Land und Leute/Nr. 48. Jahrmarkt im baierischen Hochland

Textdaten
<<< >>>
Autor: Karl Stieler
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Jahrmarkt im baierischen Hochland
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 188–192
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Reisebericht aus der Artikelserie Land und Leute, Nr. 48
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[188]

Land und Leute.

Nr. 48.0 Jahrmarkt im baierischen Hochland.

Es gab eine Zeit in unserem baierischen Hochland, wo die Berge zugleich die Mauern des Landes waren; in tiefer Abgeschlossenheit lebte das Volk dahin, und nur zum eigenen Bedarf nützte man damals die Heerden auf der Weide und das Korn in der Scheuer. Das Wenige aber, was von auswärts kam oder nach auswärts ging, trug das Saumroß über den Bergsteig, doch allenthalben an Weg und Brücken lag harter Zoll, sodaß das „Saumergewerk“ oft schwere Mühsal litt.

Zwar standen so manche unserer Gebirgsdörfer an den uralten historischen Handelsstraßen , wie z. B. Partenkirchen; durch den Chiemgau führte der Weg aus dem Vorland nach den Tauern, aber die Mehrzahl der Orte lag doch in tiefer unberührter Einsamkeit. Für sie war es ein Ereigniß, wenn ihnen aus kaiserlicher oder landesherrlicher Gnade das Marktrecht verliehen ward; denn auf den Jahrmärkten, die kraft dieses Privilegs gehalten wurden, kam der Bauer zuerst mit fremdem Volk und fremder Waare zusammen. In der Regel wurden diese Jahrmärkte nach den Heiligen genannt, an deren Fest sie grenzten, und fast ausnahmslos fanden sie an einem Sonntag statt, wo auch der gemeine Mann freie Zeit und freie Bewegung hat. Hier mochte sich dann der uralte Brauch des katholischen Volkslebens am besten bewähren, daß Frömmigkeit und Lebenslust sich trefflich vertragen, neben der Kirche muß das richtige Wirthshaus stehen, und in den letzten Glockenton hallt der erste Juhschrei.

Seitdem hat sich freilich die Zeit wundersam gewandelt, aber dieser Satz, der ungeschrieben doch zur uralten lex Bajuvariorum gehört, gilt noch heute, und auch heute noch ist der Sonntag, wo Markt gehalten wird, ein Fest für die ganze Umgegend. Und so möchten wir denn den freundlichen Leser auf einen jener oberbaierischen Märkte begleiten, wie sie etwa im Sommer in Tölz, in Miesbach oder in Gmund im Brauche sind – und wir hoffen, es soll ihm der Tag nicht zu lang werden.

Auf allen Straßen der Nachbarschaft spürt man schon einige Tage zuvor den fremden Zuzug, Kärrner mit hageren Rößlein trotten des Weges, vor Allem aber ist der Stellwagen hoch geladen mit Kisten und Koffern. In seinem Innern sitzen zusammengepfercht die dicken Krämerfrauen schnatternd und keifend, doch der Kutscher macht nicht viel Federlesens; denn unser Oberländer hat wenig Respect vor diesen Nomaden des Handels. Ihm gilt nur ein Dasein auf eigenem Grund und Boden als rühmlich.

„Mach’, daß D’ einikommst, alte Schachtel!“ herrscht er die Letztgekommene an und schleudert mit einem Griff sie selber in den Wagen und ihren Reisesack auf’s Dach. Dann trinkt er noch eine „Extramaß“, „weil heut der Wagen so voll ist,“ und im gemächlichen Trab geht’s von dannen.

Sein Fuhrwerk ist längst im Staub der Straße verschwunden – da kommt noch eine andere Karawane des Weges. Es ist ein Wagen, wie eine Arche Noah; aus den Fenstern schauen ungekämmte Kinder mit schwarzem Gelock; ein lediger Pony und ein geschorener Pudel trotten hinterdrein, und zu beiden Seiten gehen Männer mit langgestreckten Hälsen und strähnenartigem Haar, das noch die Spuren des Stirnreifs trägt. Ein unglaubliches Negligé umhüllt ihre Glieder, die sonst im silberfarbigen Tricot paradiren; es sind Künstler, die zum Markte reisen, aber heute reisen sie noch – incognito.

