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Autor: Adolf Ebeling
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Titel: Eine Pyramiden-Bowle bei Vollmondschein
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 216–220
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[216]
Eine Pyramiden-Bowle bei Vollmondschein.
Von Adolf Ebeling.

Wir saßen in heiterer Gesellschaft auf dem Balcon des Bey’s und erfrischten uns an der Abendkühle, die von dem jenseits liegenden Palmengarten zu uns herüberwehte. Der Diener des Hauses, der dunkelbraune Ali, in buntem Turban und weißem Gewande, ging ab und zu mit Kaffee und Limonade, und ein schwefelgelb gekleideter kleiner Neger, schwarzblank wie ein frisch gewichster Stiefel, präsentirte die Tschibuks und sorgte dafür, daß die ellenlangen Pfeifen nicht ausgingen. Die Damen rauchten kleine türkische Cigaretten, was ihnen sehr gut stand und, wie sie versicherten, noch besser schmeckte. … In Kairo rauchen bekanntlich alle Damen, und die europäischen machen gern die Mode mit. Der Mond war bereits über dem Mokattamgebirge heraufgekommen: eine große, mattbleiche Kugel, die aber mit jeder Viertelstunde silberner und silberner und zuletzt zu einer goldenen wurde, die alsdann mit einer Lichtfülle die ganze Landschaft übergoß, so magisch, so blendend, wie sie eben nur dem ägyptischen Himmel eigen ist.

„Wenn die Citadelle mit ihren Kuppeln und Minarets uns nicht die Aussicht verdeckte,“ sagte Einer aus unserer Gesellschaft, „so müßte man hier von diesem Balcon aus die Pyramiden sehr gut sehen können.“

„Die Pyramiden!“ rief in plötzlichem Enthusiasmus ein Maler, der sich gleichfalls unter uns befand, „meine Herrschaften, das bringt mich auf eine Idee, und ich mache einen Vorschlag zur Güte: wie wär’s, wenn wir hinausführen, um die Pyramiden im Mondschein zu besuchen? Heute ist es zu spät, aber morgen Abend, und morgen ist noch dazu gerade Vollmond. Was sagen Sie dazu? Darf ich abstimmen lassen? Ich fange bei den Damen an, die mir gewiß keinen Korb geben werden.“

Während des Hin- und Herredens benutze ich die Gelegenheit, [217] dem freundlichen Leser die Gesellschaft vorzustellen. Zunächst der Hausherr, der Bey, aber ein deutscher Bey, mit seiner jungen Gattin, einer liebenswürdigen Wienerin … alle Wienerinnen sind liebenswürdig, hatte man noch vor wenigen Minuten behauptet, und die Frau Bey strafte diese Behauptung wahrlich nicht Lügen – alsdann der Schwager des Bey, ein Banquier aus Alexandrien, gleichfalls mit seiner Gattin, einer Rheinländerin, die dasselbe Prädicat wie die Wienerin verdient; ferner der Doctor F., ein angesehener Arzt von Kairo, endlich der Maler, dann noch ein junger Engländer und zuletzt meine Wenigkeit. Also sämmtlich Deutsche mit einer einzigen Ausnahme, aber dies traf sich gut, denn ein Engländer gehört einmal zu jeder Pyramidenfahrt. Der Maler stieß indeß bei seiner Abstimmung auf einigen Widerspruch. Zunächst opponirte der Doctor: die Pyramiden seien etwas Altes und er sei Gott weiß wie oft schon dagewesen; endlich fügte er sich, jedoch nur unter einer Bedingung.

„Unter welcher?“ fragten mehrere Stimmen.

„Unter der Bedingung eines guten Soupers,“ antwortete der Doctor pathetisch. Wir lachten und sagten, daß sich das von selbst verstände. „Und zu einem guten Souper,“ fuhr der Doctor fort, „gehört in erster Reihe eine Bowle, und zwar eine Bowle, wie eigentlich nur ich sie zu machen weiß.“

„Gut,“ rief der Bey, „dann sollen auch Sie, Doctor, und kein Anderer sie machen.“

„Also ein Piknick!“ sagte die Gattin des Banquiers und fragte an, für welchen Theil der Mahlzeit sie zu sorgen hätte.

