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Textdaten
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Autor: Gustav Rasch
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Titel: Im Kerker der Hoffnungslosen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 8–10
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Bericht vom Besuch eines Pariser Prison de la Roquette
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[8]
Im Kerker der Hoffnungslosen.

Wenn man in Paris auf dem Bastilleplatz neben der Julisäule steht, so führt links von der breiten, jetzt auch macadamisirten Straßenader, welche die Vorstadt St. Antoine bis zur Barriere du Trône durchschneidet, eine ziemlich schmale Straße von unbedeutendem Aussehen nach Nordost. Es ist die Straße de la Roquette. Der ganze Charakter dieser Straße ist wesentlich verschieden von dem Charakter der andern Straßen, welche die in allen Pariser Revolutionen so berühmt gewordene Vorstadt durchschneiden. Sie ist einsamer, stiller und ruhiger; die Café’s, Läden und Werkstätten verschwinden bereits noch vor der Stelle, wo die Straße den neuen Boulevard „Prinz Eugen“ kreuzt; dann wird das Aussehen derselben von Schritt zu Schritt sogar ärmlich und schmutzig. Die Asphalttrottoire hören auf, das Pflaster wird unregelmäßig, die hohen Pariser Häuser schrumpfen zu einstöckigen, kleinen Gebäuden zusammen. Noch wenige Minuten, und das ganze große, glänzende und geräuschvolle Paris ist verschwunden; man sieht sich mit einem Male an die äußere Grenze der Vorstadt versetzt. Der Wechsel ist um so plötzlicher, da die Straße Roquette in ihrer ganzen Länge kaum eine Viertelstunde mißt. Jenseits des Boulevard „Prinz Eugen“ wird der Charakter der Straße völlig traurig. Grabsteine, Steinkreuze, Todtenkränze, Bilder, welche den Tod und das Grab darstellen, Cypressensträuße, Epheu- und Immortellenkränze bilden die Staffage der Erdgeschosse der ärmlichen Häuser; der Fremde, der die Straße zum ersten Male durchwandert, kann nicht mehr im Zweifel sein – die Straße de la Roquette muß zu einem Friedhofe führen. Und so ist es auch. Sie führt gerade zu der berühmten Begräbnißstätte der Stadt Paris, dem Friedhofe „Père Lachaise“.

Aber sie führt noch an einer anderen Begräbnißstätte vorüber, die vielleicht die Wenigsten von den vielen Tausenden, welche die Straße zum Friedhofe des „Père Lachaise“ wandern, kennen oder beachten. Kurz bevor die Straße den äußern Boulevard kreuzt, erheben sich zur rechten und zur linken Seite derselben zwei kolossale Gebäude von düsterem, unheimlichem Aussehen. Halb schauen sie wie Gefängnisse, halb wie befestigte Forts aus. Hohe Mauern schließen sie in ihrem ganzen Umfange ein. An den Ecken und über den vergitterten Eingangsthoren sind die hohen Mauern mit Thürmen gekrönt, und aus dem innern Raum dieser düstern Umfassung blicken uns die Giebel kolossaler Gebäude an, welche auf der linken Seite der Straße eine sternförmige Gestalt haben. Zu welchem Zwecke dienen diese beiden finstern Gebäude? Das Gebände links mit den hohen, sternförmig sich ausbreitenden Häusergiebeln ist das Gefängniß für junge Verbrecher von sechs bis zwanzig Jahren. Es ist der einzige Pariser Kerker, welcher einen vollständig inhumanen Charakter trägt; denn in seinen Gängen und Zellen ist die Isolirhaft in ihrer äußersten Strenge eingeführt. Das Gebäude rechts ist nur in den Menschen, welche in demselben detinirt werden, und in dem Schicksale, dem diese Menschen entgegengehen, fürchterlich; in seinen Räumen und in der Behandlungsweise der Verbrecher, welche diese Räume füllen, waltet die humane Behandlungsweise, welche ich in allen französischen Gefängnissen gefunden habe und welche niemals den Zweck der Haft überschreitet. Es ist das Gefängniß der Bagnosträflinge und der zum Tode Verurtheilten, der Lagerplatz des Ausschusses der Bevölkerung des Seinedepartements, bis sie in die Bagnos und nach den Deportationsplätzen in Cayenne abgeführt werden – oder bis sie die Guillotine besteigen. Aus diesem Gefängnisse erlösen nur zwei Dinge, die schrecklichsten im Menschenleben: das Bagno oder der Tod durch Henkershand. Das Gefängniß führt den Namen nach der Straße, welche an seinem finstern, vergitterten Eisenthore vorüberführt. Es heißt „la Prison de la Roquette.“ Sein Ursprung ist ganz neuern Datums. Es ist erst im Jahre 1851 erbaut.

