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Indien und dessen neueste Revolution (Vorstudie)

Textdaten
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Titel: Indien und dessen neueste Revolution (Vorstudie)
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 30, S. 416–418
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[416]
Indien und dessen neueste Revolution.
(Vorstudie.)

Aus Indien, dem Wunder- und Zauberlande der Natur, Religion und Poesie, des ältesten Wissens (Veda), der gewaltigsten, süßesten urgermanischen Dichtungen mit dem schlanken, braunen, jungfräulichen Urbilde aller weiblichen Liebe, Sakontala, an deren Spitze, aus Indien zuckte neulich mit telegraphischem Blitze die Schreckenskunde von tausendfachem Mord und tausendfachem Brand durch England und Europa. Die braunen, mageren, ausgedörrten Eingebornen, seit Jahrtausenden in Brahma und Buddha Selbstvernichtung mit Leib und Seele als ihr höchstes Ziel in künstlicher Verkommenheit und Versenkung suchend, träumend und vegetirend wie ihre höchsten Gottheiten, die auf blauen Lotosblumen schlafen, voller Milde und Barmherzigkeit und erhabenster Selbstverleugnung in ihrer buddhistischen Moral, welche die höchsten vom Christenthume aufgestellten Pflichten der Feindesliebe und Kreuzigung aller Selbstsucht tausendfach überbietet, dieselben Eingebornen haben sich gegen die seit einem Jahrhundert civilisirenden und christianisirenden Engländer in Tigerwuth und Elephantenraserei erhoben und alles europäische Leben, das sie finden, mit Weib und Kind schonungslos und erbarmungslos gemordet und alle europäischen Bauten und Häuser, die sie erreichen konnten, in Flammen aufgehen lassen. Die alte Hauptstadt der indischen Hauptvölker mit ihrem Großmogul, Delhi, war nach den letzten Nachrichten in den Händen der Rebellen und in den umliegenden Städten brach dieselbe Wuth gegen alles Englische aus. Was nicht durch die Flucht entkam, wurde wüthend gemordet, Alt und Jung, Weib und Kind.

Wie müssen die Engländer dieses Jahrhundert lang civilisirt und christianisirt haben, um eine seit Jahrtausenden durch Despotismus und Religion geistig und körperlich ausgemergelte, zum schwachen, marklosen, heißen Sumpfpflanzenleben herabgedrückte Bevölkerung zu dieser bestialischen Tigermordwuth zu stählen und zuzuspitzen!

Wie ist’s nur so gekommen und was ist denn eigentlich geschehen? Suchen wir in gedrängtester Kürze etwas Antwort darauf zu geben.

[417] „Der Mensch ist, was er ißt,“ aber auch was er trinkt mit seinen fünf Sinnen, was ihm anerzogen und ausgezogen, eingebläut, weiß gemacht, angeschwärzt oder sonst irgendwie in der Wolle gefärbt wird. Der Mensch und das Volk ist vor allen Dingen, was es wohnt und so gewohnt wird, seine Geographie, aus der erst Sprache, Geschichte, Religion, Cultus und Physiognomie hervorgehen.

Am Südrande des asiatischen Kernhochlandes steigen die höchsten, weißen Zinnen der Erde, der Himalaja, auf deutsch der „Schneepalast,“ mit ewigem, zackigem, eisigem Tode über die üppige tropische Glut und Fruchtbarkeit nach dem Meere hin europagroß auslaufender Thäler empor. Weiter südlich wieder weiße Gipfel an Gipfel mit furchtbaren Schluchten dazwischen, noch viel weiter unten eine dritte Gebirgsschicht mit Wäldern von Birken, Tannen, Eichen, Fichten von Kirchthurmhöhe und kühler, frischer Fruchtbarkeit ringsum, mit einem westlich gestreckten Hügellande und einem östlich in Sümpfen und heißen, stillen, pflanzen- und blumenquellenden, krokodil- und tigertückischen Tiefthale, voll baumhoher, aus Fäulniß emporschießender Gräser und undurchdringlichen Gestrüpps, wofür man den besondern englischen Namen jungles, Dschungeln, auch im Deutschen gebrauchen muß. Krokodil- und tigertückisch, lotosblumenfeenhaft, äffen- und papageienkreischend und unsäglich farbenprächtig; Schlangen bunt in dickem, hohe Bäume überragendem Schlinggewächs ringelnd und züngelnd, graue, plumpe Elephantenheerden gegen geschmeidige, fleckige Leoparden und dickköpfige, gestreifte Tiger rüsselnd.