„Ein Piknick! Ein Piknick!“ hieß es nun von allen Seiten, bis sich die Frau vom Hause in’s Mittel legte und um das Wort bat. Sie erklärte, da die Partie bei ihr zur Sprache gekommen sei, auch das Souper höchstens unter Beihülfe ihrer Schwägerin übernehmen zu wollen, erlaubte uns aber, weil wir Einwendungen machten, einige Kleinigkeiten mit beizutragen.

„Die Bowle ist aber keine Kleinigkeit,“ warf der Banquier ein, „und die bleibt dem Doctor.“

„Die Bowle bleibt dem Doctor!“ riefen wir im Echo, und dieser versicherte energisch, er ließe sie sich auch gar nicht nehmen, und wir sollten unsere Sache nur ebenso gut machen wie er.

„Auch das Eis darf nicht vergessen werden,“ sagte der Bey, und der Maler verpflichtete sich zur Eislieferung. Ich bat um die Erlaubniß, Früchte mitbringen zu dürfen, was gleichfalls zugestanden wurde. Jetzt blieb nur noch der Engländer übrig, und die Damen trugen ihm auf, für Salz und Pfeffer zu sorgen; aber der rothblonde Sohn Albions verneigte sich verbindlich und erklärte, er würde auch das Seinige beisteuern, bäte aber, es geheim halten zu dürfen, denn es solle eine Ueberraschung sein. Auch dies wurde angenommen, nicht ohne neugierige Fragen; aber der Gentleman blieb stumm.

„Also morgen Nachmittag präcise vier Uhr, hier im Hause des Beys, wo die Abfahrt stattfinden soll, und damit Gott befohlen!“ rief der Doctor, aber unten, bevor wir uns trennten, mußte er es sich noch einmal gefallen lassen, daß wir ihm die Bowle an’s Herz legten.

„Nur unbesorgt! Verlassen Sie sich ganz auf mich!“ entgegnete stolz der Medicus. –

Ich war am Nachmittage des folgenden Tages der Erste auf dem Rendezvous im Hause des Beys, der die Freundlichkeit gehabt, mir einen Platz in seinem Wagen anzubieten. Ein Araber folgte mir mit einem verdeckten Korbe, der mein Contingent zum Piknick enthielt: frische Datteln, Bananen und Feigen, köstliche Weintrauben aus Fayum, jener einige Meilen südlich von Kairo liegenden Oase, dem eigentlichen Blumen- und Fruchtgarten Aegyptens, und (am Nil eine große Rarität!) einige Pfund Kirschen.

Mittlerweile war auch der Schwager mit seiner Gattin angekommen, und die Damen hatten alle Hände voll zu thun, um noch die letzten Anordnungen zu treffen. Die Diener trugen mehrere Körbe hinunter und vertheilten sie in den Sitzkasten der beiden Kaleschen. Dann begaben wir uns auf den Balcon, um die anderen Herren zu erwarten. Nach einigen Minuten bog auch schon ein bunter, stattlicher Läufer um die Ecke, dem ein Wagen folgte, in welchem der Doctor mit dem Maler saß. Vor ihnen auf dem freien Rücksitze stand, mit einer Decke verhüllt, die der Doctor beim Hinaufgrüßen fortnahm, die Bowle, groß und silberglänzend, ein wahres Cabinetsstück. In demselben Momente erschien auch der Engländer und zwar zu Pferde, im Jagdcostüme, die Flinte über der Schulter. Sein Diener, ein kleiner schwarzer Sclave, den ihm ein Freund als Geschenk aus Oberägypten mitgebracht hatte und der nach Landessitte nebenher traben mußte, trug zwei prächtige Bouquets, die unser Cavalier den Damen überreichte, welche unterdeß herabgekommen waren. „Das war also die Ueberraschung?“ fragte man.

