Pauline Lucca

Textdaten
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Autor: Albert Hopf
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Titel: Pauline Lucca
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aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 31–32
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[31] Pauline Lucca. Die Veröffentlichung kleiner Charakterzüge aus dem Leben berühmter und hervorragender Persönlichkeiten hat immer einen gewissen Reiz, da sich aus vielen kleinen Zügen auf das Große und Ganze des Charakters schließen läßt. Ist die Person, von der erzählt wird, obendrein eine so beliebte und fast in der ganzen civilisirten Welt gefeierte, wie die Primadonna der Berliner Hof-Oper, Pauline Lucca, so gewinnt die Sache ein doppeltes Interesse und der Erzähler ist wohl entschuldigt, wenn er eine Episode mittheilt, über die bereits fünf Jahre hinweggegangen sind.

Pauline Lucca sprach schon damals auf dem Theater und in „conventionellen“ Kreisen ein gutes Hochdeutsch, das durch einen leichten Anklang an den Süden eine um so weichere und herzgewinnendere Modulation erhielt; wo sie sich aber frei von jedem Zwange wußte, wie bei der in Rede stehenden Visite, da liebte sie es, „a Bissel sans géne, auf gut Oesterreichisch“ sich gehen zu lassen, und der Wiener Dialekt klang von ihren Lippen so wunderherrlich wie die reizenden Lieder-Melodien Ferdinand Gumbert’s, ihres besonders bevorzugten Lieblings. – Deshalb möge die jetzige „Frau Baronin“ dem Erzähler verzeihen, wenn er – a Bissel indiscret – ihre Worte von damals in österreichischem Dialekt – den sie, nebenbei bemerkt, jetzt ganz überwunden hat und bei dessen Lauten sie heute „ein Grauen überkommt“ – möglichst treu wiederzugeben sich bemüht.

Es war am Vormittage des ersten Weihnachtsfeiertages 1864 – also zu einer Zeit, wo der Theaterzettel des königlichen Opernhauses zu Berlin vor dem gefeierten Namen Lucca noch nicht das doppelte Würde verleihende Fr. (Frau) trug. Um der heidnischen Kinder-Symphonie mit blechernen Weihnachtstrompeten, Knarren, Tambourins und Schreipuppen zu entgehen, hatte ich mich auf mein Arbeitszimmer zurückgezogen und war hier über dem Lesen des „Struwwelpeter“, den mir mein kleiner Albert zur Unterhaltung vorgelegt hatte, sanft eingenickt.

Da rollt ein Wagen vor die Thür und gleich darauf wird die Glocke gezogen. Schnell ermuntert öffne ich und vor mir steht ein herrschaftlicher Jäger in großer Livrée, der, eine Visitenkarte überreichend, die Frage stellt: ob der „Herr Doctor“ auf einige Minuten zu sprechen sei.

Die Karte enthielt den Namen Pauline Lucca.

„Wird mir eine besondere Ehre sein,“ sagte ich und der Jäger machte Kehrt.

Nun erst sah ich das Mißliche meiner Lage ein: ich war nämlich noch im Schlafrock. Durfte ich die berühmte Sängerin im Negligé empfangen? – Unmöglich! Ehe ich mich jedoch nur zweimal umgedreht hatte, klopfte es bereits und „Paulinchen“ in Lebensgröße trat herein.

„Brrr! – ’s ist kalt heut’! – Guten Morgen.“

„Verehrtes Fräulein –“

„Lassen Sie mich nur erst sitzen! – So – Nun reden Sie weiter!“

„Vor allen Dingen muß ich –“

„Wer ich bin, haben Sie wohl auf der Karte gelesen! – Ich heiße Pauline Lucca.“

„Und wenn ich blind wäre, würde ein einziger Ton dieser melodischen Stimme hinreichen, die liebenswürdige Primadonna daraus zu erkennen.“