Vor einem kleinen Wirthshause am Wege machen sie Rast. Auf der Schattenseite des Hauses wird abgekocht; die Kinder kollern im Staube; die Frauen zigeunern durch’s Haus, um Milch oder Schmalz zu erbitten, und drinnen, in der Wagenwohnung, wird

[189]
Die Gartenlaube (1882) b 189.jpg

Der bezwungene „Hercules“.
Nach dem Oelgemälde von J. Adam.

[190] unterdessen geflickt, gewaschen, gefäugt und gehämmert, wie’s eben die Stunde bringt.

Knurrend erhebt der Haushund Protest, und mit scheuen Augen blickt der Bauer auf dieses Treiben; sein Mitleid ist gemischt mit Widerwillen, aber dennoch lockt die Neugier Alt und Jung herbei aus dem Dörflein. Es kommt der Großvater mit seinen Enkeln; aus Stall und Stube schauen die Dirnlein hervor, und der Schmied drüben legt seinen Hammer nieder und rückt mit seinem Gesellen an.

So giebt’s im Nu eine ganze Gesellschaft.

Da meint wohl der „Hercules“, der die Truppe begleitet, daß man das Eisen schmieden müsse, so lang es heiß ist, und ehe man sich’s versieht, springt er in Gala aus dem Wanderwagen; die Eisenstange thut ihre verblüffende Wirkung, und im nächsten Augenblicke wird es laut verkündet: Zwanzig Mark Belohnung, wer den „baierischen Hercules“ (recte Mathias Hinterhuber) zu Boden bringt.

Eine dramatische Spannung faßt die Gemüther; der Alte bedauert zum ersten Mal, daß er sich schon im Stadinm des Großvaters befindet, und der Schmied blickt prüfend auf seine sehnigen Arme:

„Ja,“ meint er, „wenn i ’n niederschlagen dürft, na wär’s a leichts, aber ringen – dös hat so kein Werth nit.“

„Sag lieber, daß Du kei Schneid hast!“ erwidert der „Hercules“ im reinsten Altbaierisch, das mit dem hellenischen Stammbaum seines Namens seltsam contrastirt.

Da stürmt der Simei, der Oberknecht, durch die offene Stallthür. er hat nur halbe Worte gehört: „Schneid“, „niederwerfen“ u. dergl., aber das genügt, um alle Lebensgeister in ihm wachzurufen – war doch der Simei in Baierisch-Zell daheim.

„Wer hat kei Schneid?“ brüllt er dem gespreizten Gladiator entgegen, „probir’s, Du g’schecketer Hansdampf!“

Ein helles Lachen scholl bei diesen Worten, und unvermerkt wich auch der Kampfesgroll wieder dem Scherze.

„Zahlst mir a Maßl, wenn i ’s g’winn?“ rief der Simei dem Wirth entgegen.

„Jawohl, gern aa no’(ch),“ sprach der Wirth.

„Und ’s Grethei muß mir a Bussl geben?“ fügte er schalkhaft hinzu, mit einem Blick auf die Tochter des Hauses.

„Jawohl, gern aa no’(ch),“ sprach das Grethei.

Da war’s ein Augenblick und mit Sturmgewalt waren die Leiber der Kämpfenden in einander verschlungen; bald war der, bald jener in den Lüften; denn die ungefüge Naturkraft des Bauers hatte schweren Stand wider die blitzschnelle Gewandtheit des Ringers. Athemlos lauscht die Runde – da kracht der Boden von einem jähen Fall, und – von der eigenen Kraft noch fortgerissen – prallt der kühne Bauer zwei Schritte zurück. Sein Gegner rollt auf der Erde und stemmt die nackten Ellnbogen in’s Gras; zum Glück ist seinem Körper kein Leid geschehen, aber die Rüstung in diesem Turnei, das blanke Tricot, trägt eine klaffende Wunde, und sein – Ruhmesglanz ist dahin.

