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Textdaten
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Autor: Dr. Franz Weber.
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Titel: Ein deutsches Bau-Denkmal
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 276-278
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Ein deutsches Bau-Denkmal.

Das nächste Ziel meiner Reise war Halberstadt, die ehrwürdige Residenz von neunundvierzig Bischöfen, vielgenannt in der Geschichte jener Tage, wo noch die Kaiserkrone über der versprengten Welt von tausend kleinen Herren prangte, die sich in den Besitz des Vaterlandes getheilt hatten. Sie ist immer noch dieselbe alte Stadt, wie ich sie vor langen Jahren zum ersten Male betrat; die Etablissements der modernen Zeit, der Bahnhof, die zahlreichen Fabriken, die neuen geselligen Locale liegen außerhalb der Ringmauer und umschließen den uralten Kern wie ein frischer Frühlingskranz. Wandelst Du aber durch die engen Straßen, namentlich die der Unterstadt, so solltest Du meinen, es müßte aus diesen verwitterten Gebäuden die züchtige altdeutsche Hausfrau, der wilde Landsknecht, der fromme Mönch heraustreten und eine längst entschwundene Welt hervorzaubern. In diesem wüsten Gebäude, dem Rathhause, muß der Usurpator, der lange Matthias, mit seiner Empörerrotte gehaust haben; hier verwahrte Tetzel seinen Ablaßkasten, daneben zechte Wallenstein mit seinen Kriegsgesellen – es kann gar nicht anders sein. Als ich mit einem Nürnberger Freund einstmals den malerischen Fischmarkt beim Mondschein betrat, blieb dieser betroffen stehen und wähnte sich nach seiner Vaterstadt zurückversetzt. Die mächtigen Gebäude mit ihren überhängenden Stockwerken und reich verzierten Balkenköpfen, die zitternden Schatten, welche diese über die halberhellten Massen warfen, die unzähligen Inschriften und Holzbilder, welche die leeren Flächen bekleiden, und darüberhin die alten Thürme von St. Martin und St. Stephan erschienen uns als ein in die Neuzeit herübergerettetes, volles Stück Mittelalter, wie es in dieser Ausdehnung wohl wenige Städte Norddeutschlands aufzuweisen haben.

Ich langte diesmal spät Abends an und stieg im vielberühmten Gasthof zum Prinz Eugen ab. Wohl perlte der edle Rheinwein im grünen Römer, den liebe Freunde kredenzten, aber es zog mich zumeist zu meinem lieben, alten Bekannten, wenn dieser vertrauliche Name dem Mächtigen gegenüber erlaubt ist, zum Dom, dem wichtigsten architektonischen Monumente, das die Stadt aufzuweisen hat. Es handelte sich heute nicht um einen ästhetischen Genuß; denn noch verhüllte die Bauhütte das interessante Portal, um die Nordseite des Schiffes wob ein starkes Gerüst sein langweiliges, hölzernes Netz, und die Südseite mit dem Kreuzgange verdeckten immer noch alte, später angebaute Häuser, die hoffentlich mit der vollendeten Restauration rasirt sein werden. Ich wollte mich nur wieder einmal in jene kaleidoskopische Welt des Mittelalters hineinträumen, wo der Geist der Völker, noch umhüllt von den Nebeln des germanischen Heidenthums, ahnend und sehnend an den Blumen der gothischen Wunderbauten in ein Jenseit hinaufstrebte, in dem er seine Heimath suchte, wo im gewaltigen Kampfe der Hierarchie und der weltlichen Macht die zweite große Tragödie der Menschheit aufgeführt wurde, wo noch „ein Kaiser auf Erden“ herrschte, und die Sage vom Kyffhäuser noch nicht ihre tiefere Bedeutung gewonnen hatte, sondern der innern Resonanz entbehrte, die ihr jetzt das deutsche Herz unterlegt. Und wo konnte ich das besser, als an dieser classischen Stätte, in die ein Jahrtausend seine ehernen Spuren eingrub, als hier an diesen gewaltigen Bauwerken, die dreiunddreißig Menschengeschlechter wie „verschwindende Schatten“ an sich vorüberschweben sahen, selbst aber noch dastehen wie „ein ehrwürdig fest begründetes“, hier und da zerbröckelt und durchlöchert, aber noch ungebrochen, eine würdige Mahnung des Unwandelbaren.

