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Autor: A. Diezmann
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Titel: Martha
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 33 und 34, S. 513–516, 529–533
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[513]
Martha.
Erzählung aus dem Leben.
Von A. Diezmann.

Ich war noch sehr jung, als ich eine kleine Reise benutzte, um einen befreundeten ehemaligen Mitschüler zu besuchen, der sich in dem Hause eines sehr reichen Altenburger Bauern als Lehrer des einzigen Sohnes befand.

Dieser Bauer, Michel Gerber mit Namen, war ein Mann eigener Art und Besitzer eines ererbten, durch Kauf und Heirath vergrößerten Gutes, das sich mit manchem großen Rittergute messen konnte. Seine zahlreichen Knechte, Mägde und andern Arbeitsleute behandelte er im Ganzen mit tyrannischer Strenge, bisweilen aber auch, wenn er mit ihren Leistungen sehr zufrieden war, mit einer gewissen herablassenden Milde, wie etwa ein Patriarch in der Bibel seine Sclaven behandelt haben mag, und Michel Gerber glaubte in der That so hoch über seinen Untergebenen zu stehen wie ein Herr über seinen Leibeigenen. Dies ging soweit, daß er sich sehr selten herbeiließ, persönlich mit Einem der Knechte zu sprechen – mit den Mägden sprach er nie selbst. Er ertheilte vielmehr seine Befehle und seine Vorwürfe dem Ersten der Knechte, welcher sie an die Betroffenen weiter zu befördern hatte. Sein Stolz waren seine großen starken feisten Pferde, „auf denen kein Tropfen Wasser stehn blieb,“ seine wohlgenährten Rinder, die alle genau von einer Farbe, schwarz mit einem weißen „Stern“ auf der breiten Stirn, und stets von dem kleinsten Schmuzfleck frei sein mußten, seine Heerde hochfeiner Merino-Schafe und endlich sein Geflügelhof, in dem es von Hühnern, Gänsen, Enten und Tauben der verschiedensten, zum Theil seltensten und theuersten Arten wimmelte. Wenn der breitschulterige stattliche Mann in der Thür seines Hauses stand, die schwer mit Silber beschlagene Meerschaumpfeife im Munde, den kleinen runden hinten leichtaufgekrempten Hut auf dem Kopfe, in der kurzen Jacke vom feinsten grünen Tuche, in den weitbauschigen kurzen Hosen und den langen engen Stiefeln von weichem Leder, die Daumen beider Hände auf der Brust unter die Hosenträger gesteckt, und so wohlgefällig seinen wimmelnden Hof überschaute, sah er allerdings wie ein Bauernfürst aus.

Diesen Hof umgaben auf drei Seiten die verschiedenen zum Theil neu aufgeführten, sämmtlich wohl unterhaltenen Wirthschaftsgebäude, während die vierte Seite das stattliche Wohnhaus nebst dem großen Einfahrtsthore einnahm und in der Mitte ein Taubenhaus in der Form eines riesigen Pilzes stand. Im Erdgeschosse des Wohnhauses befanden sich die Milch- und Vorrathskammern, die große Küche mit dem stets blitzendblank gescheuerten Zinn-, Messing- und Kupfergeschirr, des Herrn geheimes Cabinet, in dem er namentlich sein Mittagsschläfchen zu halten pflegte und das Niemand betreten durfte, und endlich die große allgemeine Wohn- und Eßstube, denn so stolz Michel war, hielt er doch fest und streng an dem Herkommen, welches verlangte, daß „der Herr“ mit seinem „Gesinde“ die Mittags- und Abendmahlzeiten gemeinschaftlich einnehme. Freilich stand der kleine Familientisch oben quer vor der langen Tafel und war mit einem blendendweißen feinen Tischtuche geschmückt, während sich die Tafel mit einem groben begnügen mußte; auch kamen auf den Tisch meist andere Speisen als auf die Gesindetafel, welche letztere indeß stets sehr reichlich, ja verhältnißmäßig reich besetzt wurde. „Die Leute“ mußten jedesmal, ehe sie sich zum Essen niedersetzten, an der Tafel stehend ein stilles Gebet verrichten, und dies that der Herr mit seiner Familie gleichzeitig ebenfalls. Lautes Gespräch oder gar Späße während des Essens duldete er nicht, und wenn es einigermaßen laut an der Tafel wurde, brauchte er nur leicht mit dem Messer auf seinen Teller zu klopfen, um sofort eine wahrhaft andächtige Stille herbeizuführen.

Dies Alles geschah freilich wohl auch ähnlich oder genau so in den andern großen Bauerhöfen, Michel Gerber aber hatte eine Eigenthümlichkeit, die ihn von allen seinen Standesgenossen unterschied. Er war allerdings ein echter Bauer von altem Schrot und Korn, er wollte ein Bauer sein und war stolz, daß er es war, aber er wußte auch wohl, daß die andern Stände an Bildung über den Bauern standen und deshalb bisweilen mit einer gewissen Geringschätzung auf dieselben herabsahen. Das wurmte ihn, wie es sein großer Aerger war, daß er in den Gesetzen, Verordnungen, gerichtlichen Bekanntmachungen, Advocatenschreiben und Zeitungen Vieles nicht verstand. Das verhehlte er weder sich noch Andern und darum nahm er sich vor, daß es seinen Kindern nicht ebenso ergehen solle und daß sie mehr, viel mehr lernen müßten, als er selbst gelernt und zu lernen Gelegenheit gehabt hatte.

„Die Leute in der Stadt und die Adeligen auf dem Lande,“ pflegte er zu sagen, „reden immer davon, daß sie größere Bildung hätten, und sie haben Recht. Warum sollen aber unsere Kinder nicht eine gleiche Bildung erhalten können? Weil es Geld kostet, viel Geld? Ich habe Geld, mehr Geld als mancher „Herr von“; darum sollen meine Kinder dieselbe Bildung erhalten wie die jungen Herrn und Fräuleins, und wenn es mich tausend Thaler und mehr kostet. Ich hab’s. Nichts, gar nichts sollen anderer Leute Kinder vor den meinigen voraushaben, denn ich kann’s bezahlen [514] und ich bezahl’s. Kauf’ ich mir ein paar Pferde, blos weil sie mir gefallen, für tausend Thaler, verspiel’ ich an einem Abend im „Schafkopf“ hundert Thaler, warum sollte ich meiner Martha nicht auch einen Flügel, wie sie’s nennen, für lumpige fünfhundert Thaler kaufen? Ich halte der Tochter eine „Gonvernante“ und dem Jungen einen „Informator“. Was können solche Leute kosten? Wenn die der Herr Gerichtsdirector und der Herr von Moosbach drüben bezahlen kann, kann es Michel Gerber erst recht!“

Und er that, wie er gesagt. Er schickte seine Kinder nicht in die gewöhnliche Dorfschule. Mehrere Jahre lang hielt er der Tochter eine Erzieherin, und er fand zum Glück eine solche in einer sehr verständigen, nicht mehr jungen Person, die er glänzend bezahlte, und dem jüngeren Sohne hatte er seit nicht langer Zeit in meinem Freunde Engel einen „Informator“ gegeben. Trotz allem dem aber und obgleich die Tochter im ersten Stock des Hauses ein fast elegant eingerichtetes eigenes Zimmer mit einem kostbaren Flügel darin besaß, hielt Michel Gerber streng darauf, daß die Kinder die gewiß nichts weniger als kleidsame Nationaltracht trugen, und es war ihm wohl zuzutrauen, daß er ein Kind lieber verstoßen als zugegeben hätte, daß es die sogenannte „städtische“ Kleidung anlege.

„Ich bin ein Altenburger Bauer“ sagte er, „meine Kinder sollen Bauern bleiben und darum sich kleiden, wie ich es thue und wie es unsere Vorfahren seit vielen hundert Jahren thaten.“

Als ich in den Hof Gerber’s trat, erschien eben an der Thür des Wohnhauses ein schlankes Mädchen von mehr zartem als kräftigem Bau in der Altenburger Tracht. Sie mochte etwa siebzehn Jahre alt sein und hatte ein frisches rundes Gesicht mit blauen Augen, einem Stumpfnäschen, kleinem Munde und Grübchenkinn. Sie streute goldfarbige Gerstenkörner in weitem Kreise für ein großes Geflügelvolk aus, und ich konnte die freudig überraschten Augen von dem frischen, mehr als schmucken Mädchen gar nicht abwenden. Als endlich ihre Blicke mich trafen und wie fragend ansahen, trat ich näher, begrüßte sie und erkundigte mich, ob der Hauslehrer anwesend sei. Sie machte einen freundlichen Knix, watete gewissermaßen aus dem um sie hin- und herwogenden Geflügelmeere, lachend aber vorsichtig, heraus und kam mir entgegen.

„Sie sind gewiß der Herr, den er erwartet,“ sagte sie. „Kommen Sie!“

Sie schritt rasch in das Haus, die breite Treppe nach dem ersten Stock hinauf, deutete da nach einer Thür, knixte leicht und sagte sehr freundlich zu mir: „Kommen Sie aber auch bald herunter zu uns, denn wir Alle freuen uns über Ihre Ankunft.“

Bei dem Mittagstisch, zu dem eine weitschallende Glocke die Leute zusammenrief, war das Mädchen, Martha, die Tochter vom Hause, meine sehr heitere Nachbarin, und als der Hausherr in sein Cabinet – zum Mittagsschlafe – sich zurückgezogen hatte, schlug sie vor, daß wir, Engel mit seinem Zöglinge und ich, sie in ihr Zimmer hinauf begleiten möchten. Sie befahl, wie eine kleine Gräfin, den Kaffee dahin zu bringen. Wir folgten ihr in das freundliche, mit Blumen geschmückte Zimmer, in dem ich eine kleine Büchersammlung – die Stunden der Andacht, das Conversationslexikon, Schiller’s Werke u. s. w. – bemerkte. Sie machte da in der natürlichsten und anmuthigsten Weise die Wirthin. Später spielte ich Manches auf dem prächtigen Flügel, der in dem Zimmer stand, und Martha war unersättlich im Zuhören, als ich aber C. M. v. Weber’s Variationen über Dorina Bella spielte, wurde das Mädchen allmählich still, während ihr Gesicht abwechselnd leichte Röthe und Blässe überflog. Auch nachdem ich geendet hatte, saß sie eine kurze Zeit noch wie in Gedanken versunken da. Dann stand sie rasch auf und sagte: „Nun nichts mehr! Ich könnte nach diesem nichts Anderes hören.“

Sie strich dabei mit einer Hand über Stirn und Augen, als wolle sie ein Traumbild, Gedanken oder Empfindungen verscheuchen, welche das Musikstück in ihr hervorgerufen. Mit einer gewissen Anstrengung fragte sie endlich:

„Darf ich Sie in den Garten führen und Ihnen meine Blumen zeigen?“

Sie eilte voraus, und in dem Garten, unter den Blumen, fand sie nicht nur ihre naive Heiterkeit bald ganz wieder, sondern auch den Muth mir das Versprechen abzunehmen, zum Erntefest meinen Besuch zu wiederholen, und endlich beim Abschied mir zuzuflüstern:

„Wollen Sie mir wohl das Musikstück schicken, das Sie zuletzt spielten? Ich .. ich möchte es auch spielen lernen.“

Sie reichte mir dabei die wahrhaft aristokratisch feine weiße Hand mit den langen schmalen Fingern, und sie erwiderte auch meinen Druck mit unbefangener Herzlichkeit.

