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Textdaten
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Autor: H. R.
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Titel: Künstlers Erdenwaffen. Ein Bruchstück aus Mozart’s Leben in Wien
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 39, S. 612-615
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Künstlers Erdenwallen.

Ein Bruchstück aus Mozart’s Leben in Wien.


„Deutsch war sein Lied und deutsch sein Leid,
Sein Leben Kampf mit Noth und Neid;
Der Kampf ist aus! Er flieht den Ort,
Indeß sein Lied tönt ewig fort.“
     Lortzing’s Grabschrift.


Unter all den vielerlei Erscheinungen der Menschenwelt ist die des Künstlers wohl eine der wunderbarsten, Künstler zu sein ist oft ein Segen, oft ein Fluch. Des Künstlers Brust schwellt oft die höchste Seligkeit, die Sterblichen zu fassen vergönnt ist, aber sein Herz zuckt wohl auch krampfhaft unter den Wunden, die ihm die Menschen und das Schicksal schlagen. Seine Lebensaufgabe ist unbedingt die schönste unter allen Lebensaufgaben; sein Streben trägt ihn von allen Erdensöhnen der Sonne des ewigen Lichtes und der ewigen Wahrheit am nächsten. Was erst, „nachdem Jahrtausende verflossen, die alternde Vernunft erfand“, was Andere mühselig sich erringen müssen, liegt von Natur in seinem kindlichen Gemüthe, ist, ein Symbol des Schönen und des Großen, seinem Verstände im voraus offenbart. Was andere Menschenkinder nur von ferne als Schönheit ahnen, enthüllt sich seinem Geistesblick, strahlt ihm in seiner ganzen Fülle entgegen und wird bei ihm zur vollen göttlichen Wahrheit. So ist er „in edler, stolzer Männlichkeit, mit aufgeschloss’nem Sinn, mit Geistesfülle, voll mildem Ernst, in thatenreicher Stille“, wirklich … „der reichste Sohn der Zeit“.

Freilich ruht dieser Reichthum zumeist nur in seiner inneren Welt; freilich verkennt ihn ebendeshalb die äußere so oft und so viel, und schmerzliche Berührungen bleiben deshalb nicht aus. Aber, getragen von den gewaltigen Schwingen einer heiligen Begeisterung, entfleucht er dem Erdenstaube immer wieder, und selbst noch „auf seine Kerkerwand malt Phantasie mit lieblichem Betrug des Paradieses holdes Bild.“

Echtes wahres Künstlerthum, Begeisterung, volle nachhaltige Begeisterung wird freilich nur die Kraft erwecken, die zugleich bewußt den rechten Weg erfaßt! Was ist am Ende die größte Kraft und der blendendste Geist, wenn sie nur selbstgefällig sich zeigen, nur um ihre Achse sich drehen, statt frisch hinaus in das Leben zu treten und segenvoll für die Menschheit zu schaffen; oder wenn sie aus alten ausgetretenen Gleisen dahingehen, statt ihre Zeit und deren Nothschrei recht zu verstehen und der Göttin Wahrheit ewig am Munde zu hangen? Was sind sie? Prächtige Feuerwerke, die in der Luft verprasseln, für den Augenblick weithin leuchten, aber schnell dahingehen; während Sterne, wie Homer, Shakespeare, Schiller, Goethe, Raphael, Michel Angelo, Mozart und Beethoven in ewiger Schönheit am Himmel der Kunst leuchten und strahlen.

Darum eben ist „Künstlers Erdenwallen“ für den denkenden Menschen ein höchst interessanter Gegenstand der Beobachtung; darum wendet man sich immer dem Leben solcher Männer gerne zu, und zwar namentlich wenn der große Künstler auch ein edler, liebenswürdiger Mensch war, wie dies z. B. bei Mozart der Fall war.

Zahlreiche Auszüge aus seinem Leben, Lebensbeschreibungen, Erzählungen, Novellen und Romane bestätigen das Ebengesagte, [613] wie z. B. auch das bekannte Hamman’sche Oelbild, das eine Scene aus Mozart’s Leben in Wien darstellt, und das wir hier unseren Lesern in einem gelungenen Abbilde wiedergeben. Um das Bild zu erklären, möge es uns erlaubt sein, etwas näher auf jenen Zeitabschnitt in dem Leben des großen Maestro eingehen zu dürfen.

