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Autor: Fl. Korell
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Titel: Italienische Falschmünzer
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 40, S. 654–660
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[654]
Italienische Falschmünzer.
Selbsterlebtes von Fl. Korell.


In einem früheren Artikel der „Gartenlaube“ (vergl. Jahrg. 1878, Nr. 30) habe ich darzulegen versucht, wie besondere Verhältnisse auf der Insel Sicilien das Räuberwesen zu einer außerordentlichen Verbreitung und Kraftentwickelung geführt hatten; dabei wurde auch des nicht auf jene Insel beschränkten, sondern fast auf ganz Italien, ja die südlichen Länder überhaupt sich erstreckenden Umstandes gedacht, daß die große Leidenschaftlichkeit des Südländers vorzugsweise jene Verbrechen begünstige, welche man unter dem Namen der „Gewaltthat“, auch wohl der „Blutverbrechen“ zusammenfaßt. Verbrechen dagegen, welche eine kalte Ueberlegung und Berechnung voraussetzen, kommen im Verhältniß zu jenen Gewaltthaten und im Vergleiche mit den nördlichen Ländern dort seltener vor. Nur eine Art der Betrügerei macht hiervon eine Ausnahme – das Verbrechen der „Falschmünzerei“.

Die Häufigkeit dieser Betrugsart in Italien erklärt sich durch die eigenthümlichen, höchst ungünstigen Finanzverhältnisse dieses Staates. Bekanntlich gehört das Königreich Italien dem lateinischen Münzsystem an, man kann aber heutzutage recht wohl ein halbes Jahr in Italien leben, ohne auch nur einmal einem Stücke italienischen Gold- oder Silbergeldes zu begegnen. Namentlich letzteres ist so gut wie vollständig aus dem Verkehr verschwunden und durch Papiergeld ersetzt, das in Scheinen von einhalb Lira (nicht ganz vierzig Pfennig), einem, zwei, fünf, zehn, zwanzig, fünfzig, hundert, fünfhundert Lire etc. umläuft.

Die Unbequemlichkeit dieses Münzwesens, welches das gleichzeitige Führen von mindestens zwei Geldtaschen voraussetzt, eine für das Kupfergeld, die zweite für das Papiergeld, wird für den Fremden wesentlich dadurch erhöht, daß fast in allen großen Städten, wie Turin, Mailand, Venedig, Genua, Florenz, Rom, Neapel, Palermo etc., Banken mit dem bezüglichen Stadtnamen (z. B. „Banca di Fireze“, „Banca Romana“) bestehen, welche zur Ausgabe von Banknoten berechtigt sind, deren Cours sich aber nicht auf das ganze Königreich erstreckt, sondern in der Weise auf die betreffende Stadt und die zugehörige Provinz beschränkt ist, daß man zum Beispiel in Venedig empfangene kleine Scheine schon in Rom nicht ohne die Hülfe eines Banquiers und nur mit Verlust verwerthen kann.

Das Aeußere dieser kleinen Geldscheine ist natürlich schauderhaft; der Billigkeit wegen ist von vornherein auf die Herstellung keine besondere Sorgfalt verwendet; was Wunder, wenn dieselben nach kaum einjähriger Umlaufszeit, zerrissen, geflickt, beschmutzt, dem Auge des Privatmannes kein einziges Echtheits- oder Falschheitszeichen mehr darbieten? Man empfängt ein Papier, welches das bekannte Aussehen des italienischen Papiergeldes an sich trägt – man nimmt es ohne weitere Prüfung als echt an, um am folgenden Tage vielleicht zu erleben, daß ein anderer Händler jene Zettel zurückweist. Man ärgert sich, gelobt sich größere Vorsicht, ist aber gleichwohl nicht im Stande, seinem Gelübde treu zu bleiben – und schließlich nimmt und verausgabt man die empfangenen Zettel ohne Prüfung und trägt damit zur Begünstigung der Falschmünzerei sein Theil bei.

Denn, daß „Gelegenheit“ nicht nur „Diebe“, sondern auch „Falschmünzer“ macht, davon ist Italien ein redendes Beispiel, da in diesem Lande vielleicht mehr falsches Papiergeld, als in den Ländern des übrigen Europas zusammengenommen, umläuft. Rechnet man zu den genannten verführerischen Umständen noch hinzu, daß das Land vielfach einsame, von Menschen wenig besuchte Orte darbietet, in denen die Herstellung der falschen Noten möglichst gefahrlos betrieben werden kann, so erscheinen hier alle Voraussetzungen gegeben, um die Falschmünzerei zur Blüthe zu [655] bringen, bis auf eine, allerdings hochwichtige und unerläßliche, nämlich die, das falsche Geld massenhaft und ohne Verdacht zu erregen in den Verkehr zu bringen.