„Das haben Sie sehr hübsch g’sagt. Aber wollen Sie denn nicht Platz nehmen?“

„Ich muß bei dem höchst schmeichelhaften, jedoch unerwarteten Besuche zuvor um Entschuldigung bitten, daß ich so im Negligé –“

[32] „Ei’ was! - Wollen S’ vielleicht weiße Glacéhandschuhe anziehen? Ich hab’ ein Paar ganz neue in der Tasche; mein’ aber, sie werden Ihnen zu klein sein. – Setzen Sie sich, wie Sie da sein, nur her zu mir. So ist’s recht! – Mir ist alles G’schniegelte in den Tod zuwider. – Da sollen Sie mich einmal in meiner Häuslichkeit sehn: i hab’ da so a Paar, in Böhmen nennt man’s Babuschen, damit schlurf’ i den ganzen Vormittag herum, und wann i beim Frühstücken sitz’, wird Niemand herein g’lassen und wann’s der Kaiser aller Reußen in höchsteigener Person wär’.“

Während dieser sehr lebendigen Expectoration hatte ich Muße gehabt, die Toilette meines liebenswürdigen Besuchs zu mustern.

Die kleine, zierliche Person hatte sich in eine weite apfelgrüne Atlasrobe gehüllt, um den Hals mit goldnem Schloß befestigt trug sie einen weit überfallenden Kragen von imitirtem Hermelin, in der Hand einen Muff von gleichem Stoffe, das reiche, glänzend schwarze Haar „à la Lucca“ frisirt, mit echten Spitzen und Blumen garnirt, stand dem rein ovalen und etwas blassen Gesichtchen vortrefflich.

„Sie schreiben so hübsche Sachen über mich, da muß ich doch auch einmal persönlich meinen Dank abstatten. Was spricht man denn so in den Kreisen der Kunstfreunde über mich?“ fragte sie dann plötzlich, mich mit schalkhaftem Lachen anblickend.

„Es wird erzählt, Fräulein Lucca solle ein Bischen heftiger Natur sein.“

„Ein Bischen? – Sein Sie so gut! – Wann ich in Rage komm’, da geh’ i mit dem Kopf durch die Wand und dann kriegen Alle, die mir zu nah kommen, ein Kreuzdividomini an den Hals.“

„Diese Erfahrung hat selbst Herr v. Hülsen machen müssen, als er Sie beim Frühstück überraschte, nachdem Sie sich heiser gemeldet hatten.“

„Ach, Sie reden von der Affair’? – Da war ich auch heiser. Soll ich deshalb keinen Caviar essen und keinen Champagner trinken? – Herr v. Hülsen war dieser Meinung – aber ich hab’ ihm den Standpunkt klar g’macht; das heißt, mit aller Achtung vor seiner Stellung und ohne den Respect aus den Augen zu verlieren – er ist ja doch immer mein Vorg’setzter.“

„Da diese Heiserkeits-Scherzchen aber öfter vorkamen, haben sich die Berliner kleine Lucca-Pfeifen angeschafft, von Zucker –“

„Hören Sie auf! – Sie sein ein boshafter Mensch! Haben selbst in Ihrem Theater-Witzblatt ‚Helmerding‘ g’sagt, es müßte für mich ein recht süßes G’fühl sein, mit so einem Zuckerpfeifchen ausg’pfiffen zu werden. Uebrigens haben das meine biedern Mitschwestern in der Kunst ang’stiftet – i weiß Alles. – Ja, i bin Mancher ein Dorn im Aug’; aber ’s hilft ihnen nix; i bin nun amal Primadonna, wer kann was dafür? – Das heißt, mein erster G’sanglehrer war doch ein schlechter Prophet; der sagte oftmals, wann i nit pariren wollt’: ‚Aus der kleinen schwarzen Ursel wird nix!‘ Nun ist aus der kleinen Ursel doch etwas g’worden, noch dazu a erste Säng’rin für die große Oper.“