Zwanzig Schritte vor dem vergitterten Eingangsthore, immer noch an der linken Seite der Straße de la Roquette, bemerkt der Vorübergehende im Pflaster fünf größere Steine von heller Farbe. Sie bilden ein großes Quadrat, der fünfte Stein liegt in der Mitte, wo die beiden Diagonalen des Quadrats sich schneiden. Diese fünf fast unscheinbaren Steine bezeichnen den fürchterlichsten Platz in Paris. Sie sind die Verkörperung schrecklicher Erinnerungen, welche bis in das vorige Jahrhundert zurückreichen. Die Erinnerungen triefen von Blut, Schmerz und Thränen. Wir stehen, mit einem Worte, hier auf dem Platze, wo bei jeder Hinrichtung in Paris die Guillotine aufgestellt wird. Nachdem dieses fürchterliche Instrument im verflossenen Jahrhundert bald auf dem Grêveplatze, bald auf dem St. Antonsplatze, bald auf dem Revolutionsplatze, welcher heute der Eintrachtsplatz heißt, gehaust hatte und in der ersten Hälfte unsers Jahrhunderts rund um die Barrieren von Paris herumgewandert ist, hat es endlich hier seit zehn Jahren seine bleibende Stätte gefunden. Aber es steigt auch hier nur während der Finsterniß der Nacht aus der Erde, um nach dem ersten Morgengrauen wieder zu verschwinden. Die Guillotine erfüllt ihr schauerliches Handwerk, bevor sich die Sonne über den Baumgruppen des Boulogner Holzes am Himmel erhebt, und verschwindet, ehe sie der Sonne in das strahlende Feuerauge blickt. Das fürchterliche Instrument schämt sich seines Daseins vor dem Jahrhundert, welches die Menschen mit Recht das Jahrhundert der Civilisation und der Humanität getauft haben. Oder schämen sich die Mörder, welche die Todesstrafe in diesem Jahrhundert der Bildung und der Humanität über den Häuptern ihrer Brüder aussprechen? Nein, diese Mörder haben das Gefühl der Scham lange verloren. Das ist der heutige Hinrichtungsplatz für Paris, und für das Seinedepartement. Der zum Tode Verurtheilte bringt seine letzte Nacht auf der Erde entweder in den im hintern Hofe des Gefängnisses befindlichen Zellen für die Hinzurichtenden, in welche ich die Leser sogleich führen werde, zu, oder er wird aus dem andern Gefängnisse, in dem er bis dahin detinirt war, wenige Minuten vor seiner Hinrichtung in den vordern Hof der „Prison de la Roquette“ geführt, wo ihn der Henker in Empfang nimmt.

Ich zog die Klingel an dem vergitterten Eisenthor, welches auf die Straße de la Roquette hinausführt. Das Thor und der kleine Hof, in den ich von außen hineinblickte, schauten so finster aus. Und draußen lachte die Erde im Blumenschmuck und Sonnenschein. Es war ein strahlender Octobertag. Dann öffnete sich das finstere Thor, Turcos im arabischen Burnus und buntfarbigen Turban empfingen mich und führten mich zu dem Greffier. Ich zeigte ihm meine von dem Polizeipräfecten an alle Gefängnißdirectoren im Departement der Seine lautende Vollmacht vor, mich überall umherzuführen und in allen ihren Diensten und Functionen so genau und so weit zu unterrichten, wie es ihre Pflichten irgend gestatteten. Der Befehl des Polizeipräfecten erschloß mir auch das Gefängniß de la Roquette, welches sehr schwer zugänglich ist. Der Greffier klingelte. Es erschien ein Beamter des Gefängnisses. Ich bat mir als Führer einen der Brigadiers aus, welche bei Felix Orsini, dem fanatischen Gegner Napoleon’s, die letzte Nacht, bevor er das schöne Haupt auf das Bret der Guillotine legte, gewacht hatten. Der Greffier sagte mir die Erfüllung meines Wunsches zu. Der Brigadier kam. „Haben Sie bei Orsini die Nacht vor seinem Tode gewacht?“ fragte ich ihn.

