Ole Bull auf der Cheops-Pyramide

Textdaten
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Autor: Adolf Ebeling
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Titel: Ole Bull auf der Cheops-Pyramide
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aus: Die Gartenlaube, Heft 11, S. 180–182
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Ole Bull auf der Cheops-Pyramide.


Von Adolf Ebeling.


An einem schönen Septembertage des vorigen Jahres saß das schwedische Königspaar unter der Veranda des reizenden Lustschlosses Drottningholm bei Stockholm. Die Königin, von ihrer letzten Krankheit her noch leidend, hatte zu ihrer völligen Wiederherstellung dieses Schloß gewählt, für das sie von jeher eine Vorliebe gehabt und wo sie lieber weilte, als in Ulriksdal oder Rosersberg, und wohl mit Recht, denn Drottningholm ist mehr zur Einsamkeit und Zurückgezogenheit geschaffen. Ein prächtiger Park und freundliche Gärten dehnen sich weithin und schließen es gewissermaßen von der Außenwelt ab. Freilich braucht man jene Anhöhen nur zu besteigen, um sofort ein wundervolles Panorama vor sich zu haben: Die inselreiche Bucht des Mälarsees und das von vielen großen und kleinen Segeln belebte Meer, und nach der anderen Seite hin Stockholm selbst, mit seinen Thürmen und Palästen, dem Mastenwalde seines Hafens und den dunkelgrünen Bergen im Hintergrunde. –

Ein Kammerherr erschien und meldete einen Besuch, der vermuthlich erwartet wurde, denn die Königin, die zu jener Zeit weder Audienzen ertheilte, noch sonst empfing, machte hier eine Ausnahme.

Der Eintretende war ein hochgewachsener, schlanker Mann von kräftiger Statur, wenn auch bereits in vorgerückten Jahren, was wenigstens sein langes, fast schneeweißes Haar bezeugte, obwohl der Ausdruck seines freundlichen, sympathischen Gesichts ein überaus jugendlicher war. Die Majestäten begrüßten ihn wie einen alten Bekannten und namentlich der König kam ihm mit großer Herzlichkeit entgegen. Dieser Mann war Ole Bull, der berühmte Violinspieler, der vor dreißig und vierzig Jahren zu den bedeutendsten Virtuosen seiner Zeit gehörte und den man damals vielfach, und mit Recht, den zweiten Paganini nannte. In den letzten Decennien fast vergessen (er hatte lange in Nordamerika ein vielbewegtes Leben geführt und sich endlich in seiner Heimath Norwegen dauernd niedergelassen), beabsichtigte nun der alternde, aber noch immer erstaunlich rüstige Mann eine neue Kunstreise durch Europa „und weiter“, wie er scherzend hinzusetzte, und kam, um sich bei den Majestäten, die ihm von jeher große Theilnahme bezeigt hatten, zu empfehlen.

Im Laufe des Gesprächs erkundigte sich die Königin bei dem Künstler nach einer neuen Composition, von welcher derselbe schon oft gesprochen und die, wie sie vernommen, jetzt vollendet sei.[1] Ole Bull erbot sich sogleich, sie vorzutragen, aber der Leibarzt widersetzte sich, weil der Zustand der hohen Frau noch Schonung verlangte. Jene Composition ist ein größeres Tonstück mit Orchesterbegleitung, das unter dem Titel „Saeterbesöget“ (Sennhüttenbesuch auf den norwegischen Alpen) unstreitig zu den besten Arbeiten Ole Bull’s gehört. Wir werden weiter unten noch darauf zurückkommen.

„Wenn es uns also vor der Hand noch nicht vergönnt ist, Ihre neue Composition zu hören,“ sagte der König, dem plötzlich eine originelle Idee kam, „so möchte ich Ihnen einen Vorschlag machen. Sie treten eine neue Kunstreise an und wollen sogar über Europa hinaus. So kommen Sie vielleicht auch nach Aegypten. Wie wär’s, wenn Sie Ihr Stück auf der Spitze der Cheopspyramide spielten? So etwas,“ setzte der König, der dadurch bewies, daß er den Künstler nur zu gut kannte, lächelnd hinzu, „so etwas ist noch nicht dagewesen und scheint mir für einen Virtuosen sehr verführerisch.“

Ole Bull stimmte nicht allein lebhaft bei, sondern nahm sofort den Vorschlag an. Er hatte ohnehin bereits an Alexandrien und Kairo gedacht und faßte nun den festen Entschluß, auch diese beiden Städte zu besuchen und in letzterer den echt königlichen Gedanken, wie er sagte, zur Ausführung zu bringen. Nun ging der König noch weiter und schlug den 5. Februar, den Geburtstag des Künstlers, und zwar seinen Sechsundsechszigsten, als den Tag des Pyramidenconcerts vor, was gleichfalls angenommen wurde. Hierauf beurlaubte sich Ole Bull und wurde von den Majestäten mit den besten Wünschen entlassen.

