Meine Lebenszeit verstreicht

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Autor: Christian Fürchtegott Gellert
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Titel: Vom Tode
Untertitel: Meine Lebenszeit verstreicht
aus: Geistliche Oden und Lieder. S. 93–94
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Erscheinungsdatum: 1757
Verlag: Weidmannische Handlung
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Erscheinungsort: Leipzig
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[93]
Vom Tode.

Meine Lebenszeit verstreicht,
Stündlich eil ich zu dem Grabe.
Und was ists, das ich vielleicht,
Das ich noch zu leben habe?

5
Denk, o Mensch, an deinen Tod,

Säume nicht; denn Eins ist noth.

     Lebe, wie du, wenn du stirbst,
Wünschen wirst, gelebt zu haben.
Güter, die du hier erwirbst,

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Würden, die dir Menschen gaben;

Nichts wird dich im Tod erfreun;
Diese Güter sind nicht dein.

     Nur ein Herz, das Gutes liebt,
Nur ein ruhiges Gewissen,

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Das vor Gott dir Zeugniß giebt,

Wird dir deinen Tod versüssen;
Dieses Herz, von Gott erneut,
Ist des Todes Freudigkeit.

[94]

     Wenn in deiner letzten Noth

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Freunde hülflos um dich beben;

Dann wird über Welt und Tod
Dich dieß reine Herz erheben;
Dann erschreckt dich kein Gericht;
Gott ist deine Zuversicht.

25
     Daß du dieses Herz erwirbst,

Fürchte Gott, und bet und wache.
Sorge nicht, wie früh du stirbst;
Deine Zeit ist Gottes Sache.
Lern nicht nur den Tod nicht scheun,

30
Lern auch seiner dich erfreun.


     Ueberwind ihn durch Vertraun,
Sprich: Ich weis, an wen ich gläube,
Und ich weis, ich werd ihn schaun
Einst in diesem meinem Leibe.

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Er, der rief: Es ist vollbracht!

Nahm dem Tode seine Macht.

     Tritt im Geist zum Grab oft hin,
Siehe dein Gebein versenken;
Sprich: Herr, daß ich Erde bin,

40
Lehre du mich selbst bedenken;

Lehre du michs jeden Tag
Daß ich weiser werden mag!