„Ja wohl, mein Herr,“ sagte der Brigadier. „Ich habe sowohl bei Orsini, wie bei Pierri und auch bei Rudio manche Nacht die Wache gehabt. Wie Sie wissen werden, brachten sie einundzwanzig Tage in la Roquette zu.“

Wir gingen. Der erste kleine Hof schloß mit einem großen, mehrstöckigen Gebäude ab. Es dient zu Beamtenwohnungen, zum Aufenthalt für die Wachen – und zum Aufenthalt des Henkers, welcher hier das Opfer der Guillotine in Empfang nimmt. Heute füllten ihn die afrikanischen Soldaten in ihren malerischen Trachten. Ein zweites, mit eisernen Stäben vergittertes Thor führte in das Hauptgebäude des Gefängnisses von la Roquette. Es dient zum Aufenthalte und zu den Arbeitssälen der Bagnosträflinge und der Deportirten. Nach einigen Schritten standen wir in seiner Mitte. Die vier Seiten des dreistöckigen Gebäudes umgeben einen großen innern Hof. Ein Brunnen mit beständig fließendem Wasser bildet das Centrum desselben. Der weite Hof dient den Sträflingen als Aufenthaltsort und Spazierplatz für die Erholungszeit, wozu selbst in diesem Gefängnisse der schwersten Verbrecher zwei Stunden täglich bewilligt sind.

Da la Roquette durchschnittlich 800–900 Sträflinge enthält, welche ihre Abführung in die Bagno’s oder nach den Deportationsorten erwarten, so lösen sich dieselben für die Freistunden abtheilungsweise nach den einzelnen Divisionen ab. Auch zur Zeit, als ich den Hof besuchte, waren viele der Gefangenen in demselben anwesend. Sie gingen und sprachen miteinander, wo und wie sie wollten. Den berüchtigten Gänsemarsch, der in deutschen Zuchthäusern [9] eingeführt ist, um dem Gefangenen die einzige Erholungsstunde des Tages zu einer Stunde der Langeweile und der Ermüdung zu machen, und den ich auch in den meisten englischen Gefängnissen gefunden habe, kannte das Gefängniß la Roquette nicht. „Was für Strafen wenden Sie denn gegen die Gefangenen an, welche sich widersetzen?“ fragte ich meinen Begleiter, als wir zwischen den plaudernden und umhergehenden Gruppen der Bagnosträflinge hindurchgingen.

„Entziehung der Freistunden, der warmen Kost, auch nöthigenfalls Entziehung des Bettes und Einsperrung in eine dunkle Zelle,“ antwortete er.

„Nicht die Prügelstrafe?“ erwiderte ich.

Der Mann blieb stehen und blickte mich verwundert an. „Prügel?“ sagte er, „Prügel? Sie meinen doch Prügel mit dem Stock oder mit der Peitsche?“

„Allerdings, diese meine ich.“

Der Brigadier schwieg einen Moment. Dann fuhr er auf. „Herr,“ rief er, „in Frankreich prügelt man keine Menschen, auch keine Bagnosträflinge! Prügelt man denn in Ihrem Vaterlande Menschen? Sie sind wohl aus Rußland, wo man die Knute gebraucht?“ !

„Nein, ich bin nicht aus Rußland, wo man die Menschen mit der Knute züchtigt, ich bin aus Deutschland.“

Der Brigadier sah mich noch erstaunter an. Es schien ihm unerklärlich, daß es außer Rußland noch ein Land in Europa gebe, wo man Menschen mit dem Stock oder mit der Peitsche züchtige. Endlich erholte er sich von seinem Erstaunen. „Sagen Sie,“ wiederholte er, „ist es wahr, daß man in deutschen Gefängnissen prügelt?“

„Sicherlich,“ sagte ich ihm nochmals, „mit einer so fürchterlichen Sache scherzt man nicht. In den meisten deutschen Zuchthäusern wird die Prügelstrafe nicht selten dictirt und ausgeführt.“

„Prügelt man denn auch Frauen und Mädchen in deutschen Gefängnissen?“ fragte er weiter. Auf seinem Gesichte zeigte sich ein Ausdruck, als wenn er bestimmt ein „Nein“ erwarte.

