Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Seite mit dem Stichwort „Knotenknüpfen“ in Meyers Konversations-Lexikon
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Band 9 (1887), Seite 888889
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Knotenknüpfen. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 9, Seite 888–889. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:Knotenkn%C3%BCpfen (Version vom 02.11.2022)

[888] Knotenknüpfen. Wie bei uns der Knoten im Taschentuch als Erinnerungsmittel, so dient bei fast allen Naturvölkern der in bestimmter Weise geschürzte Knoten als Zählungs- und Abrechnungsmittel sowie als Vertreter der Schrift, und bei den alten Peruanern war die Knotenschrift zu einem vollständigen Verständigungsmittel und Dokumentenwesen ausgebildet, sofern durch verschieden geschürzte Knoten in verschieden gefärbten, aber miteinander verbundenen Fäden (s. Quipu) die kompliziertesten Verträge und ganze historische Dokumente niedergelegt wurden. Die nordamerikanischen Indianer ersetzten diese Knotenstränge durch Gürtel mit Knoten und dazwischen aufgereihten Perlen und Muscheln (s. Wampumgürtel), deren kunstgerechte Verfertigung bestimmten Personen oblag. Daran knüpft sich wohl die Auffassung, daß ein geschürzter Knoten ein Heiligtum und ein Rätsel zugleich sei, ein unauflöslicher Kontrakt, weshalb auf den Inseln der Südsee das Tabu (s. d.) stets durch einen in verschiedene Materiale geschürzten Knoten dargestellt wird, und es scheint, daß der „Strohwisch an der Stange“, welcher bei uns den Zugang zu einem Ort verbietet, aus ähnlichen Zeichen entsprungen ist. Auch bei unsern Vorfahren wurde das K. als Symbol eines abgeschlossenen Vertrags angesehen, und selbst diejenigen Zeugen, welche vor Gericht ihre Unterschrift geben konnten, mußten noch als Bekräftigung ihrer Zeugenschaft einen Knoten in einen an dem betreffenden Dokument befestigten Riemen knüpfen. Daher Knotenknüpfer (nodator) in mittelalterlicher Gerichtssprache s. v. w. Zeuge. Mit dieser geheimnisvollen Bedeutung, die man in das K. legte, gewann dasselbe später die Bedeutung einer magischen Handlung, und der Knoten wurde zum Zauberknoten. Man glaubte, daß, wenn man mit Bezugnahme auf eine bestimmte Person und unter bestimmten Zeremonien Knoten in bunte Schnüre und Bänder knüpfe, man jene Person dadurch unauflöslich in bestimmter Beziehung fessele. Namentlich glaubte man dadurch Akte, bei welchen Eröffnen des Leibes die Hauptsache ist, also Empfängnis [889] und Geburt, unmöglich zu machen. So wußte Juno der Mythe nach durch knotenartiges Verschränken der Finger und Arme die Geburt des Herkules sieben Tage hinzuhalten; daher heißen die Zauberknoten bei den Alten auch herkulische Knoten, und die Daktylen galten als deren Knüpfer und Löser. Hierher gehört auch das ehemals sehr gefürchtete Nestelknüpfen (s. d.) und der noch in vielen Gegenden übliche Brauch, in einem Hochzeits- oder Geburtshaus alle Knoten zu lösen. Die Schamanen der Lappen und Finnen geben vor, in dieser Weise den Wind fesseln und entfesseln zu können.