Der Sommer verging, und zum Erntefest erschien ich wieder in dem Hause Michel Gerber’s. Bereits hatten sich zahlreiche Gäste aus der „Freundschaft“, d. h. nähere und entferntere Verwandte zu dem Feste eingefunden, das in jener Gegend zumeist durch fast den ganzen Tag fortgesetztes Essen und Trinken gefeiert wurde. Michel Gerber namentlich suchte seinen Stolz darin, seinen Gästen durch eine überreiche Fülle von Speisen und Getränken zu imponiren und es auch darin allen Andern zuvorzuthun. Auch konnte man ihm durch nichts mehr schmeicheln, als wenn man Verwunderung und Staunen über solchen Ueberfluß äußerte. Dann glänzte auf seinem breiten Gesicht, gleich Sonnenschein auf einem seiner Aecker, die befriedigte Eitelkeit des reichen Bauers, und er antwortete wohl auch: „Ich hab’s. Ich kann’s geben.“ Martha freilich, welche die Wirthin zu machen hatte, war so in Anspruch genommen, daß ich nur selten eine flüchtige Gelegenheit fand, allein mit ihr zu sprechen. Sie war aber ungewöhnlich heiter und wendete mir häufig genug verstohlen ein freundliches Lächeln oder einen Blick zu, der es deutlich aussprach, wie glücklich sie sich fühle. Am Nachmittag endlich, als die Gäste sammt und sonders sich zum Tanze begaben, steigerte sich ihre Heiterkeit bis zum Muthwillen. Sie hing sich plötznch schäkernd an meinen Arm und sagte:

„Wollen wir nicht auch zum Tanze gehen? Ich war noch nie dort. Mit wem soll ich auch gehen? Ihr Freund, der Herr Hauslehrer, den ich einmal bat mich zu begleiten, hält es nicht für schicklich, auf den Tanzplatz unter die Bauern zu gehen. Kommen Sie! Ja?“

Ich erklärte mich sofort und mit Freuden bereit.

„O, die Leute werden große Augen machen, wenn „Michel’s stolze Martha“ unter ihnen erscheint!“ fuhr sie fort und sie lachte laut auf in ausgelassener Freude.

Wir gingen, und das Erscheinen Martha’s machte allerdings, wie sie erwartet hatte, großes Aufsehen. Aller Blicke richteten sich auf sie und auf mich, ihren Begleiter. Der Tanz erfuhr fast eine Unterbrechung. Das Local war freilich ziemlich beschränkt, die Decke namentlich niedrig. Tabaks-, Branntwein-, und Bierdunst drang uns entgegen, obgleich alle Fenster weit offen standen. Die meisten der älteren nicht tanzenden Männer, selbst einige der Burschen, die, in Hemdärmeln, mit ihren Mädchen sich drehten, hatten die Tabakspfeife im Munde. Michel Gerber selbst, der im stolzen Gefühl seiner Bedeutung mit einigen seiner Gäste zuschauend nahe am Eingange stand, begrüßte die ihm unerwartet erscheinende Tochter mit freudiger Verwunderung und rief ihr laut zu:

„So ist’s recht! Tanz’ auch einmal mit dem Herrn.“

Darauf trat er an das kleine Orchester, griff in die Tasche seiner weitbauschigen Hosen, legte auf das Pult des Vorgeigenden einen harten blanken Thaler, so daß es Alle sehen mußten, und sagte:

„Nun spielt für mich Euer bestes Stückchen.“

Die Musikanten hörten augenblicklich mitten in dem Tanze auf, den sie eben spielten, und begannen einen anderen.

„Jetzt müssen wir tanzen,“ flüsterte mir Martha zu, „sonst werden wir ausgelacht.“

Die Anderen hatten bereits zu tanzen wieder angefangen, und wir traten denn auch an. Es war ein wunderlicher Tanz, den ich vorher nie gesehen, viel weniger getanzt hatte, aber so einfach, daß Jeder, mit nur einigem Taktgefühl, ihn sofort mittanzen konnte. Jedes Tänzerpaar blieb fortwährend genau auf der Stelle, auf der es zu tanzen angefangen hatte, weil man sich immer nur auf dem linken Absatz herumdrehete und den rechten Fuß in Dreiachtel-Takt herumschleifte. In dieser Weise tanzte ich denn auch mit Martha, und der so einfache Tanz machte mir bald in der That großes Vergnügen, zumal meine Tänzerin sehr glücklich zu sein schien. Das Hauptvergnügen der übrigen Paare bestand freilich in noch etwas Anderem. Der tanzende Bursch stieß nämlich von Zeit zu Zeit einen lauten Jauchzer aus, faßte dabei mit beiden Händen seine Tänzerin um die Taille und hob sie in dieser Weise empor, je höher desto besser. Die Aufgabe auch dabei bestand darin, immer genau auf der Stelle zu bleiben und das Drehen im richtigen Takte fortzusetzen, sobald die Füße der Tänzerin den Boden wieder berührten. Dieses Emporheben der Tänzerin unterließ ich natürlich [515] so leicht es auch gewesen sein würde, Martha’s zarte Gestalt emporzuschwingen. Sie würde es auch in keinem Falle geduldet haben. Wir tanzten indeß eine ziemlich lange Zeit, und Michel Gerber hatte offenbar seine große Freude daran, denn er wendete seine schmunzelnden Augen von der lieblichen Tochter nicht ab. Diese wurde jedoch des wüsten Schreiens, Stampfens und Jauchzens noch früher überdrüssig als ich, und als die Musikanten eine Pause machten, in deren Folge ein Hin,- und Herwogen und Drängen unter den Tanzenden entstand, schlug sie mir vor, die allgemeine Verwirrung zu benutzen und fortzugehen.

„Am Ende käme einer von den Burschen,“ sagte sie, „vielleicht gar ein Vetter, und verlangte, daß ich auch mit ihm tanze. Das könnte ich nicht, und doch möchte ich auch keinen durch mein Weigern beleidigen.“

Sie wand sich mit den geschmeidigen Gliedern zwischen den Drängenden leicht hindurch, schlüpfte hinaus und war verschwunden, ehe es Jemand bemerkte.

Draußen wanderten wir lange über eine duftende Wiese, an der sich ein Bach hinschlängelte. Die tiefste Stille herrschte ringsum. Einmal bückte sich Martha am Ufer des Baches nieder und pflückte einige Vergißmeinnicht. Mit diesen Blumen kam sie dann zu mir, und begann sie mir spielend in das Knopfloch des Rockes zu stecken. Sie sah mir dabei lachend in das Gesicht, und ihre Lippen kamen den meinigen so nahe, daß ich der lockenden Versuchung nicht zu widerstehen vermochte. Rasch bückte ich mich ein wenig und küßte sie auf den blühenden Mund.

Sie sah mich anfangs erschrocken an, dann wurde ihr Blick ernst und endlich erhielt er einen bittenden Ausdruck.

„Nicht küssen! Ach nein! Nicht küssen!“ sagte sie. „Wenn ich Ihnen gut bleiben soll,“ fuhr sie nach einiger Zeit fort, „und ich habe Sie gleich gern gehabt,“ setzte sie im Tone der ehrlichsten Aufrichtigkeit hinzu, – „dann küssen Sie mich nicht wieder.“ Die Röthe, welche bei diesen Worten ihr Gesicht überflog, stand ihr reizend. „Ich müßte mich sonst vor Ihnen fürchten, ich könnte Ihnen nicht mehr wie jetzt offen in die Augen sehen und auch nicht mehr mit Ihnen reden, wie mir’s eben um das Herz ist. Nicht wahr, Sie versprechen mir, mich – nicht wieder zu küssen?“

Sie hielt mir treuherzig die Hand hin, damit ich bestätigend und betheuernd die meinige hinein lege, und sie schien nicht im mindesten zu ahnen, wie schwer sie mir es machte, gerade in diesem Augenblicke sie nicht zu küssen. Ich versprach indeß, was sie verlangte, mein Versprechen beruhigte sie sogleich, und sie fuhr fort:

„Wundern Sie sich nicht, daß ich Ihnen gut bin, daß ich Sie nicht gern bald wieder verlieren möchte und daß ich Ihnen das gerade heraus sage. Mit Ihnen kann ich über Alles reden. Sie verstehen mich, das weiß, das fühle ich. Hier,“ sprach sie in recht treuherzigem Tone weiter, „hier bin ich ganz allein. Ich habe keine Freundin; Niemand versteht mich, und ich verstehe Niemanden. Was mir gefällt, begreifen die Anderen nicht, und das, was ihre Hoffnung und Freude ist, läßt mich kalt oder stößt mich gar ab, denn Alles, was sie wünschen, erscheint mir ganz und gar nicht begehrenswerth. Ich bin nicht glücklich, wenn ich auch allgemein beneidet werde. Aber“ – und sie ging plötzlich in einen ganz anderen Ton über – „ich lasse solche Gedanken nicht gern in mir aufkommen, sondern – lache sie fort.“

Sie lief trällernd voraus, so daß ich rasch gehen mußte, um sie einzuholen. Als wir in das Haus zurückgekehrt waren, kamen allmählich auch die Uebrigen an, denn es galt ja, wieder ein reiches Essen zu halten.