Karl der Große, so erzählt die Geschichte, stiftete nach seinen ersten Siegen über die heidnischen Sachsen 780 ein Bisthum zu [277] Osterwieck, einem in mäßiger Entfernung nordwestlich von Halberstadt gelegenen Städtchen, dessen Sitz er aber 804 nach Halberstadt verlegte. Nachdem Ludwig der Fromme die Stiftung 814 bestätigt hatte, legte der erste Bischof Hildegrin den Grund zum Münster des heiligen Stephan, um den herum sich bald die Wohnungen der Geistlichen und Mönche erhoben, die von denen der andern Ansiedler durch burgähnliche Verschanzungen getrennt wurden. Unter den Wirren der nächsten Jahre gedieh das Werk nur langsam, sodaß die feierliche Einweihung erst am 9. November 859 von Statten ging. Doch der kaum vollendete Bau stürzte schon 965 zusammen. Bischof Hildeward legte den Grund zu einer neuen Domkirche, welche 991 in Gegenwart Kaisers Otto III., dieses unglücklichen Sachsensprößlings, eingeweiht wurde, der mit frevelnder Hand den Sarg des großen Karl öffnete und sein Leben so früh im fernen Süden beschloß. Aber auch dieser Bau sollte nicht lange dauern; in demselben Jahre 1060, in welchem Heinrich IV. mit seiner jugendlichen Gemahlin die ersten, vielleicht einzigen, glücklichen Tage seiner Ehe in Halberstadt verlebte, legte eine Feuersbrunst den größten Theil der aufblühenden Stadt und die Domkirche selbst in Asche. Der Bischof Burchardt II., Buko genannt, derselbe, den das uns aus früher Kindheit bekannte liebe Wiegenlied bittet: „Buköken von Halberstadt, bring doch unserm Kindchen wat,“ betrieb den Neubau des Münsters so eifrig, daß er schon 1071 in Gegenwart des Kaisers eingeweiht werden konnte.

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Der Dom zu Halberstadt in seiner Vollendung.

Ueber hundert Jahre hatte er gestanden, als Heinrich der Löwe, ergrimmt auf den kaiserfreundlichen Bischof Ulrich, 1179 die Stadt belagerte, eroberte und sammt dem Dome einäscherte. Die sinnige Sage erzählt, daß die düstern Rauchwolken sich von der heiligen Brandstätte dem übermüthigen Sieger nachwälzten, bis er, von Angst ermattet und in Furcht erschöpft, sich zu Boden warf und in herzzerreißendem Tone zu Gott aufrief: „Rock l’um“ (Rauch, kehr um). Da zogen die Wolken rückwärts, und der dankbare Herzog baute an derselben Stelle, wo noch jetzt das Dörfchen Rocklum steht, der heiligen Marie eine Capelle. Zum vierten Male erhob sich das Gotteshaus aus der Asche und wurde 1220 eingeweiht. Ganz zerstört wurde es seitdem wohl nicht wieder, obschon nothwendige Erweiterungen und theilweise Zerstörungen den ursprünglichen Plan vielfach veränderten; die letzte Hauptreparatur soll 1602 vorgenommen oder beendet worden sein. Inzwischen trugen die Wellen der Geschichte manche große und interessante Erscheinung herbei. Schon 1209 wurde Otto IV. von den versammelten deutschen Fürsten hier zum Kaiser erwählt; die folgenden Jahrhunderte waren reich an inneren und äußeren Kämpfen, in welchen die Macht der Bischöfe sich schwankend hob und senkte, und deren Brandungen bis an das Heiligthum des Gotteshauses schlugen. Nach langen religiösen Wirren ward der Dom 1591 auch den Protestanten geöffnet, und die Schüler des „bibelentfaltenden“ Luther predigten hier neben den Geistlichen der römischen Kirche. Im dreißigjährigen Kriege sah er, außer Gustav Adolph, in seinen Hallen fast alle Heldengestalten jener Zeit; von Tilly erzählt man, er sei in feierlicher Procession von der gegenüberliegenden Liebfrauenkirche nach dem Hochaltare des Domes gezogen, um noch einmal die Weihe des Himmels [278] zu empfangen, bevor er zu seinem Zerstörungswerk nach Magdeburg aufbrach. Banner starb hier am 8. Mai 1641. Der Friedensschluß brachte die Stadt und das Bisthum als weltliches Fürstenthum an Kurbrandenburg, und der große Kurfürst betrat bei der Huldigungsfeier den Dom im Jahre 1650; ebenso Friedrich III. 1692, Peter der Große 1717. Im siebenjährigen Kriege, namentlich unter dem Marschall Richelieu, sowie in den spätern Kriegen, in welchen Halberstadt dem Königreich Westphalen einverleibt wurde, litt der Dom bedeutend, bis endlich der geistreiche König Friedrich Wilhelm IV. beschloß, auch dieses Denkmal einer großen Zeit vor gänzlicher Zerstörung zu sichern.

