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Textdaten
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Autor: A. Diezmann
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Titel: Im Grindelwald-Gletscher
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 18-20, S. 273-276; 302-304; 318-319
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[273]
Im Grindelwald-Gletscher.
Von A. Diezmann.


„Lieber Herr, ich bitte Sie, küssen Sie die Dame hier nicht,“ sagte der Führer ängstlich in der Grotte des oberen Gletschers zu Grindelwald, als er zufällig sich umdrehte und sah, daß ich den Arm um Ella legte und ihr eben einen Kuß geben wollte, weil sie, entzückt durch den Anblick der blauen Eiswölbung, mir zugeflüstert hatte: „gefrorner Himmel!“

„Mann,“ antwortete ich lächelnd und neugierig, „was geht es Sie an, ob und wo ich die Geliebte küsse?“

„Es ist gefährlich hier,“ sagte er kleinlaut.

„Für wen gefährlich?“

„Für die Dame und auch für Sie selbst.“

„Guter Mann, sorgen Sie sich nicht; nur der erste Kuß war für uns gefährlich.“

„Ich beschwöre Sie, küssen Sie die Dame hier nicht!“ bat der Führer dringender und ängstlicher, da er sah, daß ich mir den Kuß doch nehmen wollte. Er faßte mich sogar an, um mich von Ella wegzuziehen, die stilllächelnd meinen Arm drückte, und er flüsterte mir geheimnißvoll zu: „die Eisgeister …!“

„Eisgeister?“ fiel Ella ein. „Märchen? Mann, erzählen Sie!“

„Hier, wo die Geister hausen und herrschen, darf man von ihnen nicht reden,“ sagte der Führer.

In diesem Augenblicke hörte man ein dumpfes Donnern, und ein leises Beben ging durch die gewaltige Eisgrotte.

„Was ist das?“ fragten wir Beide gleichzeitig.

„Es fiel oben eine Lauine,“ antwortete der Führer. „Lassen Sie uns eilen. Die Geister zürnen bereits. Kommen Sie schnell! Leicht reißt ein Spalt durch diese Wände, und wir sinken in die Tiefe hinab, oder die Wölbung stürzt über uns zusammen und begräbt uns unter ihren Trümmern. Die Eisgeister sind gar mächtig und, wenn sie zürnen, grausam.“

„Nun, Führer,“ sagte ich, um den ängstlichen Mann zu beruhigen, „ich will den Kuß, den Sie fürchten, aufsparen unter der Bedingung, daß Sie uns erzählen, was Sie von den Eisgeistern wissen. Sagen Sie ja, sonst küss’ ich die Dame auf der Stelle und vor Ihren Augen.“

„Mein alter Vater weiß mehr von den Geistern der Gletscher als ich,“ antwortete er, „und wenn Sie es wünschen, wird er Abends zu Ihnen in das Wirthshaus kommen und Ihnen erzählen.“

„Gern. Eines nur sagen Sie uns: warum ist gerade das Küssen hier so gefährlich?“

„Das ist eine lange Geschichte, die Ihnen mein Vater erzählen mag,“ sagte der Führer, und erst als wir den gewaltigen Eisbau verlassen hatten und wieder draußen im hellen Sonnenscheine standen, setzte er hinzu: „Die Jungfrau duldet nicht, daß in ihrem Bereiche ein Mann und ein Mädchen oder eine Frau einander küssen.“

„Welche Jungfrau?“

„Das wird Ihnen auch mein Vater sagen.“

„Aus jungfräulicher Sittsamkeit oder aus Neid?“

„Das weiß ich nicht.“

Der Führer hatte unsere Neugierde in hohem Grade erregt, und wir freuten uns auf die Erzählung des Alten, die er uns versprochen hatte.

Abends, als wir im Garten des Hotels zu Grindelwald saßen und den Thee tranken, den Ella mit eigener Hand bereitet, nachdem wir lange in den parkähnlichen Anlagen umhergegangen waren, um den Eindruck der großartigen Natur umher voll auf uns wirken zu lassen, erschien unser Führer mit seinem Vater, einem hochbetagten Manne mit gletscherweißem Haar und Bart, der sich zwar auf einen Stock stützte, sonst aber noch ziemlich rüstig aussah. Das Feuer in seinen klugen Augen war noch nicht erloschen, aber die Runzeln auf seiner Stirn und seinen Wangen deuteten darauf hin, daß er in seinem langen Leben viel und viel Schweres erfahren habe. Er nahm unbefangen bei uns Platz, während sein Sohn sich wieder entfernte, nachdem er uns den Alten vorgestellt hatte, und leerte das Glas Wein, das wir ihm boten, auf unsere Gesundheit aus.

„Gott sei gedankt, daß ich es trinken kann auf Ihr Wohl,“ sagte er, „daß Sie der Warnung meines Sohnes nachkamen und die liebe Dame da in dem Gletscher nicht küßten.“

„Sie glauben also, daß es wirklich gefährlich gewesen wäre? Sie glauben an Geister in Ihren Eis- und Schneebergen? Sie haben doch lange in der Welt gelebt und gewiß viel gesehen, erfahren und gelernt.“

„Ich habe auf der Wanderung durch mein langes Leben meinen Glauben nicht verloren, wie so viele Andere; ja weil ich viel gesehen und erfahren, habe ich erst recht glauben gelernt. Lieber Herr, es giebt wunderbare Wesen und Dinge auch bei uns.“

„Solche „wunderbare Wesen und Dinge“, Götter und Geister, kommen und gehen wie die Menschen, von denen sie erdacht worden sind; nur der ewige Gott bleibt.“

„Unser Herr Gott aber, denke ich, wäre nicht so groß und allmächtig, wie er ist, wenn er nichts erschaffen hätte, als was wir Menschen sehen. Das ist gewiß nur der kleinste Theil. Freilich sagen die Leute: was man nicht sieht, ist nicht. Ich habe aber einmal durch ein großes Fernrohr nach dem Himmel und da Sterne gesehen, die dem klarsten Auge nicht sichtbar und doch da waren. [274] Ein Gelehrter, den ich lange auf seinen Reisen durch unsere Gebirge begleitet, ließ mich durch ein anderes Instrument sehen, das er bei sich hatte und ein Mikroskop nannte und durch das ich Dinge erblickte, die so klein waren, daß sie das beste Auge nicht erkennen konnte. Leider haben wir kein Instrument, das uns Wesen sichtbar macht, welche unsern Augen für gewöhnlich nicht erkennbar sind. Sie geben aber ihr Dasein bisweilen deutlich genug in anderer Art kund.“

„Beispiele solcher Art möchten wir eben von Ihnen erfahren, und wenn es möglich ist, zunächst eines, welches das Kußverbot in der Gletschergrotte erklären könnte.“

„Ich will versuchen, in wie weit ich Sie befriedigen kann,“ sagte der alte Mann, und nachdem er noch ein Glas Wein getrunken hatte, begann er:

„Dort drüben, wo der Gletscher von dem „Eismeere“ oben sich herunterzieht bis fast in das Thal herein, befand sich einst eine fruchtbare Matte mit dem saftigsten, schönsten Grün. Ein paar Häuschen standen da im Schutz des Wetterhorns, und große Nußbäume gaben ihnen Schatten. Das Haus, das am höchsten oben stand, gehörte einem jungen Manne, der Vater und Mutter verloren hatte und selten daheim war. Er hielt nicht eine Kuh auf der Matte, denn das stille, gleichförmige Leben des Hirten gefiel ihm nicht. Viel lieber wanderte er auf den Bergen umher, Gemsen zu jagen, Gefahren und Abenteuer zu bestehen und nie betretene Höhen zu erklimmen. Weil er einmal mit eigener Gefahr einen Adler erlegt hatte, hieß er der Adler-Fritz. So jung er noch war, unterschied er sich doch bereits von allen seinen Genossen. Er war klüger als sie, und während sie am liebsten zu Spiel und Tanz und allerlei Kraftübungen zusammen kamen, zeigte er sich fast nie bei solchen festlichen Gelegenheiten. Am liebsten war er allein. Darum betrachteten ihn auch Alle, Junge und Alte, mit einer gewissen Scheu, wenn auch die Männer seinen viel erprobten Muth und die Frauen und Mädchen seine kräftige, schöne Gestalt bewunderten und unter einander priesen. Jede Sennerin sah ihm mit zärtlichem Blicke nach, wenn er ruhig grüßend stolz an ihr vorüberschritt, und ihr Herz bangte angstvoll, wenn sie ihn an gefährlicher Stelle erblickte. Noch nie aber hatte man gehört, daß ihm eines der Mädchen vor andern gefallen, und keine konnte sich eines besonders freundlichen Blickes oder Grußes von ihm rühmen, außer etwa die Bäteli oben auf der Scheideck, mit der er manchmal einige Worte gewechselt, ja der er bisweilen ein Sträußchen der seltensten Alpenblumen, Enzian, Kaiserle und Edelweiß gegeben hatte. Sie war es freilich auch, die ihn am aufmerksamsten beobachtete und oft, wenn sie glaubte, daß er von einer Wanderung in ihrer Nähe vorüberkommen müsse, lange geduldig nach ihm ausschaute, allerdings so, daß er sie nicht bemerken konnte, und der dann das Herz gewaltig im Busen schlug, wenn er endlich wirklich kam und sie erkannte, daß er länger, als gerade nöthig war, nach ihrer Sennhütte hinschaute, als wünsche er sie zu erblicken. Worüber man am meisten und recht kopfschüttelnd sprach, war, daß er fast in allen Mondscheinnächten auf den Bergen und an den Gletschern umherwanderte. Was, fragte man, hat der Jäger in solchen Nächten draußen im Gebirge zu suchen und zu schaffen? Man wußte ja recht wohl, daß er nicht etwa wie andere Burschen in solchen Nächten ein geliebtes Mädchen, vielleicht in weiter Ferne, heimsuchte. Ein alter Vetter hatte ihn mehr als einmal wohlmeinend vor den Gefahren solcher nächtlichen Wanderungen gewarnt und ihm gesagt, daß, wie in Mondschein allerlei unheimliches Gewürm und anderes Nachtgethier aus seinen Schlupfwinkeln hervorkomme, auch andere Wesen, die das Tageslicht scheuten, sich hervorwagten, um Menschen zu verlocken und zu berücken. Der Jäger aber hatte anfänglich ungläubig gelacht und endlich erklärt, er sei kein Kind, das man mit Märchen schrecken könne, man möge ihn „seine Wege“ gehen lassen. Der Mondschein selbst und er allein sei es, der ihn hinausziehe unwiderstehlich, als legten sich die Strahlen wie Schlingen um ihn. Die Berge, die er über Alles liebe, erschienen ihm im Mondlichte viel tausendmal herrlicher und majestätischer als in dem nüchternen Sonnenscheine oder gar bei trübem Wetter. Wenn er die kahlen Felsenzacken, die grünen Matten und die weißen Gletscher vom Monde beglänzt vor sich sehe, fühle er in sich ein Etwas, das er zwar nicht verstehe, nicht beschreiben und ausdrücken könne, das ihm aber unsäglich wohlthue. – Der alte Vetter senkte schweigend sein graues Haupt, als fürchte er, solch abenteuerliches Treiben könne nimmermehr zu gutem Ende führen.

