Moses Mendelssohn (Die Gartenlaube 1879/36)

Textdaten
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Autor: Albert Fränkel
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Titel: Moses Mendelssohn
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aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 600–602
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[600]
Moses Mendelssohn.
Ein Gedenkblatt für den sechsten September.

Auf die jetzt laufenden Jahrzehnte fällt ein Schimmer feierlicher Weihe durch die Jubiläen der großen Aufklärungs- und Wiedergeburtsepoche des vorigen Jahrhunderts. Nachdem wir im gegenwärtigen Jahre den hundertsten Geburtstag „Nathan’s des Weisen“ und den hundertfünfzigsten seines Dichters gefeiert haben (vergl. Gartenlaube Nr. 1 dieses Jahrgangs!), sind es an diesem 6. September nun auch hundertfünfzig Jahre, daß in einem elenden, noch heute vorhandenen Hofstübchen zu Dessau der arme Judenknabe geboren wurde, der später als Moses Mendelssohn einen der schönsten Ehrenplätze auf den Höhen der deutschen Geistesgeschichte errungen hat. In unserer mäkelsüchtigen Zeit ist die Bedeutung Mendelssohn’s vielfach unterschätzt worden, namentlich von einer Kritik, die an literarischen Erscheinungen der Vergangenheit nur die rein wissenschaftlichen Maßstäbe gegenwärtiger Erkenntnisse legt und an früheren Anschauungen, Doctrinen und Denksystemen nur das Ueberwundene und Abgewelkte in’s Auge faßt, nicht ihre geschichtliche Nothwendigkeit für die geistige Befruchtung und Vorwärtsbewegung der Welt, in welcher sie gewirkt haben. Gerade dieser letztere Punkt aber ist es, wodurch Mendelssohn erinnerungswürdig geblieben ist bis zum heutigen Tage und es auch ferner bleiben wird. Er hatte eine Sendung für sein Zeitalter und nicht für das unserige, aber wesentliche Errungenschaften unserer Epoche würden nicht möglich geworden sein, wenn die mächtige Gedankenarbeit der seinigen ihnen nicht die Bahn gebrochen hätte. Schon der Umstand, daß er beinahe drei Jahrzehnte hindurch der nächste Herzensfreund und Strebensgenosse Lessing’s bis zu dessen Tode gewesen ist, muß ihm ein warmes Andenken bei Allen sichern, die dem Lebensgange des großen Läuterers und Wiedererweckers unseres Nationalgeistes jemals eine tiefere Aufmerksamkeit gewidmet haben.

Aber auch über dieses Freundschaftsverhältniß sind in neuerer Zeit zum Nachtheil Mendelssohn’s zweifelnde und spöttelnde Bemerkungen geäußert worden, die eher alles Andere, als eine wirklich [601] gewonnene Kenntniß dieser Beziehung verrathen. Denn in der That kann es eine ernstere und innigere, getreuere und ehrfurchtsvollere Zuneigung nicht geben, als Lessing sie bis an sein Ende für seinen „Herrn Moses“ gehegt. Aus zahlreichen Briefen erhält man die Ueberzeugung, wie hoch er die Ansicht und den Rath dieses Freundes geschätzt, wie viel er in den schwierigsten geistigen Fragen auf sein Urtheil gegeben und wie langjähriges Getrenntsein, wie alle Stürme des Lebens, aller Wandel der Jahre und der Verhältnisse die Frische und Herzlichkeit dieses Bündnisses nicht zu trüben vermochten. Wie beide Männer in einem und demselben Jahre geboren waren, wie sie Beide, jeder auf anderen Wegen, im Kampfe mit der Armuth, aus dem Dunkel gedrückter Verhältnisse zu hohen Bahnen sich aufgeschwungen hatten, so blieben ihre Hände auch fest vereinigt, nachdem sie im Jahre 1754 sich zufällig gefunden hatten. Allerdings ist Lessing in manchen seiner Kämpfe und in Betreff wesentlicher Hauptzielpunkte seines Wirkens von seinem Umgangskreise und auch von Mendelssohn nicht immer verstanden worden. Wenn man jedoch bedenkt, welche lange Zeit die Nachwelt brauchte, ehe ihr in dieser Hinsicht ein umfassendes Verständniß heraufgedämmert ist, so wird man die Einsicht bewundern müssen, mit welcher Mendelssohn jene Kluft bereits erkannte und die Ausfüllung derselben nicht von dem damals lebenden Geschlechte erwartet hat. Hier wie in einigen anderen Punkten ist dieser Philosoph wahrhaft ein Prophet gewesen, dessen Weissagungen sich erfüllt haben.