Welch’ eine Fülle von welthistorischen Erinnerungen umschließen. diese dürftigen Zahlen! Ein ganzes Weltalter liegt in diesen Steinmassen versunken, von jenem letzten Helden aus Granit, der aus dem Chaos der Völkerwanderung hervorragend den Grund einer neuen Weltordnung legte, bis heute, wo die Menschheit vielleicht unter gleichen Stürmen einer neuen Wiedergeburt entgegengeht. Das ist, neben andern Momenten des Erhabenen im Wesen der Baukunst, sicherlich das erhabenste, daß ihre Werke für eine Ewigkeit gegründet zu sein scheinen und noch fernen Jahrhunderten als glänzende Zeugen verkündigen, was ihre Zeit „geahnt, gewollt, gekonnt“. Hierin allein liegt die Tiefe des romantischen Gefühls begründet, das uns an solchen Stätten ergreift, und von dem Heine so schön sagt, wie es auch über ihn gekommen, wenn er noch so zweifelnd ein ehrwürdiges Gotteshaus betreten, ein Gefühl, das in dem alle scharfen Umrisse sanft auflösenden Mondlichte und in der Stille der Nacht nur an Intensität gewinnt, wo „das dumpfe Geräusch der schwatzenden, schwülen Gewerbe“ ruht und wir mit den Schatten der Vorwelt und unserm eigenen Selbst allein sind.

Am folgenden Morgen führte mich der mit der Leitung des Neubaus betraute Baumeister Kilburger, dem Halberstadt um die Erhaltung seiner kostbaren Holzarchitektur viel zu verdanken haben soll, zu näherer Betrachtung selbst an den Dom. Unstreitig reiht sich dieser den ersten Werken gothischer Kunst ebenbürtig an. Obschon in seinen einzelnen Theilen aus verschiedenen Perioden desselben Styles stammend, herrscht doch in seinem Grundriß und den innern Verhältnissen jene versteinertn Harmonie, die dem aufmerksamern Auge auch aus dem Walde der Strebepfeiler, Strebebögen, Säulen, Pfeiler, Thürmchen, Rosetten und Blumen entgegenklingt.

Die ältesten Theile sind die Thüren und der Kreuzgang; der schüchtern gebrochene Bogen des Portals, die Gesimse an Thüren und der Rose, die Halbsäulengruppen an Portal und Nischen, sowie die von aller überwuchernden Ornamentik freigelassenen Wände bekunden jenen Uebergangsstyl, der sich aus dem byzantinischen in der Normandie, in Italien und Deutschland zum romanischen Style, dem Vorläufer der Gothik, entwickelte. Der Längenbau hingegen ist rein gothisch, läßt aber drei Entwicklungsstufen deutlich erkennen. Die drei Paare Strebepfeiler, den Thürmen zunächst, mit ihren gedrückten Baldachinen und je zwei dürftigen Fialen stammen aus dem 13. Jahrhundert und lassen die innige Verwandtschaft des gothischen mit dem romanischen Styl klar vor Augen treten.