Der Künstler begab sich nun auf die Reise und spielte zuerst in Kopenhagen, dann in Berlin und Stettin, in Hamburg, Lübeck und Bremen, also in allen jenen Städten, wo er vor drei und vier Jahrzehnten einen so enthusiastischen Erfolg gehabt. Die Zeiten, auch in der musikalischen Welt, waren freilich anders geworden; die moderne classische Schule, namentlich in Berlin, empfing ihn anfangs kühl, und sogar manches herbe Urtheil wurde laut, aber nach und nach gewann er sich die Herzen, und je häufiger er sich hören ließ, um so ungetheilter kehrte der Beifall früherer Zeiten zurück. Es war doch immer der vielbewunderte Virtuose von ehemals, dessen unerreichte Technik Staunen erregte und nach wie vor an sein dämonisches italienisches Vorbild erinnerte. Und doch auch nicht mehr wie früher, denn [181] der einst dem Jünglinge gemachte Vorwurf des Mangels an Tiefe und Innigkeit traf den bejahrten Mann, der schon an der Schwelle des Greisenalters stand, nicht mehr, und manchen Gegner bekehrte er durch diese neue Seite seines Spiels. Dies gehört indeß nur indirect zum Gegenstande unseres heutigen Berichtes, der ja die Pyramidenfahrt des Künstlers schildern will. Am letzten Januar dieses Jahres schiffte sich Ole Bull in Brindisi nach Aegypten ein. In seiner Begleitung befand sich, außer seinem Impressario, dem Director Hermann, der Hofpianist Emil Bach aus Berlin, ein noch sehr junger Künstler, dem aber die Musikkenner eine glänzende Zukunft prophezeien. Die Reise ging glücklich von Statten und für viele Passagiere, vorzüglich für die Engländerinnen, war Ole Bull, dessen Name bald bekannt geworden, ein Gegenstand unausgesetzter Aufmerksamkeit und Neugier. Aber was Alle hofften und wünschten, wurde nicht erfüllt: der Künstler, der sich von jeher, außer seinem öffentlichen Auftreten, nur in ganz intimen Freundeskreisen hören ließ, blieb auch am Bord seiner Gewohnheit getreu und spielte nicht. Nur in der zweiten Nacht und ohne Wissen Aller, sogar seiner beiden Reisegefährten, begab er sich auf’s Verdeck und spielte in die mondverklärte Meeresstille hinaus eine seiner schwermüthigen Phantasieen, die er selten oder nie dem großen Publicum vorträgt. Als der wachthabende Officier und seine wenigen Genossen, die ihren Posten auf der Brücke des Mitteldeckes nicht verlassen durften, die Klänge vernahmen, waren sie auch schon wieder verstummt: so wenigstens erzählte er am nächsten Morgen.

Am Abende des 3. Februar war bereits der Dampfer auf der Rhede von Alexandrien angekommen, mußte aber die Nacht auf offener See bleiben, weil bei der gefährlichen Einfahrt nach Sonnenuntergang keine größeren Schiffe mehr in den Hafen einlaufen dürfen. Am Morgen des 4. Februar stieg endlich Ole Bull wohlbehalten in Alexandrien an’s Land.

Um sein dem König gegebenes Versprechen zu halten – denn Kairo liegt noch über dreißig deutsche Meilen südlicher als Alexandrien, und man braucht mit der Eisenbahn sechs Stunden, um diese Strecke zurückzulegen – durfte unser Künstler nicht zaudern, wollte er anders, einmal glücklich so weit gekommen, nun auch den festgesetzten Tag nicht versäumen. Schon am Abend desselben Tages traf er mit seinen beiden Begleitern in Kairo ein, wo der schwedische Consul, der schnell durch ein Telegramm benachrichtigt worden war, den berühmten Landsmann am Bahnhofe empfing und in sein gastliches Haus geleitete. In der Morgenfrühe des nächsten Tages, also am 5. Februar, hielten bereits mehrere Wagen vor der Villa des Consuls, der noch in aller Eile einige Einladungen an verschiedene Freunde hatte ergehen lassen, und gegen zehn Uhr traf die Gesellschaft bei den Pyramiden, dem eigentlichen Reiseziele Ole Bull’s, ein.