An einem Frühlingsabende – er hat es selbst erzählt – als spät am Tage ein heftiges Gewitter über Grindelwald hingezogen, das Echo der Donnerschläge unlängst erst verhallt, die Luft aber so weich, so lieblich wie vielleicht am ersten Schöpfungsmorgen, so erquicklich war, daß man sie wie einen süßen Trank in sich zog und die Brust verlangend sich ihr entgegendehnte, trat der Mond aus den zerrissenen Wolken hervor und breitete sein Licht – wie immer, bevor er über das Wetterhorn herüberschaut – gleich einem dünnen silberschimmernden Schleier über Berg und Thal. Es war andächtig still in dem großen Gotteshause der Natur; die jungen Blätter, die der Gewittersturm geschüttelt hatte, hielten sich, wie ermüdet, regungslos an den Bäumen und ließen nur von Zeit zu Zeit einen Tropfen fallen, gleich einer Thräne; kein Insect schwirrte oder zirpte; nur zahllose kleine Quellen, Bäche und Wasserfälle rieselten, murmelten, plätscherten und rauschten ihr einförmiges Lied. Es war eine Nacht voll Segen und Fruchtbarkeit, voll Duft wie von Weihrauch, eine Nacht, die auch Andere, als den Adler-Fritz, in ihren Zauber hätte hinauslocken können.

Der Jäger hatte in der That dem Reize nicht widerstehen können und sein Häuschen verlassen, sobald der erste Mondesschimmer sich gezeigt. Er war diesmal gerade hinaus gewandert die kurze Strecke nach dem Gletscher, dem Eismeere zu, wohin ihn sonst selten seine Schritte trugen. Obwohl er in der Ferne Lauinen fallen hörte, achtete er doch nicht auf den ihm längst vertrauten, eigenthümlich seltsamen Ton, sondern stieg weiter und weiter, an schwarzen Abgründen, an weißen Schneefeldern, an tiefgähnenden Eisspalten hin, auf deren Grunde die Wasser rauschten und die da, wo die Mondstrahlen sie trafen, wie riesige bläuliche Krystalle blitzten. Leichte weiße Wölkchen zogen um die Spitzen der Berge, als tanzten Nebelgestalten einen luftigen Reigen. Auf dem Eise der Gletscher selbst aber blitzte und leuchtete es oft plötzlich auf, bald hier, bald dort, als streue eine unsichtbare Hand Funken oder flimmernde Diamanten umher. Dem einsamen Wanderer kam es sogar bisweilen vor, als trippelten leichte Füßchen bald vor, bald hinter ihm, bald neckisch um ihn herum. Er wußte gewiß, daß er Aehnliches vorher nie gesehen oder gehört hatte. Darum richtete sich seine Aufmerksamkeit ausschließlich auf diese seltsame Erscheinung; er strengte Aug’ und Ohr an, um zu sehen und zu hören, was Wunderbares um ihn her vorgehe; bald blieb er stehen, bald ging er weiter, ohne auf den Weg zu achten und ohne zu bemerken, daß er bereits auf das Eis des Gletschers selbst gelangt sei.

Etwa zwanzig Schritte vor ihm schien plötzlich eine weiße Gestalt aufzutauchen. Oder war es Nebel, der von dem Eise aufstieg? Nein, denn er erkannte an der Gestalt deutlich menschliche Formen, nur schienen sie von einem langen, weitfaltigen Gewande umhüllt zu sein, während es von dem Haupte blitzte wie durch einen Schleier ein Kranz von funkelnden Edelsteinen. Verwundert blieb Adler-Fritz stehen. Da hob die Gestalt den rechten Arm und machte damit eine winkende Bewegung. Er kannte keine Furcht, aber es war ihm doch, als hauche ihn eine kalte Luft an, und ein leichter Schauer rieselte ihm durch die Glieder. Als die Gestalt gleich darauf noch einmal winkte, ganz deutlich, ging der Jäger entschlossen, schneller schreitend, auf sie zu. Er kam ihr so nahe, daß er erkannte, es sei eine Frau oder Jungfrau, freilich eine, wie er ähnlich keine andere zuvor gesehen. Ein blendend weißes weites Gewand, das ein bläulicher Gürtel zusammenhielt, umgab sie, und von dem Haupte, an dem es funkelte wie von kleinen Sternen, fiel ein leichter langer Schleier. Er erkannte sogar ein bleiches Gesicht und leuchtende Augen darin, die ihn liebreich anblickten und ihm sagen zu wollen schienen: „komm und fürchte Dich nicht!“ Als er nur noch wenige Schritte von ihr entfernt war, winkte die Gestalt noch einmal, dann drehte sie sich um und ging langsam, unhörbaren Trittes, weiter. Am Boden um sie her leuchtete und flimmerte es in der Art, wie er es bereits gesehen, nur glänzender und an zahllosen Stellen. Er wußte nicht, ob er folgen sollte oder nicht, und obgleich es ihn mächtig der Gestalt nachzog, wäre er doch vielleicht zurückgeblieben, wenn sie nicht noch einmal den Kopf nach ihm herumgewendet und ihn dabei mit einem Blicke angeschaut hätte, dem zu widerstehen ihm unmöglich war. Er wollte fragen, wer sie sei und wie sie in diese Eis- und [275] Schneewildniß gekommen, aber die Zunge war ihm wie gebunden. So folgte er denn der Gestalt schweigend, wie lange, wie weit, wußte er nicht zu sagen, bis er sich endlich an einer Art Pforte befand, auf die der Mond seine hellsten Strahlen warf und die auf blauschimmernden starken Pfeilern zu ruhen schien. In diese offene Pforte schritt die Gestalt hinein und zwischen den blauen Pfeilern drehte sie sich noch einmal um. Auch streckte sie dem Nachfolgenden die Hand entgegen, als wünsche sie, daß er dieselbe ergreife und sich so geleiten lasse. Es überkam ihn aber vor dem geheimnißvollen Eingange mit einem Mal ein Zagen und Bangen; er gedachte unwillkürlich an alle schauerliche Sagen und Märchen, die man ihm erzählt hatte, und wie betend sprach er halblaut vor sich hin: „Herr Gott, stehe mir bei!“

Da fuhr ein betäubendes Donnergekrach durch das Eis, daß es unter seinen Füßen zitterte und wankte; mit dumpfem Getön stürzten auf mehreren Seiten zugleich Lauinen nieder; der Mond verbarg sich hinter einer schwarzen Wolke; die blaue hohe Pforte und die weiße Gestalt verschwanden.

Eine lange Weile stand Adler-Fritz wie betäubt, sobald er aber wieder zum vollen Bewußtsein gekommen war, sah er sich forschend um, ob er die Jungfrau irgendwo wiederfinde. Wie er aber auch die Blicke suchend umhersandte, nirgends war eine Spur von ihr zu entdecken, ebensowenig von dem eigenthümlichen Blitzen und Flimmern am Boden, das ihm so seltsam erschienen war. So mußte er endlich an die Heimkehr denken. Als er sich wandte, um den, wie er glaubte, nur kurzen Weg nach seinem Häuschen anzutreten, erschien ihm die ganze Umgebung fremdartig und er erinnerte sich nicht, diese Felsenzacken, die drohend wie Riesenwächter um ihn und das „Eismeer“ her standen, jemals vorher so gesehen zu haben. Und wie war er auf den Gletscher selbst gekommen? Nur seiner sehnigen Kraft konnte es möglich werden, ihn ungefährdet hinüber zu bringen über die Eismassen mit den zahlreichen klaffenden Spalten, die hier und da wohl gar eine leichte Schneedecke dem Auge verbarg, welche einbrach, sobald er den Fuß darauf setzte.

