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Textdaten
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Autor: F. Schifkorn
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Titel: Die Csikos der Pußta
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 76–80
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Reisebericht aus der Artikelserie Land und Leute, Nr. 47
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[76] Land und Leute.

Rr. ^. Die Eftkos der Vn^ta.

Als in den Revolntiousjahren l^ bis l^ acke Welt er- stannt sich fragte, woher in dem schwach bevölkerten Magyarenlande ack die Reiterschaaren erständen, die sich immer und immer wieder den erprobtesten Schwadronen der besten Reite.rei der Welt entgegen- steckten, um, zehnmal geschlagen, schließlich doch das Feld zu.be- hanpten, da war es zu.eist die wehrhafte leicht bewegliche Sippe der Hirten in den weiten Pußteu, und an deren Spitze das Eentanrenvolk der Efikos , welches solches Wnnder bewirkte , ein Wnnder ackerdings nur für den Fremdeu, der Eigeuart dieser Steppenmenschen Uukuudigen.

Mußte es doch wahrhasag schon ein schlechter Efikos sein, der nicht eine Lammseckmütze nebst einem verschnürten Dolman, Stiesel und Sporen als Sonntagsstaat sein eigen nannte. was be- dnrste es weiter, als dem handsesten Barschen irgend einen alten Säbel in die krästige Faust zu drücken und der Hufar war fertig. Hei, und was für ein Hnfar!

Roß und Reiter gehärtet wie Stahl, nnempstndlich für Wind und Wetter, längst vertrarck mit des Soldaten schlimmsten Feinden, dem Hunger und dem Dnrft! Das Roß wnßte sich aus tiefem

Schnee noch die fpärliche Kost hervorzuholen e dem Reiter genügte ein wenig Speck zum harten Brodel gab es obendrein noch Dabak für die kürze Pfeife, dann ging es ftets mnnter und nnverdroffen vorwärts, und stieß man auf den Feind, so schwangen die ackzeit ranflufagen Gesecken ihre alten Säbel frohmnthig und nnverzagt.

So thaten sie, und so würden sie wieder thun, erschackte heute wieder der altbewährte Ruf, der diese rauhen, ehrlichen Herzen stets höher pochen läßt, der Rns.

„Für Baterland, Boll und König!“

Ob dieser Rns auch immer ehrlich gemeint ist, ob nicht bis- weilen ein wenig Rebeckion und Hochverrath dahinter steckt, darum kümmert sich der schlichte Sohn der Pußta nicht ackzu.sehre das Denken und Grübeln überläßt er rnhig Ienen, dte den Rns er- heben, und glaubt vockaus seine Schnldigkeit gethan zu.haben, wenn er dasür sein Bestes, sein Blut, eingesetzt hate denn was sein Gnt betrisst, so war und ist es ohnehin nicht der Rede werth.

Diese stete Kampsbereitschast, diese trotzige Entschlossenheit zu kriegerischem Hazardspiele eiues so uamhasteu Theiles der magyari- schen Bevölkerung erklärt nicht nur so manche Crtaurseltsamkeit jenseits der Leitha, sondern auch manchen sonst räthselhastett politischen Borgang in Oesterreich überhaupt e es fiud dies ebeu die. Pfeiler des magyarischen Uebergewichtes , aus welche gestützt der in jeder

anderen Beziehung weitaus schwächere Theil deunoch bei ackeu bisherigen Berhandlungen zwischen den beiden Reichshälsten den Sieg errungen.

Ackein auch die magyarische Medaicke zeigt eine minder glänzende Kehrseite.

Dieselben Gesecken, welche bei drohender Gefahr oder auch im prickelnden Ueberkraftgefühl, unbekümmert um Roth und Tod, die Steppe durcheilen, find ebenfo virtnos und unermüdlich im ^ Ansrnhen,' zwölf Stnnden auf einem und demfelben Flecke auf dem Rücken oder zur Abwechslung auf dem Bauche zu liegen, dabei in die Wolkeu des Himmels oder der immer glimmenden Tabakspfeife zu schauen, ist das eigentliche Tagewerk des Efikos oder Pferdehirten, wie ack seiner minder edeln Gewerbegenossen, des Rinder-, Schaf- und Schweinehirten.

