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Textdaten
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Autor: Carl Ernst Bock
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Titel: Wenn die Badegäste heimwärts ziehen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 39, S. 615-616
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[615]
Aerztliche Strafpredigten.
Wenn die Badegäste heimwärts ziehen.

Die „Nachwirkung“! wie sehnsüchtig mögen Viele auf diese, beim Abschiede vom Herrn Badedoctor meist für den November verheißene, warten, wenn sie trotz vier- bis achtwöchentlicher Abquälerei bei so und so viel Bechern und Bädern von Mineralwasser doch vom Brunnengeiste (der in den meisten Quellen fixe Luft mit abführendem Salze ist) nicht sichtlich restaurirt worden sind! Uebrigens hätte die Nachwirkung des Bades sicherlich auch das verstockte und der Quellmacht trotzende Leiden noch verjagt, wenn der unglückselige Curgast nur nicht einen halben Tag zu zeitig eine Pflaume zu essen oder einen Schnitt Bairisches zu trinken gewagt hätte. So ist denn nun durch solch ein leichtsinniges Versehen gegen die Nachwirkung die schöne Sommerzeit und das schöne Geld vergeudet worden, und die ganze Badewirthschaft muß im nächsten Jahre wieder von vorne losgehen.

Ja! wenn alle die Badegäste, welche vom Bade keine oder gar eine schlimme Wirkung gehabt und auch auf die Nachwirkung vergeblich gehofft haben, dies ebenso ausposaunten, wie die durch’s Bad wirklich Gebesserten oder Geheilten: auf die Badecuren würden sicherlich die Aerzte, wie die kranken Laien, nicht mehr so erschrecklich viel Hoffnung setzen, als jetzt. Ich sage wohlweislich „auf die Badecuren“ und nicht auf das Bad, weil allerdings das Reisen in’s Bad den allermeisten Menschen, Kranken wie Gesunden, gute Dienste für ihr späteres Wohlbefinden thut, aber weniger in Folge des Mineralwasser-Trinkens und Badens, als vielmehr durch die veränderte Lebensweise, durch die Luft-, Nahrungs- und Beschäftigungs-Veränderung, durch passendere Bewegung und Ruhe, durch eine erquicklichere Umgebung und Unterhaltung. Darum sollte von Seiten der Herren Badeärzte mehr auf diese wichtigen diätetischen Hülfsheilmittel geachtet und die in der Regel ganz einseitige Badecur vielseitiger eingerichtet werden. Ebenso sollten aber auch die Herren Hausärzte bei der Wahl eines Bades für ihre Kranken mehr auf die Gemüthsstimmung und Neigung derselben eingehen und deshalb weit mehr auf die Gegend, die Beschaffenheit der Kost und Gesellschaft des Bades Rücksicht nehmen, als dies zur Zeit geschieht. Denn daran ist wohl nicht zu zweifeln, daß der Gemüthszustand des Kranken den größten Einfluß auf den Verlauf der Krankheit ausübt. Bei Heim- und Liebesweh, bei fortwährender Sorge um die Angehörigen und das Geschäft, bei Aerger und Mißmuth, bei Eifer- und anderer Sucht curirt sich’s schlecht, und es ist geradezu ein Verbrechen, einen schweren Kranken (zumal Brustkranken) in einem Bade fern von der Heimath und den Seinigen voll Sehnsucht im Herzen hinsiechen zu lassen. Auch halte ich’s von Seiten der Aerzte nicht für human, einen Kranken in ein Bad zu schicken, wo er in seinen Mitcurgästen fortwährend zu seinem Schrecken sein erbärmliches Ebenbild sieht und immerfort an seine Leiden erinnert wird, wie dies vorzugsweise Schwindsüchtigen passirt. Denn damit können sich die Aerzte nicht ausreden, daß nur ein ganz bestimmtes Bad für ein gewisses Leiden angezeigt sei. Man braucht nur über einen Kranken mehrere Aerzte Rath halten zu lassen, und man wird sicherlich sehr verschiedene Bäder (zumal eben erst aufgetauchte) empfehlen hören. Auch haben viele der Herren Badeärzte in ihren Schriften schon dafür gesorgt, daß man als Arzt bei der Empfehlung eines Bades keinen Fehlgriff thun kann, da ihr Brunnen in der Regel gegen alle nur erdenklichen, selbst organischen (unheilbaren) Uebel empfehlenswerth ist.

