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Textdaten
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Autor: Ludwig Kalisch
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Titel: Pariser Bilder und Geschichten Blumen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 21, S. 338–340
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Pariser Bilder und Geschichten.


Blumen


Von Ludwig Kalisch.


Von Blumen sollte man eigentlich nur in gebundener Rede sprechen; allein unsere Zeit liebt die Verse nicht mehr. Sie betrachtet Alles von dem nationalökonomischen Standpunkte und man beweist ihr nicht leicht eine Wahrheit, wenn man sie nicht in Prosa und durch Zahlen beweist. So will ich denn diese Skizze mit der statistischen Bemerkung einleiten, daß Paris vier große Blumenmärkte besitzt, von denen einer auf dem Quai aux fleurs, am Hôtel Dieu, der zweite auf dem Platze St. Sulpice, vor der Kirche gleichen Namens, der dritte am Chateau d’Eau zwischen dem Boulevard St. Martin und dem Boulevard du Temple und endlich der vierte sich dicht an der Madeleine befindet. Zweimal in der Woche und je an verschiedenen Tagen bieten diese Märkte ihre reizenden Waaren feil, so daß Paris jeden Tag seinen großen Blumenmarkt hat.

Man hat die Behauptung aufgestellt, daß der Culturzustand eines Volkes sich am sichersten nach der Quantität Seife bemessen lasse, die dasselbe verbraucht, und es giebt vielleicht Nationalökonomen, die genau berechnet haben, wie viel Portion Cultur aus einen Centner Windsor- oder Mandelseife kommt. Was aber beweist die Pflege der Blumen für die Civilisation eines Volkes oder einer Stadtbevölkerung? Kann man von der Vorliebe für Harlemer Zwiebeln auf den sittlichen Zustand, auf den Geschmack, auf das poetische Gefühl einer städtischen Bevölkerung schließen? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß die Stadt Paris jährlich viele Millionen Franken für Blumen ausgiebt und daß hier die Blumenzucht sich immer mehr ausbreitet und mit einer wahren Leidenschaft betrieben wird.

Die eingefleischten Pariser, die niemals in das Weichbild der Riesenstadt kommen, die während der schönen Jahreszeit nicht viel mehr als die kränkelnden Bäume auf den Boulevards und im Winter gar nichts grünen sehen, würden am Ende ganz vergessen, daß außerhalb des Festungsgürtels, wo kein Asphalt und Macadam die Mutter Erde deckt, die Natur allerlei Knospen und Blüthen treibt, wenn sie nicht durch ein schüchternes Pflänzchen, das in einem Topfe vor ihrem Fenster vegetirt, daran erinnert würden. Man steht in Paris selten ein Empfangszimmer, in welchem nicht einige Zierpflanzen prangten oder zu prangen sich bemühten. Diejenigen Pariser aber, die über alles Irdische am meisten erhaben sind, die nämlich im fünften, sechsten oder gar im siebenten Stockwerke wohnen, lieben es besonders, ihre Fenster und Fensterchen mit Pflanzen zu verzieren. Befindet sich, wie dies häufig der Fall ist, vor ihrer Wohnung eine Altane, so verwandeln sie diese in ein hängendes Gärtchen; und wenn sie sich aus dem Zimmer auf dasselbe begeben, glauben sie auf’s Land zu gehen. Die Pariser sind auf diese Taschenausgabe der hängenden Gärten nicht weniger stolz, als Semiramis auf die ihrigen war. Keine Classe der Pariser Bevölkerung liebt indessen die Blumen so sehr wie die Grisetten. Man findet selten ein Pariser Nähmädchen, dessen Kammerfensterchen nicht mit einer Zierpflanze geschmückt wäre. Eine Grisette pflegt jeden Morgen ihre Blumen, wie eine Mutter ihre Kleinen pflegt. Sie denkt an die Toilette ihrer Fuchsias früher als an ihre eigene. Sie wäscht und säubert ihnen die staubigen Blätter; sie giebt ihnen zu trinken. Sie freut sich, wenn sie gedeihen; sie ist traurig, wenn sie dieselben verkommen sieht, und trennt sich von dem sauer ersparten Frankenstück, um sie durch neue zu ersetzen. Der Blumenmarkt auf dem Quai aux fleurs im lateinischen Viertel zählt die Grisetten zu den treuesten Kunden, und es ist bekannt, daß in schweren Zeiten, wenn die Arbeit stockt, dieser Markt es sogleich und auf’s Empfindlichste spürt.

