Land und Leute/Nr. 47. Die Csikos der Pußta

Textdaten
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Autor: Ferdinand Schifkorn
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Titel: Die Csikos der Pußta
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 76–80
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Reisebericht aus der Artikelserie Land und Leute, Nr. 47
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Land und Leute.

Nr. 47.0 Die Csikos der Pußta.

Als in den Revolutionsjahren 1848 bis 1849 alle Welt erstaunt sich fragte, woher in dem schwach bevölkerten Magyarenlande all die Reiterschaaren erstanden, die sich immer und immer wieder den erprobtesten Schwadronen der besten Reiterei der Welt entgegenstellten, um, zehnmal geschlagen, schließlich doch das Feld zu behaupten, da war es zumeist die wehrhafte leicht bewegliche Sippe der Hirten in den weiten Pußten, und an deren Spitze das Centaurenvolk der Csikos, welches solches Wunder bewirkte, ein Wunder allerdings nur für den Fremden, der Eigenart dieser Steppenmenschen Unkundigen.

Mußte es doch wahrhaftig schon ein schlechter Csikos sein, der nicht eine Lammfellmütze nebst einem verschnürten Dolman, Stiefel und Sporen als Sonntagsstaat sein eigen nannte: was bedurfte es weiter, als dem handfesten Burschen irgend einen alten Säbel in die kräftige Faust zu drücken und der Husar war fertig. Hei, und was für ein Husar!

Roß und Reiter gehärtet wie Stahl, unempfindlich für Wind und Wetter, längst vertraut mit des Soldaten schlimmsten Feinden, dem Hunger und dem Durst! Das Roß wußte sich aus tiefem Schnee noch die spärliche Kost hervorzuholen; dem Reiter genügte ein wenig Speck zum harten Brode; gab es obendrein noch Tabak für die kürze Pfeife, dann ging es stets munter und unverdrossen vorwärts, und stieß man auf den Feind, so schwangen die allzeit rauflustigen Gesellen ihre alten Säbel frohmuthig und unverzagt.

So thaten sie, und so würden sie wieder thun, erschallte heute wieder der altbewährte Ruf, der diese rauhen, ehrlichen Herzen stets höher pochen läßt, der Ruf:

„Für Vaterland, Volk und König!“

Ob dieser Ruf auch immer ehrlich gemeint ist, ob nicht bisweilen ein wenig Rebellion und Hochverrath dahinter steckt, darum kümmert sich der schlichte Sohn der Pußta nicht allzusehr; das Denken und Grübeln überläßt er ruhig Jenen, die den Ruf erheben, und glaubt vollauf seine Schuldigkeit gethan zu haben, wenn er dafür sein Bestes, sein Blut, eingesetzt hat; denn was sein Gut betrifft, so war und ist es ohnehin nicht der Rede werth.

Diese stete Kampfbereitschaft, diese trotzige Entschlossenheit zu kriegerischem Hazardspiele eines so namhaften Theiles der magyarischen Bevölkerung erklärt nicht nur so manche Culturseltsamkeit jenseits der Leitha, sondern auch manchen sonst räthselhaften politischen Vorgang in Oesterreich überhaupt; es sind dies eben die Pfeiler des magyarischen Uebergewichtes, auf welche gestützt der in jeder anderen Beziehung weitaus schwächere Theil dennoch bei allen bisherigen Verhandlungen zwischen den beiden Reichshälften den Sieg errungen.

Allein auch die magyarische Medaille zeigt eine minder glänzende Kehrseite.

Dieselben Gesellen, welche bei drohender Gefahr oder auch im prickelnden Ueberkraftgefühl, unbekümmert um Noth und Tod, die Steppe durcheilen, sind ebenso virtuos und unermüdlich im – Ausruhen; zwölf Stunden auf einem und demselben Flecke auf dem Rücken oder zur Abwechslung auf dem Bauche zu liegen, dabei in die Wolken des Himmels oder der immer glimmenden Tabakspfeife zu schauen, ist das eigentliche Tagewerk des Csikos oder Pferdehirten, wie all seiner minder edeln Gewerbegenossen, des Rinder-, Schaf- und Schweinehirten.