Mozart war bereits fünf Jahre mit Constanze Weber verheirathet, und diese fünf Jahre waren – wenigstens in ehelicher Beziehung – recht glücklich gewesen. Er hatte sie mit Constanze vergnügt verlebt, und ihre gegenseitige Liebe stand in der schönsten, vollsten Blüthe. Warum sollte dies aber auch nicht sein? Fand denn nicht Mozart in seiner Constanze, was er gesucht: ein gutes, liebevolles Weib, das sich an seine Gemüthsart, an seine kleinen Eigenheiten vortrefflich anzuschmiegen, in sein ganzes Wesen vollkommen einzugehen wußte? Dadurch aber gewann Constanze auch wieder sein ganzes Zutrauen und jenen wohlthätigen Einfluß, der oft mit liebevoller Besorgniß die gewaltigen Flügelschläge des – hier und da auch abirrenden – Genies zu bewältigen wußte. Freilich gelang dies nicht immer; aber da er sie wahrhaft liebte, ihr Alles, selbst seine kleinen Sünden, anvertraute, so war Constanze meist so klug, ihren Mann für das zu nehmen, was er war, für einen außergewöhnlichen, bedeutenden Menschen, dessen Wesen, dessen Denken, Fühlen und Handeln nicht mit dem kleinlichen, nur für Alltagsmenschen passenden Maßstabe gemessen werden konnte.

Die Gartenlaube (1860) b 613.jpg

  Mozart, zum ersten Male seinen „Don Juan“ vortragend.   Aarland’s V.A.
Nach dem Originalgemälde von E. Hamman.

Und mußte sie ihm denn nicht vergeben, mußte sie nicht immer wieder gut sein, wenn er sich auch einmal von seiner durch ungeheures Arbeiten nervös gesteigerten Lebhaftigkeit und Sinnlichkeit hatte hinreißen lassen? Er war ja auf der anderen Seite wieder so unendlich gut, so aufmerksam, so liebevoll! Für gewöhnlich hatte denn auch Frau Constanze so viel richtigen Takt, so viel Geist und Lebenserfahrung, sich zu der Höhe zu erheben, auf welcher ihr Gatte sich in geistiger und künstlerischer Beziehung bewegte, sich in ihn hinein zu denken. Ihre herzliche, innige und treue Liebe lieh ihr dazu die Schwingen; aber eben diese aufrichtige Liebe sah auch, gerade weil sie innig und aufrichtig war, dem allzukecken Fluge ihres genialen Mannes oft mit großer Besorgniß nach. Nicht, als ob sie auch nur im Entferntesten gefürchtet hätte, ihr geliebter Amadeus könnte jemals wirklich ausarten, wohl aber aus Sorge für seine Gesundheit und sein Leben.

Seit er verheirathet war, arbeitete Mozart ja – womöglich – noch mehr als zuvor. Die unselige Gewohnheit, Nachts zu componiren, von welcher einst schon Cannabich in Mannheim gesagt, daß sie ihn, wenn er sie nicht aufgebe, keine vierzig Jahre alt werden lasse, hatte sich noch gesteigert. Morgens ward dann in dem Bette ausgearbeitet. War das geschehen, so ging von zehn Uhr die Jagd mit dem Stundengeben an; denn – vor allen Dingen mußte ja der Schornstein rauchen, da man Frau und bereits auch Kinder hatte. Die Runde seiner Lectionen zu machen, war aber in Wien keine Kleinigkeit und nahm oft auch noch einige Nachmittagsstunden sammt der so nöthigen Geduld und frohen Laune weg. Ach! Mozart fühlte nur zu gut und zu schmerzlich, was sein großes Genie in dieser Zeit für Mit- und Nachwelt hätte schaffen können, wenn ihn eine seiner würdige Anstellung über die Sorgen des Lebens erhoben hätte. Aber auch Kaiser Joseph, der ihn doch so sehr liebte und schätzte, ließ ihn – Dank den Intriguen seiner Feinde – unangestellt.