Am zweiten Tage gab mir Martha einen neuen Beweis ihres besonderen Vertrauens.

„Heute zeige ich Ihnen mein Lieblingsplätzchen,“ sagte sie, und sie ging mit mir durch das Dorf nach der kleinen Kirche zu; dann bog sie nach dem Friedhofe ab, auf dem sie sich nach einer Stelle an der Mauer wendete, wo im hellen Sonnenschein die vergoldeten Spitzen eines Eisengeländers leuchteten. Dieses Geländer umschloß den wohlgepflegten grünen Hügel eines Grabes, auf welchem noch einige Spätblumen blüheten. Zu Häupten des Grabes, außerhalb des Geländers, neigte eine üppig gedeihende Trauerweide ihre Zweige nieder.

Martha nahm schweigend einen keinen Schlüssel aus der Tasche ihrer Schürze, schloß damit die Thür in dem Geländer auf, reichte mir dann ihre Hand und sagte:

„Ich führe Sie zu meiner guten Mutter, die hier schon lange schläft. Bei ihr ist mein Lieblingsplätzchen. Hierher gehe ich, wenn ich mich recht einsam und verlassen fühle und wenn Gedanken kommen wie gestern Abend auf der Wiese. Ach ja! Lebte die Mutter noch, dann würde Manches anders sein und anders – werden! Ich fürchte, ich weiß selbst nicht recht warum, daß ich hier noch recht oft weinend beten werde.“

Sie setzte sich auf das Grab, stützte die Ellenbogen auf die Kniee, den Kopf in die Hände und so saß sie eine Zeit lang schweigend da.

Es war ein rührendes Bild: das blühende Mädchen, welches vom Schicksal mit manchen seiner Gaben überreichlich bedacht war, in tiefer Trauer hier auf dem Grabe der Mutter, im Schatten der Trauerweide, umgeben von dem blitzenden Gold der Geländerspitzen.

Endlich brach Martha die einzige weiße Rose ab, die noch da blühete, und reichte sie mir mit den Worten:

„Nehmen Sie an, diese Rose gäbe Ihnen meine Mutter zum Dank dafür, daß Sie freundlich gegen die Tochter sind, die sie hier lassen mußte.“

Darauf schloß sie die kleine Thüre in dem Geländer wieder zu, und wir traten schweigend den Rückweg an.

Kaum aber hatten wir den Friedhof hinter uns, so sagte Martha:

„Nicht wahr? Ich bin ein recht thörichtes Ding, daß ich das heitere Fest durch solche Reden mir und Dir verderbe.“

Sie erschrak über das Du, das ihr entschlüpft war, und setzte hoch erröthend hinzu:

„Nehmen Sie mir nicht übel, daß ich Du zu Ihnen gesagt habe ...“

„Sie können mir keinen größeren Beweis Ihrer Freundschaft geben,“ fiel ich ein, „als wenn Sie fortfahren, mich so zu nennen, Willst Du, liebe Martha?“

„Ich weiß nicht, ob ich es thun darf,“ antwortete sie, „aber zur Erklärung meines Versehens muß ich sagen, daß das Du bei uns auf dem Lande gewöhnlich ist und daß mir Alles viel leichter vom Herzen und von der Zunge geht, wenn sich das „Sie“ nicht dazwischen drängt. Leider habe ich hier Viele Du zu nennen, zu denen ich viel lieber Sie sagte, und ich muß mich von ihnen Du nennen lassen, wenn es mich auch bei dem Du aus solchem Munde stets kalt überläuft.“

„So bleibt es zwischen uns bei dem Du?“ fragte ich.

„Wenn ... Du mir versprichst, in diesem Jahre uns noch einmal zu besuchen.“

„Im October komme ich noch einmal, wenn Du mir zu Hause Dorina bella vorspielst.“

„Ich glaube, daß ich es in – Deiner Gegenwart zu spielen im Stande wäre,“ antwortete Martha heiter und unbefangen.

Bei dem großen Mittagsessen nannte sie mich öffentlich Du, und als ihr Vater das zum ersten Male hörte, sagte er:

„Martha, der Herr ist nicht vom Dorfe.“

„Er hat es mir erlaubt, ihn so zu nennen,“ erwiderte sie.

„Nun, wenn er’s nicht übel nimmt, mir kann’s recht sein. Es freut mich, wenn Herren aus der Stadt sich auch einmal nach einer Sitte im Dorfe richten. Sehen Sie,“ fuhr er gegen mich gewendet fort, „das gefällt mir von Ihnen, daß Sie den dummen Stadtstolz nicht haben wie die Anderen.“ Er schenkte dabei sein und mein Glas voll Wein und fuhr fort. „Stoßen Sie mit mir an!“

Wir stießen an. Als es geschehen war, griff Martha nach ihrem Glase, blinzelte und nickte mir zu und ließ dann auch ihr Glas mit dem meinigen zusammenklingen.

Bald nach Tische erinnerte ich Martha an das Versprechen, das sie mir wegen des Spiels gegeben hatte.

„Ja,“ sagte sie, „jetzt kann ich spielen. Komm!“

Sie stand auf, und ich begleitete sie allein in ihr Zimmer. Ohne sich weiter bitten zu lassen, setzte sie sich an das Instrument, und als ich das Notenheft für sie suchen wollte, meinte sie lächelnd:

„Ich habe das Stück so oft gespielt, daß ich keine Noten mehr dabei brauche.“

Sie spielte mit einem Ausdrucke, in welchem sich das tiefste Gefühl, fern von Leidenschaftlichkeit, aber voll der innigsten Hingebung, kundgab. Und was sie bei dem Spielen empfand, war deutlich in den träumerisch verschleierten Blicken ihrer Augen zu lesen. Ich konnte die meinigen von ihr kaum losmachen, aber als [516] errathe sie, daß ich nahe daran sei, mein ihr gegebenes Wort wegen des Nichtküssens zu brechen, stand sie rasch auf und verschwand aus dem Zimmer, ehe ich sie zurückhalten konnte.

Bei dem Abschiede diesmal hoffte ich bereits auf das Wiedersehen im Herbst.

Es wäre aber von diesem meinem Besuche nichts Erwähnenswerthes zu berichten, wenn nicht ein charakteristischer Auftritt auf dem Tanzplatze vorgekommen. Martha äußerte an einem Sonntag-Nachmittage den Wunsch, noch einmal mit mir dahin zu gehen. Wir gingen und tanzten. Während unseres letzten Tanzes indeß sah Martha sich öfters wie ängstlich um, auch machte sie mich leise aufmerksam, daß die übrigen tanzenden Paare, eines nach dem anderen, abgetreten waren, so daß wir bald ganz allein noch tanzten, während die jungen Burschen rings an den Seiten umherstanden, halblaut unter einander sprachen und uns mit nicht eben freundlichen Blicken ansahen. Ich ahnte im Anfange, trotz der Aengstlichkeit Marthas, nichts Arges. Als wir aber ebenfalls zu tanzen aufhörten, entstand ein offenbar absichtliches und böswilliges Drängen und Stoßen um uns her. Man schien Streit anfangen und zunächst uns hindern zu wollen, den Ausgang zu gewinnen, jedenfalls um Martha ein Zeichen der allgemeinen Mißbilligung dafür zu geben, daß sie nur mit einem Fremden daherkomme und nur mit diesem tanze, dem Fremden aber in derber Bauernmanier das Wiederkommen grundlich zu verleiden. Martha, welche diese Absicht der Burschen sofort errathen hatte, zitterte an meinem Arme, während wir uns einen Weg durch die uns Umdrängenden zu bahnen suchten. Ehe es zu Schlimmerem kam, erschien, gerade zur rechten Zeit, Michel Gerber auf der obersten Stufe der Treppe, welche in den Tanzsaal führte, und auf den ersten Blick in denselben erkannte er, was man vorhatte. Mit zornglühendem Gesicht und mit so gewaltiger Stimme, daß der leichte Bau davon erzitterte, rief er hinein in den Saal:

„Wer untersteht sich meine Tochter und meinen Gast zu beleidigen? Michel Gerber möchte den sehen, welcher zu mucksen wagt, wenn er Ruhe gebietet!“

Er stand da, am Eingange des Saales, wie in den Boden gewurzelt, gleich einem Felsblocke im brandenden Meere, und die Bursche wichen langsam scheu zurück, die Furchtsamsten bis dicht an die Wand. Nur ein kleiner krummbeiniger Schneider, der wahrhaft lächerlich häßlich in seiner Altenburger Kleidung, namentlich in den kurzen weiten Pluderhosen, aussah, blieb keck vor den Vordersten stehen und schauete den zornigen Michel Gerber herausfordernd an, der ein Riese gegen ihn war.

„Na! na!“ sagte er dann mit quäkender höhnischer Stimme. „Hier hat Einer so viel Recht als der Andere, und Du bist auf dem Tanzplatze nicht mehr als ich, wenn Dir auch die Thaler zu Tausenden draußen auf dem Felde von selbst zuwachsen und ich meine paar Groschen mühsam zusammensticheln muß.“

„Krummbeiniger Schneiderknirps,“ donnerte ihn Michel dafür an, und in seinem Tone lag die wegwerfendste Geringschätzung, „fünfhundert solche Lumpenkerle wie Du machen noch lange keinen halben Michel Gerber aus! – Herr,“ fuhr er zu mir gewendet fort, „bringen Sie die Martha her zu mir. Ich möchte sehen, wer sie anzurühren wagt.“

Ehe wir von der andern Seite des Tanzsaales zu ihm gelangen konnten, trat der kecke Schneider noch einen Schritt näher an Gerber heran und sagte, während er den emporgestreckten dürren Zeigefinger der rechten Hand drohend bewegte und mit boshaften Blicken zu dem Gegner emporsah:

„Michel Großmaul, ich habe noch immer gehört: Uebermuth thut nicht gut, und Hochmuth kommt vor dem Fall!“

„Ich will Dir sagen, Du Schneiderlappen, was vor dem Fall kommt,“ antwortete Michel Gerber mit verächtlicher Gelassenheit. Dabei bückte er sich rasch, packte mit einer seiner starken Fäuste den kleinen Schneider in der Mitte des Leibes, hob ihn so, leicht wie eine Feder, empor und schien ihn von der Stelle aus, auf der er stand, durch das offene Fenster hinausschleudern zu wollen. Martha war todtenbleich geworben und rief in Verzweiflung: „Vater, thu’ ihm nichts zu Leid!“ Die anderen Mädchen und die Weiber kreischten vor Angst und drängten sich dicht zusammen; die Rohesten der Bursche lachten über den zappelnden kleinen Schneider und die Andern sahen gleichgültig und neugierig zu, was wohl geschehen werde. Dem Schneider widerfuhr kein Leid. Michel Gerber hielt ihn nur eine Zeitlang so „in schwebender Pein“, dann setzte er ihn, freilich sehr unsanft, auf die krummen Beine wieder nieder. Während der Geängstigte in der Menge sich verkroch und Michel über den Saal hinschaute wie ein Feldherr über das siegreich behauptete Schlachtfeld, ging ich mit der noch immer zitternden Martha so rasch als möglich hinweg.

