Literaturbriefe an eine Dame/V

Textdaten
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Autor: Rudolf Gottschall
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Titel: Literaturbriefe an eine Dame/V
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aus: Die Gartenlaube, Heft 22, S. 346–349
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[346]
Literaturbriefe an eine Dame.
Von Rudolf Gottschall.
V.


Ich sehe Sie, Madame, mit des Geistes Augen durch den Buchenhain schreiten, durch dessen schlanke Säulenhallen hindurch der Blick auf die unbegrenzte Ostsee fällt. Es ist Frühling in den Lüften, bald grünen die Wipfel und die ungedruckten und unrecensirten Sänger des Waldes singen in glücklicher Freiheit.

Und wie die anmuthig erregte Phantasie ein freundliches Bild an das andere reiht, so muß ich jetzt einer andern Strandgegend gedenken, die ich in meiner Jugend mit einem befreundeten Genossen durchwanderte, des bäderreichen samländischen Ostseegestades, welches freilich keine stattlichen Buchenwälder schmücken, welches aber durchaus nicht eigenthümlichen Reizes entbehrt. Hier sind keine Modebäder, in denen die Weltfahrer und Weltfahrerinnen verweilen und deren Heldinnen das „Journal amusant“ mit grotesken Situationsbildern bereichern; hier sind nur Stationen friedlicher Naturfrische, und mag auch in Cranz und Neukuhren das fashionable Königsberg den Glanz seiner Toiletten zur Schau stellen, so überwiegt doch die Idylle; man sieht nicht blos die mit wohlangebrachtem Chignon herumflatternden Modekupfer; man sieht ebenso oft „des Nordens Barbarinnen“ das paradiesisch gelöste Haar, das der Meergott in Verwirrung gebracht hat, in der Sonne trocknen.

Durch diese oft melancholischen Sanddünen und mit Haidekraut und Wachholder bewachsenen „Palven“ Samlands, welche aber ebenso oft durch waldige Thalschluchten mit köstlichem Baumwuchs unterbrochen werden, bin ich als Student gewandert, an der Mütze den silbernen Albertus, das stolze Zeichen der Königsberger Studentenschaft, und mit mir wanderte Wilhelm Jordan, der schon die Promotionskosten für einen höheren Grad der Gelehrsamkeit bezahlt hatte. Wir hatten beide sehr früh unsere poetischen Erstlinge in die Welt gesendet; es war damals die goldene Aera des Königsberger Liberalismus, und was unter dieser Flagge in See stach, durfte auf günstigen Fahrwind hoffen. Wir wohnten zusammen, wir dichteten zusammen, wir hielten zusammen poetische Vorlesungen; er goß „Glocke und Kanone“ und träumte „Irdische Phantasmen“; ich ließ „Lieder der Gegenwart“ und „Censurflüchtlinge“ in die Welt flattern. Ja, wir waren jung, aber „berühmt“ von den Ufern des Pregels bis zu den Sanddünen von Cranz und selbst in den Spalten der deutschen Journale blühten die schüchternen Primeln unseres Dichterruhms. Mit dem Ruhm ist es nicht, wie mit dem Wein, Madame! Nicht der alte, abgelagerte, nur der junge Ruhm berauscht. Später wird man mißtrauisch gegen den Ruhm; man bemerkt, daß er oft künstlich in Ruhmesfabriken zubereitet wird, daß er bisweilen mit dem Papier die bedenkliche Aehnlichkeit hat, aus Lumpen fabricirt zu werden, und wie Maculatur rasch dem Loos irdischer Vergänglichkeit verfällt.

Doch ein junges Gemüth, das zuerst von seinem Strahl berührt wird oder berührt zu werden glaubt, sieht die ganze Welt verklärt. Flüsterte nicht diese oder jene Strandnixe unsere Namen, als wir vorübergingen? Das war ja für uns das Sirenenlied dichterischer Unsterblichkeit!