Eine Pyramidenfahrt an sich ist schon so oft geschildert worden (von uns selbst noch vor anderthalb Jahren in diesem Blatte, bei Gelegenheit einer famosen Bowle im Mondschein), daß wir heute füglich ganz davon absehen können, und sie nur in soweit berücksichtigen, als sie sich auf unseren Künstler bezieht. Die Gesellschaft theilte sich in zwei Parteien: in Diejenigen, die mit hinaufsteigen, und in Diejenigen, die unten bleiben wollten. Die letzteren waren indeß in der Minderzahl, einige Damen und einige ältere Herren; der älteste von allen war übrigens jedenfalls Ole Bull selbst, und dieser hatte bereits die zehn ersten meterhohen Blöcke des ungeheuren Kolosses allein bestiegen und wollte anfangs gar nichts von der Beihülfe der Beduinen wissen, die bekanntlich jeden Hinaufsteigenden zur Unterstützung begleiten. Der kräftige Sohn der norwegischen Berge, dem schon im Knabenalter keine Felskuppe und keine Bergspitze zu hoch oder gar unerreichbar gewesen, fühlte sich trotz seiner sechsundsechszig Jahre, die er gerade an diesem Tage vollendete, so verjüngt, daß er behauptete, sich schämen zu müssen, wenn ihm noch vier oder sechs fremde Arme Beistand leisteten, um auf die Spitze zu gelangen. Weit wichtiger und zugleich Besorgniß erregender war ihm das Hinaufschaffen seiner Geige, und er selbst suchte sich zwei der kräftigsten Beduinen aus, die den Kasten mit seinem kostbaren Inhalte stets vor ihm hertragen mußten. In kaum einer Viertelstunde stand Ole Bull, und zwar der Erste von allen, bereits oben auf dem kleinen welthistorischen Plateau und begrüßte die vaterländische Flagge, die der aufmerksame Consul an dem dortigen Flaggenstock hatte aufziehen lassen. Nach und nach langten auch die übrigen Gäste an, aber von allen Seiten klimmten und kletterten noch die Beduinen hinauf, denn es war unten schnell bekannt geworden, daß ein europäischer König aus dem fernen Norden einen „Spielmann“ hergesandt habe, um auf der Pyramide eine große „Fantasia“ aufzuführen. Hätte man es in Kairo selbst gewußt, so wäre gewiß die halbe, wo nicht die ganze dort anwesende Touristenwelt hinausgepilgert, in erster Reihe die Engländer und Amerikaner, wenn auch nur, um später daheim erzählen zu können, „mit dabei gewesen zu sein“.

Schon hatte Ole Bull Geige und Bogen aus dem Kasten herausgenommen und ein paar kräftige Striche gethan, wie wenn er sich versichern wollte, daß sie unversehrt den gefährlichen Weg zurückgelegt, dann richtete er sich in seiner ganzen Gestalt hoch auf und ließ den klaren Blick einige Minuten lang umherschweifen, um die wunderbare Welt unter ihm zu betrachten. Zu seiner Rechten das Nilthal, bis in die verlorensten Fernen unermeßliche lichtgrüne Gefilde, und zwischen ihnen der breite, majestätische Strom, dessen Wellen wie flüssiges Silber heraufblitzten – zur Linken, gleich unermeßlich und unabsehbar, die lichtgelbe Wüste, von den sanftansteigenden Höhenzügen des libyschen Gebirges begrenzt, und vor ihm zu seinen Füßen die weitgedehnte Khalifenstadt mit ihren Minarets, Kuppeln und Palmengärten, und Alles, Alles im blendendsten Sonnenglanze. Es war wie ein freudiges Aufjauchzen, als er nun plötzlich zu spielen anfing, wie Dankesruf an sein Geschick, das ihm vergönnte, hier oben zu stehen und dies großartig schöne Bild, das Ziel so vieler tausend Wünsche, mit eigenen Augen zu schauen … dann richtete er sich nach Norden, nach der Himmelsgegend seiner Heimath, und begann seine eigentliche Composition.

