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Im Kerker Monte-Christo’s und der eisernen Maske

Textdaten
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Autor: Gustav Rasch
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Titel: Im Kerker Monte-Christo’s und der eisernen Maske
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 185–188
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[185]
Im Kerker Monte-Christo’s und der eisernen Maske.

Der Mistral wehte in scharfen Stößen aus Nordost und warf die blauen Wogen des mittelländischen Meeres hoch auf an dem Felsenriff, welches sich von dem Gebirgszuge, auf dem die Stadt Marseille amphitheatralisch aufsteigt, weithin in die See hinausstreckt. Das leichte Boot, welches mich trug, sckwankte, bäumte sich und lavirte mit Ruder und Segel; hundertmal schlugen [186] weiße Spritzwellen über Bord; endlich lag das Riff hinter mir, und nun stieg in der Ferne in Südwest ein Felseneiland weiß und gespenstisch aus den blauen Fluthen des Meeres, mit Mauerwerk und Zinnen gekrönt und von Wartthürmen überragt, vor mir auf. Bald konnte ich drei Inselgruppen, welche durch Dämme mit einander verbunden schienen, unterscheiden; auf der mittleren erbob sich ein Schloß in mittelalterlichen Contouren. Weithin links stieg ein neues Felseneiland in zackigen Formen auf, nach Süden hin tauchte der Blick in eine unendliche blaue Ferne – in das Meer, welches Europa von Afrika trennt. Das Boot hielt jetzt den geraden Cours auf die mittlere Inselgruppe. Der Schiffer, der das Kreuz der Ehrenlegion am rothen Bande im Knopfloch trug, welches er sich als Capitain eines Transportschiffes im Krimfeldzuge erworben hatte, wie er mir erzählte, zeigte mit der Hand auf das weiße Felseneiland, und sagte: „Schloß If!

„Und links dort die zackige Felsengruppe in der Ferne?“

„Die Insel Tribulon. Sie erinnern sich, mein Herr, es ist die Insel, an der Alexander Dumas Edmond d’Antès schwimmend landen ließ, als er statt des todten Abbé Faria in dem Sack ins Meer geworfen wurde.“

„Ich erinnere mich. Aber was ist Wahres an dem Roman?“

„Edmond d’Antès brachte vierzehn Jahre in einem entsetzlichen Kerker im Schlosse If zu, der Abbé Faria saß dort in einem ganz ähnlichen Kerker sechszehn Jahre, bis er wahnsinnig im Kerker gestorben ist. Edmond d’Antès und Faria waren beide politische Gefangene, der Erstere Bonapartist, der Andere träumte von dem Königreich Italien, welches heute zur Wahrheit geworden ist. Edmond d’Antès wurde nach vierzehn Jahren frei gelassen. Nur der Moute-Christo, in den Dumas ihn später verwandelt hat, ist ein Phantasiebild des großen Romanschriftstellers. Alles Andere ist wahr. Sie werden ja die Kerker sehen.“

„Und die eiserne Maske, und Philipp Egalité, der Herzog von Orleans, der Pater des Bürgerkönigs – und Graf Mirabeau und die Juniinsurgenten?“

„Sie waren sämmtlich nach einander dort oben eingeschlossen; die eiserne Maske drei Monate, der Herzog von Orleans sechs Monate, Graf Mirabeau zwei Jahre und fünfhundert Juniinsurgenten fünf Jahre. Sie werden die Kerker alle dort oben sehen.“

Währenddem waren wir dem fürchterlichen Schlosse ganz nahe gekommen. Der Schiffer reffte das Segel ein und führte mit dem Ruder das Boot um einen Felsenvorsprung hernm in die kleine Bucht, welche die Insel Ratonneau und das Eiland bildet, auf dem sich Schloß If erhebt. Noch einige Minuten, und wir hielten an einer Felsenplatte, die als Landungsplatz dient.