„O nein,“ entgegnete der Engländer, „die Ueberraschung kommt später, aber unsere Damen durften doch nicht ohne Blumen abfahren.“

„Die Bowle voran!“ rief der Banquier, als wir einstiegen, und der Wagen des Doctors war der erste, der abfuhr, und erst nach ihm kamen wir übrigen Sterblichen, auf die zwei anderen Wagen vertheilt. Der Engländer galoppirte lustig nebenher, und sein kleiner Schwarzer galoppirte ebenso lustig an der Seite seines Herrn, aber auf seinen eigenen Beinen. Auch unsere Läufer tanzten leichtfüßig vorauf, wenigstes so lange es durch die Stadt ging, um uns durch ihr lautes „guarda! guarda!“ das sie unaufhörlich in das Menschengewühl hineinschrieen, Platz zu machen. Als wir aber an die große Nilbrücke kamen, hießen wir sie, sich neben die Kutscher setzen, und documentirten uns durch diese humanen Befehl als Ausländer; denn der Inländer, und vorzüglich der echte Türke, läßt die armen goldgestickten Burschen stundenlang seinem Wage vorauftraben, wie seine Pferde, die ihm überdies weit mehr am Herzen liegen. Dem kleinen Schwarzen des Engländers wurde der Bedientensitz hinten auf unserm Wagen angewiesen; er kletterte wie eine Katze hinauf und schnitt so vergnügte Grimassen und fletschte so hübsch mit den schneeweißen Zähnen, daß Darwin seine Freude an ihm gehabt haben würde.

Auf der großen Brücke ließen wir einige Minuten anhalten, um einen Blick hinunter auf den wogenden, schäumenden Nil zu werfen. Ein gewaltiges, wirklich majestätisches Schauspiel! Der Fluß war in diesen Tagen (gegen Ende September) fast auf seine höchste Höhe gestiegen, gegen achtundzwanzig Fuß höher, als sein niedrigstes Niveau zu Anfang des Sommers, und er wälzte seine ungeheuren Wassermassen unaufhaltsam nach Norden, um das Delta zu überfluthen und sich dann in’s Mittelländische Meer zu ergießen … gewissermaßen ein Meer in ein anderes. Und doch war dieser Blick von der Brücke herab nur ein Vorspiel dessen, was uns jenseits derselben erwartete, denn kaum hatten wir sie passirt, als sich eine unermeßliche Wasserfläche vor uns ausbreitete, ein weiter, glänzender Spiegel bis zum fernste Gesichtskreise. Das war das überschwemmte Nilthal, nur von hohen schmalen Dämmen durchschnitten, auf deren einem wir selbst dahinfuhren. Was aber in andern Ländern Noth und Verderben bringen und eine furchtbare Heimsuchung sein würde, das ist hier in Aegypten ein Segen des Himmels, ja eine Grundbedingung der gesammten materiellen Existenz des Landes. Hunderte von halb- oder ganz nackten dunkelbraunen Kindern waren bei den Erdarbeiten beschäftigt und schleppten unter einförmigem und sehr disharmonischem Gesange von den höher gelegenen Punkten Erde in Körben herbei; als sie aber unsere Wagen sahen, waren sie nicht mehr zu halten; sie warfen ihre Körbe fort und umschwärmten uns mit unaufhörlichem Geschrei um „Bakschihsch“. Bakschihsch ist bekanntlich das gewöhnlichste Wort in ganz Aegypten, weil dort Jeder ein Trinkgeld verlangt. Wir warfen ihnen eine Hand voll Kupfermünzen zu, um die sie sich rissen und balgten, wobei einige fast in’s Wasser gefallen wären. Aber auch das wäre kein großes Unglück gewesen, den sie schwimmen Alle wie die Enten.

Als wir rechts in die sogenannte neue Allee einbogen, lagen die Pyramiden bereits vor uns, obwohl noch in ziemlicher Entfernung. Dieser Moment bleibt immer ein großartiger, selbst für Den, der die Tour schon oft gemacht hat; auf den Neuling aber, den Fremden, der sie zum ersten Male sieht, ist der Eindruck wirklich grandios und unvergeßlich. Da liegen sie also, die ewigen Wächter der Wüste, deren Alter nach vielen Jahrtausenden zählt und die schon Moses und Alexander der Große geschaut, wie wir jetzt. Menschengeschlechter waren und sind für sie wie Sandkörner, und fast jedes andere menschliche Bauwerk auf der Erde ist ein Kinderspiel im Vergleiche zu ihnen. Die Sonne bestand bereits tief im Westen, und die ungeheuren [218] Dreiecke zeichneten sich wie scharfgeschnittene Riesenschatten vor der rothen Abendgluth.