„Sein Töchterchen so gefeiert zu sehen, muß doch auch eine besondere Freude für den Vater sein.“

„Für mein’n Vatter? – Ei ja. – Haben Sie mein’n Vatter schon gesehn?“

„Ich hatte einmal das Vergnügen, im Parquet des königlichen Opernhauses, wo ich das Glück hatte, Sie als Selika zu bewundern, neben Ihrem Herrn Vater zu sitzen.“

„So kennen Sie ihn vom Anschau’n? – Na, schön ist mein Vatter nicht.“

„Ah, Fräulein, da möcht’ ich doch –“

„Papperlapp! – Schwatzen S’ doch kein Kraut! – Mein Vatter ist ein sehr lieber und guter Mann, aber beim Wettrennen um die Schönheit ist er um drei Nasenlängen zurückgeblieben. – Da muß ich Ihnen gleich eine G’schichte erzähl’n, die mir mit meinem Vatter passirt ist. Ich wurde in einem Badeorte von einer sehr vornehmen Familie eingeladen auf einen Löffel Suppe und was dazu g’hört. Als Begleiter nahm i mein’n Vatter mit. Nach aufgehob’ner Tafel zerstreute sich die G’sellschaft, und mein Vatter stand in ziemlicher Entfernung von mir am Ofen. Da tritt ein Herr, der mir als Legations-Secretär vorg’stellt worden war, an mich heran und wispert: ‚Können S’ mir nit sag’n, Fräulein Lucca, was dös für ein Herr ist, dort am Ofen, mit der polizeiwidrigen Visage?‘ – ‚O,‘ sag’ i, ‚den kenn’ i sehr g’nau: ’s ist mein Vatter!‘ – Da ward der Herr auf einmal bis über die Ohren roth – was bei einem Diplomaten doch auch a Seltenheit ist – und wollt’ sich entschuld’gen; aber ich sagt’ ihm: ‚Geniren S’ Ihnen nit – es ist mir mit dem Erzeuger meiner Tage schon oft Aehnlich’s arrivirt.‘ – Aber was schauen S’ mir so scharf in’s Gesicht?“

„Verzeihung, Fräulein! Mich interessirt momentan die Farbe Ihrer schönen Augen ganz besonders. Gestern Abend war nämlich in einer Gesellschaft von Lucca-Enthusiasten ein Streit darüber, ob ‚Paulinchen‘ schwarze oder blaue Augen habe. Die Parteien befehdeten sich, wie einst in England die der weißen und rothen Rose. – Nun möcht’ ich gern als competenter Richter –“

„Wissen Sie,“ unterbrach mich die Sängerin, „ich hab’ einmal etwas g’lesen von einem Chamäleon, wo sich auch Zweie stritten, ob das Viech schwarz oder blau sei, und als sie es nachher bei Licht betrachteten, war es grau. – Hier sind meine Augen! Schauen ’s nur recht tief h’nein: I hab’ graue Augen, wie a Katz’! – Wer ist die in Oel gemalte Dame, die da über Ihrem Schreibbureau hängt?“

„Es soll eine Gräfin sein aus dem vorigen Jahrhundert.“

„Ah, was thut die alte Person da? – Die muß fort. – Da will ich hängen. Ich schicke Ihnen ein Bild – das heißt, wenn es Sie interessirt –“

„Fräulein Lucca! –“

„Schon gut; weiß schon, was Sie sagen wollen. Da soll mein Bild hängen, grad’ über Ihrem Schreibtisch, damit ich Sie immer scharf anschau’n kann, wenn S’ mir was Böses schreiben wollen. – Haben Sie den ‚Stern von Thuran‘ g’hört, von Wurst[WS 1]?“