„Allerdings,“ sagte ich, „man prügelt auch Frauen und Mädchen in deutschen Gefängnissen; man legt sie zu diesem Zweck auf einen Bock, den man „Fuchs“ nennt und auf dem ihnen Arme und Beine mit ledernen Riemen festgeschnallt werden. Die einzige Rücksicht, die man bei dieser Operation auf ihr Geschlecht nimmt, ist, daß man ihnen dabei leinene Hosen anzieht.“

Das wollte meinem braven Brigadier nicht einleuchten. Kopfschüttelnd murmelte er ein „Impossible!“ zwischen den Zähnen, während wir unsere Wanderung fortsetzten.

Wir betraten nun zunächst die Arbeitssäle der Sträflinge, welche sich in den verschiedenen Etagen des dreistöckigen Gebäudes befinden. Sie waren hoch, reinlich und luftig, enthielten aber sonst nichts Bemerkenswerthes, als die Verbrecher, welche hier ihren Fähigkeiten oder dem früher betriebenen Handwerke gemäß beschäftigt wurden. Da arbeiten Schuster, Schneider, Lederzubereiter, Pantoffelmacher, Schmiede, Schlosser, Tischler in den hierzu eingerichteten Werkstätten bis zu dem Tage, wo sie die Reihe der Deportation über das Meer trifft. Aber in diesen grauen, wollenen Jacken und Hosen steckte das gefährlichste Gesindel Frankreichs. Jeder der Gesellschaft war wenigstens ein viel bestrafter Dieb. Wie mancher hatte unter der Anklage des Mordes, der Fälschung und des Straßenraubes gestanden! Während wir durch die verschiedenen Werkstätten gingen, erzählte mir mein Begleiter, indem er mich hie und da auf einzelne Galgenphysiognomien aufmerksam machte, eine lange Reihe haarsträubender Geschichten, in denen Diebstahl und Giftmischerei, Nothzucht und Mord die Hauptrolle übernommen hatten. Ich sah junge Sträflinge, die kaum das zwanzigste Jahr überschritten hatten, mit sanften, weichen Gesichtszügen, und doch hatten sich ihre Hände bereits mit den schändlichsten Verbrechen befleckt, und alte Männer mit weißen Haaren, auf deren Gesichtern die Galeere tiefe Furchen gezogen; ich sah ausgemergelte Gestalten, Augen voll Bosheit und niederträchtiger Tücke und Stirnen, auf denen die Gemeinheit ihren Wohnsitz aufgeschlagen hatte. Aber wozu diese lange Gallerie von Laster und Verbrechen schildern? Es wurde mir unheimlich zu Muthe, wenn ich im Vorübergehen ihre Kleider streifte, und noch heute überläuft mich, während ich schreibe, in der Erinnerung ein Gefühl des Ekels und des Widerwillens. Doch selbst diese Kerle wurden nicht geprügelt, sie wurden in ihrer Verpflegung auf das Menschlichste behandelt, wenn sie auch vom Menschen oft nur die Gestalt behalten hatten. Sie arbeiteten nur von Morgens acht bis Abends acht Uhr, und diese zwölfstündige Arbeitszeit umschloß noch zwei Freistunden. Sie erhielten zu ihrer Nahrung nicht jene wenig schmackhafte Gemüsesuppe, welche man in deutschen Zuchthäusern austheilt, sondern nahrhafte und gut zubereitete Speisen, wenn sie auch nur zweimal die Woche, am Donnerstag und am Sonntag, Fleisch bekamen. Morgens und Abends, zum Frühstück und zum Mittagsessen, erhielt Jeder einen Labetrunk. Die Freistunden und die Stunden von Abends acht Uhr an gehörten ihnen. Sie konnten mit dieser Zeit machen, was sie wollten. Sie konnten arbeiten, spazieren gehen oder lesen.