Eine andere Schattenseite unserer kühnen Reiter bestätigt die Richtigkeit des deutschen Sprüchwortes: „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ auch auf magyarischem Boden.

Man denke sich diese kraftstrotzenden Naturen tagelang brütend über – ja, worüber? Das ist’s, kein Sterblicher weiß es, sie selbst am wenigsten.

„Was ich gedacht, Herr?“ erwiderte einst Pista, ein Csikos, wie ihn malerischer, wilder und ehrlicher die Steppe nie geboren, auf meine Frage, die gewaltigen Glieder reckend, „ei nun, eben dachte ich, Herr, daß ich seit gestern nichts gegessen.“

„Und vordem?“

„Ich weiß es nicht, Herr – ich rauchte.“

Und Pista sprach die Wahrheit. Naturmenschen denken wie die Kinder, nicht mit dem Kopfe, sondern mit den Sinnen, diesem Denken aber folgt das Verlangen auf dem Fuße.

Lenau zwar meint, wie er in einem seiner schönsten Steppenbilder sagt, er habe von den Zigeunern, diesen anderen Virtuosen des Müßigganges, gelernt, wie man das Leben vergeige, verrauche oder verträume, doch wußte er als Landeskind wohl am besten, wie selten das Leben auf der Pußta so harmlos verläuft, wußte am besten daß auch die europäische Steppe ihre fata morgana hat, nicht minder schön und verlockend, wie jene der Wüste, nicht minder verderblich dem, welcher ihren Lockungen folgt.

Ja, um gerecht zu sein, muß man zugestehen, daß es wenige Menschenrassen geben dürfte, welchen die Aufgabe, den Kampf um’s Dasein mit fleckenlosem Schilde zu bestehen, so schwer gemacht würde, wie unseren Csikos. Niemand verargt es z. B.

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Die Gartenlaube (1882) b 077.jpg

Csikos auf der Wolfsjagd.0 Originalzeichnung von W. Heine.

[78] dem wackeren Rossetummler, wenn er die lechzende Zunge an dem süßen Traubensafte des nächsten Weingartens labt, oder den knurrenden Magen mit dem Ueberflusse der Mais- oder Erdäpfelfelder befriedigt; nicht mit Unrecht bemerkte mein Hauswirth zu Kisberenyi meiner diesbezüglichen Kritik gegenüber:

„Belieben zu bedenken, bester Herr, wovon sollen die armen Kerle leben bei zwölf Gulden Jahreslohn nebst einer Remuneration von einem Paar Stiefeln für tadellose Dienstleistung?“

Die Grenzlinie solchen privilegirten Eingreifens in fremde Rechte ist aber feiner, als des Schwertes Schärfe. Und die Versuchung nahet den Steppenbewohnern nicht in dieser Gestalt allein.

Eines Tages wird dem noch jungen, unerfahrenen Csikos ein Stück von der Heerde weggestohlen.

„Gut, gut,“ sagt der Herr, dem er es gemeldet, mit mißtrauischem, finsterem Blicke; „doch merke: der Hirte, welcher sich Pferde stehlen läßt, verdient keinen Lohn.“

Zähneknirschend geht der Bursche von dannen; man hält ihn für einen Gelegenheitsmacher, einen Gehülfen der Roßdiebe. Von dieser Zeit ab ist kein verlaufenes Pferd mehr zu finden auf der Pußta, und von dieser Zeit ab trägt des jungen Csikos Mädel prächtig bunte Röcke, seidene Halstücher und sogar Geldmünzen in den Ohren. Da fällt beim Tanze ein schiefes Wort über solchen Luxus; es giebt Streit, ein gewaltiger Schlag mit dem Fokos schließt dem Gegner die Lippen – der Roßdieb ward zum Mörder. Noch in derselben Nacht verschwindet er, und mit ihm das beste Pferd seines Brodherrn, die anderen Tages erscheinenden Wächter des Gesetzes aber haben das Nachsehen. Zwar wissen Alle, wohin der Schuldige geflohen, auch die Diener der Gerechtigkeit; Jedermann kennt die verfallene, rauchgeschwärzte, scheinbar unbewohnte und unbewohnbare Csarda, aus welcher gleichwohl oft von Mitternacht bis zum Morgen Citherklang und wildes Jauchzen erschallt – doch, wer sticht gern ohne Noth in ein Wespennest? – Nach jener Csarda nahm der Mörder seinen Weg, gefoltert von Todesangst und Reue, doch feuriger Wein und feurige Mädchen thun ihre Schuldigkeit, und die aufgehende Sonne des nächsten Tages bescheint einen Räuber mehr im Ungarlande.