Eine andere Schattenfeite nnserer kühnen Reiter bestätigt die Richagkeit des deutschen Sprüchwortes . Müßiggang ist acker Laster Anfang“ auch auf magyarischem Boden.

Man denke sich diese kraftstrotzenden Natnren tagelang brütend über - ja, worüber? Das ist's, kear Sterblicher weiß es, sie felbft am wenigsten.

„Was ich gedacht, Herr?“ erwiderte einst Pifta ein Esikos, wie ihn malerischer, wilder und ehrlicher die Steppe nie geboren, auf meine Frage, die gewaltigen Glieder reckend, „ei nun, eben dachte ich, Herr, daß ich seit gestern nichts gegessen.“

„Und vordem?“

„Ich weiß es nicht, Herr - ich rauchte.“

Und Pista sprach die Wahrheit. Naturmenschen denken wie die Kinder, nicht mit dem Kopse, sondern mit den Sinnen, diesem Denken aber folgt das Berlattgen auf dem Fuße.

Leuatt zwar meint, wie er in einem seiner schönsten Steppen- bilder sagt, er habe von den Zigennertt, diesen anderen Birtnosen des Müßigganges, gelernt, wie man das Leben vergeige, verrauche oder verträume, doch wußte .er als Landeskind wohl am besten, wie seltett das Leben aus der Pnßta so harmlos verlänst, wußte am besten daß auch die europäische Steppe ihre rrr^r^rr.r, hat. nicht minder schön und verlockend, wie jene der Wüste, nicht minder verderblich dem, welcher ihren Lockungen folgt.

Ia, um gerecht zu sein, muß man zu.eftehen, daß es wenige Menschenrassen geben dürfte, welchen die Aufgabe, den Kampf ttnt's Daseiu mit sleckenlosem Schilde zu bestehen, so schwer gemacht würde, wie unseren Esikos. Niemand verargt es z. B.

[77]
Die Gartenlaube (1882) b 077.jpg

Efikos auf der Wolfsjagd. Originalzeichnung von W. Heine.

[78] dem wackeren Roffetummler, weutt er die lechzende Zunge an dem süßen Traubensafte des uächsteu Weingartens labt, oder' den knurrenden Magen mit dem Ueberstuffe der Mais- oder Erdäpfel- felder befriedigte nicht mit Unrecht bemerkte mein Hanswirth zu Kisberenyi meiner diesbezüglichen Kritik gegenüber.

„Belieben zu bedenken, bester Herr, wovon focken die armen Kerle leben bei zwölf Gnlden Jahreslohn nebst einer Remntteraaon von einem Paar Stiefeln für tadellose Dienstleisatng?“

Die Grenzlinie solchen privilegirten Eingreifens in fremde Rechte ist aber seiner, als des Schwertes Schärfe. Und die Ber- fnchung nahet den Steppenbewohnern nicht in dieser Gestalt ackein.

Eines Tages wird dem noch jungen, nnerfahrenen Cfikos ein Stück von der Heerde weggestohlen.

„Gnt, gut,“ fagt der Herr, dem er es gemeldet, mit miß- tranischem, finsterem Blicke e „doch merke. der Hacke, welcher sich Pferde stehlen läßt, verdient keinen Lohn.“

Zähneknirschend geht der Bnrsche von bannen e man hält ihn für einen Gelegenheitsmacher, einen Gehülsen der Roßdiebe. Bon dieser Zeit ab ist kein verlanfenes Pferd mehr zu.stnden auf der Pußta, und von dieser Zeit ab trägt des jungen Cfikos Mädel prächtig bunte Röcke, feidene Halstücher und fogar Geldmünzen in den Ohren. Da fällt beim Tanze ein schiefes Wort über solchen Lnrns. es giebt Streit, ein gewaltiger Schlag mit dem Fotos schließt dem Gegner die Lippen - der Roßdieb ward zu. Mörder. Noch in derselben Nacht verschwindet er, und mit ihm das befte Pferd feines Brodherrn, die anderen Tages erscheinenden Wächter des Gesetzes aber haben das Nachsehen. Zwar wissen Acke, wohin der Schuldige geflohen, auch die Diener der Gerechagkeite Ieder- mann kennt die verfackene, rauchgeschwärzte , scheinbar nnbewohnte und nnbewohnbare Cfarda, aus welcher gleichwohl oft von Mitter- nacht bis zu. Morgen Citherklang und wildes Iauchzen erschackt - doch, wer sticht gern ohne Noth in ein Wespennest? - Nach jener Cfarda nahm der Mörder feinen Weg, gefoltert von Todes- angft und Reue, doch feuriger Wein und feurige Mädcheu thun ihre Schuldigkeit, und die aufgehende Sonne des nächsten Tages bescheint einen Ränber mehr im Ungarlande.

