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Titel: Leitmuscheln
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aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 680
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[680] Leitmuscheln. Was das für Dinge sind, wird wohl vielen Lesern und Leserinnen der Gartenlaube noch unbekannt sein. Wenn ein Brunnengräber irgendwo in der Erde eine alte Waffe oder Aschenurne oder Münzen oder einen alten Mosaikfußboden findet, so hat er – Leitmuscheln gefunden. Das ist nun freilich nicht buchstäblich zu nehmen, denn es sind ja keine Muscheln, was er gefunden hat. Aber buchstäblich darf die erste Sylbe genommen werden, denn der Brunnengräber oder vielmehr der Alterthumsforscher, dem er die Dinge bringt, wird dadurch geleitet. Worauf denn? Auf welt- und kulturgeschichtliche Vermuthungen und Schlüsse. Solche Funde beleben oft mit einem hellen Lichte einen weiten Umkreis. Durch dieselben kann die Oertlichkeit eines ehemaligen Kampfes, die Lage einer untergegangenen Stadt, die Grenzen des Vordringens eines Eroberungsvolkes festgestellt werden. Was hier dem Geschichtsforscher dergleichen Alterthümer leisten, das leisten dem Erdgeschichtsforscher Muscheln, nämlich versteinerte; aber nicht blos Muscheln, sondern auch andere thierische und pflanzliche Ueberreste. Am meisten thun es allerdings versteinerte Muscheln und Schneckengehäuse. Weil nun aber auch andere Versteinerungen solche Leiter siud, so sagt man in neuerer Zeit lieber Leitfossilien (zu deutsch Leitversteinerungen). Aber nicht jede alte Münze, nicht jede Versteinerung leitet gleich bestimmt und sicher.

Ein Topf mit alten römischen Münzen sagt zunächst blos, daß auf dem Platze oder in der Nähe einstmals eine römische Niederlassung gewesen sein mag. Aber zu welcher Zeit? Dies sagen nur alle Münzen übereinstimmend, wenn sie alle von gleichem Gepräge sind. Sind sie von ungleichem Gepräge und tragen sie die Brustbilder verschiedener Kaiser, so geben blos die Münzen mit dem neuesten Gepräge einen Aufschluß über die Zeit der muthmaßlichen Niederlassung. Fänden wir nun in den verschiedensten von einander entfernten Ländern Münzen von gleichem Gepräge, so dürften wir mit Fug und Recht schließen, daß an allen diesen Orten gleichzeitig römische Niederlassungen bestanden hätten. – So können uns solche alte Münzen zu geschichtlichem Verständniß einer Gegend leiten.

Genau denselben Dienst leisten nun die Versteinerungen. Wenn wir z. B. überall auf der Erde in den Schieferthonschichten der Steinkohlenformation Abdrücke theils von denselben, theils wenigstens von sehr nahe verwandten Pflanzenarten finden, so dürfen wir daraus den Schluß ziehen, daß damals – nach Humboldt’s Schätzung vor etwa 7 Millionen Jahren – überall auf der Erde ziemlich die gleichen klimatischen Verhältnisse geherrscht haben. Wenn wir ferner z. B. in den ältesten versteinerungführenden Schichten der Grauwacke, wo dieselben auch immer untersucht worden sein mögen, stets Versteinerungen von einer sonderbaren – den Krebsen zunächst stehenden – Thierfamilie finden, welche sich schon in der nächst jüngeren Steinkohlenformation nicht mehr, und noch weit weniger in noch jüngeren Formationen wiederfinden, und wir treffen dann diese Versteinerungen in einer bisher noch nie untersuchten, vielleicht in einem neuentdeckten Lande liegenden Gebirgsschicht an, so werden wir dadurch zu dem Schlusse geleitet, daß diese Gebirgsschicht zu der Grauwackenformation gehöre, d. h. in derselben Erdepoche, wie diese, gebildet sei.

Dieses Auftreten gewisser Versteinerungen leitet viel sicherer auf die Erkennung der gleichalterigen, wenn auch weit von einander entlegenen, vielleicht durch Meere getrennten Schichten, als die übrige Beschaffenheit der Gesteine derselben; weil die letzteren bei den Schichten derselben Bildungsepoche oft sehr verschieden ist, da die Bildung unter sehr mannichfaltigen Umständen stattfinden konnte. Wo immer wir in einer Felsschicht die Arten der Muschelgattung Cardinia finden, da können wir sicher sein, eine Schicht der untersten Abtheilung der Juraformation vor uns zu haben.

Wir begreifen nun vollkommen, wie wichtig für das Studium der Erdgeschichte die Kenntniß der Leitfossilien ist, und wie treffend man die Versteinerungen die „Denkmünzen“ der Schöpfung genannt hat. Da die Zahl der Freunde dieses Studiums täglich wächst und mit ihr die Zahl der Lehrbücher der populären Geologie, so fühlte ich mich zu obigen kurzen Erläuterungen veranlaßt, welchen ich noch die vielleicht manchem Leser erwünschte Bemerkung anknüpfe, daß das streng unter wissenschaftlicher Leitung stehende „Mineralien-Comptoir in Heidelberg“ in neuester Zeit verkäufliche Sammlungen der wichtigsten Leitfossilien aller Formationen und derjenigen lebenden Arten, welche mit jenen zum Studium der Altersfolge der Gebirgsschichten dienen, vorräthig hält.