Und wir waren als wandernde Sänger unseres Amtes eingedenk. Kaum hatten wir, im Schatten hundertjähriger Eichen, von der „Fuchsspitze“ des romantischen Warnicken aus das unermeßliche Meer betrachtet, kaum waren wir durch die laubreiche, bachdurchrauschte „Wolfsschlucht“ in den Garten des Gasthauses zurückgekehrt, als wir uns auch gleich an den schlichten Holztisch setzten, um die empfangenen Eindrücke in scandirbarer Form zu verewigen und ganz Deutschland mit unseren Empfindungen zu beglücken. Denn mit Geringerem nicht wäre unsere Muse zufrieden gewesen; sie rief mit Stolz aus: „Das ganze Deutschland muß es sein!“

Ob Wilhelm Jordan damals eine Ahnung davon hatte, daß er zu dem „hochaufrauschenden heiligen“ Meer, welches er im daktylischen Wogenschlag seiner Verse widerspiegelte, noch einmal in officielle Beziehung treten werde? Gewiß nicht! Er mochte von Dichterlorbeern träumen, aber der künftige „Marinerath“ warf noch keinen Schatten in seine Seele. Wir zweifeln, daß die Najaden und Tritonen der Ost- und Nordsee dem Dichter eine Vertrauensadresse votirten, als er aus den Parteistürmen des Frankfurter Parlaments an das Steuerruder der „deutschen Flotte“ flüchtete, die freilich! damals selbst einen sagenhaft poetischen Zug hatte. Glücklicherweise wurde mit dem letzten Kriegsschiff die Muse des Dichters nicht mitverauctionirt; sie überlebte die seemännische Episode, und die Pension des Marinerathes wurde eine deutsche Dichterpension. So hat sich das Meer dankbar gezeigt für die Verherrlichung, welche der junge Dichter ihm zu Theil werden ließ, als er im Garten von Warnicken sein poetisches „Strandrecht“ übte und alle Gedanken und Gefühle zusammentrug, welche die Meeresfluth ihm ans Ufer geworfen hatte.

Ich will Ihnen hier, Madame, nichts von Jordan’s kurzer politischer Laufbahn berichten. Dichter sind als Politiker nicht in ihrem Element, so berechtigt auch die politische Dichtung ist. Das Beispiel Lamartine’s und Victor Hugo’s, welche von der Verherrlichung der Legitimität zur Feier der Socialrepublik übergingen, zeigt zur Genüge, zu welchen politischen Wandlungen dichterische Gemüther neigen. Jordan ging von der äußersten Linken des Frankfurter Parlaments zum Centrum über. So sehr ihm diese plötzliche Schwenkung verdacht wurde, so mußten doch selbst seine Gegner das bedeutende rednerische Talent anerkennen, welches Jordan sowohl im Parlament als auch bei naheliegenden Veranlassungen entfaltete. Die Leichenrede, die er dem ermordeten Fürsten Felix Lichnowski hielt, war in ihrer Art ein oratorisches Meisterstück, keine akademische oraison funèbre, in welcher jede Periode schwarz ausgeschlagen und mit Trauerfloren drapirt ist, nein, schwunghaft markig den tragischen Ernst der Situation erfassend und vorgetragen mit der hinreißenden Kraft des Volksredners.

Nachdem das Frankfurter Parlament zersprengt und die deutsche Flotte unter den Hammer gekommen war, verschwand auch der Marinerath von der Weltbühne und ergab sich wieder dem stillen Cultus der Musen. Hier und dort erschien auf den Bühnen ein Lustspiel von ihm, welches, zu der seltenen Gattung der poetischem Lustspiele gehörig, in den melodischen und feinzugespitzten Reimversen an „Donna Diana“ erinnerte. Daneben aber studirte der Dichter die Edda und vertiefte sich in die Runen des [347] germanischen Altertums. Die Frucht dieser Studien war ein modernes Nibelungenepos. Nach langem Zwischenraum tauchte der Parlamentsredner als „Rhapsode“ auf und wanderte von Stadt zu Stadt, von einem deutschen Gau zum andern, in der Reisetasche die blonde Chriemhild und die wilde Brunhild, und erweckte durch sein lebendiges Wort die Theilnahme der Hörer für seine dichterische Schöpfung.

Sie wundern sich, Madame, über dies neue umherziehende Rhapsodenthum? Sie meinen, die Jünger Homers und die alten Barden mochten selbst ihre Gesänge vortragen, weil sie kein anderes Mittel hatten, um sie bekannt zu machen; aber seitdem die Kunst Gutenberg’s besteht, bedürfe es solcher Auskunftsmittel nicht mehr. Wie engbeschränkt erscheine der Kreis, den der mündliche Vortrag beherrscht, gegenüber der weltumfassenden Verbreitung durch die schwarze Kunst!