Im Allgemeinen ist das Verfahren dieses, daß die eigentlichen Unternehmer des verbrecherischen Gewerbes, um nicht sich selbst und damit die Fabrikation zu gefährden, den Vertrieb des falschen Geldes an Agenten oder sozusagen Geschäftsreisende übertragen, welche ihrerseits nur durch Mittelspersonen, nicht aber unmittelbar mit den Unternehmern in Verbindung treten. Der Erwerber, welcher durch Agenten als zuverlässig ermittelt worden, pflegt die eigentlichen Unternehmer niemals kennen zu lernen; mit Empfang und Bezahlung der falschen Noten nach einem vereinbarten oder ein- für allemal festgesetzten Course (etwa zu fünfzig oder fünfundsiebzig Procent) ist seine Verbindung mit der Fabrikation bis auf Weiteres, das heißt bis zu neuem Bedarf, völlig unterbrochen. Er hat bei etwaiger Entdeckung durchaus kein Interesse, die Bezugsquelle des falschen Geldes den Behörden anzuzeigen, wird daran vielmehr durch Hülfsversprechungen auf der einen und Rache-Androhungen auf der anderen Seite gehindert.

So viel war mir durch Unterredungen mit Polizeibeamten und Untersuchungsrichtern im Allgemeinen bekannt geworden. Näheres sollte ich erst auf Sicilien, in einer der Haupthandelsstädte an der südlichen Küste der Insel, erfahren.

Ich hatte meine deutschen Markscheine in Rom bei einem zuverlässigen Bankhause in Hundertlire-Scheine umsetzen lassen, die ich nach Bedarf bei dem Inhaber meines Hôtels in kleinere Scheine zu zehn und fünf Lire umzuwechseln pflegte. Eines Tages wurde ich veranlaßt, dieses Geschäft des Wechselns dem Kellner aufzutragen; ich gab mehrere von ihm erhaltene kleine Scheine sofort aus. Als ich am folgenden Morgen ausgehen wollte, bat mich der Portier des Hôtels um eine kurze Unterredung. Er war ein ehrlich aussehender Mann, der, dreißig Jahre im Dienst, vom früheren Hôtelbesitzer auf den gegenwärtigen vererbt worden; der Verstorbene hatte ihn dem Sohne auf dem Todtenbette als eine Perle an das Herz gelegt. Er theilte mir mit, es seien zwei Händler anwesend, die behaupteten, am gestrigen Tage von mir falsche Fünflire-Scheine empfangen zu haben, und fragte bei mir an, ob ich diese Scheine (er zeigte drei dergleichen vor) jenen Händlern in Zahlung gegeben habe? Ich hatte in der That dort Einkäufe gemacht und mit sicilianischen Fünflire-Scheinen bezahlt; ob mit den vorgelegten, wußte ich nicht, doch bemerkte ich, daß ich sie gestern durch den Kellner von seinem Herrn empfangen habe. Er sah mich mit einem traurigen Blick an, schüttelte den Kopf, erklärte, der Wirth sei gerade ausgegangen, er werde dem Händler für die falschen Scheine sofort andere echte geben. Nachdem dieses geschehen, befragte er mich, ob ich gestern noch andere Scheine von seinem Herrn empfangen habe, ließ sich, nachdem ich die Frage bejaht, die noch in meinem Besitze befindlichen, gestern erhaltenen Fünflire-Scheine vorlegen, erklärte sie bis auf einen für falsch und wechselte mir dieselben für seinen abwesenden Herrn sofort in gute, nicht sicilianische Scheine um. Dabei verdüsterte sich seine Stirn immer mehr; er seufzte wiederholt, sah mich mehrere Male nachdenklich an und sagte endlich mit dem Tone eines Mannes, der einen sicheren Entschluß gefaßt hat: „Auf diesen meinen Armen habe ich den Herrn getragen, als er noch ein Kind war. Unter meinen Augen ist er aufgewachsen. Wenn das sein Vater wüßte, sein Vater, ein so braver, rechtlicher Mann! Bitte, lieber Herr, sprechen Sie über die Sache nichts zum Padrone; ich werde mit ihm reden, und zwar ein ernstes Wort. Das muß anders werden.“

Man kann sich denken, welche Schlüsse ich aus den Worten des alten, treuen Dieners ziehen mußte; ich wollte Näheres erfahren, doch er bat mit traurigem Tone, mit bekümmertem Gesichte, ich möge nicht weiter in ihn dringen, und gerührt von dem Kummer des alten ehrlichen Mannes versprach ich ihm Schweigen.

