hirten gehalten?

 Ach, besinnt euch, kommt zu euch, gehet, watet nicht fort im Schmutz der Sünden, haltet ein! Hier ist JEsus, voll Sanftmut und Demut, rufend, als hinge Seine Seligkeit und nicht die eure daran: „Kommet her zu Mir!“ ER will euch, die ihr die Sünde nicht mehr liebt, sondern bereut und beweint, den Segen eurer Taufe aufs neue schenken und euch vergeben! Ja, ER will euch in Seiner Vergebung Seinen Frieden schenken, nicht wie die Welt schenkt und giebt! Wollt ihr nicht zu Ihm kommen, arme, schmutzige, ohne JEsu Weisung verlorene, vom ewigen Arm des Reinen, des Gewaschenen ausgeschlossene Seelen? O kommet, kommet! Sehr demütig ist der HErr!

 Und ihr, die ihr glaubet, die ihr weint über eure Sünden, die ihr keine Hülfe wisset für euch, als die Vergebung, die ihr wisset, daß nur die Vergebung euch heilig und besser machen kann, die ihr gewaschen seid, die ihr zurückgekehrt seid und habt euer Vertrauen auf JEsum, den Sterbenden, auf JEsum, den Taufenden gesetzt, die ihr aber bekümmert seid über oft wiederkehrende, ich sage nicht Bosheits-, sondern Schwachheitssünden, über so viel Anfechtung, Jammer und Not der Sünde: freuet euch! JEsus ist in der Mitte, JEsus ist da! Denn wo Seine Diener, da ist auch ER! Siehe, ich bin Sein Diener, ein berufener Diener meines HErrn! O thut Eure Herzen weit auf im Glauben: JEsus will euch durch mich eure Füße waschen! ER legt Seine Kleider ab, ER zeigt Seine Wunden, es quillt Vergebung, ich fülle meine Hände, ich wasche euch in Seinem Namen! Ja, in heiligem,| vor Gott gültigem Ernste sei es gesagt und verkündet. Höret es, gnadenhungrige, nach JEsu Frieden begierige Herzen:

 Als ein berufener und verordneter Diener meines HErrn und nach Seinem Befehl wasche ich euch die Füße und spreche euch, gültig im Himmel wie auf Erden, die Vergebung aller eurer Sünden, im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes! Amen. Gehet hin in Frieden! Amen. O JEsu, JEsu! Amen.




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