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Textdaten
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Autor: Adolf Tidemand
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Titel: Norwegischer Bauern-Zweikampf
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 11-13
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Norwegischer Bauern-Zweikampf
Ein Volksbild von Adolf Tidemand


Ein Tag der Freude war’s, ein Hochzeitsfest, zu welchem die Gäste aus ihren zerstreuten Gehöften sich sammt ihren Familien im Hochzeitshause zusammengefunden hatten. Wir überblicken den weiten Raum der Stube eines alten norwegischen Bauernhauses vom Kellereingang bis zum Dach hinauf. Diese Stuben sind so gebaut, daß das Hauptlicht von oben, vom Rauchfang kommt. Der durch die Rauchschichten des Hintergrundes phantastisch hervorragende Drachenkopf ist eine kranartige Vorrichtuug, um den großen eisernen Topf oder Kessel über das Heerdfeuer zu halten. Durch hölzerne Klammern an der Hinterwand befestigt, kann derselbe hin- und herbewegt werden. Der Drachenkopf spielt eine große Rolle bei allen älteren und selbst noch neueren Verzierungen der norwegischen Bauernwohnung. Die Feuerstelle ist von Steinen errichtet und ausserhalb mit Holzbohlen bekleidet. Neben ihr hat in der Regel das große Familienbett seinen Platz.

Um die festen Tische gereiht saß das harte, zähe Völkchen, dem die rauhe Natur der Heimath auch die Sinne gehärtet und den Geist gesteift hat; fremd der Beweglichkeit der Menschen unter milderen Himmeln, geht, wie der Lauf des Blutes, der Strom der Gedanken und der Gefühle nur gemessenen Schritt; aber höher als irgend einem Landmann der stammverwandten germanischen Reiche hebt ihm die Brust das Mannesbewußtsein, der Freiheitsstolz, ein unantastbares, ritterliches Ehrgefühl. Eben weil auf seinem Heimathboden kein Adelsstand den Vorzug der Ritterlichkeit für sich allein forderte und mit seiner Wucht Bürger und Bauern zu unedler Niedrigkeit hinabdrückte, blieb die germanische Würde des Freien in Norwegen Eigenthum und Eigenschaft des ganzen Volks.

Je starrer beim Bauern die Lebensformen und je bestimmter sie ausgeprägt sind, um so gewaltiger braust die Leidenschaft auf, wenn das bezaubernde Feuerwasser das träge Blut erhitzt und in Wallung gebracht hat und wenn dann ein scharfes Wort alten Groll ritzt oder den Stolz der Ehre verwundet. So ritterlich wahrte dieses Volk die Würde der Freien, daß es selbst von auflodernder Feindschaft nicht zu gemeiner Prügelei hingerissen wurde; der Zweikampf entschied, eine Erbschaft der Gottesurtheile, über das verletzte Recht, und ritterlicher als die Ritter, nicht geschirmt hinter stählernem Panzer und Helm, bot der Kämpfer, Aug gegen Aug, dem Gegner die freie Brust, und die Waffe Beider war die Streitaxt. Diese Aexte, die man noch häufig findet, wurden als Stab und Waffe zugleich geführt; sie waren zierlich gearbeitet und die Griffe, mit welchen man die Hiebe des Gegners parirte, mit eisernen Schienen umwunden.

Die Zweikämpfe auch dieser Bauern fanden nach bestimmten Regeln und zwar so häufig statt, daß man erzählt, die Frauen hätten zu solchen Festlichkeiten stets das Todtenhemd ihrer Gatten mitgenommen, falls sie’s etwa nöthig haben sollten; daß sie aber auf der Stelle und in Gegenwart der ganzen Versammlung, wo sie hervorgerufen worden, auch ausgekämpft wurden, ist bei der einfachen Ursprünglichkeit des Wesens dieses Volkes nicht anders zu erwarten. So sehen wir auch auf unserem Bilde den Kreis der Festgenossen noch an die Wände der Halle zurückgedrängt, wie sie für den Kampf freie Bahn gemacht hatten. Nur der alte Geigenspieler hatte seinen Platz zwischen Heerd und Kellereingang behauptet. Und selbst jetzt, wo der blutige Streit entschieden ist, stehen noch Alle, vom Schrecken gebannt, im Kreise und die Kinder auf den erstobenen höheren Plätzen. Nur drei Männer legen Hand an den Todten und den Todeswunden, aber zwischen sie drängt sich die alte Mutter und flucht dem unseligen Sieger, dessen Scheideblick noch an seinem Opfer haftet.

Und wer ist der Künstler, dem wir dieses neue Kleinod der Kunst verdanken? – Ein treues Kind des Volkes, das er durch seine schönsten Werke verherrlicht.