Ach, wenn doch die herrlichsten Erfindungen des Menschengeistes sich nicht abstumpften, oder nicht den Stachel gegen sich selbst kehrten! Johannes Gutenberg möge uns verzeihen, wenn wir behaupten, daß gegenwärtig seine Kunst ebenso oft dazu dient, die Werke des Geistes zu verbergen als zu verbreiten. Sie glauben nicht, Madame, in welch’ tiefer Vergessenheit ein Band gedruckter Gedichte schlummern kann! Versteckter waren sie nicht im Schreibpulte des Dichters, als sie es sind in den obern Fächern der Buchläden, auf den Dachböden und in den Lagerhäusern der Verleger. Es ist ein trauriges Loos, als Maculatur das Licht der Welt zu erblicken – aber bei den vielen hundert schönwissenschaftlichen Werken, die alljährlich erscheinen, ist dies Loos das unvermeidliche Verhängniß der großen Mehrzahl. Darf man es da den Dichtern verargen, wenn sie dies Schicksal zu verbessern und durch das lebendige Wort den todten Buchstaben zu galvanisiren suchen? Hat nicht der Verkehr zwischen Dichter und Hörern durch den Eindruck der Persönlichkeit, durch die Macht der Rede einen erfrischenden Reiz?

Sie lächeln, Madame – ich errathe Ihre Gedanken. Vor Ihrer Seele schwebt das Bild der beiden Poeten, welche Sie einst bei sich auf Ihrem Schlosse sahen und welche einer auserlesenen Gesellschaft ihre Gedichte vorlasen, der eine stotternd, der andere näselnd, und jeder mit so mörderischer Virtuosität, daß kein Gedicht Schiller’s oder Goethe’s diese Execution überlebt haben würde.

Sie haben Recht! Es bedarf einer gewissen Gunst der Natur, wenn ein Dichter als Rhapsode auftreten will, und außerdem eine Kunst des Vortrags, welche indeß nie in theatralische Declamation ausarten darf. Wilhelm Jordan ist durch seine Persönlichkeit wie durch sein Organ begünstigt, er besitzt die Gabe eines episch ruhigen, sinnig verweilenden, hier und dort machtvoll anschwellenden Vortrags und weiß so die Hörer anzuziehn und zu fesseln. So fand er auch die Theilnahme der Leser für seine, bereits in zwei Auflagen vorliegende Dichtung: „Nibelungen. Erstes Lied: Siegfridsage in einundzwanzig Gesängen. Zwei Theile. (Frankfurt a. M.)“

Sie kennen, Madame, unser Nibelungenepos, jenen Kranz, zu welchem ritterliche Sangeskunst die alten Sagen sinnig gewunden hat. Jordan denkt gering von diesem in Sammt und Seide einherstolzirenden Rittergedicht; er sucht die echte Volkspoesie in den tieferen, älteren Schichten der Ueberlieferung, in der „Edda“ und „Völsungasage“. Dort findet er, wie ich es einmal in den „Blättern für literarische Unterhaltung“ aussprach, die reckenhafte Größe, das unverfälschte germanische Heidenthum; er gräbt die poetischen Mammuthknochen der ultima Thule hervor, die gleichsam in den Eispalästen des Nordens conservirten Götter- und Heldensagen, und seine Muse kommt mit Gigantenschritt, reich beladen mit flimmernden, seltenen Schätzen, von dieser Polarexpedition zurück, Eisreif und Schneenebel in den wallenden Locken.

