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Textdaten
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Autor: Robert Leinweber
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Titel: Israel in Tunis
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 45, S. 723, 725, 726
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Gartenlaube (1874) b 723.jpg

Reiche Judenmädchen in Tunis. Nach der Natur aufgenommen von Robert Leinweber.

[725]
Israel in Tunis.



Zu den unbekanntesten Weltwinkeln gehört für den Europäer ohne Frage auch das durchaus nicht uninteressante Tunis, obgleich seine Entfernung vom südwestlichen Sicilien auf einer längeren Seespazierfahrt leicht zu überwinden ist; aber die große Heerstraße geht für die Afrika-Reisenden eben über Alexandrien und Cairo, und nur Wenige verirren sich nach dem entlegneren Tunis.

Ich werde vielleicht in einem späteren Artikel einmal Gelegenheit nehmen, die Gartenlauben-Leser mit den charakteristischen Eigenthümlichkeiten dieser echt-orientalischen Stadt bekannt zu machen. Heute will ich mich nur mit den Juden in Tunis beschäftigen, welche dort einen wesentlichen Bestandtheil der Bevölkerung bilden. Während die maurische Einwohnerschaft in Tunis, Algier und Marokko immer mehr abnimmt und in einigen Jahrhunderten vielleicht ganz ausgestorben sein wird, wächst die Zahl der Israeliten dort von Jahr zu Jahr. Seitdem neue Reformen eingeführt sind und der Jude mehr als früher den Schutz der Gesetze genießt, ist er mächtiger und stärker geworden. Gegenwärtig leben in der Stadt Tunis über dreitausend Juden; dieselben haben den größten Theil des dortigen Handels in den Händen. Vor wenigen Jahren noch waren sie nur die Geduldeten und mußten sich von der mohamedanischen Bevölkerung alles Mögliche gefallen lassen. Jeder Jude, und mochte er noch so wohlhabend sein, mußte jedem Mohamedaner, und war es selbst der lumpigste Kerl (Marokkaner oder Neger oder Beduine oder Kabyle), auf der Straße ausweichen; er hatte aufzustehen, wenn der Mohamedaner sich setzen wollte, durfte von jedem Kerle angespieen und mißhandelt werden und konnte nur in seltenen Fällen, und dann meist nur durch Bestechung, sein Recht erlangen. Ein Jude, wollte er zum Mohamedanismus übergehen, wurde gezwungen, erst Christ zu werden, eine Satzung, welche noch heute in Kraft sein soll.

Durch die modernen Reformen, die der vorige Bey eingeführt – wohl unter dem Schutz der Europäer – ist der Jude freier geworden und braucht sich die obengenannten Mißhandlungen nicht mehr gefallen zu lassen. Trotzdem ist er dem Dünkel der Mohamedaner gegenüber noch immer ein gründlich verachteter Mensch, noch weit mehr verachtet und gehaßt als der Franke, der Europäer oder, wie der Araber den Fremden nennt, „der Rumi“, das heißt: der Christ oder der Römer.

Wie mir vielfach versichert wurde, sollen aber die tunesischen Juden in der That moralisch weit herabgekommen sein und tiefer stehen als ihre Stammesgenossen in andern orientalischen Ländern. Von sechs Juden befindet sich in Tunis stets nur einer in bessern Verhältnissen; die fünf andern schlagen sich auf alle mögliche Weise durch, um ihr Leben nothdürftig zu fristen. Da sie mit den Malthesen, der von Malta stammenden Bevölkerung, den Verkehr zwischen Mohamedanern und Franken vermitteln, haben Viele sich gewissermaßen emancipirt, die Lebensweise der Europäer im Aeußeren nachgeahmt und Manches von ihrem orientalischen Charakter aufgegeben. Doch lebt die größte Anzahl noch in Sprache und Sitten nach arabischer Weise, die Religionsgebräuche ausgenommen, die sie starr und unveränderlich dem Buchstaben nach befolgen. Als z. B. ein jüdischer Dolmetsch, den wir auf einem längern Ausfluge in’s Land mitgenommen hatten, mit seinen Lebensmitteln zu Ende war und wir ihm alles Mögliche an Eiern, Käse, Brathuhn etc. anboten, nahm er nichts an, weil die Speisen nicht nach seinen Religionsgesetzen bereitet waren. Sein Herr, ein Kaufmann, wurde darüber zornig und drohte ihm mit Dienstesentlassung – der Jude aber blieb starr und genoß zwei Tage lang gar nichts, bis er Stammesgenossen antraf und sich wieder mit „Koscherem“ versehen konnte.

