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Titel: Nach Sevilla, nach Sevilla!
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aus: Die Gartenlaube, Heft 29, S. 456–458
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Nach Sevilla, nach Sevilla!
Eine literarische Erinnerung.

Es giebt Lieder und Melodieen, die wie der Gesang der Lerche immerdar erfreuen, wo und wann sie auch erklingen mögen, die von den Wogen der Zeit für Monden und Jahre überfluthet und verdrängt werden können, die aber dennoch wie der Gesang der Lerche nach kurzem Winterschnee aus dem Saatengrün zu neuer, keimender Frühlingslust sich emporschwingen – um Lust und Freude zu bringen oder altvergessene Jugendträume und Erinnerungen zu wecken oder auf’s Neue erblühen zu machen. Solch ein Lied, solch eine Melodie ist das altbekannte, oft gesungene: „Nach Sevilla!“ Wer kennt es nicht? Wer hätte es nicht gesungen oder nicht gehört?

Das Lied ist von Clemens Brentano, dem Verfasser der Geschichte vom „Braven Kasperl und dem schönen Annerl“, gedichtet, während die Melodie von Louise Reichardt, der Tochter des Musikdirectors Johann Friedrich Reichardt, herrührt, des Componisten der Worte Clärchens aus Goethe’s Egmont: „Freudvoll und leidvoll, gedankenvoll sein“; des genialen, feurigen Lebemanns, der in seinem schönen Garten zu Giebichenstein bei Halle an der Saale, in der Nähe des jetzt vielbesuchten Soolbades Wittekind, die bedeutendsten Männer seiner Zeit um sich zu versammeln wußte, in dessen Familienkreis Jeder gern trat, sich wohl fühlte und zu neuen Ideen und Arbeiten sich angeregt fand. Was die Salons der Rahel und der Herz den Männern und einzelnen Frauen Berlins, das war kurze Zeit vorübergehend und vorüberrauschend der Garten zu Giebichenstein denselben Geistern. Hier im Anblick der schönen, reichgesegneten Natur, bei Harfenspiel und Gesang, zur Seite der meist schönen Töchter und der liebenswürdigen Frau des genialen, excentrischen Reichardt, rauschte die Zeit dahin. Aber während die Schwestern als Gattinnen berühmter Männer später oder früher in den Kreis stiller, einfacher Häuslichkeit zurücktraten und vergessen wurden, ist es die an Gestalt so schöne, aber durch Blatternarben im Gesicht entstellte geistreiche, von eigenthümlichen schweren Herzens- und Schicksalsschlägen hin- und hergeworfene, reichbegabte Louise, die als Componistin einfach schöner Lieder nicht vergessen wurde und der im Leben die geistreichsten und bedeutendsten Männer ihrer Zeit, selbst ein Goethe, nahetraten, um an ihrer Seite sich wohl und angeregt zu fühlen. Der aber, der besonders gern an der Seite des meist trüb schwermüthigen Mädchens weilte, war Schleiermacher, seit 1804 Professor der Theologie zu Halle; der echt christliche, der einem Sack, als derselbe ihm einen Vorwurf wegen seiner fortdauernden Freundschaft zu Fr. Schlegel machte, nachdem derselbe seine berüchtigte Lucinde geschrieben hatte, antwortete: „Nie werde ich aus Menschenfurcht einem unschuldig Geächteten den Trost der Freundschaft entziehen, nie werde ich meines Standes wegen anstatt nach der wahren Beschaffenheit der Sache zu handeln, mich von einem Schein, der Andern vorschwebt, leiten lassen. Einer solchen Maxime zufolge würden ja wir Prediger die Vogelfreien sein im Reiche der Geselligkeit.“