„Wir müssen uns beeilen,“ sagte der Engländer, der nach wie vor auf seinem muntern kleinen Araberhengste hin- und hergaloppirte, „wenn wir noch vor Sonnenuntergang dort sein wollen.“

Und „Jallah, jallah!“ riefen unsere Kutscher, und die Läufer sprangen hinunter und „wehten“ vorauf, um die Pferde schneller laufen zu machen. Wir überholten fast die Bowle, aber der Doctor trieb seinen Kutscher ebenfalls mit lautem Zurufe an und blieb glücklich an der Spitze des Zuges. Auch auf diesem Damme hatten wir zu beiden Seiten Wasser – Wasser, so weit unsere Blicke reichten, und vor vier Monaten waren wir auf demselben Wege zwischen blühenden Mais- und Durrahfeldern gefahren, und nach vier weiteren Monaten, im Januar, werden all diese jetzt überschwemmten Felder wieder in üppiger Blüthe stehen. Hier kommen immer die Beduinen aus den nahen Dörfern herbeigelaufen, um den Reisenden ihre Führerdienste bei den Pyramiden anzubieten. So war es auch heute, nur mit dem Laufen ging es diesmal nicht, aber wir sahen sie deutlich von ihren etwas höher gelegenen Hütten in's Wasser springen und dem Damme zuschwimmen; das blaue Baumwollenhemd, ihre ganze Bekleidung, balancirten sie dabei sehr geschickt auf dem Kopfe. In kaum zehn Minuten waren sie bei uns, einige zwanzig schwarzbraune Burschen. Sie machten schnell Toilette – „Shocking, shocking!“ würden unsere Damen gerufen haben, wenn sie Engländerinnen gewesen wären – und trabten dann wohlgemuth neben unseren Wagen her. Viele kannten den Bey und begrüßten ihn ehrerbietig mit „Saláhm alékum!“ und auch ich fand unter ihnen manchen alten Bekannten. Die Meisten verstehen und sprechen recht gut englisch, französisch und deutsch, und pfiffig und durchtrieben sind sie Alle.

„Halt!“ hieß es plötzlich, und unsere Wagen hielten an. Wir waren an dem Ende der Fahrstraße angelangt, und die letzten paar hundert Schritte pflegt man wegen des tiefen Sandes zu Fuße zu machen. Die leeren Wagen folgten uns langsam nach. Der Doctor ging aber dicht neben dem seinigen her. „Die Sache ist zu wichtig,“ sagte er ernsthaft, „ich darf sie nicht einen Augenblick allein lassen, daß heißt sie, die Bowle mit Allem, was dazu gehört.“

Der kurze Weg durch den tiefen Sand, in den wir bis über die Knöchel einsanken, gab uns einen Vorgeschmack von einer Wüstenreise.

„Meine Herrschaften,“ rief der Banquier, „wir haben die Bowle endlich verdient! Zwölf Stunden möchte ich, bei allem Interesse für Wüstenlandschaften, nicht so marschiren!“

Der Engländer, was er gar nicht nöthig hatte, war auch abgestiegen und führte sein Pferd am Zügel; er könne unmöglich bequem reiten, sagte er, wo die Damen zu Fuße gingen. Die ganze Noth dauerte indeß kaum zehn Minuten, und gerade dieser kurze, aber beschwerliche Weg bergan schien eigens dazu gemacht zu sein, uns den erhebendsten Contrast um so lebendiger fühlen zu lassen. Soeben noch, von den Mauern des Weges eingeschlossen, ein überprosaisches Waten im Sande, und jetzt, auf dem Gipfel des Plateaus angelangt, eine hochpoetische Phantasmagorie, großartig, fast überwältigend. Der ganze westliche Horizont stand in Feuer, und vor dieser dunkelrothen Gluth ragten die Pyramiden wie himmelhohe Felsen. Wir stiegen noch schnell eine kleine Anhöhe hinauf und hatten nun den freien Blick in die libysche Wüste und auf die untergehende Sonne: eine wallende, wogende Farbenfluth von Roth und Gelb, und darin der Sonnenball wie eine Kugel von flüssigem Golde. Aber Alles war nur ein Schauspiel von kaum mehr als einer Minute; denn sowie die Sonne versunken war, lösten sich die Flammen in ein sanftes Rosenroth und dann in ein mattes Violett auf, und nicht gar hoch stand die Venus als Abendstern im durchsichtigen Blau.