Auf dem Spaziergange ging mir die Sache im Kopfe herum. Gerade dieser Hôtelbesitzer hatte einen besonders günstigen Eindruck auf mich gemacht; er war ein durchaus gebildeter, daneben ein reicher Mann – und Er sollte der Agent einer Falschmünzerbande sein? Freilich, seine Stellung war zu solchem verbrecherischen Gewerbe die denkbar günstigste. Fast täglich reisten Fremde mit dem Dampfboot von hier nach Neapel. Wie leicht und in welcher Masse konnte er falsche Noten in Umlauf bringen, und wie schwierig, wie weitläufig war es dem Fremden, ihn mit Ersatzforderungen zu belästigen, selbst wenn der Betrug schon in Neapel entdeckt wurde! Wie viele dieser Wechselgeschäfte gingen außerdem durch die Hände der Kellner! Und dann – würde der ehrliche, alte Portier so zu mir gesprochen haben, hätte er nicht längst Verdacht geschöpft?

Welche Zustände! Ich hatte mich in dem angenehmen Familienkreise meines Wirthes so wohl gefühlt; wie manchen Abend hatte ich, in Gesellschaft mit einigen anderen Fremden, dort angenehm verlebt! Jetzt war das vorbei; fortwährend würden mir in diesem Kreise die unheimlichen Gestalten der Verbrecher vorgeschwebt haben; ich würde an die heimlichen Zusammenkünfte im Dunkel der Nacht haben denken müssen; ich hätte nicht unterlassen können, in die Zukunft zu blicken, die mir den geachteten Mann in der blutrothen Jacke und mit den Ketten des Galeerensträflings zeigte. Ich wollte fort; womöglich morgen schon die Stadt verlassen, um nicht Zeuge eines vielleicht schrecklichen Ausgangs der Angelegenheit zu werden.

In dieser Stimmung, die sich auf meinem Gesichte wohl ausprägen mochte, traf ich mit einem Bekannten zusammen, dessen plötzliches Erscheinen mir gerade jetzt einen heftigen Schrecken erregte, was man begreiflich finden wird, wenn ich erwähne, daß mein Freund Polizeibeamter war, ein Deutscher von Geburt, der, nach der Abtretung der Lombardei in italienische Dienste getreten, den Kampf gegen das Verbrecherthum mit wahrer Leidenschaft und vermöge seines scharfen Verstandes, seiner feinen Beobachtungsgabe mit bedeutenden Ergebnissen führte. War diese zufällige Begegnung vielleicht ein Fingerzeig des Schicksals? Wenn jener unglückliche Mann, an dem ich ein so warmes Interesse nahm, aus den schrecklichen Ketten des Verbrechens überhaupt noch zu retten war, so konnte es nur durch diesen Beamten geschehen. An seinem guten Willen durfte ich nicht zweifeln, da er den Hôtelbesitzer kannte und, wie mir bekannt war, schätzte. Bevor ich aber zu einer Mittheilung schreiten durfte, mußte ich erkunden, wie weit ich dem Beamten gegenüber gehen durfte, um den Hotelbesitzer nicht bloßzustellen. Ich erhielt sein Versprechen, daß er meine Mittheilungen durchaus als Privatmann aufnehmen und denselben ohne meine Einwilligung eine amtliche Folge nicht geben werde, und so erzählte ich denn, was mir begegnet, und theilte ihm die Schlüsse mit, die ich aus den Worten des alten Giuseppe, des Portiers, gezogen hatte.

Wir hatten uns allmählich seiner Wohnung genähert und ich war auf seine Einladung bei ihm eingetreten.

„Es ist schade,“ sagte er, „daß Sie nicht noch im Besitze wenigstens eines der falschen Scheine sind.“

Ich öffnete meine Geldtasche, und, siehe da! es fand sich noch einer jener sicilianischen Fünflire-Scheine vor, die ich am gestrigen Tage empfangen hatte. Derselbe war von mir heute Morgen, bei Aushändigung der übrigen an den Portier, vergessen worden. Herr Bergi (in dieser Weise hatte mein Freund seinen deutschen Namen zur größeren Bequemlichkeit für seine jetzigen Landsleute italienisirt) – Herr Bergi prüfte denselben genau und gab ihn mir mit dem Bemerken zurück, daß der Schein aus der Banknotenpresse einer Bande stamme, die schon seit mehreren Jahren in der Provinz, wahrscheinlich nur wenige Meilen von der Stadt entfernt, ihr Wesen treibe, deren Mitglieder und Hauptagenten aber bisher, strengster Nachforschungen ungeachtet, stets unentdeckt geblieben seien. „Entfernte Handlanger haben wir oft bei der Verausgabung der falschen Noten entdeckt, aber die Elenden fürchteten die Rache ihrer Mitschuldigen und bewahren das Geheimniß, obgleich ich ihnen Straflosigkeit, Geld und Sicherheit versprochen, und obgleich sie wußten, daß ich mein Wort noch immer gehalten.“