Ein anderer Fack sührt zu.gleichem Resultate. Ein so guter Soldat nämlich der Esikos vor dem Feinde ist, so schwer ent- schließt er sich, die weite Pttßta mit der engen Caserne, das nn- gebundene Leben des Hirten mit der strengen Diseiplin des Militärdienstes zu.verwaschen Bei solcher Unlnft bedarf es nur noch eines Wortes aas dem Munde einer thörichten braunen Steppendirne, um die Wagschale zu.Gnnften der Freiheit finken zu.lassen, einer Freiheit, die meist wieder über die Schwere einer einsamen Schenke“ und oft geung zum Hochgerichte führt.

Bedenkt man nun weiter, daß gerade die schärfste und scheinbar wirksamste Maßregel gegen das Ueberhandnehmen des Ränbernttwesens, welche jeden den Berfehmten erwiesenen Dienst, jede Berheimlichung ihres Anfenthaltes , oder unterlassene Anzeige ma dem Tode bedroht, den Csikos gleichsam zwischen zwei Fener bringt, so wird man zu.eben, daß das Dasein dieser armen Burscheu in der That einer Fahrt zwischen Seycka und Eharybdis gleicht, und mit ziemlicher Sicherheit den Schluß ziehen, daß so lange es in Ungarn Pnßten und Hirten giebt, auch die interessante Speeies der Ränber nicht anssterben dürste.

Damit sei jedoch der vielsach verbreiteten extremen Ansicht, als stecke hinter jedem Csikos ein Bösewicht, keineswegs das Wort geredet, und ebenso wenig in Abrede gesteckt, daß der Zanber der Steppenpoesie selbst über die düsteren Gestalten der vom Gesetze Geächteten den Schleier einer gewissen Romanak breitet.

Rein, es giebt noch der ehrlichen Leute geung in der Pnßta, und der in die Nachtseite des Steppenlebens geworsene Blick sock uns die Frende an den kecken Reitern, wie das dieser Skizze beigegebene Bild sie uns zeigt, nicht verderben. Nur wer da weiß, was es sagen wick, ein seuriges, sattel- und bügelloses Pferd mittelst eines oft nur nothdürstig aus einem Halfterstrick improvisirten Zanmes zu.regieren, nur der wird die Gewandtheit dieser Reiter zu.würdigen wissen^ doppelt bewnnderungswürdig aber erscheint dieselbe, weil der Reiter gleichzeitig ein so behendes Thier, wie es der Rohrwols ist, mit der Wnrfschlinge ersolgreich zu.bekämpfen versteht.

In der That muß utan, um die Möglichkeit solchen Reiter- kunststückes überhanpt zu.begreifen, vor ackem die Art und Weise kennen, wie der Cfikos mit feinem Pferde einig“ wird, das heißt,

wie er es anfängt, ein wildes, nnbändiges Steppenroß. in einen treuen, gehorfamen Gefährten umzuwaudelne diese Proeedur ist allerdings wieder so „ steppenmäßig“, daß der bloße Bericht für den Fernstehenden immer etwas wnnderbar klingt.

Das Beste, was ich selbst von beiderlei Leistungen zu.sagen weiß, verdanke ich dem schon erwähnten Pista, weshalb ich hier möglichst tren wiedergeben wick , was ich an der Seite meines Gewährsmannes vernommen und erlebt.

Pista diente zu. Zeit, als ich seine Bekanntschast machte, aus der Pnßta eines der reicklsten Magnaten Ungarns und war mir vom Gntsdireetor, dessen Gastfrenndschaft ich genoß, für acke Fäcke, in welchen mein Dienst die Begleitung verläßlicher Führer oder Pferde bedurfte, zugewieseu worden.