Ein anderer Fall führt zu gleichem Resultate. Ein so guter Soldat nämlich der Csikos vor dem Feinde ist, so schwer entschließt er sich, die weite Pußta mit der engen Caserne, das ungebundene Leben des Hirten mit der strengen Disciplin des Militärdienstes zu vertauschen. Bei solcher Unlust bedarf es nur noch eines Wortes aus dem Munde einer thörichten braunen Steppendirne, um die Wagschale zu Gunsten der Freiheit sinken zu lassen, einer Freiheit, die meist wieder über die Schwelle einer „einsamen Schenke“ und oft genug zum Hochgerichte führt.

Bedenkt man nun weiter, daß gerade die schärfste und scheinbar wirksamste Maßregel gegen das Ueberhandnehmen des Räuberunwesens, welche jeden den Verfehmten erwiesenen Dienst, jede Verheimlichung ihres Aufenthaltes, oder unterlassene Anzeige mit dem Tode bedroht, den Csikos gleichsam zwischen zwei Feuer bringt, so wird man zugeben, daß das Dasein dieser armen Burschen in der That einer Fahrt zwischen Scylla und Charybdis gleicht, und mit ziemlicher Sicherheit den Schluß ziehen, daß so lange es in Ungarn Pußten und Hirten giebt, auch die interessante Species der Räuber nicht aussterben dürfte.

Damit sei jedoch der vielfach verbreiteten extremen Ansicht, als stecke hinter jedem Csikos ein Bösewicht, keineswegs das Wort geredet, und ebenso wenig in Abrede gestellt, daß der Zauber der Steppenpoesie selbst über die düsteren Gestalten der vom Gesetze Geächteten den Schleier einer gewissen Romantik breitet.

Nein, es giebt noch der ehrlichen Leute genug in der Pußta, und der in die Nachtseite des Steppenlebens geworfene Blick soll uns die Freude an den kecken Reitern, wie das dieser Skizze beigegebene Bild sie uns zeigt, nicht verderben. Nur wer da weiß, was es sagen will, ein feuriges, sattel- und bügelloses Pferd mittelst eines oft nur nothdürftig aus einem Halfterstrick improvisirten Zaumes zu regieren, nur der wird die Gewandtheit dieser Reiter zu würdigen wissen; doppelt bewunderungswürdig aber erscheint dieselbe, weil der Reiter gleichzeitig ein so behendes Thier, wie es der Rohrwolf ist, mit der Wurfschlinge erfolgreich zu bekämpfen versteht.

In der That muß man, um die Möglichkeit solchen Reiterkunststückes überhaupt zu begreifen, vor allem die Art und Weise kennen, wie der Csikos mit seinem Pferde „einig“ wird, das heißt, wie er es anfängt, ein wildes, unbändiges Steppenroß in einen treuen, gehorsamen Gefährten umzuwandeln; diese Proeedur ist allerdings wieder so „steppenmäßig“, daß der bloße Bericht für den Fernstehenden immer etwas wunderbar klingt.

Das Beste, was ich selbst von beiderlei Leistungen zu sagen weiß, verdanke ich dem schon erwähnten Pista, weshalb ich hier möglichst treu wiedergeben will, was ich an der Seite meines Gewährsmannes vernommen und erlebt.

Pista diente zur Zeit, als ich seine Bekanntschaft machte, auf der Pußta eines der reichsten Magnaten Ungarns und war mir vom Gutsdirector, dessen Gastfreundschaft ich genoß, für alle Fälle, in welchen mein Dienst die Begleitung verläßlicher Führer oder Pferde bedurfte, zugewiesen worden.