Auf das 14. Säculum weist die einfache und strenge Gothik deö ganzen hohen Chors zurück, während die reiche Ornamentik der Querschiffgiebel und der sich ihnen anreihenden vier Paar Strebepfeiler nach den Thürmen hin mit je 5 Fialen dem folgenden Jahrhundert angehört, wo die Blüthe der christlich-germanischen Baukunst ihren höchsten, aber auch schnell verlöschenden Glanz errungen hatte. Erneuert sind im Außenbau bis jetzt die Thürme und das Langschiff der Kirche bis zu den Kreuzesarmen, und zwar in den alten Formen, wie sie bis zum letzten, 1578 begonnenen Umbau bestanden, mit Ausnahme der Thurmhauben, die, zierlich und schlank und in aller Proportion, weder romanisch noch gothisch sind. Man sagt, die Mauern der Thürme seien zu schwach, als daß sie steinerne Hauben tragen könnten.

Wir traten in das Innere. Das Langschiff, diese „geöffnete Bahn zum Tische des Herrn“, mit seinem imposanten Säulengange übte in seiner Totalität wieder den ganzen Zauber der Gothik, namentlich den rein erhabenen Eindruck auf mich aus, den die gewaltigen Dimensionen dieser Bauten (die Länge des Domes mit den Thürmen beträgt nach den neuesten Messungen 350 Fuß, die Höhe des Mittelschiffes 89 Fuß, die der Thürme bis zur Spitze 286 Fuß) auf das Gemüth auszuüben nie verfehlen. Dazu die 30 mächtigen Pfeiler, die, durch je 10 Halbsäulen reich modellirt, für Jahrtausende die kühn gebrochene Decke zu tragen bestimmt erscheinen, die Unsumme von Monumenten, die reiche, wenn auch weniger edle Ornamentik der Westseite des hohen Chors, die zahlreichen Altäre an den Wänden – wahrlich, Bischer hat Recht, wenn er sagt, daß die kolossale Größe das Innere zu einer Welt, einer geistigen Stadt macht, worin rührend jeder seine Seelenlabung allezeit haben kann. Aber nicht nur den Lebenden, auch den Todten ward hier heiliger Frieden geboten, und auf dem Fußboden reihet sich Inschrift an Inschrift, welche den nachwachsenden Geschlechtern die Namen der ewigen Schläfer da drunten, und mit diesen die Geschichte des Gotteshauses nennen. Zudem ist der Dom reich an archäologischen Schätzen, die zum berühmten „Domschatz“ zusammengestellt wurden und später vorn geschmackvoll renovirten Capitelsaal aufgenommen werden sollen – ein dankenswerthes Werk des königlichen Generalconservators von Quast.

Zahllose Kirchengewänder aus allen Jahrhunderten, kostbare Kirchengeräthe, viele Reliquien, Breviarien etc. wiederholen en miniature aber noch ausführlicher die Geschichte des Domes, deren Hauptzüge die gewaltigen Steinmassen draußen schon angedeutet, und mehrere bedeutende Maler, wie Lessing, haben für ihre Studien der Culturformen, mit denen sie die Gestalten ihrer großen historischen Gemälde umgaben, reiche Ausbeute hier gefunden.

Ich schritt allein durch die Thür der Südseite nach dem Kreuzgange und weiter auf den Friedhof; ich suchte nicht das Grab eines Kirchenfürsten, eines Edlen aus längstvergangener Zeit: ein einsames, unbekanntes, zerstörtes Dichtergrab zog mich hinaus, Deine verschüttete Gruft, armer Michaelis![1] Drüben hat man soeben Deinem Vater Gleim, der Dir für die letzten Tage Deines kurzen, schmerzenvollen Daseins Liebe und Trost gespendet, eine freundliche Stätte der Erinnerung eingeweiht, und in seinem Gärtchen prangt schon längst ein wohlverdientes, eisernes Monument; aber Du, der Du nichts gemein hattest mit diesen Dichtern der „Bagatelle“, Du, dem ein reicherer Dichterfrühling den Busen schwellte, der Du zuerst vor dem Gewaltigen, dem großen Briten, die Hände faltetest und die Bahnen ahnend voraussahst, die die deutsche Dichtkunst zu ihrer Vollendung wandeln mußte, Du lagst hier vergessen unter Graus und Steingeröll, bis man Deine Gebeine aufwühlte und auf den Schutthaufen warf, und noch Dein Grab ein Bild Deines Lebens ward, das von den Trümmern Deiner Hoffnungen erdrückt wurde! – – Dr. Franz Weber.

  1. Ein sehr talentvoller Dichter, dessen Lieder und Satiren in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts großes Aufsehen erregten. D. Red.