Das ist der einzige Schmerz, den er empfindet, wenn er die jubelnden Gesichter sieht; mit Schrecken schauen die Seinigen auf den gestürzten „Hercules“. Dann erhebt er sich schweigend und verschwindet in dem großen gelbgetünchten Wagen. Gar oft hat der arme Mann mehr Pflichtbewußtsein, als der reiche – wortlos bietet „Hercules“ dem Sieger das verlorene Goldstück dar. Aber der spricht lachend:

„B’halt Dein Geld! Du bist g’schlagen gnua, daß D’ verloren hast. B’hüt Di’ Gott!“

Keine Kränkung war damit dem Gegner zugedacht; nur ein heimathstolzes Selbstgefühl kräuselte die Lippen des kühnen Knechtes, und dann sprach er fröhlich, mit einem Schelmenblick wider den Wirth. „Kellnerin, a Maß!“

Mit dem Zeigefinger der Rechten aber winkte er unter die Menge und rief schmunzelnd: „Grethei!“

„Geh, gieb mir a Bussel
Und mach’ koa so G’sicht!
I mach’ schon die Aug’n zu,
Damit ’s Niemand siecht.

Denn die richtigen Dirndln
Die busseln so gern;
Und wie mehra daß s’ busseln,
Wie schöner daß s’ wer’n!“ –

Auch im Dorfe selbst aber zeigt bereits der „Markt“ seine lebensfrohen Spuren. Auf der Straße werden rechts und links die kleinen Bretterstände gezimmert; überall wird Platz geschafft für diese Eintagsherrlichkeit, und der Bierwagen des Wirthes ist heute noch einmal so hoch geladen wie sonst. Morgen sind’s wohl die Gäste.

Auch in Küche und Schlachthaus giebt’s Arbeit genug; denn man darf wohl auf tausend Fremde rechnen, und Mancher feiert schon den Abend vorher mit einer doppelten Atzung. Samstag Abend ist ja ohnedem den dunkleren Mächten unserer Natur geweiht, und wenn der Bergbauer, der noch eine Stunde heim hat, um elf Uhr vor die Thür des Wirthshauses tritt, dann dreht er sich schwindelnd um die eigene Achse und lugt in die Sterne und brummt: „Herrgott, aber morgen giebt’s an schönen Markt!“

Endlich kommt die Sonne hinter den Bergen hervor; die Sonntagsglocken schallen durch’s Thal, und überall herrscht buntbewegtes Leben. Auf der gewundenen Straße rollen die Bernerwäglein einher; das braune Pferd ist sorglich gestriegelt, und drinnen sitzt der Bauer mit seiner „Alten“ im Feierstaat oder ein kecker Bursch mit seiner Liebsten. Das stößt und stolpert über die harten Steine, daß Einem wohl die Seele aus dem Leibe fliegen möchte, aber unsere baierische „Volksseele“ ist nicht so sensibel. Je mehr Püffe, desto mehr Vergnügen, und dann ist’s doch immer noch „gefahren“ – denn stärker, als wir ahnen, hält ja gerade der Bauer auf’s Repräsentiren.

Aber auch wer zu Fuße kommt, trägt heute sein bestes Gewand, vor Allem die Mägdlein, die aus den Einödhöfen der Nachbarschaft heruntersteigen. Da schmückt die breite Goldschnur den Hut, und im Mieder prangt der „Buschen“ von rothen Nelken oder Geranium.

Der Zudrang ist so stark, daß gar nicht Alles in der Kirche Platz hat; schaarenweise stehen die Männer vor dem geöffneten Thor, mit dem Hut in der Hand, und wenn nun das Hochamt verklingt, dann drängt die ganze geschmückte Schaar hinaus auf den freien Platz, wo die Zwiesprach wohl noch ein Viertelstündlein dauert.