Und auch heute, als des Tages, dessen wir gedenken, steht er droben im Garten an einen Baum gelehnt, während Louise an seiner Seite weilt. Er blickt zur Saale nieder, die in kühner Biegung sich durch die reichgeschmückten, buntgeformten Felsufer dahindrängt. Der Petersberg mit seinen Ruinen glänzt im Abendsonnenschein, während darüber hinaus nur gutem Auge erkennbar der Brocken sich lagert. Halle mit seinen Thürmen und dampfenden Salzwerken liegt im Rücken. O, es lohnte schon, Rundschau zu halten von diesem Punkte aus! Heinrich Steffens weilte mehrere Schritte entfernt an der Seite seiner Johanna, der er von seiner Heimath Stavanger in Norwegen, das er ja so prächtig in seinen Romanen geschildert, erzählte, währenddeß Karl von Raumer die Hand der Friederike, der Schwester Johanna’s, hält, vielleicht, um den noch leichten Springinsfeld abzuhalten, seinen Worten zu entschlüpfen. Er gedenkt Achim’s von Arnim, der ein so gern gesehener Gast in diesem Kreise war. Die schelmische Friederike will des Lobes nicht Wort haben, das dem Entfernten gespendet wird; Widerspruch regt sich im Herzen, und sie kann es nicht lassen, zu gestehen, daß der kleine, wohlgebildete Brentano ihr besser gefalle, daß der schöne, ausdrucksvolle Kopf mit den glänzend lebhaften Augen, die den innewohnenden Schalk trotz aller Schwärmerei und Düsterheit, die sie kund geben, doch nicht verleugnen könnten, für sie etwas ungemein Anziehendes habe. Das muthwillige Mädchen fand nun einmal Gefallen daran, den, dem sie später Herz und Hand zu dauerndem Lebensbunde reichte, in diesem Augenblicke zu necken und ein Weniges eifersüchtig zu machen. Leise hob sie des Gelobten Worte zu singen an: „Durch den Wald mit raschen Schritten“; hatte die Schwester Louise doch zu dem Liede erst vor wenigen Tagen eine so prächtig schöne Melodie ersonnen.

Schleiermacher, wie bekannt, klein von Wuchs, ein wenig verwachsen, in hellen Beinkleidern, kurzer, grüner Jacke und die ziemlich unförmliche Botanisir-Blechbüchse von kurz vorher beendeter Fußwanderung noch auf der Schulter, vernahm die Melodie. Sein lebhaft feuriger Blick, der bisher auf der ihm zur Seite stehenden hochgewachsenen Jungfrau geruht hatte, hob sich auf, und ihrem Blicke begegnend, der, wie er sah und fühlte, aus einem Meer von trüben Gedanken seinen feuchten, wehmüthigen Glanz erhalten hatte, sagte er, den Kopf der jugendlichen Sängerin zuwendend: „Hören Sie nicht? Wie ein Kind den kindischen Schmerz erstickt und die Seufzer zurückdrängt und die Thränen einsaugt, wenn ihm eine kindische Freude gemacht wird, so lassen Sie auch uns an größerer Freude den größeren, unvergänglichen Schmerz besänftigen. Ihnen wurde die Musik, mir die Wissenschaft zur Trösterin gegeben. Mit frohem Auge schaue ich auf Alles, auch auf das Tiefverwundende. Wie Christus keine Braut hatte, als die Kirche, keine Kinder, als seine Freunde, kein Haus, als den Tempel und die Welt, und doch das Herz voll himmlischer Liebe und Freude, so lassen Sie auch uns geboren sein, eben danach zu trachten. Nur die Arbeit, die Liebe zum Beruf, die Freude an den Freunden muß uns aufrecht erhalten.“

So sprach der christliche Denker. Und wer Schleiermacher jemals sprechen gehört, und sei es auch nur in späterer Zeit als Prediger an der Dreifaltigkeitskirche zu Berlin, der wird noch empfinden und nachfühlen können, wie diese Worte zum Herzen dringen mußten. Sein gesprochenes Wort war überaus größer, andauernder, als sein geschriebenes. Sein Blick, der Ton seiner Stimme gab den Worten erst den rechten Nachhall, die tiefeinschneidende Wirkung.

Auch Louise empfand den Zauber seiner Rede; ihr Auge verklärte sich und über die sonst unschönen Züge des Gesichts zog ein Hauch verklärender Freude und geistiger Schönheit.