Musik beschreibt und schildert sich nicht, vollends nicht in einer kurzen, anspruchslosen Erzählung, wie die unserige ist, so daß wir, wie groß und ergreifend auch der Eindruck war, nur wenige Worte darüber sagen können. In der reinen, windstillen Luft dieser Höhe – der höchsten unter allen Werken von Menschenhand auf der ganzen Erde, – klangen die Töne so durchsichtig und klar und auch wieder so kraftvoll und gewaltig, daß man sich wie von einer magischen Gewalt fortgerissen und in der innersten Seele erschüttert fühlte … dann klagte es wieder wie zarte Mädchenstimmen; es war die Sehnsucht nach den heimischen Bergen, und dann rauschte es von Neuem wie Triumphgesang eines Helden, der stolz ist auf sein schönes Vaterland.

Wie Uhland den Münsterthurm erzittern läßt, als der junge Goethe oben seinen Namen einmeißelte:

„… den Thurm durchfährt ein Zittern,
Vom Grundstein bis zum Knauf;
Von seinem Schlage knittern
Die hellen Funken auf …“

so liegt hier ein ähnlicher Vergleich nahe, und in dem sechstausendjährigen Königsgrabe im Innern der Pyramide mag gleichfalls von diesen Tönen ein Echo nachgeklungen haben. Und damit dieser schönen poetischen Stunde nichts fehle, stiegen, gerade als der Künstler den letzten Saitenstrich gethan, zwei gewaltige Pelikane aus dem Nilthale auf und zogen mit silbernem Flügelschlage nach Norden, wie wenn sie die Kunde von dem glücklichen Gelingen des Unternehmens überbringen wollten. Die Beduinen, diese Naturkinder, die während des Spiels unbeweglich wie Steinbilder im Kreise herumlagerten, sprangen, als der Künstler geendigt hatte, wie elektrisirt auf und riefen ein lautes, wiederholtes „Allah! Allah!“ als höchsten Ausdruck ihrer Bewunderung.

So hatte denn Ole Bull sein gegebenes Wort gelöst; kaum nach Kairo zurückgekommen, schickte er ein Telegramm an den König von Schweden, um denselben davon zu benachrichtigen, und schon am Vormittage des nächsten Tages traf die königliche Antwort ein.[2] Die seltsame Pyramidenfahrt des Künstlers wurde [182] natürlich schnell in Kairo bekannt, und der Khedive selbst machte ihm in der Audienz ein Compliment über seinen Muth und seine jugendliche Kraft. Ole Bull gab daraufhin Concert im Opernhause und erntete reiche Lorbeeren, Blumen Kränze und sogar Gedichte, vorzüglich durch den „Carneval von Venedig“, in welchem er seine unglaubliche Virtuosität auf das Glänzendste documentirte. Aber sein norwegisches Alpenlied spielte er nicht wieder.

Er blieb noch einige Tage in der stillen, gastlichen Häuslichkeit des schwedischen Consuls, um dann in Alexandrien ein Concert zu geben und schließlich nach Europa zurückzukehren. Wer aber das Glück hatte, in der schönen schwedischen Villa den Meister im vertraulichen Freundeskreise spielen zu hören, vollends an einem duftigen, lauen Mondscheinabend (der Februar ist Kairos Blüthenmonat) und überdies den liebenswürdigen, gemüthreichen Menschen näher kennen lernte, der bewahrt gewiß dem nordischen Künstler auf lange hin ein sympathisches Andenken, und das um so herzlicher und dauernder, je seltener hier zu Lande derartige Begegnungen und Genüsse sind.




  1. Streng genommen (wie Ole Bull uns selbst sagte) ist diese Composition nicht neu, sondern nur die Erweiterung und Ausarbeitung einer früheren, die der Künstler bereits vor fünfzehn Jahren überall in seinem Vaterlande mit großem Erfolge spielte, und auf die er, eben ihrer Popularität wegen, jetzt bei seinem neuen Auftreten zurückgekommen ist.
  2. Die Telegramme lauten:
         „An den König Oscar in Christiania.
    Meinem zu Drottningholm gegebenen Versprechen gemäß, spielte ich heute an meinem sechsundsechszigsten Geburtstage auf der Spitze der Cheopspyramide zu Ehren Norwegens und seines geliebten Königs mein Saeterbesöget.
     Ole Bull.
    Und die Antwort des Königs:
    „Ich danke Ihnen herzlich für Ihr Telegramm und freue mich mit der Königin über alle Ihre Erfolge.
     Oscar.