Der ungeheuere „Schneepalast“, 350 geographische Meilen lang, in einer Breite von 40–50 Meilen von Westen nach Osten ziehend und sich in europagroßen Terrassen nach dem Meere absenkend, bestimmt das Klima und die physische Geographie des Landes. Er schützt es vor sibirischen Winden und gießt die mächtigsten Ströme der Erde in tausend Armen und Seen herab, den Indus und den Brahmasehn (Burramputer) und den heiligen Ganges mit 58 großen, schiffbaren und unzähligen kleineren Nebenflüssen. Der heilige Ganges (die heilige „Ganga“) durchschwemmt und überfließt das Paradies der Mitte und befruchtet unabsehbare Thäler von Reißfeldern, Baumwollenwäldern, Zuckerrohrschilfmeeren, nährende Bananen und gigantische Feigenbäume. Aus seinen Nebenteichen quellen ganze Himmel von blauen Lotosblumenaugen. An einem Arme des Ganges oben (dem Flusse Yumna[1]) liegt die alte Hauptstadt der Arier, der germanischen Stämme, welche vor vielen Jahrtausenden Indien eroberten und die alten, schwarzen Urbewohner verdrängten oder als Paria’s fortleben ließen. Die alte Hauptstadt dieser Arier-Reiche, Delhi, einst Residenz des Großmoguls oder des Oberherrn aller andern indischen Staaten und jetzt noch Sitz der letzten Großmogul-Familie, war auch Hauptstätte der jetzigen Revolution, welche hier in Ermordung aller Engländer und Ausrufung eines Großmogul-Abkömmlings zum neuen Herrscher von Indien bestand. Delhi hat noch jetzt einen Umfang von sieben geographischen Meilen, aber die ehemalige Million von Einwohnern sank bald auf 300,000 und unter den Engländern auf 200,000 herab, so daß viele Ruinen und Wüsten und Höhlen für wilde und giftige Reptilien und Bestien mitten in der Stadt liegen. Von der Mitte des zwölften Jahrhunderts an ward es als Residenz afghanischer Herrscher eine große, prächtige Stadt, bekam aber erst seinen fabelhaften Glanz, als es in der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts mit Babur Residenz der Großmoguls geworden war. Der letzte derselben mußte, von Mahratten und Afghanen bedrängt, 1802 den Engländern, die schon Herren vieler Theile Indiens geworden waren, weichen. Er ward abgesetzt, wie sie seitdem manche Dutzende von indischen Königen und Fürsten absetzten, ohne jemals nur „so zu thun,“ als ob sie den Leuten bessere Herren sein wollten, ohne jemals daran zu denken, was ihre Ausbeutung, ihre Auspressung mit Tortur für Folgen haben könne, geschweige an „Civilisirung und Christianisirung.“