Ein in den Felsen gehauener Stufenweg führte in vielen Windungen zu dem kleinen Plateau hinauf, welches sich einige hundert Fuß über den Spiegel des Meeres erhebt. In der Mitte des Plateaus steht das Schloß, quadratförmig gebaut, von zwei dicken Wartthürmen in der Fronte flankirt, von einem dritten höheren Wartthurm überragt, rings von einem tiefen Graben umgeben, über den eine hölzerne, gebrechliche Zugbrücke führt. Jeder der beiden Thürme hat ein kleines Fenster, mit Eisenstäben vergittert. Aus den Fenstern blickte die eiserne Maske und Philipp Egalité auf die malerischen Höhenzüge, welche die Südküste der Provence umsäumen; der Eine, bis man ihn in die Bastille führte, um dort zu sterben, der Andere, bis man ihm auf dem Revolutionsplatze in Paris den Kopf abschlug. Welche Erinnerungen kleben an diesen Mauern, die mich jetzt so düster und so altersgrau anblicken! Schreckliches Gefängniß! Die grausamen und despotischen Bourbonen, die große Revolution, welche das ganze alte Europa aber den Haufen warf, Ludwig der Achtzehnte, der in der Verbannung nichts gelernt und nichts vergessen hatte, und die Bourgeoisie der Februarrepublik haben dort Alle nacheinander ihre fürchterlichen Urtel vollstreckt.

Ein altes Mütterchen, die Frau des Castellans, führte mich über die schwankende Zugbrücke, und durch ein gewölbtes Thor traten wir in einen kleinen viereckigen Hof. Ich stand im Hofe des Schloßes If.

Gerade vor mir erhob sich der hohe Thurm, den ich schon weit aus der Ferne erblickt hatte. Rechts und links und vor mir führten gewölbte Thüren in die untern Räume des Schlosses; in der halben Höhe der Mauer lief eine Galerie, von der man die oberen Räume des Schlosses betrat; zu der Galerie stieg man auf einer gewundenen Eisentreppe hinauf. Von oben blickte in den düstern Hof der blaue, sonnige Frühlingshimmel hinein.

„Ich werde Sie nun zuerst in den Kerker von Edmond d’Antès führen, mein Herr,“ näselte das Mütterchen, „oder des Grafen Monte-Christo; er saß dort vierzehn Jahre.“

Und sie schloß eine schwere Holzthür in der Mauer an der linken Seite des Hofes auf. Wir traten in einen gewölbten, kellerartigen Raum, der eine Länge von sechszehn Schritt und eine Breite von fünf Schritten hatte. Das Licht fiel durch ein kleines, eisenvergittertes Fenster hinein. Oder nein, es war kein Licht, es waren einige schwache Lichtstrahlen, bei deren Schimmer ich das alte runzlige Gesicht des Mütterchens nicht erkennen konnte. Eine feuchte Luft wehte mich an. „Und hier saß wirklich Edmond d’Antès vierzehn Jahre?“ sagte ich schaudernd. „Ein politischer Gefangener, dem man niemals einen Proceß gemacht hat, der nur bonapartistischer Sympathien verdächtig war, weil er in Marseille einige Briefe übergeben hatte, deren Inhalt er vielleicht gar nicht kannte! Und diese Grausamkeit verübte ein Bourbon, nachdem er fast fünfundzwanzig Jahre das Brod des Exils gegessen hatte! Diese Race ist doch unverbesserlich!“

„Nur während des Tages, mein Herr, nur während des Tages,“ sagte das Mütterchen. „Sollen gleich sehen, wo er des Nachts war.“

Dann zündete sie mit einem Schwefelholz ein Stümpfchen Talglicht an und schloß eine kleine Thür auf, welche in der Mauer befindlich war und die ich nicht bemerkt hatte. Gebückten Hauptes trat ich durch die Thür in ein ganz dunkles Loch. Ich fühlte mit den Händen die Mauer und maß das ganze dunkle Loch mit den Schritten, bis ich wieder an die Mauer stieß. Das Loch hatte eine Breite von zwei und eine Länge von vier Schritten. Mit dem Kopfe stieß ich an die Decke. Ich konnte nur gebückt stehen.

„Hier brachte Edmond d’Antès vierzehn Jahre alle Nächte zu,“ sagte die alte Frau; „während des Tages ließ man ihn in das große Gefängniß.“

Ich schauderte. Das dunkle Loch erschien mir wie ein schwarzer Sarg. Alle schreckliche Stunden, welche Dumas in seinem Roman aus dem Kerkerleben des Unglücklicken schildert, stiegen vor mir auf, wie schwarze Gespenster. Nein, der geistvolle Romanschriftsteller hat den Kerker Monte-Christo’s noch nicht sckrecklich genug geschildert! Schaudernd trat ich aus dem dunkeln Loche. Das Stück Himmel über dem düstern Gefängnißhofe erschien mir jetzt noch einmal so sonnig und so blau, wie vorher. Ich athmete wieder auf. Balsamisch, wie der Odem des Himmels, wehte mich die Frühlingsluft an. Sie trug auf ihren Schwingen den Duft der Veilchen, der ersten und lieblichsten Frühlingsblumen.