Die Lebensweise des tunesischen Juden ist, wie gesagt, äußerlich der maurischen ähnlich. Sein Haus ist fast ganz so gebaut und eingetheilt, wie die maurischen Wohnstätten. Ein kleiner, niedriger Steinbau, mit weißer Tünche überstrichen, hat es auf der Gassenfront nicht den geringsten Schmuck, nur ein paar Fensterlöcher und eine niedrige Thür, Alles von arabischer Bauart. Das Familienleben in solchen kleinen Steinhütten, wie in den größeren Gebäuden, concentrirt sich im Hofraume, der vom Gebäude rings umschlossen ist. Auf diesen Hofraum hinaus münden die einzelnen Kammern mit Fenster und Thür. Im Hofraume wird Feuer gemacht und gekocht – hier überhaupt bringen die Leute ihr Leben unter freiem Himmel zu, entweder eine Familie oder mehrere beisammen. Die kleinen niedrigen Zimmer werden blos zur Nachtzeit benützt. Die reicheren Juden in Tunis leben meist in italienisch gebauten Häusern, wie der beigegebene Holzschnitt ein solches vergegenwärtigt. Das Haus hat große Fenster, die keine Brustwehr haben, bis zum Fußboden offen (wie Thüren), mit Eisengitter verschlossen und gegen Sonne und schlechtes Wetter mit Matten überdeckt sind. Der Europäer, welcher mit Juden Geschäftsverbindungen hat oder sonst befreundet ist, hat Zutritt in ein Judenhaus. Auf wiederholtes Klopfen wird ihm aufgethan und er in das Haus eingeführt. Auf das Klopfen hin sind alle weiblichen Wesen im Hause verschwunden, kommen aber gewöhnlich nach und nach zum Vorscheine, wenn sie sehen, daß der Hausherr seinen Gast ehren will oder mit demselben befreundet ist.

In ein arabisches oder maurisches Wohnhaus zu dringen, ist dem Europäer nur in wenigen Fällen möglich. Kommt ein Nachbar, ein guter Muselmann, auf Besuch, so verschwinden die Frauenzimmer in die Wohnräume und sind während der Dauer des Besuches unsichtbar. Alle Fenster, selbst diejenigen, welche auf den Hof münden, sind klein und eng vergittert. Die Handelsgeschäfte werden überhaupt nur im Bazar abgemacht, dem sogenannten „Tuck“. Dort hat jeder Geschäftsmann und Handwerker seine Bude und offene Werkstatt.

In der männlichen Kleidung sind die Juden ähnlich den Mauren, nur daß sie nicht dieselbe Freiheit in der Farbenwahl haben, wie die Moslemins. So darf der Jude über seinen Fez (der rothen Kappe) keinen anderen Bund (Turban) tragen als einen schwarzen oder dunkelblauen. Die Kleiderstoffe sind meist hellblau, grau oder schwarz, während die Mauren die glanzvollsten Farben wählen.

Die Judenfrauen sehen in ihrer häuslichen Kleidung ganz so wie die maurischen aus, für unsere Begriffe äußerst häßlich und europäischem Brauche widersprechend. Während unsere Frauen Kopf und Oberkörper in einer Art kleiden, daß die Formen recht zur Geltung kommen, verhüllen die Tunesinnen diese Körpertheile so, daß jede Form verschwindet. Während wir gewohnt sind, die Frauen stets mit langem Rock bekleidet zu sehen, das heißt, auf eine Weise, daß der untere Körpertheil von dem herabfallenden Kleide vollständig verhüllt ist, wird bei den maurischen und jüdischen Schönen dieser Theil ganz eng bekleidet. Sie tragen enge Hosen und die reicheren an den Unterschenkeln sogar noch eine Art Beinschienen, so dick mit Seide, Gold und Silber gestickt, daß die Beine wie ein paar überladen verzierter Säulen aussehen. Die Füße stecken in zierlichen Pantoffeln, die oft so weit ausgeschnitten sind, daß sie nur von den Zehenspitzen gehalten werden. Beim Ausgehen nehmen sie noch des Schmutzes wegen hohe Holzpantoffeln, an deren Sohlen hohe Klötzchen angebracht sind. Diese werden mit einem Querriemen am Fuß gehalten, und auf diese Weise balanciren die Damen sicher durch die schlammigen Straßen. Ganz Arme bedienen sich überhaupt nur dieser Klötzchenschuhe.

Die Frauen und Mädchen der ärmsten Classen tragen Hosen von Leinwand, die, unten eng, mit einer Zugschnur um die Hüften zusammen gezogen werden. So sehen sie aus, wie wir ungefähr mit unsern Unterhosen zur Nachtzeit. Die reichere Frauenclasse trägt Hosen von Seide, roth oder grün, reich gestickt und mit Beinlingen, die ebenfalls Gold- und Silberstickerei zeigen, je nach Vermögen der Trägerin. Von Hals und Schultern herab hängt ein Kleid, mit kurzen weiten Aermeln versehen, bei Armen von Linnen oder geblümtem Zeuge, bei Wohlhabenderen von Seide, Damast, Atlas oder goldgestickten Stoffen. Ich sah auch diese Kleider bei reichen Jüdinnen ganz von glänzendem Goldbrokat. Darüber befindet sich bei Wohlhabenderen ein kurzes Jäckchen, auf dessen Seiden- oder Goldstickerei der größte Fleiß verwandt ist. (So das stehende Mädchen auf dem Bilde.) Unter alledem tragen sie ein Hemd von durchsichtigem Florstoffe, dessen feingestickte Aermel bis zur Hand herabfallen. Diese Florärmel [726] trägt jede, auch die ärmste und sogar die ekelhafteste Negerin. Nur die armen Araberbeduinen- und Kabylenweiber müssen dieses Schmuckes entbehren. Letztere tragen sich noch fast so, wie’s in der Bibel beschrieben wird, auf die einfachste Weise.

