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Khoja Nasr-il-din Effendi, der türkische Eulenspiegel

Textdaten
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Autor: J. F.
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Titel: Khoja Nasr-il-din Effendi, der türkische Eulenspiegel
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 3, S. 38–39
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Khoja Nasr-il-din Effendi, der türkische Eulenspiegel.

Sammlungen von lehrreichen Fabeln oder unterhaltenden Späßen haben es sich bei vielen Völkern gefallen lassen müssen, eine von der Volksphantasie concret ausgearbeitete Person, einen Eulenspiegel, als Träger zu bekommen, der all das Wunderliche erlebt hat und dem all die Weisheit beinahe unwillkürlich entfahren ist. Im Anfang des Anfangs hat ja der menschliche Geist überhaupt, was er auffaßte, nur als ein Persönliches, wie er selbst ist, aufzufassen vermocht. Nicht blos die Thiere, sondern auch die Pflanzen, ebenso die Berge und Flüsse und Sonne, Mond und Sterne und Donner und Blitz waren ihm Personen. Vom Inhalt aller Mythologie, ja aller Religion zu schweigen, hat man nur an das Geschlecht des Hauptwortes – in allen Sprachen, mit alleiniger Ausnahme der englischen – zu denken, welches beweist, daß nicht die Vorstellung der Person, sondern die Vorstellung der Sache, die keine Person ist, dasjenige ist, welches dem Menschen schwer fiel, zu dem er erst durch Ableitung und Schlußfolgerung kam. Was Wunder also, wenn auch die ersten Bücher, welche vom Volke von vorn bis hinten auswendig gelernt wurden, in der Volksphantasie zu Personen sich umformten. Die ersten Bücher hat Niemand gemacht, es waren alles allmählich entstehende Sammlungen. In jedem Fach gab es nur ein Buch, das noch die ganze Literatur des Faches in sich enthielt. Für solche Sammlung, die wir heute Encyklopädie nennen würden, ist ein alter deutscher Ausdruck: Spiegel. Der Eulen-Spiegel, von dem wir nur die allerletzte Ausgabe, um mich so auszudrücken, besitzen, die Ausgabe, in welcher dem vom Volke hineingelegten persönlichen Elemente Rechnung getragen ist und die eben deswegen allen übrigen das Garaus gemacht hat, ist also die Sammlung aller drolligen Afterweisheit, welche sich im Laufe früherer Jahrhunderte in Deutschland aufgespeichert hatte und welche, unter der Hieroglyphe der Eule, neckisch den weisen Leuten dedicirt war.

Von allen mir bekannten ähnlichen Sammlungen bei andern Nationen ist nun die türkische diejenige, welche am meisten Analogie mit unserem Eulenspiegel bietet. Auch sie hat, und zwar in noch höherem Maße als die unsere, eine bestimmte Person zum Träger bekommen, und genau wie das Eulenspiegelgrab in Mölln in Lauenburg, wird das Grab des Khoja Nasr-il-din Effendi in Skutari gezeigt. Das Grab ist selber eine Eulenspiegelei, denn es hat kein Gitter umher und doch steht eine Thür davor. Wahrscheinlich war das Grab eher da als die Sage von Khoja und ist, durch die Drolligkeit der überflüssigen Thür, selbst die Ursache gewesen, daß die Sage entstanden ist oder sich wenigstens doch an den Namen des unglücklichen Khoja geknüpft hat, dessen Erben vielleicht nur das Geld ausging, um auch das Gitter machen zu lassen, nachdem die Thür mit der Inschrift fertig war. Ich weiß nicht, ob die Sage auch darin dem Grabe folgte, daß sie den Khoja bis in die Zeit des Sultan Bajazet zurückverlegt. Sie giebt seinem Lebenslauf eine bestimmtere Gestalt, als dem unseres Eulenspiegel zu Theil geworden. Er hat studirt, tritt dann als verbummelter Gelehrter auf – wann er seinen Titel Effendi bekommen, bleibt im Unklaren – heirathet, wirtschaftet im kleinen Häuschen mit Garten in Skutari, wird plötzlich fromm und durch Gunst als Koran-Erklärer bei einer Moschee untergebracht. In der Moschee selbst treibt er es aber, wie wir sehen werden, nicht im Geringsten besser, ohne daß dies den Hof verhindert, wohlwollende Notiz von ihm zu nehmen und sich an seinen Späßen zu ergötzen.