Zu einer Meinungsäußerung über den Fall selbst, der mir am Herzen lag, vermochte ich ihn nicht zu bewegen; dagegen bat er mich, den einen falschen Fünflire-Schein noch heute bei einem bestimmten Händler zu bestimmter Stunde zu verausgaben, dessen Reclamation abzuwarten und dann so zu handeln, wie ich gehandelt haben würde, wenn die beiden Händler heute Morgen selbst mit mir gesprochen hätten und die Einmischung des alten Portiers nicht eingetreten wäre.

Ich that, wie verabredet. Früh am folgenden Morgen trat mit tausend Entschuldigungen der Händler, bei welchem ich den falschen Schein verausgabt, bei mir ein und bat, daß ich die Gnade haben möge, statt dieses falschen Scheines, mit dem ich betrogen sei, ihm einen anderen, guten Schein auszuantworten. Ich hieß ihn warten und begab mich in das Bureau des Hôtelbesitzers, [658] dessen Aeußeres heute auf mich nicht den günstigen Eindruck machte, wie bisher stets. In seinem Auge schien mir List und Verschlagenheit und zugleich jene Unruhe zu liegen, welche durch die Furcht vor einem drohenden Unheile erzeugt wird. Das ist, sagte ich mir, augenscheinlich der Eindruck jenes „ernsten Wortes“, das der treue Diener mit seinem leichtsinnigen Herrn geredet hat. Meine Voreingenommenheit gegen den Mann, der mir bisher so angenehm gewesen, war bereits so stark, daß ich kaum den gewohnten freundlichen Ton einzuhalten vermochte.

Nach kurzer Begrüßung trug ich ihm meinen Fall vor: daß ich gestern einen Hundertlire-Schein bei ihm gewechselt und fast ausschließlich sicilianische Fünf- und Zehnlire-Scheine empfangen habe, von welchen mir soeben dieser Fünflire-Schein, den ich ihm vorlegte, als falsch von einem Händler zurückgebracht sei. Der Hôtelbesitzer warf einen flüchtigen Blick auf den Schein und sagte:

„Gewiß! Der Schein ist falsch, aber Sie irren, mein Herr, ich habe vorgestern Ihnen nicht gewechselt; den Schein müssen Sie aus anderer Hand empfangen haben.“

„Von einem Irrthum meinerseits ist keine Rede. Vorgestern Morgen um acht Uhr habe ich den Zimmerkellner mit einer Hundertlire-Note zu Ihnen geschickt, habe von Ihnen sicilianische Fünf- und Zehnlire-Noten erhalten, und dieser von Ihnen als falsch anerkannte Schein ist einer der von Ihnen empfangenen.“

Er sah mich auf diese scharf betonten Worte mit einem eigenthümlich fragenden Blicke an, schien eine rasche Entgegnung zu unterdrücken und sagte dann vollkommen ruhig:

„Sie gestatten wohl, daß ich den Kellner befrage, ob er Ihren Auftrag an mich ausgeführt und von mir gegen Ihren Hundertlire-Schein sicilianische Noten empfangen hat.“

Ich nickte nachlässig mit dem Kopfe und dachte bei mir: Jetzt wird der Kellner die Sache auf sich nehmen und erklären, daß er in Abwesenheit des Hôtelbesitzers bei einer anderen Person gewechselt habe. Diese vorausgesetzte Verabredung ließ das Thermometer meiner Achtung noch um ein Bedeutendes sinken. Wie viel höher stand nicht der ehrliche, durch die Schande seines Herrn niedergedrückte Diener gegen diesen, der mit seinen Kellnern listige Verabredungen traf und mir gegenüber mit frecher Stirn den Unschuldigen spielte!

Der Zimmerkellner erschien. Bevor der Hôtelbesitzer ein Wort zu sprechen vermocht, redete ich ihn an:

„Haben Sie vorgestern, acht Uhr Morgens, hundert Lire von mir empfangen, um dieselben bei dem Herrn zu wechseln?“

Der Gefragte erröthete heftig und stammelte eine leise Bejahung meiner Frage.