Eines Abends stand ich eben im Begriffe, nach vollbrachtem Tagewerke auf einem mir von Pista bereit gehaltenen Pferde von der Pußta heimzureiten, als zwei Männer auf flinken Rößlein dahergesprengt kamen, und Pista als ihrem Vorgesetzten die Meldung erstatteten, daß eben ein Füllen unweit der weidenden Heerde „angerissen“ worden sei.

Der Csikos strich sich fluchend den gleich Fühlhörnern emporstrebenden Schnurrbart.

„Kutya teremtete“, erwiderte er dann, „es ist bereits das zweite Füllen in dieser Woche; der gnädige Herr Graf wird uns für Betschwestern halten, die hinter jedem Wolf den Teufel wittern und für ihre arme Seele zittern ... und jetzt, nachdem die wilden Bestien einmal Blut geleckt, holen sie sich so sicher ihr Frühstück wie der Jude am Verfallstage sein Geld, aber drei Monate will ich die Spindel drehen und Wassersuppe essen, wenn ich den verdammten Leckermäulern diesmal nicht den Braten gründlich versalze.“ Und sich zu den beiden Männern wendend, fuhr er im Tone eines commandirenden Officiers fort: „Hurtig, Kinderchen, nehmt frische Pferde und reitet hinüber zum alten Farkas Iofi (Wolf Josef). Er darf nicht fehlen, wo es seinen Namensvettern an den Pelz geht; im Vorübergehen aber sagt dem Janos, dem Mihaly, und den beiden Fekete, sie mögen sich mit den Heerden beim Zigeunerbrunnen einfinden!“

Ich hatte längst den Wunsch gehegt, den Rohrwolf, den liebenswürdigen Vetter des mir schon bekannten Gebirgswolfes, zu Gesicht zu bekommen, daher ich Pista’s Einladung, zu diesem Ende die Nacht mit ihm unter freiem Himmel zuzubringen, mit Freuden annahm.

Während die Untergebenen des Letzteren sich beeilten, dem erhaltenen Befehle nachzukommen, legte dieser zwei Finger an den Mund und entlockte dem so construirten Naturinstrumente einen schrillen, weithin tönenden Pfiff, welchem alsbald ein lustiges Gewieher antwortete; zugleich näherte sich uns ein von dem dunkelgrauen, abendlichen Horizonte hell sich abhebender weißlicher Gegenstand, um sich in rascher Entwicklung als ein herrlicher Schimmelhengst zu entpuppen, welcher schnaubend vor dem Csikos anhielt und denselben mit den klugen großen Augen wie fragend anblickte. Obschon ein Feind jener übertriebenen Abgötterei, welche mit Pferden so häufig auf Kosten der Menschheit getrieben wird, war ich von der seltenen Schönheit dieses Thieres, dessen breite Brust, schlanker, langmähniger Hals und zierlicher Kopf die Bewunderung jedes Sportsmannes erregt hätten, wirklich entzückt.

Pista, welcher sich sofort auf den glatten Rücken des Hengstes geschwungen, hatte an meinen Lobeserhebungen so viel Freude, wie ein junges Mädchen an dem Lobe, das ihrer Balltoilette zu Theil geworden.

„Wahrlich, Herr,“ sagte er, „der Beifall, welchen Ihr dem Sandor spendet, ist für mich um so werthvoller, als mein gnädiger Graf ihn schon ausmustern und an den nächstbesten Pferdejuden losschlagen wollte. Der vierbeinige Schelm nämlich,“ erklärte Pista über mein Erstaunen, indem er die Richtung nach dem Zigeunerbrunnen einschlug, „zeigte noch vor Kurzem nicht die geringste Neigung, seinen Rücken von irgend Jemandem, wäre es auch ein Prinz gewesen, warm sitzen zu lassen, was einem vernünftigen Thiere zwar im Grunde nicht zu verargen, bei einem Reitpferde aber immerhin eine unangenehme Eigenschaft ist. Es hatten auch schon drei unserer besten Reiter sich vergeblich bemüht, dem störrigen Burschen das Unpassende seines Benehmens klar zu machen, und trug Einer derselben zum Lohne für seine guten Absichten sogar ein paar gebrochene Rippen davon, was übrigens – ich verwette meinen Kopf darauf – nicht die Absicht Sandors, sondern [79] nur die Folge eines muthwilligen Scherzes war, der eben schlimm ausfiel.“

Bei diesen Worten streichelte der Csikos den Hals Sandors, welcher die Entschuldigung mit einem für seinen Reiter wahrscheinlich vollkommen verständlichen Schnauben zu bestätigen schien.