Hier ist ja das allgemeine „Rendez-vous“ der Bauernwelt; Leute, welche die ganze Woche hindurch nicht in’s Dorf kommen, weil sie im Holzschlag oder auf entlegenen Gehöften ihrer Arbeit pflegen, finden sich am Sonntag „vor der Kirch’“. Dann aber geht’s mit ganzem Eifer auf den Markt, der heute alle übrigen Interessen verdrängt; schon dröhnt die Trommel der „Künstler“, die im Wirthsgarten ihr Seil gespannt; schon hört man „Kasperl“ im Fistelton rumoren, kurzum, mit jeder Minute würde ein Wunder versäumt. Aber nur langsam und mühsam durchdringen wir dieses Gewühle hier und dort schallt lauter Gruß, wenn Bekannte sich begegnen, übermüthiger Neckruf klingt von Einem zum Andern, und dazwischen lassen sich die kreischenden Lobeshymnen der Krämer hören, die ihre Waare verkünden.

Am dichtesten ist das Gedränge indessen dort, wo der Kleiderteufel zu Markt sitzt; es werden Pers- und Wollenstoffe feilgeboten, vor Allem aber die schönen seidenen „Tücheln“, die das eigentliche Prachtstück des weiblichen Costüms bilden. Sie sind auch das populärste Geschenk, das der Bursch seinem Mädel bietet; sie schmücken die Fahnen, die beim Schießen als Preise vertheilt werden, und gar Mancher hofft, daß er damit den Weg von außen nach innen finde – vom Tüchel in’s Herz.

In langen Reihen stehen die Mägdlein hier vor dem verlockenden Laden. Es heißt wohl, daß schöne Mägdlein selten seien im baierischen Hochland, aber wer dort sich umsieht, der wird gern das Gegentheil gewahren. Nußbraun fallen die Zöpfe um die frohen Gesichter, und die kichernden Stimmen klingen hell durch einander, bis das schönste Stück gefunden und der äußerste Preis erzielt ist.

Doch auch Kleider männlichen Geschlechtes kommen zu Markte, in allen Längen und Formaten, und dieser nichtsnutzige Import trägt meines Erachtens keine kleine Schuld an dem Verschwinden unseres volksthümlichen Costüms. Den Bauer lockt das Neue, das Fremde, und vor Allem das Fertige; er spürt von der Devise „Billig und schlecht“, die jeden Jahrmarkt regiert, natürlich nur den ersten Theil, und so kommen unvermerkt jene grauen „Spenser“, schwarzen Hüte und langen Hosen in’s Land, die den Bauer auch äußerlich dem Bürger gleichmachen; denn die Gedanken, die unter einem schwarzen Filzhut aufwachsen, sind nun einmal andere, als [191] die, so unter einem kecken grünen Spitzhütlein gedeihen; auch in diesem tieferen culturgeschichtlichen Sinne kann man sagen: „Kleider machen Leute.“

Am meisten sucht natürlich das jüngere Geschlecht die „Mode“, und selbst der noch ganz kleine Filius, dem solch’ ein Markttag neue Hüllen schafft, wird schon in schwarzes Tuch oder in symbolisches Grau gekleidet, statt daß man ihn mit nackten Knieen aufwachsen ließe, wie es sein Vater und „Ahnl“ gethan. Am längsten hält sich noch die Joppe (die übrigens nicht baierischen Ursprungs ist, sondern aus Tirol kam), und auch davon giebt es reichen Vorrath; fast auf jedem größeren Markte ist der „Kochelschneider“ vertreten, der als Specialist in diesem Fache gilt, wie ja auch das Gewandstück selbst „Kochler-Joppe“ genannt wird.

Auch eine Feder am Hut mag der Bauer ungern entrathen, trotz aller modernen Versuchung, und so gehört denn ein Kaufstand, wo alles erdenkliche Federspiel vertreten ist, zu den unvermeidlichen Artikeln eines richtigen Marktes. Wer gern großthun will, kauft einen „Adlerflaum“; auch ein „Reiherspitz“ findet allzeit gute Kunden, aber das Beliebteste bleibt doch der „Gamsbart“ und die Spielhahnfeder. Mit den Händen in der Hosentasche stehen die jungen Bursche vor dem Kramladen dort und mustern die Waare, während so mancher achselzuckend vorübergeht und denkt: „Dös holt man si’ droben am Berg, nit herunten beim Kramer.“

„Herr Nachbar, a Parasol? Morgen regnet’s,“ ruft der Schirmfabrikant einem kurzgedrungenen Bauer zu, der eben vorüberstapft.