„Haben Sie meinen Auftrag ausgeführt?“

Der Kellner gerieth in stärkere Verlegenheit und antwortete:

„Ja; nur, weil der Oberkellner sagte, er wolle das besorgen, habe ich diesem den Hundertlire-Schein übergeben, und von ihm habe ich die kleinen Scheine erhalten, die ich auf das Zimmer gebracht habe.“

Der Zimmerkellner mußte bei Seite treten; der Oberkellner erschien und gab an, da der Portier häufig Geld wechsele und ihm gesagt habe, er wünsche die kleinen Scheine, die er von den Gästen für Auslagen oder als Trinkgeld erhalte, in größere Scheine umzuwechseln, so habe er den mehrberegten Hundertlire-Schein dem Portier übergeben, welcher jene kleinen sicilianischen Scheine geliefert, die ich durch den Zimmerkellner empfangen.

Der Portier! Ich wußte nicht mehr, was ich denken sollte. War das Verabredung? Wollte der alte treue Diener die Schuld seines Herrn auf sich nehmen? Gespannt harrte ich der Entwickelung.

Nachdem die beiden Kellner abgetreten, wurde der Portier herbeigerufen. Er trat durchaus unbefangen ein.

„Giuseppe,“ redete ihn der Hôtelbesitzer an, „Du weißt, daß ich allen meinen Leuten und auch Dir verboten habe, den Herrschaften Geld zu wechseln. Ich erfahre jetzt, daß Du den Oberkellner bewogen hast, dies bei Dir zu thun. Warum das? Vorgestern hast Du diesem Herrn Geld gewechselt und ihm dabei diesen Schein gegeben, den Du als Sicilianer als falsch erkennen mußtest. Wenn mein Vater Dich nicht auf dem Sterbebette mir empfohlen hätte, Du wärest noch heute Deines Dienstes entlassen, und Du bist es, wenn dergleichen noch einmal vorkommt. Ist es ehrlich, einen Fremden mit diesen Lumpen zu betrügen?“

Der Mann sprach mit solchem Ernste, mit solcher Strenge, daß er ein Meister der Verstellung hätte sein müssen, wenn er schuldig gewesen wäre. Andererseits warf mir der Alte einen so vorwurfsvollen Blick zu, daß ich mich genöthigt sah, um in's Klare zu kommen, die Geschichte dieser Geldwechselung vollständig zu erzählen.

Kaum hatte der Hôtelbesitzer erfahren, daß die sämmtlichen Scheine, die ich empfangen, falsch gewesen seien, und daß der Portier mich in dem Glauben gelassen habe, diese falschen Scheine rührten aus seiner, des Hôtelbesitzers Casse her, als derselbe in eine namenlose Wuth gerieth. Rasch errieth er, daß ich ihn für einen Betrüger gehalten haben müsse; frühere Vorkommnisse ähnlicher Art mochten ihm die Gewißheit geben, daß mancher seiner Gäste eine sehr schlechte Meinung von ihm mitgenommen haben möge.

Die nun folgende Unterredung zwischen Herr und Diener, diese heftigen Fragen des Einen, diese anfangs rückhaltenden, allmählich aber zur Offenheit übergehenden Antworten des Anderen, die Ausrufungen und leidenschaftlichen Gesticulationen Beider, das auf und ab Gehen und Rennen der Betheiligten – diese Erregbarkeit und Hast der beiden Sicilianer zu schildern ist geradezu unmöglich. Das Ergebniß der mehrstündigen Unterredung fasse ich in Kürze folgendermaßen zusammen:

Zum Verbrecher war der Alte vor etwa fünf Jahren, wie er selbst sagte, durch Zufall geworden: für eine außerordentliche Dienstleistung hatte er eines Tages von einem reichen Fremden das für dortige Verhältnisse ungewöhnliche Trinkgeld von fünf Lire empfangen. Voll Freude über den glänzenden Verdienst geht er in's Weinhaus, thut sich und einigen Bekannten gütlich, sieht den Fünflire-Schein vom Weinwirth als falsch zurückgewiesen und wird in Folge dessen von den Freunden, die er bewirthet, ausgelacht und verhöhnt. Rasch entschlossen begiebt er sich zu dem reichen Fremden, klagt diesem sein Unglück und bittet um einen echten Schein, wird aber mit dieser Bitte unter der beleidigenden Voraussetzung des Fremden, daß es auf eine Prellerei abgesehen sei, schroff abgewiesen.

Dieser unglückliche Geldschein wurde die Ursache seines Falles; nachdem er denselben bei nächster Gelegenheit einem Fremden als echt beim Wechseln einer großen Summe aufgehängt, um den durch einen anderen Fremden erlittenen Schaden wieder einzubringen, muß er denselben Schein, der dem Empfänger vielleicht bedenklich erschienen, sofort in echte Einlira-Scheine umwechseln; der Schein kehrt mehrere Male in seinen Besitz zurück; er darf die Annahme nicht ablehnen, weil sein Unglück bekannt geworden ist. Dadurch wächst natürlich sein Trieb, den Schein für immer los zu werden, was nach einigen Tagen bei einem abreisenden Fremden glücklich gelingt. Dieses Mittel wird von nun an immer angewendet, wenn er selbst einmal wieder in den Besitz falscher Scheine gekommen ist.