Zu diesem Zwecke enthielt la Roquette eine nicht unbedeutende Bibliothek, aus welcher sich jeder Sträfling wöchentlich ein Buch entnehmen konnte. Ich ließ mir die Bibliothek zeigen, der ein Sträfling als Bibliothekar vorstand. Die Bücher, welche ich aus den Fächern zog, waren belletristischen, historischen oder wissenschaftlichen Inhalts; ich fand manche Reisebeschreibung, manches naturwissenschaftliche Buch; religiöse oder kirchliche Schriften sind mir weniger zu Gesicht gekommen. Abends war es den Sträflingen gestattet, bis zehn Uhr in ihren Schlafstuben zu lesen. Jeder besaß eine eigene Zelle zum Schlafen, die sich in langen Gallerien nebeneinander an der äußeren Seite des Gefängnisses herumzogen. Jede Zelle hatte die Aussicht auf die hohe Mauer, welche, wie ich schon erwähnte, das Gefängniß der Bagnosträflinge und der zum Tode Verurtheilten in einem ungeheuren Quadrate umschloß. Es fiel mir auf, als ich mit meinem Brigadier diese langen Gänge durchschritt und mir einige Zellen öffnen ließ, daß die Eisengitter nicht dicht vor den Fenstern, sondern in einer Entfernung von vielleicht einem halben Fuß vor den Oeffnungen angebracht waren. Als ich den Kopf hinaussteckte, fand ich, daß es möglich war, mit dem Gefangenen in der Nachbarzelle, wenn derselbe ebenfalls den Kopf aus dem Fenster steckte, eine Unterhaltung anzuknüpfen. Ich äußerte mich hierüber zu meinem Begleiter, und er erwiderte mir: „Das ist richtig; es geschieht dies auch allabendlich von 91/2 bis 10 Uhr. Diese halbe Stunde vor dem Schlafengehen ist den Unglücklichen zu einer Unterhaltung gestattet. Wenn die Uhr des Gefängnisses zehn Uhr schlägt, rufen die, wie Sie bemerken, dort unten an der Mauer aufgestellten Schildwachen, die Lichter auszulöschen. Dann ist die Unterhaltung zu Ende.“

Was sagen die Zuchthausverwalter einiger deutschen Staaten zu einer solchen die Individualität des Menschen berücksichtigenden Maßregel im Pariser Gefängniß der Bagnosträflinge, sie, in deren Gefängnißhöfen die Schildwachen den Befehl erhalten, nach dem Kopfe des Gefangenen zu schießen, der sich an den Fenstern zeigt?

Das Mittelgebäude des großen Hofes hat einen zweiten Durchgang. Dieser führt in einen kleinern Hof. Ein Springbrunnen steht in der Mitte desselben, von einigen Rasenplätzen und Bäumen umgeben. Der Hof ist von zweistöckigen Gebäuden eingefaßt. Es ist hier gar still und einsam und der Contrast um so auffallender, wenn man aus dem Geräusch und Geschwirr des großen Hofes mit seinen ihn umschließenden Werkstätten kommt. Auch ich empfand diesen Contrast, als ich mit meinem Begleiter eintrat; ich hörte nichts, als das Rauschen des in ein weites steinernes Becken zurückfließenden Wasserstrahls. „Wozu dient dieser Hof?“ fragte ich den Brigadier.

„Es ist der Hof der zum Tode Verurtheilten,“ erwiderte er.

Ich schauderte einen Augenblick. „Der Hof der zum Tode Verurtheilten!“ wiederholte ich mechanisch. „Hier sahen Orsini und Pieri zum letzten Male den blauen Himmel und die grüne Erde.“ Wenn ich auch die That der fanatischen Italiener nicht billigen konnte, so wollte mich doch ein Gefühl der Wehmuth beschleichen, wenn ich an die letzten Augenblicke dieser Männer dachte, denen im schönsten Lande der Erde der blaue Himmel zum ersten Male lachte.

„Sie fragten nach Orsini und Pierri,“ sagte mein Begleiter. „Hier ist der Hof, wo sie einen Theil des Tages zubrachten.“

Schweigend ging ich durch die Gänge des kleinen Gärtchens. Die Mittagssonne blickte so golden aus dem azurblauen Himmel hinein, der Rasen war von seltener Frische. Ringsum Alles still. Nur das Wasser plätscherte in Millionen silberner Tropfen über den Stein.

„Ich werde Ihnen nun die Gefängnisse der zum Tode Verurtheilten zeigen,“ sprach der Brigadier.