„Dös is g’scheid; na wachs’ i no’(ch) a bißel,“ lautet die Antwort, ohne daß der Redende sich umsieht.

„Aber schöne silberne Knöpf, dös wär’ scho was anders für an guten Bauern,“ tönt eine schrille Stimme aus dem nächsten Stand – „oder an Anhenker fürs Dirndl?“ (So nennt man das silberne Halsgeschmeid.)

„Da brauchst scho an eiserne Ketten zum Anhänge, und nachher kommens Dir do’(ch) no’(ch) aus,“ brummt der Alte dawider – abermals ohne sich umzusehen, der Krämer aber rafft mit beiden Händen seine Schätze auf und weist sie der lugenden Menge.

Hier findet sich noch so manches köstliche alte Ding an Schnürwerk und Geschmeide; denn manches Erbstück, das Jahrhunderte lang im Besitz derselben Familie war, wird heute leider veräußert oder gegen modernen Zierrath eingetauscht. Die „Herrschaften“ aber, die über Sommer auf’s Land kommen, lieben das „alte Zeug“, und gerade auf sie ist hier die Speculation gerichtet; in dichter Menge umdrängen die schönen Fräulein aus der Stadt die hölzerne Bude, um Knöpfe von Silberfiligran, oder Gürtelschließen oder ein Halsgeschmeid zu holen, das vor dreihundert Jahren auf der vollen Brust einer Bauerstochter glänzte, wenn sie der Jäger von Hohenwaldeck oder der Bergknapp von Hall zum Tanz geführt.

Unbekümmert um diese zarten Gestalten und ihre alterthümlichen Passionen drängt dort ein breitschultriger Bursche durch den engen Markt; sein Halsgeschmeid sind ein paar breite Eisenketten, die er für den Zuchtstier daheim gekauft und die er auf diese Weise am bequemsten transportirt; als holde Zuthat trägt er über der Schulter einige Hacken und Heugabeln, die gleichfalls an solchem Tage für den häuslichen Bedarf erworben werden.

„Anfg’schaugt!“ ruft er phlegmatisch, so oft sich einer an denselben gestoßen hat.

Auch ein Verkaufsstand mit feststehenden Messern gehört zu den nothwendigen Attributen eines baierischen Marktes. Der Gebrauch derselben ist zum Glück im Hochland unendlich seltener, als in Niederbaiern , wo sie bei jedem Streite sofort gezogen werden, aber als Waffe, als Zeichen seiner Wehrhaftigkeit will sie auch der Bauer in den Bergen nicht missen. Ja, es ist bezeichnend genug für die Charakteristik des Stammes, daß König Rudolph von Habsburg bereits in einem Landfrieden, der speciell für die baierischen Gebietstheile galt, ein Verbot dieser Art für nöthig hielt. Es heißt dort (dd. 6. Juli 1281). „Swer stechmezzer in den hosen trait (trägt), dem sul man die hand abslahen.“

So grimmig ist zwar die Polizei von heute nicht, aber an Verboten hat es auch im neunzehnten Jahrhundert niemals gefehlt und noch weniger an – ihrer Uebertretung.

Ganz leer geht wohl Niemand vom Markte heim; denn auch die Generosität kommt an einem solchen Tage zu ihrem Recht, und sie ist im Bauernstande vielleicht verbreiteter, als wir es denken. Das alte Sprüchwort „nothi’ is’s nit lust’“ gilt vor Allem, wenn man außer Haus geht; es ist Ehrensache, daß der Bursch seinem Mädchen ein Geschenk macht, wenn sie an diesem Tage zusammentreffen; der Pathe muß seiner „Godl'^ (das heißt dem Pathenkind) eine Gabe nach Hause bringen, und ebenso erwarten es die Kinder von den Eltern. Spielzeug aller Art liegt ausgebreitet, unschuldige Kränzlein für den Frohnleichnamstag, aber den Vorzug hat auch hier das Eßbare, „die essende Sach’“, wie der Bauer sagt. Darum ist der Lebzelter der populärste Mann mit seinen breiten braunen Herzen aus Pfefferkuchen, die ein geheimnißvoller Sinnspruch ziert. Roch geheimnißvoller freilich sind die Büchlein, die auf dem nächsten Stande ausgebreitet liegen: Ritter- und Räubergeschichten und Traumdeutereien.