Lessing’s kühn vordringende Feuerseele mochte freilich bei dieser Lage der Dinge, der zahmen Bedächtigkeit eines noch verschüchterten Zeitgeistes gegenüber, oft von dem unbehaglichen Gefühl des Alleinstehens beschlichen werden. Keine seiner Aeußerungen aber deutet darauf hin, daß er deshalb ungerecht gegen seine Freunde geworden, verdrossen und hochmüthig auf dieselben herabgesehen und besonders jemals den Werth der Bundesgenossenschaft eines Mendelssohn verkannt hätte. Noch acht Wochen vor seinem Hinscheiden schrieb er ihm: „Daß Ihnen nicht Alles gefallen, was ich seit einiger Zeit geschrieben, wundert mich gar nicht. Ihnen hätte gar nichts gefallen müssen, denn für Sie war nichts geschrieben. Höchstens hat Sie die Zurückerinnerung an unsere besseren Tage noch bei dieser oder jener Stelle täuschen können. Auch war ich damals ein gesundes schlankes Bäumchen und bin jetzt ein so fauler knorrichter Stamm. Ach, lieber Freund, diese Scene ist aus. Gern möchte ich Sie freilich noch einmal sprechen.“

Die Entfernung zwischen Berlin und Wolfenbüttel war bei dem damaligen Zustande der Wege und Verkehrsmittel noch eine sehr beträchtliche und der Wunsch des kranken Freundes kaum zu erfüllen. Ein paar Jahre vorher aber (1777) hatte dennoch der schwächliche Mendelssohn die beschwerliche Reise im rauhen Novembermonat zurückgelegt, um Lessing nach seiner Verheirathung in seiner neubegründeten Häuslichkeit zu besuchen. „Sie scheinen mir jetzt,“ so schrieb er ihm vorher, „in einer ruhigeren, zufriedeneren Lage zu sein, und ich muß Sie in dieser besseren Lage Ihres Gemüths nothwendig sprechen.“

Es war das letzte Mal, daß die Freunde nach langer Trennung ein paar Tage in herzlicher Gemeinschaft verlebten, und die in sichtlicher Todesahnung geschriebene Schlußstelle des oben angeführten Briefes zeigt, wie sehr Lessing nach einer Wiederholung dieser Freude sich sehnte. Er starb aber schneller, als es erwartet wurde, und man weiß, wie die Liebe Mendelssohn’s diesen Tod überdauert hat. Tief ergreifend wirkt unter Anderem auf uns heute noch der denkwürdige Brief, den er auf die erhaltene Trauernachricht an den Bruder des Verstorbenen schrieb.

„Fontenelle,“ so heißt es da, „sagt von Copernikus: er machte sein neues System bekannt und starb. Der Biograph Ihres Bruders wird mit eben dem Anstande sagen können: er schrieb ‚Nathan den Weisen’ und starb. Von einem Werke des Geistes, das eben so sehr über ‚Nathan’ hervorragte, als dieses Stück in meinen Augen über Alles, was er bis dahin geschrieben, kann ich mir keinen Begriff machen. Er konnte nicht höher steigen, ohne in eine Region zu kommen, die sich unseren sinnlichen Augen völlig entzieht; und dies that er. Nun stehen wir da wie die Jünger des Propheten und staunen den Ort an, wo er in die Höhe fuhr und verschwand. Noch einige Wochen vor seinem Hintritte hatte ich Gelegenheit, ihm zu schreiben: er solle sich nicht wundern, daß der große Haufe seiner Zeitgenossen das Verdienst dieses Werkes verkenne; eine bessere Nachwelt werde noch fünfzig Jahre nach seinem Tode daran lange Zeit zu kauen und zu verdauen finden. Er ist in der That mehr als ein Menschenalter seinem Jahrhundert zuvorgeeilt.“