Bald wenden die Kellner, wenn sie solche angenommen haben, sich an ihn; er gewährt die erbetene Hülfe anfangs unentgeltlich; bald darnach kauft er die falschen Scheine ihnen zu fünfundsiebenzig Procent ab. Das Geschäft geht gut; er beginnt, falsche Scheine zu suchen – und eines Tages trifft er mit „Jemandem“ zusammen, der ihm die Lieferung falschen Geldes in beliebiger Masse zusagt. So ist er einer der besten Agenten der Falschmünzerbande geworden und hat auf diese Weise ein nicht unbedeutendes Vermögen erworben. Größere Summen wurden nur denjenigen Fremden aufgehängt, welche unmittelbar nach dem Wechselgeschäfte abreisten, und jene hundert Lire, die ich empfangen, waren für einen Anderen bestimmt gewesen und nur aus Versehen an mich gelangt. Im Ganzen, behauptete er, seien Reclamationen nur selten vorgekommen; wenn, wie in meinem Falle, die Zurücknahme der falschen Scheine nicht zu vermeiden war, so wußte der alte, wie gesagt, allgemein beliebte Mann immer durchzusetzen, daß der Hôtelbesitzer von der Sache nichts erfuhr. Glaubte er diesen Zweck bei Dem und Jenem nicht auf andere Weise erreichen zu können, so spielte er eine ähnliche Komödie, wie mit mir – und erreichte stets seinen Zweck.

„Und stets hielt man mich für einen Spitzbuben,“ schrie der Wirth in äußerster Entrüstung.

Giuseppe schwieg und wurde vorläufig aus dem Zimmer entlassen. [659] Es folgte nun eine lange Berathung mit meinem guten Freunde, dem erwähnten Polizeibeamten, eine Berathung, deren Ergebniß in Kürze war, daß der Hôtelbesitzer wegen seiner eigenen Sicherheit den Portier nicht sofort entlassen dürfe und daß die ganze Sache vorläufig verschwiegen bleiben solle, um durch sorgfältigste geheime Bewachung des Alten den Hauptschuldigen auf die Spur zu kommen. Mein Hôtelier erkannte an, daß ich, wie die Sachen nun einmal lagen, nicht umhin gekonnt, gegen ihn Verdacht zu fassen, und wir trennten uns bald darauf als die besten Freunde. Da der Alte sein verbrecherisches Gewerbe seit etwa fünf Jahren betrieben hatte, so mußten durch ihn sehr bedeutende Massen falschen Geldes in Umlauf gekommen sein.

Das war meine erste Berührung mit italienischen Falschmünzern; eine zweite, mit sehr tragischem Ausgange, fand etwa ein Jahr später in Rom statt, und sie war mir um so mehr interessant, da ein Theil der im Vorigen geschilderten Personen bei dieser zweiten Begegnung die Hauptrollen spielte.




Es war im Jahre 1871, zur Zeit des Carnevals, als ich eines Tages in Rom mit dem eben erwähnten Polizeibeamten, Herrn Bergi, zusammentraf. Nach den üblichen persönlichen Fragen, welche in diesem Falle freilich mehr als Förmlichkeiten waren, erfuhr ich, daß er nach langen Mühen den eigentlichen Sitz und Fabrikationsort der Bande entdeckt und das Nest ausgenommen hatte. Etwa fünfzehn Personen waren zu schweren Galeerenstrafen verurtheilt worden, der eigentliche Chef der Bande aber, ein gewisser Antonio, und der alte Giuseppe hatten Freiheit und Vermögen durch rechtzeitige Flucht gerettet. Des alten Giuseppe Entkommen hatte er ziemlich rasch verschmerzt, die Flucht Antonio's aber konnte er noch nicht verwinden. Er schilderte ihn mir als einen äußerst gewandten, energischen und gefährlichen Menschen, der zugleich eine seltene Verstellungskunst besitze.

Während des Carnevals fand der eifrige Beamte natürlich fast keinen Augenblick Muße zur Erholung; wir trafen uns daher nur selten; um so mehr war ich überrascht, als er kurz vor dem Ende der tollen Zeit mich eines Abends zu einem Streifzug durch die Straßen, die Redouten, die Kneipen aufforderte. Meiner Einwilligung gewiß, hatte er bereits für Maskenanzüge gesorgt, welche, sobald wir eines der größeren Locale verließen, mit anderen im Voraus gewählten gewechselt wurden. Hieraus und aus einigen kleinen Nebenumständen bemerkte ich bald, daß er unter der Maske des Vergnügens lediglich seinem Amte oblag, und sein an diesem Abende ganz besonderer Eifer, eine gewisse, ihm sonst fremde Erregtheit wurden mir erklärlich, als er mir in einer Droschke mittheilte, daß er Antonio und Giuseppe, den ersteren wieder als Chef einer Falschmünzerbande, hier vermuthe und jene Personen beim Ausgeben falschen Geldes womöglich noch heute betreffen wolle. Und es gelang ihm.