„Stück für Stück zehn Pfennig,“ kreischt die Megäre, die diese Schätze hütet, und traumversunken steht der hochgewachsene Tiroler dort, der die Woche über als Holzknecht in den Bergen weilt; er hält seinen Schatz an der Hand, auch ein Tirolerkind aus dem Zillerthale, wie schon der breitkrempige Hut verräth. Das Büchlein, das er in den ungefügen Fingern hält, soll das Recept verrathen, wie man unfehlbar in der Lotterie gewinnen muß – er streicht die Stirn mit dem blonden Ringelhaar und schlägt die großen blauen Augen auf und blickt stumm auf das sanfte und frische Antlitz des Mägdleins, als wäre nun das Glück ihrer Beider geborgen. Mühsam holt er den Zehner aus dem ledernen Beutel, und fast verstohlen birgt er das Wunderbuch im Brustfleck und geht mit seinem Schatze an der Hand so schnell von dannen, daß er gar nicht hört, wie die Megäre zum Nächsten spricht: „Stück für Stück zehn Pfennig!“

Da wirbelt wieder die Trommel: – rrrr – rrrr – bumbum – und im Sturmschritte drängt sich Alles den Seiltänzern zu; „’n Hercules, den müß’ ma sehgn.“ Es ist unser armer Freund von gestern, aber zum Glück ist sein Verhängniß erst bei Wenigen ruchbar geworden. und so genießt ihn die Mehrheit noch im unverkürzten Nimbus. Schon den ganzen Morgen über war seine Eisenstange und ein schwerer Feldstein frei auf dem Platze gelegen damit Jeder sich daran versuchen könne; denn eine Verschleppung derselben war aus guten Gründen nicht zu besorgen. Ein dichter Kreis Schaulustiger umgiebt beständig die zwei gewaltigen Stücke. Der und Jener versuchte seine Kraft, aber nur ein achtzehnjähriges Bürschlein sah ich, das die Zweicentnerstange über den Kopf hob. Es war ein Futterknecht vom Bauer in der Au. Der Zauber, den die nackte Kraft auf den gemeinen Mann übt, bleibt ihm doch stets unwiderstehlich, das Elementare, Sinnenfällige, das darin liegt, hält ihn gefangen, und der Mann, der allein einen Fuhrwagen von der Stelle zieht, imponirt ihm unendlich mehr, als der verwehende Dampf, der einen ganzen Festzug beflügelt.

„Jetzt kimmt er, jetzt kimmt er,“ heißt es von allen Seiten, wenn nun der „Hercules“ in die umseilte Arena tritt; ein hoher Kieshaufen, der zur Seite steht, erscheint als günstige Tribüne; er ist im Nu erstürmt und fällt alsbald in sich zusammen unter der Last seiner neugierigen Besteiger. Unterdessen haranguirt ein abgeschabter Clown die Menge und erzählt unter Purzelbäumen die Biographie des „Hercules“, die in dem wichtigen Aviso gipfelt: „Ist noch nicht verheirathet.“

Hercules – es ist wohl der einzige Name, der sich aus der griechischen Mythologie in’s altbaierische Volksleben verirrt hat und der dort sogar eine Art Hausrecht gewonnen hat: der prächtige braune Zuchthengst des Weissachmüller’s heißt Hercules, wenn auch an der Stallthür „Herluckes“ geschrieben steht.

Und wenn nun die Production beginnt, da solltet ihr erst die glänzenden Bauernaugen sehen, die jedes Stück begleiten: er läßt sich den Oberarm mit einer starken Peitschenschnur umbinden und durch einen Ruck der Muskeln zerreißt er die Schnur; er wirft ein Messer auf den Tisch, daß es stecken bleibt, aber von seinem Arme prallt es ab, als ob es auf Eisen gefallen wäre. Und während noch Alles in höchster Spannung lebt, umkreist der bekannte Teller die „hochverehrte Versammlung“, aber zuerst den äußersten Ring, damit keiner entwische.