Wüßten wir also von Mendelssohn nichts weiter, als daß er Lessing mit einer im Ganzen so verständnißvollen Theilnahme durch die wichtigsten Stadien seines Lebens gefolgt und daß er unter zahlreichen Freunden dem Herzen Lessing’s stets der Nächste geblieben ist, so würde er für uns in Folge des aus dieser Thatsache sprechenden Zeugnisses schon ein Gegenstand lebhaften Interesses sein. Die respectvolle Liebe eines Lessing konnte sicher nur durch ausgezeichnete Eigenschaften gewonnen werden, und in der That waren in Mendelssohn ungewöhnliche Vorzüge vereinigt, die in uns heute noch dasselbe Gefühl erregen und durch die er sich aus seinen eigenen Wegen und aus seiner eigensten Natur und Bildung heraus unleugbare Verdienste um den Wiederaufschwung unserer Nation erworben hat. Nicht blos politisch, sondern auch in seinem Geistesleben war das deutsche Volksthum auf eine sehr niedrige Stufe der Verkümmerung herabgesunken, als die Sterne Lessing’s und Mendelssohn’s heraufzuleuchten begannen. Von Lessing zu sprechen, ist hier nicht die Aufgabe. Um aber den Einfluß Mendelssohn’s zu ermessen, braucht man nur eine seiner Schriften mit ähnlichen Erzeugnissen der vorhergegangenen oder gleichzeitigen deutschen Literatur zu vergleichen. Mit überraschender Deutlichkeit wird sich bei dieser Betrachtung der breite Strich zeigen, der ein Zeitalter der Abgestorbenheit von einer neuaufsprießenden Welt jungen Keimens und Werdens geschieden hat. An gelehrten und begabten Köpfen war ja kein Mangel in Deutschland, aber sie steckten zum allergrößten Theil noch tief in den überlieferten Anschauungen und Vorurtheilen einer engen und sklavischen Vergangenheit, und ohne Reiz und Schwung, trocken und schwerfällig, pedantisch und geschmacklos wie das Denken war auch die Weise des geltenden schriftlichen Ausdrucks. Für eine solche Literatur gab es in den Ständen der Ungelehrten noch kein Publicum, weil dem schriftstellerischen Bestreben die Erzielung und Verbreitung einer allgemeinen Bildung meistens gänzlich fern lag. Einzelne, namentlich Gellert, hatten mit verhältnißmäßig schönen Erfolgen eine Besserung angebahnt, aber ihre veredelte Form war noch nicht von einem neuen Gedankeninhalte, dem erweckenden Hauche einer auf Reform und Befreiung der Geister abzielenden Ideenrichtung beseelt.

Durchgreifend erfolgte der gewichtige Umschwung, welcher der Literatur auch außerhalb der sogenannten „Gelehrtenrepublik“ eine zahlreiche und andächtige Gemeinde schuf, erst mit dem Auftreten Lessing’s und der mit ihm wirkenden Schriftsteller, unter denen unbedingt Mendelssohn der bedeutendste war. Sein Stil hatte nicht den sprühenden und blitzenden Witz, nicht die machtvolle Lebhaftigkeit und glanzvolle Schärfe, das unmittelbar Packende und Ueberwältigende der Lessing’schen Schreibweise. Aber niemals war vor ihm im Interesse der Humanisirung und Aufklärung über wissenschaftliche und philosophische Gegenstände bei aller sorgfältigen Gründlichkeit so durchsichtig klar, so anmuthig fesselnd und gemüthsinnig, in einem so reinen, so elegant und doch so würdig dahinfließenden Deutsch geschrieben worden, wie er dies vermochte. Das griff in die Seelen und zog unwiderstehlich alle ernsteren Gemüther an, verscheuchte Gedankenlosigkeit, Rohheit und Stumpfsinn, hob die Blicke von der philisterhaften Alltäglichkeit in idealere Regionen und war vor Allem ein anregendes Beispiel und Muster für Mit- und Nachstrebende.