„Vor dem Juden hatte ich den lustigen Patron durch meine Fürbitte zwar gerettet,“ fuhr Letzterer fort, „dagegen meinem Herrn für eine baldige Bekehrung desselben gut stehen müssen, ein Wort, Herr, das leichter gegeben als einzulösen war, da Sandor sich mittlerweile ganz zum Menschenfeind ausgewachsen hatte und Jedermann schon von Weitem mit den Hinterhufen begrüßte. Na, um es kurz zu machen, eines Abends gelang es mir doch, dem geriebenen Burschen den Lasso über den Kopf zu werfen und, ehe er sich’s versah, seinen Rücken zu gewinnen, wo es mir allerdings nicht zu bequem wurde; denn im nächsten Augenblicke schon flog der überrumpelte Wildling gleich einer losgelassenen Rakete in die Luft, um sich dann ebenso blitzschnell auf die Erde zu werfen und mir mit allen Vieren seine Entrüstung kund zu thun. Nun, das Stücklein ist unser Einem nicht neu, probirt es doch jedes reiterscheue Füllen, doch wurde es allmählich unangenehm, als Sandor es so rasch und oft wiederholte, daß es mir endlich fast schien, als hätte ich nicht ein Pferd, sondern eine Schlange unter mir, welche sich mit der einen Leibeshälfte in der Luft, mit der andern auf der Erde ringelt. Mein Sporn, mit dem ich jeden solchen Wechsel auf’s Gewissenhafteste marterte, verleidete endlich dem Widerspenstigen das Spiel, nun versuchte er aber ein anderes, indem er den Kopf zwischen die Vorderbeine, die Hinterfüße aber gegen den Himmel warf, gerade als wollte er kunstgerechte Purzelbäume schlagen; als ihm indessen auch dies nichts fruchtete, da wurde der arme Schelm schließlich ernstlich böse; die Mähnen sträubten sich ihm, als wären sie vom Sturme aufgewirbelt; Augen und Nüstern schienen Feuer zu speien, und der Schaum flog wie Schneeflocken um ihn her, und dann ein Sprung, Herr, wie ihn noch kein Roß unter mir gethan, und ein Rennen drauf, daß mir der Athem stockte, das Blut in den Adern hämmerte und es finstere Nacht wurde vor meinen Augen. Ehrlicher Sandor! Jetzt ein Seitensprung, und er wäre seines Reiters ledig gewesen. Aber er dachte nicht daran und jagte, wahnsinnig vor Zorn und Angst, fort, immer fort – ich sage Euch, Herr – nicht wie ein vierfüßiges Thier, nein, wie ein Vogel fliegt, den der Falke verfolgt – hoch in den Wolken.“

Der Csikos hatte sich warm gesprochen und liebkosete das edle Thier abermals mit der stolzen Zärtlichkeit eines glücklichen Vaters, ehe er seine Erzählung mit den Worten schloß, welche zugleich meine Frage nach der Dauer des tollen Rittes beantwortete:

„Genau weiß ich’s nicht zu sagen, Herr; denn als Sandor endlich unter mir zusammenbrach, blieben wir Beide auf demselben Platze halbtodt liegen, daß wir aber eine hübsche Strecke zurückgelegt, merkten wir am Heimwege, welchen wir mit dem grauenden Morgen antraten, dessen Ziel wir aber – allerdings als vortreffliche Freunde – erst erreichten, als die Sonne zu Bette ging.“

Der Zigeunerbrunnen, wo wir uns nach Pista’s Anweisung zur lustigen Jagd versammeln sollten, lag etwa zweitausend Schritte von dem Ende eines todten Donau-Arms entfernt, welcher, theilweise versumpft und mit Schilf bedeckt, mit seinen vielfachen, bis an den Hauptstrom reichenden Verzweigungen den Wölfen jene zahlreichen Schlupfwinkel bietet, wo diese Raubthiere am liebsten hausen. Der Brunnen selbst unterschied sich nicht von den bekannten, auf allen Steppen gebräuchlichen Cisternen mit den hochaufstrebenden Hebebäumen und daran baumelnden Wassereimern, bot aber bei unserer Ankunft durch die Staffage ein Nachtbild interessantester Art.