Nachdem wir verschiedene Theater und Tanzlocale besucht, glaubte mein Freund unter den Ballgästen im Correa-Theater seine Leute gefunden zu haben. Ich, im einfachen Domino, erhielt die Weisung, mich bei Seite zu halten; mein Freund begann nun, durch sein ganzes Auftreten, in jeder seiner Bewegungen den reisenden Engländer so treffend zu markiren, daß gerade Leute wie Giuseppe und Antonio, weil sie mit den Manieren der Engländer vermöge ihres langjährigen Berufes vollkommen bekannt waren, den Beamten für das halten mußten, was er naturgetreu und ohne jede Uebertreibung darstellte. Er wußte dann am Büffet mit ihnen zusammen zu treffen und hatte richtig berechnet, daß ihre Eitelkeit sie veranlassen werde, auf eine in englischer Sprache nicht an sie unmittelbar gerichtete, sondern ohne bestimmte Adresse hingeworfene Bemerkung oder Frage in der fremden Sprache Antwort zu geben. So kam er mit ihnen in's Gespräch, ließ sich mit ihnen an einem Tische zum Trinken nieder, fragte schließlich, ob sie ihm, da er sein italienisches Geld verausgabt, eine Zehnpfund-Note wechseln könnten, und da der gelegentlich in unverfänglichster Weise sich bietende Gewinn reizte, so gingen sie in die Falle und übten ihrem schlimmsten Feinde gegenüber ihr verbrecherisches Gewerbe aus, indem sie in seine Hand einen Haufen falscher Lire-Scheine legten.

Man kann sich denken, in welch gehobener Stimmung der Beamte etwa eine Stunde später den Ball verließ.

„Ich hätte mich fast verleiten lassen, sofort die Verhaftung der Kerle anzuordnen,“ sagte er, „aber es wäre ein Fehler gewesen, weil ihre Genossen und die Fabrikationsapparate mir entgangen wären, namentlich die Platten, die – ich muß es gestehen – ausgezeichnet gearbeitet sind. Sie müssen einen Kupferstecher ersten Ranges gewonnen haben. Ohne ihn wäre der Fang der beiden Gauner nur halbe Arbeit.“

Es mochten zwei weitere Tage vergangen sein – der Carneval war mittlerweile beendet – als ich an meinem Freunde eine fast fieberhafte Aufregung bemerkte. Er gestand mir, daß er sich einen Vorwurf daraus mache, nicht doch zur sofortigen Verhaftung geschritten zu sein.

„Die Umstände, lieber Freund, die Umstände! Die Kerle haben gestern einen Coup ausgeführt, sie haben der Bank eine große Summe Geldes abgelockt! Das ist Eins. Dieser große Betrug wäre gehindert worden, wenn ich die Leutchen sofort verhaftet hätte. Numero Zwei ist, daß sie mich seit gestern erkannt haben und seitdem beobachten lassen. Für meine Person fürchte ich zwar nichts; allein ich zweifle, ob mir der Fang so vollständig gelingt, wie ich's wünsche.“

Mir war bei dieser letzten Mittheilung nicht wohl zu Muthe, aber schon am folgenden Tage theilte er mir mit, daß er morgen die ganze Gesellschaft mit einem Schlage in einem einsamen Hause, der Stätte der Notenfabrikation, aufheben werde. Der Erfolg sei, wie er mir sagte, verbürgt.

So schied ich mit einem herzlichen Glückwunsche und wegen der ihm drohenden Gefahren mehr als je beruhigt von ihm, um ihn – lebend nicht wiederzusehen.

Am folgenden Morgen durchlief die Stadt das Gerücht, daß in der Via Rosa ein Polizeibeamter in dem von ihm bewohnten Hause auf der Treppe durch zahllose Dolchstiche ermordet gefunden sei. Sowie ich den Namen der Straße hörte, wußte ich genug, und der Augenschein bewies, daß meine Befürchtungen nur allzu sehr begründet gewesen. Fünfzehn Dolchstiche waren in den Körper des eifrigen Beamten eingedrungen; aus mehreren, dem linken Oberarme beigebrachte Stichen und aus der Thatsache, daß auf der Treppe ein dem Ermordeten zugehöriges Dolchmesser aufgefunden wurde, schloß man, daß zwischen dem Mörder und seinem Opfer im Dunkel der Nacht ein erbitterter Kampf stattgefunden haben müsse, von dessen gewiß starkem Geräusche unglücklicher Weise keiner der Hausbewohner, auch nicht die im zweiten Stocke wohnende Gattin des Ermordeten etwas wahrgenommen hatte.