Die alte Frau mit dem Schlüsselbunde stand wieder neben mir. Sie hatte den Kerker Monte-Christo’s von Neuem verschlossen. „Nun sollen Sie den Kerker des Abbé Faria seben,“ sagte sie mit schwacher, zitternder Stimme. Dann trippelte sie über den Hof und schritt durch die Thür, welche dem Eingangsthore gerade gegenüber liegt. Ich folgte ihr und betrat einen ziemlich großen, halbdunkeln, kellerartig gewölbten Raum. Aus dem Raume führte eine Thür in einen andern Kerker. Es war ganz dunkel. Das alte Mütterchen zündete mit dem Schwefelholz von Neuem ihr Talgstümpfchen an. Ich blickte mich um. Nackte Wände, welche einen Raum von ungefähr acht Schritt Breite und Länge umschlossen. Im Hintergrunde des Kerkers war eine wallförmige Erhöhung in der ganzen Breite der Mauer.

„Dies ist die Wölbung des Kerkers, in dem Monte-Christo schlief“, sagte die Frau. „Durch dies Gewölbe ist der Abbé durchgebrochen, Sie wissen?“

„Ja, ja, ich weiß,“ sagte ich. Ich hatte die Schilderung Dumas’, worin der Abbé einen Gang durch die Mauer in den Kerker Edmond d’Antès’ führt, erst kürzlich gelesen. „Und der Abbé?“ fragte ich.

„Er ist nach sechszehn Jahren in diesem Kerker gestorben..“

„Ließ man ihn nie heraus? Konnte er nicht den vorderen Raum betreten, wie Edmond d’Antès?“

„Nein, er war ja wahnsinnig.“ –

War es die Tradition aus dem Dumas’schen Roman, welche sich in dem Kopfe der Alten festgesetzt hatte, oder war der Abbé Faria wirklich wahnsinnig gewesen? Mußte sein Andenken noch [187] mit dem Wahnsinn kämpfen, während er es während seines Lebens schon vergeblich gethan hatte? Aber wahnsinnig oder nicht! Auch für einen Wahnsinnigen war dieses finstere Loch ein fürchterlicher Kerker.

Und ich stand wiederum auf dem kleinen, engen Hofe, und noch sonniger und heiterer schaute mich der blaue Frühlingshimmel an. Und wieder rasselte die alte Frau mit ihrem Schlüsselbunde, und sie schloß in dem rechten Flügel des schrecklichen Schlosses eine Thür auf. Ich blickte in einen großen, kasemattenartig gewölbten Raum. Er war hell; denn er erhielt sein Licht durch die Fenster, welche nach dem Hofe hinausgingen. Es war das Gefängniß der Juniinsurgenten, welche die Bourgeoisie der Februarrepublik, nachdem sie mit den Kanonen Cavaignac’s den Aufstand der Vorstädte in den Straßen von Paris niedergeworfen hatte, nach Schloß If führte. Sie brachten dort fünf Jahre zu. Im Jahre 1852 wurden die Übriggebliebenen, deren Gefängnißzeit noch nicht abgelaufen, oder die noch nicht gestorben waren, nach Caycnne gebracht. Sie schliefen indeß nur während der Nacht in diesen Kasematten oder in den Kammern des oberen Stockes. Während des Tages konnten sie sich auf dem Hofe oder auf der oberen Terrasse des Schlosses ergehen. Die Kasematten waren eben wie andere Kasematten. Sie waren nicht schlechter und nicht besser als die Kasematten des Schlosses Silberberg in Schlesien, in denen ich selbst viele Monate zugebracht habe. Ich sah, die moderne Zeit war doch etwas menschlicher mit den politischen Gefangenen umgegangen, als die Könige von Gottes Gnaden.