„Ich wohnte der ersten Vorstellung dieser Oper bei.“

„Sehn Sie, der Herr von Hülsen unterstützt, so weit es ihm möglich ist, die deutsche Kunst, aber das Publicum unterstützt darin nicht den Herrn von Hülsen. Der ‚Stern von Thuran‘ ist doch g’wiß a recht melodiöse Oper, und ich hab’ mich auch ehrlich abg’müht mit der Titelrolle; und dennoch – bei der dritten Vorstellung war das Haus nur mäßig besetzt. Das ist unrecht vom Publicum. Wo soll ein deutscher Componist, ein Talent, wie Wurst, den Muth hernehmen, Neues zu schaffen, wenn man ihm so wenig Aufmunterung zu Theil werden läßt! – Ich hab’ die Berliner gewiß recht lieb, sie sein gute, mitunter aber auch recht komische Leute. – Apropos, kennen Sie meinen Bräutigam?“

„Den Herrn Baron Rhaden? Ich sah ihn häufig in den verschiedenen Theatern Berlins.“

„Na, wie sieht er aus?“

„Er ist ein großer und schöner Mann.“

„Das thut ihm nix.“

„Von echt aristokratischem Anstande.“

„Das ist auch kein Fehler. Aber wenn er auch nicht von Adel wär’, hätt’ ich ihn eben so gern. Wissen S’, das wird eben eine Heirath aus Liebe. Mich ärgert bei der Sache nur Eins. Der Herr von Hülsen und auch Seine Majestät haben schon einigemal scherzhaft zu mir geäußert: ‚Nun, Fräulein Lucca, jetzt werden Sie Frau Baronin!‘ Wenn Einer glaubt, ich werd’ aus Freude über diese Standeserhöhung an die Decke springen, der irrt sich g’waltig. Ich bin die Lucca und werd’ für die Kunst die Lucca bleiben und wenn i zehn Prinzen heirathen sollt’! (Diese Worte sprach die Sängerin mit flammenden Augen und in hoher Begeisterung.) – Daß es aber große Neidhammel giebt, hab’ i auch schon erfahren. – Da haben sie meinem Bräutigam Vorhaltungen g’macht, daß er eine ‚Dame vom Theater‘ heirathet. Nun, i bin eine Dame vom Theater. Kann irgend wer gegen meinen Wandel etwas mit Recht aussetzen? – Möcht’s wissen. Auswüchse giebt’s in allen Ständen, nicht blos beim Theater, und wir brauchen deshalb nit amal erst nach Spanien zu gehen. – Mögen Andere doch Damen heirathen vom chinesischen Kaiserhofe, wenn ihnen die Damen vom Theater nit anstehn. – Mein Bräutigam ist übrigens ein viel zu aufgeklärter Mann, um solche Wischiwaschi irgend wie zu beachten. Aber“ – unterbrach sie sich plötzlich, indem sie eine kleine, mit Diamanten reich besetzte Uhr vom Gürtel löste und nach der Zeit sah, „i bin ja beinah’ a halbe Stund’ bei Ihnen und die Leute von der Etiquette haben mir g’sagt, daß man sich nicht länger als fünf Minuten bei so einer Visit’ aufhalten dürfe. Da muß ich mich beeilen, mein Jäger draußen friert mir sonst auch zu Frappé. – Leben’s wohl! Hab’ mich g’freut! Wann’s nach der Victoriastraße kommen, besuchen’s mich – mein Haus kennen Sie ja, Nummer sechs, mit einem Balcon.“ Dabei reichte sie mir die kleine Hand; als ich diese jedoch zu küssen versuchte, entzog sie sie schnell und sagte lachend: „Machen S’ doch ka Dummheiten, alter Herr!“ Damit schoß sie zur Thür hinaus, hinein in den Wagen, der von Neugierigen dicht umstanden war, die Alle „die Lucca“ sehen wollten, und dahin rollte die Equipage mit der liebenswürdigsten aller deutschen Sängerinnen.

Das Bild des „Fräulein Pauline Lucca“ hängt heute noch über meinem Schreibtisch und blickt freundlich auf mich herab, wenn ich bei der Arbeit sitze.
A. H. 

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Wurst