Vom schwarzblauen Himmel leuchtete der Mond, welcher seine stille nächtliche Bahn zwischen zahllosen Sternen verfolgte, hell und klar herab und beschien mit seinen milden Silberstrahlen ungefähr dreihundert Rosse, die in Gruppen lagen und standen, oder ihren Durst aus dem gemauerten Wasserbehälter löschten. Im weiten Kreise umritten zwei Wachen die leichtfüßige Gesellschaft, damit nicht ein vorwitziges oder unerfahrenes Mitglied derselben auf Abwege gerathe, die übrigen Männer aber lagerten, ihre Mahlzeit verzehrend, um ein absichtlich spärlich erhaltenes Feuer, in dessen röthlichem Gluthschein die martialischen bärtigen Gestalten – was sie etwa an Schärfe der Umrisse verloren – sicherlich an malerisch romantischem Reiz gewannen.

Abseits von diesem Feuer in Pista’s Bunda (Schafpelz) gewickelt, lag ich bald so warm und behaglich, als wäre ich auf Eiderdaunen in fürstlichem Schlafgemache gebettet, und beobachtete mit Vergnügen, wie während der nun folgenden Vorbereitungen und Berathungen für den Empfang der ungebetenen Gäste die für gewöhnlich etwas lässig träge Haltung Pista’s allgemach elastischer und energischer wurde, wie in seinen intelligenten doch meist verschlafenen Zügen das Feuer der Kampfbegierde erwachte, und denselben eine nahezu ideale männliche Schönheit verlieh.

Es war inzwischen Mitternacht geworden, und der Einfluß der Ermüdung machte sich geltend.

„Ist Gefahr bei der Sache?“ fragte ich noch mit halbgeschlossenen Lidern den mir zur Seite lagernden Csikos.

„Bah, Herr, nicht der Rede werth!“ meinte dieser. „Zwar gerieth einer meiner Schwäger bei solcher Gelegenheit mit seinem Pferde zu tief in den Sumpf und wurde von den sonst feigen Bestien derart zugerichtet, daß ihn die eigene Mutter nicht erkannte, aber es giebt eben Leute, denen selbst beim warmen Ofen die Nase erfriert.“

Etwas später vernahm ich noch im Halbschlummer ein sehr fernes, lang gedehntes Geheul und als Antwort Pista’s Brummbaß, die Worte murmelnd: „Ah, die rothen Teufel haben die Witterung; wir werden nicht umsonst warten,“ worauf ich in tiefen Schlaf versank.

Als ich, durch Pferdegewieher erweckt, die Augen aufschlug, zeigte das Lager ein ganz verändertes Bild. Die Heerde war verschwunden, und in der Dämmerung des eben anbrechenden Morgens sah ich nur etwa ein Dutzend Männer, den Lasso in der Hand, neben ihren Pferden stehen. In demselben Moment führte Pista auch mein Thier herbei. Die dunklen Augen des Csikos blitzten jetzt wie Karfunkel unter den buschigen Augenbrauen hervor, und jeder seiner Muskeln schien bis zum Zerreißen gespannt.

„Es ist Zeit, Herr,“ sagte er mit gedämpfter Stimme und auf das Schilf deutend; „die Bestien vergnügen sich an unserer Lockspeise; nun gilt es, ihnen gute Mahlzeit zu wünschen, ehe sie fertig sind.“

Aufhorchend vernahm ich in der That ein zorniges Knurren, ähnlich dem bissiger Hunde, plötzlich aber ging dasselbe in jenes gedehnte Geheul über, das ich schon in der Nacht vernommen. Nun ertönte es aber viel näher und wurde daher von den Pferden mit wildem Schnauben und Scharren beantwortet.