Außer den erwähnten Blumenmärkten giebt es auch viele Läden, wo zu jeder Jahreszeit die prachtvollsten Blumen vorhanden sind. Man findet dort einen beständigen Vorrath an exotischen Blüthen, die sehr theuer bezahlt werden. In diesen Läden werden auch die großen kunstvollen Sträuße verkauft, von denen ein einziger hundert, ja zweihundert Franken und darüber kostet. Der Umsatz eines solchen Blumengeschäfts ist oft sehr bedeutend, zumal im Winter und während der Faschingszeit. Man braucht in Paris nicht um Blumen, Sträuße und Kränze in Verlegenheit zu sein. Wer von den Trillern einer Prima Donna oder von den Sprüngen einer Tänzerin begeistert ist und ihr ein kostbares Bouquet vor die Füße werfen will, findet in der nächsten Nachbarschaft der Theater eine reiche Auswahl. Es giebt in diesen Blumenläden stets mehr Lorbeerkränze [339] als Leute, die dieselben verdienen, und mehr vorräthige Myrthenkränze als vorräthige Bräute. In Paris wartet die Waare immer auf den Käufer, und wem Fortuna die Taschen gefüllt, braucht sich kaum einen Wunsch zu versagen, der durch Geld befriedigt werden kann. Der Reiche ist nirgendwo reicher als in Paris, vielleicht aber auch der Arme nirgendwo ärmer. Ein gähnender Abgrund, ja, die gähnenden Pforten der Hölle sind nicht so fürchterlich, so schrecklich, so entsetzlich wie ein gähnender Geldbeutel in Paris.

Es giebt in Paris auch viele Mädchen, die auf den Straßen Blumen feilbieten; doch befinden sich unter ihnen wenige Lilien, unter diesen Mädchen nämlich. Sie bieten, wie auch wohl in Deutschland, ihre Waare gewöhnlich den Herren an, die eine Dame am Arme führen, und sind in der Regel höchst unschüchtern. Auch giebt es ältere Frauen, die in Körben und auf Kippkarren allerlei billige Blumen feilbieten. Wie manche dieser Matronen hat nicht früher die Huldigungen der Löwen des Tages empfangen! Wie manche von ihnen ist nicht täglich von allen Seiten mit den duftigsten und prächtigsten Sträußen überhäuft worden! Aber sie hat den Fehler begangen, alt zu werden, und diesen Fehler verzeiht man in Paris am allerwenigsten. Die Waare, die sie verkauft, erinnert sie beständig daran, welch kurzes Dasein den Blüthen beschert ist.