„Unter solchen Menschen soll ich mein Leben verbringen!“ sagte sie, als wir eine Zeit lang still nebeneinander gegangen waren, mit einem tiefen schmerzlichen Seufzer. „Verstehst Du nun, warum ich nicht glücklich bin? Ach, hätte mir mein Vater eine andere Erziehung geben lassen, als er gethan, hätte er mich aufwachsen lassen wie die Andern hier aufwachsen gleich den Blumen auf dem Felde! Er meinte es gut, sehr gut, ich weiß es wohl, aber Recht that er nicht und er wird darunter leiden, wie ich schon gelitten habe, noch leide und – noch sehr viel werde leiden müssen!“

„Ich habe schon längst gefühlt, daß Du so, wie Du bist, hierher nicht gehörst,“ antwortete ich, „aber Du mußt ja hier nicht bleiben.“

„Wenn Du daran zweifelst,“ sprach sie weiter, „kennst Du meinen Vater nicht. Aber reden wir weiter nicht davon! Wenn mir solche Gedanken kommen – und sie kommen mir immer öfter – steht mir vor Angst das Herz fast still. Gott gebe, daß die Zeit noch fern ist, die über mein Schicksal entscheidet!“

Die Zeit der Entscheidung kam schneller, als Martha erwartet hatte, und ich sah sie nur noch einmal in ihrer Blüthe und Heiterkeit – Herrlichkeit, hätte ich beinahe geschrieben. Das war nach Verlauf des Winters, als der Frühling sich anschickte seinen Einzug zu halten. Er lockte mich hinaus auf das Land, und die Erinnerung an Martha, die ich so lange nicht gesehen hatte, bestimmte das Ziel meiner Wanderung. Ich verbrachte nochmals ein paar glückliche Tage in dem Hause Gerber’s, und daß ich der Tochter durch meinen Besuch eine wahre Herzensfreude machte, sah und fühlte ich. Vor dem Abschiede aber saßen wir eine Zeitlang allein in ihrem Zimmer, in dem wir abwechselnd gespielt hatten, und hier bat sie mich dringender als je, auch in einem andern Tone als sonst, aus dem ich eine gewisse Aengstlichkeit herauszuhören glaubte, noch einmal zu kommen – und diese Worte sprach sie ganz eigenthümlich – zu Pfingsten. Als ich in sie drang mir zu sagen, ob sie etwas fürchte und was, antwortete sie traurig:

„Noch kann ich es nicht mit Gewißheit sagen; ich weiß nur, daß mein Vater etwas vorhat, das mich beunruhigt. Er verkehrt viel mit einem Manne, der mir widerwärtig ist. Sie sitzen oft und lange in seiner Stube beieinander, haben also etwas sehr Wichtiges und Geheimes vor. Er fuhr auch an zwei Sonntagen hintereinander allein fort, nicht in die Stadt, und er sagte mir nicht, wohin er reise, obgleich ich ihn darum fragte. Er lächelte nur und antwortete: „Du erfährst es schon; ’s ist nur Deinetwegen.“ Ach ... ich fürchte, er will mich verheirathen! Er wird irgend einen jungen Bauer ausfindig gemacht haben, dessen Vermögen dem meinigen entspricht und der deshalb, seiner Meinung nach, für mich paßt. Ich weiß wohl, daß die Kinder ihren Eltern Gehorsam schuldig sind, aber – der liebe Gott verzeihe mir meine Sünde, wenn es eine ist! – gewiß dann nicht, wenn die Kinder besser wissen als die Eltern, daß solcher Gehorsam Aller Unglück sein muß.“

Ich suchte Martha zu trösten, ohne daß es mir gelang, und so schieden wir diesmal nicht mit leichtem Herzen von einander. Es war auch das erste Mal, daß das Mädchen bei dem Abschiede weinte und weinend mich bat, den Besuch zu Pfingsten „um Gottes Willen“ nicht zu versäumen.

[529] Im Hause Michel Gerber’s war dieses Pfingsten kein „liebliches Fest“. Martha’s Befürchtungen hatten sich nur zu bald verwirklicht. Eines Tages nämlich theilte ihr der Vater höchst vergnügt und in seiner besten Laune die, wie er meinte, für sie höchst erfreuliche Nachricht mit, daß sie bald – Braut sein werde. Er habe, erzählte er weiter, ohne auf das Erschrecken der Tochter zu achten, einen Mann für sie gefunden, den einzigen Sohn eines Bauern in einem zwei Stunden entfernten Dorfe, der beinahe so reich sei wie er, Michel Gerber, selbst. Alles sei zwischen ihnen, den Vätern, bald abgemacht gewesen, aber weil ihm, Michel, das Wohnhaus in jenem Gute nicht gefallen, habe er die Bedingung gestellt, daß dieses erst groß und schon neuaufgebaut sein müsse, ehe er seine Martha da einziehen lassen könne. Der Andere habe zwar Anfangs die Forderung zu hoch gefunden, aber doch nachgegeben, sobald er gemerkt, daß aus der Heirath nichts werde, wenn er jene Bedingung nicht eingehe. Gleich nach den Feiertagen werde denn angefangen das Haus einzureißen, und zum Ernte- und Hochzeitsfeste müsse das neue zum Beziehen fertig sein. Am zweiten Feiertage werde der Alte mit dem Sohne zur „Brautschau“ kommen.

„Stellen Sie sich vor,“ sagte Michel Gerber zu mir am ersten Feiertage, als nach dem Mittagsessen das Gesinde sich aus der Wohnstube entfernt hatte, in Martha’s Beisein, „kreideweiß im Gesicht stand das Mädchen vor mir, als ich ihr das sagte, an allen Gliedern zitterte sie, mir vor die Füße fiel sie und auf meine Kniee legte sie den Kopf, den sie nicht still halten konnte. So lag sie eine lange Weile, und ich wußte nicht, was es zu bedeuten haben sollte. Dann umklammerte sie meine Kniee mit ihren beiden zitternden Armen und fing an zu weinen, wie ich sie nur einmal weinen gesehen habe, – als ihre Mutter starb. Ich erschrak, denn ich glaubte, sie sei krank geworden. Aber nein! Eigensinn war’s, Trotz, Ungehorsam! Sie erklärte mir rund heraus, sie könne und werde den Mann nicht heirathen, den ich, ihr Vater, wohlbedächtig für sie gewählt habe. Verstehen Sie das?“

Ich war in so peinlicher Verlegenheit als Martha selbst, die todtenbleich da stand und die zitternden Hände auf die Lehne meines Stuhles stützte.

„Reden Sie ihr in das Gewissen,“ fuhr Michel fort. „Ich weiß, daß sie große Stücke auf Sie hält.“

Das Verhältniß zwischen Martha und mir war allerdings ein rein freundschaftliches, keineswegs ein Liebesverhältniß; man hätte aber recht wohl ein solches vermuthen können. Daß ein Liebesverhältniß zwischen uns hätte bestehen und die Ursache der Weigerung Martha’s sein können, kam dem stolzen Bauer gar nicht in den Sinn, weil er es geradezu für unmöglich hielt, daß ein junger Mensch wie ich die Augen zu der Tochter des reichen Michel Gerber zu erheben oder gar nach dem Besitze derselben zu streben wagen könne.

Den alleinigen und natürlichen Grund der Weigerung Martha’s mochte ich jetzt, im Beisein des Mädchens, nicht aussprechen, weil dies zu einer langen und weitläufigen Auseinandersetzung hätte führen müssen, die den hartnäckigen Bauer doch nicht überzeugt haben würde. Ich hielt es daher für das Beste, vor allem, wo möglich, Zeit zu gewinnen, und ich begann deshalb:

„Martha ist durch die für sie so wichtige Nachricht erschreckt worden, weil sie gar nicht darauf vorbereitet war.“

„Das ist nichts,“ fiel Gerber ein. „Die Kinder müssen jeden Augenblick bereit sein, den Eltern in Allem zu gehorchen, was von ihnen verlangt wird.“

„Auch ist sie ja so jung noch,“ bemerke ich.

„Jung soll sie heirathen, damit Alle sehen, wie gesucht die Tochter des reichen Michel Gerber ist. Wenn ich sie lange warten ließe, meinten die Leute wohl gar, es könne mit meinem Reichthum doch nicht so weit her sein.“

„Lassen Sie Martha nur noch einige Zeit, sich an den Gedanken zu gewöhnen.“

„Ah, alle Mädchen wollen heirathen, und je jünger, desto lieber. Sie brauchen sich also an den Gedanken daran nicht erst zu gewöhnen. Was das Heirathen eigentlich ist, wissen sie freilich nicht und sie können’s nicht wissen. Darum eben sollen die Eltern die Kinder verheirathen. Die haben die Erfahrung und meinen es auch gut. Nur die Mädchen in der Stadt glauben klüger zu sein als ihre Eltern und wollen darum bei dem Heirathen ihren eigenen Willen haben. Daher kommt’s, daß die Mädchen in der Stadt, wie man so oft hört, sogar beim Heirathen den Eltern ungehorsam sind. Das ist, Gott sei Dank! bei uns Bauern anders und besser, denn die Töchter der Bauern – und die Töchter der Fürsten, wie ich mir habe sagen lassen – nehmen gehorsam den Mann, den die Eltern für sie ausgesucht haben. Martha ist die Tochter eines Bauern, eines reichen Bauern, darum muß und wird sie gehorchen.“

„Vater! Lieber Vater...!“ fiel Martha flehendlich ein.