Weiter vorn und an den fast durchweg englisirten und modernisirten Meeresküsten mit großen Städten, Häfen, Schiffen, Waarenhäusern, Läden und Handwerkern und Handelsleuten aller Art sieht es nüchterner und alltäglicher aus. Die großen Flüsse drängen sich in massenhaften, breiten, verschlungenen Armen durch sumpfige oder sonnengluthausgcdörrte Ebenen und meilenlange Mündungssumpfgebiete in den bengalischen Meerbusen, nur der Indus und einige andere Flüsse auf der andern Seite in den indischen Ocean, die meisten, die nicht aus dem Himalaja kommen, von dem Gebirgszuge der „westlichen Gauts“, der Bombayseite, östlich herunter. Der eigentliche geographische und culturhistorische Kern Indiens läuft mit dem heiligen Ganges durch das heiße, feuchte, üppige, oft überschwemmte und von gräßlichen Orcanen zerrissene Tiefland Bengalen, in dessen heißem, brütendem Klima die üppige, hochpoetische, kräftige Indra-Naturreligion der alten Arier zur peinigenden, scholastischen Priesterfrömmigkeit der Brahmanen und dem protestantischen Evangelium des Königssohnes Buddha, zur Religion der Selbvernichtung und Rettung aus allem Schein und Trug der Wirklichkeit, der Rettung vor Unsterblichkeit und Wiedergeburt, schläfrig nachdenkend auskochte, wo auf blauen Lotusblüthenmeeren heißer Sumpfgewässer der Gott Wishnu schlafend Schilf und Dschungels und Bambusrohr, Kokosn und Arekapalmen, Betelnußranken und Zimmetwälder so hoch in die Höhe treibt und so dicht bis über die Kronen mit Schlinggewächsen ausstopft, daß keine menschliche Kraft hineinbringen kann, und nur das Rhinoceros, der Elephant und bengalische Tiger Schluchten und Gänge reißen und mit Schlangen und Krokodilen und sonstigen Reptilien hausen und sich einander zerreißen können.

Außer den zwei Hauptracen, den kaukasischen, hellbraunen Ariern, und den dunkleren, roheren Cudra’s (oder Sudra’s oder Paria’s) oder Urbewohnern gibt es unzählige Stämme, Kasten, Secten und Unterschiede. Die Brahmanen trieben diese Unterschiede bis zu einer unerträglichen Mannichfaltigkeit von Unterscheidungen und Gesetzen und Ceremonien, um aus der gottvollsten Wirklichkeit das qualvollste irdische Jammerthal zu machen, aus welchem es blos eine Rettung gäbe, die Auflösung in dem überweltlichen höchsten Gott der Götter und Menschen, Brahma. Alles Wirkliche ist Schatten, Schein, Lug und Trug. Wer an dasselbe glaubt oder sich ihm hingibt oder sonst gegen Gesetze und Religionsvorschriften handelt, wird zur Strafe nach dem Tode hundertmal, tausendmal und in Folge mancher Vergehen so oft als Schakal oder sonstige Bestie wiedergeboren, als ein Thier Haare im Felle hat u. s. w. So wurde die Furcht vor einem Wiederaufleben nach dem Tode zur größten Höllenpein auf Erden. Dazu kamen entsetzliche Opfer-Ceremonien, die in manchen Fällen fünfzehn Monate dauerten, mit täglich tausendmaligem Aufgießen von Butter in das Opferfeuer. Unzählige Gegenstände durften nicht gegessen, unzählige gar nicht berührt werden, darunter Schweinefett, dessen Gebrauch bei Patronen, welche die Engländer ihren indischen Truppen aufzwangen, die eigentliche, nächste Veranlassung zur Revolution ward.