Und wenn er nun, durch Stundengeben, sonstige Berufsarbeiten, Akademien, Proben und dergleichen abgemüdet, bis zum Umsinken erschöpft, geärgert, gelangweilt und nervös abgespannt, nach frischem Athem, nach Erholung und Aufheiterung schmachtete, ward den erschlafften Nerven häufig nur in neuer Aufregung eine scheinbare [614] Stärkung vergönnt. Ueberreiz folgte auf allzu große Abspannung. Wein, Punsch, tolle Lustigkeit bis an den Morgen sollte das Uebel gut machen – ach! und die arme Constanze, die mit dem ruhigen, klaren Blick einer verständigen Frau dies Treiben sah, bemerkte nur zu gut, wie des geliebten Mannes Gesundheit dadurch immer angegriffener wurde, wie er dies selbst oftmals fühlte und ihn dann eine tiefe Schwermuth überwältigte, die sich bis zu den finsteren Ahnungen eines frühzeitigen Todes steigerte. Im Ganzen blieb aber der kleinen jungen Frau doch stets ein guter Muth und ein heller Blick, und mit der Zeit war sie schon froh, wenn sie es mit Scherz und Laune, oder mit Bitten und Schmeicheln dahin brachte, daß Mozart den Thee an ihrer Seite trank, sich seinen Abendbraten daheim schmecken ließ und dann nicht mehr ausging.

Wären nur zwei Dinge nicht gewesen: Mozart’s Feinde und Neider und dann die elenden Nahrungssorgen! Um letzteren bei seinen bedeutenden Bedürfnissen und Ausgaben zu entgehen – die ihm oft bei seiner Freigebigkeit und unbegrenzten, namenlosen mißbrauchten Gutherzigkeit über den Kopf wuchsen – mußte eben, wie schon erwähnt, riesenhaft gearbeitet werden. Wie viel arbeitete er außerdem, ohne einen Kreuzer dafür zu nehmen, aus bloßer Gefälligkeit für Bekannte! Wie viel mehr für seine Freunde! Wie oft verwendete er sich mit der größten Aufopferung für arme reisende Virtuosen! Wie oft componirte er für sie Concerte, von welchen er nicht einmal die Abschrift behielt, damit sie unter guten Auspicien auftreten und Unterstützung finden könnten! Wie oft theilte er mit ihnen Wohnung, Tisch und Geld! Wie zahllos ward er benutzt, ausgezogen und betrogen! Und doch verlor Mozart nie den Glauben an die Menschen. Wie ein gutes, aber unerfahrenes Kind nahm er alle Welt für so gut, als er war. Und selbst wenn er sich hintergangen und mit dem schnödesten Undanke belohnt sah, dauerte sein Unwille doch nur Minuten, dann war schon wieder Alles vergessen. Da sah es denn freilich oft unendlich traurig, ja zum Verzweifeln in seiner Casse aus, sodaß ihn z. B. einst, als er mit seiner jungen Frau eine kleine Reise machen wollte, einer seiner Schuldner am Wagen zurückhielt und nicht fortließ, bis er mit der größten Noth die dreißig Gulden aufgebracht, die er jenem schuldete. Und Andere? Andere schuldeten ihm Hunderte von Gulden und bezahlten ihn nie! Und seine Feinde?

