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Textdaten
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Autor: Otto Moser
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Titel: Leipzigs Juden-Ecke
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 32, S. 532–535
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Die Gartenlaube (1871) b 533.jpg
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[532]
Leipzigs Juden-Ecke.
Erinnerung an das alte Leipzig.


Tausende von Leipziger Meß- und anderen Fremden unter unseren Zeitgenossen haben, wenn wir auf etwa zehn Jahre zurückgehen, das Bild vollständig vor Augen gehabt, welches unsere Illustration ihnen heute vorführt, sowohl hinsichtlich der hervorragendsten Gebäude, als der Staffage. Sie erinnern sich noch der „Heuwage“ an der Ecke des Brühls und der Ritterstraße, eines Baues aus dem Reformationszeitalter, der schon wegen seiner Holzconstruction zwischen den Steinbauten, die ihn von allen Seiten umgaben, auffiel. Weniger düster, ja sogar stattlich in seiner Ausdehnung, präsentirte sich der Heuwage [534] gegenüber das „Georgenhaus“; um so düsterer aber war der Inhalt und Zweck desselben, welchen die „eisernen Vorhänglein“ an vielen Fenstern nur leise andeuteten; denn sah es nicht viel zu respectabel und ehrbar aus für eines der ältesten deutschen Zuchthäuser? – Und doch versteckte sich hinter dem Ritter St. Georg des Hauptthores solche profane Bestimmung! – Zwischen beiden Gebäuden und in den angrenzenden Straßen findet der Reisende heute noch die Staffage unserer Abbildung; dagegen wird der Meßfremde, welcher diesen Herbst den altgewohnten Gang den Brühl entlang nach dem Schwanenteich hinschlendert, nun, wie schon seit Jahren rechts die Heuwage, auch das stattliche Georgenhaus vergeblich suchen. – Es ist von der Erde verschwunden, um einer verbreiterten Straße und einem Neubau Platz zu machen.

Ebendeßhalb glaubten wir den unzähligen jährlichen Gästen Leipzigs, zu welchen Tausende unserer Leser gehören, nach Wunsch zu handeln, wenn wir die Erinnerung an dieses alte Stück Leipzig durch unser Bild unterstützen und dabei einen Einblick in die Vergangenheit dieser verschwundenen Bauten und des noch blühenden Straßenlebens eröffnen.

So lange Leipzigs Name genannt wird, kommt es als eine Stätte rühriger Thätigkeit vor. Urkundlich erscheint es zuerst als slavisches Dorf. Es soll nämlich schon im zehnten Jahrhundert eine Art Handelsplatz gewesen sein, wohin man von den umliegenden Niederlassungen Vieh, Getreide und aus der Saalgegend Salz brachte. Dies wird um so wahrscheinlicher, als Leipzig, im Norden, Westen und Süden von undurchdringlichen Sümpfen und Waldungen umgeben, ein durch sein festes Schloß geschütztes Magazin bildete, zu welchem man nur aus östlicher Richtung gelangen konnte.

Als das Christenthum die Slavengötter gestürzt hatte, trat für Leipzig der Zeitpunkt ein, wo es mit raschen Schritten seiner Blüthezeit entgegenging. Die geistlichen Herren ließen durch Waldungen und Sümpfe hindurch neue Straßenverbindungen herstellen, bauten stattliche Kirchen und Klöster und verbreiteten, unterstützt durch den lebhaften Handelsverkehr Leipzigs mit ganz Mitteleuropa, eifrig Cultur und Gesittung. Zu ihren Schöpfungen gehörte auch das Hospital zu St. Georgen, welches im Jahr 1222 gleichzeitig mit dem Thomaskloster zum Besten armer Pilger und Wandersleute, die vormals auf den Straßen lagen und die Niemand aufnehmen wollte, erbaut und von den Mönchen über zweihundert Jahre hindurch verwaltet, dann aber auf die Bitte der Bürgerschaft an diese verkauft wurde. Noch lange fanden hier arme, kranke Fremdlinge liebevolle Pflege und Erquickung um Gottes willen, und fromme Herzen bereicherten die Stiftung durch Gaben und Vermächtnisse. Aber mit der Veränderung des allgemeinen Verkehrs und besonders durch größere Bequemlichkeit beim Reisen wurden derartige Asyle überflüssig, und man beabsichtigte, aus dem Georgenhospitale ein Versorgungshaus für alte dürftige Männer und Frauen zu machen. Diesen Plan vereitelte die Brandfackel des dreißigjährigen Kriegs. Das Georgenhospital wurde niedergebrannt, um mit seinen festen Mauern dem gegen Leipzig heranziehenden Tilly bei Belagerung der Stadt keinen Stützpunkt zu gewähren.