Doch nun zu diesen Späßen selbst. Man müßte vor National-Eitelkeit übergeschnappt sein, wollte man behaupten, die Späße unseres Eulenspiegel seien gut. Nur von wenigen Ausnahmen läßt sich das sagen. Die meisten sind einfach kindisch, andere roh, noch andere bis zur Unverständlichkeit verwirrt; es ist klar, daß die Hand des ungebildeten Büchermachers, der viel für’s Geld geben wollte, über der Sammlung gewesen ist, die ursprünglich sehr beschränkter Ausdehnung gewesen sein mag, nur die wenigen eigentlichen Sprüche der Lebensweisheit im lustigen Gewande umfassend, welche unzweifelhaft der älteste und, womit Jeder übereinstimmen wird, auch der beste Theil sind.

Vor allem im wirklichen Witze müssen wir den türkischen Eulenspiegel weitaus über den unseren setzen. Es spielt ein Witz zweifacher Natur in seinen Späßen, bei dem es mich bedünken will, als ob hier ein semitischer, dort wirklich ein tatarischer Urquell der Schnurre sich verrathe, je nachdem der Lachmuskel durch geschicktes Spiel mit der Logik, oder durch überraschende Zusammenstellung des Bildes gereizt wird. Einigemal wird der Witz – nicht zotig – aber doch gemein im Stoffe; eigentliche Lebensweisheit zu predigen, kommt dem Khoja noch viel seltener in den Sinn, als dem Eulenspiegel. Die Form ist stets außerordentlich knapp; auch nicht ein Wort mehr als durchaus nöthig. Es wirkt eben nur der Inhalt, nicht die Form. Daher ist auch genauere Uebertragung, zu der sich außerdem die Verschiedenheit des deutschen und türkischen Sprachgeistes nicht herbeiläßt, nicht nöthig. Es reicht aus, die Schnurren – natürlich nur eine kleine Auswahl aus den siebzig, die vorhanden sind – wiederzuerzählen, wie sie eben aus dem Gedächtniß in die Feder fallen.

Kurz nachdem sich der Khoja verheirathet hat, – natürlich mit einer Xanthippe – begegnet er einem Haufen Sophthi’s, Studenten, seinen ehemaligen Commilitonen; es gelüstet ihn, im neuen Haushalt den Wirth zu spielen, und er schleppt sie mit sich, zur Pillaf-Mahlzeit, in sein Haus. Es läuft aber übel ab. „Wo [39] denkst Du hin?" sagt seine Frau; „Du, der nichts verdient, Du willst Deine alten Brüder Taugenichtse hier abfüttern? Es giebt keinen Pillaf.“ Und der Khoja senkt das Haupt, nimmt den leeren Napf aus der Küche auf sein Zimmer, setzt ihn vor die Studenten und sagt: „Da ist der Napf, in dem ich Euch den Pillaf vorgesetzt hätte, wenn meine Frau ihn geben wollte.“

Seine Frau hatte übrigens ganz Recht, denn er verdiente wirklich nichts; eine Zeitlang scheint, was von ihm in die Wirthschaft geliefert wurde, sogar ausschließlich auf unehrlichem Wege beschafft worden zu sein. Vorzugsweise der Obstgärtner, der neben ihm wohnte, konnte ein Lied davon singen. Es war eine Mauer zwischen beiden Gärten, die eben nicht höher war, als des Khoja Leiter. Eines Tages stand die Leiter nicht an des Khoja, sondern an des Gärtners Seite der Mauer, und da stand auch der Khoja; der Gärtner aber hatte aufgepaßt und kam dazu. „Was thust Du denn in meinem Garten, Nachbar Khoja?“ war die natürliche Frage. „O! ich will Dir nur die Leiter zum Verkauf anbieten“ – sagte der Khoja, mit der unschuldigsten Miene von der Welt. Darauf der Gärtner: „Ja dann, warum nicht vorn zur Thür hereinkommen?“ Doch bringe Du den Khoja in Verlegenheit! „War es nicht am besten,“ sagte er, „daß ich Dir gleich zeigte, wie brauchbar und nützlich sie ist?“ – „Ja so!“ sagte der Gärtner und kaufte die Leiter.