Ich muß bei dieser Gelegenheit von einem Blumenmädchen sprechen, deren Name sich in gewissen Kreisen einer großen Popularität erfreut. Es ist dies Isabelle, die ausschließlich im Dienste des Jockeyclubs steht und in diesem höchst einträglichen Dienste ihre Zukunft nicht vergißt. Isabelle begleitet seit Jahren jedes Wettrennen mit den holden Kindern der Flora. Sie reicht den Zuschauern und Zuschauerinnen der vornehmen Welt ihre schönen duftigen Sträuße und bewahrt den schönsten und duftigsten für den Sieger, der sich durch ein ansehnliches Geldgeschenk mit ihr abfindet. Am Derby-Tage aber, an dem großen Wettrennen in Chantilly, erhält sie von dem Sieger nicht nur ein höchst erkleckliches Geldgeschenk, sondern auch einen neuen vollständigen Anzug und zwar in den Farben des Siegenden. Diesen Anzug trägt sie dann bei allen Pferderennen bis zum nächsten Derby-Tage, wo sie von einem andern Sieger auf dieselbe Weise wie von dessen Vorgänger belohnt wird. Unter dem zweiten Empire überreichte Isabelle bei den großen Rennen ihre Sträuße dem Kaiser, der Kaiserin und dem glänzenden Gefolge, sowie dem diplomatischen Corps in der kaiserlichen Loge. Ein solcher Renntag war für die Blumenspenderin ein sehr reicher Erntetag. Durch den Sturz des Kaiserreichs haben sich ihre Einkünfte zwar vermindert, indessen sind dieselben noch immer bedeutend genug. Selbst wenn die Saison der Rennen vorüber ist, während der rauhen Jahreszeit, hat sie dennoch ihre täglichen Einnahmen. Sie hält sich beständig im Gebäude des Jockeyclubs auf, bietet den Mitgliedern desselben einen kleinen Strauß oder eine Knospe dar und streicht behaglich die Gratification ein. Isabelle hat bereits das Schwabenalter erreicht oder gar zurückgelegt. Sie war, wie gesagt, auf ihre Zukunft bedacht und könnte sehr bequem von ihren Renten leben. Schon vor mehreren Jahren hat ihr Vermögen einige Frevler verleitet, während der Nacht sie in ihrer Wohnung zu überfallen, um sich ihrer Ersparnisse zu bemächtigen. Isabelle hat sich aber so tapfer gewehrt, daß es ihr gelang, die Uebelthäter den Händen der Justiz zu überliefern. Dieser Muth hat ihre Popularität noch vermehrt, welche sie mit Intelligenz ausbeutet.

Woher kommen aber die Blumen, deren die Weltstadt so viele verbraucht? Sie kommen aus der Umgegend von Paris, wo man ihnen nicht nur im Allgemeinen eine ganz besondere Pflege widmet, sondern auch gewisse Gattungen mit außerordentlicher Sorgfalt hegt. So werden in Brie-Comte-Robert fast ausschließlich Rosen gezogen, und man sieht dort wie in Persien ganze Rosenfelder. Andere Ortschaften wenden den Camelien, wiederum andere den Dahlien ihre Pflege zu. Diese Blumen werden jeden Morgen nach den Pariser Centralhallen gebracht, wo sie in dem „Pavillon des Fleurs“ von den Detailhändlern gekauft werden. Die Prachtexemplare sind sehr theuer. Eine schöne Rose kostet zwei Franken, eine Camelie drei Franken, natürlich während der rauhen Jahreszeit; denn sobald der Frühling kommt und überall Blüthen und Blumen hervorzaubert, sinken dieselben sehr im Preise, und die Pariser Blumenläden machen dann nur wenig oder gar keine Geschäfte mehr.

Es versteht sich von selbst, daß die geringere Classe der Bevölkerung nicht im Stande ist, ihrer Blumenliebe große Geldopfer zu bringen. Sie begnügt sich daher mit einigen Veilchen. Die Veilchen werden in Paris bis in den Winter hinein und schon vor dem Beginne des Frühlings feilgeboten. Das Veilchen ist die Lieblingsblume der Pariser Arbeiterclasse.