Seit dem Jahre 1782 hatte er des Herrlichen wieder viel geschaffen. Vor allen Dingen glänzten unter den Schöpfungen dieser Zeit sechs wundervolle Quartette, die er seinem hochverehrten und lieben Freunde, seinem Muster und Vorbilde, Joseph Haydn, gewidmet. Sie waren vortrefflich, und Haydn selbst sagte zu Mozart’s Vater, der damals gerade zum Besuche in Wien war: „Ich sage Ihnen vor Gott und als ein ehrlicher Mann, daß ich Ihren Sohn für den größten Componisten anerkenne, von dem ich je gehört habe.“ Aber Mozart hatte nachgerade auch noch Anderes geschaffen, so z. B. ein Oratorium: „Davidde penitente“; ferner, auf Kaiser Joseph’s Befehl, den „Schauspiel-Director“, eine Komödie mit Gesang, die bei einem Feste in Schönbrunn zur Aufführung kommen sollte. Den ganzen Inhalt des kleinen Stückes bildet ein Streit zwischen zwei Sängerinnen, von welchen jede behauptet: sie sei die erste, die beste, die vorzüglichste. Ein ziemlich pikantes Interesse erhielt aber diese dramatische Kleinigkeit dadurch, daß Mlle. Cavaglieri und Madame Lange, Mozart’s ehemalige geliebte Aloyse – jetzt seine Schwägerin, – sich selbst unter den fingirten Namen von Herz und Silberklang darstellten. Waren sie doch damals die beiden ersten Sängerinnen Wiens, das heißt, jede war die erste in ihrem Genre und die zweite in dem ihrer Rivalin. Kaiser Joseph hatte an diesem Künstlerstreit seinen Gefallen, und so sollte denn „der Schauspiel-Director“ als Urtheilsspruch in letzter Instanz dienen. Mozart erfüllte dabei seine Pflicht als Componist mit großer Gewissenhaftigkeit, indem er keine der Parteien bevorzugte; dennoch hatte er die Freude, seine Schwägerin als Siegerin aus dem musikalischen Wettkampfe hervorgehen zu sehen.

Aber diese Kleinigkeiten traten bald gegen eine seiner Hauptschöpfungen zurück. Es war dies die herrliche Oper „Le nozze de Figaro“ – „Figaro’s Hochzeit“. – Mozart hat kaum etwas Schöneres und nichts, was schwieriger zu componiren war, geschrieben. Und doch! – „Le nozze de Figaro“ war in Wien nicht durchgedrungen, während eine andere, weit, weit schwächere Oper von Martin: „La Cosa rara“ in die Wolken erhoben wurde. Und wie war dies möglich? Nun – die Schlange hatte sich ja lange genug durch den Staub gewunden und an den Stufen des Thrones, in den Boudoirs der Sängerinnen, zu Füßen der Sänger und im Gewühle des öffentlichen Lebens gezischt und ihr Gift ausgestoßen, warum sollte sie nicht endlich den neuen Messias der Musik in die Ferse stechen?

Salieri – Mozart’s Freund – der kleine zierliche Hof-Capellmeister Salieri, den Mozart scherzweise nur Monsieur Bonbonniere nannte, da er, wo er ging und stand, Zuckerwerk aus einer Bonbonniere naschte, – dieser schön gestaltete, in musikalischer Beziehung recht tüchtige und anerkannte Mann, hatte seit langer Zeit aus Neid und aus Furcht, von Mozart – dem Schöpfer der neuen deutschen Oper – brachgelegt zu werden, im Geheimen alle Minen springen lassen, um diesen, seinen gefürchteten Rivalen, zu vernichten. Als nun Salieri erfuhr, daß Mozart durch Kaiser Joseph II. beauftragt sei, jetzt wieder eine italienische Oper über Beaumarchais’ Figaro zu schreiben, wollte er vor Neid, Angst und Mißgunst vergehen. Da kam ihm ein Zufall herrlich entgegen. Gerade um dieselbe Zeit schrieb ja auch sein Günstling, Vincenzo Martin, – einer der damals beliebtesten Componisten in der älteren italienischen Manier, – eine neue Oper unter dem Titel „La Cosa rara.“ Das war vortrefflich! „La Cosa rara“ mußte triumphiren, – denn von Martin fürchtete der schlaue Italiener nichts, – der „Figaro“ dagegen fallen. So konnte Salieri seinem lieben Freunde, Maestro Mozart, einen furchtbaren Stoß versetzen, ohne sich selbst auch nur im Entferntesten bloßzustellen. Waren doch die italienischen Sänger – durch ihr eigenes Interesse gestachelt – längst für eine solche Schlacht gewonnen; denn auch sie haßten ja Mozart, den Untergraber der italienischen Oper; während sie nicht anstanden, Vincenzo Martin zu protegiren, da er ihr gehorsamer Sclave war.