Eines Abends stand ich eben im Begriffe, nach vockbrachtem Tagewerke auf einem mir von Pista bereit gehaltenen Pferde von der Pnßta heimzu.eiten , als zwei Männer auf fliukeu Rößlem dahergefprengt kamen, und Pista als ihrem Borgesetzten die Mel- dung erstatteten, daß eben ein Fücken unweit der weidenden Heerde „angeriffen“ worden sei.

Der Cfikos strich sich fauchend den gleich Fühlhörnern empor- strebenden Schnnrrbart.

„l^a.^ t^r^.tut^t^^, erwiderte er dann, „es ist bereits das zweite Fücken in dieser Woche e der gnädige Herr Graf wird uns für Betschwestern halten, die hinter jedem Wolf den Teufel wittern und für ihre arme Seele zittern . . . und jetzt, nachdem die wilden Bestien einmal Blnt geleckt , holen sie sich so sicher ihr Frühstück wie der Inde am Berfackstage sein Geld , aber drei Monate wick ich die Spittdel drehen und Wassersuppe effen, wenn ich den verdammten Leckermäulern diesmal nicht den Braten gründlich versalze.“ Und sich zu den beideu Männern wendend, fnhr er im Tone eines eommandireudeu Ofsteiers fort. Hurtig, Kinderchen, nehmt ^frische Pferde und reitet hiuüber zum alten Farkas Iofi (Wolf Iofef). Er darf nicht fehlen, wo es seinen Namensvettern an den Pelz geht im Vorübergehen aber sagt dem Ianos, dem Mihaly, und den beiden Fekete, sie mögen sich mit den Heerden beim Zigeunerbrunnen einstnden!“

Ich hatte längst den Wnnsch gehegt, den Rohrwolf, den liebenswürdigen Better des mir schon bekannten Gebirgswolfes, zu.Gesicht zu.bekommen, daher ich Pista's Einladung, zu diesem Ende die Nacht mit ihm unter sreiem Himmel zuzubringen, mit Frenden annahm.

Während die Untergebenen des Letzteren sich beeilten, dem erhaltenen Besehle nachzu.ommen, legte dieser zwei Finger an den Mnnd und entlockte dem so eonstrnirten Natnrinstrnmente einen schricken, weithin tönenden Pstfs, welchem alsbald ein lnfages Ge- wieher antwortete e zu.leich näherte sich uns ein von dem dnnkel- grauen, abendlichen Horizonte heck sich abhebender weißlicher Gegenstand, um sich in rascher Entwicklung als ein herrlicher Schimmelhengft zu.entpuppeu , welcher schnanbend vor dem Efikos anhielt und denselben mit den klugen großen Augen wie sragend an- blickte. Obschon ein Feind jener übertriebenen Abgötterei, welche mit Pferden so hänstg auf Kosten der Meuschheit getrieben wird, war ich von der seltenen Schönheit dieses Thieres, dessen breite Brnst, schlanker, langmähniger Hals und zierlicher Kopf die Bewnnderung jedes Sportsmannes erregt hätten, wirklich entzückt.

Pista, welcher sich sofort aus den glaaen Rücken des Hengstes geschwungen, hatte an meinen Lobeserhebungen so viel Frende, wie ein junges Mädchen an dem Lobe, das ihrer Backtoilette zu.Thea geworden.

„Wahrlich, Herr,“ sagte er, „der Beisack, welchen Ihr dem Sandor spendet, ist für mich um so werthvocker, als mein gnädiger Graf ihn schon ansmufteru und an den nächstbesten Pserdejnden los- schlagen wollte. Der vierbeinige Schelm nämlich,“ erklärte Pista über mein Erstannen, indem er die Richtung nach dem Zigenner- brnnnen einschlug, „zeigte noch vor Knrzem nicht die geringste Neigung, seinen Rücken von irgend Iemandem, wäre es auch ein Prinz gewesen, warm sitzen zu lasseu, was eiuem vernünstigen Thiere zwar im Grnnde nicht zu.verargen, bei einem Reitpserde aber immerhin eine nnangenehme Eigenschaft ist. Es hatten auch schon drei nnserer besten Reiter sich vergeblich bemüht, dem störrigen Burscheu das Unpassende seines Benehmens klar zu machen, und trng Einer derselben zu. Lohne für seine gnten Absichten sogar ein paar gebrochene Rippen davon, was übrigens .......... ich per..

weae meinen Kops darans - nicht die Absicht Sandors, sondern [79] '^

ttttr die Folge eines mnthwickigett Scherzes war, der ebeu schlimm

aüsstel.“

Bei diefeu Worteu streichelte der Cfikos den H.cks Sattdors, welcher die Entschuldignug mit eiuem für feiueu Reiter währ- scheinlich vocklommen verständlichen Schnaubeu zu bestätige schien.