Die Blumen spielen auch in der Politik eine Rolle; und wenn einst in England die rothe und die weiße Rose, Lancaster und York, in einen langen, blutigen Kampf geriethen, so haben später in Frankreich die Lilie und das Veilchen, das Sinnbild der Unschuld und das Sinnbild der Bescheidenheit, sich ebenfalls auf’s Bitterste bekämpft. Jedermann weiß, daß die Lilie das Wappen des alten französischen Herrscherhauses ist; vielleicht wissen aber nur Wenige, warum das bescheidene Veilchen von den Bonapartisten zum Symbol ihrer Partei gewählt worden. Die Sache verhält sich folgendermaßen. Während der ersten Restauration hegten die Anhänger Napoleon’s die Hoffnung, daß der Kaiser, sobald die ersten Veilchen sprießen, die Insel Elba verlassen und nach Frankreich zurückkehren würde. Sie wagten jedoch nicht, diese Hoffnung unumwunden zu äußern, und sie nannten Napoleon nur den „Père la Violette“. Unter den vielen Gassenhauern, die damals in den Pariser Theatern und Kaffeehäusern gesungen wurden, befand sich einer, der unter dem Titel „Le Père Violette à Messieurs les chevaliers de l’Eteignoir ou les Prédictions d’un bon Luron“ (Vater Violette an die Herren Ritter vom Löschhute, oder die Prophezeiungen eines braven Kerls) besonders populär war. Männer und Frauen fingen nun an, Veilchensträuße zur Schau zu tragen und somit ihre Abneigung gegen die Bourbonen und ihre Anhänglichkeit an den gestürzten Heros öffentlich zu bekunden. Ein besonderer Umstand diente dazu, die Popularität der Veilchen zu vermehren. Mademoiselle Mars, die berühmte Schauspielerin, war eine in der Wolle gefärbte Bonapartistin, und als sie während der ersten Restauration die Rolle der Elmire in Molière’s „Tartuffe“ gab, trat sie mit einem Veilchenbouquet auf die Bretter. Ein ungeheurer Tumult brach los. Die anwesenden Royalisten verlangten, daß sie als Abbitte für die begangene Dreistigkeit „Vive le roi!“ rufe.

„Ich habe gerufen,“ erwiderte sie.

„Man hat es nicht gehört,“ schrieen die Royalisten, unter denen sich besonders viele Gardes du Corps befanden.

„Ich behaupte, daß ich gerufen habe,“ wiederholte die unerschrockene Künstlerin und sagte dann zu ihren Gefährten auf der Bühne: „Laßt uns fortfahren!“ Die Aufführung litt keine Unterbrechung mehr. Da es nun in Paris niemals ohne Witz und Wortspiel abgehen kann, so versicherte man, die Künstlerin habe nach dieser Darstellung geäußert: „Die Gardes du Corps haben nichts mit Mars gemein.“ Kurz, seit jenem Abende wurden die Veilchen das Sinnbild der bonapartistischen Partei, und wir haben gesehen, daß die Bonapartisten, welche am achtzehnten März die Gratulationsreise nach Chislehurst machten, sich vorher mit ungeheuren Veilchensträußen versehen hatten.

Man sagt von den Büchern, daß sie ihr eigenes Schicksal haben; man kann dies von den Blumen, die ihr kurzes Leben in Paris beschließen, mit ebenso großem Rechte behaupten. Die Rose, die heute im Garten des Floristen die Knospe durchbricht, weiß nicht, in welchem Strauße sie morgen prangen, an welchem Busen sie duften und welchen Zwecken sie dienen wird. Die Blumen prangen auf den Tafeln der Reichen; sie erhöhen die Pracht öffentlicher Feste; sie zieren die Wiege; sie schmücken das Grab. Die meisten werden jedoch auf den Altar der Liebe gelegt, und ich meine hier nicht blos die Liebe, welche den bleichen Mond mit verweinten Augen anschmachtet und die Nächte mit lyrischen Seufzern verbringt, sondern auch die antiplatonische. Die Pariser Theater allein consumiren Tausende und aber Tausende der herrlichsten Blumensträuße. Die Herrlichkeit dauert jedoch nicht lange, und die kostbaren Bouquets, die heute aus den Theaterlogen auf die Scene fliegen, werden schon übermorgen aus dem Fenster auf die Straße geschleudert und wandern in die Butte des Lumpensammlers. Man kann nicht schöner leben und nicht erbärmlicher sterben, als diese armen Blumen.

[340] Das Straußflechten ist eine Kunst, die nicht nur erlernt sein will, sondern ohne natürliches Talent, ohne Geschmack und Farbensinn sich gar nicht erlernen läßt. Die Pariser haben es in dieser Kunst zu einer großen Meisterschaft gebracht, und es ist nicht zu verwundern, daß Paris täglich eine bedeutende Menge Sträuße in die Provinzen und selbst in’s Ausland versendet.