„Weißt Du,“ unterbrach sie Michel, „weißt Du, warum Dein [530] Vater ein reicher Mann ist? Weißt Du, was in der Bibel steht? „Der Segen der Eltern baut den Kindern Häuser, aber der Fluch der Eltern reißt sie nieder!“ Wir, Deine Mutter und ich, hatten einander nicht gesehen, als unsere Eltern ausmachten, daß wir ein Paar werden sollten. Wir gehorchten, wie sich’s ziemt, und sie gaben uns ihren Segen. Dieser Segen hat uns reich gemacht.“

„Die Mutter war .. nicht glücklich,“ wagte Martha einzuwerfen.

Ich erschrak über ihre Kühnheit und fürchtete schlimme Folgen davon.

Michel Gerber sprang in der That auf, als er diese Worte hörte, als würde er von dem Zorne, den sie in ihm erregten, emporgeschnellt. Er faßte einen vor ihm stehenden Stuhl mit beiden Händen, hob ihn empor und stieß ihn mit solcher Gewalt wieder nieder, daß er in Stücke zersprang.

„Mädchen,“ sagte er und seine Augen funkelten, „erinnere mich daran nicht. Sie hat’s gesagt, war aber doch eine reiche Frau, die reichste weit und breit, und konnte Alles haben, was sie sich wünschte. Ich meinte, solche Reden, wie ich von ihr gehört, hätten ihr Ende gefunden in ihrem Grabe. Hüte Dich, sie da herauszuholen und sie mir wieder zu bringen! .. Morgen ist Brautschau und dabei bleibt es!“

Er ging mit großen Schritten hinaus, und wir blieben allein, in welcher Stimmung, läßt sich leicht errathen.

Ich wäre am liebsten sogleich abgereist, denn es war mir unbeschreiblich peinlich, Martha so schmerzlich leiden zu sehen, ohne ihr irgendwie nützlich sein zu können. „In’s Gewissen ihr zu reden,“ wie es ihr Vater wünschte, vermochte ich nicht. Hatte ich aber auf der anderen Seite ein Recht, sie in ihrem Ungehorsam gegen den Vater zu bestärken, und durfte ich sie zum Ausharren in ihrer Weigerung ermuthigen? War es nicht immerhin möglich – wie sicher auch das Gegentheil zu sein schien – daß Martha den jungen Mann, dem sie ihre Hand geben sollte, mit der Zeit doch lieben lerne und mit ihm glücklich oder doch nicht so ganz unglücklich lebe, als sie jetzt fürchtete? Er hatte ja vielleicht auch Sinn für höhere Bildung, würdigte dieselbe an der, welche seine Frau werden sollte, und gab sich Mühe, allmählich sich zu ihr zu erheben, statt sie zu sich herunterzuziehen.

Ich sprach das gegen Martha aus, aber sie wehrte Alles heftig ab und bat mich so dringend, sie an dem morgenden „fürchterlichen“ Tage nicht allein zu lassen, sondern in ihrer Nähe zu bleiben, daß ich den Muth nicht fand, ihre Bitte abzuschlagen.

„Wenn ich weiß. daß Du da bist,“ sagte sie, „wenn ich Dich sehe, behalte ich nicht nur Muth, sondern auch Besonnenheit. Wenn ich ganz verlassen wäre, sagte oder thät ich vielleicht etwas, das meinen Vater heftig erzürnte. Und im Zorn ist er schrecklich; Du hast nur eine ganz keine Probe davon gesehen. Bleibe bei mir! Es geschieht übrigens morgen noch nichts Entscheidendes, und ich brauche da noch nicht Ja oder Nein zu sagen. Sie kommen nur, um mich anzusehen, und das muß ich ihnen wohl erlauben. Wer weiß? Vielleicht gefalle ich ihnen nicht, und sie treten zurück. Wahrscheinlich ist es freilich nicht, denn auf das Aussehen kommt hier wenig an, und leider werden sie es auch nicht wagen, meinen Vater durch den Rücktritt von dem „Handel“ zu beleidigen; aber eine Möglichkeit bleibt es doch. Bleibe also bei mir und rede mit Herrn Engel, daß auch er unten in der Stube aushalte, damit Deine Gegenwart auch den Argwöhnischen nicht auffallen kann,“ setzte sie mit einem freundlichen Blicke hinzu.

So blieb ich denn, und ich sah dem nächsten Tage in großer Spannung entgegen. Martha hielt sich seltsam gefaßt, und auch, als am Nachmittage des zweiten Feiertages die beiden Erwarteten in einem offenen Wagen erschienen, bemerkte ich keine auffallendere Veränderung an ihr, als daß sie noch etwas blässer wurde, als sie schon gewesen war. Der künftige „Schwiegervater“ war ein sehr beleibter Mann mit feisten rothen Backen und dicken wulstigen Lippen, der eine schwere lederne „Geldkatze“ um den Leib geschnallt trug. Sein Sohn, der zwanzig Jahre alt sein mochte, schien ganz das Ebenbild des Vaters zu werden. Er war groß und starkknochig und zeichnete sich namentlich durch unverhältnißmäßig starke und plumpe Hände aus, die man freilich selten sah, weil er sie meist in den Taschen seiner weiten Pluderhosen hielt. In seinem Gesicht lag leider gar nichts, was nur einigermaßen zu der Hoffnung hätte berechtigen können, daß er den Werth der Bildung Martha’s würdigen und versuchen werde, sich wenigstens einigermaßen zu ihr zu erheben.

Als sie in die Stube traten, kniff der Alte im Vorbeigehen Martha schmunzelnd in die Wange, der Sohn aber sah sie nur flüchtig von der Seite an. Den Hauslehrer und mich, die wir mit dem jungen Sohne Gerber’s an einem Tische saßen, zu dem auch Martha alsbald trat, beachteten Beide gar nicht. Daß es übrigens für den Vater wie für den Sohn bei dem Besuche Nebensache war, die Tochter des Hauses zu sehen, die Hauptsache vielmehr die genaue Besichtigung des Gutes, zeigte sich bald genug. Kaum war der Kaffee getrunken, der ihnen vorgesetzt wurde, so sprachen sie den Wunsch aus „herumgeführt“ zu werden. Als sie sich mit dem Hausherrn zu diesem Zwecke entfernten, flüsterte mir Martha zu:

„Wenn mir das Weinen nicht gar zu nahe wäre, kennte ich über den Bräutigam lachen. Hast Du sein dummes Gesicht beobachtet? Und seine Fäuste! Nein, der liebe Gott kann nicht wollen, daß ich einen solchen Menschen zum Manne nehme!“

Zum Glück forderte ihr Vater Martha nicht auf, ihn und seine Gäste bei dieser Besichtigung zu begleiten, denn sie gingen langsam und lange Zeit in allen Räumen umher, musterten jedes Pferd und jedes Rind einzeln mit Kennerblicken und besahen prüfend selbst die großen Getreide- und Futtervorräthe.

Als nach mehr als einer Stunde Gerber allein zurückkam, ging ich eben hinaus und da sah ich, daß die beiden Fremden, Vater und Sohn, im Gespräch noch im Hofe, vor der Thür, standen. Sie schienen zwar leise mit einander reden zu wollen, sprachen aber so laut, daß ich jedes ihrer Worte deutlich verstehen konnte. Daß ich absichtlich sehr langsam ging, als ich Einiges davon vernommen hatte, wird man wohl begreiflich finden.

„Schönes Vieh, Vater! Prachtvieh!“ sagte der Sohn begeistert. „So haben wir’s nicht. Und die Ställe! Schmucker sieht’s drin aus als in unserer Stube!“

„Und das Mädchen? he?“ fragte der Alte bedächtig und er schien sehr gespannt auf die Antwort zu sein, welche der Sohn geben werde.

„Na, die ist einmal dünn! Wenn ich sie mit meinen Fäusten angreife, zerbricht sie. Wie ein Wachspüppchen sieht sie aus! Und ihre Hände! Mein Daumen ist größer als so eine ganze Hand. Arbeiten kann die gewiß gar nicht.“

„Sie braucht’s nicht! Aber Clavier soll sie spielen.“

„Von dem Klimpern wird keine Kuh satt.“

„Und schrecklich viel hat sie gelernt. Sie soll mehr wissen als unser Pfarrer und Schulmeister zusammen.“

„Mir gefällt sie nicht, aber sie ist reich, und ich heirathe sie frischweg. Hat sie viel gelernt, nun von mir soll sie noch mehr lernen. Ich zieh’ sie schon, wie ich sie brauche und haben will. Macht’s meinetwegen gleich richtig. Ich gehe unterdeß noch einmal in den Stall und besehe mir die Pferde.“

Die beiden Väter begaben sich darauf in das „geheime Cabinet“ Michel Gerber’s, und hier brachten sie die Sache jedenfalls völlig in Ordnung, ohne aber Martha irgendwie zu den Berathungen zuzuziehen, welche sie da pflogen. Alsbald nach dem Abschlusse fuhr der dicke „Schwiegervater“ mit dem Sohne wieder fort, wie es schien höchlich befriedigt von der Besichtigung, obgleich der „Bräutigam“ die ganze Zeit über auch nicht ein Wort mit Martha gesprochen hatte. Diese theilte mir später mit, daß ihr Vater gegen Abend ihr gesagt habe, nach vierzehn Tagen würden sie nach dem Gute fahren, das sie künftig bewohnen werde. Sie hatte das, wie sie hinzusetzte, angehört, als sei sie dabei gar nicht betheiliget, so daß ihr Vater vielleicht glaube, sie habe den Widerstand gegen die Heirath aufgegeben. Mir kam die Ruhe des Mädchens unerklärlich vor, ja sie hatte etwas Unheimliches für mich. Als ich mich verabschiedete und sie allein mich eine kleine Strecke weit, nur wenige Schritte über das Dorf hinaus, begleitete, konnte ich nicht umhin, mich gegen sie darüber auszusprechen. Im Tone des unerschütterlichsten Glaubens antwortete sie mir:

„Verlaß Dich darauf, ich werde die Frau des Menschen nicht, der mir aufgedrungen werden soll. Ich vertraue fest auf Gott und meine gute Mutter im Himmel, die beide nicht zugeben werden, daß ich in solchem Unglücke untergehe.“

Sie reichte mir darauf in zuversichtlicher Ruhe die Hand und mit den Worten: „Was auch geschehen möge, bleibe mir gut!“ wendete sie sich rasch zur Umkehr. Ich aber setzte meine Wanderung [531] mit schwerem Herzen fort, denn ich konnte mich der schlimmsten Befürchtungen nicht erwehren. Wenn dieses Mädchen sich zwingen ließ, das Weib jenes rohen jungen Mannes zu werden, konnte ihr Schicksal nur ein sehr trauriges sein. Verharrte sie dagegen bei ihrer Weigerung, so ließ sich, nachdem Charakter ihres Vaters, nur eine gewaltsame Lösung des Conflictes erwarten, und es erfaßte mich ein Schauer des Entsetzens, als ich auf meiner einsamen Wanderung an eine solche Möglichkeit dachte.