Schleiermacher sagte weiter: „Aus jedem Kunstwerk strahlet mir, was Menschliches darin ist abgebildet, weit heller, als des Bildners Kunst entgegen. Ich gebe frei mich hin der freien Natur, und wie sie ihre schönen bedeutungsvollen Zeichen mir darbeut, wecken sie alle in mir Empfindungen und Gedanken, ohne daß mich’s je gewaltsam drängte, was ich geschaut, umbildend anders und bestimmter zum eigenen Werke zu gestalten. Drum darf ich auch nicht, wie der Künstler, einsam bleiben; es trocknen mir in der Einsamkeit die Säfte des Gemüths, es stocket der Gedankenlauf, ich muß hinaus in mancherlei Gemeinschaft mit den andern Geistern, immer fester durch Geben und Empfangen das eigene Wesen zu bestimmen!“

Louise hatte ernst zugehört, sie erwiderte nichts; aber man sah es an ihrem ganzen Wesen, ihrem leuchtenden Auge, wie tief die Worte des Freundes in ihr Herz drangen und wie der Schmerz, der mehr und mehr ihr Herz zu verbittern und zu verhärten drohte, sich in sanfte Wehmuth auflöste und der Bitterkeit den Stachel abbrach. Louise war geliebt worden, trotz ihres unschönen Gesichts. Ein junger Mann, Namens Eschen, den Voß schätzte und hochachtete, war für kurze Zeit ihr Bräutigam gewesen. Wissens- und Reisetrieb hatte ihn kurz vor der Hochzeit nach der Schweiz geführt. Von Genf eilt er dem Buet, in der Nähe des Montblancs, zu und stürzt hier, von unachtsamer Hand geführt, in einen mehrere hundert Fuß tiefen Schlund. Ehe Hülfe möglich, war der Unglückliche erfroren.

Sie hatte des Todten gedacht, heute mehr, denn je, daher ihr Stillesein, das Herbe ihres ganzen Wesens, bis die Worte des Freundes sie stiller, ruhiger machten. Sie war im Begriff, zu antworten, als der Vater, unerwartet von seiner Reise zurückgekehrt, [457] geräuschvoll in den Garten trat, gefolgt von seiner Gattin und den übrigen Kindern. Er brachte einen Fremden mit, einen jungen Maler Namens Gareis, den er nach gewohnter Weise neckend und scherzend den Anwesenden vorstellte. Steffens kannte ihn bereits, er hatte ihn früher einmal in Dresden bei Tieck getroffen, und so war die Bekanntschaft bald erneuert, wie die der Uebrigen bei der hier herrschenden freundlichen Ungezwungenheit bald gemacht war. Louise, die sich mehr im Hintergrunde gehalten hatte, vielleicht, um ihr entstelltes Gesicht nicht zu sehr gegen die Schönheit der Schwestern dem kritischen Auge des Malers bloßzustellen, schien nach längerem Verweilen erst von den Blicken des jungen Mannes bemerkt zu werden. Sie hatte soeben, von dem Gegenstande der Unterhaltung ergriffen, eine ihrer tiefdurchdachteu Bemerkungen gleichsam hineinfallen lassen und dadurch dem allgemeinen Gespräch plötzlich eine speciellere Färbung gegeben. Gareis, dessen Blicke bisher wie suchend, vergleichend, von einem Angesicht zum andern gegangen waren, schien nun erst Auge und Ohr für die bisher Unbeachtete bekommen zu haben. Sein Auge ruhte wie erstaunt fragend auf dem Gesicht Louisens. Der Vater bemerkte es; früherer Worte gedenkend, in denen er dem jungen Manne die Schönheit seiner Töchter mit Ausnahme Louisens gepriesen hatte, lachte gezwungen auf, und meinend, der junge Maler werde von der Unschönheit Louisens mehr abgestoßen, als angezogen, flüsterte er demselben in’s Ohr: „Nun, sagte ich zu viel?“

Wider Erwarten aber wendete der junge Mann sich seltsam erregt ihm zu und sagte entschieden. „Sie gedachten der Schönheit Ihrer Töchter, aber Sie vergaßen zu erwähnen, daß auch das unvorteilhafteste Gesicht durch Geist und Gemüth einen Hauch der Schönheit erhält, der jene vergängliche weit überwiegt. Ihre übrigen Töchter, Herr Musikdirektor, sind schön, aber das Gesicht Louisens ist anmuthig, nachhaltig anziehend!“