Eine Gestalt, die Brunhild der alten Sage, hat Jordan mächtiger hingestellt, als unser deutsches Nibelungengedicht und seine Nachdichtungen; mächtiger noch, als der Dramatiker Hebbel, der sie bereits mit greller Magie durch die vulcanischen Flammen des nordischen Feuereilands beleuchtet hat und ihr visionäre Verzückungen einer gleichsam im Eisespanzer erstarrten Jungfräulichkeit, geheimnißvolle Orakelsprüche voll tiefsinniger Weisheit in den Mund legt. Doch Hebbel läßt seine dämonische Heldin plötzlich aus dem Verlaufe seines Trauerspiels entschwinden, während Jordan’s Brunhild mit urwüchsiger Gewaltigkeit von Anfang bis zu Ende die Dichtung beherrscht. Und wenn wir ihrem unheimlich majestätischen Gang folgen, so finden wir gerade auf ihrem Wege die bedeutsamsten Schönheiten des Gedichts erblüht. Ihre Entzauberung im vierten Gesang ist von großartig phantastischem Reiz; die Räthselrunen, welche die nordische Turandot aufgiebt, haben zwar nichts mit Schiller’s durchsichtigen, krystallschönen Räthseln gemein, noch weniger mit unsern modernen Familienrebus; sie haben etwas Aufgebauschtes, Verschnörkeltes und gleichen grotesken Nebelbildern; aber gerade dies giebt ihnen einen alterthümlichen Reiz.

Im elften Gesange sehen wir die wilde Jungfrau auf dem meerumschäumten Felsen sitzen und mit den Elementen Zwiesprache halten, nicht in weitausgesponnenen Allegorien, sondern in schlaghaften Selbstbetrachtungen voll kühnen Zweifels und mächtigen Trotzes, wie sie die weltstürmenden Gedankenhelden der Neuzeit lieben. Die Poesie bleibt doch immer ein Kind ihrer Zeit, mag sie auch ihre Stoffe aus dem grauesten Alterthume wählen. Diese verwitterten Sagenheldinnen, deren Kolossalbilder uralte Ueberlieferung gleichsam in den Felsen gehauen hat, schmücken in Jordan’s Dichtung ihre Stirn mit einem Kranze von Gedankenblüthen, die in den Gärten der neuen Philosophie gewachsen sind; der Meeresfelsen der Brunhild verwandelt sich in den Katheder von Jena und Berlin, wo einst Fichte die weltschöpferische Macht des „Ich“ verkündete; ja das prächtig schöne Nornenlied, ein Juwel der Jordan’schen Dichtung, ist doch nur eine Feier der dunkelwaltenden Nothwendigkeit, wie sie der einsame glasschleifende Denker von Amsterdam als die Seele des Weltalls und das Band der Dinge erkannte.

Ja, Madame, und wenn unsere Dichter noch weiter in die Urzeit zurückgingen und eine Heldin aus der Zeit der Pfahlbauten wählten und sie Zwiesprache halten ließen mit dem Monde, der in ihrem heimathlichen See sich spiegelt, oder ein Lied singen zum Preise der „Steinbohrer“, von denen der schönste Jüngling ihr Herz gewonnen hat, so würde unser Denken und Empfinden auch diese altersgraueste Cultur ankränkeln und die Dichtung uns vielfach gemahnen wie eine neueste Dorfgeschichte, die nicht auf dem Schwarzwalde, sondern auf den Pfahlbauten spielt. Darum sollen unsere Dichter nur Stoffe der Neuzeit wählen; ältere Stoffe werden entweder „modernisirt“, das heißt ihre Façon wird umgebogen und ihre Farbe oft ausgewaschen – oder sie verlieren, bei treu alterthümlicher Haltung, die Sympathien der Gegenwart.

Jordan’s Brunhild zeigt sich uns noch einmal in ihrer dämonischen Schönheit in der Badescene, welche der Dichter mit künstlerischem Auge belauscht hat, und in ihrem Flammentod, einem jedenfalls großartigen, für die gewaltige Walkyre geeigneten Abschluß.

Wenn die wildschönen Partieen des Gedichtes sich an die Schicksale der Brunhild knüpfen, so verbreitet die sanfte Chriemhild einen milden Reiz über die Gesänge, deren Heldin sie ist. Wie anmuthig dargestellt ist Siegfried’s Brautwerbung, wie rührend sein Abschied! In diesen Schilderungen mischt sich deutsche Innigkeit mit jener antiken Naivetät, wie sie der Vater der Dichtkunst, der Grieche Homer, seinen unsterblichen Gesängen eingehaucht hat.