Jetzt begann für das ehrwürdige Barmherzigkeitsstift seine zweite, culturhistorisch höchst interessante Periode. Es waren nämlich bei dem Rathe der Stadt viele Klagen eingelaufen, daß sich eine Menge „unsinnige, muthwillige und ungerathene Leute“ herumtrieben und der Bürgerschaft beschwerlich fielen. Man dachte also an ein Mittel, die Unbändigen zu bändigen, und gerieth auf den Gedanken, das Georgenhospital in eine Zwangsanstalt umzuwandeln. Hierdurch erlangte das in der Nähe des Johanniskirchleins neu aufgebaute Gebäude die Ehre, eines der ersten deutschen Zuchthäuser zu werden. Der Rathsherr und Kaufmann Ulrich Welsch, nach dem heute noch die Ulrichsgasse in Leipzig ihren Namen führt, übernahm „zur Ehre Gottes und zur Bestrafung des Bösen“ die ihn als originellen Kauz bezeichnende innere Einrichtung. Sämmtlichen Räumen für Wohnung und Arbeit der Gefangenen und selbst den Kerkern gab er Namen italienischer Städte, so daß die ganze verwahrloste Gesellschaft in Rom, Verona, Mailand, Padua und noch sechszehn andern berühmten Ortschaften des schönen „Welschlands“ wohnte, Ueber dem Eingange sah man einen mit Ketten und einem Klotze am Beine belasteten Gefangenen, der Holz raspelte und über dessen Rücken ein Zuchtmeister die Geißel schwang. Bezeichnend für die „gute alte Zeit“ ist es, daß man neben diesem schlimmen Gesindel auch die vater- und mutterlosen Waisen hier unterbrachte und außerdem – ein „Pensionat“ würde es unsere moderne Ausdrucksweise bezeichnen – damit verband, in welchem „ungerathene und ungehorsame Manns- und Frauensleute, welche das Ihre durchbrächten und verzehrten und also zuletzt an den Bettelstab kämen und, wenn ihnen nicht geholfen würde, wohl dem Henker in die Hände gerathen und an ihrer Seele Schaden und Schiffbruch leiden möchten, von Eltern, Vormündern und Verwandten angeklagt und gegen Geld durch Zucht und Zwang bändig gemacht und zu Gottesfurcht und fleißiger Arbeit angehalten werden sollten.“

Schon nach dreißig Jahren war jedoch dieses Georgenhaus zu enge geworden für seine Bewohnerschaft, und man mußte an einen Neubau denken. Hierzu wählte man den Platz, auf welchem bis zur Reformation die uralte Frauenkirche und neben ihr die berühmte Klosterschule der Zellaischen Cisterzienser, dann ein Kornhaus und Reithaus gestanden hatte, und sich seit 1693 das – Opernhaus befand. In Leipzig spielte schon 1672 auf dem Boden der Fleischbank in der Reichsstraße Magister Johann Veltheim mit seiner aus Studenten geworbenen, für jene Zeit ziemlich regelmäßigen Truppe Tragödien und Harlekinaden. An den Höfen hatte sich damals die italienische Oper eingeschmeichelt und Leipzig muß ebenfalls Geschmack daran gefunden haben, da man ein Opernhaus baute, das am 8. Mai mit „Daphne“, componirt von den kurfürstlichen Capellmeistern Peranda und Bontempi, eröffnet wurde. Was aufgeführt werden sollte, verkündeten keine Zettel, sondern gemalte Schilder, die man an quer über die Straße gezogenen Leinen aufhing und welche den Namen und Inhalt der Oper und die Zeit ihres Anfangs enthielten. Am 1. October 1699 besuchte König August der Starke mit seinem ganzen zahlreichen polnischen und sächsischen Hofstaate und vielen fürstlichen Gästen das Opernhaus, und fanden die Leistungen der Sänger und Musiker großen Beifall. Wenige Monate später siedelte die Oper nach dem Börsengebäude über, und auf der Stätte, wo zuerst die Mönche gesungen, dann Kornmäuse gezwitschert und Rosse gewiehert, und zuletzt die Opernsänger ein kunstsinniges Publicum entzückt hatten, ertönten die Hämmerschläge, unter denen sich die Mauern des neuen Georgenhauses erhoben. –

Jetzt, gerade hundertsiebenzig Jahre nach ihrer Entstehung, sind dieselben abgebrochen worden. Der gewaltige umfangreiche Bau mit seinem hohen Glockenthurme und seiner bunt durcheinander gewürfelten Bevölkerung – Versorgten, Geisteskranken und arbeitsscheuen Subjecten, welche letztere sich mit drastischem Humor in Bezug auf das steinerne, speerbewehrte Bild des Ritters Georg über dem Hauptthore als „Brüderschaft von Sanct Stich“ zu bezeichnen pflegten – ist nun verschwunden, um der Leipziger Credit-Anstalt Platz zu machen.