Wie ein Träumender, er wußte selbst nicht wie, kam er in sein Haus zurück, und in wachem Traum verbrachte er den noch übrigen Theil der Nacht. Immer stand die hohe weiße Gestalt mit den freundlich blickenden leuchtenden Augen und der winkenden Hand vor seiner Seele. Wer war sie? Was wollte sie von ihm? fragte er sich wohl hundert Mal, ohne daß er sich eine nur irgend befriedigende Antwort darauf zu geben vermochte. Mit dem ersten Morgengrauen nahm er seinen Stutzen, um wo möglich dorthin zu wandern, wo ihm in der vergangenen Nacht die Wunderbare erschienen war, und vielleicht eine Spur von ihr, oder doch die Stelle zu finden, wo sie seinen Blicken entschwunden war. Mit einer selbst bei ihm seltenen Kühnheit ging er über die Gletscherfläche nach allen Richtungen hin, wo er immer nur den Fuß aufsetzen konnte, aber er sah nichts als eine weite Oede von Schnee und Eis, nicht einmal Spuren von seiner eigenen nächtlichen Wanderung, und blitzte und funkelte es ja einmal vor ihm, wie in jener Nacht, so überzeugte er sich alsbald, daß es nur die Sonnenstrahlen waren, die sich in Eiskrystallen brachen. Er trat an manche Eisspalten, die im schönsten Blau erglänzten, aber nirgends zeigte sich etwas, das der Pforte und den Pfeilern ähnlich gewesen wäre, wo er die wunderbare Jungfrau das letzte Mal gesehen. Auch an leichten Morgennebeln fehlte es nicht, die von dem Boden aufstiegen und um die zackigen Höhen sich legten, aber zu einer menschenähnlichen Gestalt formte sich keiner. Je höher die Sonne stieg, um so fester mußte sein Glaube werden, daß die Nacht und der Mondschein ihn getäuscht hätten, und endlich verspottete er sich selbst darum, daß er einen Augenblick das, was er gesehen, für etwas Wunderbares und das Wunderbare für wahr und wirklich hatte halten können.

Es mochte Mittag sein, als er Bäteli’s Sennhütte vor sich liegen sah, und zum ersten Mal kam ihm der Gedanke, zu diesem Häuschen hin zu gehen und mit dem Mädchen ein halbes Stündchen zu verplaudern. Als Bäteli den stattlichen Jäger so unerwartet in ihre Hütte treten sah, erschrak sie so sehr, daß sie den Milcheimer, den sie trug, beinahe hätte fallen lassen. Kaum vermochte sie den freundlichen Gruß freundlich zu erwidern, und abwechselnd überflog tiefe Blässe und hohe Röthe ihre Wangen. Sie war schlanker und zarter gebaut als die andern Mädchen ihres Standes und der Umgegend. Ihre Glieder sahen so fein aus, daß man auf den ersten Blick zweifeln mußte, ob sie die schwere Arbeit verrichten könnten, die von ihr verlangt wurde. Ihr Gesicht war mehr länglich als rundlich, mehr blaß als roth, aber von der Sonne gebräunt. Im Profil namentlich hatte es einen fast edlen Schnitt. Die dicken Flechten ihres braunen Haares fielen ihr weit auf den Rücken herab. Das Auge war hellbraun wie eine eben gereifte Nuß und voll sanfter Freundlichkeit. Das kurze schwarze Mieder legte sich wie liebkosend um den schlanken Leib, und das blendend weiße Hemd verrieth keinen überquellenden Busen, wie bei den meisten andern Mädchen dort. Die Hände waren zwar hart von vieler und schwerer Arbeit, aber auffallend klein und, wie die nackten Füße, zierlich und fein geformt. Der Ton ihrer Stimme endlich klang voll, aber lieblich weich und sprach wunderbar zu den Herzen der Hörer.

„Sage mir, Bäteli,“ fragte der Adler-Fritz, nachdem sie ihm auf sein Gesuch Milch und Brod vorgesetzt hatte, „fürchtest Du Dich nicht so ganz allein hier oben in dieser Einsamkeit?“

„Fürchten?“ antwortete das Mädchen unbefangen. „Menschen kommen nur selten auf diese stille Höhe, böse gar nicht, denn solche wagen sich nicht hierher, wo sie Gott näher und mitten in seiner Herrlichkeit sein würden. Meine Kühe folgen mir willig, denn jede kennt genau meine Stimme, wie ich den Klang ihres Glöckchens. Ein Adler fällt mich nicht an, und vor der Macht des Bösen schützt mich der liebe Gott, zu dem ich bete.“

So kindlich einfach diese Worte waren, machten sie doch einen unerwartet tiefen Eindruck auf den Jäger, der sehr ernst wurde, aber nichts, darauf erwiderte. Sie versetzten ihn plötzlich wieder in die vergangene Nacht und erinnerten ihn daran, daß ihm die wunderbare Jungfrauengestalt verschwunden, als er – gebetet hatte. Sollte sie ein böser Geist gewesen sein, eines jener unheimlichen Wesen, die, wie sein alter Vetter ihm gesagt, das Licht des Tages scheuen, in der Nacht aber erscheinen, um Menschen zu verlocken und zu berücken? Wie ein entfesselter Strom überflutheten ihn beängstigende Gedanken und Vermuthungen; darum hielt es ihn nicht länger in der engen Sennhütte, sondern trieb und drängte ihn gewaltsam hinaus in das Licht der Sonne und die freie Luft. Er stand rasch auf und zum ersten Male reichte er dem Mädchen die Hand. Dann blickte er sie lange an und in wahrhaft bittendem Tone sagte er zu ihr:

„Vergiß nie zu beten, Bäteli, und bete auch, daß Gott – mir gnädig sei.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, schritt er hinweg, Bäteli aber blieb lange in der niedrigen Thür der Hütte stehen und schaute ihm verwundert nach. Sie verstand weder sein Benehmen, noch seine Worte, doch hatte es ihr wohlgethan, daß er sie aufgefordert, auch für ihn zu beten. Sie durfte ja nun an ihn denken und sie nahm sich vor, recht oft und recht innig für ihn zu Gott zu beten.

Die Last der Gedanken aber, die der Adler-Fritz von ihr mit sich hinwegnahm, wurde auch im Freien und im Sonnenscheine nicht leichter. Vor Allem suchte er bei sich die Möglichkeit zu bekämpfen, daß die herrliche Frauengestalt, die ihm erschienen, ein böser Geist gewesen sein könne. Gedachte er der zauberischen Augen, mit denen sie ihn angeblickt, so sträubte sich sein Herz gewaltig, an jene Möglichkeit zu glauben. Wenn er sich auch eingestehen mußte, daß ein gewisses unheimliches Feuer ebenfalls aus jenen Augen geblitzt hätte, so sagte er sich doch zu wiederholten Malen, böse Geister, die zu verlocken und zu berücken suchten, könnten nicht lieben. Und daß Liebe aus den Augen der Jungfrau wie ein warmer Sonnenstrahl ihn berührt hatte, fühlte er noch in diesem Augenblicke. Ach, er wußte leider noch nicht, daß kein böser Geist gefährlicher berückt als die Liebe, die viel tausendmal häufiger betrügt, als beglückt! Das schließliche Ergebniß seines langen Sinnens und Grübelns war indeß der Vorsatz, in der nächsten Nacht nicht wieder, wie er es sich doch vorgenommen gehabt, an das Eismeer hinauf zu gehen und die Jungfrau nochmals zu suchen.

Zwei Nächte hindurch bezwang er in der That sein Herz, das ihm, wie die Stimme der Versuchung, unaufhörlich zuflüsterte, die schöne Unbekannte erwarte ihn sicherlich, und wenn er feig daheim bleibe, verscherze er irgend ein Glück, das sie ihm zugedacht. Zum Wenigsten gelte es ein wichtiges Geheimniß, weil sie ihn in der Nacht und an einem so ungewöhnlichen Orte aufgesucht habe. In der dritten Nacht aber, als der Mond mit ganz ungewöhnlichem Glänze schien, konnte er dem Drängen seiner sehnenden Seele nicht widerstehen. Er verließ sein Haus und ging den etwa halbstündigen Weg von da nach der Gletschergrenze hinauf. Das [276] Herz klopfte ihm dabei so gewaltig, wie er es sonst kaum bei dem anstrengendsten Steigen auf steile Höhen empfunden hatte, obgleich der Weg für ihn nichts weniger als beschwerlich war. Ueberhaupt war ihm wunderlich seltsam zu Muthe, entweder als gehe er einer großen Gefahr und doch zugleich einem außerordentlichen Glücke entgegen, oder als wolle er etwas Unrechtes thun, das ihn gleichwohl mit geheimnißvollem Reize anzog.

Kaum hatte er den Rand des Gletschers erreicht, so zeigten sich auch wieder, wie bei seiner ersten nächtlichen Wanderung da, die schimmernden Funken, diesmal aber nicht neckisch wie damals, um ihn her. Auch schienen sie größer zu sein und sie bewegten sich nicht am Boden, sondern schwebten in einiger Entfernung über demselben. Sie hoben und senkten sich wie tanzend, immer ihm voraus, als wollten sie ihn geleiten und den rechten Weg führen.