Nun stieg ich die gewundene eiserne Treppe hinauf, welche zu der oberen Galerie führte. Die Kerker der eisernen Maske, des Herzogs von Orleans, der sich Philipp Egalité nannte und mit der Revolution zu spielen versuchte, bis ihm diese den Kopf abschlug, und der Kerker Mirabeau’s befanden sich im oberen Stock. Hier in einem hohen gewölbten Gemache mit einem vergitterten Fenster brachte der Mann, dem die Geschichte den Namen der „eisernen Maske“ gegeben hat, drei Monate zu. Dann wurde er nach Paris in die Bastille geführt, wo er nach vielen Jahren gestorben ist. Die „eiserne Maske“ ist bekanntlich eine Persönlichkeit aus der Regierungszeit Ludwig’s des Vierzehnten, über deren eigentlichen Namen und Abstammung sich die Geschichtsschreiber vielfach den Kopf zerbrochen haben und deren Identität noch heute nicht unwiderleglich festgestellt ist. Noch immer behaupten Viele, der Mann mit der eisernen Maske sei ein Halbbruder Ludwigs des Vierzehnten gewesen, der sich durch diese Gefangenschaft seiner habe entledigen wollen, während andere Geschichtsforscher in ihm einen italienischen Staatsmann erblicken, welcher an dem „großen König“ einen Verrath begangen habe.

Dieselbe Galerie, aus der wir den Kerker der eisernen Maske betreten haben, führt in einen andern Kerker, der sich in dem die rechte Seite des Schlosses flankirenden Wartthurm befindet. Der Kerker war hoch und weit, wie ein in Stein gehauenes Gewölbe. Ein kleines vergittertes Fenster erleuchtete ihn so ziemlich. Der Blick aus dem Fenster fiel auf das Meer und streifte über die weite blaue Wasserfläche bis zu den Bergen. Ein weiter, scköner Blick! In der hintern Wand des Kerkers befanden sich zwei Eisenringe. Die alte Frau faßte einen dieser Ringe und sagte: „An diesem Ringe war der Herzog von Orleans angekettet, während er hier gefangen saß.“

Ich war erstaunt über diese Vorrichtung. Selbst in den Kerkern Monte-Christo’s und Faria’s hatte ich keine Ketten bemerkt. Auf meine Frage erwiderte die Frau: „Er machte einen Fluchtversuch, der mißlang. Darauf wurde er mit einer Kette an die Mauer angeschlossen.“

Wie mußte dem schlechten und lasterhaften Manne in diesem Kerker zu Muthe gewesen sein! Er hatte an allen Lastern des Königthums Theil genommen, um dasselbe stürzen zu helfen und dessen Ruin zu seinem eignen Vortheil auszubeuten. Die goldstrahlenden Säle des Palais Royal, wo er jene glänzenden Feste gab, bei denen Jemand die prophetischen Worte äußerte: „Nous dansons sur un volcan,“ und dieser wüste, kellerartige Kerker, welche Contraste! Der Aufenhalt in diesem Kerker wurde mir widerlich. Nicht die Thränen eines Unglücklichen hatten diese kalten Steine benetzt, das Laster hatte sie beschmutzt.

„Führen Sie mich nun in den Kerker Mirabeau’s,“ sagte ich zu der alten Frau; „er besaß wenigstens neben Lastern auch große Tugenden und eminente Talente.“

Wir gingen die Galerie entlang nach dem Theile des Schlosses, welcher der Eingangspforte gegenüberliegt. Auf der Langseite der Galerie öffneten sich ebenfalls zwei Thüren, welche in Kasematten führten. Ich warf im Vorübergehen einen Blick hinein. „Auch hier waren die Juniinsurgenten eingeschlossen,“ sagte die Frau, „aber nur während der Nacht. Ich habe sie Alle gesehen. Wir hatten über fünfhundert im Schloß. Ich bin seit dem Jahre 1847 im Schlosse If.“

Nun betraten wir die andere Seite des Schlosses. In der Ecke erhob sich der Wartthurm, der die andern Thürme hoch überragte. Hart an den Wartthurm stieß ein viereckiges, nicht gewölbtes Gemach, aus dem man die Aussicht auf den Schloßhof hatte. Die Frau öffnete die Thür. „Und wer hat diesen Kerker bewohnt?“ fragte ich.

„Ein großer Todter“, sagte das Mütterchen, „bevor er in den Sarg gelegt wurde.“

„Ein Todter?“ fragte ich verwundert. „Kerkerte man auch Todte ein in diesem fürchterlichen Schlosse?“

„Kennen Sie den Marschall Kleber,“ erwiderte die Frau, „den berühmten General, der mit dem Kaiser in der Schlacht an den Pyramiden focht?“

„Ob ich ihn kenne! Er war ein Republikaner, ein Mann von Ueberzeugung und edlen Eigenschaften des Herzens und des Charakters, ein Mann von Muth und Talent, wie nur Einer während der großen Revolution. Ein fanatischer Mameluk ermordete ihn in Cairo. Sein Ebenbild aus neuerer Zeit starb neulich in Basel, der Oberst Charras!“