Er schloß eine starke mit Eisen beschlagene Thüre auf, welche [10] aus dem Gebäude in den Hof führte. Wir traten durch dieselbe auf einen Gang, welcher im Innern des Hauses den Hof von drei Seiten umgab. Auf den Gang öffneten sich eine Menge Zimmer, die zur Apotheke, zum Sectionssaale, zur Todtenkammer, zu einem Consultationszimmer für die Aerzte und zu andern administrativen Zwecken des Gefängnisses dienten. Der Brigadier schloß zwei anstoßende Zimmer auf. Ich trat ein. Ich befand mich im Gefängnisse Orsini’s und Pierri’s während ihrer einundzwanzigtägigen Haft in „Prison de la Roquette“.

Die Zimmer waren nicht unfreundlich. Sie waren groß und hoch. Das Zimmer Orsini’s hatte eine fast viereckige Gestalt. Das Zimmer Pierri’s war um die Breite des Ganges länger. Die Wände hatten einen gelben, ockerfarbigen Anstrich; das von außen mit starken Eisenstangen vergitterte Fenster war ziemlich groß und in der obern Hälfte der Wand. In der Ecke jedes Zimmers stand eine eiserne Bettstelle, während sich ein kleiner, weißer Porzellanofen in der Mitte befand. Außer einigen Rohrstühlen waren keine Möbeln im Zimmer. Der Fußboden war gedielt. In ihrem Aeußeren hatten beide Zimmer also nichts, was an ihre schreckliche Bestimmung erinnerte.

„Die Zimmer auf diesem Gange und im zweiten Stock dienen den zum Tode Verurtheilten zum Aufenthalte, bis sie zur Hinrichtung vor das Gefängniß hinausgeführt werden,“ sagte der Brigadier. „Augenblicklich ist Niemand in la Roquette, dem die Guillotine bevorstände. Die Zimmer werden erst möblirt, wenn sie bezogen werden. Dort links wohnte Pierri, hier rechts Orsini. Sie sehen, beide Zimmer trennt nur eine Wand. Rudio befand sich im obern Stock.“

„Hatten Sie häufig die Nachtwache bei Orsini und Pierri, Brigadier?“ fragte ich.

„Mehrere Male. Sie wissen, Beide brachten einundzwanzig Tage hier zu. Bei Orsini wachte ich die Nacht vor seinem Tode.“

„Wird bei allen zum Tode Verurtheilten die Nächte vor ihrem Tode gewacht?“

„Bei Allen; Sie sehen dort die zwei Stühle, dem Bette gegenüber. Auf dem einen sitzt der Gefängnißbeamte, auf dem andern ein Soldat, das Auge auf das Bett des Verurtheilten gerichtet.“

„Waren Orsini und Pierri heiter und ruhig während der Zeit, wo sie hier detinirt waren?“

„Bis zum letzten Augenblick waren sie heiter und sogar fröhlich. Wenn sie von dem Attentat sprachen, bedauerten sie nur, daß es nicht gelungen sei. Pierri sang zuweilen in seinem Zimmer die Marseillaise oder den Gesang der Girondisten. Dann saß er oft stundenlang da auf dem Mauervorsprung an der Thür und schaute zum Fenster hinaus nach dem Himmel, oder er unterhielt sich mit der Wache, oder er klopfte einmal an die Wand und rief „Orsini“, der in ähnlicher Weise antwortete. Sie hielten sich auch mehrere Stunden des Tages in dem kleinen Gärtchen auf dem Hofe auf, von wo wir eingetreten sind, natürlich nach einander. Erst am Morgen ihrer Hinrichtung sahen sie sich wieder, hier auf dem Gange, als sie aus dem Zimmer traten. „Eh bien,“ rief Orsini, „wo ist denn Rudio?“

Pierri lachte. „Ich habe es mir gedacht, daß wir Beide den Gang allein machen würden,“ erwiderte er.