„Vor dem Iudeu hatte ich den lustigen Patrou durch meiue Fürbitte zwar gerettet,“ fnhr Letzterer fort, „ dagegen meinem Herrn für eine baldige Bekehrung desselben gnt stehen müssen, ein Wort, Herr, das leichter gegeben als einzu.öfen war, da Sandor sich mialerweile gattz zum Menschenfeind ausgewachfeu hacke und Ied.ermann schon von Weitem mit den Hinterhnsen begrüßte. Ra, um es kurz zu machen, eines Abends gelang es mir doch , dem geriebenen Bnrschen den Lasso über den Kops zu werseu und, ehe er sich's versah, seinen Rücken zu.gewinnen, wo es mir ackerdings nicht zu beguem wurde', deun im nächsten Angenblicke schon stog der überrumpelte Wildliug gleich einer losgelasseueu Rakete in die Lust, um sich datttt ebeuso blitzschneck auf die Erde zu.werfen und mir mit acken Bieren seine Entrüstung knnd zu thun. Run, das Stücklein ist nnfer Einem nicht neu, probat es doch jedes reiterscheue Fücken, doch wurde es allmählich uuangenehm, als Sandor es so rasch und ost wiederholte, daß es mir endlich saft schien, als hätte ich nicht ein Pferd, fondern eine Schlange unter mir, welche sich mit der einen Leibeshälfte in der Luft, mit der andern auf der Erde ringelt. Mein Sporn, mit dem ich jeden solchen Wechsel anf's Gewiffenhasteste mararte, verleidete endlich dem Widerspenstigen das Spiel, nun versuchte er aber ein auderes, indem er den Kops zwischen die Borderbeine, die Hintersüße aber gegen den Himmel wars, gerade als wockte er knnftgerechte Purzelbäume schlagen e als ihm indessen auch dies nichts fruchtete, da wurde der arme Schelm schließlich ernstlich bösee die Mähnen stränbten sich ihm, als wären sie vom Sturme aufgewirbelte Augen und Rüstern schienen Fener zu fpeieu, und der Schaum flog wie Schueeflockeu um ihn her, und dann ein Sprung, Herr, wie ihn noch kein Roß unter mir gethan, und ein Rennen dranf, daß mir der Athem stockte, das Blnt in den Adern hämmerte und es stnftere Nacht wurde vor meinen Augen. Ehrlicher Sandor! Jetzt ein Seitensprung, und er wäre seiues Reiters ledig geweseu. Aber er dachte nicht darau und jagte, wahusinnig vor Zorn und Angst, fort, immer fort - ich fage Ench, Herr - nicht wie ein vier- süßiges Dhier, nein, wie ein Bogel fliegt, den der Falke verfolgt - hoch in den Wolken.“

Der Cfikos haae sich warm gefprochen und liebkosete das edle Dhier abermals mit der stolzen Zärtlichkeit eines glücklichen Vaters, ehe er seine Erzählung mit den Worten schloß, welche zu.leich meine Frage nach der Daner des locken Rittes beantwortete .

Genau weiß ich's nicht zu.sagen, Herre denn als Sandor endlich unter mir zu.ammenbrach, blieben wir Beide auf demfelben Platze halbtodt liegen, daß wir aber eine hübsche Strecke zurück- gelegt, merkten wir am Heimwege, welchen wir mit dem graneuden Morgen antraten, deffen Ziel wir aber - ackerdings als vor- treffliche Freunde - erst erreichten, als die Sonne zu Bette ging.“

Der Zigeunerbrunnen , wo wir uns nach Pista's Attweisung zur lnftigen Jagd verfatnmeln sollten, lag etwa zweaansend Schritte ' von dem Ende eines todten Donan-Arms entfernt, welcher, theil- weife versnmpst und mit Schilf bedeckt, mit feinen vielfachen, bis an den Hanptftrom reichenden Berzweigungen den Wölsen jene zahlreichen Schlupswinkel bietet, wo diese Raubthiere am liebsten hanfen. Der Brnnnen selbst nnterschied sich nicht von den bekannten, aus acken Steppen gebräuchliche Cistertten mit den hochausftrebeudeu Hebebäumeu und darau baumelttden Waffereimern, bot aber bei nnserer Attknnft durch die Staffage ein Rachtbild iutereffautefter Art.