„Bitte, drehen Sie sich nun, meine Herren und Damen!“ rief der Banquier und wies auf den entgegengesetzten Horizont nach Osten: dort stieg eine große röthlich-bleiche Scheibe herauf, wie ein gigantisches Menschenantlitz, fast drohend anzuschauen – der Vollmond.

Wir hatten also Tag und Stunde auf das Beste getroffen: Sonnenuntergang und Mondaufgang in einem Bilde. Dort die unermeßliche, ewig unveränderliche, schweigende Wüste, hier eine unabsehbare Wasserfläche, das überschwemmte Nilthal, aber zugleich das Paradies des Landes, und wir selbst auf einem erhöhten, weit hinaus ragenden Felsplateau neben den Steincolossen der Pharaonenzeit. Wir waren Alle von diesem großartigen Schauspiele ergriffen, mit alleiniger Ausnahme des Doctors, der unten bei den Wagen zurückgeblieben war und auf der breiten Terrasse des Plateaus schon mit den nöthigen Vorbereitungen des Soupers begann. Dort liegt nämlich eine Art Schweizerhaus, das der Vicekönig bei Gelegenheit der Suezfestlichkeiten für seine hohen Gäste und speciell für den Prinzen von Wales erbauen ließ, und dessen untere Räume seitdem gegen ein Trinkgeld allen Pyramidenbesuchern geöffnet sind. Aus dem einen Zimmer hatte der Doctor bereits einen großen Tisch und die nöthigen Stühle in's Freie bringen lassen, und die Diener hatten außerdem auf der breiten Steingalerie die einzelnen Körbe aufgestellt und waren mit dem Auspacken derselben beschäftigt. Der Doctor reclamirte jetzt unsere Hülfe, da er unmöglich Alles allein besorgen könne, zumal er mit der Bowle schon genug zu thun habe. Wir mußten ihm Recht geben.

So machten wir uns denn an die Arbeit, und ich unterwies Jussuf, den kleinen Schwarzen des Engländers, die Teller mit den Couverts recht sorgfältig hinzustellen, was er unter sehr vergnügten Grimassen that. Der Banquier leistete dem Doctor die nöthigen Handreichungen zur Bereitung der Bowle. Zwei große gläserne Flacons mit eingemachten Ananas wurden zuerst entleert; „das ist die Basis,“ sagte der Doctor mit ernster Miene, fügte den nöthigen Zucker hinzu, goß alsdann vier Flaschen Moselwein hinein und rief nach Eis. Ich hatte gerade mit Jussuf die dicke wollene Decke, in welche das Eis eingewickelt war, fortgenommen und ein prächtiger Block kam zum Vorschein, durchsichtig wie der reinste Krystall. Einige faustgroße Stücke wurden in die Bowle versenkt, dann setzte der Doctor den Deckel darauf, um sie „ziehen“ zu lassen, wie er sagte, und musterte mit der Frau Bey, die hierin ein sehr geübtes Auge hat, die gedeckte Tafel. Ich hatte von den Dienern Wasser verlangt, und zwei Beduinenknaben brachten welches in zierlichen „Kullen“, jenen porösen Thongefäßen, die das Wasser auch bei der stärksten Hitze frisch erhalten; der Doctor protestirte energisch, weil er meinte, sie seien für die Bowle bestimmt, aber ich verwendete sie für die beiden Bouquets, um die Tafel damit zu schmücken. Auch die Weintrauben wurden in Eis gelegt, und der Doctor entkorkte gravitätisch eine Flasche Rüdesheimer, als weitere Zuthat für seine Bowle. Alsdann kam das eigentliche Specificum, wie er es nannte, nämlich zwei kleine Krystallfläschchen, Maraschino in dem einen und Kirsch in dem anderen; er goß von jedem Liqueur einen guten Eßlöffel voll in die Bowle, und das mit einer Miene, die deutlich genug sagte: trinkt und richtet! Zwei Flaschen Moët standen noch im Hintergrunde, aber sie sollten erst im Momente des Servirens geöffnet werden.