Die geistlichen und weltlichen Qualen eines gesetzgrausamen Staatöund Priesterdespotismus, die Fluth von Kastengesetzen, die Qualen im Kampfe mit erschlaffendem Klima, giftigen Dünsten und reißenden Thieren, die tödtliche Dürre, die zerstörende Sturmwuth, die tausendfache Furcht vor Jahrtausende lang wiederholter irdischer Wiedergeburt – Alles dies trieb den Indier in sich und aus diesem gequälten Ich heraus in die Seligkeit systematischer, langsamer, gründlicher Vernichtung von Leib und Seele, eine Religion, welche der als Bettler umherziehende Königssohn Buddha predigte, die wahnsinnig erhabenste und gewaltigste Religion Asiens, die viel mehr Gläubige zählt, als das Christenthum. Sie ist atheistisch und leugnet alles Wirkliche. Alles ist Schein und Trug, selbst die höchste Gottheit. Es gibt nur ein Wesentliches, das ist das Nichts. Alles Wirkliche ist Sein und deshalb Qual. Dieser Wahnsinn der Erhabenheit würde das Volk nicht gepackt haben, aber Buddha stürzte die Götter, die Kasten, alle Gesetzes- und Ceremonienqual, und gab dafür die herrlichste Moral von Liebe und Erbarmen gegen alles Geschaffene, dem man in der Unseligkeit, überhaupt da zu sein, nicht noch mehr thun müsse, dem man den Weg zur Erlösung und Auflösung in Nichts nicht durch Aerger und Leidenschaft erschweren müsse. Keuschheit, Geduld, Barmherzigkeit, Gleichgültigkeit gegen allen Schmerz, Abstraction von aller Wirklichkeit und ihrem Trug, Auflösung des Leibes, Auflösung der Seele von Grad zu Grad bis in’s absolute Nichts, Nirbâna, Furchtlosigkeit vor allem Wirklichen und Menschenwerk, d. h. Freiheit des Lebens und Freudigkeit des Strebens – das war und ist die Zaubermacht des Buddhismus.

„Im praktischen Leben,“ sagt M. Dunker, „ist den Indern nichts als der langgeübte Heldenmuth des Duldens geblieben. Wie das alte System des Glaubens und der Lehre in Indien standhaft den [418] Jahrtausenden Trotz geboten (nach englischer, hundertjähriger Civilisirung hat sich erst neulich eine Wittwe nicht mit verbrennen lassen und wieder geheirathet), so hat sich auch in den Indern jene Zähigkeit entwickelt, welche langer und schwerer Druck in ursprünglich kräftigen Naturen zu erzeugen pflegt, jene Kraft des Widerstandes, welche sich beugt, aber nicht bricht, jene Schlauheit und Intriguenlust, durch welche sich der Unterdrückte an dem Unterdrücker schadlos hält, dem er mit Gewalt nichts anzuhaben vermag. (Und wenn er’s endlich in höchster Verzweiflung mit Gewalt versucht – wehe den Unterdrückern!) Die Gewohnheit der Entsagung und Peinigung, die Hoffnung, mit dem Tode allen Schein, alle Fesseln los zu werden, hat die Inder auch der wüthendsten Tyrannei des Islam und der Mongolen widerstehen lassen, und noch heute weiß der feigste Bengale, wenn es nicht anders sein kann, mit dem gelassensten Muthe zu sterben.“

Was ihre neuesten Unterdrücker betrifft, von denen die Times selbst sagte, daß sie noch nicht einmal so gethan hätten, als wollten sie auch etwas für Indien thun, von denen der Präsident der jetzigen ostindischen Compagnie, Mr. Mangles, öffentlich examinirt, erklärte, daß sie während der letzten vierzehn Jahre 2,000,000,000 – zweitausend Millionen Thaler (300,000,000 Pfund) aus Indien gezogen, und blos 1,400,000 für dasselbe wieder ausgegeben, welche Mr. Norton in seinem Werke über die Präsidentschaft in Madras mit folgendem Resultate einer hundertjährigen Civilisirung schilderte: „Eine verarmte, degradirte Bevölkerung, Straßen kaum versucht, Bewässerung vernachlässigt, Land unverkäuflich, guter Boden verlassen wegen unerschwinglicher Besteuerung, Millionen von Ackern wüst liegend, dabei keine Verbesserung der Einnahme, Erziehung vernachlässigt, Gerechtigkeit eine Farce,“ – was diese Unterdrücker betrifft, so hat sich das Volk und zwar in seinem für englische Interessen soldatisch eingelernten Theile mit Mord und Brand gegen sie erhoben. Die Nachrichten darüber sind noch unsicher und unvollständig. Bald werden ausführlichere und bestimmtere Mittheilungen uns in den Stand setzen, diese hier gegebenen und frühere Vorstudien durch ein Schlußbild der neuesten Katastrophen und Zustände zu ergänzen.

  1. Deutsch oft Dschamnah oder Dschömna u.s.w. geschrieben.