Da der Cultus der Todten kaum in einer anderen Stadt so lebhaft ist, wie in Paris, so sieht man auf den Pariser Kirchhöfen, und besonders auf dem Père Lachaise die schönsten Sträuße und Kränze. Wie es in Paris viele Magasins de deuil giebt, Läden, in welchen man die Toilette für Trauernde verkauft, so giebt es auch Blumenläden, in welchen Blumen und Kränze zum Schmucke der Gräber verkauft werden, und ich habe in diesen Blättern bereits erwähnt, daß in der Nähe des Père Lachaise sich eine Reihe von Magazinen befindet, wo Blumen aller Art und Immortellenkränze mit eingeflochtenen oder bemalten Inschriften in großer Auswahl auf die Kunden warten. Diese Inschriften künden die verschiedenen Grade der Verwandtschaft an, wie z. B.: à mon mari! à mon frère! à ma soeur! à ma tante! Der Käufer sucht sich den Kranz mit der entsprechenden Inschrift aus. Gar manche arme Wittwe, gar manche betrübte Mutter giebt ihren letzten Sou hin, oder trägt ein Kleidungsstück in’s Pfandhaus, um am Tage aller Seelen das Grab ihres Gatten oder ihres einzigen Kindes schmücken zu können. Freilich kauft hier auch mancher lachende Erbe, dem der reiche Oheim zu lange gelebt hat, voll innigen Behagens einen Kranz mit der Inschrift: à mon oncle! Es giebt in Paris, und nicht blos in Paris, unzählige Hüte, die sich nach dem schwarzen Flore sehnen. Die innere Trauer hört oft auf, wenn die äußere beginnt. –

Ich komme jetzt von den natürlichen Blumen auf die künstlichen.

Es ist bekannt, daß schon die Alten künstliche Blumen verfertigten; ich glaube indessen nicht, daß die Alten in dieser Kunstindustrie auch nur im entferntesten den Vergleich mit der Pariser ausgehalten hätten, so sehr sie in jeder andern Kunst uns Alle übertreffen. In der Pariser Blumenfabrikation sind nur wenige Männer beschäftigt, und diesen ist blos ein Theil der Arbeit, das Ausschneiden der Blätter, anvertraut, eine Arbeit, die viel körperliche Kraft erfordert.

Die Arbeiterinnen werden in zwei Classen eingetheilt, in die eigentlichen Ouvrières (Arbeiterinnen) und in die sogenannten „Monteuses“. Die Ouvrières verfertigen die Blumen auf eine höchst mechanische Weise. Man liefert jeder derselben die einzelnen Bestandtheile, die sie dann zu einer Blume zusammenfügt, etwa wie der Uhrmacher aus den einzelnen ihm gelieferten Theilen eines Gehäuses die Uhr herstellt. Jede Ouvrière ist Specialistin. Die Eine verfertigt ausschließlich Veilchen, die Andere bloß Vergißmeinnicht und wiederum eine Andere nur Dahlien. Eine solche Arbeiterin wird auf’s Stück bezahlt und verdient täglich ungefähr zwei Franken. Manchen von ihnen gelingt es, nach jahrelanger Arbeit ein kleines Etablissement zu gründen, in welchem ihre frühere Specialität fortgesetzt wird. Es giebt in Paris viele solcher kleinen Werkstätten, von denen jede nur immer eine und dieselbe Blumenart liefert; ja, es giebt Fabrikanten, die ausschließlich blaue Blumen, andere, die nur weiße Blumen für Communionen und Brautkränze, oder Strohblumen für Grabstätten verfertigen. Durch diese Specialität wird eine große Vollkommenheit erwirkt, die sich besonders an der Rose zeigt. Die Rosenfabrikanten – die „Rosiers“ – bilden wieder gewisse Classen, von denen Einige die feinen Rosen für Kopfschmuck, die Anderen für Kleiderverzierungen herstellen. In keiner anderen Stadt der Welt wird diese Blume so trefflich im Einzelnen und so täuschend im Ganzen nachgeahmt wie in Paris.