Vom schwarzblauen Himmel lenchtete der Mond, welcher seine sticke nächtliche Bahn zwischen zahllosen Sternett verfolgte, heck und aar herab und beschien mit feinen milden Silberstrahlen ungefähr dreihnndert Roffe, die in Gruppen lagen und standen, oder ihren Durst aus dem gemauerten Wasserbehälter löschten. Im weiten Kreife umritte zwei Wachen die leichtfüßige Gefeckschaft, damit nicht ein vorwitziges oder unerfahrenes Mitglied derfelben auf Abwege gerathe, die übrigen Männer aber lagerten, ihre Mahlzeit ver- zehrend, um ein absichtlich fpärlich erhaltenes Feuer, in deffeu röthlichem Gluthschein die martialischen bärtige Gestalten - was sie etwa an Schärfe der Umriffe verloren - ficherlich an malerisch romanaschem Reiz gewannen.

Abfeits von diesem Feuer in Pifta's Bnnda (Schafpelz) ge-

wickelt, lag ich bald so warm und behaglich, als wäre ich auf Eiderdannen in fürstlichem Schlafgemache gebettet, und beobachtete mit Vergnügen, wie während der nun folgenden Borbereitungen und Berathungen für den Empfang der ungebetenen Gäste die für gewöhnlich etwas läffig träge Haltung Pifta's ackgemach elastischer und energischer wurde, wie in seinen inteckigenten doch meist ver- schlasenen Zügen das Fener der Kampsbegierde erwachte, und den- felben eine nahezu ideale männliche Schönheit verlieh.

Es war inzwischen Mickerttacht geworden, und der Einfluß der Ermüdung machte sich geltend.

„Ift Gefahr bei der Sache?“ fragte ich noch mit halb.^ geschloffenen Lidern den mir zur Seite lagernden Cfikos.

„Bah, Herr, nicht der Rede werth!“ meinte dieser. „Zwar gerieth einer meiner Schwäger bei folcher Gelegenheit mit seinem Pserde zu tief in den Sumpf und wurde von den fottst feigen Bestien derart zugerichtet, daß ihn die eigene Mucker nicht erkannte, aber es giebt eben Lenle, denen felbft beim warmen Ofen die Rafe erfriert.“

Etwas später vernahm ich noch im Halbschlummer ein sehr ferttes, lang gedehntes Geheul und als Antwort Pifta's Brummbaß, die Worte murmelnd. „Ah, die rotheu Teufel haben die Wickerunge wir werde nicht umsonst warten,“ woranf ich in tiefen Schlas versank.

Als ich, durch Pserdegewieher erweckt, die Augen ausschlug, zeigte das Lager ein gauz verändertes Bild. Die Heerde war verschwanden, und in der Dämmerung des eben anbrechenden Morgens sah ich nur etwa ein Dutzend Männer, den Lasso in der Hand, neben ihren Pserden stehen. In demselben Momettt ftthrte Pista auch mein Thier herbei. Die dunkle Auge des Cfikos blitzte jetzt wie Karfuulel unter den buschigen Augenbrauen hervor, und seder seiner Muslelu schieu bis zum Zerreißen gefpannt.

„Es ist Zeit, Herr,“ sagte er mit gedämpster Samme und auf das Schilf deuteude ....die Bestie vergnügen sich an nnferer Lockspeifee nun gilt es, ihuen gttte Mahlzeit zu wünschen, ehe sie sertig sind.“

Aushorchend vernahm ich in der That ein zorniges Knurre, ähulich dem bissiger Huttde, plötzlich aber ging dasselbe in jenes gedehnte Geheul über, das ich schon in der Nacht vernommen. Rnn ertönte es aber viel näher und wurde daher von den Pferde mit wildem Schuaubeu und Scharreu beautwortet.