Hierzu kam aber auch noch, dem Publicum gegenüber, etwas sehr Gewichtiges: daß nämlich die Musik zur „Cosa rara“, in welcher sich das Talent eines ganz gefälligen Componisten kundgab, Jedermann sehr leicht in die Ohren fiel, indeß die Musik des „Figaro“ durch ihre Gediegenheit immer bedeutend schwerer zu verstehen war. Während daher Salieri seinem lieben Freunde Mozart ein um das andere Mal vor Entzücken über das neue Meisterwerk die Hand drückte und in Lobeserhebungen und Glückwünschen überfloß, lachte er sich an der Spitze seiner Mitverschworenen mit satanischer Schadenfreude in das Fäustchen. Mozart war ja geradezu auf die Schlachtbank geliefert, da er sein Werk einer Gesellschaft anvertrauen mußte, die ihm, vom Capellmeister und Oberdirector an bis zum letzten Sänger und Choristen, den Untergang geschworen hatte. Ohne es zu wissen, gab er sich in die Hände seiner Henker.

Sämmtliche italienische Sänger und Sängerinnen befleißigten sich denn auch in der That, bei „Figaro’s“ Aufführung so schlecht als möglich zu singen, ja selbst das Orchester hudelte seinen Theil auf solch’ abscheuliche Weise, daß Mozart – Thränen des Zornes und der Entrüstnng in den Äugen – schon nach den beiden ersten Acten in die kaiserliche Loge eilte, den Schutz seiner Majestät anzuflehen.

In der That war denn auch der Kaiser über das Vorgefallene indignirt. Es erging auf der Stelle eine scharfe Zurechtweisung an sämmtliche Mitwirkende. Aber was half es, daß nun der übrige Theil der Oper ein wenig besser ging? Der Schurkenstreich war geglückt. Das Publicum blieb kalt, – „Figaro’s Hochzeit“ – dies wundervolle Meisterwerk, das jetzt – nach mehr denn 70 Jahren – noch eine Lieblingsoper der ganzen civilisirten Welt ist, fiel und konnte sich in Wien lange Zeit von seinem Falle nicht erholen. Mozart, außer sich vor Schmerz und Unwillen, schwur, nie wieder eine Oper für Wien zu schreiben! Aber Wien ist ja nicht die Welt! Bald fand die neue Oper den Weg nach dem Musik liebenden und musikalisch gebildeten Böhmen, in dessen Hauptstadt Prag, sich damals der Impressario – der Theaterunternehmer – Bondini befand. Bondini stand an der Spitze einer ganz ausgezeichneten italienischen Operngesellschaft, deren hervorragendste Mitglieder Luigi Bassi, Capellmeister Strobach, die schöne und feurige Saporitti, der Tenor Antonio Baglioni und der famose Giuseppe Lolli waren. Auch das Orchester war unbedingt das beste, das damals bestand.

Von dieser Gesellschaft aufgeführt, und zwar vor einem so empfänglichen und musikalischen Publicum, wie das Prager, gefiel „Figaro’s Hochzeit“ ganz ungemein. Prag war außer sich vor [615] Jubel, und die Oper mußte den ganzen Winter fast ohne Unterbrechung gegeben werden. Mozart wurde nach Prag eingeladen, mit Jubel empfangen und mit ungemeiner Liebenswürdigkeit behandelt. Was ihn aber namentlich entzückte, war, daß er in den Massen ein so lebhaftes Verständniß des Schönen in der Kunst fand. Begeistert hiervon, beschloß er, durch ein glänzendes Zeugniß den Böhmen seine Erkenntlichkeit und hohe Achtung zu beweisen. „Weil die Präger mich so gut verstehen, will ich eine Oper ganz für sie schreiben!“ rief er aus. Da nahm ihn Director Bondini beim Wort und schloß einen Vertrag mit ihm, in Folge dessen Mozart versprach, zu Anfang des künftigen Winters eine neue Oper zu liefern.