Es muß aber auch ohne Leiter gegangen sein, denn am nächsten Tage war er schon wieder in des Nachbars Garten, und diesmal bis an den Apfelbaum vorgerückt, dessen dichtbelasteten Zweig seine eine Hand herabdrückte, während die andere den Sack hielt, der schon halbgefüllt war, als der wachsame Gärtner, der ihn diesmal absichtlich hatte gewähren lassen, ihm unversehens auf die Schulter klopfte. „Nachbar Khoja, Nachbar Khoja!“ sagte der Gärtner, „weshalb bist Du aber heut in meinen Garten gekommen, und wie hast Du’s ohne Leiter gemacht?“ Das Letzte hätte er nicht sagen sollen; denn Khoja ward ja dadurch selber alsbald seine eigne Unschuld klar. – „Eben, eben!“ sagte er; „aber höre das Brausen des Windes! Wer kann dafür, wenn ihn der Wind emporhebt und in des Nachbars Garten schleudert?“ – „Ja, wie kommt denn aber Deine Hand hier an den Apfelbaum?“ fragte der Gärtner weiter. – Der Khoja darauf: „Ich mußte mich doch festhalten, wollte ich nicht in den Bosporus geweht sein.“ – Der mißtrauische Gärtner schüttelte noch immer den Kopf. „Ja, aber sage mir, wie kommen die Aepfel hier in Deinen Sack?“ Der Gärtner sah den Khoja, der Khoja den Gärtner an. – „Ja wohl, merkwürdig,“ sagte der Khoja; „darüber dachte ich auch gerade nach, als Du kamst.“

Es ist nicht erzählt, was der Gärtner darauf gethan hat. Es muß vermuthet werden, der Gärtner sei ein richtiges Kind der Zeit gewesen, die diese Schnurren gebar, der Zeit, wo der schläfrige Türke noch ein munterer, weltstürmender Bursche war, und habe dem Witze nicht zu widerstehen vermocht. In der That, zergliedere man ihn nur; es steckt etwas drin! Erst die Persiflage wegen der unnütz gekauften Leiter, die nun der Wind ersetzt; und dann die zweite, in der er mit dem Gärtner selber überlegt, wie er sich ausreden soll!

Der Gärtner muß ihm verziehen haben, denn am nächsten Tage sehen wir ihn aus Rand und Band gehen. Diese Diebesgeschichten sind wahrscheinlich die einheimisch türkischen, die tatarischen. Komik der Situation ist darin die Hauptsache; und auf ein bischen Unflath hier und da kommt es nicht an. Dies zur Vorbereitung, wenn wir ihn nun zum dritten Male in des Nachbars Garten, und zwar diesmal oben auf dem Baum finden, den er unten schon abgelesen hat. Der Gärtner, der augenscheinlich gutmüthig auf den Spaß eingegangen ist, steht drohend mit der Stange unten. „He, Nachbar Khoja! habe ich Dich endlich auf dem Baum? Warte, jetzt sollst Du es kriegen.“ Der Khoja, der ungestört seinen Apfel ißt, ruft aber lustig herunter: „Ich bin ja gar nicht der Khoja.“ – „Wer bist Du denn?“ – „Ich bin eine Nachtigall.“ – „Dann singe einmal.“ – Was der Khoja nun that, bleibe was es war, nämlich türkisch. Ein Laut war’s, aber allerdings kein Nachtigallengesang. „So singt doch keine Nachtigall!“ sagte der Gärtner. – „Doch – eine christliche von drüben!“ war die verwegene Antwort, die den guten Moslem unten augenblicklich entwaffnete.