[616] Ich kann übrigens nicht umhin, einen Tadel über diejenigen Aerzte auszusprechen, die Kranke, ohne sie genau untersucht zu haben, blos auf einige auffallende Krankheitserscheinungen hin in ein Bad schicken. Ebenso trifft der Tadel aber auch die Kranken, welche sich, ohne gehörig untersucht worden zu sein, sogleich auf die Badereise machen, und noch weit mehr sind die Badeärzte tadelnswerth, wenn sie ihrer Cur nicht eine recht ordentliche Exploration ihrer Patienten vorhergehen und dieser Cur nach den Umständen nicht die passenden Modificationen zukommen lassen. Ich nehme natürlich die Fälle aus, wo ein Mann zu jubeln Ursache hat: „Hurrah! meine Frau ist im Bade!“ oder wo ein Mann zur Erheiterung und Erholung seiner Frau vom Hausarzte in’s Bad spedirt wird. – Wie oberflächlich nicht selten von Heilkünstlern untersucht wird und auf welch unrechte, weil unnütze Weise dieselben oft ihren Patienten ein Bad octroyiren, das mögen Fälle aus der heurigen Saison bezeugen, deren aber nur im Allgemeinen Erwähnung geschehen soll, ob schon jeder einzelne Fall „gegartenlaubt“ zu werden verdiente.

Am wenigsten gebessert kehrte das bleich- und nörgelsüchtige, hysterische weibliche Geschlecht aus den Bädern heimwärts (NB. ich meine nicht etwa „moralisch gebessert“), denn die örtlichen Frauenleiden, welche nur durch eine vernünftige örtliche Behandlung, und zwar gewöhnlich ziemlich schnell, gehoben werden können, wie auch die durch Ruhe, Waldluft und Milch leicht heilbaren Nerven- und sonstigen Schwächen aller Art, trotzten trotz der interessanten männlichen Bekanntschaften doch den Stahlwässern und Seebädern. Es sollen schon viele Ehemänner deshalb das Badereisen ihrer Frauen Liebsten satt bekommen haben, obschon manche heimgekehrte Frau noch lange in der Hoffnung lebte, daß die Nachwirkung der Emser Quelle den Herrn Gemahl doch noch überraschen werde.

Ganz erbärmlich ging’s auch dieses Jahr wieder den sogenannten Hämorrhoidal-Blutern, die gar keine Hämorrhoiden, wohl aber vom Arzte über- und ungesehene blutende Mastdarm-Entartungen (die stets nur einer örtlichen Behandlung weichen) besaßen. Sie verloren in Laxirbädern durch die erzwungenen, durchfälligen Stühle bei fortdauernden Blutungen dergestalt Saft und Kraft, daß sie sich zu Hause lange Zeit tüchtig werden nähren müssen, um nächstes Jahr wieder, und zwar ebenso vergeblich, ein Bad besuchen zu können.

Die mit Geschwülsten irgendwo, die schimpften am meisten auf die Bäder, mochten diese nun purgirende oder jodhaltige sein. Und warum? Weil sie, zuvörderst schon im Ganzen heruntergekommen, auch noch ihre Geschwulst, nicht aber ihren guten Appetit und ihre Groschens wieder mit nach Hause brachten. – Was für Geschwülste aber auch die Bäder wegschaffen sollen! Durch Unterrocksbänder abgeschnürte, sonst aber ganz gesunde Leberstücken (in der rechten Bauchseite), bewegliche und verschiebbare gesunde Nieren und Milz (die zeitweilig drückend an Stellen im Bauche lagerten, wo sie nicht hin gehören), Hülsenwurm- und Eierstocksblasen, alte Krebse und verknöcherte Fasergeschwülste, alle sind den Brunnengeistern verfallen, aber alle weichen und wanken vor denselben nicht.

Hustende Brustkranke sah man weit blässer und magerer, manche auch noch mit neuhinzugetretenem Bluthusten und erschöpfendem Durchfalle heimkehren, sobald sie in Bädern Heilung suchten, wo die Brustkranken, denen nur Ruhe in jeder Beziehung, Wärme und Milch gut thut, früh aus dem Bette heraus, in der kühlen Morgenluft kaltes Salzwasser oder Molken trinken und anstrengende Promenaden machen mußten.