Die neue Oper war „Don Juan“. Wer kennt dieses herrliche Werk nicht? Dieses Werk voll Größe und Erhabenheit! Aber Mozart schwebte auch bei seiner Schöpfung Großes und Erhabenes vor. Seine ganze Seele, sein Denken, sein Fühlen, sein Handeln waren in Musik aufgelöst. Zahlreiche große und prächtige musikalische Gedanken erfüllten seinen Geist, aber das wogte noch Alles chaotisch durcheinander, – es erdrückte ihn fast, und er fühlte, nur die Gestaltung des Werkes könne ihn erlösen. Und sein von schöpferischer Seligkeit berauschter Geist schmachtete nach dieser Erlösung, die im Werden und in der Vollendung Entzücken sein mußte. So kannte er um jene Zeit keine höhere Freude, als in dem engeren Kreise seiner Freunde und Gönner die einzelnen Piecen aus Don Juan, wie sie gerade entstanden, vorzutragen. Zu diesen Freunden zählte Mozart aber vor allen Dingen den alten würdigen Baron van Swieten, den Fürsten Lichnowsky, den Abbate da Ponte, den Grafen und die Gräfin Thun, die Fürsten und die Fürstinnen Galiizin und Esterhazy.

Einen solchen Moment nun, wo Mozart in solcher Begeisterung seine neuen Compositionen aus „Don Juan“ diesem engeren Kreise von Freunden und Gönnern vorträgt, hat der Künstler in dem beifolgenden Bilde aufgefaßt.

In dem Zimmer des Baron van Swieten, dessen Lieblingsgeige an der Wand neben dem Portrait seines Vaters hängt, sitzt Mozart an einem für jene Zeit prächtigen Instrumente. Begeisterung leuchtet aus seinen Blicken; – verloren in musikalische Gedanken, wiegt sich seine Seele auf den Schwingen des Entzückens, und, das Neugeschaffene den Ohren der gespannt Lauschenden kund gebend, strömen ihm neue schöpferische Ideen zu. Still beglückt lehnt Constanze, sein theures Weib, hinter seinem Stuhle stehend, an der Wand, während seine Schwägerin, die berühmte Sängerin Lange, ihm zur Seite sitzt und mit dem Verständniß einer Künstlerin der herrlichen Aufgabe lauscht, die ihr durch dieses neue Meisterwerk des genialen Maestro werden wird. Staunend, tief versunken, ganz Ohr, lauschen die Anderen; nur Salieri raunt – seiner Gewohnheit nach ein Stückchen Zuckerwerk aus seiner Bonbonniere nehmend – dem vor ihm sitzenden vornehmen Gönner eine boshafte Bemerkung zu. Der Italiener erbebt in seinem Inneren vor dem ungeheuren Erfolge, den diese Oper voraussichtlich haben muß.

Die Auffassung des Momentes ist schön und hochpoetisch: in den lichtesten Sphären der Kunst, seines ewigen Sieges gewiß, schwelgt wonnetrunken der Meister. Hohes Staunen, Bewunderung und Liebe zollen ihm die Besseren und Sachverständigen unter den Menschen; aber auch die Schlange des Neides ringelt sich schon und macht sich bereit, – ihrem Opfer den tödtlichen Biß zu versetzen.

Das Schicksal der Oper „Don Juan“ ist bekannt. Mozart ging nach Prag, um sie dort zu vollenden. Ihre Aufnahme war eine enthusiastische. Die Böhmen erkannten sie mit Jubel als die Oper der Opern an, und die Nachwelt hat ihr freudig diesen Rang bewahrt. Aber in Wien – wer sollte es glauben? – siegte abermals der Neid! Salieri untergrub den Boden: schlecht in Scene gesetzt, schlecht einstudirt, schlecht gespielt, schlecht gesungen und noch schlechter verstanden, wurde „Don Juan“ von Salieri’s „Axur“, auf den unendlich viel verwendet worden war, überflügelt! ……. Freilich nur für den Moment, denn wer spricht jetzt noch von „Axur“, während „Don Juan“ für alle Zeiten ein Stern erster Größe unter allen Opern-Compositionen bleiben wird. Aber dies herrliche Werk war und blieb auch der Schlüssel, mit welchem sich Mozart den Tempel des Ruhmes für ewige Zeiten erschlossen hat. Leider mußten Noth, Kampf und Neid noch gar oft in das Leben des edlen Maestro ihre dunkeln Schlagschatten werfen, so daß auch auf seinem Grabe die Worte stehen könnten: <poem>„Deutsch war sein Lied und deutsch sein Leid, Sein Leben Kampf mit Noth und Neid; Der Kampf ist aus! Er flieht den Ort, Indeß sein Lied tönt ewig fort!

H. R.