Die Polizei konnte aber bereits am zweiten Tage zur Verhaftung des Mörders und seiner Genossen schreiten, da der Unglückliche noch soweit wieder zum Bewußtsein gelangte, daß er über die letzten Stunden seines Lebens eine Aussage zu Protokoll geben konnte. Diese ergab im Wesentlichen Folgendes:

Nachdem der Beamte die Gewißheit erlangt hatte, daß die beiden Gauner ihn als ihren Verfolger erkannt und deshalb seine Thätigkeit ihrerseits beobachten ließen, fürchtete er, die volle Frucht seiner Bemühungen zu verlieren, wenn es ihm nicht gelänge, sämmtliche Theilnehmer der Bande wenigstens einmal von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Er gewann deshalb den Eigenthümer des Hauses, in welchem die Bande ihre Zusammenkunft hielt, und wurde von diesem in ein Nebenzimmer geführt, von dem aus er durch in die Thür geschnittene Löcher im Stande war, die Gesichtszüge der einzelnen Mitglieder der Bande sich einzuprägen. Eine halbe Stunde, nachdem die Gauner sich entfernt, verließ auch er das Haus, wurde aber unglücklicher Weise von Giuseppe und Antonio, welche sich, da man Verdacht geschöpft, in der Nähe versteckt gehalten, beim Verlassen des Hauses entdeckt und von dem ersteren scharf verfolgt. Seiner Ortskenntniß und großen Gewandtheit gelang es, dem Verfolger zu entkommen, und er glaubte sich geborgen, als er, ehe der Verfolger ihn eingeholt, in sein Haus eingetreten und die Hausthür hinter sich verschlossen hatte. Noch athemlos vom eilige Laufe, schickte er sich an, die dunkle Treppe zu ersteigen, als er von Antonio angegriffen wurde, welcher, um des Verhaßten unter allen Umständen sich zu entledigen, auf dem geradesten Wege im raschesten Laufe vorangeeilt war und in das Haus seines Todfeindes sich eingeschlichen hatte. Auf der dunklen Treppe hatte dann ein heftiger Kampf stattgefunden, in welchem der Mörder selbst nicht unerheblich verletzt wurde.

Die fast im Todeskampfe abgegeben Aussage des in Erfüllung seiner Pflicht gefallenen Beamten ermöglichte, außer den [660] beiden Mördern auch die übrigen Mitglieder der Falschmünzerbande zu verhaften, sodaß man mit Recht sagen kann, dieser Beamte habe noch im Tode der öffentlichen Sicherheit einen erheblichen Dienst geleistet.

Die Verhandlungen vor dem Schwurgerichte ergaben weiter, daß nur die Rache und die Furcht, zum zweiten Male durch ihn an der Fortsetzung ihrer verbrecherischen Thätigkeit gehindert zu werden, als die Ursachen zur Begehung der That zu betrachten seien.

Da die übrigen Mitglieder der Bande der Mordthat völlig fremd waren, so kamen sie mit langjähriger Galeerenstrafe davon; die Geschworenen erkannten Antonio des Mordes und Giuseppe der Anstiftung zum Morde schuldig – wie in Italien zur Vermeidung der gesetzliche Todesstrafe fast regelmäßig geschieht: unter Annahme „mildernder Umstände“, ein Verdict, aus welchem sich die Verurtheilung der Beiden zu lebenslänglicher Galeerenstrafe von selbst ergab.

Der bekannte, vielberufene „Fluch der bösen That“ zeigt sich im Leben des alten Giuseppe in seiner vollen, fürchterlichen Kraft; die Kette, welche das erste kleine Unrecht, das in den Augen des Thäters nicht einmal ein Unrecht, sondern nur die nach seiner Meinung nicht ungerechte Abwälzung eines von einem „Forestiere“ ihm widerfahrenen Unrechts auf einen anderen „Forestiere“ war, die Kette, sage ich, welche jenes erste kleine Unrecht mit dem entsetzlichen Entschlusse zum Morde verbindet, liegt in diesem Falle so klar, wie selten sonst, zu Tage. Aus jenem ersten kleinen Unrechte entsprangen alle folgenden Verbrechen und schließlich nach altitalienischer Sitte „la vendetta contra la spia“, die Rache am spionirenden Beamten.