Ist die deutsche Sprache seitdem ein brauchbares Instrument für die wissenschaftliche Darstellung geworden und haben wir seitdem eine in edlerem Sinne popularisirte, das heißt jedem Gebildeteren verständlich und zugänglich gewordene Literatur, so ist das zum großen Theil den Schriften Mendelssohn’s und der arbeitsvollen Mühe zu danken, mit der er den Sinn für tiefere Bildung und geschmackvolle Schönheit des Ausdrucks in einer umnachteten und herabgedrückten Generation entzünden half. Daher sein Ansehen und Ruf, die außerordentliche Verehrung, deren er in weiten Kreisen der Nation sich erfreute und die wiederum Bedingung seines weiteren Einflusses wurde. Sein Wort hatte Geltung, und von Zeitgenossen der verschiedensten Classen ward er viel und mit eifriger Aufmerksamkeit gelesen.

Dennoch ist sein Einfluß nicht allein auf Rechnung seiner schriftstellerischen Thätigkeit zu setzen, er ging auch von seiner Persönlichkeit und seiner Erscheinung aus, von dem Interesse an [602] seinem merkwürdigen Lebensgange und seiner wunderbaren Bildungsgeschichte. Aus der zurückgestoßenen und völlig abgeschlossen lebenden, seit länger als einem Jahrtausend unter einer unmenschlichen Behandlung schmachtenden und deshalb für verwahrlost gehaltenen Religions- und Stammesgemeinschaft, in der er geboren und erzogen war, hatte er auf die Bühne der großen und fremden Welt einen Charakter mitgebracht, dessen sittliche Hoheit und Reinheit, dessen ungekünstelte Würde und durchgebildete Humanität ein eigenthümlich verwirrendes und beschämendes Licht auf bis dahin sorgsam gehegte Lieblosigkeiten warfen. Schon Klopstock drückte dies in den Worten aus, die Bewunderung Mendelssohn’s sei anfänglich nicht frei von einer Verwunderung gewesen. Man schaute zu ihm auf, wie zu einem Phänomen und fühlte sich von Ehrfurcht ergriffen im Hinblick auf den langjährigen, ebenso schmerzensreichen wie heroischen Kampf, den er siegreich gegen die unerbittlich harten Schwierigkeiten bestanden hatte, welche unter den damaligen Umständen dem geistigen Aufstreben eines deutschen Juden, zumal eines so mittellosen, auf jedem seiner Schritte sich entgegenstellten. Gewiß, es war das eine unbeschreiblich herbe und traurige Jugend gewesen, und nicht wenige seiner unglücklichen Stammesgenossen mochten schon im Beginn eines ähnlichen Ringens an den unübersteiglichen Hindernissen gescheitert sein, ohne daß die Welt von ihnen erfahren hat. Der gebrechliche, körperlich überaus zartorganisirte Sohn des blutarmen dessauischen Thoraschreibers war jedoch von anderem Stoffe. Ihn hatte der feindselige Druck nicht brechen, nicht einmal beugen oder verbittern können. Mit gestählter Seelenkraft, mit dem sonnenklaren Geiste und der heiteren Gemüthsruhe des philosophischen Denkers war er aus demselben hervorgegangen, erfüllt und beschwingt von jenen hohen Gedanken vorurtheilsfreier Menschenliebe, jenen Grundsätzen der Humanität und des Menschenrechts, welche der Geist des Jahrhunderts als Programm auf seine Fahnen geschrieben und die er in seinen Schriften und nach den übereinstimmenden Zeugnissen vieler Zeitgenossen auch in seinem ganzen Wandel bekundet hat. Aus dem obscuren Talmudschüler, der aus einer elenden Dachkammer Berlins in unbelauschten Nachtstunden erst mühsam die deutsche Sprache erlernt hatte, war ein gefeierter Schriftsteller der deutschen Nation geworden.