Mit verzweifelter Anstrengung macht „Kasperl“ dem verhaßten Gegner Concurrenz, und er hat hinwiederum den Vortheil, daß es dort Prügel in Menge giebt. Dieses erhabene Schauspiel bleibt dem Volke doch immer das liebste; die ganze dramatische Action liegt hier im Knüppel, den der Held des Stückes führt, und die Glanzstellen seiner Diction verhallen auf den Köpfen von Tod und Teufel. Wie unvertilgbar seit Jahrhunderten ist diese deutsche [192] Legende – trotz aller modernen Anwandlung, der selbst das Landvolk unterliegt!

Oder ist das nicht hoch modern, wenn dicht hinter der Bude des Hanswurstes ein photographisches Atelier steht, ad hoc für die „Herrn Landleute“ gezimmert? In solcher Stunde bringt der Bauer wohl das dümmste Gesicht zu Stande, das er jemals im Leben zeigte mit aufgerissenen Augen und ausgespreizten Beinen sitzt er dort, und neben ihm steht triumphirend ein Maßkrug als volksthümliches Ornament.

So wird ein Mensch, der sonst hervorragt durch freie Beweglichkeit, zum reinen Gliedermann unter dem feierlichen Drucke des Apparates, die Cameraden aber, die alsdann das Portrait bewundern, sagen ausnahmslos. „Ah, schön is er kemma,“ „akkrat wie’s Leben,“ und keiner versäumt hinzuzusetzen: „Siehst – an Maßkrug hat er aa.“

Daß der Maßkrug auch außerdem an Markttagen eine große Rolle spielt, ist natürlich; das viele Hin und Her und besonders das „Umeinandersteh’n“ macht müde und Müdigkeit zeugt Durst. So sind denn alle Gaststuben überfüllt; in der Fensternische und im Winkel sitzen die Alten und disputiren noch über dieses und jenes Geschäft; denn jeder Bauer hat ja heutzutage „so a bissel a Handelschaft“. Das kommt erst morgen recht an’s Licht; denn nach dem „Leutmarkt“ wird am Montag „Viechmarkt“ gehalten: so lautet die traditionelle Bezeichnung der beiden Tage.

Doch während die Alten klügeln und rechnen, dröhnt die Decke zu ihren Häupten; droben im Saale ist Schuhplattltanz für das junge Volk; denn auch das ist ein hergebrachtes Privileg des Markttages, daß an demselben Tanzmusik gehalten wird.

Es dämmert schon, bis das kleine Fuhrwerk wieder heimwärts trottet auf dem gewundenen Sträßlein, wo wir es zuerst gesehn. Der Bauer sitzt noch stramm und aufrecht darinnen, und er fühlt mit sichtlichem Stolz, daß er trotz schwerer Zeche so unversehrt davon gekommen – die Bäuerin aber schaut ihm nicht ohne Argwohn auf die Zügel und ist froh, daß wenigstens der Bräundl so sicher geht. Es wird spät, bis man heim kommt, aber trotzdem sind die Kinder noch auf und jubiliren den Alten entgegen. „Hast uns an Markt mitbracht?“ Auch das ist ein stehender Ausdruck der Volkssprache.

... Wie lind die Nacht ist! – Alles ging längst zur Ruhe in dem großen Bauerngehöft; nur Mann und Frau sind noch wach und sitzen auf der Hausbank vor der Thür. Vor ihnen dehnt sich Stall und Scheune; der alte Lindenbaum rauscht und blüht, und wenn sie da so schweigsam in die Sterne schauen, da mag es ihnen wohl durch die Seele gehen, was Erb’ und Eigen werth ist und wie glücklich neben all’ dem fahrenden Volk ein Mann ist, der Haus und Hof in hundertjähriger Folge sein nennt. Es giebt ein altes Sprüchwort:

„Eigen Rauch und Gemach
Geht über alle Sach’!“

Karl Stieler.