„Er war es. Sein Leichnam wurde aus Aegypten herüber gebracht, um in Frankreich in vaterländischer Erde zu ruhen. Aber in Aegypten war die Pest. Deshalb wurde der Leichnam hier vierzehn Tage niedergelegt, bevor man ihn ans Land brachte.“

Eine steinerne Wendeltreppe zog sich im Wartthurm aufwärts. Als wir auf der dritten Stufe standen, öffnete die Frau eine niedrige Thür. Sie führte in ein viereckiges Gemach. Das Gemach hatte ein größeres Fenster, als die anderen Kerker im Schlosse If. Aus dem Fenster blickte man auf die andere Seite des Meeres. Der Blick tauchte sich in die Unendlichkeit. Wenn das Auge so weit reichte, würde man aus diesem Fenster die afrikanische Küste erblicken können.

„Hier wurde Graf Mirabeau zwei Jahre gefangen gehalten,“ sagte die Frau. „Sein Vater ließ ihn einsperren, als er noch ein ganz junger Man war. Sie wissen vielleicht? …“

„Ja, ja, ich weiß,“ erwiderte ich. Ich befand mich im Kerker des jungen Grafen Mirabeau, den sein eigener Vater auf Grund einer lettre de cachet König Ludwig’s des Fünfzehnten mehrere Jahre einsperren ließ, weil er sich wider seinen Willen verheirathete und tolle Streiche machte, die dem Vater nicht behagten. Nun, jedenfalls war es der freundlichste Kerker im Schlosse If, wenn man einen Kerker in diesem fürchterlichen Schlosse überhaupt freundlich nennen kann.

Ich trat jetzt auf die Terrasse hinaus, trotz des Mistrals, der mich umzuwerfen drohte. Der Blick war wundervoll. Wie ein prachtvolles Amphitheater stiegen die Paläste und Häuserreihen von Marseille im Osten am Gebirge empor; ein Mastenwald, mit den bunten Flaggen aller Nationen geschmückt, umsäumte ihre weißen Füße, welche die schöne Stadt in das blaue Meer tauchte. Rechts erhob sich aus der See die Insel Tribulon, deren zackige Contouren die Abendsonne vergoldete, links erschien der blaue Höhenzug, mit dem die starre Küste der Provence ins Meer steigt, in rosafarbenem Schimmer, und wenn ich mich umwendete nach Süden, blickte ich nach Afrika. In der Betrachtung des wunderbar schönen und großartigen Meerbildes versunken, überhörte ich das Brausen des Mistrals und vergaß, wo ich stand. Aber dann blickte ich auf die Steine unter meinen Füßen. Sie waren mit Inschriften und Namen bedeckt. Ich bückte mich und las die Namen der Juniinsurgenten, welche hier fünf Jahre gefangen gehalten wurden. Die Worte „22. 23. Juni 1848“ waren überall zwischen den Namen auf den weißen Steinen eingegraben. Es waren die Kampftage, an denen in Paris der Socialismus mit der Bourgeoisie focht. Schreckliche Erinnerung an jene Unglücklichen, welche Ferdinand Freiligrath so bezeichnend mit den Worten besingt: „Ihr vom Sckicksalsstum am weitesten Getragnen, Ihr Junikämpfer von Paris, Ihr siegenden Geschlagnen.“ Und wo sind sie geblieben, die Unglückseligen?

[188] „Ich habe einige wiederkehren sehen,“ sagte jene alte Frau, die in dem Winkel der Treppe zusammengekauert saß, um sich vor den kalten Stößen des Mistral zu schützen, „sie sind noch in Marseille; aber die meisten sind wohl in Cayenne gestorben.“ Und doch waren sie noch die Glücklichsten in diesem fürchterlichen Schlosse, welches da unter meinen Füßen lag! Und nun schien es mir, als wenn alle Erinnerungen aus den Kerkern sich mir vor den Augen der Seele verkörperten; die Gestalten Monte-Christo’s, der eisernen Maske, des Abbé Faria stiegen vor mir auf; die weißen Steine schienen wie in Blut getaucht; eilig stürzte ich, an der alten Frau vorüber, die enge Wendeltreppe hinab, über den schmalen Hof und über die gebrechliche Brücke. Ich athmete erst wieder auf, als ich das schreckliche Schloß aus dem Gesicht verloren hatte und mein leichtes Boot vor dem Winde pfeilschnell nach dem heitern und fröhlichen Marseille zurückflog.

Gustav Rasch.