Der Khoja war durch seine Streiche allmählich bekannt geworden bis an Bajazet’s Hof, und eine ganze Reihe von Schnurren bezieht sich auf glückliche Abführungen witzigseinwollender Hofleute, mit denen er zum Vergnügen des Sultans zusammengehetzt wird. Seine endliche Bekehrung zur Frömmigkeit geht auf dem Wege eines irischen Bull vor sich, wie ihn kein Paddy, von dem ich wohl ein andermal Geschichten erzähle, besser herausbringen kann. Er hört aus dem Schlafzimmer in der Nacht im Garten ein Geräusch, steht auf und sieht eine weiße Gestalt mit erhobenen Armen sich hin und her bewegen. „Allah ist Allah und Mahomet ist sein Prophet!“ sagt er mit zu Berge stehenden Haaren, nimmt aber doch die Armbrust von der Wand, spannt sie und legt den Bolzen auf. Auch hat er noch so viel Herrschaft über sich selbst, genau zielen zu können. Aber als der Bolzen abgeflogen, hat er nicht mehr hinzublicken vermocht und ist schaudernd auf’s Lager zurückgekrochen. Am nächsten Morgen, als er sich in den Garten hinauswagte, klärte sich das Geheimniß auf. Er hatte durch sein eigenes Hemde, das an der Trockenleine hing, hindurchgeschossen. „Gelobt sei Allah!“ rief er aus; „hätte ich das Hemde angehabt, so wäre ich jetzt ein todter Mann! Ihm, der allein es so glücklich gefügt hat, sei fortan mein Leben geweiht.“

Nach seiner Bekehrung erfolgt seine Anstellung als Koranleser in einer kleinen Moschee, die zum Schauplatz des Restes der Schnurren wird. Allem Anschein nach gelangen wir hier auf den Boden arabischen Witzes, geistlichen Witzes vielleicht, mit dem der Derwisch den Derwisch lachen gemacht hat. Der Witz ist höher, ist in der That Sophistik; auf die Komik der Situation ist dagegen nicht derselbe Nachdruck gelegt. Ein Beispiel reicht aus. Es war der erste Freitag, an dem er fungirte. Die Gemeinde war nicht wenig neugierig auf den Khoja als Prediger. Er hatte den Korantext des Tages vorgelesen und nun zu erläutern. „Andächtige Moslemin,“ hob er an, „was ich über diesen Text nun sagen werde, wißt Ihr ja doch wohl schon?“ – „Nein, ehrwürdiger Khoja!“ antwortete die Gemeinde verwundert; „wie können wir es wissen? wir wissen es nicht.“ – „Nun seht Ihr,“ fuhr er fort, „da geht es mir gerade wie Euch; ich weiß es auch nicht“ – klappte den Koran zu und stieg von der Kanzel. Man kann sich denken, daß die Spannung für den nächsten Freitag wuchs. Er konnte sich doch nicht immer auf dieselbe Art heraushelfen. Als er aber die Lesung des Textes beendigt hatte, fing er richtig wieder an: „Andächtige Moslemin! was ich über diesen Text nun sagen werde, wißt Ihr ja doch wohl schon?“ – Trotz der Heiligkeit des Orts schüttelte sich die Gemeinde vor Lachen; hundert Hände erhoben sich und winkten ihm zu, und hundert Stimmen riefen: „Ja wohl, das wissen wir schon!“ – „Wie gut!“ sagte er; „da brauche ich es Euch ja nicht zu sagen“ – klappte wieder den Koran zu und stieg von der Kanzel. Am dritten Tage faßte die Moschee den Andrang der Neugierigen nicht mehr. Der Hof selber, der von den Scenen gehört, war gekommen und hatte seinen besten Witzbold mitgebracht, um den Khoja in Verlegenheit zu setzen. Die ausgegebene Losung war, daß, wenn er wieder mir seiner Frage käme, Alles mäuschenstill sein und der Witzbold allein antworten sollte. Der Text war gelesen; wird er nun die Taktik verändern, oder nicht? Nein, wahrhaftig, er fing wieder an: „Andächtige Moslemin! Was ich nun über diesen Text sagen werde, wißt Ihr ja doch wohl schon?“ – Der Witzbold war mit seiner Antwort vollständig vorbereitet: „Ehrwürdiger Khoja!“ antwortete er, sich verneigend; „Einige hier wissen es allerdings schon, es sind aber heute auch Andere hier, die wissen es noch nicht.“ – „Nun gut!“ sagte der Khoja, „dann können ja Diejenigen, die es wissen, es Denen sagen, die es noch nicht wissen“ – klappte den Koran zu und stieg von der Kanzel.

Und ich klappe hiermit für heute den türkischen Eulenspiegel zu, von dem ich geglaubt habe, daß er, mit der nöthigen Vorsicht behandelt, was, wie ich denke, geschehen ist, in der Gartenlaube ebensogut präsentirt werden könne, als im Kiosk.

J. F.