So schritt er lange dahin, das Auge unverwandt auf die hüpfenden Fünkchen gerichtet. Um ihn her aber rauschte es bisweilen unheimlich, wie von gewaltigen Flügelschlägen. Einmal blieb er stehen, denn er hörte deutlich eine schmerzlich klagende Frauenstimme von einem zerklüfteten Felsen her; aber er sagte sich bald, es sei wohl nur der Wind, der in den Rissen und Höhlungen jene schauerlichen Töne hervorbringe, die ihn schon manchmal, auch am Tage, auf seinen Wanderungen auf den Bergen getäuscht hätten. Hu! Welch Ungethüm lag da vor ihm, schlangenartig langgestreckt, mit dickgeschwollenem Leibe, kurzen Beinen, katzenähnlichem runden Kopfe und einem kleinen kronenartigen Büschel darauf, dessen Spitzen leuchteten, mit langen, scharfen Zähnen und großen, weißglänzenden Augen? Die Haut schimmerte, als sei sie aus Tausenden kleiner Schildchen oder Schuppen von Silber gebildet. So lag es, in einiger Entfernung vor ihm zur Seite, behaglich auf dem Eise in hellem Mondenscheine. So grauenhaft aber auch das Geschöpf aussah, es machte wenigstens keine drohende Bewegung gegen den Jäger, der denn auch entschlossen weiter ging, wenn auch etwas langsamern Schrittes, weil die weißen großen Augen fest auf ihn gerichtet waren, als wollten sie ihn in ihren Bann locken. Oftmals schon hatte er von dem riesigen Eiswurm erzählen hören, den Manche gesehen haben wollten, aber nie glauben mögen, daß es wirklich ein solches ungeheuerliches Thier gebe, weil er auf allen seinen Wanderungen, bei Tag und Nacht, über das Eis und den Schnee seiner heimathlichen Berge keines je erblickt, bis diesen Augenblick. Während er das seltene und seltsame drachenartige Geschöpf betrachtete, bewegte sich dasselbe auf den kurzen Beinen schwerfällig hinweg; dann sah er nur noch den langen Schweif langsam sich hinringeln, und bald war es in der Ferne ganz verschwunden.

Rascher schritt darauf der Jäger wiederum weiter den wie ungeduldig vor ihm hüpfenden Flämmchen nach, und er blieb nicht einmal stehen, um zu lauschen, als er leise, liebliche Töne vernahm, die tief aus dem Eise unter ihm wie süßlockende Musik emporklangen und sein Herz zauberisch ergriffen, als sprächen sie aus, was er selbst im Busen wie Sehnsucht empfand. Die kleinen Lichter, denen er unwillkürlich folgte, führten jetzt, auf ganz bequemem Wege, abwärts in eine Schlucht oder ein enges Thal, das aber nicht grün war, wie die Thäler draußen, sondern im lieblichsten Himmelblau glänzte. Je tiefer er darin hinabstieg, um so weniger konnten die Mondesstrahlen hineindringen; das Licht wich deshalb mehr und mehr darin, und über das Ganze legte sich ein eigenthümliches bläuliches Dunkel. Die Seiten des Thales stiegen höher und steiler empor, sie rückten zugleich näher zusammen, da aber, wo sie sich ganz aneinander schließen zu müssen schienen, begann eine säulengetragene, kuppelartig überwölbte Halle.

Trotz dem innern Drange, das Abenteuer zu bestehen, wie es auch endigen möge, blieb der Adler-Fritz unentschlossen hier stehen, bald aber trat, zwischen zwei der Säulen hervor, die hohe weiße Frauengestalt, die er schon einmal gesehen und die er jetzt gesucht hatte, ihm entgegen, winkte ihm schweigend mit der Hand, ihr zu folgen, und sah ihn dabei mit ihren leuchtenden Augen an, deren Gewalt er nicht hatte vergessen können, seit er sie zum ersten Mal erblickt. Er sah sie jetzt unverwandt, verwundert, erstaunt an und folgte, denn es überkam ihn in ihrer Nähe diesmal ein so wonniges Gefühl, wie er es noch nie empfunden hatte. Er hätte ihr zu Füßen fallen oder noch lieber sie in seine Arme schließen mögen, denn so unbekannt, so fremdartig, so ganz anders als alle andern Mädchen, die er kannte, sie auch war, er fühlte keine Befangenheit neben ihr, im Gegentheil, es war ihm, als kenne er sie schon seit langer Zeit, als sei sie Diejenige, deren Bild er immer im Herzen getragen, die er zu finden und zu lieben, von der geliebt zu werden er immer gewünscht hatte.“

[302] „Sie gingen schweigend und langsam durch einen weiten, hohen, runden Saal, um den herum zierliche Säulen liefen und in den von einem unsichtbaren Punkte aus ein dämmerndes Licht, wie das sanfteste Mondlicht oder wie Morgenschein, fiel. Wunderlich geformte, schimmernde Sträucher und Blumen, die in dem Lichte blitzten, als wären sie von Krystall, standen in Gruppen geordnet zwischen den Säulen. In der Mitte des Saales warf ein Springbrunnen seine Strahlen empor, die dann, in Millionen Perlen zerflatternd und zerstäubend, plätschernd in ein alabasterweißes Becken fielen. Von einer Seite her hörte man ein sanftes Klingen, wie von entfernten silberhellen Kinderstimmen. Als die Jungfrau mit ihrem Begleiter zwischen zwei der Säulen hindurchgegangen war, standen sie an einem Vorhang, der sich nur mit dem leichten bläulichen Dufte vergleichen ließ, welcher bisweilen über den Bergen liegt. Zu beiden Seiten des Vorhanges standen je zwei ganz in Grau gekleidete Zwerge, je Einer mit glattem, jugendlichem Gesicht und schelmisch lächelnden Augen und ein Alter mit großem weißen Bart, finsterer Miene, runzeligem Gesicht und traurig ernsten Augen. Sie verneigten sich gleichzeitig, als die Jungfrau herantrat, und zogen rasch den Vorhang zurück, der sofort hinter den Eintretenden sich wiederum schloß. Der Jäger befand sich mit seiner Führerin in einem Gemach, bei dessen Anblick er staunend und wie geblendet stehen blieb. Eine Schaar ganz kleiner, weißgekleideter Mädchen, mit blitzendem Schmucke reich geziert, kam ihnen entgegen und schlang unter leisem Gesang zierliche Tänze um sie. Die Luft war lieblich frisch, wie an einen Frühjahrsmorgen, und in dem Gemach glänzte ein Licht wie Morgenroth, so daß Alles darin aus Gold und Rubinen zu bestehen schien. Dabei war es erfüllt von berauschendem Duft, wie von den edelsten Alpenkräutern und seltensten Blumen. An der einen Seite stand eine Art Ottomane, die aussah, als sei sie aus frischgefallenem Schnee und aus Silber zusammengesetzt. Die ganze Wand gegenüber bildete ein riesengroßer Spiegel. Zu beiden Seiten desselben gruppirten sich die winzigen weißen Mädchen, auf einen Wink der Gebieterin aber verschwanden sie. Diese selbst trat an den Spiegel und nahm den Schleier nebst den blitzenden kleinen Sternen aus dem Haar, das nun in langen, blonden Ringellocken auf die vollen, blendend weißen Schultern fiel. Dabei schien sich zugleich der Ausdruck des Gesichtes gänzlich zu verändern, denn während es bis dahin ernst, kalt, ja streng gewesen war, wurde es nun heiter mild und kindlich lieblich, so daß der Jäger freudig erstaunt und ermuthigt ihr einen Schritt näher trat.

„Ich habe Dich lange beobachtet,“ begann sie, und ihre Stimme klang unbeschreiblich schmeichlerisch weich und süß vertraut; „ich kenne den furchtlosen Muth Deines Herzens und die Kraft Deiner Glieder. Ich weiß, daß Du nicht tändelst und liebelst mit den Mädchen auf den Bergen, wie die andern Burschen, weil Du fühlst, daß Du zu Höherem und Besserem bestimmt bist. Ich werde Dich erhöhen, denn ich bin die Beherrscherin dieser Berge. Meine Macht ist groß und unberechenbar die Zahl meiner Diener, die stets bereit stehen, auf einen Wink meine Wünsche zu erfüllen und meine Befehle zu vollziehen. Aber die Macht allein giebt das Glück nicht, und ich bin nicht glücklich. Ich stehe allein und empfinde es schmerzlich. Seit langer Zeit schon fühlte ich in mir ein tiefes, unklares Sehnen, das ich nicht zu deuten vermochte. Erst als ich Dich gesehen und wiedergesehen hatte, verstand ich es, und nun weiß ich, was sich mir im Busen regt.“

Sie hielt inne, sah den Jäger mit einem Blicke an, der ihn ihr völlig gewann, und setzte dann in einem Tone hinzu, welcher aus der tiefsten Tiefe ihres Herzens zu kommen schien:

„Liebe mich, o liebe mich! Und ich will Dich groß und glücklich machen, wie es ein Sterblicher noch nie gewesen ist.“

Diese Worte, noch mehr aber der Ton, in dein sie gesprochen wurden, und die Blicke, die sie begleiteten, überwältigten den Jüngling so, daß er die Arme ausbreitete und die Holde ungestüm an seine Brust wie seine Lippen auf die ihrigen preßte. Aber entsetzt ließ er alsbald die Arme sinken und entsetzt zog er den Mund zurück, denn die Jungfrau, die er berührt hatte, war kalt wie Eis und das Gesicht, selbst die Lippen, weiß wie Schnee. Sein Herz, das so heiß geschlagen, erstarrte fast an dem kalten Busen, und der Athem, der sein Gesicht berührte, war eisiger Hauch.

„Bleibe!“ flüsterte sie ihm flehentlich zu. „Fürchte Dich nicht, denn an Deinem Busen will und werde ich erwarmen.“

„Laß mich!“ entgegnete der Jüngling, indem er sich aus ihren Armen loszuwinden suchte, als wären sie Schlangen, die ihn erdrücken wollten.