Adolf Tidemand ist zu Mandal in Norwegen, am 14. August 1815 geboren. Wie der Lebensgang so vieler Männer, deren rastloses Schaffen ihren Namen zu einem vielgenannten erhebt, ist auch der seinige bis jetzt ein sehr einfacher gewesen. Von Kopenhagen, wo er seine Jugendzeit den Vorstudien seiner Kunst gewidmet, wollte er sich nach München begeben, dessen Kunstruf für die Leute im Norden damals den meisten Reiz hatte, gerieth aber auf seiner Reise nach Düsseldorf und fühlte sich hier und besonders in Hildebrandt’s Nähe bald so heimisch wohl, daß er nicht nur hier seine Studien vollendete, sondern, nachdem er Italien gesehen und später seine Heimath wieder besucht hatte, nach Düsseldorf zurückkehrte, um da seinen Wanderstab für immer niederzulegen. Er gehört, trotzdem er seitdem Mitglied der Akademieen zu Christiania, Stockholm, Berlin, Kopenhagen und Amsterdam geworden, deren jede den genialen Mann gern in ihrem Kreise sähe, mit ganzem Herzen dem Düsseldorfer Künstlerkreise an, wo ihn Liebe und Hochachtung von allen Seilen umgiebt.

Als Künstler hat Adolf Tidemand für die Malerei ein neues Reich erobert, zu dessen Beherrschung ihm gerade die Düsseldorfer Schule die rechten Mittel in die Hand gab. Früher der vaterländischen (d. h. norwegischen) Historie zugeneigt, fand er sich bald durch die Notwendigkeit, für die Darstellung der Vergangenheit auch das Leben der Gegenwart seines Volks zu studieren, von der großartigen Charaktereigenthümlichkeit desselben so angezogen, daß er fortan die Verherrlichung des norwegischen Volkslebens in allen seinen Aeußerungen von der höchsten Lust bis zum tiefsten Leid zu seiner Berufsaufgabe erhob. Ging er damit, nach der schulmäßigen Classification, von der Historie zum Genre über, so hat er sich doch nicht von den gewohnten Regeln desselben binden lassen, sondern sowohl hinsichtlich der räumlichen Größe, als hinsichtlich der Stoffwahl sich die Hand frei erhalten. Indem er auch längst untergegangene Sitten und Gebräuche seines Volks in den sprechendsten Scenen darstellt, nähert er sich dadurch eben so sehr der Historie, als er durch die Dimensionen, die er für die Darstellung von Sitten und Gebräuchen der lebenden Generation anwendet, vom gewöhnlichen Maße des Genre abweicht. Aber in allen seinen Bildern weiß Adolf Tidemand, wie sich sehr treffend ein neuerer geistreicher Kunstkritiker ausspricht, mit bewunderungswürdiger Treue und Liebe den Typus des norwegischen Bauern zu schildern; „er hat eine ungemeine Begabung für Auffassung des Charakteristischen im Volke überhaupt sowohl, wie in den einzelnen Individuen. Schlicht, natürlich und voll wahrer tiefer Empfindung, besitzen seine Bilder außerdem noch das Verdienst eines sorgfältigen Studiums und meisterhafter Behandlung. Mit Unrecht hat man ihnen den Vorwurf gemacht, daß sie der Schönheit entbehrten. Die Köpfe seiner norwegischen Bauern sind freilich nicht im gewöhnlichen Sinne schön, aber sie sind schön durch die Wahrheit und Tiefe der Charakteristik. In dem mit Hans Gude (dem berühmten Landsmann und Kunstgenossen Tidemand’s, dem Verherrlicher der Natur Norwegens, mit welchem derselbe Vieles gemeinsam schuf, indem er mit seinen Genrefiguren dessen Landschaften ausschmückte) gemalten 'Leichenbegräbnis am Sognefjord’ waltet ein Maß seelenvoller Schönheit, das durch 'hübsche Gesichter’ nie und nimmer erreicht worden wäre.“ – Außer den genannten Bildern gehören „die Haugianer“ (religiöse Sekte) und die "Katechsisation eines Küsters in einer Landkirche Norwegens“ zu den ganz besonders hervorzuhebenden Werken.

Wir können von unserm Gegenstand nicht scheiden, ohne einen dringenden Wunsch gegen unsere deutschen Künstler auszusprechen. Ist unser deutsches Volk nicht derselben Verherrlichung werth, wie das norwegische, oder ist der ungeheure Stoff, den die vielen deutschen Stämme vom Meer über die Ebenen bis zu den Mittel- und Hochgebirgen des Vaterlands bieten, wirklich schon erschöpft? [12] kaum die Thür ist geöffnet zu den Hallen dieses Reichthums – und dennoch zieht es die große Masse unserer Künstler vor, ihre Vorwürfe auf fremden Gebieten der Geschichte, der Mythologie, der Legende zu suchen, anstatt da, wo das volle Leben ihnen winkt. Was anders verursacht es, daß das Volk vor den meisten ihrer Bilder kalt bleibt, als der Umstand, daß sie für des Volkes Herz nichts bieten? Auf Gegenseitigkeit beruhen auch in der Kunst Wirkung und Geschäft.

[13]
Die Gartenlaube (1865) b 013.jpg

Das Ende eines norwegischen Bauernzweikampfs.
Nach einem Gemälde von Adolf Tidemand.