Doch neben diesen Glanzstellen der Dichtung im großartig Gewaltigen und lieblich Zarten findet sich auch viel Unbedeutendes und Ermüdendes von epischer Breitspurigkeit, ohne Anziehungskraft, Nachdichtungen eines sagenhaften Stoffes, der für uns in vielen Hauptzügen ungenießbar ist. Was soll uns der Prolog im Himmel, was der Congreß der altdeutschen Götter, deren Eingriffe in das Menschengeschick ja nur die freie Entfaltung der Charaktere stören können? Selbst unser Nibelungenepos hat diese himmlische Ouverture verschmäht. Der ganze Knäuel altnordischer Sagen mit ihrer unschönen und oft bedeutungslosen Bildlichkeit entwirrt und verwirrt sich wieder in mehreren langathmigen Gesängen der Dichtung, während die Schilderung altgermanischer Sitten, wie der Kampf- und Ringspiele, in ihrer Aeußerlichkeit doch nur Interesse für den Alterthumsforscher hat. Denn wo das culturhistorische Museum anfängt, hört die Poesie auf.

Eigenthümlich ist auch die Form der Dichtung; ich müßte einen sehr gelehrten Vortrag halten, Madame, wenn ich Ihnen diese originelle Gewandung auseinanderhefteln wollte. Ihr Schnitt ist zwar ein urdeutscher, aber desto fremdartiger für die Gegenwart. Sie müssen alles vergessen, Madame, was Sie von deutscher Verskunst gelernt haben, am wenigsten aber „Füße“ zählen wollen; denn [348] diese altgermanischen Verse sind nur ein insectenartiges Durcheinanderkrabbeln. Auch mit der Elle lassen sich diese Verszeilen nicht messen; denn die Einen sind noch einmal so lang als die Anderen. Und doch sind es immer vier Hebungen und vier Senkungen; doch in den Senkungen – da wimmelt’s durcheinander von Silben und Wörtern.

Ach, Wellen und Wolken sind Wahngebilde –

so lautet das uns verständliche und allerdings vorherrschende Versschema. Daneben finden sich aber auch Versungeheuer, wie das folgende:

Plätscherten mit den Schweifen und plauderten geschwätzig,

und dieser wie Gummi Elasticum ausgedehnte Vers soll in dasselbe Schema zusammenschnurren, wie der vorausgehende! Das rhythmische Gefühl läßt sich durch die malerischen Wirkungen nicht bestechen, die durch die ausnehmende Freiheit der metrischen Bewegung erreicht werden können. Statt des volltönenden Reims aber sollen wir uns mit einem altgermanischen Ersatz begnügen, mit dem Antönen gleichlautender Consonanten, welches doch nur als ein flüsterndes Suchen des Wohlklangs erscheint. Jordan beherrscht diese erneuerten urwüchsigen Formen mit seltenem Talent und entlockt ihrer Sprödheit manche anmuthende Wirkung. Noch bedeutender zeigt sich seine dichterische Gabe in der Darstellungsweise selbst, welche fast immer das ruhige Gleichmaß erzählender Dichtung wahrt und durch Vergleichungen von großer Klarheit und Schönheit gehoben wird. Ein beträchtlicher Theil dieser behaglich ausgeführten Bilder ist dem Naturleben entnommen und verräth eine scharfe Beobachtung und genaue Kunde der Vorgänge in der Thier- und Pflanzenwelt, wie der Erscheinungen, die das Spiel der elementarischen Gewalten darbietet. Dies Leben, das dem ewig gleichen Gesetz gehorcht, verbindet auch über die Kluft der Zeiten hinüber die anders redenden und denkenden Menschengeschlechter.

So sind Jordan’s „Nibelungen“ eine talentvolle Erneuerung urzeitlicher Dichtung; nimmer aber ist die Wiedergeburt fertiger Sagen die preiswürdigste Aufgabe der Poeten. Mögen sie aus dem Geiste ihres Jahrhunderts herausdichten! So haben Dante, Shakespeare, ja selbst die alten Skalden gedichtet. Aus den alten Hünengräbern werden nur rostige Schwerter herausgewühlt; aber im Sonnenschein funkeln die guten Schwerter, welche die Ritter des Geistes schwingen im Dienste der Freiheit und Humanität, der erhabenen Ideale der Neuzeit.