„Liebe mich, o liebe mich!“ wiederholte sie. „Mein Glück ist meine Rettung und Deine Seligkeit.“

„Ich erstarre!“

„Ich lasse Dich nicht,“ sagte sie, „Du gelobtest mir denn wiederzukommen, wann und so oft ich Dich rufe.“

Ihre Augen suchten die seinigen, und er konnte der Macht derselben nicht widerstehen; er schwur auf ihren Ruf wieder zu kommen, zugleich aber versuchte er von Neuem sich loszumachen und zu entfliehen.

„Noch einen Augenblick, Geliebter!“ bat sie. „Du ahnst nicht, wie wonnig wohl mir die Wärme thut, die von Dir ausgeht. Merke auf! Wenn Abends die Höhen meiner Alpen glühen, so nimm es als ein Zeichen, daß ich Dich hier erwarte, aber wehe Dir, wenn Du Deinen Schwur brichst, wie es feige Menschen oft thun!“

Während sie so sprach, ließ sie ihre Arme allmählich von ihm los, und er wollte nun hinweg eilen. Sie aber hielt ihn noch einmal zurück.

„Nein!“ sagte sie. „Gehen sollst Du nicht. Meine Diener bringen Dich in Deine Wohnung.“

Gleichzeitig legte sie ihm die Hand auf das Herz, das unter der Kälte derselben schwächer und schwächer schlug, bis er endlich wankte und auf den weichen Sitz niedersank. Die Sinne waren ihm vergangen und das Leben schien ganz von ihm gewichen zu sein.

Trugen ihn die Diener der Jungfrau, wie sie gesagt, hinweg? Er wußte es nicht, aber am Morgen erwachte er in seinem Bett.

Er rieb sich die Augen und sah sich um. Hatte er geträumt, oder war Alles wirklich geschehen? Den Eindruck, der ihm geblieben, konnte er indeß nicht von Herzen einen erfreulichen nennen, wenn er sich auch gestehen mußte, daß die Jungfrau, die er in seinen Armen gehalten, schön und liebreizend und daß namentlich ihre Augen zauberisch verlockend gewesen. Wäre nur nicht die Eiseskälte von ihr ausgegangen! Noch jetzt empfand er einen gewissen Schauer, wenn er daran dachte. Freilich hatte sie ihm gesagt, sie würde an ihm und durch ihn erwärmen. Geschah dies einmal wirklich, dann, ja dann mußte sie um noch viel verführerischer und entzückender sein. Wenn dann warmes Blut durch ihre Glieder floß, färbten sich gewiß auch ihre Wangen und Lippen roth, und ihre Schönheit erblühete vollständig. Konnte er diese Umgestaltung bewirken, die sie ihre Rettung und ihr Glück genannt hatte, so war es in der That eigentlich kein großes Opfer von ihm, sie einige Mal noch erkaltend in den Armen zu halten, zumal diese Kälte sicherlich mehr und mehr abnahm und allmählich minder erschreckend wirkte. Ueberdies war sie, wie sie ihm gesagt, die mächtige Herrin und Beherrscherin der Berge, und wenn er auch nur geringen Werth auf die Schätze legte, die sie ihm vielleicht ertheilen konnte, so schmeichelte es doch seinem Ehrgeize und seinem Stolze, durch sie über alle Sterbliche, wenigstens über alle seine Bekannte weit und breit, dadurch erhoben zu werden, daß die Mächtige vor den Söhnen der Herren und reichen Bauern ihm, dem armen Jäger, ihre Liebe schenkte. Er war deshalb bald entschlossen, von Neuem die auszusuchen, die ihn bereits den Geliebten genannt hatte.

Der Tag war sonnenhell, Adler-Fritz aber blieb gegen seine Gewohnheit daheim, nicht etwa, weil er eine gewisse Ermattung fühlte, sondern weil er in der Nähe sein wollte, wenn die Geliebte ihm das weithinleuchtende Zeichen gebe, in ihre Arme zu eilen. Mit wachsender Sehnsucht harrte er dem Abende entgegen. Endlich kam er, aber nicht der leiseste goldene Schimmer ließ sich an den schneebedeckten Berghäuptern sehen, und da das verabredete Zeichen ausblieb, wagte es auch der Jäger nicht, seine Unbekannte aufzusuchen.

[303] Mißmuthig, nach den Ursachen grübelnd, die sie wohl fern halten könnten, fast verzweifelnd saß er lange in seinem Hause und erst spät begab er sich zur Ruhe. Als der Morgen wiederum anbrach und die Hoffnung ihn aufrichtete, am Abende dieses Tages werde gewiß seine Sehnsucht befriedigt werden, schlichen die Stunden unbegreiflich langsam dahin, als wollten sie ihn reizen durch ihr Zögern, oder als sollte die Sonne gar nie wieder untergehen. Sie rückte indeß allmählich dem Horizonte näher, endlich sank sie hinab und – die Hochzeitsfackel leuchtete hell und weit in das Land hinein: die höchsten Spitzen der Schneeberge sahen aus, als würden sie mit geschmolzenem Golde übergossen und als ströme die feurige Gluth funkensprühend, mit Staub von Rubinen und Diamanten überstreut, an den Seiten herab. Adler-Fritz stand bereits oben an dem Gletscher, um sofort bereit zu sein, wenn er durch solches Alpenglühen beschieden werde. Die kleinen Lichter, die ihn bei seinen frühern Wanderungen geführt hatten, stellten sich ebenfalls wieder ein, und diesmal erkannte er, entweder weil er genauer hinsah, oder weil sein Auge bereits befähigter war, geisterhafte Wesen zu sehen, daß das, was er für Flämmchen gehalten hatte, ganz kleine, wie Nebelgestalten halbdurchsichtige Zwerge waren, die auf den zierlichen Köpfchen ein Flämmchen, einen Lichtschein trugen, wie Leuchtkäfer. Sie trippelten und tänzelten eifrig vor ihm her und bald gelangten sie an die ihm schon bekannte Eingangshalle. Die Herrin des Eispalastes aber zeigte sich diesmal nicht schon hier, der Jäger wurde vielmehr von einer Anzahl jener kleinen weißen Mädchen empfangen, die er schon einmal gesehen hatte und denen er ohne Scheu folgte. Der große Saal war jetzt durch viele Tausende von kleinen schimmernden Lichtern erhellt. Zu beiden Seiten jenes bläulichen Vorhanges stellten sich die Führerinnen auf; er theilte sich von selbst, um den Jüngling einzulassen, und schloß sich dann hinter ihm. In dem Gemache, das wiederum der lieblichste Duft erfüllte, das aber nicht in röthlichem Lichte glänzte, sondern durch eine an der Decke schwebende schwachleuchtende Kugel nur dämmernd erhellt war, empfing ihn die Gebieterin. Sie saß auf dem weißen Sitze und winkte, neben ihr Platz zu nehmen.

„Willkommen!“ sagte sie. „Und wohl Dir und – mir, daß Du Wort gehalten hast!“

Sie erschien ihm heute so schön, dabei aber so voll Hoheit, daß er nicht sogleich wagte, den ihm bezeichneten Platz einzunehmen, sondern sich vielmehr unwillkürlich vor ihr auf die Kniee niederließ. Sie lächelte, bog sich zu ihm, ganz nahe zu ihm nieder, so daß ihr Gesicht das seinige fast berührte, und sagte freudig bewegt: „Siehst Du, daß bereits nach Deiner ersten warmen Umarmung, nach Deinem ersten heißen Kusse ein leichter rosiger Schein auf meinen Wangen sich zeigt, wie der erste Morgenschimmer am Himmel vor dem Aufgang der Sonne? Fühlst Du, daß mein Athem Dich minder kalt anweht? Auch hier“ – und sie legte die Hand auf den Busen, „beginnt es leise sich zu regen wie im Wintereise, wenn der erste warme Frühlingshauch darüber geht. Ich bin hoffnungsfroher als je.“

Während sie so sprach und der Jäger sich überzeugte, daß allerdings ihre Wangen sich leicht zu röthen begannen, beugte sie sich noch tiefer hinab, drückte ihre Lippen verlangend auf die seinigen und zog ihn zu sich empor. Da er nun nicht mehr zweifeln konnte – weil ihm ja der Augenschein den bereits beginnenden Erfolg zeigte –, daß er zu bewirken vermögen werde, was sie von ihm wünsche; da das Glück, welches ihn nach dem Gelingen erwartete, ihm nicht nur immer wünschens-, sondern auch opferwerther erschien; da ferner ihre Augen schon jetzt in gar zu verlockender Sprache zu ihm redeten, legte er seine Arme um sie und drückte sie fest und lange an sich, als wolle er auf einmal alle Wärme aus sich in sie überströmen lassen. Vielleicht, daß das ersehnte Wunder der Verwandlung schon jetzt und vor seinen Augen geschah! Sie aber schmiegte sich an ihn, und ihre Lippen sogen begierig den warmen Hauch von seinem Munde ein. So lange sie ihn dabei ansah, dauerte er aus, obgleich die Kälte, die von ihr ausging, mit immer tiefer dringendem Schauer ihn erfaßte; als sie aber die Augen, die ihn gebannt hielten, in süßem Schmachten schloß, ließ er auch matt die Arme sinken und sprach leise:

„Ich sterbe!“

Kaum hatte er sich zurückgelehnt, um sich zu stützen, so vergingen ihm die Sinne.