Hier aber trat im Leben des Mannes ein für seinen Werth und seinen geschichtlichen Einfluß sehr bezeichnender Punkt hervor. Als die Liebe und vertrauensvolle Anerkennung der Besten und Gebildetsten ihn weit über den einschnürenden Bannkreis hinauszog, der das jüdische Leben umschloß, wandte er sich nicht fremd und vornehm von den Seinigen ab. Seine eigentliche Heimath blieb in ihrer Mitte, und in all seinem literarischen Glanze theilte er mit ihnen das schimpfliche Elend ihrer bürgerlichen Lage. Noch hatte kein Einziger von den neuen Humanitätsaposteln Zweifel gegen die Berechtigung dieser systematischen und in der That sehr raffinirten Niedertretung eines Bevölkerungstheiles zu äußern und eine Abstellung wenigstens ihrer empörendsten Maßregeln zu fordern gewagt. Was sie unterließen, das aus seiner Kenntniß heraus zu thun fühlte Mendelssohn sich verpflichtet und berufen. Er war es, der zuerst im Namen der ewigen Menschenrechte gegen jene Menschenentwürdigung Protest erhob, in Betreff derselben das Schamgefühl des öffentlichen Gewissens weckte und die Angelegenheit auf die Tagesordnung der großen Zeitfragen stellte. Und während er so mit eingreifendem Erfolg den Nachweis führte, daß die politische Befreiung seiner Leidensgenossen eine unabweisbare Aufgabe der fortschreitenden Gesittung sei, war ein sehr erheblicher Theil seines Wirkens dem methodischen Bestreben gewidmet, dieselben durch allmähliche Hebung ihres zurückgebliebenen Bildungszustandes für die Befreiung empfänglich und des Eintritts in die bürgerliche Gesellschaft würdig zu machen. Wenn die für Staat und Gesellschaft sicher nicht segensreich gewesene Scheidewand gefallen ist, welche die jüdischen Einwohner von der deutschen Cultur geschieden hatte, wenn sie den hemmenden Verschrobenheiten des mittelalterlichen Rabbinismus immer mehr sich entwunden haben und zum überwiegenden Theile Deutsche geworden sind, so war es Mendelssohn, der zu dieser culturgeschichtlich bedeutsamen Wendung den ersten und nachhaltigsten Anstoß gegeben hat.

Alles hier Bezeichnete läßt sich im Einzelnen deutlich nachweisen, wie sich überhaupt aus hundertfältigen Aeußerungen in Wort und That noch heute die wohlthuenden Züge der gefühlsinnigen Menschenfreundlichkeit, des schlichten, feinen und hohen Sinnes, jener milden, aller Gewöhnlichkeit und aller niedern und selbstischen Leidenschaft enthobenen Weisheit erkennen lassen, die sich in dem Freunde und Genossen Lessing’s mit unbeugsamer Entschiedenheit gewonnener Ueberzeugung und aller Schärfe und Mannhaftigkeit selbstständigen Urtheils vereinigt hatten. In einer Zeit, deren lebendige Ueberlieferungen noch von dem seltenen Zauber dieser entschwundenen Erscheinung zu erzählen wußten, hat daher auch Niemand bezweifelt, daß sie das Urbild des Lessing’schen „Nathan“ gewesen sei. Diese Annahme ist neuerdings von hervorragenden Seiten her bestritten worden, und zwar insofern mit Recht, als es sich um Beseitigung der trivialen Sage handelt, der Dichter habe in der Gestalt des „Nathan“ seinen Freund verherrlichen und ein Conterfei desselben auf die Bühne stellen wollen. So allerdings lag die Sache nicht. Um aber die Ueberzeugung zu gewinnen, daß Lessing dennoch bei der Gestaltung jenes erhabenen Charakters das Seelenbild und die Denkungsart des „Berlinischen Socrates“ bis auf die Weise seines Ausdruckes vorgeschwebt, braucht man nur die Schriften und Briefe Mendelssohn’s mit einiger Aufmerksamkeit gelesen zu haben.

