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Titel: Der Seehund
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aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 680
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[680] Der Seehund. Der Seehund besitzt eine bedeutende Gehirnentwickelung und einen Scharfsinn, der ihm selbst unter den Hausthieren einen hohen Rang gibt. Er ist leicht gezähmt und offenbart einen Grad von Anhänglichkeit für häusliches Leben, welcher nur dem Hunde, diesem treuesten Freunde des Menschen, den Vorrang läßt. Diesen Zug bemerkte schon Plinius und Cuvier beschreibt einen, der viel Intelligenz verrieth und manche Schelmereien ausführte. Wollte man z. B., daß er sich auf sein Hintertheil erhebe und, eine Schildwache nachahmend, einen Stock zwischen seine Pfoten nehme, so gehorchte er dem Commandowort; auch legte er sich, je nachdem man es wünschte, auf die rechte oder linke Seite, oder schoß einen Purzelbaum. Er reichte seine Pfote wie ein Hund. und spitzte seine Lippen zum Kuß. Diese Anhänglichkeit zu seinem Herrn, insbesondere zu denen, die ihn füttern, nahm man auch bei dem Seehunde wahr, welcher sich im zoologischen Garten des Regents Parks befand. Dieser bewies einen merkwürdigen Grad von Lebhaftigkeit und Verstand, wenn er seinen Pfleger von fern erblickte. Folgende Geschichte aber ist wohl, wenn nicht die überzeugendste, so doch die ergreifendste, von der häuslichen Natur und Anhänglichkeit der Phoca vitulina, oder des gemeinen Seehundes, deren Authenticität unbezweifelbar ist. – In dem Hause eines Landmannes, nahe der Seeküste in Irland, wurde ein junger Seehund aufgezogen. Er wuchs zusehends. Seine Gewohnheiten waren unschuldiger und freundlicher Natur; er spielte mit den Kindern, war familiär mit der Dienerschaft, und anhänglich an Haus und Familie. Im Sommer machte es ihm Vergnügen, sich in der Sonne zu sonnen; im Winter, vor dem Feuer zu liegen oder, gestattete man es ihm, in den großen Ofen zu kriechen, dieses Anhängsel einer irischen Küche. Da traf es sich, daß das Schwarzvieh in eine absonderliche Krankheit verfiel, woran mehrere starben. Kein Mittel wollte helfen. In seiner Verzweiflung befragte der leichtgläubige Eigenthümer eine alte Hexe. Diese behauptete, die Sterblichkeit unter seinem Vieh käme davon her, daß er um sein Hans ein unreines Thier dulde – den harmlosen und belustigenden Seehund, und daß er sich desselben entledigen müsse, sollte das Sterben unter seinem Vieh aufhören. Der abergläubische Landmann ließ das Thier in ein Boot schaffen und oberhalb der Insel Clare in die See werfen. Am nächsten Morgen fand man den Seehund ruhig im Ofen schlafen. Er war durch ein offenes Fenster gekrochen, und hatte sich nach seinem Lieblingsplatz begeben. Der sonst gutmüthige Landmann ließ ihn eine Zeitlang im Hause. Da aber das Vieh nicht aufhörte zu sterben, so wurde der Seehund von Neuem verurtheilt, in noch weiterer Entfernung, als das erste Mal, in die See geworfen zu werden. Als am zweiten Abende eben die Dienerin das Küchenfeuer schürte, hörte sie ein Kratzen an der Thüre, sie öffnete und herein kam – der Seehund, einen eigenthümlichen Freudenschrei ausstoßend, weil er sich wieder zu Hause befand. Hierauf streckte er sich beim Heerde nieder, und fiel in einen gesunden Schlaf. Die alte Hexe wurde von Neuem befragt. Diese sagte, es wäre nicht rathsam, dan Thier zu tödten, man sollte ihm die Augen ausstechen und es dann in die See werfen. Der einfältige Mensch gehorchte dem barbarischen Rathe, und das unschuldige Geschöpf wurde seines Augenlichtes beraubt und zum dritten Male, während es sich noch im Todesschmerze wand, tief in die See hineingebracht und hineingeworfen. In der achten Nacht, nachdem das harmlose Thier dem Ocean Übergeben worden, blies ein starker Wind. In den Pausen des Sturmes hörte die Dienerin klagende Töne, welche sie für das Banshee, d. h. für die Stimme hielt, welche nach dem Aberglauben in jener Gegend den Tod irgend eines Familiengliedes verkündiget. Am nächsten Morgen fand man den Seehund todt auf der Thürschwelle liegen.