Reichardt lachte, er wußte wirklich in diesem Augenblicke nicht, was er zu den Worten des Malers sagen sollte, er vermochte sich in den Ernst derselben nicht zu finden. Als er aber sah, daß Gareis unausgesetzt mit warmem Interesse an dem Munde Luisens hing, mußte er unwillkürlich das Haupt schütteln, und nun auch seinerseits bemüht, die Tochter in vortheilhaftestem Lichte zu zeigen, bat und veranlaßte er sie die Harfe zu nehmen und zu singen. Louise componirte nicht nur, sie hatte auch eine prächtige Stimme und spielte und sang ausgezeichnet.

Sie ließ sich nicht nöthigen und bitten; hatte doch auch auf sie die Nähe des jungen Mannes, der in so sichtbarem Wohlgefallen ihren Worten lauschte, einen eigenen Eindruck gemacht, dessen Tragweite sie in diesem Augenblicke nicht zu ahnen und zu ermessen vermochte. Eine längstvermißte Frische und innere Ruhe und Glückseligkeit waren über sie gekommen. Und als der Vater rief und sprach: „Sing uns Dein Lieblingslied: ‚Durch den Wald mit raschen Schritten‘, oder hast Du Neues geschaffen und zu Tage gefördert, das auch ich noch nicht kenne, so trag’ es vor, so laß Deine Stimme erschallen, und wir wollen Dir gnädige, aber auch gerechte Kritiker sein,“ hob sich ihr Auge leuchtend auf, die Hand griff rascher, freudiger in die Saiten, und während sie glühend rief und sprach: „Brentano sendete ein Lied, möge meine Melodie keine schlechte sein,“ hub sie zu singen an:

„Nach Sevilla, nach Sevilla,
Wo die hohen Prachtgebäude
In den breiten Straßen stehen,
Aus den Fenstern reiche Leute,
Schöngeputzte Frauen sehen,
Dahin sehnt mein Herz sich nicht.“

Es war ein eigenthümlicher Zauber, der die Gemüther der Anwesenden ergriff, als dieses Liedes Klänge zum ersten Mal an ihr Ohr schlugen. Und wie schön, wie prächtig sang das junge Mädchen! Es war als wollte sie in Melodie und Saiten all ihre Sehnsucht, ihren Schmerz und ihre Träume legen. So wunderschön hatte Louise seit langer Zeit nicht, vielleicht noch nie gesungen. Alle schwiegen tief ergriffen, als sie geendet, Schleiermacher saß in sich versunken, aber sein Auge leuchtete – bis der Vater aufsprang, Louisens Hand ergriff und freudig sagte: „Brav, Mädel, das hast Du gut gemacht. Die Melodie wird uns Alle überdauern!“ Das löste den Bann, der die Gemüther gefangen hielt, und Alle begannen die Schönheit der Composition zu loben; blos Gareis blieb still. Nur als Louise für einen Augenblick abseits stand, trat er schüchtern heran und sagte tief ergriffen: „Ich danke. Ihnen.“ O, wie erfreuten und entzückten diese einfachen, seelenvollen Worte ihr Herz! Sie glühte auf in sichtbarer Freude und Glück. Rasch wendete sie sich ab und floh in die einsameren Gänge des Gartens. Das Herz war ihr so übervoll. Sie wußte nicht, wie ihr geschehen; sie hätte weinen mögen und wußte doch selber nicht, war es Freude oder Schmerz, was ihr das Herz bewegte.