Am andern Morgen erwachte er wiederum in seinem Bette, ohne zu wissen, wie er dahin gekommen. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel. Nie hatte er so lange geschlafen. Er, der bisher die Müdigkeit nur in Folge von anstrengenden Bergwanderungen gekannt hatte, fühlte eine seltsame Schwäche in allen Gliedern, und es fröstelte ihn fortwährend. Langsam stand er auf und langsam ging er hinaus, sich in den wärmsten Sonnenschein zu setzen. So saß er lange, sich über sich selbst verwundernd, aber ohne sich zu beklagen, denn er zweifelte keinen Augenblick, daß die sonstige Kraft und Wärme bald zurückkehren würde. Während er sich noch so sonnte, wie Einer, der von schwerer Krankheit erstanden ist, trat sein alter Vetter vor ihn hin, der gekommen war, mit ihm zu reden, und nun kopfschüttelnd vor ihm stehen blieb.

„Was ist Dir?“ fragte er. „Hast Du das Fieber?“

„Nein, Vetter, das Fieber ist es nicht.“

„Was ist’s sonst? Du siehst ganz verändert aus, bleich und matt und sitzest hier in der Sonne?“

„Ich bin spät in der Nacht, oder vielmehr früh am Morgen über die Gletscher gekommen, und die kalte Luft ...“

„O, ich habe Dich wohl beobachtet. Was treibst Du? Schon mehrere Tage bist Du nicht wie gewöhnlich zur Jagd ausgegangen. Du schleichst umher wie ein Träumender und wanderst in den Nächten draußen wie ein irrer Geist, der keine Ruhe finden kann. Drückt etwas Dein Gewissen? So gehe in den Beichtstuhl, erleichtere Dein Herz durch ein offenes Geständniß und thue Buße.“

„Vetter, ich habe ein Märchen gesehen....“

„Also verliebt bist Du? Nun, solches Leiden vergehet meist gar bald. Aber Verliebten ist es sonst immer zu heiß, und Dich fröstelt es?“

„Es ist kein gewöhnliches Mädchen ... Oben auf dem Gletscher sah ich sie. Sie ist schön wie keine Andere, reich und mächtig . .“

„Auf dem Gletscher? Wie kam sie dorthin und wer ist sie?“

„Ihren Namen kenne ich nicht, ich weiß nur, daß sie mich liebt. Eine hohe stolze Gestalt in weißem Gewände erschien sie mir ..“

„Unglücklicher! Die Eisjungfrau? Hat sie Dich verlockt? Dann wehe Dir und uns Allen!“

„Die Eisjungfrau? Ja, die Beherrscherin der Berge, so nennt sie sich. Habt Ihr von ihr schon gehört? Ihre Macht ist groß und die Zahl ihrer Diener unberechenbar. Sie will mich erhöhen über Alle und glücklicher machen, als alle Sterblichen.“

„Verloren, zeitlich und ewiglich verloren sind Alle, die in die Gewalt der bösen Geister fallen.“

„Sie ist kein böser Geist. Wer ihr nur einmal in die Augen gesehen hat, kann es nicht glauben. Sie will und wird in meinen Armen erwarmen und dann mit mir glücklich sein.“

„Tödten wird sie Dich! Kehre um von dem Pfade des Bösen, auf den Du Dich verirrt hast, so lange es noch Zeit ist. Vertraue Dich unserm frommen Priester an, daß er Dir beistehe mit der Kraft der heiligen Kirche.“

„Ich glaube ihr, die mich liebt, mehr als allen Priestern und hoffe, daß meine Kräfte ausreichen werden, um auszuführen, was sie wünscht und was ich begonnen habe.“

Er erzählte dann, was er bisher gesehen und gethan; wie aber auch der alte Vetter ihn beschwor, abzulassen, er betheuerte wiederholt, treu den Schwur zu halten, den er der Geliebten gethan.

Er setzte in der That seine nächtlichen Besuche fort, so oft das Glühen der Alpen ihn berief, bisweilen mehrere Nächte hinter einander, bisweilen nach kürzern oder längern Zwischenräumen.

Der Frühling verging und es war hoher Sommer geworden. In dieser ganzen langen Zeit hatte der Adler-Fritz nicht einmal seine gewohnte Bergwanderung unternommen, denn alle seine Lust und Freude daran war dahin, wie die Kraft dazu geschwunden. Selbst der nicht eben sehr ermüdende Gang hinauf zu dem Gletscher fiel ihm bei jeder Wiederholung beschwerlicher. Er verfiel von Tage zu Tage mehr, und die Leute im Orte betrachteten ihn mit furchtsamer Scheu, wenn auch nicht ohne theilnehmendes Mitleid, denn Alle hatten vernommen, daß er mit der gefürchteten Eisjungfrau verkehre, und Alle erwarteten, daß sie selbstsüchtig ihm die Wärme seines Leibes und damit das Leben entziehen werde. Er selbst mußte sich sagen, daß er kaum noch ein Schatten von dem sei, was er gewesen, aber er erzählte immer und immer hoffnungsvoll dem alten Vetter, der ihn fast täglich besuchte und mit herzlichem Zuspruch ihn ermahnte, doch von dem bösen Geiste zu lassen, der [304] ihn um sein Lebensglück und sein ewiges Seelenheil bringen werde, daß die Geliebte bei jedem Besuche, den er ihr gemacht, schöner erblüht, heiterer und des Glückes sicherer sei, daß ihre Liebkosungen ihn entzückten und daß er lieber sterben als sie entbehren wolle. Aber er werde nicht sterben, denn es gelte nur noch eine kurze Zeit auszudauern, dann sei die Erlösung vollbracht und damit sein und der Jungfrau Glück festbegründet.

In der ganzen Gegend umher schien eine Veränderung vorzugehen. Noch nie war der Schnee auf den Bergen so schnell und so reichlich geschmolzen. Er schwand sogar an Stellen, welche selbst die ältesten Leute nie schneelos gesehen hatten. Von den Gletschern rann das Wasser, wie von beschneiten Dächern im warmen Sonnenschein. Die Wasserfalle waren so zahlreich und so voll wie nie. An Tausenden von Punkten perlten und sprudelten neue Quellen und Quellchen hervor, die ihr Gewässer in kleine Bäche sammelten, welche sodann in munterm Tanz und unter lustigem Geplätscher hinunter in das Thal hüpften. Auf den Malten wuchs das Gras in nie gesehener Ueppigkeit die Kräuter und Blumen dufteten stärker als je, und selbst an Stellen, die sonst nur Eis bedeckt hatte, keimten und sproßten junge Gräser hervor. Die Geisbuben und die Wildheuer jubelten, denn während die Erstern ihre kletterlustigen Thiere zu lockendem Grün auf Höhen führen konnten, die sonst, von Eis verhüllt, kaum eine Gemse zu betreten wagte, fanden die Letzteren das duftigste Gras in Fülle auf zahlreichen kleinen neuentstandenen Matten, die kein Grundbesitzer sich noch angeeignet hatte.

Bäteli allein achtete nicht auf die ungewöhnliche Fruchtbarkeit der Matten, nicht auf das Gedeihen ihrer Kühe und nicht auf den reichlichen Milchertrag, den sie gaben. Still und schweigsam verrichtete sie ihre Arbeiten, während sie sonst sorglos und heiter in den Himmel hinein gejodelt und mit der Lerche um die Wette gesungen hatte. Sie betete täglich mehrmals für den Adler-Fritz, wie sie ihm versprochen hatte, noch häufiger, ja den ganzen Tag hindurch, dachte sie an ihn und jeden Tag schaute sie sehnsuchtsvoller nach ihm aus, denn Wochen, Monate sogar waren vergangen, ohne daß ihre Augen ihn erblickten. Hatte sie sich getäuscht, als sie sich eingeredet, er habe sie gern und werde sie lieben, wie sie – kaum wagte sie es sich selbst zu gestehen – ihn schon liebte? Warum kam er nicht wenigstens einmal in ihre Nähe, wie sonst so oft? Sie wäre ja zufrieden gewesen, sie würde sich sogar glücklich gepriesen haben, wenn sie ihn nur einmal gesehen. Sollte er sein Herz einer Andern zugewendet haben, oder ... ?

Sie konnte diesen Gedanken nicht ausdeuten. Warum hatte er sie ersucht zu beten, daß Gott ihm gnädig sein möge? Warum nicht, daß er ihn behüten und bewahren wolle auf seinen gefährlichen Wanderungen? Sollte er etwas begangen haben oder begehen wollen, das ihm Gottes Gnade und Barmherzigkeit nöthig machte?“ [318] „In solch schmerzlich unruhig bewegter Stimmung traf sie eines Tages der Sohn ihres Herrn, dessen Eigenthum die schmucken Kühe waren, deren Pflege man ihr anvertraut auf der Alp. Er kam, um nach dem Vieh zu sehen, sagte er, aber ihn reizte das liebliche Mädchen, die einsam in dieser Höhe wohnte. Schon mehrmals hatte er sich ihr anders genähert, als es ihr, der Magd, nach ihrer Meinung zukam. Er hatte selbst von Liebe zu ihr gesprochen, sie ihn aber stets, wenn auch mit sanft bescheidenen Worten, zurückgewiesen, denn ihr mißfiel der begehrlich lüsterne Blick seiner Augen, und sie wußte gar wohl, daß der stolze Sohn des reichen Bauers die arme Magd nicht als Hausfrau in seinen Hof einführe. Als er auch diesmal von dem Mädchen, und zwar spröder und ernster als sonst, abgewiesen wurde, sagte er endlich mit höhnendem Spotte:

„Du hast wohl gar Einen der Schräteli, der grauen Bergmännchen, zum Schatz, die überall um die Sennerinnen herumschleichen, ihnen bei der Arbeit helfen und sie zuletzt verführen?“

„Gott verzeih’ Dir Deine sündhaften Reden!“ entgegnete Bäteli, indem sie sich bekreuzigte.