Dieses weitbekannte Bankinstitut hätte aber auch für seinen Geschäftspalast nirgends classischeren Boden finden können, als am Brühl, der vielhundertjährigen Stätte des lebhaftesten Meßverkehrs. Es gab hier kein Haus, in dem nicht der Handel herrschte, und zweiundzwanzig Gasthöfe in dieser einen Straße bezeugten, daß der Brühl auch reiche Einkehr genoß. Das altehrwürdige Wagegebäude mit seinen wunderlichen Einfahrten und unheimlichen Gängen stand, für das Abwägen der Waaren in bequemer Nähe, am Eck der Ritterstraße, und um diese alte Wage drehte sich der lebendigste Meßverkehr, insbesondere der jüdischen Kleinhändler, die hier aus allen Winkeln der Welt zusammenströmten. War doch der Brühl die eigentliche alte Heimath des auserwählten Volks. Schon sechshundertjährige Urkunden nennen die Juden als Schöpfer und Pfleger unseres Handels, indem sie durch Geschäftigkeit und Eifer die Bürgerschaft auf die Handlung aufmerksam machten. Merkwürdig ist, daß trotz des steten Verkehrs der Juden mit Leipzig man hier keine Judengasse, wie in andern Städten und selbst Städtchen findet, daß denselben folglich hier keine bleibenden Wohnsitze gestattet waren. Ihr steter Aufenthalt während der Meßzeit war der Brühl. Im Jahre 1502 wurde der Jude Levi auf einen Scheiterhaufen gesetzt und verbrannt, weil er falsches Geld gemacht hatte. Während des 16. und 17. Jahrhunderts kommen in Leipzig bisweilen Judentaufen vor, wobei die Täuflinge fast immer auf das Taufgeld speculirten und, wenn es ihnen nicht vor der Taufe eingehändigt wurde, wohl gar heimlich davonliefen. Ungerechte [535] Beschränkungen scheinen erst im 17. Jahrhundert eingeführt worden zu sein. So hatte man ihnen früher im Brühl ungehindert ihren Gottesdienst gestattet, der 1704 untersagt und erst später wieder erlaubt wurde. Ferner mußten sie auf ihren Geleitszetteln nachweisen, daß sie auf der Reise nach Leipzig nicht von den Stapelstraßen abgewichen waren. Ihre Weiber, Diener und selbst die Rabbiner mußten einen Leibzoll entrichten, wovon man nur Kinder und trotz der eifrigen Verwendung ihres Bevollmächtigten, des braven Elias Berend Lehmann, nicht einmal die armen Betteljuden und ihre Weiber befreite. Außer den Judenpässen sollten den israelitschen Handelsleuten keine Freizettel ertheilt werden und nur Pässe gültig sein, die königliche Majestät eigenhändig unterschrieben hätte, oder welche sich im Besitz von Münzjuden oder Kammerjuden befänden. Offene Verkaufsgewölbe waren ihnen nicht gestattet, sondern sie durften ihre Waaren nur in Wohnungen oder Kammern verkaufen, mit Ausnahme der Federjuden, welchen eine nothdürftige Verkaufsstätte vergönnt blieb; Spuren von Humanität gegen das bedrückte Volk findet man erst in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, wo die Beamten bei der Wage, der Post, der Accise und den Zollstätten angewiesen wurden, die Juden mit Glimpf zu behandeln, und man ihnen gestattete – seit 1764 – sich auch außer den Messen in Leipzig aufzuhalten, jedoch nach bestimmten Verordnungen, darunter auch, daß sie im Brühl wohnen mußten. Die treue Anhänglichkeit der Juden an den Brühl, wo ihre Voreltern schon vor länger als einem halben Jahrtausend Geschäftchen machten, haben sie einmüthig bewahrt bis auf den heutigen Tag, und namentlich der Platz zwischen der alten Wage und dem Georgenhause blieb das Geschäftseldorado, die gefeierte Ecke, wo noch immer Milch und Honig fleußt!

Noch muß einer Sage gedacht werden, welche sich an das nunmehr verschwundene Georgenhaus knüpft und bezeugt, wie leicht das Volk eine solche zurechtzulegen weiß. Ueber dem Portale befand sich, wie bemerkt, eine Kampfscene des zu Rosse sitzenden Ritters Georg mit dem Drachen, welche man auch in bunter Schilderei über der Thür eines Hauses auf dem Thomaskirchhofe antrifft, und die bekanntlich eine Allegorie der siegenden christlichen Kirche über das Heidentum darstellen soll. An einer Kelleröffnung der Nicolaikirche sieht man an dem Eisengitter ein mächtiges Hufeisen, muthmaßlich das Erinnerungszeichen an einen vor Jahrhunderten hier begrabenen frommen Schmied. Das Volk aber erzählt, im schlammigen Wallgraben der Pleißenburg habe der Ritter Georg den Drachen aufgestöbert und ihn vor sich hertreibend auf dem Thomaskirchhofe die erste Wunde beigebracht. Beim Nicolaikirchhofe sei seinem Pferde ein Hufeisen abgeflogen, das man an jenem Kellergitter befestigte, und am Georgenhause habe er endlich den Drachen eingeholt und, wie das Steinbild verewige, getödtet. Mit dem Hause wird auch diese naive Sage verschwinden, es wäre denn, daß sie ebenfalls in den großartigen Neubau mit übersiedelte. Die Volkspoesie ist hartnäckig!

Otto Moser.