Im nächsten Augenblicke schoß Pista auf seinen Schimmel, und von einige Csikos gefolgt, flog er pfeilschnell davon, einen weiten Bogen um die Stelle im Schilfe beschreibend, wo die Reste des jüngst zerrissenen Füllens zur Anlockung der Raubthiere gedient hatte. Gleichzeitig, doch in entgegengesetzter Richtung, wurde dasselbe Manöver ausgeführt, sodaß nur der alte Farkas Josi mit zwei Begleitern zurückgeblieben war.

Da ich außer einem kleinen Sackpuffer keine Waffe bei mir führte, so folgte ich Pista in einer Entfernung, welche mir den ganzen Kampfplatz zu überschauen gestattete; von dort aus sah ich deutlich, wie sowohl Pista als die von der andern Seite her operirende Abtheilung eine Verengung des Donau-Armes zu gewinnen trachteten, wo das Rohr, minder dicht, den Wölfen weniger Schutz gewährte.

Fünf Minuten etwa mochte der scharfe Ritt gewährt haben, als vom Lagerplatze lautes Jauchzen und Hussageschrei erscholl, mit welchem Farkas Josi und seine Leute auf das ihnen zunächst liegende vorspringende Sumpfterrain losstürmte, jedenfalls nach Pista’s Disposition, die sich trefflich bewährte. Bestürzt durch den plötzliche Ueberfall, flohen die Wölfe, für diesmal auf jeden weiteren Raub verzichtend, ihren tiefer gelegenen Schlupfwinkeln zu, ohne den Hinterhalt zu bemerken, auf welchen sie nun ganz unvorbereitet stießen.

Die Scene, die nun folgte, als die unheimlichen Isegrimme, von allen Seiten eingeschlossen, unter furchtbarem Geheule bald feige zurückwichen, bald in verzweifelter Wuth den Kreis zu durchbrechen suchten, während die Reiter, ihre Lassos schwingend, sich gegenseitig durch lauten Zuruf verständigten und die scheuenden Rosse ermuthigten, – diese Scene mit allen ihren aufregenden, wechselvollen Einzelheiten zu beschreiben, wäre ein vergebliches Bemühen.

Genug – vier erdrosselte Wölfe waren das Resultat des Kampfes, der Tag desselben aber wurde durch die Großmuth des Directors, der über solche Verminderung der so gefährlich gewordenen [80] Räuberfamilie hocherfreut war, zu einem Festtage für die glücklichen Sieger.

Es soll an jenem Tage hoch hergegangen sein in der nahe gelegenen Hirtencsarda. Leider war ich nicht dabei und kann daher der wackern Reiter Kunst und Gewandtheit beim sporenklirrenden Tanze nicht als Augenzeuge schildern, als ich aber Pista, vergnügt schmunzelnd, seinen „Freund“ Sandor besteigen und Beide über die Steppe der Csarda zueilen sah, fielen mir unwillkürlich die nachfolgenden Strophen eines einst viel gesungenen, heute fast vergessenen Liedes bei:

„Ohne Sattel, ohne Bügel,
Ha, wie hin der Csikos braust!
Rößlein, Rößlein, hast du Flügel,
Daß du so von hinnen saust?

Und es geht dem Wind zur Wette –
Haar und Hemd im Fluge weht,
Doch das Rößlein kennt die Stätte,
Wo es schnaubend stille steht.

Tief im Wald ist eine Schenke,
Rauch und Citherspiel darin,
Und an die mit Lust ich denke,
Schaffet dort mit regem Sinn.

Springt hinauf und springt hinunter
Mit dem Krüglein in der Hand,
Und wie sie ist keine munter
In dem ganzen Ungarland.

Rißa, Rißa, muntre Dirne,
Hörst du nicht den Peitschenknall?
Streich das Haar dir von der Stirne,
Laß’ die durst’gen Gäste all!

Denn dein Janos kommt geflogen –
Horch, schon braust’s zum Wald herein.
Auf, Zigeuner, rührt den Bogen!
Heissa! Tanz und Ungarwein!“

 F. Schifkorn.