Die starke Hitze des Tages hatte gleich nach Sonnenuntergang bedeutend abgenommen; die Luft war jetzt lau und mild, wie bei uns daheim eine schöne Juninacht und dabei so windstill, daß die vier Kerzen, die wir zum Ueberflusse mitgebracht hatten, hier draußen im Freien so ruhig brannten, wie in einem Zimmer. Der Mond war höher gestiegen und hing wie eine blendende silberne Ampel über uns – der schönste Kronleuchter für unser Pyramidensouper, den man sich wünschen konnte.

Wir gingen zu Tische. Die Wüste macht Hunger, sagt ein altes arabisches Sprüchwort … „und Durst,“ setzte der Banquier hinzu und wies auf die Bowle, die in der Mitte des Tisches den Ehrenplatz einnahm. Man setzte sich, füllte die Gläser und trank. „Meine Herren und Damen,“ sagte der Bey, „Ehre dem Ehre gebührt! Sie ist vortrefflich!“ „Vortrefflich!“ riefen wir Alle; „nur etwas zu stark,“ setzten die Damen schüchtern hinzu. „Für zarte Constitutionen sind zwei Flaschen Selterwasser da,“ bemerkte der Doctor, „aber Wasser in die Bowle selbst zu gießen, wäre Profanation; ich appellire an alle Kenner.“ Wir Herren gaben ihm Recht; übrigens diente schon das Eis, das sowohl in die Bowle wie in die einzelnen Gläser gelegt und immer erneut wurde, zu einiger Verdünnung. –

Nach diesen Präliminarien kann sich der Leser leicht denken, daß unser Souper heiter und amüsant war; auch an Toasten [219] fehlte es nicht; zuerst ließ man natürlich die Damen leben, aber nicht allein die anwesenden, sondern auch die vielen anderen daheim an der Elbe und am Rheine etc., und beim Nachtische, wo eine große Torte neben der Bowle paradirte und wo (ich muß es durchaus sagen, denn es ist die Wahrheit) meine Früchte allseitigen Beifall fanden, hielt der Banquier eine sehr humoristische, aber etwas kunterbunte Rede – wir hatten schon alle der Bowle stark zugesprochen – in welche er Moses und Pharao, Kleopatra und Jenny Lind, Bismarck und den Suezcanal und Gott weiß wen und was sonst noch Alles hineinbrachte und die mit einem Hoch auf den Doctor und seinen unvergleichlichen Trank schloß. Der Engländer schoß unter dem lauten Hurrah, das dieser Rede folgte, seine Doppelflinte ab, zum nicht geringen Schrecken der Damen; aber das Echo, das an den ungeheueren Wänden der Pyramiden entlang und bis in die Wüste hineinrollte, gefiel ihnen so sehr, daß sie nachher selbst um Wiederholung der Schüsse baten.

Die Kanonade hatte übrigens noch mehr Beduinen herbeigelockt, die sich zu den anderen gesellten, welche in ziemlicher Entfernung in verschiedenen Gruppen am Boden hockten; gleich darauf erschien auch der Scheich von Gizeh, der von der Ankunft des Bey’s gehört hatte und gekommen war, um Sr. Excellenz und den übrigen erlauchten Herrschaften seinen unterthänigsten Respect zu bezeugen. Der Orientale spricht bei solchen Gelegenheiten immer in den höchsten Superlativen. Der Bey antwortete in unser aller Namen sehr freundlich und ließ dem Scheich, der in seinem bunten Turbane, mit dem weißen faltenreichen Gewande und den gelben Lederpantoffeln sehr malerisch aussah, Früchte und Cigarren reichen (Wein durfte er ja als Mohamedaner nicht trinken) und nahm auch seine Begleitung nach der Sphinx an, wo wir den Kaffee trinken wollten. Dies hatten wir nämlich schon vorher auf Vorschlag des Malers beschlossen, um unserer nächtlichen Partie noch einen weiteren originellen Reiz zu geben. Der Scheich ließ zwei Fackeln anzünden und durch zwei seiner Leute vorauftragen; wir gaben unseren Dienern noch die nöthigen Befehle wegen des Einpackens, wobei ihnen natürlich die Reste des Soupers überlassen wurden; der Doctor stellte zu seiner Bowle, die noch nicht ganz geleert war, einen besonderen Wächter, und dann machten wir uns auf den Weg. Hinter uns zogen die Beduinen als Gefolge, aber sie hüteten sich wohl, uns irgendwie zu belästigen, weil sie den Scheich in unserer Gesellschaft wußten.