Und wie es im Leben zu geschehen pflegt: ein Augenblick entscheidet über uns – und macht unser Leben zu einem Meer voll Freude, oder voll tiefen Schmerzes. Zwei Herzen hatten sich gefunden. Gareis liebte Louisen, und sie, die nimmermehr zu lieben gemeint, erwiderte diese Liebe mit aller Gluth und Innigkeit, die ein Mädchenherz zu spenden hat. Jetzt fühlte und wußte sie erst, was Liebe ist und welch’ einen Segen dieselbe spendet. Alle nahmen innigen Antheil an dieser Neigung: und als Gareis nach Italien zog, um vor seiner ehelichen Verbindung mit Louisen noch das Land der Kunst und seiner Sehnsucht zu durchreisen, wurde er allseitig mit den besten Wünschen entlassen, während die Liebe ihn in Gedanken auf Tritt und Schritt auf allen seinen Wegen begleitete.

Von Rom aus sendet er der Geliebten eine prächtige Farbencopie der Raphael’schen Verklärung. Er eilt nach Florenz, von wo aus er direct nach der Heimath zurückkehren will. Der Tag der Hochzeit wird anberaumt. Die Braut harrt des Bräutigams. Der Tag des Festes rückt näher und näher heran – da kommt ein Brief von fremder Hand. Der Bräutigam ist todt. Gareis ist todt, er starb zu Florenz an Dysenterie.

Das war ein Blitz aus heiterer Höhe; das war ein Schlag, von dem Louise sich niemals wieder gänzlich erholte. Zweimal war sie, die Unschöne, die niemals Liebe in der Brust eines Mannes zu erwecken Hoffnung gehegt, geliebt worden – und zweimal hatte ein unerwarteter, fürchterlicher Tod das Band zerrissen. Es war ein hartes Schicksal. O, wie tief, wie schmerzlich berührten sie jetzt die Klänge ihres Liedes: „Nach Sevilla!“ das bald nach seinem Bekanntwerden Gemeingut des Volkes geworden war und von Hoch und Niedrig gesungen wurde! Wie tief und schmerzlich berührte es sie, wenn sie es singen hörte! Es erinnerte sie an die schönste Stunde ihres Lebens, an ein Glück, das nun auf ewig für sie verschwunden war.

Doch es war nicht Zeit, sich dem Schmerze hinzugeben. Es mußte geschafft, gearbeitet werden. Die Schwestern wurden und waren zumeist verheirathet – sie blieb im Hause. Und die kriegerischen, politischen Wolken, die mehr und mehr aufstiegen, begannen auch den Horizont des Reichardt’schen Hauses zu verdüstern. Der Sommer des Jahres 1806 – Louise war 1788 zu Berlin geboren – verging in banger Sorge. Das preußische Heer rückte endlich im Herbst gegen Napoleon vor. Der verhängnißvolle 14. Oktober kam. Die Schlacht bei Jena war geschlagen. Kämpfende Truppen nähern sich am 16. Oktober der Stadt. Die Preußen fliehen. Bernadotte erscheint; nach der Proclamation, die er erläßt, scheint der Fortbestand der Universität Halle gesichert, aber Napoleon, durch eine Schrift Reichardt’s, welche dieser in gewohnter, rasch handelnder Weise in die Welt geschleudert, erzürnt, löst die Universität auf, und Schleiermacher, Steffens mit ihren Genossen waren brodlos. Die Gelder waren überaus knapp zugemessen, wenige Thaler besaßen gemeinsam die Freunde, und so machten sie Alle im Hause Steffens’ gemeinschaftliche Wirthschaft. Und hier war es, wo Schleiermacher wieder die Kraft und den Segen der Arbeit an sich erprobte. In einer Ecke des Steffens’schen Studirzimmers saß er, unbekümmert um die ihn umgebende Wirrniß, und schrieb sein geniales Sendschreiben an Gaß über die Echtheit des ersten Briefes an Timotheus. Bald darauf verließ er Halle. Im Sommer 1807 war er in Berlin, dem er von nun ab für immer bis zu seinem Tode angehören sollte. Als hier im Jahre 1809 die Universität eröffnet wurde, für deren Errichtung er überaus thätig und anregend gewirkt hatte, war er an derselben einer der ersten lesenden Professoren. Reichardt hatte mit seiner Familie Halle verlassen müssen, er irrte umher, bis er endlich, er der eingefleischte Franzosenfeind, merkwürdig genug, als Capellmeister des Königs von Westphalen zu Cassel eintrat.