Da ich der schließlichen Entwicklung des Dramas nicht selbst beiwohnen konnte, an Martha aber den innigsten Antheil nahm, so schrieb ich sofort nach meiner Heimkehr an Freund Engel, um ihn dringend zu bitten, mir so oft und so ausführlich als möglich über Martha und ihr Schicksal Mittheilungen zu machen. Aus seinen Briefen also entnehme ich das Weitere.

Martha war seit der „Brautschau“ stiller, ernster und blässer als je geworden, und jeden Tag vermißte man sie im Hause ein- oder auch mehrmals, auf kürzere oder längere Zeit, ohne daß man anfangs wußte, wohin sie ging. Die Leute im Dorfe freilich wußten es und wunderten sich nicht wenig, daß sie so gar oft auf dem Friedhofe sei. Sie trugen es endlich auch ihrem Vater zu, der ihr diese Gänge gern untersagt hätte, aber davon abstand, weil Martha nie mehr von der Heirathsweigerung sprach und sich also, seiner Meinung nach, vorgenommen hatte, gehorsam sich zu fügen, dann aber auch, weil sie, als er einmal von diesen Friedhofsgängen gesprochen, mit der ruhigsten Sanftmuth geantwortet hatte: „Laß mich doch immer dahin gehen, Vater! Ich bete da ja nur zu dem lieben Gott und rede mit der seligen Mutter. Das thut mir so wohl!“

So duldete Michel Gerber schweigend jene Besuche bei dem Grabe der Mutter Martha’s, so wenig sie ihm auch gefielen.

Je näher der Tag kam, an welchem sie mit ihrem Vater den ihr angekündigten Besuch an dem Orte machen sollte, den er als ihre künftige Heimath ausgewählt, desto länger verweilte sie auf dem Friedhofe. Am Freitag, zwei Tage vor der beabsichtigten Reise, blieb sie bis zur Nacht, obgleich gegen Abend ein schweres Gewitter mit heftigem Blitz und Donner über die Gegend gezogen war und selbst starke Regengüsse hatte niederströmen lassen. Michel Gerber ging unruhig in dem Hause hin und her. Nicht, daß er gefürchtet hätte, seine Tochter habe sich selbst ein Leid gethan, um der Heirath zu entgehen. Ein solcher Gedanke kam ihm gar nicht in den Sinn, denn es ging weit über sein Fassungsvermögen hinaus, daß Jemand sich selbst das Leben nehmen könne, um sich einer Heirath, einer reichen Heirath, zu entziehen. Aber konnte dem Mädchen nicht irgend ein Unglück geschehen, ein Unfall in dem Unwetter zugestoßen sein? Er bot sogleich mehrere seiner Leute auf die Vermißte zu suchen, und er selbst schloß sich ihnen an. Wie unwahrscheinlich es auch sein mochte, daß Martha noch immer auf dem Friedhofe sich befinde, gingen doch einige der Suchenden dahin und unter ihnen Gerber selbst. Die Gewitterwolken hatten sich fast ganz verzogen, und als man auf den Friedhof kam, trat sogar der Mond an dem reinen blauen Himmel hervor. Hell fiel sein Licht gerade auf das Grab, zu dem man sich wendete, und die goldenen Geländerspitzen um dasselbe her leuchteten in seinem Schimmer. Michel Gerber ging mit großen Schritten voran, so daß auch er zuerst das Entsetzliche gewahrte, das sie hier erblicken sollten. Da lag Martha, wie eine vom Sturme geknickte Blume, zusammengesunken, so daß ihre Arme und das Gesicht auf dem Grabhügel ruheten. Sie war völlig durchnäßt von dem heftigen Regen, der auf sie niedergeströmt. Michel trat hastig durch die offene Geländerthür hinein an das Grab, faßte zornig mit beiden Händen die daliegende Tochter und wollte sie so emporreißen, aber starr vor Entsetzen blieb er einen Augenblick, über ihr gebeugt, stehen, und man sah, daß die Kniee des starken Mannes und die Arme, welche die Tochter hielten, heftig zitterten. Darauf rief er laut mit bebender Stimme voll Jammer: „Mein Kind! Sie ist todt!“

Dann nahm er die Tochter, wie ein kleines Kind, auf den rechten Arm und ging mit ihr so rasch, daß ihm die Andern kaum folgen konnten, nach seinem nicht weit entfernten Hause zu. Sobald er in den Hof trat, rief er so laut, als es ihm bei der Angst möglich war, die ihm die Brust zusammenschnürte: „Pferde! Die besten! Schnell! Zwei Knechte müssen sogleich nach M. und Z. reiten und Aerzte holen! Laßt die Pferde laufen was sie können! Stürzt eins – einerlei! Laßt’s liegen und lauft vollends in die Stadt. Den Doctor holt ihr, wo er ist, vom Essen, vom Krankenbette, vom Spiel, aus seinem Bette! Postpferde soll er nehmen, Extrapost. Ich bezahl’s. Zehn Thaler dem, der mir zuerst einen Doctor in’s Haus bringt!“

Während er diese Befehle gab, schritt er weiter im Hofe hin, den starren Körper der Tochter noch immer auf dem Arme. So trug er sie in das Haus, die Treppe hinauf und rief dabei nach der alten Haushälterin. Im Zimmer Martha’s endlich legte er seine Last sanft auf das Sopha und nun überließ er die Tochter einigen der bestürzt herbeikommenden Mägde, damit sie ihr vorsichtig die nassen Kleidungsstücke auszögen, trockene Wäsche anlegten und sie in das Bett brächten. Er selbst lief wieder die Treppe hinunter, um die Knechte, welche nach Aerzten reiten sollten, zur Eile anzutreiben. Das war indeß nicht nöthig, denn als er in die Hausthür trat, jagte bereits einer der Knechte, der sich nicht einmal Zeit genommen hatte das Pferd zu satteln, in sausendem Galopp aus dem Hofe, durch die Einfahrt, hinaus in die Nacht, und gleich darauf folgte auch der andere. Michel Gerber sah ihnen nach und sagte mit einem tiefen Seufzer: „Gott sei Dank!“ Der Gedanke schon schien ihn einigermaßen zu beruhigen, daß doch die Boten fort wären und ein Arzt bald kommen müßte. Er ging dann wieder die Treppe hinauf, um nach der Tochter zu sehen. Sie war bereits ausgekleidet und in das Bett gebracht.

Michel Gerber setzte sich an das Bett Martha’s und ließ seine Blicke unverwandt auf dem leichenbleichen Gesicht derselben ruhen, aber lange gestattete ihm die Angst keine Ruhe. Er stand auf und trat an das Fenster, um zu horchen, ob vielleicht ein Wagen heranrolle, der den Arzt bringe, obschon keiner der reitenden Boten, selbst bei der größten Eile, die Stadt schon erreicht haben konnte. Nach einiger Zeit setzte er sich wieder an das Bett, um bald von Neuem aufzustehen und an das Fenster zu treten. So verbrachte er zwei qualvolle Stunden. Da vernahm er wirklich näher und näher kommende rasche Hufschläge. Er holte tief Athem, als sei ihm eine Last von der Brust gewälzt, und ging rasch aus dem Zimmer hinaus, die Treppe hinunter vor die Thür des Hauses. Eben sprengte einer der Knechte in den Hof und schwang sich vor der Thür von dem keuchenden, mit Schaum bedeckten Pferde.

„In höchstens einer Viertelstunde ist der Doctor da,“ sagte der Knecht. „Ich wartete nur, bis die Postpferde angespannt wurden, dann ritt ich scharf voraus.“

„Das vergesse ich Dir nicht, so lange ich lebe,“ sagte Gerber. „Die zehn Thaler hast Du verdient. Jetzt sorge für das Pferd.“

Nach kaum zehn Minuten erschien in der That ein Arzt und er wendete sofort, während man ihm erzählte, was geschehen, die zweckmäßigsten Belebungsversuche an. Leider schien alles Bemühen vergeblich zu sein, und der Arzt fing an ein bedenkliches Gesicht zu machen.

„Herr Doctor,“ sagte Gerber nach einer halben Stunde, „geben Sie mir meine Martha lebendig wieder und verlangen Sie viel Geld von mir dafür. Ich geb’s; ich kann’s geben. Und sie ist Braut.“

„Jetzt!“ äußerte der Arzt nach einer weitern Viertelstunde, und seine Züge heiterten sich etwas auf. Als Gerber dies sah und hörte, glaubte er, alles Schlimme sei vorüber. „Jetzt,“ fuhr der Arzt fort, „habe ich wirklich gefühlt, daß der Puls sich wieder regt. Nun dürfen wir hoffen!“

Die Bande des Todes, welche das Mädchen bereits umschlungen hatten, begannen in der That sich zu lösen, allmählich zwar und sehr langsam, aber doch immer merklicher und deutlicher.