In gerader Richtung liegt die Sphinx, von der zweiten Pyramide nur wenige hundert Schritt entfernt, da aber das Terrain sehr uneben ist und durch Felsentrümmer aller Art unterbrochen wird, so dauert der Weg eine kleine Viertelstunde. Er ist aber jedenfalls, wenigstens nach europäischen Begriffen, eine Abendpromenade der seltensten, ja wunderbarsten Art. Zur Rechten die bis in den Himmel hineinragenden Pyramiden, vom Mondlicht ganz mit Silber übergossen, und hinter ihnen die mattgelbe Wüste, bis in die Unendlichkeit hinein sich verlierend; zur Linken das überschwemmte Nilthal, aus dessen unabsehbarer Wasserfläche einzelne Palmengruppen und Fellahdörfer als Inseln hervortreten, im Wasser selbst das Spiegelbild des Mondes in zahllosen Silberwellen vervielfältigt und der Boden, auf dem wir wandeln, von Monumenten aller Art übersäet, die nicht nach Jahrhunderten, sondern nach Jahrtausenden zählen und die uns die Wiege der gesammten Menschheitsgeschichte vor die Seele rufen. Und nun – bei einer Wendung des Weges – das gewaltigste dieser Wunder: das furchtbare Wüstenphantom, die Sphinx, die nun schon vier, ja nach Anderen gar sechs Jahrtausende nach Osten schaut, „und kein Sterblicher weiß, was sie bedeutet und was sie sinnt.“

Die Fackelträger hatten sich mit ihren brennenden Kienspähnen zu beiden Seiten der Sphinx postirt, und die flackernden Flammen warfen gespensterhafte Lichter auf das Riesenantlitz, das trotz aller Verstümmelung noch immer einen gewaltigen Ausdruck hat; man breitete einige mitgenommene Decken zum Sitz für die Damen aus, und wir Anderen machten es wie die Beduinen, das heißt, wir hockten mit untergeschlagenen Beinen auf dem Boden, eine Positur, die gar so unbequem nicht ist, Notabene, wenn man sich etwas darauf versteht. Der Kaffee, den uns der Scheich auf arabische Manier in kleinen Schälchen und unter vielfachen Complimenten, serviren ließ, war köstlich, echter Mokka, das Lebenselixir der Wüstensöhne.

Auf einmal hörten wir zwei Schüsse schnell aufeinander und, seltsam genug, wie hoch aus der Luft kommend, und während wir erstaunt uns in Muthmaßungen ergingen, sahen wir einige Leuchtkugeln von der Spitze der Cheopspyramide aufsteigen. Nun hatten wir auch die Lösung des Räthsels: „Der Engländer!“ riefen wir einstimmig und bemerkten zugleich, aber erst jetzt, daß er nicht unter uns war. In dem allgemeinen Trubel des Tafelaufbruchs hatte Keiner an ihn gedacht. Der Anblick der steigenden Leuchtkugeln und einiger kleiner Raketen, die sich im Zerplatzen als goldener Sternregen auflösten, war über alle Beschreibung schön; die Pyramiden schienen durch diese Lichteffecte in’s Unendliche zu wachsen, und als das Feuerwerk, dem noch zwei Schüsse folgten, vorüber war, standen sie in der Silberfluth des Mondes nur noch verklärter da.

Das war also die versprochene Ueberraschung des Engländers, der auch, als er sich nach einer Viertelstunde wieder bei uns einfand, allgemeinen Dank erntete, und nicht Dank allein, sondern auch Bewunderung für seine kühne That. Denn diesen Namen verdiente die nächtliche Pyramidenbesteigung, noch dazu, da er, wie wir nachher erfuhren, von nur einem Beduinen begleitet war, der ihm nicht einmal behülflich gewesen, sondern ihm nur seine Flinte und das Päckchen Feuerwerk getragen hatte.