Von diesen Schriften gehören die größeren Werke „Phädon“ und „Morgenstunden“ allerdings einem überholten Stadium philosophischer Beweisführung an, und sie üben nur noch eine sittlich erhebende Wirkung durch das Edle ihrer Form und Absicht. Unvergänglich wahr und frisch aber wird für alle Zukunft sein letztes Buch „Jerusalem“ bleiben, in dem er das jetzt noch so viel bestrittene Menschenrecht unbedingter Glaubens- und Gewissensfreiheit mit einer Gedankenschärfe und logischen Consequenz, einer Beweiskraft und Beredsamkeit vertheidigt hat, wie es vor und nach ihm von keinem Andern geschehen ist. Hätte er nichts vollführt als diese eine That, so würde sie schon seine Bedeutung zeigen für die Entwickelungsgeschichte des modernen Geistes.

Auf dem Postament des Friedrichs-Denkmals in Berlin sieht man eine sympathische Gruppe von Männern in bürgerlicher Tracht. Es sind dies die hervorragenden Denker und Dichter, welche dem Zeitalter des großen Königs sein geistiges Gepräge gaben. In ihrer Mitte jedoch vermißt der Kenner der Epoche mit Erstaunen einen der Besten dieser Zeit, die Gestalt des etwas verwachsenen Mannes mit der hohen Stirn, den leuchtenden Augen und dem orientalischen Gesichtstypus, aus dessen wohlbekannten Portraits uns noch gegenwärtig die bescheidene Anspruchslosigkeit und freundliche Sanftmuth eines durchgeistigten Wesens so anziehend entgegenblickt. Ein Vorurtheil, das er im achtzehnten Jahrhundert mit sichtlichem Erfolg als kleinlich und lieblos bekämpfte, hat ihm selber im neunzehnten Jahrhundert seinen Platz unter Denen verweigern können, die ihn einst mit Stolz zu den Ihrigen gezählt und ihm eine der ersten Stellen in ihren Reihen angewiesen hatten. Aus willkürlichem Belieben ist in dieser Ausschließung ein Unrecht begangen, das gegen die Wahrheit der Thatsachen verstößt und dem Urtheil der Geschichte widerspricht. Denn so lange es noch eine Geschichte deutscher Literatur und Gesittung giebt, wird sie Moses Mendelssohn einen der wirksamsten deutschen Männer im Zeitalter Friedrich’s nennen und ihm ein mehrseitig gewichtvolles Verdienst zuerkennen müssen um die fortschreitende Veredelung unseres nationalen Lebens, Denkens und Schaffens. Die Nation übt nur eine Pflicht gegen sich selbst, wenn sie sein Bild in den Kreis der deutschen Geisteshelden stellt, die der Jugend vorgeführt werden als Muster hochstrebender Idealität und willensstarken Gesinnungsadels.

Auf dem Namen Mendelssohn’s, der einst als ein armer Pariabursche in die Thore Berlins gewandert, ruht gegenwärtig auch in anderer Hinsicht noch ein besonderer Glanz. Seit lange gehören seine Nachkommen zu den durch Bildung und Wohlstand hervorragendsten Familien der Hauptstadt. Der Tondichter Felix Mendelssohn ist sein Enkel gewesen.

Albert Fränkel.