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Textdaten
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Autor: Eugen Wolff
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Titel: Klaus Groth
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aus: Die Gartenlaube, Heft 16, S. 267–268
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Artikel über Klaus Groth
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[267]
Klaus Groth.

Am 24. April 1889 feiert Klaus Groth seinen siebzigsten Geburtstag, und das deutsche Volk hat guten Grund, an diesem Feste theilzunehmen. Gehört der Dichter auch nicht zu denen, die sich auf den lauten Markt des Tages drängen, – sein Name wird mit Ehren genannt, seine Werke haben sich einen dauernden Platz in der deutschen Litteratur errungen. Ein Stück Geschichte, weilt er seit lange unter uns; seine dichterischen Thaten sind mit unvergänglichen Zügen eingezeichnet in das Buch des deutschen Geisteslebens; er bedarf keines Fürsprechers und Lobredners, und auch heute kann es sich für uns nur darum handeln, ins Gedächtniß zurückzurufen, was er uns allen ist und bleiben wird, worin seine dauernde Bedeutung für die deutsche Litteratur besteht, welche Schöpfungen ihm einen festen Ehrenplatz in der Geschichte unserer Dichtung sichern.

An der Thür seines Gartens stand, als ich den Dichter zum ersten Mal aufsuchte, im Frühherbstwind sinnend eine baumlange, rüstige Gestalt mir gegenüber.

„Herr Professor Klaus Groth?“ fragte ich zweifelnd, – wir bilden uns gemeinhin von einem Dichter eine ganz andere Vorstellung als von gewöhnlichen Menschen, mehr phantastisch, überirdisch. Aber der Mann vor mir schien fest in seinem Boden zu wurzeln, man hätte ihn am ehesten für einen Landmann gehalten. [268] Ohne sich in seiner Betrachtung stören zu lassen, reichte er mir die Hand und sagte: „Da lebt man Tag für Tag mit seinen Bäumen und geht doch oft unachtsam an ihnen vorbei. Erst heute entdecke ich hier ein Vogelnest; nun wird es bald verlassen sein.“ Dann schritt er langsam dem inmitten des Gartens liegenden Häuschen zu: „Als ich mich hier anbaute,“ erklärte er, „war ich ganz allein und frei wie auf dem Lande. Jetzt bin ich von allen Seiten eingeschlossen und habe überall um mich die Stadt.“

Dann schritten wir mit einander durch den Garten und traten ins Haus. Viele Besucher haben Klaus Groth an gleicher Stelle in gleicher Weise gefunden.

Auch das Leben des Mannes ist schlicht und einfach und stimmt zu seinem Dichten. Heide, der Hauptort von Norderdithmarschen, ist seine Heimath. Dort wirkte er bis 1847 als Lehrer an der Mädchenschule, nebenher emsig mit eigenen Studien beschäftigt. Dann verbarg er sich sechs Jahre auf der Insel Femern, „um zu gesunden“. Und er hat uns allen Gesundung gebracht: in dieser Abgeschiedenheit schuf er seinen „Quickborn“. Nachdem er vier Jahre lang öfters den Aufenthalt gewechselt, nahm er 1857 in Kiel festen Wohnsitz und begann im folgenden Jahre eine akademische Lehrthätigkeit für deutsche Sprache und Litteratur. Wenn er auch bis in die letzten Jahre hinein dichterisch thätig war, so erschienen seine Werke doch nur in großen Zwischenräumen; er verschmähte es, dem Beispiel so mancher Tagesgrößen zu folgen, die ihren einmal erworbenen Ruhm in einer nicht eben idealen Weise auszunützen besorgt sind. In der That bezeichnet der „Quickborn“ zur Genüge den ganzen Umkreis von Klaus Groths poetischem Können. Von dem, was sich der Dichter zum Ziel seines Lebens gesetzt, fehlt hier kein Ton. Daher ist das Werk so einheitlich geschlossen und in sich vollendet wie kaum eine zweite deutsche Gedichtsammlung seit Goethes „Westöstlichem Divan“.

Die Gartenlaube (1889) b 268.jpg

Klaus Groth.
Nach einer Photographie von Schmidt u. Wegener in Kiel.

Aber welches ist jenes Ziel seines Lebens? Mit geradezu herausfordernder Entschiedenheit sprechen es die „Briefe über Hochdeutsch und Plattdeutsch“ (1858) aus: „daß das Plattdeutsche die vollkommenere der beiden Schwestern sei.“ Das will er in seinem Theile durch Schöpfungen beweisen, welche seinen heimischen Dialekt aller dichterischen Töne in unvergleichlich inniger Weise fähig zeigen.