„Ich schlage vor, dem Gentleman den Rest der Bowle abzutreten,“ sagte der Banquier, „es ist die höchste Belohnung, die mir in diesem Augenblick einfällt.“

Aber der Doctor erklärte, er habe noch eine Flasche Champagner in petto, der wir noch vor unserer Abfahrt den Hals brechen würden und zwar zu Ehren dessen, der Gottlob den seinigen nicht gebrochen. Die beiden Damen hatten mittlerweile aus kleinen Wüstengräsern und einer zierlichen gelbblühenden Eispflanze eine Art Kranz geflochten und dem Engländer trotz seines Widerstrebens, aufgesetzt; so führte ihn der Maler bis dicht unter die Sphinx, und die ganze Gesellschaft, die Beduinen mit eingerechnet, die unmerklich den Halbkreis um uns herum immer enger gezogen hatten, applaudirte mit lebhaftem Händeklatschen.

Unbeweglich schaute das Riesenweib auf die bunte, lustige Scene; die Fackeln waren erloschen, der Vollmond dagegen stand fast im Zenith und machte die Nacht zum Tage, aber zu einem märchenhaften Tage, wie wenn die Helle durch Silberschleier gedämpft wäre … die echte Tieck’sche „mondbeglänzte Zaubernacht“, wie sie der nordische Poet vielleicht in seiner Phantasie geträumt, aber gewiß nie in Wirklichkeit geschaut.

Als wir auf das Plateau zurückkamen, standen die ruhig brennenden Kerzen noch auf dem Tische, aber der Tisch selbst war abgedeckt und leer, denn die Diener hatten bereits Alles wieder in die Körbe gepackt und in die Wagen geschafft. Nur von der steinernen Brüstung her leuchtete die silberne Bowle mit ihren Gläsern zu uns herüber, und vor ihr auf dem Boden kauerte der schwarze Ali und hielt getreulich Wache. Keine profane Hand hatte sie während unserer Abwesenheit berührt. „Was diese Wüste für Durst macht!“ rief der Banquier und vertheilte den Rest der Bowle so gewissenhaft wie möglich; aber der Doctor war mittlerweile zu seinem Wagen gegangen und kam mit der versprochenen Flasche Champagner zurück. Er ließ den Stöpsel knallen, füllte die Gläser und brachte die Gesundheit des „Pyramiden-Feuerwerkers“ aus, die allgemeinen Anklang fand.

Doch Alles, Alles geht hienieden zu Ende: volle Flaschen und Gläser, lustige Wüstenpiknicks und Ananasbowlen … mit anderen, mehr prosaischen Worten: Wir mußten an die Heimfahrt denken, obwohl es noch sehr früh war, wie der Bey ganz richtig bemerkte, denn es war erst ein Uhr nach Mitternacht. –

Am folgenden Abend saßen wir wieder auf dem bekannten Balcon im Hause des Beys, der uns zu einer kleinen Nachfeier eingeladen hatte. Das Gespräch drehte sich natürlich zumeist um die gestrige Partie, und der Maler zeigte bereits eine sehr gelungene Skizze unserer Kaffeegesellschaft am Fuße der Sphinx vor. „Wenn der Pinsel unser Piknick verewigt, da sollte doch auch die Feder nicht zurückbleiben,“ sagte der Banquier und wies dabei auf mich. Ich erklärte mich sofort bereit, eine Schilderung unserer Fahrt zu verfassen und nach Deutschland zu senden. Als dies der Doctor hörte, zog er mich ernsthaft des Seite.

„Ich habe nichts dagegen,“ sagte er, „aber ich bitte Sie nur, falls Sie der Bowle Erwähnung thun“ – „die soll obenan [220] stehen,“ unterbrach ich ihn – „sie genau so auf dem Papier zu bereiten, wie ich es in Wirklichkeit gethan. In Deutschland giebt es Kenner, und ich möchte gern mit Ehren bestehen.“

Ich beruhigte den Medicus mit eigenen Worten die er uns damals zugerufen: „Nur unbesorgt! Verlassen Sie sich ganz auf mich!“