„Nun, Jemand muß Dir helfen, denn immer, wenn ich komme, ist alle Arbeit gethan. Das geht nicht mit rechten Dingen zu, wenn Du auch fleißig bist, wie ich weiß. Und daß Du Keinen liebtest, wie Du sagst, glaube ich Dir nicht.“

Bäteli erröthete, schlug die Augen nieder und antwortete nicht.

„Sieh Dich vor, daß es Dir nicht ergeht, wie dem Adler-Fritz unten,“ fuhr der Bursche fort.

„Dem Adler-Fritz?“ fragte das Mädchen verwundert und erschreckt, und sie blickte rasch auf, so daß der junge Bauer wohl hätte errathen können, wem ihr Herz zugewandt, aber er schrieb ihre hastige Frage einer gewöhnlichen Neugierde zu.

„Er soll der Geliebte der schrecklichen Eisjungfrau sein,“ erzählte er ihr, als sie ihn in banger Angst fragend ansah. „Gewiß ist, daß er fast jede Nacht auf den Gletscher geht, zu ihr in das Eisschloß hinein, wie es heißt, und kaum erkennt man ihn wieder, so schwach und matt ist er geworden. Sie saugt ihm das Leben aus, sagen die Leute, und er muß bald sterben.“

Bäteli faltete die Hände und betete laut und inbrünstig, indem sie die sanften Augen zum Himmel aufschlug: „Gott sei ihm gnädig!“

Ihr Herz empfand jetzt nicht die mindeste Eifersucht, nur das innigste Mitleiden mit dem Unglücklichen, der sein junges Leben in solcher Weise verlieren sollte und seine unsterbliche Seele in Gefahr gebracht, denn sie glaubte so fest, wie an ihren Gott, daß der Mensch nimmer selig werden könne, der schon hier mit Geistern, mit bösen Geistern, verkehre.

„Bäteli,“ fuhr der junge Bauer fort, „ich fürchte mich auch immer vor den Bergmädchen, die zwar gar verlockend aussehen, aber Geisfüßchen haben, und nur um vor ihnen sicher zu sein, bitte ich Dich heute, wie schon oftmals, um einen Kuß von Dir. Ein solcher ist ja das beste Schutzmittel gegen alle solche verführerischen Geister, wie der Spruch sagt, den Du gewiß kennst:

Wen einer Jungfrau reiner Kuß geweiht,
Der ist vor aller Geister Macht gefeit.“

Dabei versuchte er den Arm um den schlanken Leib des Mädchens zu legen und sie zu küssen, aber mit unerwarteter Kraft machte sie sich von ihm los und stieß ihn von sich.

„Nicht einmal Dich küssen lassen willst Du?“ sagte er im beleidigten Herrenstolze. „So gehe hinunter und rette durch Deinen „reinen“ Kuß den Adler-Fritz, der Dir vielleicht besser gefällt, weil er nichts hat, wie Du,“ setzte er in bitterem Hohne hinzu.

Darauf ging er mit großen Schritten hinweg, ohne dem umher weidenden Viehe nur einen Blick zuzuwenden und ohne zu ahnen, in welcher Seelenpein er das Mädchen zurückließ. Ihr war, als müsse ihr das Herz stillstehen in der Brust, oder als läge eine Last auf ihr, die ihr den Athem benehme. Sie wollte fort, aber die Glieder waren ihr wie erstarrt, so daß sie dieselben kaum zu regen vermochte. Im Kopfe war es ihr so wirr, daß sie keinen Gedanken festhalten konnte, wie viele und wie verschiedene sich auch darin drängten. Sie setzte sich auf einen Stein, und erst als die gewaltige Spannung in ihr sich durch Thränen in etwas gelöset hatte, fühlte sie sich ein wenig erleichtert. Nicht daß der Adler-Fritz nun für sie verloren war, denn sie hatte ja nur eine leise Hoffnung gehegt, daß sie ihn vielleicht einmal den Ihrigen nennen dürfe – sondern daß sein Seelenheil verloren sein müßte, bekümmerte sie so sehr. Dann fragte sie sich, ob auch Alles, was sie vernommen, wahr sei. Das zu ermitteln, galt ihr als nächste Aufgabe, wie als die höchste, ihn zu retten. Darum nahm sie sich fest vor, nach Grindelwald hinunter zu gehen, sobald es ihr gelungen, eine Bekannte zu vermögen, einen Tag lang ihre Arbeit oben auf der Alp zu übernehmen. Viel aber machte ihrem Mädchenherzen auch der Spruch zu schaffen, welchen ihr junger Herr erwähnt hatte und nach dem der Kuß einer Jungfrau den Zauber der bösen Geister brechen sollte. Sie war allerdings abergläubig genug, eine solche Kraft des Kusses für möglich zu halten, gern aber hätte sie die Hälfte ihres Sennerlohnes darum gegeben, wenn ihr Jemand dafür gebürgt, daß ein Kuß, und zwar gerade in dem vorliegenden Falle, in der That die bezeichnete Wirkung habe und daß man Beispiele kenne, in denen dieses Mittel Schutz unk Hülfe gewährt. Aber wenn dies auch der Fall war, durfte und konnte sie, eine züchtige Jungfrau[WS 1], einem Manne mit einem Kusse entgegen kommen?

Lange kämpfte in ihr die jungfräuliche Scham und der jungfräuliche Stolz mit der Menschen- und Christenpflicht, denn für eine solche hielt sie es, zu der Rettung eines Unglücklichen aus der Macht eines bösen Feindes nach Kräften beizutragen, also auch, in solch äußerstem Nothfalle, einem jungen Manne freiwillig einen Kuß entgegen zu bringen. Endlich wurde sie aber doch mit sich einig, dies Rettungsmittel an dem Adler-Fritz zu versuchen, wenn erfahrene Leute in Grindelwald die sichere Wirksamkeit desselben ihr bestätigt haben würden.

Indeß setzte der, um dessen willen sie alles dies litt, seine Besuche in dem Eispalaste immer freudiger fort, denn seine Kräfte nahmen nicht mehr in dem Verhältnisse ab, wie im Anfange, weil nicht mehr so eisige Kälte von der geheimnißvollen Braut in ihn überging, im Gegentheil ihr Athem ihn bereits lau anwehte, in ihren Gliedern Wärme sich zu entwickeln und selbst ihr sonst so starrer Busen sich leicht zu heben und zu senken begann. Je ähnlicher sie einem sterblichen Mädchen wurde, um so leidenschaftlicher zeigte er sich in seinen Liebkosungen, die sie nicht nur entzückt hinnahm, sondern auch nicht minder stürmisch erwiderte. Wenn er sich sonst bald erkältet gefühlt und sich von ihr hinweggesehnt hatte, wäre er jetzt gern immer bei ihr geblieben, so daß nun sie ihn drängen mußte, sie zu verlassen, wenn der Morgen nicht mehr fern war.

Außer dem Liebesglücke, das sie in reichem Maße genossen, beschäftigte sie vorzugsweise die Zukunft, von der sie sich noch weit mehr versprachen und welche die Jungfrau in reizenden Farben schilderte.

„Gewiß hast Du darauf geachtet,“ sagte sie, „daß in dem Maße, wie ich selbst wärmer werde, auf den Bergen, deren Herrin und Vertreterin ich bin, das Eis und der Schnee schmelzen und das Land mit neuem Grün sich zu bekleiden beginnt. Nur eine kurze Zeit noch, und das Ziel ist erreicht, mein sehnlichster Wunsch erfüllt. Dann werden alle Schneefelder und Gletscher für immerdar verschwinden, die starren kahlen Höhen einsinken, die tiefen Abgründe ausfüllen und sich mit fruchtbarer Erde bedecken. Grüne Matten, saftige Wiesen und schattige Wälder werden sich erstrecken weit und breit, fleißige Menschen sich ansiedeln und den jungfräulichen Boden bebauen, neue Dörfer, umgeben von einem Kranz von Gärten, entstehen und Kinder da spielen, wo jetzt nur scheue Gemsen weiden. Statt des Lawinendonners wird Glockenklang von neuen Kirchen ertönen und unter zufriedenen glücklichen Bewohnern werden wir, denen man alles das verdankt, die glücklichsten sein. Zwar werde ich dann sterblich werden, wie Du, aber ich werde es mit Freuden, denn nur die Sterblichen kennen das „Glück“, weil sie dem Wechsel unterworfen sind und statt des Wissens ihnen die Hoffnung gegeben ist. Was in ewiger Gleichmäßigkeit währt, kann kein Glück genannt werden. Und“ – dabei [319] sah sie den Geliebten mit den zärtlichsten Blicken an – „bin ich erst Dein Weib, Dein sterbliches Weib, dann werde ich auch Mutter werden und in Kindern und Kindeskindern fortleben. Solches Glück wiegt tausendfach alle Macht auf, die ich dafür hingebe, und Dir werde ich es zu danken haben, wenn Du treu noch ausharrst bis an’s Ende.“