Die einzelnen Blumen werden dann der „Monteuse“ übergeben, welche dieselben zu Sträußen, Kränzen, Hutverzierungen und Kleidergarnituren zusammensetzt. Die Monteuse kann keine Blumen verfertigen; sie hat diese nur geschmackvoll zu gruppiren. Sie wird nicht nach dem Stück bezahlt, sondern bezieht einen Monatsgehalt. Eine Monteuse, die sich durch feinen Geschmack auszeichnet, gewinnt monatlich zweihundert bis zweihundertfünfzig Franken. Es giebt Pariser Häuser, in denen viele Monteuses beschäftigt sind. Ich habe eine solche Werkstätte gesehen. Dieselbe ist im Besitze eines wackeren Deutschen, dessen liebenswürdiger Zuvorkommenheit ich manche Belehrung über den hier besprochenen Industriezweig verdanke. Man kann sich nichts Anmuthigeres denken als eine Gruppe junger Mädchen, die mit feinen geübten Fingern die Blumen zu malerischen Sträußen, zu farbenprächtigen Kränzen flechten und winden. Ich wurde an die Geliebte und spätere Gattin unseres großen Dichters erinnert, an Christiane Vulpius, die sich vor ihrer Bekanntschaft mit ihm bekanntlich durch Verfertigen künstlicher Blumen ernährte und die ihn unter Anderm zu den schönen Gedichten „Der neue Pausias“ und die „Metamorphose der Pflanzen“ begeisterte.

Die Ausfuhr der französischen künstlichen Blumen beläuft sich auf mehr als dreißig Millionen im Jahre. Den meisten Absatz finden dieselben in Amerika, in England und Deutschland. Sonderbar ist es, daß diese unechten Kinder der Flora auch in Südamerika sehr gesucht sind, wo doch die Natur die allerherrlichsten Blumen hervorbringt und den Blüthenschmuck in keiner Jahreszeit ablegt. Die Kunden in den südamerikanischen Ländern verlangen gewöhnlich an den künstlichen Blumen den eigenthümlichen Duft der natürlichen. Die Blätter von jenen werden also mit den entsprechenden Essenzen getränkt, die Blätter der Rose mit Rosenessenz, die Blätter der Nelke mit Nelkenessenz etc. Ein Verfahren, das, beiläufig gesagt, die Alten auch schon kannten.

Unter den Stoffen, die zur Herstellung der künstlichen Blumen verwendet werden, befindet sich ein eigner Sammt, der, wie ich gehört, in Deutschland in besonderer Güte verfertigt und auch von dort bezogen wird. Von Deutschland werden auch zum großen Theil die Federn bezogen, aus denen man ebenfalls künstliche Blumen herstellt. Diese Federn werden in Paris gefärbt und überhaupt den entsprechenden Zwecken gemäß behandelt. Neben diesen gefärbten Federn verarbeitet man auch die natürlichen buntfarbigen aus den tropischen Ländern.

Es giebt unter den Pariser Blumenfabrikanten mehrere Deutsche. Früher waren sehr viele deutsche Mädchen in den Blumenfabriken beschäftigt. Seit dem jüngsten deutsch-französischen Kriege hat sich dies jedoch sehr geändert, wie denn überhaupt unsere Landsleute jetzt in den Pariser Werkstätten nur wenig vertreten sind. Ich habe vor einer Reihe von Jahren einen unserer Landsleute kennen gelernt, der in der Nähe von Paris eine Lederblumenfabrik besaß. Die fabricirten Blumen unseres Landsmannes waren höchst geschmackvoll, und daß sie sich auch durch seltene Solidität auszeichneten, versteht sich von selbst.

Mehrere Knollengewächse werden ebenfalls als Materialien zu künstlichen Blumen benutzt, die man auf den Pariser Straßen fast täglich sieht. Rosen und Dahlien, aus Kartoffeln, Tulpen und Astern, aus weißen Rüben geschnitzt und naturgemäß gefärbt, finden ihre Käufer unter der ärmeren Volksschichte. Diese Blumen bieten den Vortheil, daß sie erst als Augenweide dienen und dann als Gemüse verspeist werden können. Sie vereinigen das Angenehme mit dem Nützlichen und unterscheiden sich dadurch von einer anderen Gattung künstlicher Blumen, von den rhetorischen Blumen nämlich, die auf den politischen Rednerbühnen fabricirt werden und an denen keines von beiden zu rühmen ist.