„Und Orsini’s letzte Stunden, Brigadier? Schlief er ruhig in der letzten Nacht?“

„Ganz ruhig, sechs Stunden. Ich habe nicht bemerkt, daß er erwachte. Nach vier Uhr stand er auf. Er frühstückte und war ganz heiter. Von Neuem sprach er von dem Attentat und bedauerte abermals, daß es nicht gelungen war. Dann kam der Priester. Orsini’s Haltung blieb ganz dieselbe, fest, ruhig und heiter. Hier auf dieser Stelle sah er Pierri wieder, wie ich Ihnen schon sagte. Sie begrüßten sich Beide in herzlichster Weise. Wenn es Ihnen beliebt, so gehen wir nun. Sie haben Alles gesehen. Ich werde Sie nun den Weg führen, den Beide zum Tode gingen. Oder wollen Sie erst noch Rudio’s Zimmer sehen? Sie wissen, er wurde auf Verwendung seiner Frau begnadigt, nach Cayenne deportirt und ist von dort entkommen.“

„Ich weiß. Rudio’s Zimmer interessirt mich nicht. Gehen wir, Brigadier.“

Der Gefängnißbeamte verschloß die Zimmer Orsini’s und Pierri’s von Neuem. Am Ende des Ganges stiegen wir eine kleine hölzerne Treppe hinauf. Wir befanden uns im obern Stock des Gebäudes. An demselben schloß sich der lange Gang, an dessen beiden Seiten die Schlafzellen der Sträflinge liegen und der wieder zum vordern Hofe des Gefängnisses führt.

„Hier gingen sie Beide zum Tode,“ sagte mein Begleiter, als wir in dem Gange dahin schritten; „Pierri ging voran, Orsini drei Schritte hinter ihm, der Priester neben Orsini. Auf dem ganzen Wege sang Pierri mit lauter, tönender Stimme den Gesang der Girondisten. Orsini sang nicht; er wiederholte mir zuweilen die Worte „du calme“. (Ruhig!) Beide sahen stolz und, ich möchte sagen, fröhlich aus.“

Ich las auf dem Gesichte meines Begleiters ganz deutlich die Empfindung, welche die Erinnerung noch heute in ihm wach rief. Er schwieg einen Moment.

„Weiter, Brigadier,“ sagte ich, „weiter.“

„Nun, draußen im kleinen Hofe wurden Beide dem Henker übergeben. Der Henker wartet immer im vordern Hofe, er kommt nur in den Hof der zum Tode Verurtheilten, wenn der Verurtheilte sich zu gehen weigert und sich widersetzt.“

„Hat Orsini den bekannten Brief an Napoleon geschrieben?“ fragte ich im Weitergehen.

„Das kann ich nicht wissen,“ sagte mein Begleiter. „Der Director des Gefängnisses hielt sich oft längere Zeit bei den drei Gefangenen auf.“

Wir waren währenddem wieder in den vordern Hof von la Roquette gelangt. „Es war ein grauer Wintermorgen,“ erzählte mir der Brigadier noch, bevor ich ihn verabschiedete, „vor sechs Uhr. Da draußen war die ganze Vorstadt auf den Beinen. So weit man sehen konnte, erblickte man Kopf an Kopf. Man hörte ein lautes Weinen und Schluchzen unter der Menge, als Orsini und Pierri das Schaffot betraten. Pierri sang noch den Refrain des Girondistenliedes, als er die Stufen des Schaffots hinanstieg, „mourir pour la patrie, mourir pour la patrie!“ „Vive la France, vive l’Italie!“ rief Orsini, als er von dem Schaffot die Menge überblickte, bevor er das Haupt auf das Bret legte.“

Wieder stand ich allein vor dem schrecklichen Thore von la Roquette auf der Stelle, wo das Schaffot aufgestellt wurde. Vor dem Auge meiner Seele erschien das geisterbleiche Antlitz Felix Orsini’s, wie ich es in einem vortrefflichen Bilde bei meinem Freunde Karl Blind in London sah. Und als ich die Straße la Roquette aufwärts nach dem Bastillenplatz ging, da sang ich unwillkürlich mit halblauter Stimme den Gesang der Girondisten. Da war er ja, der Platz, wo das Volk von Paris einst die Bastille stürmte; da sind noch alle die Straßen, welche in die aufrührerische Vorstadt St. Antoine führen. Da weiß ja jeder Stein von den Revolutionen zu erzählen, welche seit siebenzig Jahren fast immer von diesem denkwürdigen Platze ausgingen und ihre Erschütterungen über Europa trugen. Wer vermag zu bestimmen, ob der Tag nicht nahe ist, wo hier wieder das alte, „Allons enfants de la patrie“ erbraust? Wer kann sagen, ob es vor oder in den Tuilerien ausklingt?
Gust. Rasch.