Für den nächsten Tag hatte endlich Bäteli sich frei zu machen gewußt von ihren Pflichten, und sie erschien in Grindelwald, um auszuführen, was sie sich vorgenommen hatte. Von Allen, die sie befragte, selbst von dem alten Vetter, erhielt sie die Bestätigung, daß der Adler-Fritz wirklich Verkehr mit der Eisjungfrau in dem Gletscher habe, und je tiefern Schmerz ihr dies bereitete, um so fester wurde ihr Entschluß, Alles aufzubieten, um ihn, wenn es noch möglich sei, aus solcher verderblicher Zaubergewalt zu retten. Manche alte Frau und manchen alten Mann fragte sie im Vertrauen – ohne zu verrathen, warum sie es zu wissen wünsche – ob sie jemals gehört hätten, daß der freiwillig gegebene Kuß einer Jungfrau einen Mann vor der Macht und dem Treiben der bösen Geister schütze, die ihn in Versuchung führten, oder ob sie gar wüßten, daß dieses Mittel einmal sich in der That wirksam erwiesen hätte. Einige wußten gar nichts von der Sache, Andere hatten wohl gelegentlich einmal einen darauf bezüglichen Spruch gehört, konnten aber sonst keine Auskunft geben. Nur eine sehr alte Frau betheuerte, die Sache sei richtig, denn als sie noch jung und – wie sie wohlbedächtig hinzusetzte – hübsch gewesen, habe ein junger Bursch, dem die schlimmen Bergmädchen auf allen Wegen und Stegen verführerisch nachgestellt, sie selbst um einen Kuß gebeten, um endlich vor solchen Versuchungen gesichert zu sein. Sie habe ihm nach langem Sträuben endlich den Kuß auch gegeben und der Bursch ihr später oft gesagt, daß ihm seitdem nie wieder ein gespenstisches Bergmädchen erschienen sei.

So konnte denn Bäteli nicht mehr zweifeln und sie bereitete sich vor, ihrer Christenpflicht gegen Adler-Fritz nachzukommen.

Bevor sie jedoch diesen entscheidenden Schritt that, begab sie sich in die Kirche, trug ihr Vorhaben dem Geistlichen vor, fragte ihn, ob sie wohl und recht daran thue, und erbat sich seinen Segen. Der alte fromme Priester rieth ihr nicht davon ab. Er war klug und kannte die Menschen, namentlich die Jugend. Vielleicht, mochte er denken, erweckt dieser Schritt des schönen Mädchens in dem Herzen des Jägers eine Neigung zu ihr, und diese lenkt ihn dann von anderen, von sündigen Gedanken ab, was allerdings die beste und sicherste Heilung sein mußte.

Der Geistliche unternahm angeblich nur einen Spaziergang, aber er richtete seine Schritte nach dem Häuschen des Jägers hin. Dieser saß, da die Sonne sich bereits anschickte, zu Rüste zu gehen, auf der Bank vor der Thür, in der Hoffnung, daß die Alpen auch heute glühen und ihn so zu der Geliebten bescheiden würden.

Der alte Mann, den der Gang in der That ermüdet hatte, bat, ihn auf der Bank eine kurze Zeit ausruhen zu lassen, und begann ein gleichgültiges Gespräch mit dem Jäger, dem der Besuch sichtlich lästig und sehr ungelegen war. Bald indeß kam er auf das Gerücht, daß der Adler-Fritz sündhafter Zwecke wegen häufig, und zwar in der Nacht, den Gletscher oben besuche. Er wolle, sagte er, nicht glauben, was man erzähle, aber leider habe er ihn allerdings ungebührlich lange nicht in dem Beichtstuhle gesehen.

Der Adler-Fritz schwieg trotzig still, der Geistliche aber fuhr fort, wenn seine väterlichen Ermahnungrn auf Widerspenstigkeit träfen, werde er sich genöthigt sehen, der Pflicht, die ihm die Kirche als ihrem Diener auferlegt, nachzukommen, und ihn mit schwerer Strafe belegen müssen. Die heilige Kirche sei eine nachsichtige und langmüthige Mutter, die lange zögere, ehe sie zu strengen Mitteln greife, verstockte Sünder aber wisse sie gar empfindlich zu züchtigen, ihnen selbst zum Heil und Andern zu warnendem Beispiel.

Adler-Fritz stand auf, unbewegt durch die Ermahnung, ungeschreckt durch die Drohungen. Er schaute erwartungsvoll nach dem Gipfel des Wetterhorns hinauf, ob sich ein Anfang des Glühens zeige, denn die Sonne war untergegangen. Als sich in der That ein leichter goldiger Schein zu zeigen begann, der stärker und stärker wurde, wuchs in gleicher Weise in seiner Seele die Zuversicht, und er antwortete:

„Ich werde mir die Braut vom Gletscher holen, und kein Priester soll mich daran hindern.“

„Bei dem Gekreuzigten,“ entgegnete der Priester, indem er das kleine Crucifix an seinem Rosenkranze gegen den Jäger erhob, „beschwöre ich Dich, gedenke Deines Heils und fürchte den Zorn der Kirche, der das Schrecklichste auf Erden ist und fortwirkt durch alle Ewigkeit!“

„Mich schützt die Herrin der Berge, und zu ihr reicht selbst der Zorn und der Fluch der Kirche nicht,“ sagte Adler-Fritz im festen Vertrauen auf die Liebe derjenigen, welche er seine Braut nannte. Er stieß die Hand des alten Geistlichen barsch zurück, die ihn fassen und zurückhalten wollte, und ging mit schnellen Schritten dem nahen Eismeere zu.

Er hatte soeben den Fuß auf den Gletscher selbst gesetzt, als Bäteli fast athemlos ihm nachstürzte und ihm zurief: „Adler-Fritz, Gott sei Dir gnädig! So hast Du mir geheißen für Dich zu beten, und so that ich seitdem jeden Abend und jeden Morgen. Gott wird Dir gnädig sein, wenn Du nicht mehr sündigst.“

Der Jäger blieb stehen, ungewiß, was er thun sollte, denn das Erscheinen und die Worte des Mädchens ergriffen ihn mächtig.

„Ich weiß, daß Du zu der Eisjungfrau gehst,“ fuhr Bäteli fort, „ich weiß, daß Du sie liebst und von ihr geliebt zu werden glaubst. Aber sie ist ein böser Geist, und nie kann sie Dein Weib werden. Sie lockt Dich jetzt durch Lügen, und wenn sie ihren Zweck erreicht hat, bist Du Dein Leben lang elend und in aller Ewigkeit verdammt. Der Priester sagt es, und alle Leute sagen es. Liebtest Du ein anderes Mädchen, ich wollte mich Deines Glückes freuen, bräche mir auch das eigene Herz dabei. Es ist schwer, von seiner Liebe zu lassen, ach, sehr schwer, aber, Adler-Fritz, geh nicht mehr zu der Eisjungfrau!“ bat sie mit emporgehobenen gefalteten Händen, indem sie sich abwehrend dicht vor ihn stellte.

Der Jäger zögerte, obgleich die Gipfel der Berge im feurigsten Glanze glühten. Endlich sagte er entschuldigend: „ich muß, Bäteli,“ und er wollte weiter, an ihr vorüber, gehen.

„So muß auch ich!“ rief das Mädchen. „Gott verzeihe mir, wenn es eine Sünde ist!“

Während sie in eiliger Hast so sprach, schlang sie kräftig die Arme um den Bestürzten und drückte ihm die Lippen auf den Mund.

Adler-Fritz wußte nicht, wie ihm geschah, und er ließ sich halten, ohne sich zu sträuben.

„Den Kuß gebe ich Dir nur, weil ich weiß, daß er Dich schützt vor dem bösen Zauber, der Dich erfaßt hat,“ setzte das Mädchen hinzu und ließ verschämt die Arme sinken.

„Bäteli,“ begann Adler-Fritz, „Bäteli, liebst Du mich? Wenn Du mich liebtest …“

Er konnte nicht weiter sprechen, denn mit betäubendem Krachen riß ein weitklaffender Spalt durch das Eis des Gletschers, gerade da, wo sie standen, und Beide sanken in die schauerliche kalte Tiefe hinab. Von allen Seiten fielen dumpfdröhnend Lawinen nieder. Das ganze „Eismeer“ kam in Bewegung. Die sonst ebene Fläche hob sich und senkte sich wie in Wellen, und mit schauerlichem Knirschen und Donnern schob sich einer der neu sich bildenden Eisberge über den anderen näher und näher der Stelle, an welcher die Matte begann, auf der das Häuschen des Adler-Fritz nebst einigen wenigen andern stand. Langsam zwar, aber mit unwiderstehlicher Gewalt, eine furchtbare Eislava, bewegte sich die Masse vor- und abwärts und drohte die Matte sammt den Häusern zu begraben. Die Bewohner gewahrten mit Grausen das Entsetzliche und flohen, um nur das nackte Leben zu retten, denn immer näher, immer schneller, immer gewaltiger, je mehr der Boden sich senkte, wälzte sich der Gletscher hernieder. Bald waren die Häuser zerdrückt unter seiner Wucht und begraben unter thurmhohem Eise, das erst still zu stehen begann, als es die Thalsohle erreicht hatte.

Der alte Priester und die Fliehenden erreichten zitternd das Dorf, von Bäteli aber und vom Adler-Fritz sah man nie wieder eine Spur, und der Gletscher liegt heute noch dort, wo sonst die Matte grünte.

Die Eisjungfrau hat seitdem Niemand wieder in der Nähe gesehen, aber stets, wenn Zwei einander küssen in ihrem Bereiche, gedenkt sie des Adler-Fritz, der ihr durch den Kuß einer Jungfrau entrissen wurde, ihr Zorn erwacht dann von Neuem, und er trifft die Küssenden unfehlbar, wie er den Jäger und die fromme Bäteli getroffen hat.“



 

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Jnngfrau