Ich lasse den Streit über die größere Vollkommenheit, in welchem ich auf dem Boden der Geschichte stehe, bei Seite. Rückhaltlos wird man aber das eine zugestehen müssen, daß die schöpferische Aufgabe, die sich der Dichter gestellt, in vollem Umfange von ihm gelöst worden ist. „Quickborn“ hat bewiesen, daß der plattdeutschen Sprache kein Laut, keine Stimmung des Schmerzes und der Lust versagt ist. Absichtlich stelle ich den Schmerz voran. Wenn man sich erinnert, daß im Erscheinungsjahr des „Quickborn“ (1853) auch Fritz Reuter mit den „Läuschen un Riemels“ seinen Dichterruf begründete, so wird eine gewisse Nebenbuhlerschaft von vornherein begreiflich erscheinen. Der Gegensatz trat um so schärfer zu Tage, als die mit Recht gefeierten Dichtungen des mecklenburgischen Poeten wohl die mächtigste Stütze für jene von dem Holsteiner energisch bekämpfte, weitverbreitete Ansicht bilden, daß der niederdeutsche Dialekt nur für niedrig-komisches Genre geeignet sei. Die Geschichte stellt oft neben einander, was sich im Leben gegenüberstand. So darf das deutsche Volk sich daran erfreuen, daß seiner Dichtung zwei sich so glücklich ergänzende Naturen zu gleicher Zeit frisches Lebensblut zuführten. Bewundern wir die Meisterschaft epischer Charakteristik des einen, ohne uns deshalb weniger an der lyrischen Gemüthstiefe des andern zu erquicken! Auch fehlt Klaus Groth durchaus nicht jene echt germanische Lebensfreude, sie ist es, welche selbst in der schwermüthigsten Stunde dem Dichter bei Betrachtung der Menschen und ihres Thuns und Treibens den Blick lenkt. Wenn wir indeß erwägen, daß überall die Volksdichtung vorwiegend tragischen Charakter bekundet oder doch zum mindesten stark mit tragischen Tönen durchsetzt ist, so werden wir diese Nebeneinanderstellung am besten folgendermaßen schließen dürfen: in Reuters Werken bewundern wir mehr den schaffenden Dichter, im „Quickborn“ mehr die schöpferische Volksdichtung selbst.

„Quickborn“ zeigt ausgeprägte Ortsfärbung; die Dichtungen gruppiren sich um das Dorf dieses Namens, welches einige Wegstunden nördlich von Altona liegt.

Da die Sammlung alle Lebensverhältnisse des dithmarscher Stammes in den Kreis ihrer poetischen Behandlung zieht, trägt sie mit gutem Recht den Nebentitel „Volksleben in plattdeutschen Gedichten dithmarscher Mundart“. Die reiche Fülle der Stoffe, bunt durch einander, wie sie das Leben darbietet: innige Liebe zur Muttersprache, Sehnsucht nach der Jugendzeit, das ursprüngliche Liebesjauchzen des Naturmenschen, schwermüthige Betrachtung des braunen Moorbodens, der arme lustige Orgeldreher, Abschiedsweh, Kinderlieder, Märchen, der Packjude, der Fischer, der Müller, die Melkerin, die Krabbenfrau, die alte Harfenistin, die sterbende Großmutter, daneben eine Liebesgeschichte in Hexametern, dann wieder kurze Volkssprüche, Fabeln, die Schrecken der hereinbrechenden Fluth, Volkssagen in glücklich getroffenem Balladenton, historische Volkslieder, Liebesscenen meist mit tragischem Grundzug, die junge Witfrau, das Dorf im Schnee, Abendfrieden, die von der See geweckte Sehnsucht, die Lotsentochter in Verzweiflung um den ertrunkenen Geliebten – ist es zu viel gesagt, wenn man die Muse des „Quickborn“ reich wie das Leben nennt? Reich wie das Leben und gesund wie die Natur:


„Ik weet ni, wat ik seggn schall to de Welt,
Gelehrter ward se, awer ok so stumm,
So old un so vernünfti un so lerri . . .“

„De Bur hett ok sin egen lüttje Welt,
Un wer se sehn will, de mutt Ogen hebbn,
Un is se nich so lud as fröherhin,
So kik he um so deper, niper to,
Un hett he denn en Hart vaer se in Liv,
So ward he sinn’, de Welt is noch so vull,
So selig un so heimisch un so bunt
As uns de besten Schriften man vertellt.“


Eugen Wolff.