„Sie athmet!“ sagte der Arzt nach einiger Zeit. „Ich fühle, daß die Brust leise sich hebt. Einen Spiegel!“

Gerber riß den ersten besten Spiegel von der Wand, ohne zu ahnen, was damit geschehen solle. Der Arzt hielt das Glas dicht vor den Mund Martha’s und sagte dann:

„Da! Sehen Sie den leichten Hauch daran? Sie lebt!“

„Gott sei’s gedankt!“ fiel der Vater andächtig ein. Und er beugte sich über die noch immer regungslos daliegende Tochter und sagte zu ihr, als könne sie ihn hören, in einem so weichen Tone, wie man ihn von dem starken Manne kaum hätte erwarten können: „meine Martha!“

„Sie wird gewiß auch bald die Augen aufschlagen,“ setzte die alte Haushälterin hinzu, und ihre Schmerzensthränen schienen sich bereits in Freudenthränen zu verwandeln. „Sehn Sie nur, Herr Doctor, wie die Wimpern leicht zucken!“

Es schien in der That, als wollten die Augen sich öffnen, als [532] sei aber die Last noch zu schwer, welche die Lider niedergedrückt hielt. Der Puls wurde auch, wie der Arzt versicherte, deutlicher und der Athem voller.

„Nun,“ sagte er, „glaube ich mich verbürgen zu können, daß sie nach einiger Zeit ganz in’s Leben und auch zum Bewußtsein zurückkehrt. Freilich,“ setzte er wohlweislich hinzu, um dem Vater nicht zu gewisse Hoffnung auf Rettung der Tochter zu machen. „freilich kann ich nicht wissen und voraussagen, was dann geschieht.“

Die günstigen Anzeichen hielten und mehrten sich. Allmählich kehrte eine gewisse Wärme in die Glieder zurück, und von den Lippen begann die bläulichweiße Leichenfarbe mehr und mehr zu weichen. Die Beengung der Brust lösete sich in Seufzern, und selbst die Augenlider öffneten sich, wenn auch zuerst nur, um sich alsbald wieder zu schließen. Michel Gerber stand in der gespanntesten und freudigsten Erwartung dabei. „Meine Martha!“ rief er noch einmal, und siehe da, die Tochter schien seine Stimme jetzt zu erkennen, denn sie that die Augen ganz auf und richtete sie auf den über sie gebeugten Vater. Dann blickte sie verwundert auch die Anderen an und in dem Zimmer umher.

So erholte sie sich mehr und mehr, sie kam endlich ganz zum Bewußtsein, fand die Sprache wieder und konnte selbst auf die Fragen antworten, was ihr auf dem Friedhofe begegnet sei.

Sie habe, erzählte sie, lange auf dem Grabe ihrer Mutter gesessen und an die Heirath gedacht, die ihr Vater wünsche, in die sie sich aber noch nicht finden könne; sie habe gebetet, geweint und darüber Alles vergessen. – Michel Gerber zog, als er das hörte, die Stirn in Falten, und der alte Zorn schien sich in ihm regen zu wollen, aber ein Blick auf die Tochter machte ihn bald wieder sanft und geduldig. Allmählich, erzählte Martha weiter, habe sie eine entsetzliche, unerträgliche Angst überkommen, so daß sie am Grabe der Mutter auf die Kniee habe sinken müssen. So habe sie die Hände gefaltet, nach dem Himmel hinaufgesehen und wohl halblaut gerufen: „Mutter! Mutter! Nimm mich zu Dir!“ In diesem Augenblicke habe sich der Himmel über ihr in Feuer aufgethan und eine Feuerwelle sie umgeben. Sie habe da wohl gar geglaubt, die Mutter, die sie so verzweiflungsvoll gerufen, steige im Himmelsfeuer zu ihr nieder, aber sie habe den Gedanken nicht ausdenken können, denn es sei plötzlich ein furchtbarer Donnerschlag erfolgt, und sie wisse nicht, was weiter mit ihr geschehen sei.

Der Arzt, welcher die ganze Nacht am Bette der Kranken geblieben war, reiste am frühen Morgen mit dem Versprechen ab, im Laufe des Tages noch einmal zu kommen, befahl aber auf’s Strengste, die Kranke im Bett zu halten. Diese schlief später lange, anfangs sehr ruhig. Als sie erwachte, klagte sie über Beängstigung. Dazu trat bald wachsende Unruhe und stechender Schmerz in der Brust. Der Arzt erkannte, als er wiederkam, sofort die beginnende Brustentzündung. Die Krankheit steigerte sich schnell zu großer Heftigkeit. Es trat starkes Fieber und mit ihm Irrereden ein. In ihren Phantasten sprach Martha bald mit Angst und Entsetzen, bald mit Spott und unheimlichem Lachen von dem ihr bestimmten Bräutigam.

„Du bist bös, Vater,“ sagte sie einmal, „ich weiß es wohl, aber habe nur noch ein klein wenig Geduld mit mir. Die Mutter kommt auf einem feurigen Wagen aus dem Himmel und holt mich ab.“

Der Vater, der dies hörte, hatte offenbar einen schweren Kampf in seinem Innern zu bestehen. Seiner Liebe zu der Tochter, seinem Wunsche, die Geängstigte zu beruhigen und durch solche Beruhigung vielleicht zu schnellerer Genesung beizutragen, stand seine festgewurzelte Ansicht von dem unbedingten Gehorsam der Kinder, sowie seine durchaus nicht erschütterte Ueberzeugung entgegen, daß die Heirath, die er stiften wolle, doch das Glück Martha’s sei, welches sie nur nicht erkenne. Er konnte deshalb auch zu keinem Entschlusse kommen und tröstete sich in seiner peinigenden Unruhe einigermaßen dadurch, daß er sich sagte, wenn er auch eine Entscheidung nach dem Wunsche Martha’s aussprechen wollte, würde sie ihn jetzt, in dem Irrsinn, doch nicht verstehen; es bleibe ihm also noch Zeit.

Auch mit mir schien sich die Kranke in ihren Phantasieen zu beschäftigen. Niemand freilich von denen, die um sie waren, verstand oder ahnte dies, und ich allein konnte es errathen, als ich erfuhr, einmal habe ein gar freundliches Lächeln ihr Gesicht gleichsam verklärt und sie dann in schalkhaft bittendem Tone gesagt: „Ach nein! Nein! Nicht küssen!“

Da alle Mittel, die der Arzt anwendete, wirkungslos blieben, schüttelte er bedenklich den Kopf und er verhehlte es dem Vater nicht, daß seine Tochter jetzt in großer Gefahr schwebe. Michel Gerber hörte diese Worte an, als wären sie sein Todesurtheil.

Er saß den größten Theil des Tages und der Nacht am Bette der Kranken, und wenn er vielleicht auch nicht erkannte, daß die Schatten des Todes sich bereits über sie zu senken begannen, litt er doch nichts desto weniger Schmerzen, die tief in seine Seele griffen. Er fing allem Anscheine nach sogar an sich Vorwürfe zu machen und Reue zu empfinden, denn er sagte sich, wenn er die Tochter nicht hätte zwingen wollen zu einer Heirath, würde sie durch die Verzweiflung nicht zu dem Grabe der Mutter getrieben und also da auch nicht von dem Unfall betroffen worden sein. Der Stachel der Reue in seinem Herzen wurde allmählich so scharf, daß er sich mehr und mehr zu dem Versuche gezwungen fühlte, gut zu machen, was noch gut zu machen sei. Er benutzte denn auch wirklich einige der lichten Augenblicke im Zustande der Tochter, faßte die eine Hand derselben, die auf dem Bette lag, streichelte mit der andern die bleiche Wange der Kranken und sagte, während ihm die Thränen in die Augen traten:

„Meine Martha! Bleibe bei mir! Thu mir das Leid nicht an mich zu verlassen! Du sollst den nicht heirathen, den Du nicht haben willst.“

Um Martha’s Lippen spielte ein Lächeln; sie sah den Vater mit dankbarer Freude an und antwortete schwach:

„Ich danke Dir, Väterchen! Ich wußte wohl, daß Du mir nicht immer zürnen würdest. O, nun Du mir verzeihst, wird mir auch das Sterben leicht. Es that mir so weh, in dem Glauben von Dir zu gehen, Du grolltest mir.“

„Du wirst nicht sterben; Du wirst gesund werden und leben. und der liebe Gott wird für das Andere sorgen,“ fiel Michel ein.

„Ja, so möchte ich wohl leben,“ sagte Martha, „aber es ist zu spät, ich fühl’s. Sterben muß ich.“

Da stand Michel Gerber rasch auf, denn der Schmerz, der ihn ergriff, war stärker als er, der starke Mann. Er sank auf einen Stuhl und weinte laut und bitterlich. Aber die Sehnsucht nach der sterbenden Tochter trieb ihn bald genug wieder an das Bett.

Als er sich da wieder niedergesetzt hatte, hob Martha mit Anstrengung eine Hand nach seinem Gesicht, um ihn zu liebkosen. Dabei sah sie ihn mit einem so lieblich bittenden Blicke an, wie er vielleicht den Augen der Engel eigen ist, und sagte:

„Väterchen, versprich nur eine letzte Bitte zu erfüllen, die ich auf Erden an Dich zu richten habe.“

„Alles, Kind, Alles!“ sagte der Vater.

„Ich bin Dir darin immer gehorsam gewesen, daß ich mich in unsere Tracht kleidete, wenn sie mir auch lange nicht mehr gefiel. Ich fügte mich Deinem Wunsche, aber – sei nicht bös! – ein Mädchen in Altenburger Tracht sieht im Leben häßlich aus, im Tode aber, im Sarge, wird sie gar widerwärtig. Mir graut vor mir, wenn ich mir denke, so im Sarge zu liegen. Versprich mir – es ist die letzte Bitte Deiner Martha – wenn ich todt bin, mir ein weißes Kleid anlegen zu lassen und mir eine weiße Rose in die Hand zu geben.“

Sie schwieg, und Michel Gerber nickte nur wiederholt zum Zeichen, daß er thun wolle, wie sie wünsche, denn sprechen konnte er nicht.