Daß hier seines Bleibens nicht lange sein würde, war von vornherein zu erwarten. Bald hatte er durch sein freies Reden [458] und Handeln sich mißliebig gemacht, und als der bekannte Dörnberg’sche Aufstand in Hessen ausbrach, dem leider ein so rasches, trübes Ende wurde, war auch seines Bleibens nicht länger in der Stadt, und er verließ Cassel in eiligster Flucht, Frau und Kinder in drückendsten Nahrungssorgen zurücklassend. Louise nähte und arbeitete für Andere. Doch der Verdienst reicht nicht aus; ein Nervenfieber hat die Mutter ergriffen – die Sorge steht an der Thür. Jacob Grimm, der bewährte Freund des Hauses, kommt, er hat vom Geheimen Hofrath Harnier den Zustand der Frau und die Lage der Tochter erfahren. Linkisch, freundlich macht er sich am Clavier zu schaffen, ja, er ist sogar bemüht, unter verlegenem Lächeln mit einem Finger, wie Kinder zu thun pflegen, die mit vielsagendem Blick verstohlen am Instrument stehen, einzelne Töne anzuschlagen. Aber der tiefgelehrte, der unübertroffene, freundliche Kinder- und Hausmärchen Sammelnde und Erzählende bringt keine zusammenhängende Melodie, keine harmonische Tonfolge hervor, er wendet sich lächelnd ab, schließt das Clavier und sagt, sich zur emsig arbeitenden Louise wendend: „Ich würde Ihnen ein schlechter Schüler sein! Da sang vorhin, als ich kam, ein Junge Ihr Lied: ‚Nach Sevilla!‘ auf der Straße. Er brüllte es laut genug, aber ich habe dennoch keinen Ton gefaßt!“ Und freundlich, wie er gekommen, verließ er das Zimmer. Als Louise später ihr Instrument wieder öffnete, fand sie ein Sümmchen Geld wohl eingewickelt auf den Tasten liegen. Der kindlich-große Gelehrte hatte auf diese Weise seine milde Liebesgabe der jugendlichen Freundin zukommen lassen.

Als Louise später einsam nach Hamburg übersiedelte, um im Hause der Frau Sillem, empfohlen von dem berühmten Klasing, sich ihren Unterhalt durch Privatunterricht zu erwerben, war und wurde sie auch hier von ihren Freunden, zu denen sich auch der Wandsbecker Bote Claudius gesellte, nicht vergessen. Alle bewahrten der Vielgeprüften ein warmes, theilnehmendes Herz bis an ihr Lebensende.

Und als der Tag ihrer Auflösung nahte, der 17. November des Jahres 1826 kam, da war es ihre liebste, ihre beste Schülerin, die sie gebildet, die Polin Sophie Linsky, die frühere kühne Seiltänzerin, welche sich zum Instrument setzte und der Sterbenden das Weihuachtslied sang, das die Scheidende vor Jahren componirte: „Welche Morgenröthen wallen....“

Das Angesicht der Sterbenden verschönte sich, ein himmlisches Lächeln glitt über die sonst schmerzdurchfurchten Züge; auf den Schwingen der selbsterschaffenen Melodie entschwebte ihr Geist.

Draußen aber war es Nacht geworden, Stille herrschte für einen Augenblick auf der Straße. Burschen gingen vorüber. Sie sangen fröhlich und laut, heiter in die kalte Novemberluft hinein:

„In Sevilla, in Sevilla,
Weiß ich wohl ein reines Stübchen,
Helle Küche, stille Kammer,
In dem Hause wohnt mein Liebchen;
Und am Pförtchen glänzt ein Hammer:
Poch’ ich, macht die Jungfrau auf!“

Louise Reichardt hatte nicht umsonst gelebt. In ihrem Liede lebte sie fort. Es ist noch heute nicht vergessen.

Acht Jahre später aber, in der Mitte Februars des Jahres 1834 waren die Straßen Berlins, die zum Halle’schen Thore führten, mit einer unübersehbaren Menge Leidtragender und Schauender überfüllt. Schleiermacher war gestorben, man trug ihn zum Grabe hinaus.
Fr. Brunold.