Auf dem Kopfe haben die Jüdinnen einen eigenthümlich nationalen Putz – es ist ein Wirbel, von Gold gestickt und von einem Haik (Schleiermantel) bedeckt, wie ein Kamm. Um diesen sind seidene Binden und Tücher gewickelt, welche, unter dem Kinn zusammengenommen, das Gesicht umrahmen und den übrigen Kopf, sowie den Hals und mitunter den halben Oberkörper verhüllen. Ein weißer oder buntseidener Schleier fällt rückwärts herab.

Ueberdies ist allen Orientalinnen eigen, sich so viel wie möglich mit Schmuck und Juwelen zu überladen, und dies repräsentirt ihren Reichthum. Manche tunesische Jüdin stellt auf diese Weise ihr ganzes Vermögen zur Schau, während es daheim recht elend ausschaut.

Ich habe hier geschildert, wie beide, Jüdin und Maurin, in der häuslichen Tracht ziemlich übereinstimmen. Ganz anders ist das auf der Gasse, im öffentlichen Verkehre.

Die Maurin verbirgt alle diese Herrlichkeit vor fremden Blicken. Wenn sie auf der Straße erscheint, sieht sie aus wie ein Räthsel. Man weiß nicht, ob sie alt oder jung, schön oder häßlich ist. Mit Ausnahme der Beine bis zum Knie sieht man gar nichts, was einer weiblichen Form gleichkommt. Sie trägt über ihrer Kleidung einen weißen seidenen Mantel, der, malerisch gefaltet, vom Kopfe bis über’s Knie alles verbirgt. Sogar die Hände hat sie sorgfältig darein gewickelt. Das Gesicht ist mit einem äußerlich undurchsichtigen schwarzen Seidentuche so eng umwickelt, daß, von der Seite gesehen, die Contouren des Profils mitunter sich ganz scharf abheben. Will sie ein Uebriges thun, so trägt sie über dieser Hülle noch einen langen schwarzen Seidenschleier, den sie mit den Händen schief abhält, um den Weg vor sich zu erkennen. Die Araberweiber und Armen tragen mitunter blos ein loses, grellfarbiges Seidentuch über dem Kopfe, das über das Gesicht lang herabfällt.

Die Jüdinnen dagegen erscheinen unverschleiert, nur ein weißes Linnen über Kopf und Schulter, so daß man ihre Kleidung darunter erkennen kann. Gesittete jüdische Mädchen leben zurückgezogen, kommen nur selten auf die Straße und bewundern die Welt blos von ihren Fenstern oder dem Plateau des Hauses aus.

Eine solche Scene habe ich dargestellt. Die neugierigen Schönen sind im eifrigsten Gespräche – am Schabbes, mit ihrem schönsten Putze angethan, hat eine Freundin die anderen zwei besucht, damit sie von deren günstig gelegener Wohnung einmal einen ungenirten Blick in die Menge thun kann. Dabei wird gelacht und gescherzt. Ich hatte von einem benachbarten italienischen Hause aus die Scene mit angesehen und skizzirte sie flüchtig; da kam der alte Jude; die Mädchen bemerkten mich, und – husch, waren sie weg.

Es mag noch hervorgehoben werden, daß diese Mädchen sich nicht am Fenster zeigen, um gesehen zu werden, denn das thun dort nur Leichtsinnige und Freudenmädchen, sondern um selbst zu sehen und ihren Spaß zu haben. Trotz der Aehnlichkeit der arabischen und jüdischen Lebensweise genießen die Jüdinnen in Tunis, wie schon gesagt, einer gewissen Freiheit, wenn auch nicht in dem Maße, wie unsere Frauen. – Da nach dem Begriffe eines Orientalen kein Mann sich nach einem Frauenzimmer umsieht, ohne „Absichten“ zu haben (denn bloße Bewunderung versteht er nicht), in es auch höchst verpönt, ein weibliches Wesen zu beachten oder gar deswegen still zu stehen, und es wird dies immer übel genommen. Daher wandeln auch die Frauen und Mädchen jedes Volkes und Stammes unbeachtet durch die Straßen, und Jude und Mohammedaner würden es sehr übel nehmen, wollte man die Schönheit ihrer Töchter bemerkt haben, oder gar es wagen, ihnen etwas Schmeichelhaftes darüber zu sagen.

Robert Leinweber.