Im nächsten Augenblicke schoß Pista auf seinen Schimmel, und von einige Esikos gefolgt, stog er pfeilschneck davon, einen weiten Vogen um die Stecke im Schilse beschreibend, wo die Reste des jüngst zerriffenen Fückens zur Anlockung der Raubthiere ge- dieut hatte. Gleichzeitig, doch in entgegengesetzter Richtung, wurde dasselbe Manöver ausgeführt, fodaß nur der alte Farkas Iasi mit zwei Begleiteru zurückgebliebeu war.

Da ich außer eiuem kleinen Sackpttffer keine Waffe bei mir führte, so solgte ich Pista in einer Emtsernung, welche mir den ganzen Kampfplatz zu überschaue gestaaetee von dort aus sah ich deutlich, wie fowohl Pista als die von der audern Seite her operirende Abtheilung eine Verengung des Donan-Armes zu.ge.- wintten trachteten, wo das Rohr, minder dicht, den Wölfen weniger Schutz gewährte.

Fünf Minute etwa mochte der scharfe Ritt gewährt haben, als vom Lagerplatze latttes Iauchzeu und Hnssageschrei erschock, mit welchem Farkas Iosi und seine Leute auf das ihueu zunächst liegende vorspriugeude Sumpsterrain losstürmte, jedesalls nach Pista's Disposition, die sich trefstich bewährte. Bestürzt durch den plötzliche Ueberfall, flohen die Wölfe, für diesmal auf jeden weiteren Raub verzichtend, ihren tiefer gelegenen Schlnpfwinkeln zu. ohne den Hinterhalt zu bemerken, auf welchen sie nun ganz nnvorbereitet stießen.

Die Seene, die nun folgte, als die nnheimlichen Isegranme, von acken Seiten eingeschlossen, unter surchtbarem Geheule bald feige zurückwichen, bald in verzweiselter Wnth den Kreis zu.durch- brechen sachten, während die Reiter, ihre Lassos schwingend, sich gegenseiag durch laaten Zuruf verftäudigteu und die scheuende Rosse ermnthigten, - diese Seene mit acken ihren aufregenden, wechfelvocken Einzelheiten zu.beschreiben, wäre ein vergebliches Bemühen.

Genug - vier erdrosselte Wölfe waren das Refultat des Kampfes, der Tag deffelben aber wurde durch die Großmuch des Direetors, der über solche Vermindern^ der so gefährlich ge- [80] wordenen Räuberfamilie hocherfreut war, zu.einem Festtage für die glücklichen Sieger.

Es fock an jenem Dage hoch hergegangen sein in der nahe gelegenen Hirtenefarda. Leider war ich nicht dabei und kann daher der wackern Reiter Kauft und Gewandtheit beim fporenklirrenden Tanze nicht als Augenzenge schildern als ich aber Pista, vergnügt schmnnzelnd, feinen „Freuttd“ Sandor besteigen und Beide über die Steppe der Cfarda zueilen sah, fielen mir nnwicklürlich die nach- folgenden Strophen eines einst viel gefungenen, heute fast vergessetteu Liedes bei.

„Ohne Sattel, ohne Bügel, Hn wie hiu der Esikos braust! Rößlein Röszlein hast du Flügel, Daß du so von hinnen saust'.'

Und es geht dem Wind zur Wette - Haar und Hemd im Fluge weht, Doch das Rösckein kennt die Stätte, Wo es schnanbend stille steht.

Dies im Wald ist eine Schenke, Ranch und Eitherspiel darin, Und an die mit Lnst ich denke, Schasset dort mit regem Sinn.

springt hinans und springt hinunter Mit dem Krüglein in der Hand, Und wie sie ist keine munter In dem ganzen Ungarland.

Rißn Rißn muntre Dirne, Hörst dn nicht den Peitschenknall? streich das Haar dir von der stirne, Laß' die durst'gen Gäste all!

Denn dein Ianos kommt gestogen - Horch, schon braust's zum Wald herein. Auf, Zigeuner, rührt den Vogen! Heißa! Danz und Uugarwein!“

F. Schiskorn.