Doch genug von den mißrathenen Badecuren, es gibt auch sehr viele geglückte, wie ich z. B. an meinem dicken, gern gut und viel essenden Freunde sehe, dessen Unaussprechliche für ihn um wenigstens 1 Elle zu weit geworden sind, und der in seinem Leibrocke wie im Schlafrocke herumschlottert. Und das hat Karlsbad gethan. – Auch finde ich die Gesichter und das Benehmen mancher Angestellten viel freundlicher und liebenswürdiger, nachdem sie Sessel und Acten auf einige Wochen verlassen und sich recht ordentlich ausrakoczyt haben. – Ebenso sehe ich verschiedene alte Ausschläge und Rheuma’s, die zur Freude ihrer Inhaber nicht mehr da sind. – Kurz, die Bäder sind in vielen Fällen recht gut und wären noch viel besser, wenn Aerzte und Laien bei weniger fanatischem Enthusiasmus für das Mineralwasser derselben dem richtigen diätetischen Verhalten in und nach dem Bade mehr huldigten.

Was nun schließlich die Nachcur oder „Nachwirkung“ des Bades betrifft, so muß man nicht etwa glauben, daß der genossene Brunnen noch eine bestimmte Zahl von Tagen oder Wochen im Körper des heimgekehrten Badegastes herumwirthschaftet, wenn dieser nämlich die vorgeschriebene Brunnendiät noch forthält, sondern es handelt sich hierbei darum, daß die Schädlichkeiten, welche die Veranlassung zur Entstehung oder Verschlimmerung der Krankheit gaben, fort und fort, soweit es nur immer die Verhältnisse gestatten, vermieden werden. Leider sind die meisten Badereisenden der irrigen Meinung, daß ihr Körper durch das Bad von allen alten Sünden, die sie gegen die Natur begangen, so vollständig gereinigt werde, daß nun das Sündigen von Neuem angehen könne. Nicht selten ist übrigens die Nachwirkung insofern scheinbar eine recht gute, als die Badecur den Patienten so erbärmlich zurichtete (was wohl auch für eine heilsame Verschlimmerung erklärt wird), daß er nach Aufgeben derselben sich natürlich wohler als im Bade fühlt, wenn er zu Hause in seine alte Verfassung zurückkehrt.

Kommt z. B. der Hustekranke mit weniger Brustschmerz, Athembeschwerde und Husten, kräftiger und besser aussehend, aus Salzbrunn, Soden oder Ems nach Hause, so setzt er sich wieder stundenlang zu politisirenden Freunden in den Tabaksrauch und erhitzt sich bei Bairischem über Oesterreichisches. Oder er besucht wieder in brustbeengender Toilette Gesellschaften, Bälle, Concerte etc., ohne die erhitzte Haut und Lunge gehörig vor (zumal plötzlichem) Kaltwerden zu schützen. – Haben sich nervöse Dämchen bei Stahlwässern und Milch etwas gekräftigt, so fangen sie nach ihrer Heimkehr auch schleunigst ihre früheren Gefühls-, Männer- und Dienstbotenquälereien bei erregender und erschlaffender Kost wieder an, und leiden nächstens an frischen Vapeurs. – Wer sich in Laxirbädern die Unterleibsstockungen, die Hämorrhoidalbeschwerden und das überflüssige Fett glücklich wegpurgirte, der verfolgt zu Hause inner- und außerhalb seines Hauses nach allen Richtungen hin seine früheren obstructiven Tendenzen und ist in Bälde wiederum ein verfetteter Unterleibsverstockter. – Der durch trockene warme Luft und heiße Bäder Entrheumatisirte kehrt in sein altes feucht-kaltes Local zurück und wundert sich, wenn das Rheuma wiederkehrt. – Kurz, die badesüchtige Mensch- und Arztheit aberglaubt, daß ein Bad auf die Länge und bei den ärgsten Verstößen gegen die Gesundheitsgesetze schlagfluß-, Wasser- und schwindsucht-, überhaupt krankheitfeste machen könne, während doch nur das richtige diätetische Verhalten nach der Badecur, – die, wenn sie eine zweckmäßige war, allerdings in vielen Fällen einen bessern Ernährungsproceß (Stoffwechsel) im kranken Körper eingeleitet hatte, – eine dauerndere Gesundheit schaffen kann. Und vor Allem:

Denkt man sein Alter hoch zu bringen,
So halt’ man Maß in allen Dingen.

Bock.