Nach einer Pause begann Martha noch einmal:

„Laß auch den Freund Engel’s zu meinem Begräbniß holen, damit er mich auch im weißen Kleide im Sarge noch einmal sehe. Willst Du?“

„Ja, ja!“ sagte Michel Gerber tief aufseufzend. Er ließ dann den Kopf auf das Bett sinken und barg da sein von Thränen überströmtes Gesicht. Martha aber legte wie segnend ihre beiden Hände auf das Vaterhaupt, und ihre Lippen bewegten sich wie in stillem Gebete. Dann schloß sie die Augen. Einige Stunden darauf war sie – zu ihrer Mutter gegangen.

Michel Gerber saß lange sprachlos und in sich zusammengesunken da; dann aber raffte er sich gewaltsam auf, um die Anstalten zur Beerdigung der Tochter zu treffen – ganz so wie sie es in ihrer letzten Bitte ausgesprochen hatte. Gleichzeitig erwachte aber auch in ihm der Stolz des reichen Bauers, der sogar in dem Begräbniß seiner verstorbenen Lieben Befriedigung sucht. Seine [533] Martha sollte ein Leichenbegängniß erhalten, wie es in dem Dorfe und in der Umgegend nie zuvor gesehen worden sei. Er selbst fuhr am Morgen des andern Tages nach der Stadt, um den theuersten Stoff, den er finden könnte, zum Grabkleide seiner Martha auszusuchen. Nach langer Wahl entschied er sich für schweren weißen Atlas, schon aus dem Grunde, weil er glänzte „wie Silber“. Auch den zweiten Wunsch der Tochter, der mich noch einmal zu ihr berief, erfüllte er gewissenhaft. So sehr ich mich aber auch beeilte, konnte ich doch erst erscheinen, als der Sarg bereits auf der Bahre im Hofe stand und die Leidtragenden in dem Hause versammelt waren. Der Zug ordnete sich bald. Voran wurde das Bild des Gekreuzigten getragen. Dann folgten die Schulknaben mit ihrem Lehrer und dem Geistlichen im Priestergewande. Hinter diesen kam die Bahre, mit Blumen geschmückt, von zwölf jungen Burschen getragen und von zwölf Jungfrauen umgeben, deren jede eine weiße Rose in der rechten Hand trug. Hinter dem Sarge ging, tiefgebeugt, fast gebrochen, Michel Gerber mit seinen Verwandten, die sämmtlich geladen und erschienen waren. Ihnen schlossen sich alle männliche Bewohner des Dorfes an. So bewegte sich der Zug langsam, unter dem Geläute der Glocken und dem Gesange der Schukinder, durch das Dorf nach dem Friedhofe, wo nicht nur alle Weiber und Mädchen des Dorfes, sondern auch viele Fremde von nah und fern bereits versammelt waren, denn alle wollten die Tochter des reichen Michel Gerber sehen, weil das Gerücht die Kunde verbreitet hatte, sie liege im Sarge „so schön wie eine Prinzessin“. Vor dem Geländer, welches das Grab der Mutter Martha’s umschloß, hielt der Zug und bildete einen Kreis. In diesem wurde die Bahre niedergelassen und der Sitte gemäß der Deckel vom Sarge genommen, damit Alle die Todte noch einmal sehen könnten. Als der Sarg geöffnet war, lief durch das laute Weinen umher ein Ah! der Bewunderung. Da lag Martha in dem weißen glänzenden Gewande, einen Kranz von weißen Rosen auf dem jungfräulichen Haupte, eine weiße Rose in der Hand, mit freundlichem Lächeln um den für immer geschlossenen Mund, und sie sah in diesem Schmucke, der ganz für sie geeignet war, so schön aus, daß die Versammelten kaum glauben konnten, es sei dieselbe Martha, die sie alle gekannt hatten. Ich selbst staunte bei dem unerwarteten Anblicke und bedachte bei mir, da Martha im Tode so schön sei, wie bezaubernd sie hätte erscheinen müssen, wenn das Geschick ihr gestattet, im blühenden Leben, in der Freude des Glücks, in einer ihr ziemenden Kleidung sich zu zeigen.

Der Geistliche hielt eine von warmem Gefühl eingegebene einfache Rede und sprach den Segen der Kirche über die Entschlafene. Darauf schloß man den Sarg von neuem, senkte ihn in den Schooß der Erde, und bald bildete sich darüber, neben dem Grabhügel der Mutter, jener der Tochter. Gerber stand die ganze Zeit über unbeweglich da und hielt sich an dem Eisengeländer an. Fast mit Gewalt mußten wir ihn endlich hinwegführen. Bei dem großen und reichlichen „Leichenessen“, das dem Herkommen gemäß in dem Trauerhause den Leidtragenden gegeben wurde, rührte er gegen seine Gewohnheit die Speisen kaum an. Nach Beendigung des Mahles, als die Uebrigen sich zur Heimkehr anschickten, nahm er mich bei Seite und sagte:

„Mit Ihnen habe ich noch zu reden, aber morgen erst; heute kann ich es noch nicht. Bleiben Sie bei mir.“

Ich blieb. Am andern Morgen führte mich Michel Gerber in sein „geheimes Cabinet“, ein einfaches, freundliches Stübchen.

„Erinnern Sie sich,“ begann er da, „daß der Schneider auf dem Tanzplatze mir einmal zurief: „Hochmuth kommt vor dem Falle?“ Jetzt, da mich das Unglück getroffen hat, sagen das die Andern nach. Ich hätte, heißt es, zu hoch hinaus gewollt mit der Martha, darum hätte Gott sie von mir genommen und mich so gestraft. Hätte ich das Mädchen erziehen lassen, wie die andern Mädchen im Dorfe erzogen werden, würde sie heute noch leben. Ich trüge also die Schuld an ihrem Tode. Sie haben Martha gut gekannt, und sie hielt viel auf Sie. Was sagen Sie? Habe ich Unrecht daran gethan, daß ich ihr Bildung geben ließ?“

Was sollte ich dem betrübten Vater sagen? Konnte, durfte ich ihm Alles geradezu vorhalten, was er an der Tochter gesündiget? So bald nach ihrem Verluste?

„Nein, Herr Gerber,“ antwortete ich nach einigem Nachdenken, „Sie haben sicherlich nicht nur nicht Unrecht, sondern im Gegentheil wohl daran gethan, daß Sie Martha eine gute Erziehung und höhere Bildung geben ließen; denn jede Art von Bildung ist eine Veredlung. Nur in der Verwendung der Bildung kann fehlgegriffen werden und wird gefehlt. Sie glauben, und Viele mit Ihnen, Bildung sei nichts weiter als Wissen, ein Ansammeln von mehr oder weniger Kenntnissen, ein Aneignen von Fertigkeiten. Das ist ein Irrthum, wenn auch ein verzeihlicher. Kein Theil, keine Kraft des menschlichen Geistes kann für sich allein ausgebildet werden, ohne daß die andern sich auch davon berührt fühlen, wie man kein Rad in einer Uhr z. B. in Bewegung setzen kann, ohne daß es in die andern eingreift und sie mit zu treiben beginnt. Hat das Gedächtniß Schätze des Wissens angesammelt, so fängt der Mensch, unbewußt vielleicht und ohne daß er es will, an, sie untereinander zu vergleichen; dadurch wird das Urtheil geweckt, und nach demselben bilden sich Ansichten über Recht und Unrecht, Gut und Böse, Schön und Häßlich. Der gebildete Geist läutert, reiniget und veredelt das Gemüth. Nun wissen auch Sie, Herr Gerber, daß Gleich sich gern zu Gleich gesellt. Der gebildete Geist verkehrt am liebsten mit dem gleich oder noch mehr gebildeten, und der geläuterte Geschmack sucht das Schöne und Edle. Unwissenheit und Rohheit verletzen sie und stoßen sie ab. Darum kann ein Gebildeter nun und nimmermehr unter Ungebildeten sich wohlbefinden, und wenn er gezwungen ist, immer unter solchen zu leben, wird er sich elend und unglücklich fühlen und endlich zu Grunde gehn.“

„Wenn die Bildung,“ fiel Michel Gerber ein, „nicht für Alle gleich gut und nicht überall gut ist, so taugt sie überhaupt nichts.“

„Das wäre eben so, als wenn Sie sagten, wenn ein Arzneimittel nicht jedem Kranken und nicht zu jeder Zeit helfe, tauge es überhaupt nichts.“

„So sind Sie also auch der Meinung, ich hätte der Tochter die Bildung nicht geben sollen, die sie hatte?“

„Keineswegs. Sie hätten Martha mit ihrer Bildung nur nicht dahin bringen sollen, wohin sie nicht paßte.“

„Ich hätte sie also nicht einem Bauer zur Frau geben sollen?“

„Es ist eine allgemein bekannte Thatsache, daß jede gebildete Frau an der Seite eines ungebildeten Mannes unglücklich wird.“

„Dann hol’ der Teufel die Bildung!“ sagte Michel Gerber.

„Sie wollen die Sonne auslöschen, weil sie Ihnen einmal lästig ist, und vergessen ihre sonstigen unentbehrlichen wohlthätigen Wirkungen.“

„Das ist mir Alles zu hoch, sehen Sie. Martha hatte Sie gern, ich weiß es wohl, und ich glaube, sie hätte sich gar nicht gegrämt, wenn sie Ihre Frau hätte werden sollen. Ihnen hätte ich sie aber nicht gegeben, trotz aller Ihrer Bildung, weil Sie noch nichts sind und auch nichts haben. Die Hauptsache in der Welt ist und bleibt das Geld. Wer Geld hat und keine Bildung, wie ich z. B., ist ein ganzer Kerl und alle Welt hat Respect vor ihm; wer aber nur Bildung hat und kein Geld, ist doch nur ein halber Mensch. Also Geld und Bildung, wenn es sein kann. – Der Tod der Martha hat mich sehr erschüttert, sehr, aber ich überwind’s und dem Sohne lasse ich Bildung geben, wenn auch die Tochter vielleicht daran gestorben ist. Sie hatte viel von ihrer Schwachen Mutter. Der Junge wird mir an der Bildung nicht sterben, denn er hat meine Natur.“

Bald darauf verließ ich das Haus Michel Gerber’s, das mir öde und leer erschien, seit die nicht mehr darin waltete, die sein Schmuck gewesen war.